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Du glaubst, die große Liebe gefunden zu haben. Du hast keine Ahnung, dass du von einem bestialischen Serienmörder gejagt wirst. Du weißt nicht, dass er etwas mit dir vorhat. Und das ist abgrundtief böse … Der hochintelligente Psychopath Igor Poljakow ist ein Meister der Tarnung. Er hört jedes deiner Worte, sieht jede Bewegung. Wie ein unsichtbarer Geist ist er immer bei dir. Im blindwütigen Hass wird die Rache zu seinem Lebensinhalt. Während der Jagd kommt er dir so nahe, wie noch keinem seiner Opfer zuvor. Erbarmungslos zeigt der Thriller einen schockierenden Blick in die dunkle Seele des Wahnsinns.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Matthias Soeder
Thriller
eISBN 978-3-948987-24-4
Copyright © 2021 mainbook Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Mascha Vassena
Covermotiv:
© depositphotos/@ vverve (Skyline)
© depositphotos/@ ArenaCreative (Auge)
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Der Autor
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Epilog
Nachwort
Danksagung
Weitere Unterstützer
Bisher vom Autor erschienen
Matthias Soeder, geboren am 6. März 1962 in Schweinfurt, war Verkehrspilot und steuerte Flugzeuge bei East West Airlines und bei Lufthansa Cityline. In seinen letzten 19 Berufsjahren flog er als Kapitän bei der Frachtairline ‚Cargolux‘ mit dem Jumbo kreuz und quer durch die Welt. Den Job als Pilot hat er vor Kurzem an den Nagel gehängt, um sich voll und ganz seiner Leidenschaft, dem Schreiben von Thrillern, zu widmen.
Veröffentlichungen: „Herzschlag der Gewalt“ (Thriller 2017).
Australien, Dienstag, 14. Dezember 2013
Wie immer kurz vor dem Finale war Igor Poljakow berauscht von diesem archaischen Trieb des Tötens. Seine Hände zitterten vor Erregung, als er die App auf dem Smartphone öffnete. Der rot blinkende Punkt des GPS-Trackers bewegte sich zügig auf ihn zu, sie mussten jeden Augenblick auftauchen. Igor spähte hinter dem Eukalyptusbaum nach vorne auf den Costal Drive. Mit der offenen Handfläche schirmte er seine zusammengekniffenen Augen gegen die tiefstehende Sonne ab und erkannte in der Ferne das Wohnmobil mit der Zielperson.
Als sie kurz vor der Abzweigung abbremsten, drückte Igor sich eng an den Baum. Er spürte die glatte Rinde an seiner Stirn, roch den schwachen Duft des Holzes. Die feuchtwarme Luft seines Atems prallte zurück in sein Gesicht.
Das Wohnmobil bog keine 20 Meter vor ihm auf den Buschweg ab. Als es beschleunigte, zog es eine rote Staubfahne hinter sich her.
In einem Kilometer Entfernung endete die Sackgasse auf dem verlassenen Parkplatz in der Nähe des Ufers. Dort war der wilde Übernachtungsplatz, und genau dort wollte Igor sie haben.
Grace Parker, Abgeordnete aus dem britischen Unterhaus, und ihre achtzehnjährige Tochter Emily waren in die Falle gegangen.
Der Auftrag bezog sich nur auf die Mutter, die Göre war Beifang. Doch Igor würde auch den Schmerz der Tochter bis zu ihrem letzten Atemzug auskosten.
Sobald sie außer Sichtweite waren, stellte er die beiden gelben Schilder an der Abzweigung auf. Road Closed stand auf den Schildern. Niemand sollte sie stören.
Der Pick-up Truck war keine 50 Meter entfernt hinter Büschen versteckt. Auf die beiden Seitentüren hatte Igor die großen runden Folien geklebt. Rangerpatrol stand im unteren Halbrund darauf, ein Koala dominierte die Mitte des Logos.
Igor tauschte sein verschwitztes T-Shirt gegen das khakifarbene Hemd. Ein Rangerabzeichen zierte die Außenseiten der Kurzärmel, auf dem Namensschild über der linken Brusttasche stand Clark Hunter.
Von einem tiefhängenden Ast rupfte er ein Eukalyptus-Blatt ab, zerrieb es und leckte seine Finger ab, sie schmeckten bitter. Ganz anders als der Geschmack von Blut.
Aus dem roten Rucksack zog er die 9 Millimeter Mark 3 Pistole hervor, lud sie durch und steckte sie wieder zurück ins Frontfach. Die Waffe brauchte er nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Highway Patrol auftauchen sollte. Für die beiden Opfer reichten einfache Werkzeuge, die er im Baumarkt in Melbourne gekauft hatte. Ein scharfes Teppichmesser mit Ersatzklingen, eine Kombizange, eine kräftige Astschere für die Knochen, Schraubendreher, ein 300 Gramm schwerer Hammer und Draht zum Fesseln. Das silbergraue, reißfeste Klebeband und die kleingeschnittenen Putzlappen würden als Knebel dienen. Auf der Ladefläche war ein 20-Liter-Kanister mit Brandbeschleuniger festgezurrt. Wenn morgen früh die Sonne aufging, würde auch der Wohnwagen in Flammen aufgehen. Weder DNA noch sonstige Spuren würden zurückbleiben.
Mit langsamer Geschwindigkeit fuhr er los und wenige Minuten später tauchte das Wohnmobil mutterseelenallein zwischen den Bäumen auf. Im Hintergrund glitzerte das Meer, die Sonne war fast vollständig abgetaucht. Vereinzelte Bäume warfen lange Schatten.
Ein schöner Platz zum Sterben.
Igor parkte neben dem Wohnmobil, stieg aus und schwang den Rucksack lässig über die Schulter. Das rhythmische Meeresrauschen erinnerte ihn an den Applaus für ein beginnendes Theaterstück. Eine Möwe flog kreischend über die Fahrzeuge. Wollte sie die Opfer warnen? Was für ein belustigender Gedanke.
Fröhliches Lachen erklang aus dem Wohnmobil. Das erregte Zittern seiner Hände hatte aufgehört. Igor wurde ganz ruhig – wie der Jäger, bevor er abdrückte.
Er klopfte an die Tür.
„Ja?“
„Rangerpatrol.“
Die Tür schwang auf.
Grace war nicht schön. Zu groß für eine Frau und zu dick, aber sie hatte ein weiches Gesicht. Igor überlegte, wo er nachher das Teppichmesser ansetzten sollte.
„Sorry, Madam“, sagte Igor lächelnd. „Mein Name ist Clark Hunter, ich bin Ranger und werde gleich wieder weg sein.“
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Grace lächelte zurück.
„Wollen Sie hier übernachten?“
„Ja. Ich hoffe, das ist kein Problem.“
„Überhaupt nicht. Wir Ranger wollen nur wissen, auf welche Besucher wir aufpassen müssen.“
„Das ist sehr nett von Ihnen, Mister Hunter. Meine Tochter und ich sind zum Urlaub in Australien. Wir fahren mit dem Wohnmobil bis nach Sydney.“
„Wie haben Sie diesen schönen Platz gefunden?“
„Wurde uns empfohlen. Wir wollten auf dem Campingplatz vor San Remo übernachten. Doch der ist voll, sagte uns ein Mitarbeiter von Wind-Camper vor einer Stunde am Handy. Er hat uns diesen wunderbaren Platz empfohlen.“
Igor nickte. Er war der Anrufer gewesen, hatte Call-ID-Spoofing genutzt. Auf ihrem Handydisplay hatte Grace den Kontakt und die Festnetznummer des Reisemobil-Vermieters gesehen.
Die 18-jährige Tochter stellte sich an die Seite ihrer Mutter. „Hallo Ranger.“
„Hallo junge Dame. Willkommen in meinem Revier.“
„Danke.“
„Ich will nicht lange stören, möchte nur noch gerne Ihre Ausweise sehen. Danach müssen wir immer fragen.“
„Ja natürlich.“ Grace verschwand im Wohnmobil.
„Wollen Sie sich die Tiere bei uns ansehen?“, fragte Igor die junge Frau. Er hatte sich schon vor zwei Wochen in die Computer der beiden eingehackt und wusste, dass die Tochter auf diesem Urlaub unbedingt Koalas und Kängurus sehen wollte.
„Ja“, sagte sie begeistert. „Hier in Victoria sollen die Koalas bis zu 14 Kilogramm schwer werden.“
„Das stimmt. Bei uns gibt es die größten Koalas von ganz Australien. Das feuchte, gemäßigte Klima ist ideal für die Burschen.“
Grace kam mit den Ausweisen zurück und reichte sie Igor. Er schaute sie interessiert an. Wegen der Fingerabdrücke machte er sich keine Sorgen. Das Feuer würde gründliche Arbeit leisten. Igor hätte die beiden schon längst überwältigen können, doch er liebte das Katz- und Mausspiel.
„Frau Parker, ich muss Sie leider noch um eine Gebühr von 20 $ bitten.“
„Ich wusste nicht, dass wir zahlen müssen.“
„Tut mir leid, ist ne neue Regelung. Aber …“, Igor tat so, als würde er überlegen. „… da Sie das ja nicht wussten, brauchen Sie diesmal nicht zu zahlen.“
„Oh. Sie sind sehr nett. Vielen Dank, Herr Hunter.“
Igor winkte ab. „Kein Problem. Wir möchten doch, dass Sie sich bei uns wohlfühlen. Und falls Sie morgen früh die größten Koalas von ganz Australien sehen wollen, habe ich sogar einen Geheimtipp für Sie.“
Mutter und Tochter schauten sich mit freudigem Erstaunen an. „Wir möchten unbedingt die Koalas sehen“, sagte Grace.
Igor nickte zufrieden. „Vor einer Woche haben wir eine neue Gruppe Koalas ausgesetzt. Gar nicht weit weg von hier, keine zehn Minuten zu fahren. Das wäre auch ein guter Platz zum Frühstücken.“
„Das ist ja wunderbar.“
„Kein Tourist weiß bisher davon.“
„Wo?“ Die Tochter konnte es anscheinend kaum erwarten.
Aus der Seitentasche seiner Hose zog Igor lächelnd eine Karte und zeigte umständlich mit dem Finger darauf.
„Hier unten.“ Die Karte knickte weg, so war natürlich nichts zu erkennen, zudem war es inzwischen zu dunkel dazu.
„Kommen Sie doch bitte herein“, sagte Grace. „Auf dem Tisch können Sie die Karte ausbreiten und uns die Stelle genau zeigen.“
„Gerne, Madam.“
Sie und ihre Tochter strahlten übers ganze Gesicht. Das würde sich gleich ändern.
Igor stieg die zwei Stufen hoch in das Wohnmobil. Dort setzte er den Rucksack ab, legte die Karte auf den Tisch und klopfte mit dem Zeigefinger auf eine markierte Stelle. Sie beugten sich aufgeregt darüber. Es war schon fast enttäuschend einfach. Igor schlug ihre Köpfe mit Wucht zusammen. Sie torkelten beide, ein unterdrückter Schrei der Tochter. Igor schlug seine Faust auf ihre Schläfe, sie sackte zu Boden. Zeitgleich riss Mama ihr Maul auf, setzte zum Schreien an. Igor knallte seinen Ellenbogen unter ihr Kinn. Auch sie ging zu Boden.
Der Spaß konnte beginnen.
Nigeria, 19. Dezember 2013
„Sie sind verrückt.“ Kobe Ayodele, Chefredakteur der Lagos-Tribune, schüttelte entsetzt seinen Kopf.
„Nein, ich bin Journalistin“, sagte Hanna genervt.
„Das ist den Rebellen egal. Auf keinen Fall dürfen Sie jetzt in den Norden fahren.“
„Es ist schon entschieden. Wir werden uns noch heute auf den Weg machen.“
Ayodele schüttelte den Kopf. „Verschieben Sie die Sache.“
„Warum sollte ich das tun?“
Ayodele lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und sprach in wohlwollendem Ton weiter. „Vor einer Woche wurde Saleh Ibrahim, der Anführer von Boko Haram, erschossen.“
„Ich bin über die Vorgänge informiert.“
„Seine Nachfolge ist nicht geklärt, die Situation ist außer Kontrolle geraten.“
„Wann war die Situation jemals unter Kontrolle?“
„Für eine Frau ist es im Moment im Rebellengebiet extrem gefährlich.“
„Für eine Frau? Also gut. Dann gehen Sie eben zu den Rebellen und machen die Reportage.“
„Ich bin doch nicht wahnsinnig. Die Boko Haram schlagen Köpfe und Hände ab.“
„Gerade deswegen muss ich dort hin. Nur so kann ich den unterdrückten Frauen helfen.“
Ayodele schüttelte verständnislos den Kopf. „Mit einer Reportage werden Sie die Rebellen nicht aufhalten.“
„Ich nicht, aber vielleicht die UN oder die nigerianische Armee. Dazu muss aber zuerst die Öffentlichkeit von dem Problem wissen. Die Welt darf keine Chance haben, wegzuschauen. Mit meinen Beweisen setze ich die Politik unter Druck.“
„Sie glauben tatsächlich, Sie können am Schicksal der Frauen etwas ändern.“
„Ja. Verdammt nochmal. Ja!“ Hanna beugte sich nach vorne. „Oder haben Sie eine bessere Idee?“
„Es nutzt niemandem, wenn auch Sie verscharrt werden.“
„Wir stehen unter dem Schutz einer waffenstrotzenden Militäreskorte. Uns wird nichts passieren.“
„Das ist ein trügerischer Schutz. Fast täglich wird inzwischen auch das Militär von den Rebellen angegriffen.“
Hanna fühlte den klebrigen Schweiß unter ihren Achseln. „Warum schalten Sie die Klimaanlage nicht an?“
„Stromausfall. Schon wieder. Der Generator reicht nur für die Kommunikationsgeräte.“
Hanna strich sich die Haare hinters Ohr zurück. „Jedes Jahr werden Hunderte junge Mädchen von den Rebellen verschleppt und zwangsverheiratet. Die Mädchen werden vergewaltigt, zu Terrorsoldaten abgerichtet oder zu Selbstmordattentaten gezwungen. Die Welt muss …“
„Ich weiß, Miss …“
„Die Welt muss von den Gräueltaten der islamistischen Extremisten erfahren. Ich muss etwas tun, sofort. Mit meiner Reportage werde ich die Politiker zum Handeln zwingen.“
„Ohne Ihren Kopf werden Sie niemanden zwingen.“
„Wir sind nicht die Feinde der Rebellen, sie werden kein Interesse an unserem Tod haben.“
„Das hier ist nicht Deutschland. In Nigeria herrschen andere Regeln.“
„Wir wollen die Rebellen ja nicht angreifen, sondern nur mit ihnen reden.“ Hanna stieß frustriert die Luft aus.
„Die Boko Haram töten Sie vielleicht trotzdem.“
„Ach ja? Und warum sollten sie das tun?“
„Weil sie es können.“
Für einen Augenblick war Hanna irritiert. Sie schaute den Chefredakteur ungläubig an. „Blödsinn.“
„Oder man verschleppt Sie. Europäer sind beliebte Geiseln. Lösegeld war schon immer eine gute Option.“
„Deswegen haben wir die eingenähten GPS-Minisender.“
„Die Ihnen aber nur helfen, wenn Sie Ihren Kopf noch auf den Schultern tragen.“
Was für ein Feigling. Am liebsten hätte Hanna dem Chefredakteur den Hals umgedreht. „Sie hatten mir am Telefon Ihre Unterstützung zugesagt.“
Ayodele fuhr sich mit der Hand über sein krauses Haar. „In einem Monat sieht es bestimmt besser aus. Warten Sie noch ab.“
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
„Der stellvertretende Innenminister Mister Nwobeabia hat eine Bedingung gestellt.“
„Eine Bedingung kann man nur stellen, wenn man im Gegenzug etwas bietet.“
„Die Eskorte ist umsonst.“
Ayodeles’ Kinnlade klappte auf. „Was? Sie sagten mir doch noch vor einem Monat am Telefon, dass die Militäreskorte eine Million US$ kostet.“
„Stimmt. Doch mein Chefredakteur hätte dem niemals zugestimmt. Ich habe immer wieder bei Mister Nwobeabia nachgebohrt. Letztendlich hat er eingesehen, dass mein Artikel auch für Nigeria von großem Vorteil sein könnte.“
„Was ist die Bedingung?“
„Der Einsatz muss innerhalb von vier Wochen abgeschlossen sein. Von diesem Ultimatum ist schon über eine Woche verstrichen. Ich habe also keine Zeit zu verlieren, wenn ich die Eskorte umsonst haben will.“
„Miss Engels. Das stinkt zum Himmel. Hier in Nigeria macht niemand etwas umsonst.“
„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ein hochrangiger Politiker oder das Militär uns den Rebellen ausliefern werden.“
„In Nigeria ist alles möglich.“
„Mister Ayodele, stehen Sie zu Ihrem Wort und helfen Sie mir?“
Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Schweißränder waren auf dem weißen Hemd unter seinen Achseln zu sehen. Er musterte sie kritisch und schien zu überlegen.
Das Tischtelefon klingelte.
„Augenblick.“ Ayodele nahm den Hörer ab und sprach in seiner Landessprache.
Hanna lief zum Fenster, stieß es weit auf. Der heiße Wind wehte ihr ins Gesicht. Monatelang hatte sie für ihren Plan gekämpft. Ihr Chefredakteur zu Hause in Frankfurt war strikt dagegen gewesen. Viel zu gefährlich, viel zu teuer, hatte er immer wieder gesagt. Doch Hanna hatte ihren Willen durchgesetzt. Nichts und niemand konnte sie noch aufhalten. Wenn nötig, würde sie die Sache eben ohne die Hilfe von Kobe Ayodele durchziehen. Zum Teufel mit ihm.
Der Straßenlärm weckte Hannas Neugier. Aus dem fünften Stock hatte sie einen guten Überblick. Hupende Autos kämpften sich in Schrittgeschwindigkeit durch die verstopften Straßen, ein empörter Fahrer machte seinem Ärger lautstark Luft. Überall lag Müll. In einem Graben war eine Leitung aufgebrochen. Wasser sprudelte, Kinder spielten in dem Schlammloch. Zwischen den schreienden Straßenhändlern, den schimpfenden Passanten und den bettelnden Kindern sah Hanna Frauen in schönen bunten Kleidern. Es stank nach süßlicher Fäulnis, die Stimmung war chaotisch und aggressiv. Doch von der Bedrohung durch die Rebellen war hier in Lagos nichts zu spüren.
Drei Militärfahrzeuge kamen angefahren und stoppten vor dem Gebäude. Robert stieg aus dem mittleren Jeep. Hanna pfiff laut durch die Finger. Er schaute zu ihr hoch, lächelte, winkte und klopfte auf seine Uhr. Bestimmt ging es den Soldaten zu langsam. Hanna nickte und zeigte den Daumen.
Sie hatte ihren alten Schulfreund Robert Schäfer zu dieser Reise überredet. Er war selbstständiger Fotograf und hoffte, durch die Story seinen Bekanntheitsgrad zu steigern.
Als Ayodele das Telefongespräch beendet hatte, ging Hanna mit zügigen Schritten zum Schreibtisch zurück und stützte ihre Hände in die Hüften.
„Mister Ayodele, wenn Sie mir Ihre zugesagte Unterstützung verweigern, wird es umso gefährlicher für mich und meinen Kameramann. Aber ich lasse mich weder umstimmen noch aufhalten. Nun frage ich Sie ein letztes Mal. Werden Sie zu Ihrem Wort stehen?“
Er schaute sie mit großen Augen an. „Ja“, sagte er schließlich. „Ich stehe dazu. Meine Redaktion ist 24/7 besetzt und damit wird auch der GPS-Empfänger und das Satellitentelefon rund um die Uhr überwacht.“
Hanna nickte zufrieden. „Danke.“
„Vertrauen Sie nicht dem Militär“, warnte Ayodele. „Einige Offiziere sind korrupt.“
„Ich weiß. Deswegen ist es mir ja wichtig, der Presse die Überwachung zu überlassen. Wie wir schon besprochen hatten, melden wir uns jeden Abend um 18 Uhr über Satellitentelefon.“
„Und wenn wir nichts von Ihnen hören, informieren wir den Oberst, den stellvertretenden Innenminister und die deutsche Botschaft.“
„Genau.“ Erleichtert zog Hanna das GPS-Empfängergerät und das Satellitentelefon aus dem Rucksack und gab die Sachen dem Chefredakteur. „Wie Sie sehen, sind wir gut vorbereitet.“
„Miss Engels, Sie haben keine Ahnung von Nigeria.“
Kurz darauf traf sich Hanna in der Eingangshalle mit Robert.
„Hat alles geklappt?“, fragte sie.
„Ja. Die Soldaten haben mich vom Hotel abgeholt. Ausrüstung und Gepäck sind eingeladen.“
„Nur drei Autos? Soll das die ganze Eskorte sein?“
„Nein. Der Rest des Konvois wartet in der Kaserne. Der Major ist stinksauer, sagen die Soldaten. Der Umweg über die Zeitungsredaktion war nicht eingeplant gewesen.“
Hanna zuckte mit den Schultern. „Es ging nun mal nicht anders. Der Chefredakteur hatte erst jetzt Zeit für mich.“
„Überwacht er die GPS-Sender und das Telefon?“
„Ja.“
Ein Soldat kam zu ihnen geeilt. „Hurry up.“
Hanna und Robert folgten ihm nach draußen. In ihrer Buschkleidung unterschieden sie sich nicht allzu sehr von den Soldaten. Beide trugen sie beigefarbene Cargohosen und tarnfarbene langärmlige Hemden.
„Es war eine bescheuerte Idee von mir, die Kampfstiefel heute schon anzuziehen.“ Hanna fühlte den Schweiß an ihren Füßen. „Auf Schlangen werden wir in Lagos kaum treffen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Robert grinste. Ihm schien die Hitze nichts auszumachen.
„Bei dem Verkehr werden wir lange brauchen, bis wir aus dem Zentrum raus sind“, sagte Hanna, als sie auf die verstopfte Straße blickte.
„Warte ab, du wirst gleich dein blaues Wunder erleben.“
Plötzlich blinkte eine gelbe Warnlampe auf dem Dach des vorderen Fahrzeugs. Als der Tross anfuhr, heulte eine Sirene auf. Die Menschen sprangen zur Seite, Autos wichen aus und fuhren an den Straßenrand. Der kleine Trupp schlängelte sich rücksichtslos durch den Verkehr, die Fahrer scheuten sich nicht, auch auf die Gehwege zu fahren. Passanten schreckten empört zurück.
„Mist. Keine Klimaanlage“, beschwerte sich Hanna. „Ich hoffe, das hier ist nicht unser Fahrzeug für die nächsten zwei Wochen.“
„Leider doch. Wir werden viel schwitzen.“
„Und das zu Weihnachten.“
„Sei froh“, sagte Robert grinsend. „Wir haben nur 85% Luftfeuchte. In der Regenzeit kommen die hier locker auf 100%.“
Hanna drehte die Seitenscheibe herunter und steckte den Kopf aus dem Fenster. Der Jeep vor ihr hielt direkt auf einen Bettler zu. Im letzten Augenblick konnte sich der alte Mann mit den kaputten Beinen in Sicherheit rollen. Er und einige der Männer, die zufällig dabeistanden, beschimpften den vorbeifahrenden Konvoi.
„Die Soldaten fahren wie rücksichtslose Idioten“, schimpfte sie.
Robert nickte. Beißender Rauch zog Hanna in die Nase. Sie hustete und drehte die Seitenscheibe wieder hoch.
„Hier stinkt es wie auf einer Müllhalde.“
„Lagos ist eine Müllhalde.“
„Die wir bald hinter uns lassen.“
Für einige Minuten sagte keiner ein Wort. Hanna hing ihren Gedanken nach.
„Du siehst besorgt aus“, bemerkte Robert. „Gibt es Probleme?“
„Der Chefredakteur der Lagos-Tribune wollte mich davon überzeugen, die Reise zu verschieben.“
„Warum?“
„Der Waschlappen behauptet, dass es momentan zu gefährlich sei.“
„Kann es sein, dass der Waschlappen recht hat?“
„Quatsch! Es war von Anfang an klar, dass es kein Spaziergang wird. Nur Feiglinge bleiben zu Hause.“
Robert schaute sie lächelnd an. „Genauso kenn ich dich.“
Hanna erkannte Roberts gespielte Heiterkeit. Er war nervös. Hanna wollte es nicht zugeben, doch das traf auch auf sie zu.
Sie kamen in der Kaserne an, stiegen vor einem flachen Gebäude aus. Soldaten lungerten im Schatten einer Fahrzeugkolonne.
„Wait“, befahl der Mann, der den Land Cruiser gefahren hatte. Er verschwand in dem Gebäude. Auch Hanna und Robert stiegen aus.
„Soll das unsere Eskorte sein?“, fragte Robert und zeigte auf die gepanzerten und bedrohlich wirkenden Fahrzeuge, die neben den Jeeps standen.
„Wir werden es gleich erfahren.“
Mit energischen Schritten kam ein Offizier herangeeilt. Er war groß, breitschultrig und wirkte bedrohlich. Direkt vor Hanna blieb er stehen, faltete seine Hände auf dem Rücken und musterte sie herablassend von oben bis unten. Hanna konnte seine Körperausdünstungen riechen. Sie wartete ab, während die Sonne unerträglich heiß auf ihren Kopf brannte.
„Hanna Engels und Robert Schäfer von der Frankfurter Presseschau?“
„Richtig. Wir freuen uns, dass …“
„Sie sind spät dran.“ Seine Stimme war laut und aggressiv.
„Entschuldigung. Es ging nicht …“
„Ich bin Major Tayo Okete, Ihr Kindermädchen für die nächsten Wochen.“
„Guten Tag, Major Okete. Ich danke Ihnen sehr für Ihre wertvolle Mitarbeit.“
„Mitarbeit? Sie täuschen sich. Was Sie machen, interessiert mich einen Dreck. Mein Befehl lautet, Sie zu beschützen und wenn möglich, Kontakt zu den Rebellen herzustellen. Nicht weniger und auch nicht mehr werde ich tun. Haben wir uns verstanden?“
Hanna und Robert nickten.
„Wie sieht der Schutz aus?“, fragte Robert. Er lächelte wie so oft, schien von der bedrohlichen Gestalt des Majors nicht beeindruckt zu sein.
Der Offizier starrte Robert an, überlegte anscheinend, ob er sich zu einer Antwort herablassen sollte. „Wir gehören zur 7. Division der nigerianischen Armee. Diese Division wurde erst vor Kurzem zum Kampf gegen die Rebellen aufgestellt und wir haben enorm starke Feuerkraft.“
„Dann kann uns ja nichts passieren“, sagte Hanna.
Der Major schüttelte verächtlich den Kopf. „Sie scheinen ja völlig ahnungslos zu sein. Passieren kann immer etwas. Vor allem hier in Nigeria. Vor allem, wenn wir zu den Rebellen fahren. Vor allem aber, wenn eine weiße Frau dabei ist.“
Der Schweiß lief nun in Strömen über ihr Gesicht. Na klasse. Das würde ein Vergnügen mit diesem Typen werden.
Der Major rief ein Kommando in seiner Landessprache. Die Soldaten sprangen auf, stellten sich vor den Fahrzeugen in einer Reihe hin.
„Das ist Ihre Eskorte. Fünfzehn Soldaten mit Kalaschnikows. Und das da“, er zeigte auf die Fahrzeuge, „sind die beiden Mannschaftstransporter Ottokar Cobra, jeweils mit einem Maschinengewehr ausgestattet. Auf dem Laster da hinten sind Munition, Diesel und die Ausrüstung fürs Camp. Der ERC-90 Sagaie Panzerwagen mit einer 90-mm-Kanone und den zwei Maschinengewehren ist unsere stärkste Waffe. Jedes Fahrzeug ist zusätzlich mit einem Granatwerfer ausgerüstet.“
Der Chefredakteur der Lagos-Tribune hatte Hanna vor einer Stunde zum Zweifeln gebracht. Doch nun, da sie die Bewaffnung sah, fühlte sie sich sicher. Wer würde schon so bescheuert sein, solch eine wehrhafte Einheit anzugreifen?
„Aufsitzen!“, brüllte der Major. Die Soldaten rannten zu ihren Fahrzeugen.
„Sie werden mit mir in dem Land Cruiser fahren.“ Major Okete zeigte auf das Fahrzeug, mit dem sie hierhergekommen waren. Der Fahrer des Land Cruiser setzte sich ans Steuer, der Major auf den Beifahrersitz.
„Wie weit fahren wir heute?“, fragte Hanna.
Der Major schien die Frage nicht gehört zu haben.
„Wie weit fahren …?“
„Bis nach Owo. Dort übernachten wir in der Kaserne.“
„Wie weit ist das?“, fragte nun Robert.
„Dreihundert Kilometer. Dafür brauchen wir sechs Stunden.“
„Und morgen?“
„Morgen schaffen wir es bis Abuja. Dort wird unsere zweite und vorläufig letzte Nacht in einer Kaserne sein.“
Hanna nickte ihrem Freund zu, signalisierte ihm, weiter zu sprechen. Es hatte den Anschein, dass der Major eher bereit war, sich mit Robert zu unterhalten.
„Wo übernachten wir ab dann?“, fragte Robert.
„Im Busch, weil im Norden kaum noch Kasernen sind.“
„Wann kommen wir in Rebellengebiet?“
„Wir fahren nach Maiduguri, das liegt mittendrin. Bis dahin sind es 1700 Kilometer. Wir werden aber schon in den Städten davor versuchen, Kontakt zu den Rebellen aufzunehmen.“
„Woher wissen die Rebellen, dass wir in friedlicher Absicht kommen?“
„Wir werden Aufkleber mit dem Wort PRESSE an den Fahrzeugen anbringen. Außerdem wird sich unsere Anwesenheit schnell rumsprechen. Wir werden die Informationen in den Cafés und auf den Plätzen der Orte verteilen. Wenn die Rebellen interessiert sind, werden sie sich zeigen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann fahren wir wieder zurück.“
Der Konvoi setzte sich in Bewegung. Nach Norden zu den Boko Haram, in das Gebiet des menschenverachtenden Irrsinns.
Das Wetter und die Umgebung änderten sich täglich. Die Luft war nicht mehr so feucht, die Bäume nicht mehr so hoch. Der Tropenwald wich ausgedehnter Savannenlandschaft.
Am vierten Tag fuhren sie von der befestigten Straße herunter. Auf dem trockenen Savannenweg zogen sie eine dichte Staubwolke hinter sich her.
„Hier könnten überall Rebellen sein“, sagte Robert.
„Ja, wir werden bestimmt bald auf sie treffen.“
„Hast du Angst?“
„Nein“, log Hanna. „Ich zähle auf unseren Pressestatus. Der garantiert uns Immunität.“
30 Kilometer östlich der Ortschaft Biriri bauten die Soldaten am Abend das Camp auf. Es war ihre vierte Nacht außerhalb von Lagos und ihre zweite im Busch.
Das Zelt für Hanna und Robert war geräumig und groß. Sechs Personen hätten darin bequem schlafen können. Drei Feldbetten dienten als Schlafgemach. Zwei für die Menschen, eines für die Kameraausrüstung und die beiden Reisetaschen. Über allen Betten hingen Moskitonetze. Eine schwere Zeltplane diente als Fußboden, auf dem nichts liegen durfte. Zu viele Schlangen, Skorpione und sonstiges giftiges Getier.
Zum Abendessen trafen sie sich mit dem Major im Küchenzelt. Die Seitenwände waren hochgerollt, es roch nach exotischen Gewürzen. Der Major saß bereits auf einem der drei Klappstühle, die um den Blechtisch aufgestellt waren. Die Soldaten verteilten sich auf die beiden anderen Tische. Drei von ihnen waren immer als Wachposten eingeteilt.
„Was ist das?“, fragte Hanna den Koch, als sie mit ihrem Blechnapf an der Essenausgabe stand.
„Suya. Grillspieß mit Leber und Rindfleisch. Dazu gibt es Yamswurzeln, Tomaten und Mais.“
Sie setzten sich zu dem laut schmatzenden Offizier an den Tisch. Vorsichtig probierte Hanna von dem Essen. Sie wusste inzwischen, dass die Nigerianer scharf würzten.
„Wann werden wir auf die …?“
„Sie wissen längst, dass wir hier sind“, sagte der Major mit vollem Mund.
„Woher?“, fragte Robert.
Der Major würgte das Essen hinunter und schaute ihn kopfschüttelnd an. „Wir sind nicht zu übersehen. Morgen fahren wir nach Biriri. Vielleicht treffen wir sie dort.“
Wie immer nach dem Essen räumte ein blutjunger Soldat in Windeseile den Tisch ab. Er lächelte Hanna scheu an. Der Junge – sie schätzte ihn auf 16 Jahre – wurde oft von den anderen gehänselt. Er tat ihr leid.
Nach dem Abendessen verabschiedeten sich Hanna und Robert. Einer der Wachsoldaten nickte ihnen dämlich grinsend zu, als sie in ihr Militärzelt verschwanden. Als Hanna ihr Safarihemd auszog, roch sie den Schweiß daran.
„Wir stinken wie die Schweine“, sagte sie.
„Kein Wunder. Seit zwei Tagen konnten wir nicht duschen und die Schüssel reicht nur für eine Katzenwäsche.“
Sie zogen ihre Stiefel aus und hängten sie an den Seilen an das Zeltgestänge. Nur so konnten sie einigermaßen sicher sein, dass kein giftiges Getier das Schuhwerk als Zuhause entdeckte. Ihre Kleidung packten sie in Plastiktüten auf das Feldbett mit der Ausrüstung. In kurzer Hose und T-Shirt legten sie sich auf die knarrenden Feldbetten. Hanna achtete darauf, dass ihr Moskitonetz lückenfrei auf dem Boden auflag.
Schon nach wenigen Minuten hörte sie Roberts leises, inzwischen vertrautes Schnarchen.
Obwohl Hanna müde war, wälzte sie sich lange auf dem schmalen Feldbett hin und her. Warum war sie so unruhig? Hanna konzentrierte sich auf die Geräusche der Nacht. Zwei Soldaten flüsterten vor dem Zelt. Ein Vogelschwarm flog schreiend weg, in der Nähe kreischten einige Affen. Irgendwann schlief sie ein.
Am nächsten Morgen, dem 24. Dezember, zum Fest der Liebe, sollte der Wahnsinn Einzug halten.
Anflug New York, 23. Dezember 2013
70 Minuten bis zur Landung
„TRAFFIC TRAFFIC“, plärrte die Computerstimme. Alarmiert beugte sich Kapitän Jens Bachmann nach vorne, sah das gelbe Symbol auf dem Display schnell näherkommen. Wenn sich die Annäherungsvektoren nicht änderten, war in etwa 30 Sekunden eine Kollision zu erwarten. Da für ein schnelles Ausweichmanöver der Autopilot zu langsam war, legte Jens die rechte Hand auf die vier Gashebel, fasste mit der Linken an das Steuerhorn. Sein Daumen schwebte über den Knopf, der den Autopiloten abschalten würde. Jens war bereit, die Flugsteuerung manuell zu übernehmen.
Das Symbol änderte sich vom gelben Kreis zu einer weißen Raute. Der Gegenverkehr stieg durch ihre Höhe auf die darüberliegende Flugfläche. Jens atmete auf, die Gefahr war vorbei. Er schaute nach draußen, versuchte, das Flugzeug zu erkennen. Obwohl er eine Sonnenbrille trug, musste er seine zusammengekniffenen Augen mit der offenen Handfläche abschirmen.
„Ein Airbus 340“, erkannte Jens, als das Flugzeug 300 Meter über ihnen vorbeiflog.
„Der Penner ist zu langsam gestiegen. Deswegen wurde die Warnung ausgelöst“, sagte Dirk Schilling. Jens nickte.
Im Cockpit kehrte wieder Ruhe ein.
Vor über sieben Stunden waren sie in Accra, Westafrika, gestartet. Im Rumpf des Frachtflugzeuges hatten sie 90 Tonnen Ananas für den US-Markt.
Auf dem Upper Deck, dem Höcker der Boeing 747-8F, gab es sechs komfortable Passagiersitze, doch auf diesem Flug war außer den beiden Piloten niemand an Bord.
„Hast du Pläne in New York?“, fragte Dirk.
„Ich besuche einen alten Freund“, log Jens Bachmann.
„Und ich werde Bewerbungen schreiben. Hab die Nase voll von Worldcargo.“
„Warum?“
„Das liegt doch auf der Hand“, sagte Dirk empört. „Bei uns bewegt sich nichts. Keine Expansion, keine Beförderungen zum Kapitän.“
„Du musst doch eine Top-Seniorität bei den Copiloten haben.“
„Ich bin die Nummer eins, doch das nutzt mir gar nichts.“
Jens zuckte mit den Schultern. „Sobald einer von uns Kapitänen in Rente geht, bist du dran.“
„Und wann soll das sein? Ich habe die Geburtsjahre geprüft. Von euch hört in den nächsten Jahren keiner auf.“
„Tja, du musst eben Geduld haben.“
„Geduld? Nee. Meine Geduld ist am Ende. Fühl mich wie ein hungriger Köter an der gestrafften Leine, dem ne Wurst vor die Nase gehalten wird. Ganz nah dran, doch unerreichbar weit weg.“
„Du wirst die Wurst schon noch kriegen.“
„Du hast leicht reden. Bist schließlich schon lange Kapitän.“
„Ich war auch mal Copilot.“
„Wie tröstend. Ich hoffe nur, dass es bald einen von euch erwischt.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, Unfall vielleicht, oder Krankheit. So ne medizinische Flugtauglichkeit kann ruckzuck verloren gehen. Dann wäre der Weg frei für meine Beförderung.“
„Du wünschst einem deiner Kollegen Krankheit oder Verletzung?“
„Kann ja schnell mal passieren, nicht wahr?“
„Dirk, du bist ein Arschloch.“
Der Fluglotse gab eine neue Anweisung: „Worldcargo 752, turn left Heading 290, descend Flightlevel 320.“
Dirk war auf diesem Flug der Pilot Monitoring. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den Funkverkehr zu führen. Er bestätigte die Anweisung und Jens leitete das Manöver ein.
Es wurde Zeit, den Anflug vorzubereiten. Mit ACARS, einem Kommunikationssystem für Flugzeuge, forderte Jens das aktuelle Wetter an. Eine Minute später erschien der Text auf dem Display in der Mittelkonsole.
„Das sieht nicht gut aus“, erkannte Jens.
„Scheiße.“ Hektisch kramte Dirk in den Flugunterlagen, die sie von Dispatch in Accra bekommen hatten.
„Sieh dir das an.“ Er klopfte auf das Blatt mit den Wettervorhersagen. „Nur frischer Wind in JFK vorhergesagt. Erst drei Stunden nach unserer Ankunft sollte das Wetter schlecht werden.“
Jens zuckte mit den Schultern. „Die Kaltfront hat sich schneller nach Osten bewegt, als die Meteorologen angenommen hatten.“
„Scheiß Wetterfrösche“, schimpfte Dirk.
„Die Sturmfront hat inzwischen die ganze Ostküste erreicht. Alle Airports sind betroffen. So wie ich die Sache sehe, sind die Bedingungen für uns in New York am besten.“
„Wie sieht’s mit unserem Enroute-Alternate aus?“
„Bermuda haben wir bereits weit hinter uns gelassen, aber ich prüfe es.“
Eine halbe Minute später zeigte der Bordcomputer das Ergebnis an.
„Ich hab’s befürchtet!“, sagte Jens. „Nach Bermuda schaffen wir es nicht mehr. JFK ist unsere beste Option.“
50 Minuten bis zur Landung
Jens briefte den Anflug für JFK: „Landebahn 31L ist über 3000 Meter lang. Der Wind kommt mit 40 Knoten von links. Damit sind wir gerade noch im Seitenwindlimit für die Landung. Die Böen könnten uns aber zu schaffen machen, deswegen lande ich mit Klappen 25. Durch die Geschwindigkeitsaufschläge für den Wind werden wir sehr schnell sein, deswegen brauchen wir Autobrake 4.“
„So ne starke Bremsstufe sollten wir nur wählen, wenn wir sie wirklich brauchen.“
„Wir brauchen sie wirklich.“
30 Minuten bis zur Landung
Der Fluglotse gab ihnen die Freigabe zum weiteren Sinkflug. Jens drehte die neue Flughöhe ein. Wie von Geisterhand bewegten sich die vier Schubhebel automatisch zurück. Der 340 Tonnen schwere Jumbo senkte gemächlich seine Nase. Die Sonne verschwand endgültig hinter dem Horizont und das Flugzeug tauchte ein in die Dämmerung. Dirk griff nach dem Klemmbrett mit dem Flugplan und machte einen letzten Sprit-Check. „Zwei Tonnen im Plus.“
Für ein Flugzeug, das zehn Tonnen Sprit pro Stunde im Reiseflug schluckte, war das nicht viel. Gerade genug für einmal Durchstarten und einen neuen Anflug. Spätestens dann mussten sie landen, oder nach einem erneuten Durchstarten direkt zum Ausweichflughafen fliegen.
Es fing an zu wackeln und zu scheppern. Sie tauchten in die ersten Turbulenzen ein. Jens zog seinen Anschnallgurt straff.
20 Minuten bis zur Landung
„Der Sturm wird an allen Flughäfen stärker“, sagte Dirk, der die neueste Wettermeldung gelesen hatte.
„Damit bleiben wir bei der Entscheidung und landen in JFK.“
„Geht nicht, unser erlaubtes Seitenwindlimit wird in den Böen überschritten“, sagte Dirk.
„An den anderen Airports aber auch. Eine Landung in JFK ist jetzt unsere beste Option.“
„Ich bin damit nicht einverstanden.“
„Und was ist dein Vorschlag?“
Dirk zuckte mit den Schultern.
„Schluss mit der Diskussion“, bestimme Jens. „Wir landen in JFK.“
Im Funk hörten sie, dass eine Maschine von Air France wegen einer Windscherung in JFK durchstartete. Ein Flugzeug der Lufthansa, das kurz darauf im Endanflug war, konnte landen. Eine Windscherung war tückisch. So schnell, wie sie auftauchte, war sie auch wieder weg.
3 Minuten bis zur Landung
Heftige Turbulenzen zerrten nun am Flugzeug. Jens wurde in die Gurte gedrückt. Der Tower-Lotse gab die Freigabe für den Endanflug: „Worldcargo 752, wind 280 with 35 knots, gusting up to 45. Cleared to land Runway 31L. Expect severe windshear.“
Wind in Böen bis zu über 80 km/h begrüßte sie zum Landeanflug.
Weil die automatische Landung bei dem starken Seitenwind nicht mehr verlässlich arbeitete, schaltete Jens in 1000 Fuß Höhe Autopilot und Autothrottle ab. Normalerweise hätten sie den Anflug bei den zu erwartenden Windscherungen nicht einleiten dürfen. Doch die geringe Spritmenge und die schlechte Wettersituation an den Ausweichflughäfen zwangen sie zu dieser Entscheidung.
Die Turbulenzen wurden heftiger. Es wackelte so stark, dass Jens die Anzeigen auf den Displays kaum noch ablesen konnte. Der Sturm heulte, Hagel prasselte auf die Cockpitscheiben. Selbst der Aktiv-Noise-Kopfhörer konnte diesen Lärm nicht vollständig dämpfen.
30 Sekunden bis zur Landung
Wegen des starken Regens war die Landebahn immer noch nicht zu sehen. Hochkonzentriert wechselte Jens immer wieder den Blick von den Instrumenten nach draußen und zurück. Es war einer dieser Momente, in denen kein Fehler gemacht werden durfte.
Plötzlich packte eine vertikale Windböe den Jumbo. Es fühlte sich an wie in einem Achterbahnwaggon, der fast senkrecht in die Tiefe stürzte. Noch während Jens die vier Gashebel nach vorne rammte, warnte die energische Computerstimme:
„WINDSHEAR … WINDSHEAR … WINDSHEAR“
Die Triebwerke brüllten auf, Jens zog die Flugzeugnase hoch. Ein Vibrieren am Steuerhorn, begleitet von einem giftigen Rasseln, signalisierte einen drohenden Strömungsabriss. Der Albtraum eines jeden Piloten, wenn man wie jetzt in Bodennähe flog.
„Descending“, rief Dirk hektisch.
„Checked“, antwortete Jens. Er schaffte es, den unkontrollierten Sinkflug zu stoppen.
„Positive Rate“, sagte Dirk einen Augenblick später. Sie hatten die Scherwinde hinter sich gelassen. Der Jumbo gewann wieder an Höhe und Geschwindigkeit.
„Gear up, left Autopilot on“, kommandierte Jens. Dirk führte die Anweisungen aus und informierte den Lotsen über das Durchstartmanöver.
„Und jetzt?“, fragte Dirk nervös.
„Wie besprochen. Sag dem Lotsen, wir machen einen weiteren Anflug.“
Sie bekamen Kursanweisungen und erneut eine Landefreigabe:
„Worldcargo 752, wind 300 with 30 knots, gusting up to 40 Knots. Cleared to land Runway 31L.“
Nach wie vor wurde der Jumbo heftig durchgeschüttelt. Jens durfte auf keinen Fall zu langsam fliegen, aber auch nicht zu schnell, die Länge der Runway würde sonst nicht für die Landung ausreichen. Es war ein Tanz auf Messers Schneide.
Die Computerstimme plärrte:
„Fifty – forty – thirty – twenty – ten“
Jens setzte das Flugzeug hart auf die Runway. Wieder brüllten die Triebwerke auf, doch diesmal, um den Jumbo mit dem Rückstrahl abzubremsen.
Stehendes Wasser auf der Runway. Aquaplaning! Die pulsierende Anti-Rutsch-Funktion war zu spüren.
3000 Meter zum Abbremsen konnten verdammt kurz sein, wenn man mit einem 340 Tonnen schweren Flugzeug bei einer Geschwindigkeit von 330 Stundenkilometer auf einer regenüberfluteten Landebahn aufsetzte. Der Sturm zerrte heftig am Flugzeug, versuchte, es nach rechts von der Landebahn zu schieben. Jens drückte das Steuerhorn nach vorne und nach links, stabilisierte damit den Jumbo.
Das Ende der Runway kam in Sicht.
„900“, rief die Computerstimme. 900 Meter bis zum Bahnende. Jens trat mit den Fußspitzen kräftig in die Ruderpedale, die auch gleichzeitig Bremspedale waren. Zwar wurde damit die automatische Bremse deaktiviert, doch die manuelle Bremswirkung war noch effektiver. Jens spürte die pulsierende Anti-Skid-Funktion nun in den Füßen.
„600.“ Laut Berechnung musste es reichen, doch der Jumbo schien noch viel zu schnell zu sein. Jens hatte den Eindruck, als landeten sie auf Schmierseife.
„300.“ Jens hielt den Atem an. Das Ende des Asphalts kam viel zu schnell näher. Aus den Augenwinkeln sah er Büsche, die vom fast horizontalen Regen gepeitscht wurden.
„50.“ Endlich war die Boeing auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst. Jens atmete tief durch und rollte den Jumbo von der Bahn. Es war geschafft.
Wenige Minuten später hatte er das Flugzeug auf dem Vorfeld geparkt. Die letzte Checkliste wurde gelesen, Jens füllte das Bordbuch aus. Der Stationsleiter von Worldcargo kam ins Cockpit.
„Willkommen in JFK, Kapitän Bachmann. Wir sind froh, dass sie es bei dem Wetter geschafft haben, hier zu landen.“
„Wir auch. Steht der Crewbus schon bereit, um uns zu Immigration zu bringen?“
„Heute wird es etwas anders ablaufen. Die Zollpolizei kommt gleich, um das Flugzeug auf Drogen zu überprüfen. Der Immigration-Officer kommt mit dem Zoll und schaut hier an Bord Ihre Pässe und Visa an.“
Jens überlegte, wie er mit dieser unerwarteten Situation am besten umgehen sollte. „Haben Sie das SECURITY-SUITCASE schon ausgeladen?“, fragte er den Stationsleiter.
„Diesmal nicht, Kapitän. Wegen des Drogenchecks darf nichts abgeladen werden, auch nicht die Pilotenkoffer.“
„Dieser Koffer gehört aber zur Flugzeugausrüstung und unterliegt somit nicht der üblichen Sicherheitskontrolle“, sagte Jens. Vor zwei Jahren hatte er die Idee mit dem SECURITY-SUITCASE gehabt. Das Wort Sicherheit war ein Zauberwort in der Luftfahrt und konnte viele Türen öffnen. Mit dem SECURITY-SUITCASE hatte Jens das Zauberwort geschickt für seine Zwecke eingesetzt. Bisher wurde der Spezialkoffer noch nie überprüft. Er war als Teil der Flugzeugausrüstung deklariert und wurde deshalb vom Bodenpersonal immer auf direktem Weg aufs Flugzeug oder eben vom Flugzeug zum Crewtransporter gebracht. Dadurch konnte Jens den Sicherheitscheck bisher immer auf legale Art umgehen. Doch diesmal würde das nicht funktionieren. Bei einem Drogencheck herrschten andere Regeln. Zum Glück war Jens auch für solch einen Fall vorbereitet.
Der Sturm wurde schwächer, der Regen ließ nach.
Stimmen, Hundegebell.
„Good evening, Gentlemen“, grüßte der Immigration-Officer, nachdem er die steile Klapptreppe ins Upper Deck hochgestiegen war. Er setzte sich auf einen der Passagiersitze und öffnete seinen Aktenkoffer. Jens und Dirk gaben dem Beamten ihre Reisepässe.
Zwei Männer in schwarzer Polizeiuniform kamen mit einem Hund die Treppe hoch. Für den Hund musste es mühsam sein, so eine steile Treppe hochzuklettern.
„Zollfahndung“, sagte einer von ihnen knapp. „Wir werden uns mal umschauen.“
„Lassen Sie mich wissen, ob ich Ihnen behilflich sein kann“, erwiderte Jens freundlich. Er sah, wie unten auf dem Hauptdeck weitere Polizisten ihre Hunde an der Ladung schnüffeln ließen.
Plötzlich bellte einer der Hunde wie verrückt und kratzte an Dirks Koffer, der zusammen mit dem SECURITY-SUITCASE neben der Treppe zum Upper Deck festgezurrt war.
„Kommen Sie runter. Öffnen Sie Ihre Koffer“, befahl einer der Zollbeamten auf dem Hauptdeck. Dirk und Jens stiegen hinab. Jens beobachtete, wie sein Copilot schwitzend den Spanngurt löste, mit dem das Crewgepäck festgezurrt war. Mit zittrigen Fingern öffnete er seinen Koffer. Hatte der Idiot etwa Drogen dabei?
„Zurücktreten“, befahl der Zollpolizist. Inzwischen standen vier Beamte neben den beiden Piloten. Zwei der Polizisten öffneten den Verschluss ihrer Waffenholster.
Der Hund schnüffelte aufgeregt und schwanzwedelnd im Inhalt von Dirks Koffer. Kleidung, Unterwäsche, eine Flasche Whisky.
Einer der Polizisten nahm den kompletten Inhalt heraus, der Hund beschnüffelte alles. Nach wenigen Minuten war klar, dass keine Drogen im Koffer waren.
„Hatten Sie schon mal Drogen damit transportiert?“, fragte der Beamte.
Dirk schüttelte energisch den Kopf. „Nein, nein. Noch nie. Wie kann das nur sein?“
„Irgendwelche Drogenreste scheinen an ihren Klamotten zu hängen.“
„Was bedeutet das für mich?“
„Nichts. Wir haben ja keine Drogen in ihrem Koffer gefunden.“
Dirk schnaufte hörbar aus.
Der Beamte drehte sich zu Jens und zeigte auf das SECURITY-SUITCASE. „Ihr Koffer?“
Jens nickte.
„Warum ist der so groß?“
„Weil ich darin flugrelevante Sicherheitsausrüstung transportiere.“
„Öffnen“, befahl der Drogenpolizist.
Jens öffnete die vier Zahlenschlösser und klappte den Koffer auf.
Der Hund schnüffelte freudig an der Kleidung, bellte aber nicht. An der Schaumstoffschutzhülle mit dem elektrochemischen Instrument schnupperte er länger. Der Beamte, zu dem anscheinend der Hund gehörte, ging in die Knie, betrachtete das Gerät, das so groß war wie zwei Schuhkartons.
„Was ist das?“, fragte er und zog es aus der Schutzhülle.
„Ein neu entwickelter Sprengstoffdetektor“, erklärte Jens. „Damit können kleinste molekulare und biomolekulare Stoffe aufgespürt werden.“
„Habt ihr schon mal so was gesehen?“, fragte der Beamte seine Kollegen. Sie schüttelten ihre Köpfe.
„Wieso führen Sie das mit sich?“
„Ich bin Sicherheitsexperte von Worldcargo und der Sprengstoffdetektor ist ein Prototyp“, erklärte Jens. „Eine Erfindung aus Israel und noch nicht offiziell auf dem Markt. Deswegen können Sie das Gerät nicht kennen.“
Zur Bestätigung hielt Jens seine Airline-ID-Karte, die er an einem Lanyard um den Hals trug, den Beamten entgegen. Neben dem Foto und einigen Daten zu seiner Person stand:
Captain Jens Bachmann, Head of Security
„Ich bin Sicherheitsbeauftragter meiner Airline. Vor zwei Jahren habe ich von einer israelischen Firma für Flugsicherheit das Gerät für einen Langzeitcheck bekommen. Ich führe während der Flüge Tests durch.“
„Wieso während der Flüge?“
„Weil im fliegenden Flugzeug die Luft trockener ist. Die Partialdrücke sind geringer und die Luft wird ständig ausgetauscht. Das ist eine große Herausforderung für die Sensoren. Um Serienreife zu erreichen, müssen deshalb alle möglichen Situationen überprüft werden.“
„Und wie funktioniert das Gerät?“, fragte einer der Zollpolizisten. Der anfängliche Argwohn schlug in Neugier um. Jens lächelte, hielt seine Hand auffordernd dem knienden Zollbeamten hin, der ihm das Gerät reichte.
„Auf der Basis von Mikroelektronik werden in einem elektrochemischen Vorgang winzige Moleküle mithilfe von 160 Feldeffekttransistoren gemessen.“ Jens zeigte auf die benannten Bauteile. „Ein Bündel Silizium-Nanodrähte, die mit Bor und verschiedenen chemischen Verbindungen angereichert sind, vergleicht die Moleküle von Feststoffen mit bekannten Sprengstoffmustern.“
„Müssten Sie für die Tests nicht auch Sprengstoff dabei haben?“, fragte einer der Beamten erstaunt.
Jens nickte anerkennend. „Fast richtig. Schauen Sie mal.“ Er zog eine kleine Tasche aus dem Koffer und öffnete sie.
„Ungefährliche Sprengstoffproben. Die benutze ich für die Tests. Und hier …“ Jens bückte sich, zog einen dünnen Ordner aus dem Koffer. „Hier sind die Protokolle der letzten Tests.“
Einer der Beamten nahm den Ordner, blätterte darin und nickte beeindruckt. „Sie können nun gehen. Vielen Dank für Ihre Kooperation“, sagte der Beamte, der anscheinend der Boss war.
Jens und Dirk holten ihre Pilotentaschen aus dem Cockpit, verabschiedeten sich vom Immigration-Officer, dem Stationsmanager und den Zollbeamten und stiegen in den bereitstehenden Crewbus. Die beiden Koffer der Piloten waren inzwischen eingeladen worden.
Eine Stunde später standen die Piloten am Check-In Schalter des Grand Hyatt Hotel und bekamen die Schlüsselkarten für ihre Zimmer.
Ihre Koffer und die Pilotentaschen hinter sich herziehend, liefen die beiden zu den Aufzügen.
„Treffen wir uns noch zu nem Bier in der Hotelbar?“, fragte Dirk.
„Ich bin zu müde, gehe gleich ins Bett“, schwindelte Jens. Normalerweise trafen sich die Piloten nach einem Flug noch auf nen Drink oder zum Dinner. Doch Jens hatte keine Lust, mehr Zeit als nötig mit dem ewig nörgelnden Copiloten zu verbringen.
Dirk zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sehen wir uns ja beim Frühstück.“
In seinem Zimmer angekommen, hängte Jens das No Disturb-
