Herzschlag des Bösen 2 - Matthias Soeder - E-Book

Herzschlag des Bösen 2 E-Book

Matthias Soeder

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Beschreibung

Abschlussband des Thriller-Zweiteilers "Herzschlag des Bösen": Hanna ahnt nicht, dass sie Opfer eines grausamen Plans ist. Sie ahnt nicht, dass der hochintelligente Psychopath Igor Poljakow grenzenlosen Hass auf sie hat. Sie ahnt ebenso wenig, dass er Jagd auf sie macht und die dunkle Seele seines Wahnsinns nach ihr greift. Der Pilot Jens Bachmann, den die Journalistin Hanna Engels liebt, ist wegen mehrfachen bestialischen Mordes verhaftet worden. Für sie scheint keine Gefahr mehr zu bestehen. Doch im zweiten und abschließenden Band des Zweiteilers "Herzschlag des Bösen" von Matthias Soeder kommt es zur ultimativen Begegnung zwischen Igor und Hanna – fesselnd und atemberaubend steuert die Geschichte auf einen spektakulären Showdown zu. Ein Thriller für Fans echter und harter Gänsehautspannung.

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Matthias Soeder

Herzschlag des Bösen 2

Thriller

eISBN 978-3-948987-32-9

Copyright © 2022 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Mascha Vassena

Covermotiv:

© depositphotos/@ ArenaCreative (Auge)

© shutterstock/ Needatang

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de

Der Autor

Matthias Soeder, geboren am 6. März 1962 in Schweinfurt, war Verkehrspilot und steuerte Flugzeuge bei East West Airlines und bei Lufthansa Cityline. In seinen letzten 19 Berufsjahren flog er als Kapitän bei der Frachtairline ‚Cargolux‘ mit dem Jumbo kreuz und quer durch die Welt. Den Job als Pilot hat er vor Kurzem an den Nagel gehängt, um sich voll und ganz seiner Leidenschaft, dem Schreiben von Thrillern, zu widmen.

Veröffentlichungen: „Herzschlag der Gewalt“ (Thriller, 2017).

Inhalt

Der Autor

Was bisher in ‚Herzschlag des Bösen - Teil 1‘ geschah:

Prolog Frankfurt, 27. Juni 2014

1 Frankfurt, 27. Juni 2014.

2 Frankfurt, 27. Juni 2014

3 Frankfurt, 30. Juli 2014

4 Frankfurt, 30. Juni 2014

5 Frankfurt, 01. Juli 2014

6 Frankfurt, 01. Juli 2014

7 Hanau, 02. Juli 2014

8 Frankfurt, 06. Juli 2014

9 Frankfurt, 08. Juli 2014

10 Hanau, 08. Juli 2014

11 Frankfurt, 10. Juli 2014

12 Frankfurt, 11. Juli 2014

13 Frankfurt, 12. - 13. Juli 2014

14 Frankfurt, 15. Juli 2014

15 Frankfurt, 22. Juli 2014

16 Frankfurt, 23. Juli 2024

17 Frankfurt, 24. Juli 2014

18 Frankfurt, 26. Juli 2014

19 Frankfurt, 29. Juli 2014

20 Frankfurt, 02. August 2014

21 Frankfurt, 04. August 2014

22 Frankfurt, JVA I, 08. August 2014

23 Frankfurt, 11 August 2014

24 Frankfurt, 15. August 2014

25 Frankfurt, 20. August 2014

26 Frankfurt, 20. August 2014

27 Frankfurt, 21. August 2014

28 Frankfurt, 22. August 2014

29 Rheinbrohl in der Nähe von Koblenz, 23. August 2014

30 Frankfurt, 23. August 2014

31 Bad Kissingen, 24. August 2014

32 Neu-Isenburg, 25. August 2014

33 Bad Orb, 25. August 2014

34 Neu-Isenburg, Bad Orb, 25. August 2014

35 Bad Orb, 25. August 2014

36 Bad Orb, 25. August 2014

37 Bad Orb, 25. August 2014

38 Bad Orb, 25. August 2014

39 Offenbach, Neu-Isenburg, 26. August 2014

40 Frankfurt, 27. August 2014

41 Hanau, 27. - 28. August 2014

42 Neu-Isenburg, 28. August 2014

43 Hanau, 28. August 2014

44 Frankfurt, 29. August 2014

45 Frankfurt, Neu-Isenburg, 29. August 2014

46 Neu-Isenburg, 29. August 2014

47 Neu-Isenburg, 29. August 2014

48 Frankfurt, 03. Oktober 2014

Epilog Frankfurt, 04. Oktober 2014

Nachwort

Danksagung

Weitere Unterstützer

Was bisher in ‚Herzschlag des Bösen - Teil 1‘ geschah:

Die Journalistin Hanna Engels wird in Nigeria von Rebellen verschleppt und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Der Chef der Boko Haram sinnt auf Rache.

Wieder zurück in Frankfurt erkennt Hanna, dass sie ihren Lebenspartner, den stinkreichen Unternehmer Vincenzo Fortunato, nicht liebt. Sie will die Beziehung beenden, doch er macht ihr vorher unerwartet und öffentlich einen Heiratsantrag. Hanna lehnt ab. Der Sizilianer fühlt sich zutiefst gedemütigt.

Auf einem Kongress für Flugsicherheit lernt sie kurze Zeit später den Frachtpiloten Jens Bachmann kennen und lieben. Sie ahnt nicht, dass sie bereits im Visier eines menschenverachtenden Auftragsmörders ist.

Der hochintelligente Psychopath Igor Poljakow führt ein perfektes Doppelleben. Er ist ein Meister der Tarnung und Täuschung, und hinter dem Deckmantel seines offiziellen Berufs mordet er auf der ganzen Welt. Seine Spezialität ist gleichzeitig seine Leidenschaft. Er liebt es, Menschen bis zum letzten Atemzug grausam zu foltern.

Igor hat wiederkehrende Albträume. Doch bald ist er sich sicher, dass es eine Rückerinnerung ist. Vor 400 Jahren wurde er als Kind bei der hochnotpeinlichen Befragung qualvoll zu Tode gefoltert. Eine dürre Nonne war dafür verantwortlich.

Jetzt lebt seine Seele im Körper von Igor und in Hanna Engels erkennt er die Nonne von damals. Die Rache ist seine Bestimmung. Sie wird zu seinem Lebensinhalt und die Jagd auf die Journalistin sein Meisterwerk. Er spielt mit ihr, kommt ihr so nah wie noch keinem seiner Opfer zuvor und Hanna hat keine Ahnung von der tödlichen Gefahr.

Auch wenn Igor, ein begnadeter Hacker, im Ausland unterwegs ist, überwacht er jeden ihrer Schritte, jede Bewegung, jedes Wort. Handy, Auto, Wohnung, Laptop … alles ist verwanzt und mit Spionagekameras bestückt. Nichts bleibt Igor verborgen. Die Nonne kann seiner Rache nicht entkommen.

Igor wiegt sie in Sicherheit und lässt sie ihr Liebesglück genießen, während er das große Finale vorbereitet.

Um seine immer stärker werdende Sucht nach Opferschmerz und Blut zu stillen, bringt er in der Zwischenzeit andere Frauen um. Die Morde gehören zu seinem Plan und dienen als Vorbereitung für Hanna.

In Los Angeles steht die Polizei nach einem brutalen Foltermord vor einem Rätsel. Es gibt keine DNA, keine verwertbaren Spuren. Der Mörder scheint ein Geist zu sein. Doch da taucht ein Hinweis auf. Die Spur führt nach Frankfurt. Das Amtshilfeersuchen aus den USA landet bei Klaus Schulz auf dem Tisch. Der scharfsinnige Kriminalbeamte erkennt Zusammenhänge zu weiteren Verbrechen in anderen Teilen der Welt. Es gibt einen Mann, der bei den Morden immer vor Ort ist: Frachtpilot Jens Bachmann. Er beteuert seine Unschuld, doch weitere Indizien tauchen auf und der Pilot wird verhaftet.

Hanna Engels ist entsetzt. Sie hasst Gewalt gegen Frauen und kann nicht glauben, dass sie einen bestialischen Frauenmörder geliebt hat.

Und sie ahnt nicht, dass die Verhaftung zu Igors heimtückischem Plan gehört.

Die Jagd auf die Nonne geht in die finale Phase.

Prolog

Frankfurt, 27. Juni 2014

Igors Geist schlug Alarm. Verwirrt zog er die Decke zur Seite, stand auf, orientierte sich in der Dunkelheit. Es musste schon weit nach Mitternacht sein. Langsam, die Hände tastend nach vorne gestreckt, lief er zum Fenster.

Neumond, es war stockfinster. Einige Wolken am Himmel, doch die Sterne waren gut zu erkennen. Es waren die gleichen, die er auch vor 400 Jahren durch das vergitterte winzige Kerkerfenster gesehen hatte.

Warum waren plötzlich diese verfluchten Zweifel erwacht? Es lief doch alles nach Plan: die perfekte Überwachung, die Morde, die Täuschung, die Liebesgefühle der Nonne und nun die Verhaftung ihres Liebsten. Auch für das Finale war alles bis ins kleinste Detail vorbereitet: der Foltertisch, die Instrumente, Medikamente, Weihrauch, alles da. Damit es wegen des Blutverlustes nicht zum Organversagen kommen konnte, wartete bereits die Blutspenderin im Käfig auf ihren Einsatz. Sogar an die Sauerstoffversorgung für eine künstliche Beatmung hatte Igor gedacht. Wochenlang würde er Hanna Engels immer wieder an und über ihre Schmerzgrenze bringen, bis sie letztendlich den Abgang machte. Also warum zur Hölle waren da diese verfluchten Zweifel?

Habe ich etwas übersehen?

War die Bestrafung der Nonne noch immer nicht ausreichend? Doch wie konnte es eine Steigerung geben?

Während Igor grübelnd in den Nachthimmel starrte, erwachte der altbekannte Sog. Schwindel, Übelkeit. Igor torkelte zurück zum Bett, legte sich hin und schloss die Augen. Sein Herzschlag nahm Fahrt auf.

Eine weitere Zeitreise kündigte sich an. Der Sog wurde immer stärker, bis er schließlich seine Seele mit brachialer Gewalt aus dem Leib riss. Kosmische Unendlichkeit, Erleichterung, Wohlbehagen, vollkommenes Glück, tiefe Zufriedenheit.

Sein Geist war wieder zu Hause in der Seelenheimat. Das erlösende ‚Vergessen‘ erwachte zaghaft, umnebelte seine Erinnerungen. Doch wie üblich währte der Zwischenstopp im paradiesischen Universum und das damit verbundene Glücksgefühl viel zu kurz. Eine neue Kraft erwachte. Sie war vergleichbar mit der Magnetkraft und bedeutete Schmerz, Leid und Wiedergeburt. Die Seele rauschte nach Bamberg, ins Jahr 1628. Ins Malefizhaus, in den geschundenen Körper des jungen Johannes. Die euphorische Glückseligkeit aus der zeit- und dimensionslosen Seelenheimat wurde ersetzt durch die grauenhafte Hölle der hochnotpeinlichen Befragung. Der blutbefleckte Eichentisch, die brutalen Knechte, die unerträglichen Schmerzen, die verfluchte Nonne. Mit Lederriemen hatten sie ihn auf dem Foltertisch festgezurrt. Seine Arme waren unnatürlich weit hinter dem Rücken an einem Seil hochgezogen. Es hatte fürchterlich gekracht in den Schultern und nun fühlte es sich so an, als wären die Arme nur noch durch Sehnen, Haut und Fleisch mit dem Oberkörper verbunden.

Die fordernde Stimme der dürren Nonne: „Welche Frauen besuchten deine Mutter?“

Johannes wollte Namen nennen, alles sagen, was die Nonne hören wollte. Doch da war der Holzsplitter im Hals. Alles angeschwollen, sprechen nicht möglich, schnaufen kaum noch. Warum konnte sie das nicht erkennen?

Mit wutverzerrter Fratze beugte sich die Nonne ganz nah vor sein Gesicht. Grüne Augen funkelten ihn bösartig an.

„Wer — war — bei — deiner — Hexenmutter?“, fragte sie flüsternd und zornig.

In einer gewaltigen Kraftanstrengung wollte Johannes einen Namen aus dem Mund pressen, damit sie endlich aufhörten mit der Folter. Doch nur ein Schwall flüssiger Kotze, vermischt mit Blut, spritzte heraus und traf ihr Gesicht. Sie sprang zurück.

„Pfählen!“, schrie die Nonne in schrillem Ton einer Wahnsinnigen.

Der Sog setzte ein, riss die Seele aus dem Körper von Johannes. Er freute sich auf den erlösenden Tod. Kein Knecht, keine verrückte Nonne, kein Folterwerkzeug und kein Schmerz konnten ihm noch etwas anhaben. Er war entkommen. Spürte jeder sterbende Mensch diesen befreienden Sog?

Die Seele war nun wieder zu Hause, losgelöst von Raum und Zeit. Gerettet, glücklich und zufrieden. Es war der Ort, den viele Menschen als Himmel bezeichnen würden, oder als Paradies. Von hier wollte niemand mehr weg. Auch Johannes’ Seele – gleichzeitig die von Igor – wollte hierbleiben, doch sie hatte keinen Einfluss auf die nichtstofflichen Reisen. Das zaghaft erwachende ‚Vergessen‘ wurde durch die einsetzende Magnetkraft jäh zurückgedrängt.

Die Seele knallte wieder zurück in Igors Körper, ins Jahr 2014. Die Schmerzen in Schultern, Hals und Gedärm wurden schwächer, hörten schließlich ganz auf. Nur der Geruch nach verbranntem Fleisch hing noch in Igors Nase.

Bestürzt öffnete er die Augen und richtete sich auf. Die Zeitreise hatte ihm die Antwort gebracht. Jetzt wusste Igor, warum sein Geist Alarm geschlagen hatte.

Sein Leib zitterte in hilflosem Hass, als die grauenvolle Erkenntnis in sein Bewusstsein drang. Mit unerträglicher Gewissheit wurde ihm die Endlichkeit seines Tuns bewusst. Das Wissen um die Unmöglichkeit, ihre Seele nach dem körperlichen Tod zu beherrschen und zu foltern, war nicht zu ertragen.

Der erlösende Tod. Der verfluchte erlösende Tod! Mit Entsetzen erkannte Igor den Tod als seinen mächtigsten Gegenspieler.

Wie Johannes’ Seele durch den körperlichen Tod der Folter entwischt war, würde auch die Nonne entkommen. Sie würde den gleichen Notausgang ins Paradies nehmen. Einfach nur sterben, und schon war sie gerettet. Wohlbehütet im unendlichen Universum, in der Heimat aller Seelen. Frei von Nöten, Schmerzen und Angst. Es war ähnlich wie bei einem Patienten, der nach einer OP aufwachte und sich aufgrund der Narkose weder an den Eingriff noch an die damit verbunden Schmerzen erinnerte. Das kosmische ‚Vergessen‘ löschte alle Erinnerungen an die Folter und machte die Schmerzen dadurch ungeschehen.

Und ihre Seele würde unerreichbar sein für Igor, sicher vor seiner Rache.

Er erkannte, dass er die Kontrolle über ihren Körper nur für eine geringe Zeit haben konnte. Eine mehrwöchige Folter war weniger als ein Wimpernschlag im Angesicht der Ewigkeit. Die verfluchte Nonne würde am Ende entkommen. Das Wissen um die Flüchtigkeit ihrer Seele nach dem körperlichen Tod machte ihn rasend. Ein aggressives Summen, als stünde er unter einer Hochspannungsleitung, klang in seinen Ohren. Pulsierende Hitze strömte durch seinen Körper.

Der Wahnsinn griff nach seinem Geist.

1

Frankfurt, 27. Juni 2014.

Hanna drehte den Kopf zur Seite und schaute auf den Leuchtwecker: 02:46 Uhr. Sie war todmüde, doch der Gedankenterror hielt sie vom Schlaf ab. Obwohl die kühle Nachtluft durch das gekippte Fenster wehte und das dünne Bettlaken nicht einmal bis zur Hüfte hochgezogen war, schwitzte sie. Ihr Kopfkissen war inzwischen durchnässt von den Tränen. Alles fühlte sich feucht, heiß und klamm an.

Wie schnell sich doch Glück in Leid verwandeln konnte. Noch gestern Mittag hatte Hanna sehnsüchtig auf Jens gewartet, wollte zwei wunderbare Wochen mit ihm verbringen. Die Zweifel, die vor wenigen Tagen durch das Gespräch mit Kriminalhauptkommissar Schulz erwacht waren, hatte Hanna erfolgreich in Schach gehalten. Sie war sich sicher gewesen, dass sich alles klären würde.

Doch als Jens nach seinem Flug nicht zu ihr gekommen war, meldeten sich die Zweifel zurück. Dann kam die Angst, dann kam das schlimme Telefonat mit dem Flugbetriebsleiter. „Tut mir leid, Frau Engels“, hatte er mit emotionsloser Stimme gesagt. „Das SEK hat Kapitän Bachmann sofort nach der Landung verhaftet.“

Mit der Erkenntnis war der Schock gekommen.

Ich habe einen Frauenmörder geliebt. Wie konnte ich mich nur so blenden lassen?

Seufzend drehte Hanna sich auf die Seite und versuchte, endlich einzuschlafen. Doch je stärker sie sich bemühte, die schlimmen Ereignisse der letzten Tage zu ignorieren, umso mehr dachte sie daran. Es war so, als gerate ihr Verstand außer Kontrolle.

Oh Gott, bitte lass das alles nicht wahr sein.

Auch als sie in Nigeria eine Gefangene der Terroristen war, hatte sie Gott angefleht. Dabei glaubte sie nicht mal an ihn. Doch damals hatte es geholfen.

Plötzlich erwachte das beklemmende Gefühl einer Bedrohung, so wie damals unter dem Schutz der Soldaten in Nigeria kurz vor dem Überfall. Damals hatte das Gefühl sie nicht getäuscht.

Einbrecher? Hannas Sinne waren sofort geschärft.

Ihre Augen waren geöffnet, doch es war kaum was zu sehen in der Dunkelheit. Sie lag reglos da, bemühte sich leise zu atmen, spürte ihr stärker pumpendes Herz in der Brust. Ängstlich lauschte sie in die Nacht. Doch auch nach mehreren Minuten blieb alles ruhig, nur der schwache Wind und die üblichen Geräusche der Stadt waren zu hören. Hanna ließ das beklemmende Gefühl auf sich wirken und versuchte die Gefahr zu ergründen.

Nein, es war nicht so wie in Nigeria. Damals spürte sie eine unmittelbare Gefahr. Doch nun war es so, als ob irgendjemand an sie dachte und ihr Böses antun wollte. Kam die Bedrohung von Jens? Blödsinn. Er war ja eingesperrt.

Es musste Einbildung sein. Ihre Psyche spielte ihr bestimmt einen Streich, was ja nach all den schlimmen Erlebnissen nicht verwunderlich war. Zudem war sie schrecklich übermüdet und kaum noch zu klarem Denken fähig.

Nach kurzer Zeit ebbte das Bedrohungsgefühl ab.

Schlafen, ich will endlich schlafen. Nicht denken, nicht erinnern, einfach nur schlafen.

Hanna drehte sich auf den Rücken, schloss die Augen und wie bei einer Meditation legte sie die Arme neben sich.

Um die zerstörerischen Gedanken zu vermeiden, konzentrierte sie sich auf ihren Herzschlag. Bumbum, bumbum, bumbum.

Es wirkte. Hannas Körper und Geist entspannten sich. Erinnerungen an Jens erwachten. Doch diesmal waren sie positiv und beruhigend.

Sein freundliches Gesicht erschien vor ihrem geistigen Auge. Sein verschmitztes und charmantes Lächeln. Ihre Intuition, auf die sie sich bisher immer verlassen konnte, sagte ihr, dass Jens kein Mörder war.

Hanna hatte sich täuschen lassen von der Verhaftung und den absurden Anschuldigungen. Von eindeutigen Indizien hatte die Kripo gesprochen. Doch im Mittelalter war es auch eindeutig, dass die Erde eine flache Scheibe war. Wer das infrage stellte, wurde der Ketzerei bezichtigt und hingerichtet. Es gab unzählige Beispiele von eindeutigen Indizien, die sich später als falsch herausstellten.

Verzeih mir, mein Liebling. Verzeih meine Zweifel.

Hatte sie die letzten Worte gesprochen? Hanna wusste es nicht, sie war zu müde zum Denken.

Vielleicht ist das alles ja nur ein schlimmer Albtraum.

Hannas Geist schwebte in den Schlaf.

Plötzlich lag Jens neben ihr. Sie spürte seine Wärme, roch seine Haut und hörte sogar seinen leisen Atem. Es war also doch alles nur ein Albtraum. Hanna war glücklich.

Schlaftrunken tasteten ihre Finger über das Bett neben sich. Sie wollte sich so gerne an ihren Liebsten kuscheln.

Doch das Bett war leer. Hanna erkannte die Täuschung. Der starke Wunsch nach seiner Nähe hatte ihr einen Streich gespielt. Sein leiser Atem war der säuselnde Wind vor dem offenen Fenster, seine Wärme war ihr eigener erhitzter Körper, sein Geruch war nur Einbildung.

Tränen sammelten sich wieder in ihren Augenwinkeln, kullerten zu beiden Seiten übers Gesicht auf das Kopfkissen.

Sie war wieder hellwach und registrierte verzweifelt die schreckliche Realität. Jens saß im Untersuchungsgefängnis und war angeklagt, ein bestialischer Mörder zu sein. Doch zumindest wusste Hanna nun, dass er unschuldig war.

Verzweiflung machte durstig. Ächzend stand Hanna auf. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Gummi. Verzweiflung machte auch schwach.

Mit vorsichtigen Schritten schlich sie langsam in die Küche. Das Licht schaltete sie nicht an, es wäre zu grell gewesen. Durch das Fenster zur Straße hin drang der Schein der Straßenlaterne und erhellte die Küche.

Mit zittrigen Händen schenkte Hanna sich ein Glas Wasser ein und trank einen Schluck. Ein Teil des Wassers schwappte über und tropfte auf den Boden. Als Hanna mit dem Glas zum Fenster ging, das zum Garten zeigte, spürte sie die Nässe unter ihren Fußsohlen. Für einen schrecklichen Moment hatte sie den Eindruck, über Blut zu laufen.

Am Fenster angekommen, erkannte sie in der Dunkelheit die sanft tanzenden Büsche im stärker werdenden Wind. Zweige kratzten manchmal am Fenster. Schon seit längerem hatte Hanna den verrückten Eindruck, dass die Büsche lebendig waren und sie immer dann, wenn es ihr schlecht ging, beobachteten. Am deutlichsten spürte sie die Bedrohung von dem Busch direkt vor ihrem Küchenfenster. Wenn sie ganz genau hinschaute, konnte sie ein übergroßes Gesicht erkennen. Eine Monsterfratze, die hässliche Grimassen schnitt und nun im Schattenspiel der schwach leuchtenden Straßenlaterne besonders bedrohlich wirkte.

Der Wind frischte auf, der Tanz der Büsche wurde lebhafter und die Fratze lachte Hanna hämisch aus. Auch das Geräusch des Windes änderte sich, wurde zu einer flüsternden und schadenfrohen Stimme.

Du hast einen Mörder geliebt. Du hast einen Mörder geliebt.

„Hab ich nicht!“, schrie Hanna entsetzt auf. Das Wasserglas fiel auf die Bodenfliesen und zerschepperte.

„Hab ich nicht!“, schrie sie nochmal zur Bekräftigung durch das Fenster. Sie sank auf die Knie, hockte auf den Fersen, verbarg ihr Gesicht in den Händen und heulte.

Als sie aufblickte, bekämpfte die Morgendämmerung bereits mit ersten Erfolgen die Nacht.

Hanna schniefte, wischte den Rotz von der Nase und stand auf. Ächzend und langsam, die Beine schmerzten. Erst jetzt erkannte sie, dass ihre Knie blutig waren. Sie wischte die kleinen Splitter vom zerbrochenen Wasserglas aus der Haut, lief zurück ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Noch immer blies der frische Wind.

Hanna kauerte sich eng zusammen, schloss die Augen.

Jens ist kein Frauenmörder. Niemals würde er einem anderen Menschen Leid zufügen. Ich weiß es. Verdammt noch mal, ich weiß es!

Je überzeugter sie von seiner Unschuld war, desto deutlicher spürte sie, wie die Kraft trotz der Müdigkeit wieder zurück in ihren Geist strömte und die hilflose Schwäche vertrieb. Es war ein gutes Gefühl, wieder klar denken zu können. Mit Sicherheit gab es eine logische Erklärung für die Anschuldigung. Wahrscheinlich würde die Kripo bald anrufen und sagen, dass alles ein Irrtum war. Erkennungsdienstliche Fehler, Verwechslung, Doppelgänger …

Oder wollte irgendjemand Jens reinlegen? Ihm den Mord in die Schuhe schieben? Hanna würde das verhindern.

Aus ihrer frisch gewonnen Stärke wurde Entschlossenheit. Noch wusste sie nicht, was zu tun war. Doch sie wusste, dass sie etwas tun würde.

Mit diesen Gedanken schlief sie ein.

2

Frankfurt, 27. Juni 2014

Entnervt öffnete Marius das Word-Dokument. Er hasste es, Berichte zu schreiben und nun waren sogar zwei davon nötig. Um den wichtigen Bericht über die Verhaftung des Kapitäns wollte er sich nachher kümmern. Zuerst kam - als Aufwärmung - der Bericht über die Vernehmung des Copiloten.

Dieser Dirk Schilling hatte nichts mit der Sache zu tun, da war Marius sich sicher. Als er von Beihilfe zum Mord gesprochen hatte, war der Copilot sogar in Tränen ausgebrochen.

Marius fing an zu schreiben. Doch schon nach wenigen Zeilen kam er ins Stocken, die richtigen Formulierungen wollten ihm einfach nicht einfallen, seine Gedanken waren ganz woanders.

So ein verdammter Scheiß! Wäre alles nach Plan gelaufen, wäre ich seit letzter Woche Unternehmer und müsste mich nicht mit dieser Sklavenarbeit beschäftigen.

Marius packte seinen privaten Laptop aus der Tasche, stellte ihn neben den Dienstcomputer und öffnete die Datingsite für reiche Senioren. Neue Frauen wurden ihm keine angezeigt, da sein teures Abo ruhte. Schließlich hatte er ja Charlotte gehabt. Doch er konnte durch die alten Texte stöbern, die er mit ihr zu Beginn der Beziehung vor über einem Jahr ausgetauscht hatte. Die naive Kuh hatte ihm alles geglaubt, ihm schon nach wenigen Monaten den geilen Porsche und die teure Penthousewohnung geschenkt. Sie wollte ihm eine ihrer millionenschweren Firmen überschreiben. Marius sah sich am Ziel seiner Träume. Es wäre ein rasanter Aufstieg gewesen, die Krönung seines Lebens. Keine unwürdigen Arbeiten mehr, keine erniedrigende Bevormundung, keine Geldsorgen. Doch das Miststück hatte ihn verarscht, ihm im letzten Augenblick den Laufpass gegeben und den Notartermin für die Firmenumschreibung abgesagt. Die ganze Mühe und Zeit, die er in die Beziehung mit der alten Kuh gesteckt hatte … alles umsonst.

Es war zumindest ein kleiner Trost, dass es bei der Kripo nun überraschend gut lief.

Das Leben erschien Marius zurzeit wie eine Achterbahnfahrt. Zuerst ging es mit der Aussicht auf eine millionenschwere und arbeitsfreie Zukunft steil bergauf, dann kam mit dem Rückzug von Charlotte der Sturz in bedeutungslose Tiefe. Doch nun ging es wieder - gemächlich zwar, aber immerhin - in die richtige Richtung.

Klaus’ Herzinfarkt war zur rechten Zeit gekommen, wie eine glückliche Fügung. Ein neuer Leiter für K11 musste ernannt werden und keiner war besser geeignet als Marius. Das musste auch dem Kriminalrat bewusst sein. Zudem war Marius sowieso schon seit Längerem offizieller Stellvertreter gewesen und nun auch kommissarisch der Chef.

Als Beamter im gehobenen Dienst wollte Marius natürlich nicht versauern. An seinem Ziel, sich eine reiche Millionärswitwe zu angeln und daraus Profit zu schlagen, hatte sich nichts geändert.

Zu gegebener Zeit würde er sein Profil auf der Datingsite erneut aktivieren und die Jagd wieder aufnehmen.

Doch nun bot es sich an, die Beförderung noch mitzunehmen. Zudem würde er mit dem Status als offizieller Leiter der Mordkommission bessere Chancen bei den reichen Damen haben.

Mehr Geld gab es mit der Beförderung natürlich auch. Besoldungsgruppe A12 und Zulagen, doch das waren nur lächerliche Peanuts im Vergleich zu den finanziellen Möglichkeiten einer reichen Witwe.

„Bing“, ertönte es aus dem Dienstcomputer. Eine neue E-Mail. Neugierig öffnete Marius ein Rundschreiben von der Kriminaldirektion. Das Schreiben war knapp gehalten:

KHK Klaus Schulz ist außer Lebensgefahr und erholt sich überraschend schnell. Die Ärzte sind zuversichtlich, dass die Reha ihm wieder auf die Beine hilft.

KR Hoffmann

Verdammter Mist. Der Herzinfarkt hatte schlechte Arbeit geleistet. Ging es mit der Achterbahn schon wieder nach unten? So wie Marius den fetten Klaus einschätzte, würde er bestimmt nach der Reha den Job als Chef von K11 weitermachen wollen. Doch auf keinen Fall wollte Marius sich weiterhin als Stellvertreter knechten lassen. Klaus durfte nicht zurückkommen. Gerade jetzt, wo es so gut lief, musste das irgendwie verhindert werden. Aber wie?

Marius lehnte sich im Bürostuhl zurück, legte die Füße auf den Schreibtisch, faltete die Hände hinter dem Kopf zusammen und schloss die Augen. Nach wenigen Minuten kam ihm die Lösung.

Logisch, die Antwort lag auf der Hand. Der Kriminalrat würde das genauso sehen. Allen war damit geholfen.

Marius lächelte. Die kurze Wut war verraucht. Nein, es ging nicht wieder nach unten in der Achterbahn. Sie hatte nur Schwung geholt, um weiter nach oben zu fahren.

Das Diensttelefon klingelte. KR Hoffmann, stand auf dem Display. Wie passend. Als ob der Kriminalrat seine Gedanken gelesen hätte. Marius würde die Gelegenheit nutzen, Hoffmann seine Idee zu präsentieren. Zuversichtlich hob Marius ab.

„Wann ist der Bericht zur Verhaftung fertig?“ Hoffmanns Stimme klang fordernd und gereizt. „Ich brauche ihn für eine Presseerklärung, die ich abgeben muss.“

„So gut wie erledigt“, sagte Marius. „Ich warte nur noch auf einige Informationen von den Kollegen.“ Zum Glück war ihm geistesgegenwärtig die Notlüge eingefallen. „Ich habe übrigens eine geniale Idee zu Klaus Schu …“

„Ich habe dafür jetzt keine Zeit“, unterbrach ihn der Kriminalrat. „Bringen Sie mir den Bericht bis spätestens 15 Uhr.“ Hoffmann legte auf.

Marius schnaufte verärgert durch. Noch viel mehr als Berichte zu schreiben, hasste er es, so abgefertigt zu werden.

Er atmete frustriert aus. Bis 15 Uhr, das war in weniger als zwei Stunden. Eigentlich gut zu schaffen. Doch wenn man eine Tätigkeit hasste, dann waren selbst zwei Stunden ein Problem.

Aber wer sagte denn, dass Marius die langweiligen Berichte selbst schreiben musste? Schließlich saß er ja nun im Chefsessel.

Marius griff wieder zum Telefon, bestellte Peter zu sich und packte seinen privaten Laptop weg.

Wenige Minuten später klopfte es und Peter kam herein.

„Setz dich.“ Marius zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

„Um was geht’s?“

„Du musst den Bericht über die Verhaftung Bachmanns und den Bericht über die Vernehmung des Copiloten schreiben. Ich brauche sie bis 14:30 Uhr.

„Wieso ich?“

„Weil ich es dir sage und weil du bei der Verhaftung und bei der Vernehmung dabei warst.“

„Klaus schreibt die Berichte immer selbst. Zudem habe ich verdammt viel zu …“

„Stopp! Ich will keine Ausreden hören. Ich brauche die Berichte, und zwar schnell. Do you understand?“

„Das ist keine Ausrede. Ich muss …“

„Du nervst. Verschone mich mit Kleinigkeiten. Du hast gehört, was ich von dir brauche. Der Kriminalrat wartet darauf.“

Peter starrte ihn mit abweisendem Blick an. Schüttelte er den Kopf? Marius schnaufte tief durch. Er konnte das Großmaul nicht ausstehen. Er machte sich bestimmt Hoffnung auf den Stellvertreterposten, sobald Marius Chef war. Doch das konnte Peter vergessen. Dafür war er viel zu aufmüpfig.

Das ganze Team schien sich gegen Marius gestellt zu haben. Es war ein Sauhaufen, der dringend aufgeräumt werden musste. Und Marius war der richtige Mann dafür.

Um sich den nötigen Respekt zu verschaffen, musste das Team von seinen Fähigkeiten überzeugt werden. Marius erkannte die Gelegenheit. Mit Peter, dem größten Störenfried, würde er nun anfangen.

„Ich hab von Anfang an gewusst, dass wir es bei Bachmann mit einem Serienkiller zu tun haben. I knew it“, sagte Marius.

Peter zuckte mit den Schultern. Der Langweiler war wohl sprachlos. Hatte keine Spürnase, wie ein guter Kriminalbeamter sie haben sollte. Marius sprach weiter. „Der Mord in Singapur und die beiden Morde in Campinas hätten vermieden werden können, wenn ich den Fall von Anfang an geleitet hätte.“

Peter zuckte schon wieder mit den Schultern. „Wer weiß.“

„Wer weiß, wer weiß“, äffte Marius seinen Kollegen nach. „Mehr hast du nicht zu dem Fall zu sagen?“

„Was willst du denn hören? Der Mörder ist gefasst, die Mordserie hat damit zum Glück ein Ende.“

„Zum Glück? Drei Morde gehen auf das Konto von Klaus. Three fucking killings. Die junge Mutter mit ihrem süßen Mädchen und die Nutte in Singapur wären noch am Leben, wenn Klaus mich nicht ausgebremst hätte. Von Glück kann man da wohl kaum sprechen. No way.“

„Klaus ist genauso vorgegangen, wie es von den US-Behörden in dem Rechtshilfeersuchen und vom Staatsanwalt gefordert wurde.“

„Bullshit. Er hätte es wissen müssen. Zudem hatte ich ihn noch gewarnt. I warned him.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass es zunächst nur um Befragung und DNA-Proben ging. Wir können doch nicht jeden gleich verhaf …“

„Stop it! Klaus hat versagt. Sein Verhalten ist durch nichts zu entschuldigen. Er hat zwar den Herzinfarkt überlebt, doch seine Zeit in K11 ist vorbei. Er wird nie mehr Schaden anrichten, no way. Dafür sorge ich. Und ihr solltet das möglichst schnell kapieren.“

„Ich denke, du liegst komplett fal…“

„Es interessiert mich nicht, was du denkst. Ich bin die Zukunft, arrangiere dich mit mir.“

„Das lass mal meine Sorge sein“, sagte Peter trotzig.

„Du kannst jetzt gehen. Beeile dich mit den Berichten.“

Peter drehte sich abrupt um und schlug die Tür hinter sich zu.

Marius atmete tief durch. Eine große Aufgabe lag vor ihm.

Klaus hatte jeden in K11 um den Finger gewickelt. Fast schon vergötterten sie den alten Sack. Warum nur kam er so gut an bei den Mitarbeitern? Wie hatte er es geschafft, dass sie ihn alle so sehr mochten?

Marius schenkte sich Kaffee ein, trank nachdenklich einen Schluck.

Na klar, es war die lasche Führung von Klaus. Bei ihm konnten sie alle machen, was sie wollten. Kein Wunder also.

Zuckerbrot und Peitsche würde Marius einsetzten. Doch das Zuckerbrot mussten sie sich noch verdienen.

Das Team würde sich schnell an Marius und seinen Führungsstil gewöhnen. Sobald er offiziell als neuer Chef bestätigt war, würde er aufräumen. Nach der Eingewöhnung würden sie ihn genauso lieben wie den fetten Klaus. Aber vielleicht hatte Marius bis dahin ja wieder eine reiche Witwe am Hacken und dann würde er ganz schnell der Kripo den Rücken kehren.

Gut gelaunt schrieb Marius eine E-Mail an den Kriminalrat, bestätigte, dass er rechtzeitig die beiden Berichte vorlegen würde. Doch der eigentliche Grund der Mail war ein anderer.

Hoffentlich erholt KHK Schulz sich rasch, schrieb Marius. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und habe einen Vorschlag, der für alle Beteiligen eine gute Lösung wäre.

Da es nun nicht um einen langweiligen Bericht ging, sondern um eine geniale Idee, hatte Marius keine Schwierigkeiten mit der Formulierung. Mit diplomatischen Worten erklärte er, dass Schulz schon länger gesundheitlich angeschlagen war, was sich leider auch dienstlich auswirkte. Er erwähnte, dass drei Menschen noch leben würden, wenn Schulz nicht so stark abgebaut hätte.

Nur gut, dass die Presse nichts davon mitbekommen hatte, schrieb Marius. Ob der verehrte Kriminalrat es wohl in Erwägung ziehen könne, KHK Schulz, der sowieso bald im Pensionsalter war, schon etwas früher in die wohlverdiente Pension zu entlassen. Für diesen Fall empfahl sich Marius als neuer Leiter von K11. Voller Zuversicht schickte er die E-Mail ab.

Fischler hat Potenzial, werden sie bestimmt in der Kriminaldirektion sagen. Es wird Zeit, ihn zum Dienststellenleiter von K11 zu befördern.

Zufrieden schenkte Marius sich Kaffee nach und öffnete die elektronische Akte zum Fall ‚Bachmann‘. Er lächelte, als er ein Foto des Kapitäns sah. Endlich bekam dieses arrogante Arschloch seine gerechte Strafe.

Es war ein wunderbares Gefühl der Genugtuung gewesen, als der Idiot bei der Verhaftung mit Handschellen vor Marius stand und blöd geglotzt hatte.

Marius stöberte weiter durch die Akte. Die Auslieferungsanträge von Kalifornien und Singapur würden wegen der zu erwartenden Todesstrafe abgelehnt werden, schrieb der Staatsanwalt. Doch bestimmt stellten auch die Brasilianer einen Auslieferungsantrag. Dort gab es keine Todesstrafe.

Das Leben als Krimineller im Hochsicherheitstrakt in Brasilien würde kein Zuckerschlecken für das Bachmännchen sein. Dort herrschten chaotische Zustände, Gewalt unter den Gefangenen war an der Tagesordnung. Es gab genug Fälle von Gefangenenrevolten und Geiselnahmen als Protest gegen die Haftbedingungen. Wie wohl Ausländer behandelt wurden, die nicht die Landessprache beherrschten? Ob sie dem Bachmann jeden Tag in den Arsch ficken würden? Der Kapitän würde kein Jahr dort überleben. Doch schließlich war er selbst schuld. Man ermordet eben keine Frauen. Aber vor allem legt man sich nicht mit einem Marius Fischler an.

Er klickte sich weiter durch die Akte zur Zeugenbefragung Hanna Engels.

Marius kannte den Bericht von Klaus und war beeindruckt gewesen. Der Alte hatte mit geschickter Fragestellung interessante Antworten zur Wahrheitsfindung aus der Journalistin herausgeholt. Ihre Angaben bestätigten, was Marius längst wusste. Bachmann war der Mörder und die Engels hatte nicht kapiert, dass sie ihren Freund mit ihren Antworten ans Messer lieferte.

Marius googelte den Namen Hanna Engels, betrachtete Fotos von ihr. Dürr und groß war sie. Es musste geil sein, mit ihr in die Kiste zu steigen.

Ich muss die Engels kennenlernen. Am besten bei einer weiteren Zeugenbefragung bei ihr zu Hause. Schließlich bin ich ein gewissenhafter Kriminalbeamter.

Grinsend wählte Marius die Nummer.

„Engels“, meldete sich die Frau.

3

Frankfurt, 30. Juli 2014

Das Hochsicherheitsgefängnis Frankfurt 1 war die Heimat für Mörder, Terroristen, Totschläger … Kurz: für den Abschaum der Menschheit. Und Haus B, Zelle 328, war das neue Heim von Jens Bachmann.

Elf Quadratmeter. Weniger als drei Meter breit, keine vier Meter lang. Ein Bett, ein Stuhl, eine Tischplatte, ein Wasserkocher und ein kleiner Kühlschrank zählten zur Ausstattung. In der Zelle gab es auch noch eine Toilette und ein Waschbecken, sonst nichts.

Die schwere Eisentür wurde aufgeschlossen.

„Hey Pilot, ich hab was für dich.“

Der Wärter schmiss einen Umschlag aufs Bett.

Alle Briefe wurden aus Gründen der Sicherheit und Ordnung geöffnet und gelesen, hatten sie Jens bei der Einlieferung mitgeteilt. Doch der Umschlag auf seinem Bett war noch verschlossen. Jens schaute auf den Absender und verstand. Für diesen Brief galten andere Regeln.

Als der Wärter weg war, wollte Jens den Umschlag aufreißen. Doch lautes Geschrei lenkte ihn ab. Jens lief zum geöffneten Fenster und schaute durch die Gitterstäbe auf den Innenhof. Es war ein trostloser Anblick. Die hohen Mauern waren grau und grün angestrichen, Stacheldraht thronte wie eine Krone obendrauf. Alle Fenster, und es waren viele, waren vergittert. Um einen Fluchtversuch mit Helikopter zu verhindern, war ein Stahlnetz über den gesamten Innenhof gespannt. Einzig das Basketballfeld in der Mitte erschien als etwas Normales. Und von da kamen die Schreie.

Zwei Gefangene prügelten aufeinander ein. Pfeifen trillerten, mehrere Wärter gingen mit Schlagstöcken und Reizgas dazwischen, trennten die Streitenden und hielten die anderen auf Distanz.

Obwohl Jens hier mitten in Frankfurt war, fühlte es sich für ihn so an, als wäre er in einem anderen Universum. Es war aber nicht nur das befremdliche Umfeld, das so verstörend wirkte. Es waren vor allem die Freiheit, die Selbstbestimmung und die Würde, die ihm hier genommen wurden.

Gefügig sein und Klappe halten, hatte Jens bei der Begrüßung vor fünf Tagen herausgehört.

384 Überwachungskameras und 300 Mitarbeiter hielten die 600 Gefangenen in Schach. Ein Angriff auf einen Wärter wurde hart bestraft. Es wäre aber sowieso sinnlos, man käme ja nicht weit, behaupteten sie. Jeder einzelne Wärter hatte ein Notrufgerät bei sich und innerhalb weniger Sekunden würde bei einem Alarmsignal Verstärkung bereitstehen.

JVA Frankfurt 1 zählte zu einem der sichersten Gefängnisse der Welt. Noch nie hatte es bisher ein Gefangener geschafft, von hier abzuhauen.

Am Tag seiner Verhaftung war Jens dem Haftrichter vorgeführt worden. Der Typ faselte etwas von dringendem Tatverdacht, von der Schwere der Tat und von Fluchtgefahr. Anschließend steckten sie ihn in diese Zelle. Kein Kontakt zu den Mitgefangenen. Keine Genehmigung zum Arbeitsdienst, kein Hofgang mit den anderen Gefangenen, keine gemeinsamen Veranstaltungen, kein Besuch im Fitnessraum … totale Isolation. Wegen der Schwere der Tat kam Gruppenvollzug nicht infrage.

Bei der Einlieferung hatte Jens alles abgeben müssen, auch Laptop und Handy. Das war schmerzlich. Er durfte jedoch wählen, ob er die Gefängniskleidung - rotes Hemd und graue Hose - oder seine eigene Kleidung tragen wollte. Er entschied sich für die eigene Kleidung. Es war die einzige Entscheidung, die ihm zugestanden wurde.

Die Mahlzeiten wurden in seine Zelle gebracht. Das Essbesteck bestand aus Weichmetall, bog sich, wenn Druck darauf ausgeübt wurde. Unbrauchbar als Waffe, niemand konnte damit verletzt oder getötet werden.

Inzwischen kannte Jens die Gefängnis-Routine. Jeden Morgen gegen sechs Uhr wachte der Knast auf. Schritte hallten auf dem Flur, Stimmen, manchmal wütendes Schimpfen, Schlüsselgeklapper, aufgehende Türen, schließende Türen.

„Morgen“, sagten die Justizvollzugsbeamten normalerweise, wenn sie die schwere Metalltür zur Zelle öffneten. Das Wort ‚Guten‘ schenkten sie sich meist. Es wäre auch zynisch gewesen. Sie warteten auf eine Antwort von Jens oder auf eine Bewegung oder dass er einfach nur grunzte. Irgendeine Reaktion musste er zeigen, denn die Wärter überprüften, ob die Knackis noch lebten. ‚Lebendkontrolle’ nannten sie dieses morgendliche Ritual. Selbstmord war keine Seltenheit an diesem Ort.

Durch das Guckloch in der Tür konnten die Wärter jederzeit in die Zelle schauen und den Gefangenen beobachten. Im Reich der Schwerverbrecher gab es auch keine Privatsphäre.

Wenn Jens die Zelle verlassen durfte, was nicht oft passierte, waren immer zwei Wärter zur Aufsicht dabei. Was für ein Privileg, denn die anderen Gefangenen wurden nur von einem Wärter eskortiert. Auch das gelegentliche Duschen fand unter Aufsicht statt.

Jens hatte Anspruch auf eine Stunde Freigang pro Tag. In den Innenhof zu den anderen Gefangenen durfte er aber nicht. Sein Freigang fand im Spazierraum statt. Allein mit zwei Wärtern in einem Raum mit hellgrauen Wänden. Der Raum war etwa zwei Stockwerke hoch, zehn Meter lang, fünf Meter breit. Eine Tischtennisplatte aus Beton stand in der Mitte. Keine Fenster, nur ein Lichtschacht in der Decke, natürlich vergittert.

Wirklich leise war es nie. Obwohl die Wände dick und stabil waren, drang das Schnarchen des Zellennachbars oft zu ihm durch. Manchmal hörte Jens weinende Männer oder wütendes Schimpfen in verschiedenen Sprachen, gelegentlich auch aggressives Brüllen.

Psychische Störungen waren im Knast die Normalität. Viele Gefangene hatten Tobsuchtsanfälle, Depressionen und Suizidgedanken. Der Wahnsinn fand an diesem Ort reichlich Beute, doch Jens konnte ihn mit sportlicher Betätigung auf Distanz halten. Liegestützen, Kniebeugen und Bauchaufzüge waren auch in der kleinen Zelle machbar. Jeden Tag stellte er die Matratze an die Wand, drosch bis zur völligen Verausgabung darauf ein. Sie würden es nicht schaffen, ihn zu brechen.

Die Gefangenen mussten oft Monate bis zur eigentlichen Verhandlung warten. Manchmal dauerte es auch Jahre. Nach einer Verurteilung wurden die Verbrecher in ein anderes Gefängnis verlegt. Meistens für viele Jahre, manchmal auch für ein ganzes Leben.

Wer freigesprochen wurde, bekam 25 Euro Haftentschädigung pro Tag. Doch kaum jemand kam in den Genuss. Schließlich wurde man nicht grundlos in U-Haft gesteckt.

Das laute Gebrüll im Innenhof hatte aufgehört. Die beiden Streitenden wurden mit auf dem Rücken gebundenen Armen abgeführt, die anderen Gefangenen spielten weiter Basketball oder versammelten sich in Grüppchen zum Tratschen.

Jens drückte sein Gesicht zwischen die Gitterstäbe und schaute in die unendliche Weite des Himmels. Doch auch diese Sicht war eingeschränkt. Das Stahlnetz teilte den Himmel in winzige Quadrate ein.

In Santiago de Chile, 12000 Kilometer entfernt von hier, hätte Jens noch abhauen können. Geld von einem seiner Offshore-Konten abheben, untertauchen und mit anderer Identität eine neue Existenz aufbauen.

Doch nun wurde sein Leben von Strafvollzugsbeamten bestimmt. Bald würden ein Verteidiger und ein Staatsanwalt um sein Schicksal kämpfen und ein Richter würde darüber entscheiden.

Jens war sich seiner Situation sehr wohl bewusst. Der Verteidiger würde mit kümmerlichen Argumenten arbeiten müssen und der Staatsanwalt hatte übermächtige Beweise. Es war ein ungleicher Kampf. David gegen Goliath. Steinschleuder und Kieselstein gegen schwere Rüstung und scharfes Schwert. Doch in der Legende aus der Bibel hatte der kleine David gegen den Riesen gewonnen.

Jens lief zurück zum Bett, riss den Umschlag auf und las den Brief.

Morgen würde David sehen, wie groß seine Kieselsteine waren.

4

Frankfurt, 30. Juni 2014

Die grelle Sonne brannte durch das Dachfenster und weckte Dirk aus seinem Mittagsschlaf. Schlaftrunken und verschwitzt richtete er sich aus dem Sofa auf und rieb sich die Augen. Während er sich blinzelnd in seinem Wohnzimmer umsah, kamen die Sorgen zurück.

Können sie mir etwas anhaben?

Diese Frage war ihm in den letzten Tagen immer wieder durch den Kopf gegangen. Letzten Donnerstag, einen Tag nach der Verhaftung von Jens, war Dirk bei der Kripo zur Vernehmung gewesen. Er hatte diesem Fischler und dem anderen Bullen alles gesagt, was er wusste. Nur von dem Fremden hatte Dirk nichts erzählt. Schließlich hatte das ja nichts mit dem Verbrechen zu tun.

Dieser Fischler hatte ihm einen gewaltigen Schrecken eingejagt, als er von ‚Beihilfe zum Mord‘ gesprochen hatte.

Zum Glück hatte Dirk gute Alibis und auch Zeugen, die bestätigen konnten, dass er während der Tatzeiten weit weg war. Vor allem die Nutte in Campinas würde ihn entlasten. Sie war in der Mordnacht die ganze Zeit mit ihm auf dem Hotelzimmer gewesen, hatte bei ihm gepennt. Und da waren auch noch die Hotelangestellten und der Barkeeper im Hotel in Los Angeles.

Dieses Gerede von dem Bullen über ‚Beihilfe zum Mord‘ war bestimmt nur eine Finte gewesen.

Oder doch nicht? Sie hatten ihn jedenfalls nicht verhaftet und er konnte als freier Mann nach Hause gehen. Und schließlich hatte Dirk tatsächlich nichts mit den Morden zu tun.

Aber Jens war ein Serienmörder. Unglaublich. Noch immer fühlte sich der Gedanke wie ein Fremdkörper im Hirn an.

Dirk hatte nicht die geringste Ahnung gehabt, mit was für einem Irren er da jahrelang geflogen ist.

Zwar war Jens ein Arschloch und ein ewiger Besserwisser, doch niemals hätte sich Dirk vorstellen können, dass sein Kollege ein brutaler Mörder war.

Und nun wurden wegen dieses Idioten die Bullen auf Dirk aufmerksam. Hoffentlich würden sie nicht zu sehr in seinem Privatleben herumschnüffeln.

Durch das gekippte Dachfenster klang das kreischende Geräusch eines abfliegenden Flugzeugs. Dirk wohnte nicht allzu weit weg von der Einflugschneise.

Er stand auf, schaute aus dem Fenster und erkannte in der Ferne einen Jumbo im Steigflug. Auf dem Seitenleitwerk konnte er sogar das Logo von Worldcargo erkennen.

Bestimmt werde ich bald als Kapitän so eine Kiste fliegen.

Bachmanns Stelle musste nachbesetzt werden. Der Angeber würde schließlich nie mehr in ein Cockpit steigen, wahrscheinlich nie mehr aus dem Knast kommen. Jens war erledigt. Nix mehr mit Klugscheißen. Am Ende siegte immer die Gerechtigkeit. Der Fremde hatte recht behalten.

Der Fremde! Glühend heiß fiel er Dirk wieder ein. Es stand ja noch eine Zahlung aus.

Eilig zog Dirk die Jogginghose über und steckte den Schlüsselbund in die Hosentasche. Er nutzte die Gelegenheit, um den Abfall aus der Küche zu entsorgen. Dirk stieg die Treppe hinunter und warf die Abfalltüte in die Mülltonne.

„Hallo, Herr Schilling. Wie geht es Ihnen?“

Der Alte hing wie so oft am Fenster und glotzte auf die Straße. Dirk hatte ihn gar nicht gesehen.

„Bestens, Herr Fritsch. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“

Dirk hatte keine Lust, mit dem alten Sack zu quatschen. Fritsch war ein nerviger Rentner, der nichts Besseres zu tun hatte, als den ganzen Tag die Leute auszuspionieren.

Eilig ging Dirk zurück zum Hauseingang und öffnete seinen Briefkasten. Mehrere Briefe. Zwei Rechnungen waren dabei, eine Mahnung und ein dicker Umschlag.

Für Kapitän Schilling, stand darauf. Wie üblich ohne Absender. Der Umschlag fühlte sich prall an. War das alles Kohle? Es war ein geiles Gefühl.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte Dirk die Treppen nach oben in seine Wohnung. Völlig außer Atem drückte er die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Schwitzend und mit rasendem Puls ließ er sich ins Sofa plumpsen.

Die Rechnungen und die Mahnung schmiss er achtlos auf den Tisch, hielt nur noch den prallen Umschlag in den Händen. Ungeduldig riss er ihn auf, schaute hinein. Drei kleinere Briefumschläge waren darin. Auch die riss Dirk auf. Sein Atem stockte.

Es dauerte einige Minuten, bis er mehrmals durchgezählt hatte. 20000 Euro. Die Summe bestand aus 500- und 200-Euro Scheinen. Es hatte sich ausgezahlt, auf den Fremden zu hören.

Dirk wischte mit dem Taschentuch über sein verschwitztes Gesicht und breitete kichernd die Geldscheine auf dem Wohnzimmertisch neben den anderen Briefen aus.

Mehr als der halbe Tisch war nun bedeckt. Dirk schnaufte tief durch, lehnte sich zurück und starrte auf das viele Geld.

Was für eine geile Tischdecke.

Das Telefon klingelte. Crewplanning stand auf dem Display. Dirk hob ab.

„Hallo Dirk. Sorry für die Störung, aber es geht um ne dringende Sache“, sagte die Tussi.

„Was gibt’s?“

Die Tussi sprach weiter. Nach wenigen Augenblicken erhöhte sich Dirks Pulsschlag. Er schloss die Augen, sein Atem ging stärker.

Wie in Trance legte er nach dem Gespräch auf.

Obwohl er mit diesem Anruf gerechnet hatte, war er jetzt, nachdem es tatsächlich passierte, von der Mitteilung überwältigt.

Die Blase drückte, er musste plötzlich dringend aufs Klo.

Während er im Stehen pisste, strich er mit der Hand über die kratzenden Bartstoppeln. In dem Maße, wie sich seine Blase leerte, füllte die Nachricht sein Bewusstsein. Er fing an zu grinsen und mit einem Siegesschrei presste er die letzten Tropfen heraus.

Seit er vor vielen Jahren Pilot geworden war, hatte er darauf gewartet und nun war es endlich so weit.

Ob er sich vorstellen könne, sofort mit der Ausbildung zum Kapitän anzufangen, hatte die Tussi gefragt. Dann hatte sie sich entschuldigt für die überraschende Änderung. Überraschend? Ha, ha. Vielleicht für Worldcargo.

Dirk schloss die Augen, stellte sich vor, wie er mit den vier Streifen durch die Firma laufen würde. Die anderen Copiloten, die Dispatcher, die Techniker, die Crewbusfahrer, die Weiber, ach, alle würden sie glotzen.

Wenn Dirk in Zukunft nach dem Dienst nach Hause fuhr, würde er nicht mehr unterwegs auf dem Parkplatz anhalten müssen, um die Copilotenjacke gegen die Kapitänsjacke auszutauschen und die Schulterklappen zu wechseln. Die vier goldenen Streifen würden ihn bald für immer schmücken.

Ein alter Schulfreund arbeitete als Journalist beim Frankfurter Mainspiegel. Der würde bestimmt einen schönen Artikel schreiben. Schließlich sollte jeder wissen, dass der Schilling Kapitän war.

Ich sollte einen Aufkleber mit dem Jumbo auf mein Auto anbringen. Die Leute sollen sehen, was für eine geile Kiste ich als Kapitän fliege.

Dirk hatte keine finanziellen Sorgen mehr. Erst war da der Geldregen von dem Fremden und nun würde sich das monatliche Einkommen kräftig erhöhen.

Sollte er sich noch heute einen AMG-Mercedes oder doch lieber einen Audi R8 bestellen? Schließlich fuhr man als Kapitän ja nicht mit einer Schrottkiste rum.

Bing. Eine E-Mail. Dirk sah auf seinem Handy, dass sie von der Trainingsabteilung kam. Viele Anhänge waren dabei.

Plötzlich wurde ihm bewusst, was in den nächsten Monaten auf ihn zukommen würde. Vor den vier Streifen, dem Status und der Kohle stand ein Berg voller Hindernisse.

Dirk musste nun seine Nase in die Bücher stecken. Vorschriften, technische Systeme, Flugverfahren … Die Liste war verdammt lang. Mit einem Test würden sie sein theoretisches Wissen abfragen.

Intensive Wochen im Folterkasten würden folgen. Dirk hasste das Simulatortraining. Dort mussten alle Piloten von Worldcargo für das regelmäßige Training viermal im Jahr für jeweils vier Stunden rein. Triebwerksfehler, Feuer, Navigationsausfall, schlechtes Wetter … Jeder konnte in diesem verfluchten Kasten auf den drei hydraulischen Stelzen an seine Grenzen gebracht werden.

Dirk hatte als Copilot wahrscheinlich schon einen ganzen Eimer Schweiß in dieser Kiste gelassen. Und nun musste er für das Kapitänstraining drei Wochen lang jeden Tag in den Simulator. Doch damit nicht genug.