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In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Stella Wittmann nahm die rote Reisetasche ihres Töchterchens vom Kleiderschrank. Die fünfjährige Carlotta war bereits eifrig dabei, aus ihrer Kommode sämtliche Söckchen, T-Shirts und dergleichen mehr herauszuholen. Sie stapelte alles auf ihr Bett. »Lottchen, so viel brauchst du gar nicht«, bremste Stella die tatkräftige Unterstützung der Kleinen. »Sieh mal, die dicken Socken sind für Herbst und Winter. Jetzt ist es Sommer«, erklärte sie dem Kind. Carlotta hielt in ihren Bemühungen inne, legte das Köpfchen schief und betrachtete, was sie schon bereitgelegt hatte. »Bist du gar nicht so lange weg, bis es Winter ist?«, erkundigte sich die Kleine und machte ein enttäuschtes Gesicht. »Kann ich nicht mit Heidi, Kim und Leon und Marie Schlitten fahren?« Stella lächelte. Sie wusste, wie gerne Carlotta im Kinderheim Sophienlust Zeit verbrachte. Bei ihrem letzten Aufenthalt vor einem halben Jahr war es Winter gewesen und sie hatte mit den genannten Heimkindern häufig draußen im Schnee gespielt und großen Spaß dabei gehabt. »Schlitten fahren könnt ihr diesmal nicht. Aber ihr macht sicher viele andere tolle Sachen«, versicherte sie. »Welche denn?« Carlotta setzte sich auf einen Stapel T-Shirts, auf dem Bett.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Stella Wittmann nahm die rote Reisetasche ihres Töchterchens vom Kleiderschrank. Die fünfjährige Carlotta war bereits eifrig dabei, aus ihrer Kommode sämtliche Söckchen, T-Shirts und dergleichen mehr herauszuholen. Sie stapelte alles auf ihr Bett.
»Lottchen, so viel brauchst du gar nicht«, bremste Stella die tatkräftige Unterstützung der Kleinen. »Sieh mal, die dicken Socken sind für Herbst und Winter. Jetzt ist es Sommer«, erklärte sie dem Kind. Carlotta hielt in ihren Bemühungen inne, legte das Köpfchen schief und betrachtete, was sie schon bereitgelegt hatte.
»Bist du gar nicht so lange weg, bis es Winter ist?«, erkundigte sich die Kleine und machte ein enttäuschtes Gesicht. »Kann ich nicht mit Heidi, Kim und Leon und Marie Schlitten fahren?«
Stella lächelte. Sie wusste, wie gerne Carlotta im Kinderheim Sophienlust Zeit verbrachte. Bei ihrem letzten Aufenthalt vor einem halben Jahr war es Winter gewesen und sie hatte mit den genannten Heimkindern häufig draußen im Schnee gespielt und großen Spaß dabei gehabt.
»Schlitten fahren könnt ihr diesmal nicht. Aber ihr macht sicher viele andere tolle Sachen«, versicherte sie.
»Welche denn?« Carlotta setzte sich auf einen Stapel T-Shirts, auf dem Bett.
»Lottchen! Nicht auf die T-Shirts setzen«, mahnte Stella. »Sonst muss ich sie alle noch mal bügeln.« Bereitwillig rutschte die Kleine von den Shirts, wobei diese ins Rutschen gerieten. Schon jetzt sahen die Ersten nicht mehr ganz ordentlich aus.
»Ich denke Nick und Tante Ma bauen für euch das Planschbecken im Garten auf und bestimmt macht ihr schöne Spaziergänge mit Barri und Anglos. Ihr könnt draußen Federball spielen, Fangen und Verstecken und …«
»Und vielleicht grillen wir Würstchen!«, rief Carlotta freudig.
»Vielleicht«, stimmte Stella lächelnd zu.
»Mama, wie lange darf ich diesmal im Kinderheim bleiben?«, erkundigte die Kleine sich und wickelte sich eine ihrer braunen Locken um den Finger.
»Zwei Wochen, Lottchen.«
»Wie oft schlafen ist das?« Carlotta hob beide Hände und spreizte die Finger. Stella stapelte die T-Shirts wieder ordentlich aufeinander und setzte sich zu ihrem Töchterchen.
»Das sind viele Male«, versprach sie. Sie war sicher, mit einer genaueren Angabe die Kleine zu überfordern. Halbwegs zufrieden nickte Carlotta.
»Gehst du jetzt bitte ins Bad und packst dein Zahnputz-Zeug ein?«, gab sie ihrer Tochter eine Aufgabe.
»Mach ich.« Carlotta hüpfte vom Bett.
»Deine Kosmetiktasche steht im Schrank unter dem Waschbecken!«, rief Stella ihr nach.
»Weiß ich«, kam es aus dem Badezimmer. Stella lächelte und stand auf, um die Reisetasche fertig zu packen. Sie war sehr froh, dass Carlotta so gerne ins Kinderheim ging, wenn sie mal wieder einen Betreuungsengpass hatte.
Seit Carlottas Vater sie verlassen hatte, kaum, dass die Kleine ein Jahr alt geworden war, sorgte sie alleine für ihr Töchterchen. Den notwendigen Lebensunterhalt verdiente sie als Krankenschwester im Klinikum in Maibach. Wenn sie aus beruflichen Gründen keine Zeit hatte, sich um Carlotta zu kümmern, weil sie Nachtschicht hatte oder Wochenenddienst, sprang ihr Bruder Wilfried ein, der als Computertechniker von zu Hause aus arbeitete.
Doch derzeit nutzte sie die Möglichkeit, berufsbegleitend eine Fortbildung zur Intensivpflege zu machen. Die Weiterbildung erstreckte sich über eine Dauer von zwei Jahren und fand in mehreren Blockwochen statt. Als sie vor einem halben Jahr mit der Teilnahme angefangen hatte, war Wilfried gerade selbst beruflich sehr eingespannt gewesen. Stella hatte das Gewissen geplagt, ihm nun auch die Verantwortung für die Kleine zu übertragen und war völlig ratlos gewesen. Eine Kollegin in der Klinik hatte sie auf das Kinderheim Sophienlust in Wildmoos aufmerksam gemacht. Anfangs hatte sich in Stella alles quergelegt, bei der Vorstellung, ihr Töchterchen in ein Kinderheim zu geben. Doch nachdem sie sich das Haus angesehen und mit dem Eigentümer, Nick von Wellentin-Schoenecker gesprochen hatte, hatte sie sich entschieden, es zu versuchen. Nick war ausgesprochen nett und noch sehr jung. Stella schätzte ihn auf höchstens zwanzig Jahre. Doch er zeigte sich sehr erwachsen und besonnen.
Einfühlsam hatte er sich sämtliche ihrer Sorgen angehört und ernst genommen. Sie hatte sich Gedanken gemacht, ob Lottchen mit dem Alltag im Heim zurechtkam, wer sich um die Kinder kümmerte, wie die Atmosphäre unter den Kindern war und wo Carlotta schlafen sollte.
Nick hatte ihr das Personal vorgestellt, das ebenso nett und herzlich war, wie er selbst. Er hatte sie durch das außerordentlich schöne Haus geführt, das früher im Besitz seiner Großtante Sophie gewesen war und eher an ein kleines Schloss erinnerte, als an ein Kinderheim – sowohl von den Innenräumen, als auch von den Außenanlagen her.
Stella hatte einige der Kinder kennengelernt, die allesamt sehr freundlich und sympathisch gewesen waren. Viele lebten dauerhaft im Heim, weil sie keine Eltern mehr hatten. Nick hatte ihr versichert, dass die Kinder auch untereinander stets füreinander da waren und die Größeren auf die Kleineren achteten.
Ebenso hatte sie erfahren, dass er die Leitung des Hauses erst kurz zuvor von seiner Mutter Denise von Schoenecker übernommen hatte.
Endgültig beruhigt war Stella gewesen, nachdem Carlotta einen Probenachmittag in Sophienlust verbracht hatte und total begeistert gewesen war. Sie hatte sich sofort mit ein paar von den jüngeren Kindern angefreundet und auch an den gutmütigen Hunden, Barri, einem Bernhardiner und Anglos, einer Dogge, hatte sie große Freude gehabt. Nach diesem Nachmittag hatte sie es kaum abwarten können, eine Weile dort zu verbringen.
Mittlerweile stand der dritte Aufenthalt für die Kleine im Kinderheim an.
Carlotta kam aus dem Bad gehüpft, ihre Kosmetiktasche in der Hand.
»Ich bin fertig, Mama. Fahren wir?«
Stella lächelte, ging in die Knie und drückte ihr Töchterchen an sich. Sie sah es mit einem lachenden und einem weinenden Auge, dass Lottchen derart leichten Herzens ins Kinderheim ging. Doch dann wies sie sich selbst zurecht. Sie konnte froh sein, so eine wunderbare Betreuungsmöglichkeit für ihr Kind zu haben. Eifersucht war völlig fehl am Platz.
»Ja, Lottchen, wir fahren«, sagte sie, stand auf und nahm die Reisetasche vom Bett. »Komm.« Sie hielt ihrer Tochter die Hand hin. Lottchen schob vertrauensvoll ihre kleine Hand hinein. Gemeinsam verließen sie die Wohnung.
*
Torben Böhme goss die Spaghetti ab. Dampfend stieg das Kochwasser aus dem Sieb, das im Spülbecken stand. Er stellte den Topf beiseite und rührte in der Pfanne, in der die Bolognesesoße köchelte. Es duftete wunderbar und er hatte Hunger. Nur Marco war noch nicht zu Hause. In dem Moment hörte er, wie die Wohnungstür aufgesperrt wurde.
»Hallo, Papa!«, rief sein Sohn durch den Flur.
»Hallo, mein Junge.« Torben sah durch die Küchentür und lächelte seinem Jungen zu. Die dunklen Haare des Kindes standen in sämtlichen Richtungen vom Kopf ab. Unter dem Arm hielt er seinen Fußball. Auf seinen Knien waren Spuren von Gras und Erde zu sehen, seine Schuhe waren schmutzig, ebenso wie die Kniestrümpfe und sein T-Shirt. Torben schmunzelte.
»Du hast mal wieder mit allem Körpereinsatz trainiert, wie ich sehe.«
Der Elfjährige grinste.
»Papa, stell dir vor. Wir haben nächste Woche ein Freundschaftsspiel gegen die Mannschaft von der Realschule. Die sind richtig gut! Aber Max sagt, wir sind besser. Das wird voll cool.«
»Super, Marco. Dein Trainer hat schon recht, ihr seid prima und habt bestimmt eine gute Chance«, versicherte Torben. »Jetzt geh dich waschen und umziehen. Das Essen ist fertig.«
»Gleich. Du, Papa, du kommst doch auch, ja? Ab morgen werden die Eintrittskarten verkauft.«
»Eintrittskarten?« Überrascht sah Torben seinen Sohn an.
»Ja. Nur zwei Euro für jede Karte. Das Geld kommt in die Schulkasse. Wenn wir nächstes Jahr auf Klassenfahrt gehen und es ist wer dabei, der sich die Fahrt nicht leisten kann, wird sie daraus bezahlt, sagt Herr Tröger«, erläuterte Marco.
»Das ist eine schöne Idee von eurem Schulleiter«, bestätigte Torben. Sicher konnten nicht alle Eltern ihren Kindern problemlos die angedachte Reise nach Österreich zahlen.
»Kommst du zum Zugucken? Oder hast du keine Zeit?« Bittend sah sein Junge ihn an.
»Wann ist denn das Spiel?« Hoffentlich hatte er keinen Mandantentermin oder gar einen bei Gericht.
»Freitagnachmittag um 16 Uhr«, verkündete Marco.
»Ich sehe in meinen Kalender und dann sage ich dir Bescheid«, versprach Torben. Er war ziemlich sicher, dass zu der Zeit nichts eingetragen war. Die Freitagnachmittage hielt er sich gerne für Büroarbeiten frei.
»Cool«, rief Marco. »Du hast bestimmt Zeit und du musst auch keine Karte kaufen. Ich habe nämlich zwei Freikarten zum Verschenken bekommen, weil ich in Mathe und in Englisch jeweils die beste Arbeit geschrieben habe.« Er grinste.
Torben musste lachen.
»Wunderbar. Dein Lerneinsatz hat sich gelohnt.«
Marco grinste noch breiter.
»Ich hab nur Englisch gelernt. Mathe muss man nicht lernen, man muss es nur verstehen.«
»Noch besser. Und jetzt geh dich endlich waschen, damit wir essen können.«
»Die zweite Freikarte geb’ ich Martin«, überlegte Marco, ohne sich von der Stelle zu rühren.
»Martin Felder? Dein Klassenkamerad aus dem Kinderheim?«, fragte Torben.
»Genau.« Eifrig nickte Marco.
»Gib ihm beide, Marco. Es ist sehr lieb von dir, dass du mir eine überlassen willst, aber ich kann mir vorstellen, dass Martin gern jemanden mitnehmen möchte, vielleicht aus dem Kinderheim. Ich kaufe mir einfach eine Karte.«
Er würde auch noch ein paar Euro darauflegen und sie für die Schulkasse spenden. Einen guten Zweck unterstützte er immer gerne.
»Geht klar«, erwiderte sein Sohn.
»Und jetzt zum dritten und letzten Mal: Waschen, umziehen und zum Essen kommen«, forderte Torben ihn mit gespielter Strenge auf.
»Jawoll«, versicherte Marco grinsend und rannte in sein Zimmer.
*
Torben warf einen abschließenden Blick in seine Unterlagen, dann sah er seinen Mandanten an.
»Die Chancen stehen wirklich gut für Sie, Herr Kramer. Ich denke, wir werden den Prozess gewinnen. Wir sehen uns dann nächste Woche bei Gericht.«
Sein Mandant nickte, stand auf und reichte ihm die Hand.
»Danke, Herr Böhme. Bis dahin und auf Wiedersehen.«
Torben wartete, bis Kramer die Tür hinter sich zugezogen hatte. Dann lockerte er seinen Hemdkragen, schaltete den Ventilator ein, der neben dem Bildschirm seines Computers stand und versuchte, ruhig und gleichmäßig durchzuatmen. Er war müde und er bekam schlecht Luft. Das war in letzter Zeit schon einige Male vorgekommen. Bisher hatte er immer einen Grund für seine kleinen Unpässlichkeiten gefunden. Eine kurze Nacht, die Wärme des Frühsommers oder zu viel Arbeit. Es war oft nicht leicht, parallel zu seiner Verantwortung für seinen Jungen auch noch seinen Beruf als Rechtsanwalt zu bewältigen. Der Haushalt stand ja auch noch an. Manchmal wusste er nicht, was er zuerst erledigen sollte. Judith fehlte einfach überall. Sieben Jahre war es jetzt schon her, dass sie bei ihrem Lieblingssport, dem Skifahren, auf einer vereisten Stelle die Kontrolle verloren und an einen Baum geprallt war.
Sie hatte den Unfall nicht überlebt.
Torben atmete schwer. Trotzdem schaltete er den Ventilator aus. Er war doch hoffentlich nicht krank? Zum Arzt ging er ungern. Außerdem mangelte es ihm an der Zeit. Nein, er war sicher nicht krank. Es waren wohl die Erinnerungen, die ihm die Luft abdrückten. Das Wissen, dass ihm die Luft auch häufig ohne Erinnerungen knapp wurde, schob er beiseite.
Er fuhr seinen Computer herunter und verräumte sämtliche Arbeitsunterlagen. Es wurde Zeit, nach oben in seine Wohnung zu gehen und sich um das Mittagessen zu kümmern. Heute war das Fußballspiel, auf das Marco sich so freute. Er war schon die letzten Tage sehr aufgeregt gewesen.
Torben stand von seinem Schreibtisch auf. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste ihn. Er blieb stehen und hielt sich an der Rückenlehne seines Stuhls fest. Der Schwindel wurde besser. Ruhig atmete er ein und aus. Auch das ging wieder. Na bitte. Vielleicht hatte er auch zu wenig getrunken. Die Wasserflasche, die er heute Morgen neben seinen Computer gestellt hatte, war noch verschlossen.
Sein Blick fiel auf seine Schreibtischuhr. Fünf Minuten nach ein Uhr. Jeden Moment würde Marco zu Hause sein und er wusste noch nicht einmal, was es heute zu essen geben sollte. Vielleicht Bratkartoffeln mit Spiegelei. Das ging schnell und gekochte Kartoffeln lagen im Kühlschrank. Immerhin hatte er zwischen seiner Kanzlei und seiner Wohnung nicht auch noch einen Fahrtweg. Er musste einfach nur die Treppe hoch. Torben verließ sein Büro.
*
Der Nachmittag war heiß und sonnig. Torben hatte einen Stehplatz unter einem der wenigen Sonnenschirme ergattern können, die am Rand des Spielfeldes aufgestellt waren. Sitzplätze gab es nicht. Einige Zuschauer saßen im Rasen. Torben wollte lieber stehen bleiben. Marco rannte über den Platz, versuchte, einem Jungen der gegnerischen Mannschaft den Ball abzujagen und wurde dabei von einem weiteren Spieler bedrängt. In zehn Minuten war das Spiel vorbei und es war noch kein einziges Tor gefallen. Beide Mannschaften kämpften eisern um den Sieg.
Torben spürte schon wieder ein leichtes Schwindelgefühl. Er holte seine Wasserflasche aus seinem Rucksack und trank ein paar Schlucke. Besser wurde es nicht.
»Tooor!«, brüllte jemand hinter ihm. Jubelschreie folgten. Torben sah zum Spielfeld. Der Ball war im gegnerischen Tor gelandet.
Marco hielt triumphierend die Arme hoch und wurde von etlichen seiner Mitspieler mit Umarmungen und Schulterklopfen beglückwünscht. Im selben Moment ertönte der Schlusspfiff. Die Mannschaft, in der sein Junge spielte, hatte gewonnen und offenbar hatte Marco das Siegtor geschossen. Er hatte es nicht einmal gesehen, weil er mit seiner Wasserflasche beschäftigt gewesen war.
Der Pulk um seinen Sohn löste sich auf und Marco sah in seine Richtung. Torben lachte seinem Jungen zu, hob die Hände, klatschte Beifall und reckte beide Daumen hoch. Das Schwindelgefühl wurde stärker. Marco strahlte und winkte ihm zu. Torben brach kalter Schweiß aus allen Poren. Er versuchte, die stolze Miene auf seinem Gesicht beizubehalten. Bedächtig ließ er die Arme sinken. Alles um ihn herum drehte sich. Er musste sich setzen. Plötzlich wurde ihm die Luft knapp, sein Sichtfeld engte sich ein. Er schwankte, irgendwer fasste nach seinem Arm, dann wurde es dunkel um ihn.
*
Fassungslos sah Marco, wie sein Vater zu Boden glitt.
»Papa!«, rief er und rannte zu ihm. Sein Vater hatte die Augen geschlossen und reagierte nicht. »Papa.« Er griff nach seiner Hand, die sich kalt und feucht anfühlte, und bekam die schlimmste Angst, die er sich vorstellen konnte. Ein Erinnerungsfetzen tauchte in seinem Kopf auf. Er sah seine Mutter, im Winter, bei Eis und Schnee. Sie hatte auch am Boden gelegen, die Beine verdreht und Ski an den Füßen, von denen einer hoch in die Luft ragte. Danach war sie nie wieder nach Hause gekommen.
Er hörte aufgeregte Stimmen und die Sirene eines Krankenwagens. Marco setzt sich auf die Fersen und hielt die Hand seines Vaters umklammert. Ihm war kalt und ihm war schlecht. Die Angst wurde immer größer.
Ein Mann beugte sich über seinen Vater, fühlte ihm den Puls und leuchtete ihm mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen. Marco wurde beiseitegeschoben, von wem wusste er nicht. Zwei Männer rannten über den Rasen zu ihnen. Sie hatten eine Trage dabei. Irgendwer legte Marco die Hand auf die Schulter.
»Komm, setz dich mal dort drüben hin«, hörte er die Stimme von Max, seinem Trainer. Mit steifen Bewegungen stand er auf. Wie ferngesteuert folgte er Max zu der Bank, auf der üblicherweise die Reservespieler saßen.
*
»Ach, du Scheiße«, sagte Martin Felder zu Fabian Schöller, der ebenso wie er im Kinderheim Sophienlust wohnte. »Hast du das gesehen? Der Vater von Marco ist umgekippt. Die nehmen ihn im Krankenwagen mit.«
»Hab ich gesehen«, bestätigte Fabian.
»Krass, Mann. Komm, wir sehen nach Marco. Der ist ja völlig fertig«, sagte Martin.
»Okay«, stimmte Fabian zu. Sie überquerten den Rasen, auf dem noch einige Spieler in kleinen Gruppen beisammen standen. Etliche waren bereits in die Umkleideräume gegangen. Marco saß mit gesenktem Blick auf der Reservebank. Max sprach mit ihm.
»Gibt es denn niemanden, den wir für dich anrufen können, Marco? Zu wem könntest du, für ein paar Tage?«
Marco schüttelte nur den Kopf, ohne ihn zu heben.
»Hey, Marco.« Martin setzte sich neben den Klassenkameraden. »Tolles Siegtor. Was ist mit deinem Vater? Verträgt er die Hitze nicht?«
»Weiß nicht«, murmelte Marco. Seine Schultern waren nach vorne gesunken. Er bohrte die Fersen in den Rasen.
»Seid ihr Freunde von Marco?«, wandte sich der Trainer an sie und sah abwechselnd Martin und Fabian an.
»Ich geh mit Marco in eine Klasse«, erklärte Martin. »Fabian geht in die Klasse drüber. Marco hat mir zwei Freikarten für das Spiel geschenkt und ich hab eine davon Fabian gegeben.«
»Okay. Nachdem es scheinbar niemanden gibt, zu dem Marco für ein paar Tage kann, bis sein Vater wieder aus der Klinik kann, kann er vielleicht mit zu einem von euch?«
Martin und Fabian tauschten einen Blick.
»Das geht nicht«, sagte Marco leise und mit rauer Stimme. »Martin und Fabian wohnen doch im Kinderheim. Da kann ich nicht einfach mit.«
»Doch, ich glaube schon, dass das geht«, wandte Martin zögerlich ein.
»Ach ja, ihr seid von Sophienlust, nicht wahr?«, sagte der Trainer und sah sie an.
»Ja. Ich kann Nick anrufen und fragen, ob Marco mit ins Kinderheim kann«, bot Fabian an.
»Wer ist Nick?«, fragte der Trainer.
»Ihm gehört Sophienlust«, erklärte Martin.
»Er ist der Heimleiter, nicht wahr? Von ihm habe ich schon gehört«, sagte der Trainer.
»Nicht der Heimleiter«, korrigierte Fabian. »Tante Ma ist die Heimleiterin. Sie heißt aber richtig Else Rennert. Wir nennen sie nur alle Tante Ma. Und Nick gehört eben das Kinderheim.«
»Auch gut«, erwiderte der Trainer. »Vielleicht kannst du ihn anrufen und ihm kurz sagen, worum es geht und dann spreche ich mit ihm?«
Fabian nickte.
»Hast du ein Handy?«
»Natürlich.« Vorwurfsvoll sah Fabian den Trainer an.
*
