Hey ChatGPT, wer tötete Amalia? - Thomas Grebner - E-Book

Hey ChatGPT, wer tötete Amalia? E-Book

Thomas Grebner

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Beschreibung

Lisa besucht ein Volksfest zusammen mit ihrer besten Freundin Amalia und findet sie kurze Zeit später misshandelt und ermordet im Wald. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Zwanzig Jahre später liefert ChatGPT vier Namen potenzieller Tatverdächtiger. Um endlich für Gerechtigkeit zu sorgen, investigiert sie zusammen mit der Schwester des Opfers im Fall Amalia und stößt auf interessante Zusammenhänge. Wird die künstliche Intelligenz recht behalten? Künstliche Intelligenz ist eines der meistdiskutierten Themen unserer Zeit. Chatbots wie ChatGPT können in Sekundenschnelle professionell wirkende Essays, Zusammenfassungen, Marketingtexte und Programmcodes generieren. Zudem haben sie auf viele Fragen gut strukturierte und richtige Antworten. Aber können diese KI-Chatbots in der Zukunft vielleicht noch mehr, wie z. B. einen Mord aufklären? Genau mit diesem Thema beschäftigt sich dieses Buch. Der Bot greift auf eine Vielzahl von Datenbanken zu, die Bild- und Videomaterial, Social-Media-Profile, hinterlegte DNA-Informationen und Fingerabdrücke, Gesundheitsinformationen sowie geleakte Daten aus Chatverläufen und polizeilichen Akten bereitstellen. Professionelle Deep-Fake-Videos stellen insbesondere Personen der Öffentlichkeit zunehmend vor Probleme, da sie kaum von echtem Material zu unterscheiden sind. So ist es möglich, Personen in pornografischen Filmen mitspielen zu lassen, gefakte politische Botschaften zu verbreiten, wie z. B. der Mittelfinger des ehemaligen griechischen Finanzministers Varoufakis oder Betrugsfälle, indem beispielsweise ein Video einer Person an deren Familie geschickt wird und diese um Geld bittet. Mit zunehmender Realitätssteigerung der Fake-Videos wird es auch möglich sein, Tatverläufe, wie Mord, nachzustellen. Dieses Buch greift genau diese Idee auf. Abgesehen von KI finden weitere aktuelle Themen wie Dating Apps, Gender-Reveal-Partys, Reiselust und offene Dialoge über Sexualität gekonnt ihren Platz. Neben einer durchdachten und spannend aufgezogenen Story, in der bis zum Ende unklar ist, ob die KI den richtigen Täter liefert, wurde auch auf Humor, Emotionen und zwischenmenschliche Beziehungen geachtet.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Schützenfest, 16.08.2003

Dienstag, 12.09.2023 – Lisa

Eine Woche davor, 05.09.2023 – Person x

Eine Woche später, 12.09 - - 14.09.2023 – Lisa

Kronach, Jahr 2003

Nächster Morgen, 15.09.2023

Freitag, 15.09.2023 – Person X

Samstag, 16.09.2023 – Lisa

Sonntag, 17.09.2023

Arbeitswoche 18.09 - 22.09.2023

Freitag, 22.09.2023

Nächster Morgen, Samstag, 23.09.2023

Nächster Morgen, Sonntag, 24.09.2023

Nächster Morgen, Montag, 25.09.2023

Eine Stunde später

Der Morgen danach, Dienstag, 26.09.2023

Tanja - Drei Tage vorher, Samstag, 26.09.2023

Zwei Tage später, Donnerstag, 28.09.2023

Tanja, August 2003

Einen Tag später, Freitag, 29.09.2023

Regensburg, 30.09.2023

Nachwort & Danksagung

Schützenfest, 16.08.2003

Endlich war mal wieder was los in diesem erbärmlichen Kaff. Das „Kaff“, von dem ich spreche, heißt Kronach, liegt in Bayern an der Grenze zu Thüringen, die nächste Autobahn ist mindestens 30 Kilometer entfernt und jedes umliegende Dorf hat einen so starken Dialekt, dass es für Norddeutsche wirken muss wie die Sprache eines anderen Landes.

An gewöhnlichen Wochenenden ist es hier sehr still, so still, dass ich sogar das Flackern der Straßenleuchten wahrnehme, wenn ich Mitternachts mit meinem Hund Kiara noch eine Runde um den Block drehe.

Jetzt ist allerdings gerade alles anders, denn es ist Schützenfest. Das größte Volksfest im näheren Umkreis, auf das alle das ganze Jahr hin fieberten. Elf Tage Ausnahmezustand. Viele nehmen sich für das Besäufnis Urlaub, um die Sorgen des Alltags im Bierzelt oder an den Schnapsbuden gemeinsam mit Freunden, Familie oder dem Fußballverein zu ertränken.

Am Eingang des Volksfestplatzes traf ich meine beste Freundin Amalia. Sie war der Schwarm der Schule. Von weiten schon sah ich ihr langes blondes lockiges Haar. Während ich ein einfaches Dirndl von der Stange trug, hatte sie ein selbst genähtes. Es sah wundervoll aus. Ich habe ihr bereits mitgeteilt, dass ich mir zum nächsten Geburtstag von ihr auch ein selbst genähtes Dirndl wünsche. Während ich versuchte, meine zitronengroßen Brüste hoch zu pushen, war es bei Amalia nicht nötig. Denn sie hatte für eine 16-Jährige beachtlich große Brüste. Während sie sehr selbstbewusst auftrat, war ich eher schüchtern. Ich versuchte meist meine rotbraunen Haare in mein Gesicht fallen zu lassen, um meine im Sommer auffälligen Sommersprossen zu verstecken. Ja, ich war etwas neidisch auf ihr Äußeres, aber ich glaube, jedes Mädchen in der Schule war das. Daher war ich auch stolz, dass sie meine beste Freundin war. Ich konnte ihr alles anvertrauen und mich einhundert Prozent auf sie verlassen. Sie war die Starke, ich war die Vernünftige. In vielen Situationen eine gute Mischung, um zu überleben.

Nach einer langen Umarmung betraten wir die „Hofwiese“. Den Namenslink zur Theresienwiese fand ich zwar etwas übertrieben, aber hier am Ende der Welt war man stolz auf das größte Event des Jahres.

Es roch herrlich süß nach Mandeln auf dem Platz. Überall hörte man das Klirren der Maßkrüge. Mit fast 27 °C am Abend war es ein sehr heißer Augusttag, daher war der Durst der Meute kaum zu stillen. Amalia und ich mochten kein Bier und wir wollten auch nicht zu irgendwelchen Fußballproleten ins Bierzelt und zu Schlagermusik auf den Tischen tanzen. Wir steuerten zielstrebig zu den Schnapsbuden, die in der Nähe des Autoscooters lagen. Überall wo Amalia auftauchte, konnte ich die Blicke der Jungs wahrnehmen. Als wäre sie eine Außerirdische oder so, die auf die Welt kam, um alle Männer glücklich zu machen. Während ich sehr gerne einen Freund gehabt hätte, hatte sie immer wieder betont, wie gern sie Single ist. »Männer sind doch eh alle scheiße«, war einer ihrer Standardsätze. Ich, 16 und naiv, träumte noch von einer Love-Story wie in Dirty Dancing oder Pretty Woman, in dem sich Frau und Mann unsterblich ineinander verlieben. Zwei Long Island Ice Tea später waren wir schon etwas angetrunken. Aus der Schnapsbar dröhnte der Klassiker Don‘t Stop Believin von Journey. Wir liebten diesen Song. Wir sprangen, grölten, lachten und umarmten uns. Beim letzten „Don‘t Stop Believin“ schaute mir Amalia in die Augen, wir beide grinsten und auf einmal küsste sie mich. Auf diesen Moment war ich nicht vorbereitet. Amalia, Ami, meine beste Freundin: Lesbisch? Und ja wenn schon aber ich, das kleine Mauerblümchen sollte ihre Wahl sein? Ich war in Schockstarre und eh ich reagieren konnte, griff sich Amalia mit beiden Händen in die Haare und sagte: »Ach scheiße, sorry ich hab’s verkackt.« Als ich versuchte Worte zu finden, fragte Tobi, der mit seinen Freunden schon den ganzen Abend um Amalia herumkreiste, ob sie mit ihm ins Break-Dance-Fahrgeschäft gehen möchte? Amalia ging mit ihm und seinen Mitläufern Andy und Christoph mit und ließ mich an der Theke stehen. Geplagt von meinem schlechten Gewissen stand ich wie festgenagelt an der Theke. »Lisa, hey Lisa«, rief jemand neben mir. Als ich Blickkontakt suchte, stand meine Tante Clara vor mir. Oh, ich wollte einfach nur weg, aber konnte dem Gespräch mit meiner Patin auch nicht aus dem Weg gehen. »Also normalerweise würde ich einer 16-Jährigen keinen Schnaps ausgeben, aber es ist Schützenfest. Was hältst du von einem Gurkenschnaps?« »Klar«, sagte ich und dachte whatever, Hauptsache sie ist schnell wieder weg. Es folgte eine zehnminütige Ausfrage über Schulnoten und was ich denn mal werden will. Die üblichen Spießerfragen. Bis ich mir irgendwann das Geschwafel nicht mehr anhören konnte und ich sagte: »Danke Patin für den Schnaps, aber ich muss jetzt wirklich zu meiner Freundin, sie wartet schon hinten beim Break-Dance.«

Ich wollte unbedingt schnellstens zu Amalia und mit ihr über alles reden, auch wenn ich nicht wirklich wusste, was ich sagen sollte. Vielleicht: »Hey ich fühle nicht so wie du, aber du bist meine beste Freundin und ich will, dass das für immer so bleibt.« Ach Quatsch! Das klingt so falsch. Egal, ich musste zu ihr. Das Break-Dance lag am Ende des Platzes. Ich drängte mich durch die Menschenmenge, überall verschwitzte betrunkene Menschen. Die Lichter aus den ganzen Buden stressten mich in diesem Moment nur noch wie ein Strobo-Licht in einer Diskothek. Angekommen am Fahrgeschäft blickte ich in die bewegten Wagen. Doch da war niemand zu sehen. Kein Wunder, es ist bestimmt 20-25 Minuten her, als sie mit den Jungs von mir floh. Ich drehte mich in alle Richtungen und als ich fast aufgab, entdeckte ich Tobi an einem dieser Box-Automaten, an dem sich die Jungs gerne battelten, wer der Stärkere ist. »Tobi, wo ist Amalia?« Er schaute mich mit seinen glasigen Augen an und sagte: »Die musste kotzen, ist irgendwie da hinausgerannt, Richtung Wald, keine Ahnung.«

Direkt hinter dem Volksfest befand sich ein Wald. Hier haben Amalia und ich manchmal im Sommer gelegen und stundenlang die Sterne angeschaut. Ich rannte zu dem kleinen Feldweg, der uns zu unserem Lieblingsplatz führt. Am Rande des Feldweges stehen ein massiver Holztisch und Holzbänke für Wanderer. Daneben Kotze. Immerhin ein Zeichen. Ich musste schmunzeln, da ich mir genau vorstellen konnte, wie sie sich mit einer Hand am Rande der Bank festhält, die andere Hand hält ihre Haare und sie sich dann vom Gurkenschnaps erleichtert. Sie ist bestimmt zu unserem Platz. Ab hier schaltete ich meine Smartphone-Taschenlampe ein. Ich ging dichter in den Wald. Es war etwas gruselig, da ich diesen Weg noch nie allein bestritten habe. Aber es waren maximal noch zwei Minuten. Daher redete ich mir ein: Durchhalten Lisa, gleich bist du bei Amalia. Kurz vor unserem selbstdefinierten Lieblingsplatz öffnete sich der Wald etwas. Eine kreisrunde moosige Fläche ohne Bäume kam zum Vorschein. Ich leuchtete in alle Richtungen und ziemlich mittig entdeckte ich ihre Handtasche. Ich schwenkte mein Handy nach links und im Lichtkegel erschien Amalia. Sie lag reglos am Boden und war voller Blut.

Dienstag, 12.09.2023 – Lisa

Es gibt kein schöneres Gefühl, als nach zwei Proseccos und ausgiebigen Sex, den Abend auf der Couch ausklingen zu lassen. Mein Tinder-Date John hatte vor zehn Minuten meine Wohnung verlassen. Jonny wie er sich selbst vorstellte, war bereits das dritte Mal da und das verstößt eigentlich gegen meine Dating-Regeln. Ich war glücklich so wie es war. Ich lebte in einer überteuerten Zwei-Zimmer-Wohnung mit kleiner Terrasse in Regensburg, war seit fünf Jahren Frauenärztin in einer Gemeinschaftspraxis und wollte mich mit Mitte dreißig voll und ganz auf meinen Job konzentrieren. Ich war gut in meinem Job und genoss es, Frauen zu helfen. Die Dankeskarten von Müttern, die ich durch die Schwangerschaft begleitete, erinnerten mich zwar manchmal daran, dass es auch ein anderes Leben da draußen gab, welches Frauen glücklich machte, aber das war nicht meine Welt.

So langsam setzte die Müdigkeit ein und während ich in meiner abendlichen Routine durch Instagram-Reels scrollte, erschien eine E-Mail mit dem Betreff „Justice for Amalia, the full truth“, Absender: [email protected]. Klingt nach Spam-Alarm, wäre da nicht der Name Amalia im Betreff zu lesen. Mein Interesse an dem Betreff übertraf das persönliche Sicherheitsgefühl, also öffnete ich die Mail. Es öffnete sich eine Website ohne Inhalt und ein Video-Player kam zum Vorschein. Es dauerte wenige Sekunden, bis das Video vollständig geladen war und mein Herzschlag nahm kontinuierlich zu. Was ich da sah, konnte nicht real sein, aber alles wirkte, als wäre es wirklich aufgenommen worden. Das tonlose Video zeigte zwei junge Mädchen an einer Bar eines Volksfestplatzes. Das waren eindeutig Amalia und ich. Aber wie konnte das sein? Unten rechts im Video sah ich ein Wasserzeichen „GenAI“. Ok, das Video wurde durch künstliche Intelligenz erstellt. Aber es wirkte so verdammt echt. Alles, was ich sah, spielte sich genauso ab. Die Schnäpse an der Bar, der Kuss, wie mich danach meine Tante zulaberte. Auf dem Weg zum Break-Dance zeigte mich die Kamera von hinten. Als ob jemand mit einer Kamera zwei Meter hinter mir lief. Die Menschen auf beiden Seiten und die Beleuchtung der Essensstände verschwommen ineinander, um mich noch mehr in den Fokus zu rücken. Auf einmal war ein Cut im Video. Nun wurde es dunkel. Auch wieder von hinten aufgenommen waren nun vier menschliche Silhouetten zu erkennen die auf dem Feldweg, der in den Wald führt, liefen. Ich drehte die Lautstärke meines Laptops auf aber auch im zweiten Teil des Videos gab es keine Audiospur. Ungefähr zehn Meter vor den vier Wesen war der Rastplatz zu erkennen, an dem sich Amalia übergeben hatte. „Amalia“, dachte ich „oh, mein Gott, meine Amalia!“

Sie stieß sich von der Bank weg und lief tiefer in den Wald. Die vier Gestalten gingen in die gleiche Richtung und in diesem Moment wurde mir schlecht. Mir wurde klar, dass die Verfolger im Video für ihren Tod verantwortlich waren. Danach, schwarzer Screen. Plötzlich schrie mich mein Laptop mit einer angsteinflößenden tiefen Stimme an: „Ich werde euch alle finden und töten“. Ich bin so erschrocken, dass ich den Laptop zugeklappt habe und mir meine Decke mit beiden Händen vor mein Gesicht hielt, als ob ich mich schützen wolle von einem Gegenstand, der auf mich zuflog.

Ich atmete tief ein und aus. Nach wenigen Sekunden ließ der Schock nach und ich beruhigte mich. Ich öffnete langsam den Laptop. Fast so, als ob ich Angst hätte, dass etwas herausspringen könnte. Ich drückte auf Play, die restlichen fünf Sekunden des Videos liefen ohne weiteren Inhalt ab.

Eine Woche davor, 05.09.2023 – Person x

Ich saß an meinem Schreibtisch, der voll mit Gesetzesbüchern war. Dazwischen leuchtete der Bildschirm meines Laptops. Seit ich mein Jura-Studium begann, fühlte ich mich in meiner Ein-Zimmerwohnung wie in der Hogwarts Bibliothek von Harry Potter. Ich studierte Jura aus einem bestimmten Grund. Seitdem was vor zwanzig Jahren passiert ist, wusste ich, dass diese Welt nicht gerecht ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, dachte ich mir. Ich wollte eine gerechtere Welt.

Um das zu schaffen, musste ich Staatsanwältin werden. Aber nicht die Art von Staatsanwältin, die nach zwei Kindern keinen Bock mehr auf ihren Job hat, nur die einfachen Fälle löst und sich damit maximal in Szene setzt. Sondern eine, die ihren Job zum Lebensinhalt macht. Eine, die bis Mitternacht Akten studiert und der Polizei so lange in den Arsch treten wird, bis jeder Fall gelöst ist.

Aber noch war ich keine Staatsanwältin. Ich saß gerade an meiner zweiten Hausarbeit. Ich nahm mir vor, die inhaltlichen Recherchen weitestgehend ohne Hilfe von Chatbots zu schreiben. Allerdings war ich nicht gerade die beste Autorin und hatte gerade eine meiner vielen Schreibblockaden. Ich öffnete ChatGPT, erstellte einen neuen Chat und tippte: Schreibe mir bitte eine Einleitung zum Thema: Verjährung von Straftaten. Ganze fünf Sekunden später hatte ich eine einseitige perfekt gegliederte Einleitung mit einem Text, der professionell wirkte und prägnante Sätze hervorbrachte. Genial! Ich änderte und ergänzte hier und da noch ein paar inhaltliche Sätze und schon hatte ich nach nur zehn Minuten eine Einleitung.

Es war schon fast Mitternacht und ich war mit meiner heutigen Arbeit zufrieden. Ich speicherte und schloss Task für Task. Der letzte offene Task war mein Internetbrowser mit ChatGPT. Ich dachte mir: Liebes ChatGPT, wenn du doch so gut bist, vielleicht weißt du ja auch, wer Amalia auf dem Gewissen hat.

Ich öffnete einen neuen Chat und tippte: Wer tötete Amalia Geiger im Jahr 2003 in Kronach?

Kurze Denkpause von ChatGPT. Ich betrachtete den Chatbot zunehmend als Mensch, der denkt, recherchiert und letztlich zu einem faktisch gut-formulierten Ergebnis kommt.

Der Bot spuckte vier Namen aus. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter.

Eine Woche später, 12.09 - 14.09.2023 – Lisa

Nachdem ich das Video noch ein zweites Mal angeschaut habe, lag ich im Bett mit unzähligen Fragen, die wie Sprechblasen in meinen Gedanken erschienen. Wer ist der Absender dieses Videos? Wer wusste über den Abend auf dem Volksfest so gut Bescheid? Wie konnten die Personen in diesem Video so gut nachgestellt werden? Warum wusste der Absender, dass es sich um vier Täter handelte? Warum sah man die Gesichter der Täter nicht? Warum will sich der Absender gerade an mir rächen? Ich weiß, hätte ich damals bei dem Kuss anders reagiert, wäre sie nicht weggelaufen und sie wäre vielleicht noch… In diesem Moment liefen mir Tränen ins Gesicht. Ach Amalia, wäre ich dir doch bloß sofort hinterhergelaufen, dachte ich.

Nach einer anstrengenden Nacht, in der ich dann irgendwann doch noch eingeschlafen bin, wartete ich am nächsten Morgen in meiner Praxis auf meine erste Patientin. Ich kannte die Historie meiner Patientinnen recht gut. Dennoch schaute ich mir immer die Akte an, um ja keine Kleinigkeit zu vergessen. Nadia Wohlfahrt, 32 Jahre alt, zum ersten Mal schwanger, im fünften Monat. Eine Notiz von Susi, meiner Arzthelferin: Patientin möchte Geschlecht nicht wissen. Die Schwester von der Patientin Franziska Weber soll angerufen werden, da das Geschlecht auf einer „Gender-Reveal-Party“ bekannt gegeben werden soll. „Gender-Reveal-Party“, ein neuer Trend aus den USA, bei dem meist wenige Bekannte oder Verwandte das Geschlecht des Babys wissen und dies im Rahmen einer Feier bekannt geben. Zu dem Thema wurden mir bereits einige Reels auf Instagram angezeigt. In einem der Reels standen die werdenden Eltern in der Mitte der Gäste und hielten beide eine Konfettikanone in der Hand. Nach einem Countdown drehten sie an den Kanonen und der Himmel färbte sich rosa. Ein Mädchen. Alle freuten sich, bis auf den werdenden Vater. Er schmiss eine Bierflasche auf die Straße, warf einen Tisch um und schrie seine Frau mit den Worten an: »Du kannst doch wirklich Garnichts«. Dann endete das Reel. Armes Kind, so einen Vater sollte man sofort dem Jugendamt melden, dachte ich. Zum Glück freuten sich aber bei den meisten Gender-Reveal-Partys sowohl die werdenden Eltern als auch die Angehörigen. Neben Konfetti-Kanonen gab es viele weitere Möglichkeiten, das Geschlecht des Babys als in Form von Farbe zu verraten. Rauchkanonen, Torten mit weißem Zuckerguss, unter denen sich entweder rosa oder blaue Creme befand oder einen Luftballon, der durch eine Nadel aufgestochen wird und nach dem Platzen entweder rosa oder blaues Konfetti zum Vorschein kommt.

Noch in Gedanken und auf den Screen meines Smartphones starrend betrat meine Patientin das Behandlungszimmer. Nach kurzem Small-Talk über ihr Befinden, bat ich sie sich auf den Stuhl zu setzen. Heute stand ein großes Organscreening an. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht klar ist, ob das Baby im medizinischen Sinne gesund ist, können bereits alle Organe erkannt und zumindest gecheckt werden, ob das Herz durchblutet ist und ob beide Gehirnhälften ausgebildet sind. »Sieht alles wunderbar aus«, sagte ich zu Frau Wohlfahrt. »Das Geschlecht wollen sie nicht wissen, richtig?«

»Nein«, sagte sie. »Meine Schwester und ihr Mann veranstalten eine Gender-Reveal-Party, wissen Sie.« »Ach, sehr schön!«, antwortete ich. Nachdem sich Frau Wohlfahrt anzog, sagte sie: »Sie begleiten mich so großartig durch diese Schwangerschaft, ich würde sie so gerne bei der Party dabeihaben.« Sie drückte mir eine Einladungskarte in die Hand.

»Sie müssen kommen!«

Ich sagte: »Ich bin Ihre Ärztin und ich trenne da gerne zwischen privat und geschäftlich, aber trotzdem vielen Dank. Das bedeutet mir sehr viel.«

»Ach kommen Sie schon. Irgendjemand muss doch den Wein trinken, von dem ich mich leider fernhalten muss.« Um die Debatte zu beenden, sagte ich:

»Ich überlege es mir, ok?«, wobei ich mir sicher war, nicht zu der Party zu gehen.

Frau Wohlfahrt umarmte mich, dann drehte sie sich um und verließ meine Praxis.

In meiner Mittagspause erhielt ich eine Nachricht von Tinder-Jonny. »Na, nach dem Extrem-Sport gestern Abend gut geschlafen? Schaust du dir heute schon wieder heimlich nackte Frauen an?«

Ich war genervt. Nicht über die Nachricht, sondern über mich selbst, dass ich die Nachricht witzig finde und dass ich mich über sie freute.

Ich antwortete: »Nicht so wirklich, lag aber nicht an dir. Anscheinend war mir der nackte Männerkörper gestern nicht genug ;)«

»Oh, warum konntest du nicht schlafen? Ich habe alles gegeben, aber du bist einfach nicht zu bändigen :D«, textete er.

»Erzähl ich dir bei unserer nächsten Sportsession«, schrieb ich.

„Oh, da bin ich gespannt! Sehr schön, wann?«

»Die nächsten drei Tage sieht es schlecht aus, aber Freitag würde gehen«, antwortete ich. »Yeahi, Freitag it is«, war seine letzte Nachricht. Ich hatte die nächsten Tage nichts geplant, wollte aber einfach unter der Woche meine Ruhe, nachdem die letzte Nacht schon nicht schlafreich ausgefallen ist.

Dann wurde mir klar, dass ich ein viertes Sex-Date mit ein und demselben Mann hatte. Da kam sie wieder auf, die gute alte Bindungsangst.

Nach einem gewöhnlichen Nachmittag in der Praxis bestieg ich mein Rad und hielt auf dem Heimweg noch beim Mexikaner „Guacamole“. Ich liebte die Tacos in diesem Laden. Am liebsten Chocinita Pibil oder Barbacoa mit schön viel Fleisch, scharfer Salsa Verde und Guacamole. Ich hatte zwar meinen Fleischkonsum in den letzten Monaten reduziert, aber ein bis zwei Mal in der Woche musste ich sündigen. Next Generation, please forgive me. Dazu trank ich ein kleines Corona-Bier mit Limette. Ein lokales Bier wäre sicher besser, aber ein dünnes Corona-Bier und die spanische Musik im Hintergrund erinnerten mich irgendwie an Urlaub.

Drei Tacos und ein Bier später fuhr ich Richtung Wohnung. Ich hielt an einem Stoppschild, auf dem ein Aufkleber mit „Wearing Animals“ klebte. In so manchen Dörfern außerhalb der Stadt würde hier wahrscheinlich „Taking more Immigrants“ stehen, dachte ich. Ich musste kurz über meinen schwarzen Humor schmunzeln.

Gleichzeitig bemerkte ich, wie sehr ich die Offenheit in dieser Stadt liebte. Hier traf veganes Café auf traditionelles Wirtshaus, Second Hand auf teure Boutiquen, Lastenrad auf SUV, verschiedenste Sprachen auf Oberpfälzer Dialekt, Handwerksbetrieb auf DAX-Konzern, und das alles in einer friedlichen Atmosphäre.

Zu Hause angekommen musste ich wieder über dieses Video nachdenken. Was hat das zu bedeuten? Bin ich in Gefahr? Sollte ich vielleicht mit jemandem darüber reden? Vielleicht sogar zur Polizei gehen? Vielleicht ist es aber auch nur ein dummer Streich, versuchte ich mir einzureden.

Auf der Couch angekommen versuche, ich mich mit Instagram etwas abzulenken. Dieses Video, in dem ein Kleinkind eine Ziege sieht und: “It‘s a fucking Goat!“ sagt, die Mutter daraufhin ihre Tochter berichtigt mit „It is just a Goat“ und die Tochter dann erneut darauf beharrte mit den Worten: “No, it´s a fucking Goat!“ könnte ich mir hundert Mal anschauen und würde es immer noch witzig finden. Ich schlief ein und wachte nicht vor dem nächsten Morgen auf.

Am nächsten Morgen scrollte ich während des ersten Kaffees durch alle üblichen Zeitungsapps. Nachdem der Ukraine-Krieg der Presse anscheinend zu langweilig geworden ist, stürzten sie sich nun auf den Konflikt im Gazastreifen. Ansonsten die üblichen Schlagzeilen: “Killer-Virus – kommt im Winter die nächste Epidemie?“, „Droht den Bayern die Hammergruppe in der Champions-League?“, „Bürgergeld oder arbeiten gehen, was ist lukrativer?“

So richtig interessierte mich davon nichts und ich fragte mich generell, warum ich meine Zeit immer wieder mit Sensations- und Horrornachrichten verschwendete. Eine weitere Schlagzeile weckte allerdings mein Interesse: „Data-Leak bei Polizei in mehreren Bundesländern – Tausende digitale Akten gestohlen“. Ich klickte auf den Artikel. Eine Gruppe von Hackern, die sich „Behind the Mirror“ nannten, war es gelungen auf den Polizei-Server zuzugreifen und eine Vielzahl von vertraulichen Informationen zu stehlen. Sie bekannten sich im Internet zu der Tat, erwähnten aber nicht den Grund dafür.

Interessant, dachte ich. Mich würden schon auch mal die Akten diverser Fälle interessieren. Vor allen würde mich interessieren, ob die Akten von berühmten und reichen Personen dicker sind, sprich mehr recherchiert wird, als beim einfachen Fußvolk. Da kam mir Amalia und das Video wieder in den Sinn. Bestimmt nur ein dummer Streich versuchte ich mir erneut einzureden und schwang mich auf mein Rad zur Arbeit.

In der Praxis angekommen, begrüßte mich Susi in ihrem weißen Poloshirt und ihren verwuschelten langen roten Haaren mit halb-geschlossenen Augen mit einem etwas genervten »Morgen.« Ich konnte es ihr nicht verübeln. Immerhin schloss sie jeden Morgen eine halbe Stunde eher die Praxis auf und ich persönlich bin auch kein Morgenmensch. Ohnehin war Susi, sobald sie nach zwei Kaffees aufgewacht ist, ein herzensguter Mensch und betrachtete mich mehr wie eine Kollegin und nicht wie eine vorgesetzte Medizinerin, die alles besser weiß, wie das in machen Praxen üblich ist. Zudem machte sie ihren Job hervorragend und drückte mir direkt einen Zettel in die Hand: »Hier, hoast vergessn», sagte sie im Oberpfälzer Dialekt. Oh, Shit! Nachdem mir Frau Wohlfahrt wieder ihre halbe Lebensgeschichte erzählt hatte, habe ich vergessen ihr die Ergebnisse ihres Urintests mitzuteilen.

»Danke Susi, was würde ich nur ohne dich machen! Wie gehts dir?«, fragte ich.

»Du waßt doch schlechtn Menschen...« »Geht es immer gut«, ergänzte ich.

»Aber du bist kein schlechter Mensch, sondern die beste Arzthelferin der Welt.«

»Jetzt übertreibst aber abissl Lisa, aber danke!«

»Was haben wir heute alles?«, fragte ich neugierig.

Susi schaute auf die Liste und sagte: »Zwei Hochschwangere, die über dem errechneten Termin sind, eine Dame klagt über Brennen beim Urin lassen, drei Damen, die einen positiven Schwangerschaftstest haben und fünf Routineuntersuchungen.«

»Klingt nach einem gewöhnlichen Arbeitstag.«

»Jetzt hol dir erst mal schnell einen Kaffee, ich halte hier schnell Wache«, ergänzte ich.

»Das ist der beste Befehl, den du mir heute geben kannst, Chefin.«

Nachdem Susi mit einem breiten Lächeln und einer großen Tasse Kaffee zurückkam, ging ich ins Patientinnen-Zimmer und der Tag konnte beginnen.

Bei der Dame mit dem Stechen in der Blase lag eine Blasenentzündung vor. Ich verschrieb ihr ein Antibiotikum. Ansonsten verflog der Vormittag mit Routineuntersuchungen.

In der Mittagspause rief ich Frau Wohlfahrt an, entschuldigte mich und teilte ihr mit: »Ergebnisse sind negativ, keine Bakterien. Bitte trinken Sie etwas mehr und falls Sie dann immer noch Blasenschmerzen haben können wir gerne weitere Tests durchführen. Entschuldigen Sie bitte, dass ich das gestern nicht mehr auf dem Schirm hatte.«

Sie antwortete: »Das macht doch gar nichts. Sie haben ja heute sofort an mich gedacht. Jetzt müssen Sie allerdings heute Abend auf meine Gender-Reveal-Party kommen.« Eigentlich wollte ich nicht, da ich privaten Kontakt mit Patientinnen meiden wollte, aber da sie mir meinen Fehler so einfach verziehen hatte, stimmte ich zu. Manche Patientinnen würden wegen viel Belangloserem schlechte Google-Bewertungen hinterlassen. Insgesamt wurde die Praxis zwar mit 4,7 Sternen bewertet, womit ich sehr zufrieden war, dennoch ärgerte ich mich über so manche Rezessionen im Internet. Zum Beispiel schrieb WildAngie: „Frau Engel hielt mir einen Vortrag, welche Nebenwirkung die Pille hat. Wollte einfach nur ein Rezept. Zudem hat mich die Dame an der Rezeption noch mal nach Hause geschickt, weil ich meine Krankenkassenkarte vergessen habe. Komme nie wieder!“ Ein Stern. Oder „ich war noch nie bei Frau Engel aber die Website könnte schöner sein“, 3 Sterne. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Leute, die zu vielen negativen Bewertungen neigen, eher im unteren IQ-Bereich angesiedelt sind, aber vielleicht ist das nur ein Gefühl. Ich meine, wenn wirklich etwas sehr schlecht ist, dann frage ich mich doch erst mal, was hätte ich selbst anders machen können, damit das Ganze besser ausgegangen wäre, aber da fehlt es manchmal vielen Leuten einfach an Selbstreflexion.

Wenn ich nach diesem Schritt immer noch der Meinung bin, dass der Fehler beim anderen liegt, dann würde ich erst mal das Gespräch suchen und, wenn danach herauskommt, dass ich mich immer noch schlecht beraten oder behandelt fühle, dann kann ich einer Einrichtung schon einmal eine sachliche und seriöse schlechte Bewertung geben, aber was manche Leute im Internet hinterlassen, ist schon dreist.

Der restliche Tag in der Praxis lief ziemlich gewöhnlich ab. Keine Notfälle, somit konnten wir pünktlich um 18 Uhr abschließen.

In meiner Wohnung angekommen las ich nochmals die Einladungskarte von Frau Wohlfahrt. „Bitte tragt Rosa, wenn ihr denkt es wird ein Mädchen, und Blau, wenn ihr denkt es wird ein Junge.“ Da ich bereits wusste, dass die beiden ein Mädchen bekommen, konnte ich diesem Wunsch nicht folgen. Ohnehin war mein Kleiderschrank sehr begrenzt, was rosa und himmelblaue Kleidung angeht. Daher war ich ganz froh auf meine üblichen Outfits zugreifen zu können. Meine Auswahl war zwar recht groß, dennoch war ich eher die Art Frau, die ein paar wenige Lieblingsoutfits hatte und die restlichen Klamotten im Schrank ignorierte. Eine dieser Apps, in der man Kleidung verkaufen kann, wäre sicher mal sinnvoll bei Gelegenheit. Letztlich entschied ich mich für ein einfaches Outfit: weiße Bluse, schwarze Hose, Sneakers und Lippenstift in Rot. Wenn ich etwas von Männern gelernt habe, dann, dass roter Lippenstift fast immer funktioniert. Ich hatte nicht vor auf der Party jemanden kennenzulernen, aber Lippenstift gab mir einfach mehr Selbstvertrauen. Noch ein letzter Blick in den Spiegel: Ja, Frau Engel, ich bin zufrieden mit Ihnen, dachte ich mir und machte mich auf den Weg zur Party.

Ich radelte durch das Zentrum. Ich liebte die verwinkelten schmalen Gassen, die historischen Häuser und das entspannte Flair dieser Stadt. Durch den Grill-Nebel an der beliebten Bratwurstbude Wurstkuchl vorbei, über die Steinerne Brücke führte mein Weg in den Norden der Stadt.

Ich erreichte die Adresse und war mir unsicher, ob ich hier wirklich richtig bin. Es war ein Gebäude im Bauhausstil. Eines dieser modernen weißen Klötze mit großen Fensterwänden im zweiten Stock. Um ehrlich zu sein, konnte ich mir nicht vorstellen, dass Frau Wohlfahrt in solch einem Haus wohnen könnte. Sonst rege ich mich immer über Menschen mit Vorurteilen auf, in dem Moment aber erwischte ich mich selbst dabei, Frau Wohlfahrt unterschätzt zu haben. Da fielen mir auch schon die Luftballons am Zaun auf. Ich musste richtig sein.

Nach einem freudigen Empfang meiner Patientin wurde ich den Garten geleitet. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf die Stadt. Die Sonne ging langsam unter, die Donau funkelte und der Dom strahlte im warmen Licht.

Alle Gäste hielten sich an den Dresscode entweder in Blau oder Rosa zu erscheinen. Hätte ich allerdings gewusst, dass die Damen alle im Kleid erscheinen, hätte ich wohl auch ein anderes Outfit gewählt.

Nadia Wohlfahrt drückte mir einen Sekt in die Hand und stellte mir ihren Mann vor.

»Hi, ich bin Richy. Schön, dass Sie gekommen sind. Denken Sie, dass das Kind schwarz wird?«, fragte er.

Ich war sichtlich irritiert von der Frage. »Na, weil sie in Schwarz gekommen sind«, sagte er und lachte. Ich versuchte zu schmunzeln, konnte aber mit dem Witz nicht so viel anfangen. Dieser Richy kam mir bekannt vor, aber Regensburg war klein. Sicher habe ich ihn schon einmal irgendwo auf der Straße oder in einer Bar gesehen.

Ich war erleichtert als uns eine Dame mit den Worten: »Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit!«, gefolgt mit dem Ertönen eines Glases, unterbrach.

»Für alle, die mich nicht kennen, ich bin Franzi, die Schwester von Nadia. Seid ihr bereit für den großen Augenblick, das Geschlecht unseres neuen Familienmitglieds zu erfahren?«

Die Gäste, inklusive mir, jubelten und klatschten.

Franzi stand vor einer aufgebauten weißen Wand, an der Luftballons in Rosa und Blau angebracht wurden.

»Oh mein Gott, ich bin schon so aufgeregt Tante zu werden. Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Nun bitte ich die werdenden Opas und Omas und natürlich die werdenden Eltern zu mir vor die Wand zu kommen«, erklärte Franzi.

Alle werdenden Opas und Richy, der werdende Vater, trugen Blau. Frau Wohlfahrt und die Omas trugen hingegen Rosa.

Ich konnte die Spannung der Gäste um das Geschlecht spüren. Da ich bereits wusste, was es wird, war ich eher auf die Reaktionen der Gäste und der Eltern gespannt.

Die Eltern und Großeltern bekamen jeweils eine Konfetti-Kanone in die Hand gedrückt.

»So jetzt zählen wir von zehn abwärts und bei null bitte die Kanonen abschießen!«

Nach einem lautstarken Countdown von zehn Sekunden drehten alle Beteiligten die Konfetti-Kanonen. Nach einem furchtbar lauten Schlag färbte sich der Himmel rosa. Die Gäste jubelten. Ein paar von ihnen schrien: »Yeah, it’s a girl!«

Doch als das Konfetti weniger wurde, sah ich Frau Wohlfahrt kniend neben Ihrem Mann, der reglos auf dem Gras lag. Ist das ein Scherz, dachte ich. Nachdem einige Gäste laut losschrien, trat ich ein paar Schritte näher. Dann sah ich das Blut. Richy lag in einer riesigen Lache. Ich bekam am ganzen Körper Gänsehaut.

Ich kniete mich zu ihm auf den Boden und sah die Wunde.

Wir realisierten, dass Richy Wohlfahrt ein Schuss traf. Ich versuchte die Wunde abzudrücken aber bemerkte, dass sich die Schusswunde auf Höhe des Herzes befand. Ich fühlte den Puls. Nichts! Leider konnten wir nichts mehr für ihn tun.

Kurze Zeit später kam die Polizei, welche die Gäste nach dem Vorfall befragte und die Personalien aufnahm. Keiner konnte sich wirklich erklären, was passiert ist. Von weiten sah ich wie Franzis Mann, der Schwager von Nadia Wohlfahrt befragt wurde. Er hatte die Hülse der Konfetti-Kanone in der Hand und gestikulierte wild.

Frau Wohlfahrt schrie wie am Spieß: »Wer hat meinen Mann umgebracht?«

Nachdem die Polizeibeamten meine Aussage aufgenommen hatten, wollte ich einfach nur nach Hause.

Unter Schock und mit Tausenden Fragen, die meinen Kopf durchströmten, radelte ich los. Warum tötete jemand diesen Richy? Wer tötete ihn? Warum gerade auf dieser Party? Frau Wohlfahrt muss sich schrecklich fühlen. Sie wirkten so glücklich und freuten sich auf ihr Baby. Sie erzählte mir noch vor einer Stunde wie sie das Kinderzimmer für einen Jungen oder für ein Mädchen einrichten würden. Auf einmal wurde aus dem ganz normalen Familienwunsch ein Albtraum. Aus Vater, Mutter und Kind wurde eine alleinerziehende Mama.

Auf dem halben Weg nach Hause merkte ich, dass ich momentan nicht allein sein wollte und rief spontan Jonny an. Ich weinte bereits am Telefon und ohne viele Erklärungen von meiner Seite sagte er: »Komm vorbei!«

Jonny empfing mich an seiner Eingangstür. Mit seinen 1,88 Meter füllte er den Türrahmen recht gut. Seine dunklen Haare hatte er heute nicht nach oben gegelt, sondern verwuschelt, als ob er schon geschlafen hätte. Irgendwie auch süß, dachte ich.

Nachdem ich ein leises »Hey« herausgebrachte hatte, fiel ich ihm um den Hals, schluchzte und weinte. Schwäche zeigen vor einem Tinder-Fuck-Body ist eigentlich ein absolutes No-Go aber in diesem Moment war mir das egal. Er umarmte mich und ich spürte, dass er es auch genoss mich zu trösten.

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von der Gender-Reveal-Party. Den lauten Knall, das rosa Konfetti und dann dieser Schockmoment, in dem alle realisierten, dass Herr Wohlfahrt reglos am Boden lag. Jonny war genauso schockiert und sagte, dass die Geschichte nach einem schlechten Film klang. Mein Magen knurrte auf einmal und Jonny sagte: »Nanu, Hunger? Pizza und Tiramisu?« »Hast du etwa Pizza und Tiramisu?«

»Auf gar keinen Fall aber die Männer und Frauen mit den orangenen Westen können das ganz gut hörte ich.«

»Oh ja, sagte ich. Lass uns was bestellen.«

Wir tranken Wein, aßen mehr als wir Hunger hatten, und er umarmte mich, sodass mein Kopf perfekt zwischen einer Brust und seinen Schultern passte.

Es tat so gut sich bei Jonny auszuweinen und ihm alles, was mir auf dem Herzen lag zu erzählen. Manchmal frage ich mich, warum Männer so selten weinen. Waren Männer von Natur aus stressresistenter oder wurden sie nur so erzogen, dass sie nicht weinen durften und immer Stärke zeigen. Gegen Ersteres spricht auf jeden Fall die Suizidrate. Die ist bei Männern deutlich höher. Das könnte damit zusammenhängen, dass sie in unserer Gesellschaft ihren weichen Kern nicht zeigen wollen und somit kein Ventil für ihre Ängste und Sorgen haben. Vielleicht ist das aber auch zu generalistisch gedacht. Vielleicht weinen sie ja heimlich oder ich kenne einfach keine Typen mit großem Heuldrang. Nachdem wir gegessen haben, erzählten wir uns gegenseitig die peinlichsten Dating-Geschichten. Er fing an mit einer Story, als er noch in München wohnte. »Also Lischen das war so, sagte er.«

Ich hasste es, wenn jemand Lischen sagte, aber auch das konnte ich ihm heute verzeihen. »Ich war auf so einer Anime-Party.«

»Was zur Hölle bitte ist denn eine Anime-Party?«, fragte ich ihn.

»Eine Anime-Party ist eine Feier für Fans aus der japanischen Zeichentrick-Szene, zum Beispiel kommen da Leute als Sailor Moon verkleidet oder so und spielen Tekken-Video-Spiele und so weiter. Ich bin da jedenfalls zufällig vorbeigekommen.«

»Ja, ja zufällig«, sagte ich, »du kleiner Pikachu« und lachte. »Jedenfalls, sprach mich ein Mädchen vor der Bar an, die auch verkleidet war und fragte mich, ob ich was trinken wollte. Ich hatte an dem Abend eh nichts vor und sie sah irgendwie süß aus. Wir tranken ziemlich viel und unter den ganzen verkleideten Menschen und der technoartigen Anime-Musik