Herzsplitter - Kirsten Brünjes - E-Book

Herzsplitter E-Book

Kirsten Brünjes

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Beschreibung

Die fünfzehnjährige Charlie ist hin- und hergerissen zwischen drei Welten: der Welt ihrer Mutter und deren Freund, der Welt ihres Vaters und dessen neuer Familie - und der Welt ihrer Großeltern. Mitten in diesem Gefühlschaos lernt sie Deborah kennen, eine neue Mitschülerin. Deborahs Familie ist kürzlich umgezogen und in ihrer neuen Klasse trifft sie auf Charlie. Aber warum ist es so schwierig, an dieses Mädchen heranzukommen? Ein Roman über zwei Freundinnen, ihre Gedanken, Träume und Sehnsüchte - abwechselnd aus Charlies und Deborahs Perspektive erzählt. Ab 13 Jahren.

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Seitenzahl: 345

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Über die Autorin

Kirsten Brünjes ist Autorin und arbeitet an unterschiedlichen Orten mit Kindern und Jugendlichen, so zum Beispiel in der Betreuung von Schülern einer Offenen Ganztagsschule, in der Gemeinde und im Reitverein. Überall ist sie viel mit den Kindern und Jugendlichen im Gespräch – auch über Lebens- und Glaubensfragen. In ihre Geschichten fließen neben der Fantasie auch viele wahre Lebensgeschichten und Begebenheiten ein.

Kirsten Brünjes ist durch ihre Reihe „Lotta und Luis“, die beim Bibellesebund erscheint, bekannt geworden. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Kierspe.

KIRSTENBRÜNJES

ROMAN

Welchem Teil folgst du, wenn dein Herz zerbricht?

Für alle Charlies und Debbies – die Echten!

Charlie

Das ist einfach ungerecht! Ich bin hier so überflüssig wie Bauchschmerzen!

Ein lauter Knall lässt mich aus meinen Träumen schrecken. Ich schaue auf mein Handy: halb sieben, und das an einem Sonntag! Damit ist auf jeden Fall geklärt, wo ich heute wach werde. Ein Knall früh um halb sieben bedeutet: Ich habe Papa-Wochenende. „Chelsea-Zeit“, wie mein Vater sagt. Chelsea ist sein Spitzname für mich. Papa ist FC-Chelsea-Fan: Lieblingstochter und Lieblingsverein, früher zumindest war das mal so …

So einen Krach können nur Marlon und Melvin machen.

„Hab ich gar nicht, du Arsch!“, höre ich aus dem Flur.

Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und stöhne. Wenn meine Fast-Stief-Brüder erst mal wach sind, gibt es keine ruhige Minute mehr. Und so turnt zehn Minuten später der sechsjährige Marlon durch mein Bett und flüstert mir deutlich ins Ohr: „Chelsea, bist du schon wach? Liest du mir was vor? Melvin will nicht mehr mit mir spielen. Biiiiitte!“

„Marlo!“, rufe ich ungehalten, „es ist mitten in der Nacht! Geh wieder ins Bett!“

Der Junge setzt sich aufrecht in mein Bett und schaut mich an. „Nee, das stimmt nicht. Guck mal, es ist schon hell! Du musst nur die Augen aufmachen, wirklich. Und Mama sagt, wenn es hell ist, darf ich aufstehen!“

Ich drehe mich missgelaunt um. „Marlo, das hat deine Mama im Winter gesagt. Jetzt ist fast Sommer!“

Marlon legt den Kopf schief. „Und warum soll das jetzt nich mehr gilden, he?“

Jetzt bin ich so richtig wach. „Das heißt gilt!“, schreie ich.

„Du hast mir gar nichts zu sagen!“, schreit Marlon zurück. „Du bist nicht meine Mama. Noch nich mal meine richtige Schwester. Spiel doch alleine!“ Und schon ist er verschwunden.

Na toll! Ich drücke mein Gesicht ins Kissen. Erst wird man geweckt, dann beschimpft, und das alles mitten in der Nacht. Wie hält Papa das nur aus? Der hatte es doch so gut mit uns, mit Mama und mir!

Seit drei Jahren sind meine Eltern nun schon getrennt. Der Tag ist so klar in meinem Kopf eingebrannt, als wäre es gestern gewesen.

„Chelsea-Schatz!“, hatte Papa gesagt. „Wir müssen dir etwas sagen!“

Das hatte sich so besonders angehört, wahrscheinlich, weil Papa sonst nie etwas mit mir zu klären hatte. Dafür war immer Mama zuständig.

Ja, es war tatsächlich besonders, aber besonders schrecklich. Mama hatte mich in den Arm genommen und mit mir geweint. „Charlotte, mein großes Mädchen“, hat sie gesagt, „glaub mir bitte, es ist besser so. Ich möchte nicht, dass Papa und ich uns streiten. Du magst doch auch keinen Streit. Wir haben uns so sehr auseinandergelebt, dass es ohne Streit nicht geht. Das wollen wir dir und uns nicht antun. Das verstehst du doch bestimmt, mein liebes Mädchen.“

Nein, das habe ich nie verstanden. Das kam für mich total plötzlich. Josi aus meiner Klasse hat mir schon wer weiß wie oft erzählt, wie ihre Eltern sich gestritten haben. Der Vater hatte Josis Mutter sogar geschlagen. Aber so etwas hat es bei uns zum Glück nie gegeben. Eigentlich war bis zu diesem Tag alles wie immer. Papa kümmerte sich um die Firma und ging zum Fußball, und Mama kümmerte sich um mich, das Haus und ging vormittags auch arbeiten. Und plötzlich war alles vorbei!

Ich höre wieder einen Knall, dann ein lautes Klirren. Ich schrecke zusammen und kralle meine Hände ins Kopfkissen. Jetzt höre ich Yvy, Papas neue Freundin. Sie säuselt: „Aber Jungs, so geht das nicht. Seht mal, jetzt habt ihr die schöne Vase zerbrochen. Wir hatten doch besprochen, dass mit dem Lederball nur draußen gespielt wird. Nun aber schnell nach draußen, ihr Fußballer! Mami macht die Scherben weg, damit ihr euch nicht wehtut!“ Gepolter, Türenknallen, Kampfgebrüll und – endlich Ruhe!

Ja, Mami Yvy, wann war die eigentlich aufgetaucht? Damals nach der Trennung hatte Papa immer wieder neue Freundinnen. Das war so schrecklich. All diese fremden Frauen, die meinem Papa so nah waren. Die durften ihn küssen, gingen mit ihm spazieren – und ich war abgeschrieben. Was hatten die eigentlich hier, in unserem Haus, zu suchen? Das war mein Papa, mein Zuhause, meine Familie!

Doch diese Frauen kamen und gingen, alle im ersten Jahr. Dabei hatten Mama und Papa mir fest versprochen, es noch einmal miteinander zu versuchen. Sie wollten nur ein wenig Abstand und dann einen Neustart probieren. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass es je einen Neustartversuch gegeben hätte. Und jetzt ist das Thema sowieso vorbei.

Die letzte Frau war Yvy. Yvy sieht aus wie ein Topmodel, ist das freundlichste Wesen unter der Sonne, schimpft nie, sieht alles von der guten Seite. Oh man, ich wusste gar nicht, wie viele gute Seiten das Leben haben kann! Yvy verzaubert alle mit ihrem sanften Wesen.

Dann zog Yvy bei Papa ein und sie brachte ihre Söhne Melvin und Marlon mit. Im September heirateten sie, an dem Tag, an dem sie sich zwei Jahre zuvor kennengelernt hatten – das war auf dem Geburtstag von Papas Bruder Tom. Dummerweise lag ich zu genau diesem Zeitpunkt mit Mandelentzündung im Bett, sonst hätte ich das Ganze vielleicht verhindern können.

Schon wieder Geschrei draußen: Marlon und Melvin streiten sich, ob das Tor von Melvin „gildet“ oder nicht. Genervt stehe ich auf. Mit etwas Glück kann ich mit Papa ein paar Minuten allein sein; Yvy ist noch in der Küche beschäftigt. Fast gleichzeitig mit Papa betrete ich den Flur.

„Morgen Chelsea“, murmelt Papa verschlafen, „ausgeschlafen oder abgebrochen?“

Ich zeige die Treppe hinunter. „Wohl eher abgebrochen bei dem Lärm.“

Papa streicht seine Haare zurück. Er trägt sie jetzt länger als früher. Yvy findet das so süß. Pah!

Dann nimmt mich Papa in den Arm. Das ist ein guter Moment. Ich drücke ihn fest an mich und schaue ihm in die Augen. „Du, wir wollten doch noch mal wegfahren, ans Meer, vielleicht nach Holland – so wie früher!“

Papa nickt. „Da bist du ein bisschen schneller als ich. Beim Frühstück wollte ich nämlich vorschlagen, dass wir Pfingsten nach Zeeland fahren. Ich habe ein Haus gefunden, direkt am Strand, mit drei Schlafzimmern. Du kannst ein Zimmer für dich haben, die Jungs bekommen eins und das dritte Yvy und ich. Das Haus steht direkt hinter den Dünen. Na, was sagst du? Du darfst aber bis zum Frühstück nichts verraten. Dir habe ich es als Erste gesagt!“

Papa strahlt, als er das sagt, ich irgendwie nicht so. „Cool“, stammele ich schnell, „ich muss dann mal auf’s Klo.“

Ich drehe mich aus Papas Armen und schließe die Badezimmertür hinter mir ab. Ich lasse mich auf die dicke Frottee-Matte fallen und schaue traurig durchs Fenster. Zeeland, das gehört nicht zu Yvy und den Jungs! Da war ich mit Mama und Papa früher oft, immer über Pfingsten. Und außerdem wollte ich nichts mit Yvy und den Jungs machen, sondern nur mit Papa. Warum kapiert der das nicht! Wütend wische ich mir eine Träne aus dem Gesicht.

Zurück im Zimmer steigt weiterer Ärger in mir hoch. Das ist mein Zimmer hier, hat Papa gesagt. Das kleine Arbeitszimmer hat er mit mir zusammen renoviert. Mein ehemaliges Kinderzimmer haben Melvin und Marlon bekommen, weil es viel größer ist, und die beiden es sich teilen. Das kann ich ja noch widerwillig einsehen, aber warum landen immer Klamotten von den Jungs in meinem Schrank!? Neben meinen T-Shirts liegt ein Stapel alter Jeans von Melvin; da soll Marlon reinwachsen. Schön, aber nicht in meinem Schrank! Irgendwie fühlt sich der gerade begonnene Sonntagmorgen richtig doof an. Bedrückt schlurfe ich die Treppe hinunter.

Yvy hat den Frühstückstisch gedeckt, draußen in der Maisonne. Alles sieht perfekt aus: Tischdecke mit passenden Servietten, Kissen und Decken auf der Gartenbank, Brötchen und Croissants – natürlich selbst gemacht – , Kakao, Saft, eine große Schale Obstsalat, Müsli, Marmeladen, Käse, Wurst. Überall dazwischen liegen paar Blumen oder Muscheln. Richtig freuen kann ich mich darüber nicht. Voll blöd, aber irgendwie bin ich immer ein bisschen neidisch. Worauf, weiß ich selbst nicht so genau.

„Guten Morgen! Na, gut geschlafen?“ Yvy strahlt geradezu in ihrem schicken Outfit. „Ich hoffe die Jungs waren nicht so laut, Charlielein. Aber bei so einem schönen Wetter, da muss man einfach seine Energie rauslassen.“

Ich lächle gequält. „Charlielein“ geht gar nicht! Aber was soll’s? Yvy hat recht, es ist ein wunderbarer Tag, und wenn er schon so bescheiden angefangen hat, kann er ja nur besser werden, oder? Ich lasse mich auf einen Sessel plumpsen und schütte mir Orangensaft ein. Papa kommt und gibt Yvy einen sehr langen Kuss. „Wie schön du das wieder gemacht hast. Das ist ja wie Urlaub!“

Yvy kuschelt sich an Papa. Der Lärm nimmt zu und die Brüder kommen mit ihrem Ball um die Ecke. Melvin drängelt seinen kleinen Bruder an die Seite und holt zum Schuss aus. Der Ball fliegt mit voller Geschwindigkeit auf das Tor, prallt gegen Marlons Brust, ändert seine Flugbahn und trifft mit Wucht direkt das Glas in meiner Hand. Der Orangensaft scheint zu explodieren und schwappt über mein T-Shirt und die Hose. Blitzartig wird es kalt und unangenehm auf meiner Haut. Irgendwie gelingt es mir, das Glas festzuhalten, und für ein paar Sekunden ist es ganz still. Ich starre auf den Tisch. Plötzlich beginnen die Jungs zu lachen, laut und gemein. Ich schaue hilflos zu Papa. Er muss doch jetzt mal ausrasten! Doch der grinst nur.

Yvy versucht die Situation zu retten. „Och, Charlielein, das ist aber jetzt echt blöd.“ Sie schaut zu Melvin und Marlon. „Jungs, ihr kommt her und entschuldigt euch. Und dann frühstücken wir, ja?“ Yvy macht eine kleine Pause und fragt mich: „Oder möchtest du dich erst umziehen, Charlie?“

Ich suche Papas Blick. Doch der dreht sich einfach um und geht ins Haus. „Ich hol dann mal den Kaffee!“

Die Brüder kommen angetrottet und können vor Lachen immer noch kaum ein Wort sprechen. „’tschuldigung!“, giggeln beide gleichzeitig und halten mir ihre gartenschmutzigen Hände hin.

Ich sehe in die lachenden Gesichter, Orangensaft tropft mir aus den Haaren. Ich bin sauer auf die Jungs, enttäuscht von Papa und genervt von Yvys Dauerfreundlichkeit. Ich nehme keine der Hände an. Langsam stehe ich auf, stelle das Glas auf den Tisch, gehe an Yvy vorbei ins Haus, zu Papa in die Küche. Ich fühle mich sehr müde, als ich Papa mitteile: „Ich zieh mich um. Dann ruf ich Mama an, sie soll mich abholen.“

Papa hebt erstaunt die Augenbrauen. „Was soll das denn, Chelsea? Wegen so eines Jungenstreichs willst du jetzt Tanjas Wochenende durcheinanderbringen? Okay, das ist dumm gelaufen. Aber wegen ein bisschen Orangensaft auf dem T-Shirt kannst du doch nicht den ganzen Sonntag ruinieren. Gib mir die Sachen, Yvy wäscht sie gleich nach dem Frühstück. Reiß dich ein bisschen zusammen. Orangensaft ist wirklich kein Drama. Los jetzt, zieh dich schnell um, wir wollen frühstücken!“ Papa dreht sich wieder zum Kaffeeautomaten und bereitet einen zweiten Cappuccino.

Ich stehe ratlos im Raum. Was habe ich erwartet? Und was soll ich jetzt tun? Soll ich einfach mitspielen in dem Spiel „Nette Familie“? Soll ich Mama anrufen? Bestimmt kommt die sofort. Aber wahrscheinlich hat Papa recht, Mama hat ein Wochenende ohne mich geplant. Langsam gehe ich die Treppe hinauf und suche mir neue Sachen aus dem Schrank. Die Orangensaftklamotten lege ich ins Waschbecken und lasse Wasser einlaufen. In meinen Ohren hämmert immer das gleiche Wort: ungerecht!

Das ist einfach ungerecht! Ich bin hier so überflüssig wie Bauchschmerzen!

Ich lasse mir Zeit, bis ich wieder auf die Terrasse gehe. Die anderen haben schon mit dem Frühstück begonnen.

Yvy schaut freundlich auf. „Na, alles wieder okay? Es tut mir echt leid. Nun genieß das Frühstück und sei nicht mehr traurig. Du wirst sehen, es wird ein wunderschöner Tag!“

Ich setze mich hin und nehme mir ein Croissant. Das mit dem schönen Tag kann ich irgendwie nicht glauben.

Debbie

Können wir das mit dem Abschied nicht so endgültig machen, bitte?

Mit einem lauten Knall schlägt die Tür des Umzugswagens zu. Ich blicke traurig auf die Hausfront, hinter der so lange mein Zuhause lag.

Sanft legt sich eine Hand auf meine Schulter. „Wenn an einer Stelle eine Tür zugeht, öffnet sich eine neue – ganz bestimmt, mein Schatz!“ Papa drückt mir einen Kuss auf die Stirn.

Ich merke, wie meine Augen feucht werden. Wie blöd! Langsam rollen ein paar Tränen über meine Wangen und ich drücke mein Gesicht tief in Papas Jacke. Mama, mein kleiner Bruder Aaron und Hannah, meine zwei Jahre jüngere Schwester, kommen die Treppe herunter.

„Kommt, wir müssen los, sonst sind wir zu spät im Gottesdienst!“, ruft Mama und schwenkt den Autoschlüssel.

„Geht’s wieder?“ Papa schaut mir in die Augen.

Ich nicke tapfer. Ja, es geht. Es geht immer weiter, das weiß ich. Ich habe in meinem Leben schon oft erlebt, dass es weitergehen musste. So ein Umzug wird mich nicht aus der Bahn werfen! Ich habe vor drei Jahren einen heftigen Autounfall überlebt, sehr schwer verletzt. Als ich im Koma lag, hat niemand geglaubt, dass ich je wieder gesund werde. Nein, das stimmt nicht. Meine Familie und Freunde aus der Gemeinde haben schon daran geglaubt. Sie haben nicht aufgegeben, sondern gebetet, Geld gesammelt, während meiner langen Krankenhauszeit für meine Family Essen gekocht und meine beiden Geschwister versorgt. Ich weiß, dass ich mich auf diese Leute zu hundert Prozent verlassen kann! Und genau das macht es so schwierig, von hier wegzuziehen. Deshalb tut es so weh mit dem Neuanfang in einer anderen Stadt.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da konnte ich nicht laufen und kaum sprechen, da hat mir eine total einfache Frage schon Kopfschmerzen bereitet. Aber meine Freunde und meine Gemeinde waren immer da. Jetzt kann ich wieder laufen, sogar ein wenig Sport machen. Und ich bin Klassenbeste. Aber ich kann meine Freunde und meine Gemeinde leider nicht mitnehmen an den neuen Wohnort.

„Ja, alles klar“, sage ich und versuche zu lächeln. „Es kann losgehen. Meinen letzten Gottesdienst hier will ich auf keinen Fall verpassen!“

Mein kleiner achtjähriger Bruder Aaron nimmt meine Hand. „Das ist nicht der letzte, Debbie! Wir kommen doch zu Besuch wieder hierher. Wir müssen nach Oma gucken, und ich will wissen, wie groß der Apfelbaum ist, den ich letztes Jahr mit Papa gepflanzt habe. Ist doch logisch!“

Ich drücke Aarons Hand fest. „Na klar. Wie konnte ich das vergessen.“

Aaron kichert. „Genau. Du vergisst doch nie was.“

Zwanzig Minuten später sitzen wir im Gottesdienst. Ich entspanne bei den Liedern, die ich so gut kenne, schließe die Augen für ein stilles Gebet. ‚Weißt du, Daddy im Himmel, wie dankbar ich für die Menschen hier bin? Klar weißt du das. Du hast das ja gemacht! Bitte pass gut auf alle hier auf. Und pass auch gut auf uns auf!‘

Die Musik ist verklungen. Unser Pastor fängt an zu reden:

„In dieser Woche ist mir etwas besonders wichtig geworden. Jesus sagt in der Bibel zu seinen Freunden: ‚In der Welt habt ihr Angst, aber seid getröstet, ich habe die Welt überwunden.‘ Ein tröstlicher Vers! Weil Jesus hier auf der Welt gelebt hat, weiß er auch, wie wir denken und fühlen, was wir zu bewältigen haben. Und er ist stärker als alles, was uns begegnet.“

Ein Satz aus der Predigt hakt sich besonders in mir fest: „Egal, wo wir sind, egal, was gerade unsere Lebensaufgabe ist: Wir dürfen immer auf ihn zählen! Und das können wir am besten, wenn wir eng mit Jesus verbunden bleiben.“

Ich bleibe an den Worten „egal, wo“ hängen.

Wie wird das alles wohl werden in der neuen Stadt, in der neuen Schule, in der neuen Wohnung, in der neuen Gemeinde? Nein, ich habe keine Angst, aber unsicher bin ich schon irgendwie. Ich weiß schon jetzt ganz genau, dass ich alles hier ganz doll vermissen werde! Aber Jesus, den kann ich mitnehmen. An dem ändert sich nichts, und das ist schon mal eine sehr gute Sache.

Direkt im Anschluss an die Predigt werden wir als Familie gesegnet. Mama, Papa, Hannah, Aaron und ich stellen uns ganz dicht zusammen, und dann beten einige Leute für uns. Das fühlt sich richtig gut an.

Nach dem Gottesdienst kommen Emelie, Mila, Lissie und Jasmin aus meinem Jugendkreis auf mich zu. Sie ziehen mich in unseren wunderschönen Jugendraum.

„Hi, Debbie, ich habe dir einen Lampenschirm beklebt mit ganzen vielen Fotos!“ Emelie lächelt erwartungsvoll und überreicht mir eine kleine Reispapier-Stehlampe, die liebevoll verziert ist.

Ich freue mich riesig und wir lachen gemeinsam über die Bilder.

„Hier, das war beim Jugendtag letztes Jahr“, kichert Lissie, „die Wasserrutsche mit Müllsackdress. Das war mega! Und hier …“ – sie zeigt auf ein weiteres Bild – „Milas Geburtstag mit der Poolparty am Gartenteich! Nur blöd, dass man vor lauter Algen gar nicht drin schwimmen konnte.“ Sie zwinkert Mila verschmitzt zu.

„Hey, wolltet ihr jetzt eine Poolparty, oder nicht?“ Mila knufft Lissie in die Seite. „Niemand von uns hat einen Pool im Garten, aber meine Oma den schönsten Fischteich!“

Wir haben so viel gemeinsam erlebt. Ich schaue in die vertrauten Gesichter.

„Wir werden dich total vermissen, Debbie“, seufzt Emilie. „Wer hat denn jetzt die Ideen für die Jugendgottesdienste, und wer tritt uns in den Hintern, wenn wir uns mal wieder alle hängen lassen?“ Sie drückt mich fest.

„Und wer korrigiert unsere Mathe-Hausaufgaben und erinnert uns an unsere To-do-Listen?“ Jasmin überreicht mir ein großes Paket. „Hier, mach auf!“

Ich öffne den Karton – schönes Papier, Stifte und eine Stanze liegen darin.

„Das ist vom Jugendkreis. Da kannst du weiter so schöne To-do-Listen für die ganzen neuen Leute basteln. Die werden sich sicher genauso freuen wie wir, wenn sie endlich mal was zu tun kriegen!“ Jasmin grinst über das ganze Gesicht.

„Ach, ihr verrückten Hühner!“ Ich bin schwer gerührt. „Danke, Mädels! Können wir das mit dem Abschied nicht so endgültig machen, bitte? Ich meine, wir bleiben doch in Kontakt! Wir schreiben, telefonieren und besuchen uns, oder?“

„Schon“, sagt Mila, „aber trotzdem bisse nun erst mal weg. Ab morgen gehst du in ’ne andere Schule und dann auch in eine andere Gemeinde, und wir müssen hier jetzt ohne dich klarkommen.“ Sie hält meine Hand.

Könnte dieser Moment nicht einfach ewig dauern?

Später steigen Hannah und ich zu Mama ins Auto. Aaron fährt mit Papa im Umzugswagen. Tschüss, Bremen!, flüstere ich in Gedanken. Es ist ganz still im Auto. All die bekannten Straßen, Häuser und Plätze ziehen an uns vorbei.

Mama räuspert sich, es scheint, als wolle sie jetzt keine gedrückte Stimmung aufkommen lassen. „Na, worauf freut ihr euch in eurem neuen Zuhause? Was nehmt ihr euch vor? Ein Neuanfang ist ja immer eine Chance!“

Hannah lehnt sich zu uns nach vorne. „Also, ich will ordentlicher werden, in der Schule und zu Hause. Und ich möchte unbedingt in eine Malschule. So was gibt’s da, hab ich schon gegoogelt!“

Mama freut sich. „Sehr gut. Wir schauen gleich diese Woche, ob wir einen Platz für dich finden.“ Dann legt Mama ihre Hand auf meinen Oberschenkel. „Und du, Debbie?“

Ich habe mir schon eine Liste gemacht mit all den Dingen, die mir zu Hause in Bremen immer wichtig waren. „Ich glaube, als Erstes möchte ich wieder eine Gemeinde haben und einen Jugendkreis.“

Mama nickt. „Auch sehr gut. Die Gemeinde, die Papa gefunden hat, scheint da vieles zu bieten.“

Es dauert mehr als drei Stunden, bis wir unsere neue Wohnung erreichen. Da Papa schon vor drei Monaten mit seiner Arbeit in der anderen Firma begonnen hat, kennt er schon seine neuen Kollegen. So stehen an diesem Sonntagnachmittag drei Männer vor der Haustür. Papa begrüßt seine Arbeitskollegen freundlich und stellt sie uns vor. Schon nett, dass die uns helfen, obwohl sie Papa kaum kennen. Gemeinsam sind wir die nächsten zwei Stunden damit beschäftigt, die Fahrzeuge auszuräumen. Dann bringt Papa den Lkw in den nächstgrößeren Ort zum Autoverleih, und Mama muss hinterherfahren, um Papa wieder mit zurückzunehmen.

Es ist mittlerweile dunkel geworden. Hannah und ich gehen in unser neues Zimmer. Ich teile es mit ihr, das war in unserer alten Wohnung auch so. Aber das Zimmer hier ist etwas größer. Aaron hat ein kleines Zimmer für sich bekommen. In den letzten Wochen sind wir schon mehrmals hier gewesen und haben unsere Zimmer eingerichtet. So wird die erste Nacht hier hoffentlich nicht so ungewohnt sein wie in einem fast kahlen Zimmer, in dem es vielleicht noch nach frischer Farbe riecht.

Hannah holt alle ihre Kissen aus dem Bett und legt sie in die Zimmermitte. Sie schaut mich ernst an.

„Heute Nacht brauch ich eine Engelstreppe. Das ist die erste Nacht hier. Und morgen fängt die neue Schule an. Hast du Angst, Debbie?“

Ich schüttele den Kopf. Ich weiß, dass Hannahs Lieblingsgeschichte aus der Bibel die Geschichte von Jakob und der Treppe in den Himmel ist. Jakob musste damals von zu Hause fliehen. Er war vollkommen alleine unterwegs, hatte große Angst und mit Sicherheit auch ein mega-schlechtes Gewissen, weil er seinen Bruder betrogen hatte. Aber Gott hatte ihn nicht allein gelassen, sondern ihn beschützt. In einem Traum sah er eine Treppe direkt in den Himmel. Engel kamen zu ihm herunter und gaben ihm neuen Mut. Immer wenn Hannah sich vor etwas fürchtet, baut sie sich mitten im Zimmer einen riesigen Kissenberg und legt sich zum Schlafen darauf. Meist betet sie dann zu Gott und bittet ihn um Mut oder einfach darum, dass die bevorstehende Aufgabe nicht so schwer wird.

Aaron kommt mit Bettdecke, Kissen und Kuscheltier in den Armen zu uns ins Zimmer.

„Darf ich heute bei euch schlafen? Das ist alles so neu hier und das riecht gar nicht wie zu Hause.“

Ich lächle, weil ich daran denke, wie begeistert wir Schwestern waren, als unser kleiner Bruder kam. Wir haben ihn die ersten Jahre wie eine lebendige Puppe behandelt. Als Aaron dann laufen konnte, hatte er sich oft gegen die Puppenbehandlung gewehrt. Heute verstehen wir uns meist gut, auch wenn er deutlich jünger ist und als Junge andere Interessen hat.

„Klar kannst du hier schlafen.“ Hannah zeigt auf ihr Bett. „Das ist frei heute Nacht!“

Aaron nickt nur, auch für ihn sind Hannahs Engelstreppen-Nächte nichts Ungewöhnliches.

Noch sind unsere Eltern nicht zurück, und so bringe ich meinen kleinen Bruder ins Bett, während Hannah im Bad ist.

„Debbie?“ Aaron nimmt seinen großen Stoffhund ganz fest in den Arm. „Wenn ich morgen in die neue Klasse gehe, und keiner mit mir spielen will, was mache ich denn dann?“

Ich streiche ihm eine Locke aus dem Gesicht. „Ich kann dir ja verraten, was ich dann mache. Ich schaue mir die Kinder ganz genau an. Dann merke ich schnell, wer nett ist und mich mitspielen lässt. Man kann nämlich erkennen, wer auch grad einen Freund sucht oder vielleicht Hilfe braucht. Zu solchen Kindern gehe ich dann und spiele mit denen. Das klappt fast immer!“

„Du bist aber schlau, Debbie. Was spielt ihr denn?“ Aaron lächelt.

„Wir spielen nicht mehr, so wie ihr in der zweiten Klasse. Wir stehen einfach zusammen und unterhalten uns oder zeigen uns Fotos auf den Handys. Aber so kannst du das machen. Es funktioniert fürs Spielen genauso wie fürs miteinander Rumstehen“, erkläre ich.

„Nur dass Rumstehen viel langweiliger ist als Spielen“, findet Aaron.

Er dreht sich um und zieht die Decke bis zum Kinn, rollt sich zusammen wie ein kleiner Igel und ist kurz darauf eingeschlafen.

Ich schalte das große Licht aus und die kleine Papier-Lampe von Emelie an. Innerlich bewegt schaue ich mir noch einmal ganz genau die einzelnen Bilder an. Seufzend lass ich mich auf mein Bett sinken. Das wird schon, versuche ich mich aufzumuntern.

Hannah kommt zurück ins Zimmer und drückt mich fest. „Betest du noch mit mir?“

Ich nicke. Wir fassen uns an den Händen und schließen die Augen und ich beginne. „Großer Daddy im Himmel. Danke, dass wir dich überall mit hinnehmen können, dass du überall gleichzeitig bist. Schenk uns morgen einen guten Tag, und hilf uns dabei, schnell neue Freunde zu finden. Amen.“

Hannah ergänzt: „Und mach auch, dass wir gut schlafen und schön träumen. Jesus, du hast auch ganz oft dein Zuhause gewechselt, und hattest immer viele Leute um dich rum. Ich wünsche mir eine gute Freundin. Das wär toll. Amen.“ Hannah schmeißt sich in ihren Kissenhaufen.

Ich gehe ins Badezimmer und schaue mich im Spiegel an. Wenn ich die Haare zur Seite schiebe, kann ich die lange Narbe erkennen, die sich von meinem rechten Ohr bis zum Hinterkopf zieht. Die ist ein sichtbares Zeichen des schweren Verkehrsunfalls, den ich vor drei Jahren hatte. Die Ärzte haben meinen Eltern damals gesagt, dass ich sterben oder behindert aus dem Koma erwachen werde. Aber ich bin gesund! Immer, wenn etwas schwierig ist, schaue ich mir die Narbe an. „Das haben wir geschafft, dann schaffen wir einen Neuanfang hier auch!“ Ich zwinkere meinem Spiegelbild zu.

Als ich aus dem Bad komme, höre ich leise Gespräche aus der Küche – meine Eltern sind zurück. Ich klopfe an die Küchentür und gehe rein.

„Ah, Debbie, danke, dass du Aaron schon ins Bett gebracht hast“, sagt Mama. „Und Hannah schläft auch schon auf ihrem Kissenberg.“ Sie reicht mir eine Tasse mit meinem Lieblingstee. „Alles klar für morgen?“

Ich nehme die Tasse und nicke. „Ja, ich denke schon. Es ist zwar blöd, so ein erster Tag, aber das wird schon.“

„Ganz bestimmt“, ermutigt mich Papa. „Als ich vor drei Monaten hier angefangen habe, da waren die meisten total nett zu mir. Das wünsche ich euch auch morgen in der Schule.“ Er umarmt mich.

Dann nehme ich meinen Tee mit ins Zimmer, sitze noch eine ganze Weile neben meiner neuen Lampe und schreibe in mein Tagebuch. Den letzten Satz betrachte ich immer wieder und verziere ihn mit Stiften aus der Geschenkbox vom Jugendkreis.

„Und ich freu mich drauf, auf diesen Neuanfang! Ganz ehrlich!!“

Charlie

Vor drei Jahren war ich das einzige Kind meiner Eltern. Ich musste Mama und Papa nicht teilen.

Die Autotür fällt laut ins Schloss. Ich lasse mich zurück in den Sitz gleiten und atme tief aus. Überstanden! Mama schaut mich mitfühlend an. Betont fröhlich fragt sie: „Wie war dein Wochenende, mein Schatz?“

Ich starre aus dem Autofenster. „Na, wie wohl? Toll! Yvy hat alles sooo schön gemacht. Melvin und Marlon haben die ganze Zeit geschrien und Fußball gespielt, mal ist der Ball in meinem Orangensaft gelandet und mal in einer Blumenvase. Papa hat nur gelächelt. Und jetzt kommt der Hammer: Wir fahren Pfingsten nach Zeeland. Und das Schönste ist, alle kommen mit! Und ich hatte schon gedacht, Papa würde mal nur was mit mir machen.“

Mama legt mir eine Hand auf das Knie. „War es wirklich so schlimm, oder übertreibst du ein wenig?“

„Glaubst du mir etwa nicht? Du kannst ja mal mitkommen!“ Ich bin empört.

Mama beschwichtigt: „Natürlich glaube ich dir. Charlotte, ich weiß, das ist alles nicht einfach. Aber bitte, lass uns doch versuchen, das Beste draus zu machen. Es muss doch irgendwie weitergehen. Hast du mit Papa darüber gesprochen, dass du gerne mit ihm alleine weg möchtest?“

Jetzt brause ich so richtig auf: „Mit Papa sprechen? Du hast ja überhaupt gar keine Ahnung, was da abgeht! Alles ist toll da, und wehe, du sagst was anderes. Dann bist du der, der alles kaputt macht. Da kann man nicht reden!“

„Soll ich mal mit Papa sprechen?“, versucht Mama es noch mal.

Ich hebe abwehrend die Hände. „Nee, lass mal. Ich hab schon genug angerichtet, weil ich nicht in der ‚Alles toll‘-Stimmung war. Hauptsache, bei uns ist alles okay. Irgendwo muss einfach mal was bleiben, wie es ist!“

Das Auto wird langsamer. Wir haben den Waldrand erreicht und auf der rechten Seite kommt ein Wanderparkplatz. Mama bringt das Auto dort zum Stehen. Ich bekomme ein ungutes Gefühl. „Was wollen wir denn hier?“

„Steig mal aus, wir gehen ein Stück!“ Mama streicht mir über das Knie.

Ich stöhne. „Och nee. Ich brauch jetzt keine Entspannungstherapie, das hat Ivy schon versucht. Das wirkt bei mir nicht. Lass uns einfach nach Hause fahren; ich glaub, ich hab noch was in Englisch auf.“

Mama ist schon ausgestiegen. „Charlotte, ich muss mit dir reden. Ich habe verstanden: Dein Wochenende war nicht toll. Aber ich muss mit dir reden! Du bist meine Tochter, und ich muss dir etwas sagen, und möchte nicht, dass du es von irgendjemand anderem erfährst. Ich möchte es dir sagen. Steig jetzt bitte aus.“

Eiskalt kriecht die Angst in mir hoch. Das hört sich nicht gut an. Meine Stimme ist krächzig und hört sich fremd an. „Ist was passiert? Trennst du dich von Daniel? Oder wollt ihr auch heiraten wie Papa und Yvy? Hast du keinen Job mehr?“

Mama nimmt meine Hand. „Nun komm erst mal mit.“

Schweigend gehen wir in den Wald hinein. Irgendwann bleibt Mama stehen und dreht sich zu mir um. Sie legt ihre Hände auf meine Schulter und schaut mir in die Augen. Ganz vorsichtig lächelt sie. „Charlotte, ich … ich bin schwanger. Wir bekommen noch ein Kind.“

Ich kann ihre Worte hören, aber irgendwie kommen sie nicht bei mir an. Es dauert ein paar Sekunden, bis eine Stimme in meinem Kopf dröhnt: „Ein Kind. Ein Baby. Ein Kind. Meine Mama. Ein Kind.“

Ich suche nach dem richtigen Gefühl für die Situation. Aber ich finde keins. Da ist nur ein großes Loch, und das wird immer größer. Meine Augen füllen sich mit Tränen, aber ich schlucke sie runter. Mama will mich zu sich ziehen, aber ich rühre mich nicht. Plötzlich geht ein Ruck durch meinen Körper, ich reiße mich los und renne, so schnell ich kann, in den Wald hinein. Hinter mir höre ich Mamas Schritte und ihr Rufen: „Charlotte, bleib stehen! Komm zurück!“

Irgendwann wird die Stimme immer leiser. Ich renne, bis meine Lunge brennt. Als ich nicht mehr kann, werfe ich mich ins feuchte Gras. Regungslos bleibe ich liegen, höre mein rasendes Herz, meinen keuchenden Atem, dann wird es ruhiger. Ich nehme nur noch das Vogelzwitschern und die rauschenden Bäume wahr.

Noch ein Kind!

Was bedeutet das für mich? Vor drei Jahren war ich das einzige Kind meiner Eltern. Ich musste Mama und Papa nicht teilen. Jetzt teile ich Papa mit Yvy, Melvin und Marlon. Papa scheint mit seiner neuen Familie glücklicher zu sein, als mit Mama und mir. So oft habe ich das Gefühl, ich störe nur. Aber es ist doch auch mein Papa, nein, es ist eigentlich nur mein Papa! Auch Mama hat wieder einen Freund, Daniel. Daniel ist eigentlich ganz nett. Er ist ruhig, gemütlich, kann alles reparieren und hat immer ein offenes Ohr. Daniel hat viele Freunde, das ist schon cool. Oft schauen spontan Leute vorbei. Daniel kann kochen, richtig gut kochen. Papa kann noch nicht mal ein Spiegelei braten. Ja, Daniel ist in Ordnung. Und er lässt Mama und mir genug Zeit füreinander. Er drängt sich nicht in mein Leben.

Aber ein Baby? Das würde sich dazwischendrängeln, zwischen Mama und mich. Das Baby ist ja auch Mamas Kind – und das von Daniel. Dann bin ich wieder raus, bei Papa sowieso schon – aber dann auch bei Mama. Nein, ein Baby geht gar nicht!

Mein Blick klebt an den Bäumen, die Zeit vergeht, ohne dass ich es merke.

Es dämmert bereits, als ich mich auf den Weg zurück mache. Mamas Auto steht noch dort. Ich öffne die Beifahrertür und steige ein.

Mama schaut auf. „Ich habe mir Sorgen gemacht. Du warst fast zwei Stunden verschwunden …“

„Sag jetzt einfach nichts, bitte!“ Ich fühle mich schrecklich müde.

Schweigend fahren wir nach Hause. Schweigend gehen wir in die Wohnung. Schweigend gehe ich an Daniel und meinem Hund Jack vorbei. Schweigend gehe ich in mein Zimmer, schließe die Tür und lasse mich aufs Bett fallen. Und dann kommen die Tränen und hören nicht mehr auf.

Ich muss eingeschlafen sein, und wache auf, als Mama sich an die Bettkante setzt. Ich stelle mich schlafend. Eigentlich möchte ich jetzt so gerne in Mamas Arm, so wie früher als kleines Mädchen auf ihrem Schoß sitzen und kuscheln. Ich möchte, dass Mama mir ein Märchen erzählt mit einem Happy End. Ein Märchen, in dem ich die Prinzessin bin und alles gut wird – nicht so wie diese verlogenen Geschichten von Du-schaffst-das-schon und Es-muss-ja-weitergehen. Langsam rollt wieder eine Träne aus meinem Auge. Das hat Mama gesehen. Ganz sanft nimmt sie mich in die Arme und zieht mich zu sich. Mama küsst meine Haare und ich weine. Mein Körper wird von Schluchzern geschüttelt und Mama singt ein Kinderlied. Das tut einfach gut.

Die Tür öffnet sich einen Spalt und Daniel kommt mit zwei Tassen heißer Schokolade mit Zimt herein – meinem Lieblingsgetränk. Er verlässt das Zimmer sofort wieder. Ich rutsche ein Stück zur Seite, damit Mama zu mir ins Bett kommen kann. In Mamas Arm schlürfe ich aus meiner Tasse.

„Was macht dich so traurig, mein Schatz?“, will Mama wissen.

Ich überlege, was ich Mama sagen kann. Mama, die schon genug um die Ohren hat. Nach der Trennung musste Mama einen neuen Job suchen. Jetzt arbeitet sie viel, denn Papas großes Gehalt ist nicht mehr da. Daniel arbeitet im Schichtdienst, verdient aber wohl nicht so viel. Sind Babys eigentlich teuer? Kann Mama dann noch arbeiten und Geld verdienen? Muss ich dann auf das Baby aufpassen? Ist dann überhaupt noch Platz für mich? Was soll ich Mama sagen? Ich will auf keinen Fall, dass sie traurig ist. Ich will sie nicht belasten. Schließlich ist alles schon schwer genug nach der Trennung. Und wer weiß, vielleicht hätten Mama und Papa sich gar nicht getrennt, wenn ich nicht da gewesen wäre …

Ich murmele: „Weiß nicht. Irgendwie kommt das so plötzlich. Damit hab ich so gar nicht gerechnet.“

Mama drückt mich sanft. „Für mich auch. Wir waren auch recht überrumpelt, denn wir hatten gar kein Baby geplant. Aber vielleicht ist das auch eine Chance für eine neue Familie.“

Nicht geplant? Na, Kinder fallen doch nicht vom Himmel! Und was für eine neue Familie soll das denn sein, wenn es mit der alten schon schwierig ist? Ich ziehe mich ein wenig von Mama zurück.

„Kannst du denn dann noch arbeiten mit so einem Baby?“, frage ich.

Mama trinkt einen Schluck Schokolade. „Ich werde erst einmal zu Hause bleiben“, erklärt sie. „Daniel und ich werden beide Elternzeit nehmen, zuerst ich, dann er. In Elternzeit kann einer zu Hause bleiben und wir bekommen trotzdem Geld. Morgen spreche ich mit meinem Chef, ob ich bis zum Mutterschutz Überstunden machen kann, zu tun ist momentan genug. Dann wird das Geld auf jeden Fall reichen.“

Über Geld mussten wir uns früher nie Gedanken machen. Auch das ist erst so seit der Trennung. „Wann kommt denn das Baby?“, will ich wissen.

„Der errechnete Termin ist Mitte November. Das heißt, Weihnachten sind wir zu viert!“ Mama lächelt.

Ich finde nicht unbedingt, dass dies ein Grund zum Freuen ist. Weihnachten ist schon lange kein Lieblingsthema mehr. Eigentlich ist es noch schlimmer als Geburtstag. Ständig steht diese Frage im Raum: Wann bin ich wo? Es gibt also absolut keinen Grund, schon im Mai über Weihnachten nachzudenken.

Plötzlich fällt mir was ein und ich verschütte vor Schreck meine heiße Schokolade. „Meine Englischhausaufgaben!“

Mama steht auf und tupft den Schokoladenfleck notdürftig mit einem Taschentuch ab. „Ich schreibe dir eine Entschuldigung. Jetzt ist es fast zehn Uhr. Ich denke, du solltest jetzt schlafen.“

Als Mama aus dem Zimmer geht, merke ich wieder, wie müde ich bin. Schnell ziehe ich meine Sachen aus, verschwinde kurz im Bad und verkrieche mich im Bett. Mit einem leisen Pfiff rufe ich Jack. Freudig springt unser Mischlingshund in mein Bett. Das hat Mama zwar verboten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass nach einem solchen Katastrophen-Sonntag irgendjemand Einwände hat. Und so ist es auch. Mama kommt noch kurz ins Zimmer und drückt mir kopfschüttelnd einen Kuss auf die Stirn.

Mit dem Gesicht in das Hundefell vergraben schlafe ich ein und finde mich in wirren Träumen wieder.

Ich irre durch ein großes Labyrinth und höre Papa rufen: „Chelsea, wo bleibst du denn? Wir müssen zur Hochzeit. Ivy wartet schon!“ Verzweifelt versuche ich den richtigen Weg zu finden. Und wieder ertönt Papas Stimme: „Chelsea, beeil dich, wir kommen zu spät!“

Jetzt hört sich die Stimme ganz nah an. Ich biege um eine Ecke und stehe wieder vor einer Wand. Ich will Papa was zurufen, aber meine Stimme versagt. Mit beiden Händen trommele ich gegen die Mauer. Plötzlich gibt diese nach und ich falle kopfüber in einen Abgrund. Ein stummer Schrei kommt aus meiner Kehle.

Erneut lande ich in einem Labyrinth, eine Etage tiefer. Hier höre ich Mamas Stimme: „Charlotte, kannst du dich mal um das Baby kümmern? Es schreit!“ Ich höre das Babygeschrei und versuche, den richtigen Weg zu finden. „Charlotte, beeil dich bitte!“ Mamas Stimme hört sich an, als kommt sie aus weiter Ferne. Ich beginne zu rennen. Das Geschrei wird lauter und ich komme an eine Weggabelung. Ich laufe nach rechts und kann ganz weit vorn einen Kinderwagen sehen. Ich renne noch schneller – da plötzlich schiebt sich eine Wand zwischen den Kinderwagen und mich. Mit voller Wucht pralle ich dagegen und mein Arm schmerzt fürchterlich.

Durch den Aufprall werde ich wach. Jack liegt auf meinem Arm. Ich schiebe den Hund an die Seite und trockne meine schweißnasse Stirn an der Bettdecke ab. Dann stehe ich auf, um etwas zu trinken. Der Mond scheint hell in die Küche und die Nacht sieht so friedlich aus. Als ich zurück im Bett bin, falle ich wieder in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen, als ich im Schulbus sitze, kippt mein Kopf gegen die Fensterscheibe. Josi neben mir lacht. „Hallo, aufwachen! Was hattest du denn für ein Wochenende? Muss ja mega-anstrengend gewesen sein.“

Ich strecke mich. „Och, war nur ein bisschen scheiße, sonst ging’s!“

„Wieso? Erzähl mal!“ Josi ist neugierig geworden.

Josefine ist meine beste Freundin, aber heute Morgen habe ich keine Lust, das ganze Wochenendchaos noch mal durchzukauen. Deshalb antworte ich nur knapp: „Das Übliche halt: Papa-Wochenende mit nervenden Jungs und zum Abschluss noch Stress mit Mama.“

Josi nickt verständnisvoll. „Ich dachte schon, es wäre was wirklich Schlimmes!“

Ich zucke innerlich. Bisher war Josis Leben schlimmer als meins. Ihr Papa rastet regelmäßig aus und im Moment darf Josi ihn gar nicht besuchen. Aber das mit dem Baby ist ja wohl auch eine heftige Nummer! Vielleicht erzähle ich ihr später davon. Jetzt heißt es erst Mal, die Schule mit diesen Monsterkopfschmerzen zu überleben. Am liebsten würde ich den ganzen Tag einfach nur schlafen!

In der ersten Stunde haben wir Mathe bei Frau Menning, unserer Klassenlehrerin. Mathe ist nicht meine Stärke, aber die Lehrerin ist meistens cool drauf.

Nanu? Vorn an der Tafel steht ein fremdes Mädchen. Was die hier will? Sie hat braune lange Locken und fröhliche Augen und trägt ein knallpinkfarbenes T-Shirt – auch irgendwie fröhlich.

Wieso gefällt mir genau jetzt überhaupt nicht, dass ich nur dunkle Sachen trage, am liebsten Grau? Ich setze mich auf meinen Platz in der letzten Reihe und starre das Mädchen an. Jetzt schaut sie zurück und lächelt – auch fröhlich! Krass. Wie kann man Montagmorgen nur so fröhlich sein? Ich schüttele den Kopf und starre auf Josis Rücken in der ersten Reihe. Voll doof, Frau Menning hat uns am Freitag auseinandergesetzt, weil wir zu viel quatschen. Jetzt hat jeder von uns einen Platz neben sich frei. Dann wird Mathe jetzt noch langweiliger. Egal, Hauptsache, ich schlafe nicht ein!

Debbie

Hallo, ich wollte einfach nur nett sein! Das macht man so.

Die Haustür fällt laut ins Schloss. Ich atme tief ein, die kühle Morgenluft tut gut. Meinen Schulweg bin ich gefühlt schon hundert Mal auf Google-Maps gegangen. Ich bin sicher, dass ich mich nicht verlaufen werde. Papa hatte angeboten, mich zu bringen, aber das wollte ich nicht. „Ich möchte an einem ganz normalen Schultag ganz normal zur Schule gehen, wie alle anderen in meiner Klasse auch. Bestimmt werde ich schon einige unterwegs treffen“, habe ich beim Frühstück gesagt.

Hannah hat große Augen gemacht. „Du kennst die doch noch gar nicht!“

„Stimmt und stimmt nicht“, habe ich ihr geantwortet. „Ich hab mir auf der Homepage der Schule die Klassenfotos aus dem letzten Sommer angeschaut. Das ein oder andere Gesicht erkenne ich vielleicht wieder.“

Hannah hat nur den Kopf geschüttelt. „Abgefahren. Auf so ’ne Idee würde ich niemals kommen. Also, Papa, mich kannst du zur Schule bringen. Ich hab noch keine Klassenkameraden gestalkt!“

Ich habe nur mit den Augen gerollt. „Ich stalke nicht. Ich bereite mich vor!“

Aaron war, glaube ich, von uns Dreien am aufgeregtesten; er konnte überhaupt nicht still sitzen. „Wer bringt mich eigentlich zur Schule?“, hat er gefragt und dabei fast seine Milch umgekippt.

„Das mache ich“, hat Mama geantwortet. „Du hast aber noch ein wenig Zeit!“

Für Mamas Arbeit ist der Umzug kein Problem. Sie arbeitet als Übersetzerin, und da spielt es keine Rolle, von wo aus sie das macht. Sie sitzt am Schreibtisch und alles geht online. Ihre Kunden merken nicht einmal, dass sie umgezogen ist. Ich finde es gut, dass Mama immer zu Hause ist, wenn ich komme. Und meistens hat sie Zeit für mich, Hannah und Aaron.

Jetzt stehe ich auf dem Bürgersteig. Zur Sicherheit habe ich mein Handy doch eingeschaltet und verfolge den kleinen Punkt, der sich auf dem Display in Richtung Schule bewegt.