Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Er sieht gut aus, er ist perfekt in seinem Job. Er hat in Afghanistan gedient und sein Ziel nie verfehlt. Er hat gelernt, auf die entscheidende Sekunde zu warten und seine Aufträge zu erfüllen, ohne über ihren Sinn nachzudenken. Als ihm am Ende seiner Dienstzeit ein mysteriöser Job angeboten wird, sagt er nicht Nein. Doch der entscheidende Schuss geht daneben und die Hetzjagd auf ihn beginnt. Denn die Welt, in der er sein Geld verdient, verzeiht keine Fehler. Und ausgerechnet in diesem Fiasko verliebt er sich. Zum ersten Mal. Welchen Preis muss er für die Liebe und die Freiheit bezahlen? Autor Leif Tewes lässt den Leser in das Innenleben eines Auftragskillers schauen. Kommissar Berg bekommt es in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet mit Provinzpolitikern, Mafia-Clans und einem verliebten Killer zu tun. Der Krimi Noir geht der Frage nach, wie ein kleiner Zufall das ganze Leben verändern kann. Er zeigt die Macht der Gefühle, ohne die keine Menschlichkeit existieren würde.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Leif Tewes
Krimi Noir
Coverbild „Senckenberganlage“ von Niklas Fiedler.
Frankfurter Künstler aus Bockenheim.
Instagram: @fiedler.niklas
eISBN 978-3-911008-21-1
Copyright © 2025 mainbook Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Olaf Tischer
Bildrechte: © Niklas Fiedler
Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de
Der Autor
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
32.
33.
34.
35.
36.
37.
38.
39.
40.
41.
42.
43.
44.
45.
46.
47.
48.
49.
Leif Tewes, Jahrgang 1964, lebt und arbeitet in der Nähe von Frankfurt als Geschäftsführer eines IT-Unternehmens. Seine Leidenschaft für die Kunst lebt er als Musiker, DJ und Thriller-Autor aus, sein Interesse für spannende Persönlichkeiten und rasante Geschichten hat sich unter anderem auf zahlreichen Reisen und Offroad-Rallyes entwickelt (Afghanistan bis Namibia, USA bis Ecuador, Finnland bis Marokko). Dabei sammelte er vielfältige Lebenserfahrungen (Flugzeugabsturz, Erdbeben, Handshake mit Hamid Karzai und Monopoly-Spiel mit einer venezolanischen Schönheitskönigin), die in den Geschichten ihren Niederschlag finden.
Leif Tewes ist Mitglied bei der Krimi Autorenvereinigung „Das Syndikat e. V.“, mehr auf www.leif-tewes.de.
Veröffentlichungen:
- „Blutzucker“, Roman, Größenwahn-Verlag (2017)
- „Alternativen“, Roman, Größenwahn-Verlag (2017)
- Kurzgeschichte in „Banker, Bembel und Banditen“, Gmeiner-Verlag (2020, nominiert für den „Glauser-Kurzgeschichten-Preis“ 2021)
- Kurzgeschichte in „Frankfurter Einladung“, Größenwahn-Verlag, 2016, und in „Frankfurter Einladung II“ 2020.
Daneben. Nur eine Zehntelsekunde, ein Wimpernschlag, und sein weiteres Leben wäre anders verlaufen. Tom hatte einen winzigen Moment gezögert, zu spät auf etwas reagiert, von dem er nicht wusste, was es war. Vorsichtig blickte er über den Rand des Daches. Viele Häuser aus der Jahrhundertwende, die Kriegslücken mit hässlichen Appartementhochhäusern zugestopft, Frankfurt eben. Eine vierspurige Straße, der morgendliche Verkehrslärm unter ihm verdichtete sich zu einem durchgängigen Brummen, ein hochgezüchtetes Motorrad durchbrach das Rauschen.
Ihre Augen konnten es nicht sein. Er hatte oft in solche Augen gesehen. Leicht verzerrt, wenn sie, wie der Zufall es wollte, direkt in seine Richtung schauten, ohne ihn zu sehen. Die zweibeinige Stütze des Gewehrs saß fest auf der stumpfen Aluminiumverkleidung der Dachkante. Die ideale Schussposition. Mit freiem Blick auf die Küche im dritten Stock. Keine hundert Meter. Er hatte schon in deutlich schlechteren Situationen perfekte Arbeit geleistet. Was war hier anders? Ein alter Gasboiler über der Spüle, Geschirr darin, und ein Tisch mit einem Stuhl. Von der restlichen Wohnung konnte er nichts sehen. Wo steckte sie? Zum Nachladen war es zu spät.
Er kroch zurück, sammelte die Patronenhülse ein und warf sie in den dafür vorgesehenen Beutel. Im Liegen zerlegte er das Steyr SSG Präzisionsgewehr, das Schmidt & Bender Visier, Magazin, Fortmeier-Zweibein entfernte er mit geübten Handgriffen und verstaute es in der Sporttasche. Er rollte die Decke ein, legte sie obenauf und zog den Verschluss der Tasche zu. Es konnte nicht lange dauern, bis die Polizei kam. Der Straßenlärm rauschte, eine Straßenbahn bremste, musste Linie 14 sein.
Die Platte lief wieder, aber es war der falsche Song.
Die beiden alten Damen saßen in der hintersten Ecke des Bistros, das früher mal das ›Café Wagner‹ war. Die Gehstöcke an die Wand mit der altmodischen Streifentapete gelehnt, die Lesebrillen an goldenen Ketten über der Brust baumelnd, besprachen sie die Ergebnisse ihrer letzten Arztbesuche. Eine junge Mutter schob einen Kinderwagen durch die Eingangstür. Tom rückte den Stuhl an seinem Tisch zur Seite, sie nickte dankbar und stellte den Kinderwagen zwischen ihren Tischen ab. Die Bedienung näherte sich langsam, nahm gelangweilt ihre Bestellung auf und schlurfte über den zerschrammten Fußboden zurück zu Theke. Er hörte, wie sie aus der wohl seit Stunden dahindampfenden Kaffeekanne eine Tasse eingoss und zählte genau dieselbe Anzahl Schritte wie Minuten zuvor, als sie ihm den Kaffee brachte.
Er blätterte in der Speisekarte, zählte die Rechtschreibfehler und rechnete die Getränkepreise auf einen Liter hoch, so wie er morgens die Staukilometer aus dem Radio addierte. Es funktionierte, bis er den Streifenwagen hörte. Der blaugraue Opel hielt mit verstummendem Blaulicht in Sichtweite. Drei uniformierte Beamte sprangen heraus und verschwanden aus seinem Blickfeld. Er wusste, wie lange sie bis hoch in den dritten Stock brauchten. Ein dunkler BMW mit aufgesetztem Blaulicht tauchte auf und hielt hinter dem Streifenwagen. Ein Mann mit zerknittertem Mantel und eine jüngere Frau in Jeans und heller Bluse stiegen aus. Auch sie betraten das Nachbarhaus.
Das hätte länger dauern müssen.
Einer der uniformierten Polizisten erschien im Bistro. Das lebhafte Gespräch der Damen am Nachbartisch brach ab. Der Beamte trat an ihren Tisch und fragte sie, seit wann sie hier säßen und ob ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen wäre.
Vielleicht ein Mann, der aus einem der Häuser gekommen sei.
»Jede Kleinigkeit ist wichtig.«
Frauen töten Männer, um sich trennen zu können. Männer töten Frauen, wenn sie verlassen wurden. Vergewaltiger töten ihr Opfer, um unerkannt zu bleiben. Bankräuber Kassierer, wenn sie im Wege stehen, und Selbstmörder sich selbst, wenn sie den Sinn des Lebens nicht finden. Aber als Scharfschütze gibt es nur einen Grund zu töten: der Auftrag.
Es war während der Grundausbildung. Sie saßen zu dritt in der Offizierskantine, dieselben Tische wie in der Kantine der Soldaten mit der abgewetzten Kunststoffbeschichtung, deren Farbe ihn oft an moosigen Schimmel oder schimmliges Moos erinnerte. Nur die Stühle hatten Armlehnen und waren bequemer. Es war später Nachmittag, das Licht der Neonröhren kühlte die angehende Dämmerung.
Er sei ja ein recht guter Schütze, begann der unbekannte Offizier, aber unzufrieden mit der Ausrüstung, wie man höre. Tom nickte. Ob er denn glaube, mit besserer Technik größere Präzision zu erzielen? Tom überlegte. Ihn faszinierte das Gewehr als eine perfekt konstruierte Maschine, für eine erstaunlich banale Aufgabe über Jahrhunderte hin von Wissenschaftlern, Handwerkern und Generälen entwickelt. Im Dunkeln reinigte er seine Waffe schneller als seine Kameraden, fühlte, wenn die Schlagfeder in die Schlossmutter glitt, war beeindruckt von der Schlichtheit der gefrästen Metallteile. Sein Vater arbeitete als Brückenbauingenieur bei Hochtief und erklärte ihm einmal, da war er zehn, die große Belt-Brücke, die das durch viel Wasser zerrissene Land der Dänen zusammenhielt. Selbst Jahre später, als er sie das erste Mal überquerte, konnte er sich noch an alle Details erinnern: die baumdicken Kabel der Hängebrücke aus knapp zwanzigtausend einzelnen Drähten, die Pylone fast so hoch wie der Eiffelturm, über den er in der zehnten Klasse begeistert ein Referat gehalten hatte.
Der Offizier nahm Toms Nicken ungerührt auf und erkundigte sich nach seinen beruflichen Zielen.
Darüber hatte er sich tatsächlich noch keine Gedanken gemacht. Er wollte etwas machen, in dem er wirklich gut war, und er konnte halt deutlich besser schießen als Kuchen backen. Der Offizier verzog keine Miene, blätterte weiter in der Personalakte und ließ sich den Lebenslauf bestätigen. Die Mutter verstorben. Er drückte sein Beileid aus. Tom erläuterte, dass seine Mutter ihn und seinen Vater schon vor langer Zeit verlassen habe. Von ihrem Tod hatte er erst vor Kurzem erfahren und er wusste auch nicht, woran sie gestorben war.
Der Offizier lud ihn zu einem speziellen Training nach Süddeutschland ein. Man sei auf der Suche nach geeigneten Kandidaten für eine neue Einsatzgruppe.
Tom erhob sich, salutierte unbeholfen und ging, ohne den Stuhl an den Tisch zu schieben.
In diesen sieben Tagen auf einem Bundeswehrgelände in einer dünnbesiedelten Landschaft im Süden des Landes stellte Tom unter Beweis, dass der Offizier ihn nicht falsch eingeschätzt hatte. Die vollautomatischen Waffen befand er für grob und ineffizient. Er lernte, dass klassische Infanteriesoldaten im Kriegseinsatz mehrere tausend Schuss brauchten, um einen Feind zu töten. Ein guter Scharfschütze hingegen konnte mit vier von fünf Patronen Wirkung erzielen. Das musste er auch, ein Präzisionsgewehr verzichtete auf die komplexe Mechanik des automatischen Nachladens und erzielte damit höhere Präzision, und das Repetieren zum Nachladen war selbst im besten Fall nicht unter einer Sekunde zu schaffen.
Viele seiner Kameraden schossen unüberlegt, ungeduldig, tappten in die Fallen, die ihnen der Ausbilder stellte und hatten oft vor dem Ende der Übung keine Munition mehr. Er jedoch spürte, wann der Wind das Gras für ein besseres Schussbild in die richtige Richtung legen würde, ließ sich von gezündeten Blendgranaten nicht beeindrucken und beendete jeden Einsatz mit mindestens drei Patronen in Reserve. Selbst im Häuserkampf blieb sein Puls ruhig. Er schätzte die gründliche Vorbereitung, das Entwickeln verschiedener Strategien und reagierte im Einsatztraining spontan und ergebnisorientiert auf unvorhergesehene Ereignisse.
Abends hockte er nicht mit den anderen in der Stube beim Bier zusammen, unternahm stattdessen lange Waldspaziergänge und prüfte, von welchem Jägerhochsitz die Kaserne am besten unter Feuer gelegt werden könnte. Er las Sun Tsu ›Die Kunst des Krieges‹ auf Englisch, während die anderen Tischfußball spielten oder ihre Zeit und ihr Hirn vor dem Fernseher vergeudeten. Sein Vorbild war keiner der Kinohelden, sondern der finnische Scharfschütze Simo Häyhä, der im 2. Weltkrieg innerhalb von hundert Tagen mehr Menschen erschoss als je ein Scharfschütze vor oder nach ihm in einem einzigen Krieg und einmal auf die Frage, was er beim Abdrücken des Abzugs empfand, antwortete: »den Rückstoß«.
Die Abschlussprüfung an der Waffe bestand er seiner Erwartung gemäß als Bester. Seine Trefferquote beim Schießen ohne Zielfernrohr war ein Rekord in der Ausbildungskaserne, der sieben Jahre hielt. Die Psychologin fragte ihn, ob er Schwierigkeiten mit emotionaler Kommunikation habe oder ob ihm Einfühlungsvermögen fehle. Obwohl er beides verneinte, wurde in seiner Akte vermerkt: »leichte autistische Züge«.
Seine ersten Einsätze mit der KSK, wie die neue Spezialeinheit genannt wurde, fanden knapp zwei Jahre später in Serbien während des Kosovo-Konflikts statt. Anfangs betrieben sie Aufklärung für die nachziehenden Verbände. Sprengfallen am Straßenrand finden, Bewegungen der UCK ausspähen, so Sachen.
Dann der erste konkrete Auftrag: Der als ›Vergewaltiger von Prisna‹ bekannte Radomir Vukoci sollte aufgespürt und festgenommen werden. In Teams von vier Mann schlichen sie durch zerbombte und verlassene Ortschaften und folgten Hinweisen der Wenigen, die nicht geflohen oder umgekommen waren und denen die Nationalität des Kriegsverbrechers genauso egal war wie die seiner Opfer.
Einige Tage später fand Tom in einem verwilderten Gemüsegarten hinter einer Hausruine die Haarbüschel von halb verwesten Frauen, die zwischen verrotteten Tomatenpflanzen hervorschauten. Am Ende des Tals entdeckten sie das alte Bauernhaus, direkt an der Grenze zum Kosovo. Vukoci versteckte sich mit zwei Männern und drei Frauen hinter den Mauern, wobei die Frauen nie das Haus verließen. Drei Tage lagen sie in einer verfallenen Scheune und beobachteten, wie einer der Männer jeden Morgen zum Bäcker ins nahgelegene Dorf radelte, um Brot und Milch einzukaufen. Wenn er zurückkam, goss er etwas Milch für die streunenden Katzen in eine Schale. Vukoci jedoch ließ sich nie blicken.
Ein Team sollte das Haus stürmen, Tom und sein Späher Flüchtende aufhalten. In der vierten Nacht schlichen sechs Soldaten bis zur der Mauer, die das weitläufige Grundstück umgab. Einer von ihnen löste eine Mine aus, zwei Soldaten wurden getötet und die Mauer stürzte ein.
Maschinengewehrfeuer im Haus. Einer der Soldaten schaffte es durch die Küchentür ins Gebäude. Die anderen drei verschanzten sich hinter den Mauertrümmern und nahmen die Türen im Erdgeschoss unter Feuer. Eine Frau erschien am Fenster im oberen Stockwerk und schwenkte ein weißes Küchentuch. Im Inneren des Hauses fielen mehrere Schüsse. Über das Headset hörte Tom, wie der Kollege, der ins Haus eingedrungen war, gerufen wurde. Keine Antwort. Ein weiterer Schuss, und die Frau mit dem weißen Tuch fiel aus dem Fenster. Tom sah nur kurz das Gesicht des Schützen, wie er der toten Frau hinterherschaute, und erschoss ihn.
Mit seinem Späher kroch Tom zur Rückseite des Bauernhauses. Eine gebückte Gestalt rannte aus dem Hinterausgang. War das eine der Frauen oder der Gesuchte? Sein Späher war ebenfalls unsicher. Die Gestalt erreichte die hintere Tür der Gartenmauer und öffnete sie. Tom glaubte eine männliche Bewegung zu erkennen. Er schoss.
Die offizielle Formulierung lautete später: Der Gesuchte sei, als er sich der Festnahme habe entziehen wollen, trotz wiederholter Aufforderung nicht stehengeblieben.
Der letzte verbliebene Bewacher kam mit zwei Frauen aus dem Haus, eine hielt er im Würgegriff, der anderen eine Waffe an den Hals, und brüllte den Soldaten zu, sie sollten verschwinden, sonst würde er die »Bitches« töten. Tom sah die Gehirnstruktur vor sich, wie er es in der Ausbildung gelernt hatte: Kleinhirn, Großhirnrinde, Fein- und Willkürmotorik. Einen Finger am Abzug zu krümmen, ist eine feinmotorische Leistung, die muss von einem funktionierenden Gehirn ausgelöst werden. Er visierte das Ohr an und traf.
Ein paar Jahre später beim Kampf um Tora Bora wurde seine Einheit von den amerikanischen Truppen zur Flankensicherung im äußeren Ring eingesetzt. Die Arroganz der Amerikaner, die marsgleiche Landschaft und der hohe ›Bodycount‹ dieses Krieges drückten die Stimmung unter den Deutschen. Tom dachte an den finnischen Scharfschützen, der zur Tarnung ein Stück Schnee in den Mund nahm, um zu verhindern, dass in der Kälte sein Atem zu sehen war. In diesen kalten Bergen Afghanistans gab es kaum natürliche Tarnungen und erst recht keinen Schnee.
Sie sollten Fahrzeugkolonnen unter Beschuss nehmen, die in das enge Tal fuhren. In den Konvois fuhren Pick-ups mit russischen ZU 23 Luftabwehrkanonen. Sie galt es auszuschalten, bevor die Luftunterstützung zum Einsatz kommen konnte. Tom nahm die Fahrer unter Beschuss. Einige Fahrzeuge stürzten in die Schlucht, mit Dutzenden Kämpfern auf der Ladefläche, andere wurden von der Felswand gestoppt, sodass er in Ruhe auf die Munitionskisten zielen konnte, die in riesigen Feuerbällen explodierten. Er schoss auf alte und junge Kämpfer, langbärtige und gescheitelte. Als die Gefahr für die amerikanischen Jagdbomber reduziert war, flogen diese ans Ende des Tals, um die tief in die kahlen Berge getriebenen Höhlen der Terroristen mit brachialer Gewalt zu zerstören: Erst blitzten die gigantischen Feuerbälle der Daisy-Cutter-Bomben auf, dann wurden die Feuersäulen von schwarzem undurchdringlichen Rauch verschluckt. Das tiefe Grollen der Detonationen war kilometerweit zu hören.
Sein Rekord über den weitesten Treffer wurde erst Jahre später von einem Soldaten der britischen Armee übertroffen, allerdings hatte der die Arctic Warfare mit dem verlängerten Lauf. Damit, war er sich sicher, hätte er das auch geschafft.
Im Camp kreisten Geschichten über Soldaten, die von Ziegenhirten verraten und getötet worden waren, weswegen ausnahmslos jeder in dieser Gegend ein Feind sei, egal welchen Alters, Kleidung oder Geschlecht. Nicht jeder hielt sich dran: Die Weigerung eines Soldaten, einen solchen Ziegenhirten zu erschießen, der sie in einer Stellung entdeckt und freundlich mit »Salam aleikum« gegrüßt hatte, schlug Wellen bis zum Oberkommando der US-Streitkräfte in Tampa.
Und dennoch hatte Tom eine schlaflose Nacht, als er einen alten Bauern erschoss, der mit einer Eselskarre über einen Bergrücken zog. Was immer unter der Plane des Karrens war: Er erfuhr es nie.
Seinen 29. Geburtstag feierte er mit einem halben Dutzend Soldaten in ihrer Baracke. Sie aßen den viel zu süßen Kuchen, den der afghanische Koch gebacken hatte, und sprachen erst über ihre Einsätze, dann über Angst, Albträume und ihre Frauen. Bei diesem Thema blieb Tom stumm. Die US-Soldaten waren verwundert, als Tom ihnen erklärte, dass in Deutschland niemand offiziell von Krieg sprach.
Die ›Anaconda‹ genannte Operation sollte sein letzter Einsatz und Amerikas größte und längste Infanterie Schlacht seit Vietnam werden. Zweieinhalbtausend Soldaten aus sieben Nationen, inklusive afghanischer Milizen, gegen tausend Taliban Kämpfer, versteckt in Bunkern auf Bergspitzen und in Höhlen im Shahi-Kot-Tal im Südosten des Landes. Ein Tal, das Alexander der Große gemieden hatte, die Briten im neunzehnten Jahrhundert und selbst die Russen 1987 nur streiften. Aus gutem Grund.
In den ersten Tagen war seine Einheit, wie die der Dänen, Franzosen und Norweger, wieder für die Sicherung des äußeren Rings eingesetzt. Doch die ersten Feindkontakte der US-Armee offenbarten eine Informationslücke: Nicht hundert, sondern knapp tausend Kämpfer lauerten dort auf die Amerikaner, um ihnen eine vernichtende Niederlage zu bereiten. Die Verluste wollten die Amerikaner gerecht verteilen, daher zogen sie schon am dritten Tag seine Einheit in den inneren Ring.
Noch vor Morgengrauen wurden sie auf knapp dreitausend Höhenmeter von einem Boeing Chinook Hubschrauber abgesetzt. Die Wälder in den Bergen des Arma Gebirges boten zwar Deckung, aber auch einen halben Meter Schnee. Ihre Fußspuren wurden nur eine Stunde später von Kindern entdeckt. Durch das Tal konnten sie nicht fliehen, der Taleingang wurde von zahlreichen 120mm Granatwerfer-Stellungen der Taliban geschützt, doch Tom wusste, wie sie sich im Schnee verstecken konnten, bis der Hubschrauber sie bei Einbruch der Nacht wieder abholte.
Drei Nächte später stürzten sie beim erneuten Versuch, ihre Einheit in den Bergen abzusetzen, mit dem AH-64 Apache Hubschrauber ab. Mehrere RPG-7 Gefechtsköpfe explodierten knapp über dem Hubschrauber, die Druckwelle und Splitter zerstören den Rotor. Wie diese billige russische Panzerabwehrbüchse gegen Helikopter eingesetzt werden konnten, hatten die Mudschahidin im Krieg gegen die Russen gelernt. Von Amerikanern.
Die Piloten und zwei Soldaten starben beim Aufprall.
Tom konnte leichtverletzt mit den anderen aus dem Wrack in die Dunkelheit fliehen. Aus ihrem Versteck einige hundert Meter entfernt mussten sie mit ansehen, wie die toten Soldaten von johlenden Taliban mit Messern und Gewehrkolben zerfetzt wurden.
Bei Tagesanbruch kamen weitere Kampfhubschrauber, sie flogen hoch und über die Bergkämme links und rechts des Tals. Tom und seine Kameraden flüchteten japsend den Berg hinauf, der Rettung entgegen, die dünne Luft war ungewohnt. Das Tal füllte sich mit Pick-ups, Kämpfern und Waffen. Kurz vor dem Bergrücken entdeckten sie einen Felsüberhang, der einem Hubschrauber eine Landemöglichkeit bot. Mehrere Stunden schossen sie und warfen ihre letzten Handgranaten auf die anrückenden Talibankämpfer. Schließlich konnte ein Hubschrauber landen und sie retten.
Die verstümmelten Leichen wurden erst eine Woche später geborgen, nachdem das Tal, wie es hieß, gesäubert war.
Tom blieb noch eine weitere Woche ohne Einsatz im Loch, wie sie das Camp mitten in der roten Wüste nannten, ehe er zum Begleitschutz für eine zehnstündige Fahrt nach Kabul ausgewählt wurde. Während die Offiziere und Generäle sich mit anderen Kollegen im Nato-Hauptquartier trafen, fuhr er nach Share Naow, einem ruhigen Stadtviertel zwei Straßenecken weiter, in einen bei Ausländern beliebten Treffpunkt. In den 70ern war es mal eine exklusive Villa gewesen, jetzt vergammelte der große Garten hinter hohen Mauern. Landcruiser verstellten die Zufahrt, zweistufige Eingangsschleusen versteckten sich hinter dem unauffälligen Eingangstor. Der Metallscanner war besser als am Flughafen, das Sicherheitspersonal höflich und sehr aufmerksam. Eine der wenigen Lokalitäten für Ausländer, auf die noch kein Anschlag verübt wurde und in der kalifornischer Rotwein zu bekommen war. Jeder Europäer, der länger in der Stadt zu tun hatte, kam früher oder später hierher.
Tom saß mit einer Cola allein an einem kleinen Tisch im Garten neben dem verdreckten Pool und beobachtete französische Soldaten in Freizeitkleidung dabei, wie sie mit zwei Mädchen einer russischen NGO flirteten. Ein Mann näherte sich. Ob er sich setzen dürfe, fragte er auf Deutsch mit osteuropäischem Akzent. Schwarze gegelte Haare, vielleicht gefärbt, schlank, teurer grauer Anzug. Er knöpfte das Sakko auf, als er sich setzte, winkte der Bedienung und bestellte ein Sodawasser. Als Tom die angebotene Zigarette ablehnte, zündete der Mann sich selbst eine an und rauchte, als hätte er seit Tagen keine Gelegenheit dazu gefunden.
Was er denn im anstehenden Heimaturlaub so machen würde, nachdem er Anakonda überlebt habe, fragte er.
Einen Moment wollte Tom fragen, woher er das wisse, fragte aber stattdessen, warum ihn das interessiere.
Er sei eine Art Personalberater, erklärte der Mann, und suche ständig außergewöhnliche Leute. Für bestimmte Branchen. Dabei wedelte er mit der Hand, in der er die Zigarette hielt, kreisend durch die Luft und blickte sich um.
Der Schatten der Coladose wanderte ein paar Millimeter weiter, dann fragte er, ob Tom das Soldatenleben nicht ein wenig frustrierend und zu allem auch noch schlecht bezahlt vorkomme. Er drückte die Zigarette am Tischrand aus und fuhr mit gesenkter Stimme fort:
»Ich erkenne das Potenzial in Fachleuten und zeige lediglich die Chancen der Weiterentwicklung auf. Nicht mehr und nicht weniger. Allerdings suche ich keine Handwerker, sondern Spezialisten wie Sie. Was ich aufspüre, ist nicht mit einer Stellenanzeige in der Samstagszeitung zu finden.«
Tom trank einen Schluck der warm gewordenen Cola, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.
»Es gibt einen Markt für Menschen wie Sie«, so der Mann weiter. »Als Soldat ist Ihre Arbeit moralisch, juristisch und gesellschaftlich abgesichert und akzeptiert. Aber Töten ist ein schwieriges Geschäft.«
»Nein«, unterbrach ihn Tom zum ersten Mal. »Töten ist leicht, damit zu leben ist schwer.«
Der Mann nickte. »Darum geht es ja.« Außerhalb eines parlamentarisch legitimierten Auftrags zu arbeiten, sei eine Grauzone, die durch Geld farbiger gestaltet werden könne. »Die Branche, für die ich arbeite, hat viel Geld. Und«, ergänzte er lächelnd, »die Arbeitsbedingungen sind besser. Deutlich besser.«
Eine seltene Wolke warf einen Schatten auf den Garten, einen Straßenblock weiter grollten die schweren Motoren der Schützenpanzer auf Patrouille.
Tom schaute den Mann lange an, der ihm erneut eine Zigarette anbot, und dachte nach. Sie haben ihn den Berg hinauf geschickt um Männer zu töten. Was glaubten sie, wer da wieder runtergekommen ist?
Er zündete die Zigarette an und genoss den ersten Zug.
Sećeko lernte er bei seinem zweiten Auftrag kennen, ein halbes Jahr nach dem Abschied aus Afghanistan, und er lernte, Spitznamen von Auftragskillern ernst zu nehmen.
Sie standen in der Straße, durch die er einige Jahre zuvor mit seinen Kollegen der KSK geschlendert war.
Tom drehte sich zu Sećeko um und sagte: »Sieht gut aus.«
»Ja, weiß ich, ist guter Platz.« Sein Deutsch war für die paar Jahre, die er angeblich schon in Deutschland gearbeitet hatte, erstaunlich gut, fand Tom. Sie waren gleich alt, sahen beide unauffällig aus. Sie hätten gemeinsam Handyverträge im Elektronikmarkt verkaufen können.
Tom schaute in die Mappe. Drei Gesichter und Namen, sie sollten zwei Tage später in einem Café auftauchen und dort sterben. Eine Halbautomatik würde er nehmen müssen, vielleicht die Wilson Combat, aber auf kurze Distanz kein Problem. Er blickte sich um. Schräg gegenüber dem Café war ein Parkhaus. Die Granateneinschlagslöcher an der Front erinnerten an den Krieg, in dem sich die ehemaligen jugoslawischen Völker gegenseitig abzuschlachten versuchten und gleichzeitig zeigten die bunten parkenden Autos dahinter diesen unbedingten Willen nach Leben, Zukunft und Spaß. Sarajevo, Schauplatz des Auslösers für den Ersten Weltkrieg, vier Jahre belagert und bombardiert im Bosnienkrieg, Einsatzgebiet der KSK auf der Suche nach flüchtigen Kriegsverbrechern und nun Blaupause für eine dynamische, moderne und überwiegend muslimische Stadt. Kopftücher und Miniröcke.
Er deutete auf das Parkhaus, Sećeko nickte. »Schauen wir uns an«, sagte er.
Sie liefen Stockwerk für Stockwerk durch das Parkhaus, bis sie in der dritten Etage eine gute Stelle fanden: Eine verlassene Baustelle zur Ausbesserung der Granatlöcher blockierte einige Parkplätze an der Gebäudefront. Eine Betonmischmaschine, ein paar Säcke Baumaterial und abgestelltes Gerümpel. Durch die großen Löcher konnten sie einen Teil der Straße, die gegenüberliegenden Häuser und das Café überblicken. Die große Fensterfront gab den Blick bis zur Bar frei, nur die Toilettentür lag verdeckt. Keine störenden Schatten von Markisen oder Bäumen, nur ein bisschen Lichtbrechung in der Fensterscheibe. Das SWISS P Tactical .308 Kaliber würde ohne Ablenkung und Deformation durch das Glas gleiten wie ein warmes Messer durch Butter.
Ein perfekter Arbeitsplatz.
Die Einfahrt zum Parkhaus lag an der großen Straße, die Ausfahrt auf der Rückseite, und der Fußgängereingang führte in eine kleine Einkaufspassage, mehr Fluchtwege als nötig.
Zurück auf der Straße lud Sećeko ihn zum Mittagessen ein. Tom nickte überrascht, machte Sećeko doch einen unnahbaren und reservierten Eindruck. Was ihm lieber wäre, lokale Küche oder fernöstlich, für beides gäbe es gute Restaurants, fragte Sećeko. Lokal, antwortete Tom. Fernöstlich hatte er in letzter Zeit genug genossen. Sie gingen an dem Café vorbei, über zwei weitere Kreuzungen, bis Sećeko nach rechts in eine breite Hofeinfahrt bog. An einer Laderampe standen mehrere kleine Transporter, Gemüse wurde auf Paletten und in kleine Kisten verladen. Der lokale Gemüsegroßmarkt wimmelte von Marktständlern und Großeinkäufern. Sie gingen auf eine Metalltreppe zu, die unter das Dach der großen Halle führte. Dort klebten wie Vogelnester ein paar Bistros und Restaurants, die Geräusche und Gerüche des Marktes vermischten sich mit den Dämpfen aus offenen Küchen. In einem der Restaurants nahm Sećeko an einem Tisch Platz, der mit einem ›Reserviert‹-Schild markiert war, und wies Tom den Platz an der Wand zu. In dem kleinen Raum, gerade mal eine Handvoll Tische, saßen ausnahmslos Männer, höchstens vierzig Jahre alt, bärtig, verschwitzt, einige mit feinen Aktentaschen auf den Knien.
Sećeko bestellte bei einer jungen Bedienung mit stark geschminkten Augen etwas, von dem Tom kein Wort verstand. Er solle sich überraschen lassen, sagte Sećeko. Tom lächelte.
Wo er denn seine Ausbildung gemacht habe, wollte Sećeko wissen. Tom zögerte einen Moment. Er habe doch eine Akte über ihn, sagte er dann, da stünde doch alles drin. Sećeko wedelte mit der Hand durch die Luft. Papier, sagte er, spräche nicht. So erzählte Tom in kurzen Sätzen von seiner Ausbildung bei der Bundeswehr, seinen Einsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan, Sećeko hörte schweigend zu.
Das Essen kam. Aus zwei Tontöpfen und mehreren Plastikschalen dampfte es, Sećeko erklärte kurz die einzelnen Gerichte und schöpfte dabei ihre Teller voll. Als Tom nach Sećekos Berufserfahrung fragte, zuckte Sećeko mit den Schultern und meinte, im Grunde sei es ähnlich, nur sei er nicht in der offiziellen Armee ausgebildet worden.
Ob er schon mal was von den Red Berets gehört habe.
»Ja«, sagte Tom, »serbische Spezialeinheit.«
Aber damals während der Kriege, fuhr Sećeko fort, sei es für ihn schwierig gewesen, den Überblick zu behalten. Anfangs habe er in einer paramilitärischen Einheit gearbeitet, kleine Gruppe, nur zehn Leute, sie hätten Dörfer überfallen und Landarbeiter massakriert, alles im Namen irgendeiner nationalen Aufgabe. Nicht dass er damit ein moralisches Problem habe, Töten sei eine Extremerfahrung, an die man sich gewöhnen könne.
Aber er habe Politiker reden hören und kein Wort davon geglaubt. Er sei zu blöd, um Politik zu verstehen, und auch nicht interessiert.
»Niemand hat uns respektiert, wir wurden nur als dumpfe Schläger- und Mordtruppe angesehen, Deshalb habe ich diese Gruppe verlassen. Jetzt arbeite ich nur noch auf eigene Rechnung.«
Am Geld könne man den Respekt erkennen, den ein Auftraggeber vor der Sache habe. Wer da gegen wen gekämpft und wen er in wessen Auftrag getötet habe, das interessiere ihn bis heute nicht. »Wird aber sehr gut bezahlt, und ich kann mir meine Arbeit aussuchen.«
Tom deutete mit einem Löffel auf eine der Tonschalen.
»Schmeckt gut.«
Sećeko lächelte. »Srpski Pasulj, Bohnensuppe nach Spezialrezept.«
Zwei Tage später fuhren sie mit einem verbeulten alten Renault in das Parkhaus und parkten rückwärts nahe der Baustelle. Es war Samstag, keine Bauarbeiter, wenig Verkehr im halb leeren Parkhaus. Sie hatten sich gelbe Bauarbeiterjacken angezogen, warfen die Betonmischmaschine an und stellten sie zwischen all dem Baustellengerümpel so auf, dass sie ungesehen am Boden liegen konnten. Tom legte seine Sporttasche in den Staub, griff nach den Einzelteilen der zerlegten Waffe, steckte den Lauf auf, lud das 5-er Magazin mit der Schweizer Spezialmunition und schraubte seine neueste Optik auf. Sećeko
