Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Himmel und Hölle - J.R. Hollmann

Karl ist ein weiteres Mal mit dem Leben davon gekommen. Sein Erzfeind hat es wieder nicht geschafft, ihn zu beseitigen. Doch wie viel Glück kann ein Mensch haben? Der Gefallene wird sicher nicht locker lassen. Die Frage war nur, was als nächstes kommen würde. Und noch etwas anderes stand auf dem Spiel. Doch erst einmal wollte Karl mit seiner Freundin etwas Urlaub genießen. Wie lange die Ruhe anhalten würde, konnte niemand sagen. Die Welt hielt den Atem an.

Meinungen über das E-Book Himmel und Hölle - J.R. Hollmann

E-Book-Leseprobe Himmel und Hölle - J.R. Hollmann

Für meine Eltern

Die Menschen wenden sich in ihrer

Suche nach den verborgenen Tälern

nach außen, doch ist das echte und

wahre verborgene Tal dein eigener

Geist.

Chögyam Trungpa Rinpoche

(Lehrmeister und wiedergeborener Lama)

Das Leben ist ein Traum

und es ist das Erwachen,

das uns tötet.

Virginia Woolf

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

KAPITEL 1

Es schneite. Dicke Flocken fielen vom Himmel. Dicht an dicht. Ohne Zahl. Unendliche Formen. Ich liebte Schnee.

Man sah nur weiß durch die zwei kleinen Fenster der Hütte. Es schneite seit Tagen ohne Unterlass und so stark, dass wir alle paar Stunden die Tür des kleinen Hauses freischaufeln mussten. Nach nur fünf Schritten war die kleine Bauernkate durch den vielen Schnee kaum noch auszumachen. Von zu Hause kannte ich so etwas nicht, aber es war sehr schön.

Der Schnee fiel leise und nahm jedes Geräusch mit sich. Lissi meinte, sie könne auch den Schnee fallen hören. Ich hatte den Verdacht, sie wollte mir da einen Bären aufbinden.

Es fing gerade erst an, hell zu werden. Heller genau genommen. In der Feuerstelle sah ich noch kleine Flämmchen und Glutnester. Darum musste ich mich also erst einmal nicht kümmern.

Ich zog die Felle unter mir zurecht und die dicke Steppdecke bis über meine Nase. Nach zwei, drei Atemzügen war ich wieder eingeschlafen. Traumlos, zufrieden.

Es schneite noch immer, als ich das nächste Mal wach wurde. Wenig überraschend. Es hatte in den zehn Tagen, die wir jetzt hier waren, nicht einmal aufgehört.

Lissi war nicht da. Sie war viel draußen, hing ihren Gedanken nach. Manchmal jagte sie für mich und brachte mir Hasen oder andere Wildtiere mit.

Sie musste dagewesen sein, während ich schlief. Am Rand der Feuerstelle aber noch in der Glut stand jetzt ein Tontopf. Ein feiner Dampffaden stieg am Rand des Deckels auf. Etwas abseits stand auch der Blechnapf wieder.

Jeden Morgen kamen drei Kinder von einem höher gelegenen Bauernhof auf dem Weg zur Schule in der Nähe vorbei und brachten mein Essen mit. Nachmittags nahmen sie das saubere Geschirr wieder mit hoch. Und als ’Bezahlung’ meist etwas von dem Wild, das Lissi erlegte.

Der Abt des nahen Klosters hatte die Bauern ’gebeten’, uns zu versorgen. Anfänglich gab es etwas Probleme, weil die Kinder Angst vor Lissi hatten und keiner der Erwachsenen die Zeit, bis zu uns und wieder zurückzulaufen. Die Kinder aber kamen eh hier vorbei und sprachen gut Englisch.

Lissis Wirkung erstaunte mich weniger. Wir hatten zum Teil zweistellige Minusgrade und sie lief draußen in T-Shirt und Caprihose herum. Und dazu noch vollständig in Weiß. Sie würde also wie ein Geist aus dem Nichts auftauchen und kurz darauf im Schneetreiben verschwinden. Tja, und die Leute hier im Himalaya waren extrem abergläubisch.

Ja, ich hatte endlich meinen langersehnten Urlaub mit Lissi. Sechs Wochen in Bhutan. Keine Verpflichtungen, kein Stress. Leider mied Lissi gerade meine Nähe. Ich hatte ihr die Geschichte in der Arena schon verziehen, bevor ich im Krankenhaus angekommen war. Lissi aber haderte noch immer mit sich und der Frage, ob sie mich nicht vielleicht bei Gelegenheit wieder im Stich lassen würde.

Einmal fragte sie mich doch tatsächlich während einer unserer Diskussionen, was denn wäre, wenn ich durch ihre Feigheit verletzt würde. Meine prompte Antwort hatte sie dann auf der Hose, als mir durch meinen Lachanfall eine innere Verletzung wieder aufsprang und ich ihr Blut auf das Beinkleid hustete.

Sie schmollte darauf zwei Tage, bis Charlotte der Kragen platzte und den Vampir eines Nachts, begleitet von vier Engelskriegern und vorgehaltener Waffe, ins Krankenhaus ’geleitete’.

Charly erzählte mir auch, wie schlecht Lissi meine erneute Beinahe-Tötung aufgenommen hatte. Diesmal war sie ja sogar mit meinem Geist verbunden, als mir die Lichter ausgingen. Erst das pragmatische Eingreifen Perach’els brachte sie wieder zur Vernunft. Lissis hysterischer Anfall war nach zwei schallenden Ohrfeigen des blinden Engels schnell beendet.

Als ich nach drei Wochen strenger Bettruhe für reisefähig erklärt wurde, hatten Lissi und ich fast zeitgleich die Idee mit dem Urlaub. Der Vorschlag, nach Bhutan in den Himalaya zu fahren, kam erstaunlicherweise von Ariel. Dorthin zog sich der sonst so jähzornige und menschenfeindliche Erzengel zurück und meditierte in einem der vielen Klöster, die es dort gab. Er hatte uns auch mit dem Abt bekanntgemacht. So waren wir dann an diese Hütte gekommen.

Der Eigentümer war vor längerem in das benachbarte Kloster gegangen, um 'Gomchen' – Laienmönch – zu werden. Und sein Haus diente jetzt Gästen als Unterkunft. Man zahlte keine Miete, zeigte sich aber mit einer Spende großzügig. Bei dem, was hier als großzügig galt, hatten wir gleich am Anfang überlegt, vielleicht sogar länger zu bleiben.

Das Essen roch gut. Dazu musste ich aber aufstehen. Ich lauschte in mich hinein und beschloss, dass ich ausreichend Hunger hätte. Natürlich könnte ich meine geistigen Kräfte nutzen, um den Topf heranzuholen, aber ich brauchte auch die Bewegung.

Ich schob die Decke beiseite und schwang die Beine raus. Der Boden bestand aus gestampfter Erde. Er war zwar kalt, aber nicht frostdurchzogen. Ich hielt es auch barfuß eine Weile aus. Letztlich siegte die Vernunft und die mahnenden Worte meines Arztes. Kälte war schlecht für die Muskeln, also warm anziehen. Blabla.

Mit dicken Socken und einer Jogginghose bewaffnet, folgte ich meinem Jagdinstinkt. Ich wollte endlich wissen, was in dem Krug auf mich wartete. Die Bauern kochten einfach, aber gehaltvoll. Gut gewürzt, aber meist höllisch scharf. Beim ersten Mal dachte ich noch, meine Zähne fallen aus und mein Hirn steht in Flammen. Langsam gewöhnte ich mich daran. Und es war auch nicht jeden Tag so scharf.

Heute war sogar etwas Fleisch dabei. Aber Lissi war vor zwei Tagen auch erfolgreich und hatte etwas größeres erlegt.

Da ich nicht – o.k., nicht mehr – so viel aß, konnte sie den größten Teil den Kindern mitgeben. Die staunten nicht schlecht, als meine untote Freundin sie mit einer selbstgebauten Trage erwartete. Sie konnten ja nicht wissen, dass Lissi selbst quasi ein Raubtier war und damit sogar bei diesem Wetter noch Beute aufspüren konnte. Die Bauern versuchten es nicht einmal.

In dem Blechnapf fand ich etwas Brot. Knochenhart, aber köstlich, wenn man es in der heißen Brühe einweichte.

Ich machte mich über das Essen her, immer auf der Hut, mir nicht den Mund zu verbrennen. Gut gefüllt, lehnte ich mich zurück und schaute zum Fenster. Der Schnee hatte tatsächlich in der letzten halben Stunde nachgelassen. Seufzend stand ich auf. Das Geschirr musste noch sauber gemacht werden. Und etwas frische Luft tat nicht nur dem Haus gut.

Der Wind hatte an der Seite des Hauses eine Schneewehe aufgetürmt, die auch das halbe Dach noch bedeckte. Sie fiel auf der Vorderseite sanft ab und hatte bei der Haustür zwar fast die volle Höhe, wenn wir nicht daran arbeiteten, ließ aber die kleinen Fenster weitestgehend frei. Jetzt stand mir die weiße Pracht hinter der Tür nur bis zu den Knien. Lissi war fleißig gewesen.

Der Abt des Klosters hatte uns Hilfe angeboten. Sein Kloster war nur etwa einen Kilometer entfernt und die Mönche hätten uns immer wieder einmal freigeschaufelt. Wir hatten aber dankend abgelehnt. Die Bauernkate war zwar für die Region untypisch klein, dafür aber auch schnell von den Schneemassen befreit.

Ich schippte jetzt nur etwas Schnee in den Tonkrug und den Blechnapf. Die Tür ließ ich gleich auf zum Lüften. Die Gefäße stellte ich kurz in die Glut, um das Schmelzwasser wenigstens auf Handwärme zu bekommen.

Während ich wartete, sah ich den Staubflöckchen zu, die im Sonnenstrahl tanzten, der durch die Fenster fiel. Oh, Sonne! Sie musste in dem Moment durch die Wolkendecke gebrochen sein.

Etwas munterer machte ich mich ans Geschirr. Mit Wasser, Sand und Stroh ließen sich die Speisereste gut entfernen. Und das bisschen Fett, das sich so nicht lösen wollte, landete halt im nächsten Essen. Die Behältnisse würden ja jetzt nicht für Monate im Schrank verschwinden. Bhutan war ein sauberes Land, so weit ich das mitbekommen konnte. Sie erreichten sicherlich nicht sterile europäische Verhältnisse, aber Reinlichkeit wurde hier hoch gehalten – relativ.

Und tief religiös waren sie hier, weswegen ich gleich noch die sieben Wasserschalen des kleinen Hausaltars säuberte und neu befüllte.

Die kleine Gebetsnische bestand aus einem Tischchen für die Schalen und zwei Talglichtern, sowie drei Bildern mit Götter- oder Buddha-Darstellungen, die von bunten Tüchern umrahmt waren. Alles war schlicht, aber farbenfroh, und wirkte irgendwie entspannend auf mich. Wieder war es Ariel, der uns bat, den Hausaltar zu versorgen. Ich musste innerlich lächeln, als er die Bitte äußerte. Oder vielmehr darüber, wie er sie vortrug.

Ariel, so dämmerte uns langsam, war nicht grundsätzlich ein Menschenfeind. Mit der Art, wie er über Land und Leute sprach, als er uns den Vorschlag zum Reiseziel machte, oder wie er sich mit dem Abt unterhalten hat, zeigte er uns ein vollkommen anderes Gesicht.

Obwohl selbst arrogant und selbstherrlich, hasste er diese Eigenschaften bei anderen, besonders bei Menschen. Im Buddhismus aber waren diese Charakterzüge unter anderen verpönt, da sie für schlechtes Karma sorgten. Und der Buddhist konnte den Wiedergeburtskreislauf nicht durchbrechen, wenn er dieses schlechte Karma anhäufte. Vielleicht galt das ja nicht nur für Buddhisten.

Die Menschen in diesem Land, das wohl als einziges in der Welt den Buddhismus zur Staatsreligion erklärt hatte1, hatten daher eine vollkommen andere Sicht auf die Welt, weshalb sich der Erzengel hier auch so wohl fühlte.

Lustig fand ich den Gedanken, dass die Bhutaner in ihrem Glauben überall Dämonen und Geister sahen – oder wenigstens vermuteten – aber nach meiner Einschätzung wahrscheinlich die geringste Zahl an Besuchern aus der Unterwelt zu erwarten hatten. Soweit ich die Grundzüge ihrer Religion verstehen konnte, boten sie kaum eine Angriffsfläche für Satanaels Interessen.

Ich kippte das Spülwasser vors Haus und trocknete den Tontopf und den Blechnapf oberflächlich mit einem Tuch. Den Rest besorgte die Natur. Und ich wollte die Sonne genießen.

Vor dem Urlaub war ich genötigt, erstmals einen Fuß in einen sogenannten ’Outdoor-Shop’ zu setzen. Nachdem ich im Internet zufällig eine vage Wetterprognose für das Land gefunden hatte, war der Entschluss schnell gefasst. Ich hatte schlicht weg keine auch nur annähernd geeignete Bekleidung und wäre hier schneller erfroren, als die Anreise dauerte. Lissi hatte viel Spaß und stopfte mich ein ums andere Mal in die dicksten Jacken, die sie finden konnte. Und sie genoss es sichtlich, dass sie derlei Ballast nicht benötigte.

Ich schmiss mich also in meine Neopren-Stiefel und Kevlar-Hose, warf mir einen Fleece-Pullover über und trat vor die Tür.

Atemberaubend! Und das nicht nur wegen der dünnen Luft. Immerhin befanden wir uns auf etwa Vier-, Fünftausend Metern Höhe. Nein, es fiel noch immer Schnee, aber die Sonne beschien auch ein unglaubliches Gebirgspanorama. Ob der Mount Everest dabei war, konnte ich nicht sagen. Ich wusste ja nicht einmal, wo genau wir uns befanden.

Es war nicht mehr ganz so kalt. Und sehr angenehm in der Sonne. Ich stapfte einige Schritte in den Schnee, vom Hauseingang weg, um aus der Wehe herauszukommen. Jetzt konnte ich auch das Kloster sehen. Schemenhaft, aber immerhin.

Lissi? Wo bist du gerade?, fragte ich in die Stille meines Geistes. Sie hatte sich weiter von mir zurückgezogen, was mittlerweile schon ein ungewohntes, sogar unangenehmes Gefühl für mich war. Normalerweise spürte ich sie immer mindestens in der Peripherie meines Geistes, wenn sie nicht sogar direkt mit mir verbunden war.

Ich bin direkt unter dir, kam ihre Antwort leise.

„Uaah!“, entfuhr es mir. Ich riss ein Bein hoch. Welches war das richtige? Und schon war mein Gleichgewicht flöten. Ich ruderte wild mit den Armen und verschwand mit einem Kreischer in einem Schneeberg. Lissis Kichern perlte durch meine Geistsphäre.

Ich kämpfte mit dem Schnee, aber eine schmale kalte Hand schob sich in meinen Kragen und zog mich langsam aus dem Schlamassel. Mühelos hob Lissi mich hoch und stellte mich auf die Füße.

„Na, mein kleiner Yeti?!“, grüßte sie mich lächelnd. „Was hat dich denn getrieben?“

„Och, ich wollte einen Schneeengel machen“, antwortete ich schulterzuckend, „aber ich bin wohl zu doof dafür.“

Lissi lachte leise.

„Hast du wirklich unter meinen Füßen gelegen?“, wollte ich wissen. Ihre nassen Haare sprachen dafür, aber seltsam fand ich es schon.

„Ja“, antwortete sie einfach.

„Warum?“

„Ich hab nachgedacht.“ Diesmal zuckte sie mit den Schultern.

Ich zog sie zu mir heran und strich ihr die langen weißen Strähnen nach hinten. Meine Arme ließ ich dann gleich auf ihren Schultern liegen und genoss, was ich sah. Ihre weißen Augen waren das Größte für mich.

„Und bist du zu einem Ergebnis gekommen?“, forschte ich nach. Sie spielte natürlich auf ihr Verhältnis zu mir an und die Probleme, die sie gerade damit hatte.

„Nein“, gab sie kurz angebunden zurück. Als sie sich anschickte, sich von mir wegzudrehen, zog ich sie enger an mich.

„Hey, ich brauche dich“, flüsterte ich ihr ins Ohr, „Ich liebe dich.“ Und in einem Nachsatz: „Trotzdem, wenn es das ist, was du hören willst.“

Sie seufzte tief.

„Was schlägst du vor?“

„Komm erstmal mit rein. Ich habe dich seit wir hier sind kaum zu Gesicht bekommen und ich vermisse dich. Ich wollte den Urlaub mit dir gemeinsam verbringen und nicht nur zur gleichen Zeit.“

„Ich bin mir nicht sicher ...“

„Ob das mit dem Urlaub eine gute Idee war?“

„Du liest meine Gedanken?“

„Das muss ich nicht. Wir sind lang genug Teil des anderen. Und wenn das nicht reicht, hab ich immer noch meine Intuition und gesunden Menschenverstand.“

„Und?“

„Zapple, zapple, kleiner Fisch“, sang ich und schaukelte sie dabei hin und her.

„Karl!“, knurrte sie und gab mir einen Klaps auf den Rücken.

„Ungeduld in Person!“, stöhnte ich. „Erst seh’ ich dich eine Woche nicht und dann kann’s nicht schnell genug gehen.“

Lissi seufzte etwas gequält.

„Du willst noch ein bisschen Salz in die Wunde streuen, oder?“

„Na, vielleicht ein ganz klein wenig quälen“, gab ich zu. „Dabei will ich damit nur sagen, dass ich doch die ganze Zeit uneingeschränkt auf deiner Seite stehe.“

„In der Arena hattest du, glaub ich, andere Gedanken.“

„Ha“, lachte ich, „da stand mir auch ein Dabol mit einem scharfen Schwert gegenüber. Und der war nicht einmal mein größtes Problem.“

„Hätte ich denn zulassen sollen, dass du ihn einfach tötest?“

„Was ich letztlich ja getan habe. Aber ich weiß, worauf du hinaus willst. Und es war o.k..“

„War es das?“

„In dem Moment? Nein!“

„Ich hätte dich fast ans Messer geliefert.“

„Nicht nur fast, mein Schatz“, sagte ich sanft und strich ihr über die kalte Wange. „Aber es war auch Charlottes und dein Training, das mich gerettet hat.“

„Er hätte dich fast getötet. Und das nur, weil ich dich abgelenkt habe.“

„Es war für dich wichtig und du bist es für mich. Ich wollte deinem Problem ein Ohr leihen und Rabal hat mir geholfen, es ab zu bekommen. So einfach ist das.“

„Und noch mal aufs Schlimme“, lachte sie bitter.

Ich konnte meinen Kopf nicht schnell genug wegziehen, um Rabals Schwert auszuweichen. Die Klinge trennte mir dann ein halbes Ohr ab. Meine Hörfähigkeit war dadurch nicht beeinträchtigt, aber Brille tragen könnte sich als problematisch erweisen. Aber ich hätte auch wichtigere Körperteile für sie hergegeben.

„Lass uns reingehen, bevor meine Füße so kalt sind, wie dein Arsch“, flüsterte ich ihr in die Haare. Sie hatte sich mit dem Gesicht in meiner Halsbeuge an mich gelehnt und hielt mich an der Hüfte umklammert.

„Trägst du mich?“, fragte sie leise.

1 auch Thailand und Kambodscha, aber in anderer Ausprägung

KAPITEL 2

Es schneite jetzt wieder stärker. Die Sonne hatte sich hinter die Wolken verzogen. Dafür stürmte es. Kräftige Windböen pfiffen ums Haus und durch alle Ritzen. Das Wetter konnte hier in den Bergen innerhalb weniger Minuten komplett umschlagen.

Wir würden bald wieder Holz auf die Feuerstelle geben müssen. Der Wind, der seinen Weg in die Hütte fand, fachte die Glut kräftig an, auf dass sich das Feuer schneller durch das Brennmaterial fraß. Es war auch so schon empfindlich kälter geworden, da konnte ich ein Erlöschen des Feuers nicht auch noch gebrauchen. Dank Lissis ’Körpereinsatz’ war ich etwas abgehärteter, aber alles hatte seine Grenzen.

Auch jetzt lagen wir – endlich! – wieder Haut an kalter Haut unter der dicken Decke zusammen. In den letzten zwei Stunden hatten wir uns nicht ein einziges Mal losgelassen. Und mir graute vor dem Moment, wo ich dazu genötigt wäre. Doch ein weiterer Blick zur Feuerstelle verriet mir, dass dieser Moment sehr nah war. Außerdem würde Lissi bald zum verabredeten Treffpunkt aufbrechen müssen, um den Kindern auf dem Rückweg von der Schule das Geschirr wieder mitzugeben.

Bald, aber nicht sofort. Ich zog uns die Decke bis über die Köpfe und arbeitete mich noch enger an Lissi heran.

„Wir müssen gleich los“, ermahnte sie mich.

„Ich weiß“, seufzte ich. „Gib mir noch zwei Minuten.“

Sie drehte sich langsam in meinen Armen und schaute mir in die Augen. Jedenfalls nahm ich das an. Unter der schweren Decke sah ich rein gar nichts.

„Lass uns lieber gleich aufstehen“, schlug sie vor. „Aus zwei Minuten werden sonst fünf, und so weiter.“

„Das war der Plan“, erwiderte ich fröhlich und versuchte mit meinen Lippen ihren Mund zu verschließen.

Schon fast auf ihr liegend, hatte sie leichtes Spiel. Sie stemmte mich am Becken hoch und ließ mich samt der Decke über die Bettkante fallen.

Lachend befreite ich mich aus dem Stoffberg. Noch auf den Knien, beugte ich mich zu ihr rüber, um sie wenigstens noch einmal zu küssen. Ich schüttelte die Decke aus und breitete sie komplett über den Vampir, der mir lächelnd bei meiner Aktion zusah.

Ich zog mir meine warmen Sachen wieder an. Mitten im Raum stehend, sah ich mich um. Was war zu tun? Den Altar hatte ich ja schon versorgt. Und das Geschirr war auch sauber. Prima! Ich hockte mich neben die Feuerstelle und schob die Glut vorsichtig mit einer kleinen Eisenschaufel zusammen. Gleichzeitig schippte ich die Asche in einen alten rostigen Blecheimer. Ein wenig Holz und ein paar getrocknete Kackehaufen aufgelegt und fertig war die Laube (ja, hier wurden noch die Gesäßkuchen der heimischen Yak-Rinder verfeuert).

Zwischenzeitlich hatte sich auch Lissi erhoben.

„Ist das denn o.k., wenn ich dich heute begleite?“, fragte ich sie. Viel hatte ich außerhalb der Hütte noch nicht gesehen. Und alleine loszuziehen, hätte ich mich nicht getraut. Dichtes Schneetreiben förderte nicht gerade die Orientierung.

„Na, sicher. Dann sehen wenigstens die Kinder mal, für wen das Essen gemacht wird.“

„Sie haben aber keine Angst mehr vor dir, oder?“

„Ich bin mir nicht sicher“, gestand sie. „Richtig viel reden wir ja nicht miteinander.“

„Ich denke mal, das Wetter hat sich auch nicht gerade angeboten.“

„Nicht wirklich.“

Wir stapften durch den tiefen Schnee zum Treffpunkt. Lissi lief vorne weg und bahnte mir einen Weg. Trotzdem war es für mich immer noch äußerst anstrengend.

Lissi war für mich manchmal kaum auszumachen, obwohl es jetzt wieder weniger schneite. Weiße Haare, weiße Klamotten und helle Haut vor einer Schneewand. Das bot wenig Kontrast. Ich musste dabei an ein Bild denken, dass ich einmal bei einer Kunstausstellung in Berlin gesehen hatte. Der Titel war, glaub ich, „der rote Vogel“. Den Künstler hatte ich längst vergessen2. Aber man steht tatsächlich vor einer rein weißen Leinwand und fängt an, diesen dämlichen Vogel zu suchen, bis man sogar glaubt ihn zu sehen. Dann suchte ich doch lieber einen weißhaarigen Vampir in einem Schneefeld. Der ist wenigstens da, im Gegensatz zu dem Vogel.

Nach Lissis Schätzung waren es etwa fünfhundert Meter von der Hütte bis zum Treffpunkt. Ich hätte auf mindestens zwei Kilometer getippt, als wir endlich die bunten Gebetsfahnen sahen, die an einem kleinen Türmchen festgemacht waren.

Wie ich später lernen sollte, wurden diese Bauten ’Stupa’ genannt und standen überall in der Himalaya-Region. Sie waren wohl zu Ehren der Ahnen oder Geister gebaut. So gut war das Englisch nicht, dass der von uns befragte Mönch sprach.

Die Kinder waren noch nicht in Sicht – was auch bedeutet hätte, dass sie uns mehr oder weniger auf den Füßen stehen müssten. Ich stellte die Tasche mit den Gefäßen auf einen flachen schneefreien Stein im Windschatten der Stupa und gesellte mich zu Lissi, die regungslos in den zunehmenden Wind blickte.

„Der Schnee wird weniger“, rief ich ihr zu, hatte aber schon das Gefühl, meine Worte würden vom Wind verschluckt. Die Gebetsfahnen knatterten jetzt lautstark.

Der Schnee wird weniger, wiederholte ich über unsere Kopfleitung.

Ich hatte dich schon verstanden, lachte sie gutmütig. Dafür nimmt der Wind zu, antwortete sie dann auf meinen Kommentar.

Sturm?

Ich geh davon aus.

Dann sollten die Kinder lieber bald hier auftauchen, merkte ich an. Lissis Unruhe war mir natürlich nicht entgangen.

Langsam wird’s eng.

Was nicht mehr als Flocken vom Himmel fiel, wurde jetzt als feine Eiswolken vor dem Wind hergetrieben. Die Sicht wurde nicht besser.

Plötzlich tauchte aber ein dunkler Fleck vor uns auf. Eines der Kinder kämpfte sich zu uns heran. Das älteste, ein Mädchen stand zitternd vor uns. Sie mochte vielleicht zwölf sein. Das Eis unter den Augen und die frostigen Spuren entlang der Nase verrieten uns, dass sie weinte.

Lissi kniete sich vor sie hin und befragte sie in einfachstem Englisch. Das Mädchen erzählte stockend, dass ihre Geschwister vom Weg abgekommen und in eine Felsspalte gestürzt seien. Sie konnte sie nicht sehen, hatte aber einen ihrer Brüder rufen gehört.

Lissi ließ sich noch, so gut es ging, den Ort beschreiben. Sie stand auf und führte sie um die Stupa herum in den Windschatten. Trotz aller Not, weigerte sich das Kind aber, auf der rechten Seite herumzugehen und zog uns in die andere Richtung3. Die Geister wollten es so. Sie weigerte sich auch, allein weiterzugehen, was uns etwas Sorgen bereitete.

Wenn wir sie hier sitzen lassen, erfriert sie uns, merkte ich an.

Lissi überlegte nur kurz.

Wartet hier! Ich hole ihr die dicke Decke aus dem Haus.

Sie stob davon, die Schneise entlang, die sie kurz zuvor geformt hatte. Nur in einem Schneewirbel waren ihre Umrisse kurz zu sehen. Trotz aller Aufregung, fiel dem Mädchen die Kinnlade herunter.

„Who are you?4“, fragte sie ängstlich und mit riesigen Augen. Sie musste fast schreien, um über den Sturm hinweg verstanden zu werden.

„Friends5“, antwortete ich lächelnd.

Ich wollte mich schon hinknien, nachdem sie sich dann doch hingesetzt hatte, als Lissi auch schon wieder auftauchte. Ohne lange zu erklären, breitete sie die Decke aus und wickelte das Mädchen darin ein. Sie instruierte das Kind noch, sich nicht wegzubewegen, wenn keine Lebensgefahr drohe, und zog mich dann in den Sturm hinein.

Weißt du ungefähr, wo wir hinmüssen?, fragte ich sie. Jetzt machte sich unsere Besonderheit bezahlt. Wir konnten uns unterhalten, ohne uns anbrüllen zu müssen.

Sogar recht gut, kam ihre selbstsichere Antwort. Und sie gab auch gleich die Begründung: Dort hab ich vor zwei Tagen das Reh erlegt.

Während ich ihr hinterher rannte, zog ich mir noch meine Skimaske über den Kopf und Kapuze und Kragen dicht ins Gesicht. Das half, wenigstens die gröbste Kälte fernzuhalten. Was ich nicht beeinflussen konnte, war die dünne Luft. Ich hatte zwar schon eine gute Woche, um mich zu akklimatisieren, aber körperliche Anstrengung war immer noch nicht drin.

Bis zu der ungefähren Unfallstelle war es lange nicht so weit, wie zu Lissis Frühstücksweide. Dennoch brannten mir die Lungenflügel und ich keuchte wie nach einem Marathon – den ich auch im Flachland nicht schaffen würde.

Lissi drehte sich nur kurz zu mir um.

Du bist soweit o.k.?, fragte sie besorgt.

Ein Sauerstoffzelt wäre jetzt toll. Aber wir haben Wichtigeres zu tun. Sogar meine Gedanken hörten sich kurzatmig an.

Keine Heldennummer! Wenn du seltsame Dinge siehst, sag sofort Bescheid.

Seitdem ich dich kenne, ist meine Reizschwelle für „seltsam“ ziemlich gestiegen.

O.k., lachte sie, mach schlechte Witze. Dann weiß ich auch, dass es dir zumindest im Kopf noch gut geht.

Im Kopf?! Ja, klar.

Sie grinste kurz und arbeitete sich dann durch fast hüfthohen Schnee von der Vertiefung weg, die ich als Pfad zu erkennen glaubte.

Da wären die Kinder doch nie durchgekommen, merkte ich kritisch an.

Aber von der Talseite schon. Ich denke, sie wollten einen leichteren Weg nehmen.

Soll ich dir hinterher?

Warte noch.

So gut es ging, hatte ich mich auf sie konzentriert. Dann war sie aber hinter einem Felsen verschwunden und tauchte auch in den nächsten Minuten nicht auf.

So, jetzt bräuchte ich mal deine Hilfe, sagte sie. Ich spürte ihre Anspannung und schob mich sofort in den Hohlweg, den sie gerade hinterlassen hatte. Sie hockte direkt hinter dem Felsen, so dass ich beinahe über sie gefallen wäre. Ich hätte dann den Kindern Gesellschaft leisten können, weil sich knapp zwei Meter hinter dem Felsen eine breite Spalte auftat. Da nur wenige Meter weiter der Riss noch von Schnee und Eis verdeckt war, war mir auch klar, dass die Kinder keine Chance gehabt haben. Die Gefahr wäre in der eintönig weißen Landschaft nicht zu erkennen gewesen.

Ah, hier steckst du, grüßte ich. Kannst du sie sehen?

Der ältere Junge sitzt direkt unter mir auf einem Felsvorsprung.

Und das andere Kind? Ich hatte nie ganz mitbekommen, ob die Kinder Jungen oder Mädchen sind.

Der Kleine ist tiefer gestürzt.

Kannst du spüren, ob er am Leben ist?

Gerade noch so. Aber er muss schnell da raus.

Irgendeine Idee?

Meine Arme sind zu kurz und ich hab kein Seil, oder so etwas. Gerade fällt mir nichts ein.

Nimm doch deinen Bogen, schlug ich vor.

Lissi stand auf und drückte mich kurz, aber fest.

Du bist genial, Karl.

Sie zog den Elbenbogen aus ihrem privaten Nichts, rutschte auf allen Vieren zur Kante des Felsabbruchs und legte sich auf den Bauch. Langsam robbte sie vorwärts, bis sie mit dem Oberkörper in der Luft hing.

Karl, setz dich auf meine Beine.

Ich ließ mich auf ihre Unterschenkel nieder und machte mich schwer.

O.k., dann wollen wir mal.

Sie rief etwas in den Schlund. Der Wind verschluckte die Worte auf dem Weg zu mir. Ich spürte, wie sie unter mir die Muskeln spannte. Das erste Kind kam aus den Tiefen hervor. Einmal mit klammen Fingern an den Bogen gekrallt, konnte Lissi den Jungen hochziehen.

Zu verängstigt und zu erschöpft, wunderte er sich nicht einmal mehr über meine Gegenwart. In feuchten Sachen und durchgefroren, saß er schlotternd da. Es war nur eine halbe Rettung, wenn er nicht bald in die Wärme kam. Er wusste das auch.

Etwas mühselig pellte ich mich aus meiner dicken Jacke und legte sie ihm um. Der Größenunterschied war von Vorteil. Dem Jungen reichte sie bis zu den Kniekehlen Er war gut eingepackt und konnte langsam auftauen.

Jetzt kam der schwierigere Part. Lissi wartete noch bis ich den Ersten versorgt hatte. Sie stand unschlüssig an der Felskante und starrte nach unten, als ich mich zu ihr gesellte.

Lebt er noch.

Ja!

Du gehst runter?

Muss ich wohl. Ich hab nur gerade keinen Schimmer, wie ich wieder hoch komme.

Zu wenige Haltemöglichkeiten. Würden dir Griffe auf einer Seite genügen?

Sie schaute mich fragend an.

Du könntest Pfeile dort in die Wand schießen und ...

Schon hatte sie einen Arm um meinen Hals und ihre Lippen auf meinen.

Ich wusste, dass du eine Lösung hast, schnurrte sie in meinem Geist.

Mit einer fließenden Bewegung beförderte sie noch den Köcher aus dem Nichts hervor, legte einen Pfeil auf die Sehne und hämmerte den mit einem Knall in die Felswand, der sogar über den Sturm hinweg zu hören war. Sie ließ drei weitere folgen, die sie zielsicher in gleichmäßigen Abständen setzte.

Bogen und Köcher verschwanden wieder in der anderen Dimension. Sie schaute mich einmal mit großen Augen an, hatte sich dann aber entschieden, nickte kurz und sprang in den Spalt.

Ein erschrockenes Quieken hinter mir, zeigte mir an, dass der Junge seine Lebensgeister wiedergefunden hatte. Ich drehte mich zu ihm und lächelte, so gut es der Wind und die Kälte zuließen. Es beruhigte ihn nicht sonderlich.

Ich blickte kurz über die Kante, konnte aber in der Tiefe nicht viel erkennen. Durch die Helligkeit des Schnees hier oben, wirkte es in der Felsspalte doppelt dunkel.

Und? Wie steht’s?, wollte ich wissen. Ich hatte vorher keine Gedanken oder Emotionen von ihr empfangen können.

Ich musste gerade noch warten, bis kein Geröll mehr runterfällt. Sie war einen Moment mit der Untersuchung des Kleinen beschäftigt. Die Geistverbindung zu ihr stand jetzt wieder etwas fester, weswegen ich auch Live und in Farbe mitbekam, welches Programm sich bei ihr abspulte. Systematisch tastete sie mit ihrem Geist den Körper des Jungen ab.

So. Auf die Schnelle: ein Bein ist gebrochen und eine Rippe. Die ausgekugelte Schulter hab ich gerade schon gerichtet. Die Wunde am Kopf macht mir Sorgen. Ich komm jetzt rauf.

Ich konnte Bewegungen in der Tiefe ausmachen. Ich richtete mich wieder auf und musste erst einmal meine Muskeln lockern. Vor Anspannung hatte ich es kaum gewagt, mich zu bewegen. Und der Frost tat sein Übriges.

Der Junge starrte mich mit großen Augen unter der Kapuze hervor an. Ich deutete mit einem Finger kurz auf ihn.

„Cold?6“, fragte ich. Er schien nicht mehr so stark zu zittern, aber ich wollte sicher gehen.

Er verneinte mit einem Kopfschütteln. Plötzlich schwankte er auf den Füßen. Er hatte Lissi bemerkt, die mit seinem kleinen Bruder auf dem Arm aus dem Abgrund emporstieg. Seinem Bruder wollte er entgegeneilen, vor Lissi wäre er gerne weggerannt. Zumindest er hatte Angst vor ihr.

Wir müssen uns beeilen, sagte sie schnell. Meinst du, du findest den Weg zu dem Türmchen?

Ich denke schon. Wo gehst du hin?

Ich bringe den Jungen zum Kloster und folge euch dann.

O.k., dann machen wir das.

Ich drehte mich zu dem älteren Jungen, der uns immer noch mit großen Augen ansah. Er zuckte heftig und keuchte erschrocken, als Lissi in einer Wolke aus Eis verschwand.

Ich gab ihm keine Zeit, sich über eine Flucht Gedanken zu machen. Ich öffnete ihm meine Jacke wieder und kniete mich mit dem Rücken zu ihm vor ihn hin.

„On my back“, rief ich in den Sturm. Als er zögerte, deutete ich energisch mit meinem Daumen über meine Schulter. „Go on!7“

Langsam kletterte er auf mein Kreuz. Das mit der Jacke hatte er verstanden und öffnete die Seiten, bevor er die Arme um meinen Hals legte. So hatte ich wenigstens noch ein bisschen Schutz vor der Unbill der Natur.

Wie heftig der Sturm geworden war, bekam ich auf der anderen Seite des Felsen zu spüren, als ich mit dem Jungen im Huckepack unserem Trampelpfad zurück folgte. Die erste Böe schmiss mich fast um. Ich rutschte mir mein neues Gepäck zurecht, suchte mir einen sicheren Stand und verfiel in einen leichten Trab, sobald ich unsere Spur wiedergefunden hatte.

2 Agnes Martin (*1912-+2004); „Roter Vogel“, 1964

3 Traditionell wird die Stupa im Uhrzeigersinn umkreist, so wie die Gebetsmühlen gedreht werden.

4 Engl.: „Wer seid ihr?“

5 dto.: „Freunde“

6 Engl.: „Kalt?“

7 Engl.: „Auf meinen Rücken“, „Mach!“

KAPITEL 3

Das Gebetstürmchen mit den langen Schnüren daran für die Unzahl an Wimpeln und Tüchern der Gläubigen, die hier vorbeikamen, war kaum zu erkennen. Dafür war das Knattern der Stofffahnen sogar über den Sturm zu hören.

Ich stand im eigenen Saft, als wir die Stupa endlich erreicht hatten, und ich schnappte nach Luft. Ob die Punkte vor den Augen von meiner Atemnot herrührten, oder von den umherfliegenden Eisstücken, vermochte ich nicht zu sagen, aber es war egal. Ich war froh, ein Etappenziel erreicht zu haben.

Zielstrebig steuerte ich erst die falsche Seite an, um die Stupa zu Umrunden, erinnerte mich aber noch rechtzeitig an den Aufstand des Mädchens – die hoffentlich noch immer im Windschatten unter meiner – o.k., unserer – Decke wartete.

Und tatsächlich hatte sie dort ausgeharrt und sprang mit einem Freudenschrei auf, sobald sie uns bemerkte.

Stürmisch nahm sie ihren Bruder in den Arm, der jetzt von meinem Rücken gestiegen war. Dann schaute sie sich um. Lissi und ihr kleiner Bruder fehlten noch. Aufgeregt, ängstlich bearbeitete sie den Jungen mit Fragen, der aber nicht viel wusste. Sie musste sich ein wenig überwinden, fragte dann aber mich. Alles Erlernte kam in der Aufregung wohl ins Straucheln. Ich hatte einige Mühe sie zu verstehen, konnte mir aber natürlich denken, was sie wissen wollte.

Ich erklärte ihr also, so gut es ebend ging, dass ihr kleiner Bruder überlebt hat und dass meine Freundin ihn zum Kloster bringt. Mit einiger Mühe konnte ich sie auch davon überzeugen, dass hier der falsche Ort wäre, auf Lissi zu warten.

Sie schaute immer wieder hoffnungsvoll zurück, während ich auf sie einredete, nickte dann aber.

Einem Einfall folgend, zog ich dem Jungen meine Jacke wieder aus und tauschte sie gegen unsere Decke. Ich half dem Mädchen mit den Verschlüssen. Mit der Kapuze in Position und der breiten Halsschließe war sie gut eingepackt. Auch ihr war die Jacke viel zu groß, aber so brauchte sie keine Handschuhe und die Beine waren bis zu den Knien geschützt.

Den Jungen nahm ich wieder auf den Rücken. Seine Aufgabe war es, die Decke vor meiner Brust zusammenzuhalten. Ansonsten konnten wir uns gegenseitig wärmen.

Ich gab dem Mädchen das Zeichen zum Aufbruch. Sie würde auch den Weg weisen müssen, ging also vorne weg.

Der Sturm hatte nochmals zugelegt und gemeinerweise die Richtung geändert. Er kam jetzt direkt von vorn, bergab. Da wir ihm entgegenlaufen mussten, um den Berg hochzukommen, kamen wir nur langsam voran.

Mein eh schon nur wenig ausgeprägtes Zeitgefühl war hier vollkommen außer Kraft gesetzt. Wir waren sicherlich mehr als eine halbe Stunde unterwegs. Es hätten aber auch vier oder fünf Stunden gewesen sein können, als das Mädchen mir merklich erleichtert etwas zurief und mit einem Jackenärmel auf einen dunklen Flecken vor uns deutete.

Durch den dichten Schnee, der jetzt wieder dazugekommen war, konnte ich erst nicht allzu viel erkennen. Beim Näherkommen zeichneten sich dann aber mehrere Gebäude ab.

Die dreietagigen Wohnhäuser waren mit der Rückseite zu einer Felswand gebaut, die die Dächer nur wenig überragte. Mehrere kleinere Hütten standen frei dazwischen, oder waren etwas vorgelagert in den Boden gebaut. Eine Lawine würde glatt über die größeren Gebäude hinwegrauschen, ohne Schaden anzurichten. Und der Sturm, der uns bei unserem Aufstieg so zu schaffen machte, würde ebenso wenig Probleme bereiten.

Nicht nur mein Hintern freute sich jetzt auf einen Platz am warmen Ofen. Ich war nass bis auf die Knochen. Erschöpft von dem langen Aufstieg, mit Zusatzgepäck, durch tiefen Schnee und viel zu wenig Sauerstoff für meine Flachland-Lungen. Wie jeder Mensch, der gerne sein Leben aushauchen möchte, hätte ich mich gleich hier hinlegen und schlafen können. Aber jetzt hatten wir es ja geschafft.

Kurz darauf entdeckte man uns auch. Einige Menschen kamen von den Häusern herab auf uns zu. Das Mädchen mobilisierte noch einmal alle Kräfte und rannte ihnen entgegen. Einer, der Vater, fiel ihr gleich um den Hals. Die anderen besahen sich nur kurz die Szene und wendeten sich dann mir zu. Als sie den Jungen auf meinem Rücken entdeckten, jubelten sie und pflückten das Kind von mir herunter.

Erst wurde gelacht, dann aufgeregt durcheinander geredet, als das Fehlen des dritten Kindes bemerkt wurde. Soweit das Heulen des Windes es zuließ, berichtete das Mädchen kurz, was sie von ihrem Bruder und von mir wusste.

Als Fremder war ich außen vor, aber ein junger Mann winkte und bedeutete mir, ihnen zu folgen.

Wir steuerten auf das Größte der Häuser zu. Breit gebaut, aus Stein und dunklem Holz, erinnerte es mich an die Bauernhäuser in Tirol, die ich mal auf einer Klassenfahrt gesehen hatte. Dieses hier war vielleicht nicht ganz so groß, wie seine Alpenländischen Gegenstücke. Außerdem kam man hier scheinbar nur über eine Außenleiter in den ersten Stock.

Das Mädchen, das am besten Englisch sprach, erklärte mir später die Bauweise. Auf Bodenniveau waren die Stallungen. Die natürliche Abwärme sorgte in der ersten Etage, die für Gäste und Verwandte auf Besuch gedacht war, für warme Füße. Und in der zweiten Etage wohnte dann die Familie. So sah in Bhutan das traditionelle Bauernhaus aus.

Trotz der Kälte und klammer Finger war das Mädchen, flink wie ein Wiesel, die Leiter hoch. Der Junge durfte auf dem Rücken eines Älteren mitreiten, wobei das, wie auch bei dem Rest der Gruppe, dann etwas gemächlicher lief. Auch ich schaffte noch den Weg nach oben, obwohl ich nun wirklich nicht mehr viel Kraft zuzusetzen hatte.

Endlich tat sich dann auch die Haustür auf und wohlige Wärme umfing uns. Die Kinder wurden umgehend über eine steile Stiege in die oberen Wohnräume gebracht, wohin dann auch ich – nach kurzer aber hitziger Diskussion – geleitet wurde.

Das Familienoberhaupt, ein alter Mann mit wettergegerbtem faltigen Gesicht, sprach ein Machtwort ... oder hielt eher eine ’Machtrede’. Die Argumente der anderen wurden von ihm mit offenbar wohlgesetzten, zum Teil aber sehr scharfen Worten weggewischt. Ich verstand nicht, was das Problem war. Wahrscheinlich war ich einfach nur der fremde Riese mit der langen Nase. Und da der Alte mehrmals besonders auf den Vater des Mädchens einwirkte, hielt er den Leuten bestimmt die Rettung der Kinder vor.

Zu guter Letzt wies er energisch auf die Altarnische im Raum, worauf alle wie die begossenen Pudel dort hinschlurften und beteten. Ich schloss mich ihnen an und kniete mich ebenfalls hin, wenigstens um meine Gedanken zu sammeln.

Betest du etwa zu mir, oder wirst du mir untreu?, fragte das Buch amüsiert. Ich musste grinsen.

Schön, von dir zu hören, antwortete ich. Beten ist aber nicht so mein Ding.

Ich weiß.

Schaust du nur so vorbei, oder gibt es einen Grund?

Wenn man davon absieht, dass ich gerne regelmäßig über deinen Zustand informiert bin, dann gibt es keinen besonderen Anlass.

Und bist du zufrieden mit meinem Zustand?

Er könnte besser sein, aber ich weiß natürlich, woher es kommt.

Hätte ich die Rettungsaktion sein lassen sollen?, fragte ich etwas unsicher. Ich wusste selbst, dass ich meine Grenzen gefährlich ausgereizt hatte.

Unsinn! Außerdem hättest du das gar nicht über dich gebracht.

Nein, wohl eher nicht, gab ich zu.

Und so hab ich dich geschaffen. ... Na ja, wenigstens war es mein Ziel, ruderte das Buch etwas zurück.

Ich lachte im Geiste.

Ich geb mir Mühe, dich nicht zu enttäuschen.

Auch das kannst du nicht, Karl. Ich bin sehr zufrieden mit dir. Und alles andere ist dann eh meine eigene Schuld.

Das klingt nach Freibrief, kicherte ich.

Übertreib es nicht, Dewer’el, mahnte mich das Buch.

Ich doch nicht. Und dann doch etwas ernster: Du kennst mich besser.

Natürlich. Nach kurzem Nachdenken: Karl?

Ja?

Lysje braucht noch einen Moment. Aber, wenn sie dann hereinkommt ...

Ja?

Man wird sie für die Inkarnation einer Gottheit halten.

O.k.? Der Euro fiel bei mir gerade nur Cent-weise. Äh, du hast aber nicht ernsthaft Bedenken, dass ihr das zu Kopf steigt.

Nicht wirklich. Aber ich will auch nicht überrascht werden.

Na, dann will ich mal versuchen ihre Füße am Boden zu halten.

Und ich hab – wie man bei euch so sagt – ein Auge auf euch.

Danke. Die Präsenz des Buches war aber schon wieder fort. Ich musste mich etwas schütteln, als ich aus meiner beinahe meditativen Versenkung auftauchte. Ich brauchte einen Moment, um meine tiefgekühlten Muskeln und Gelenke wieder nutzbar zu machen.

Meine Begleiter sahen mich etwas verwundert, aber lächelnd an. Mit meinem scheinbaren Gebet hatte ich jetzt wohl – wenn auch unfreiwillig – den letzten Dorfbewohner für mich eingenommen.

Der Alte deutete mir an, die Stiege hochzugehen. Ich würde also doch in die Wohnräume des Bauern eingeladen. Und ich folgte dieser Einladung gerne.

Die Kinder entdeckten mich als Erste, als mein Kopf im oberen Stock erschien. Sie grüßten mich lautstark und bombardierten mich gleich mit Fragen, die gelegentlich in Husten und Schnauben übergingen. Die zwei saßen nackt in einem großen Waschzuber und wurden abwechselnd mit heißem Wasser übergossen.

Ich erzählte ihnen, dass Lissi den Kleinen zum nächsten Kloster gebracht hat.

Also ist er noch am Leben?

Zumindest, als sie losgerannt ist.

Aber, ist sie auch schnell genug?

Sie ist sehr schnell.

Das kann ewig dauern, bis wir etwas wissen.

Ich hätte etwas von ihr gehört.

Hast du auch so ein kleines Telefon dabei?

(Mist. Ich musste mehr darauf achten, was ich sage.)

Äh, nein – stotterte ich – ich spüre es, wenn mit ihr etwas ist.

Die nächsten Fragen wurden gezielt mit heißem Wasser ertränkt und anschließend weggerubbelt. Der Protest der Kinder wurde von dem Alten übertönt, der direkt hinter mir heraufkam. Ihm widersetzten sich die Kinder nicht. Er war ihnen aber auch nicht böse, legte ihnen die Hände sanft auf die Wangen und sprach ein paar ruhige Worte, die für mich auch fast wieder wie ein Gebet klangen. Die Kinder grinsten verschämt in meine Richtung und setzten sich in Tücher gewickelt an den Ofen.

Im Gegensatz zu unserer offenen Feuerstelle, war dieser hier gemauert. Durch ein dickes rostiges Rohr konnte der Rauch durch das Dach entweichen. Da er gleichermaßen zum Kochen genutzt wurde, war er nur etwa hüfthoch und mit einer umlaufenden Stufe versehen, die sowohl zum Sitzen, als auch den Frauen zum Stehen diente, wenn gekocht wurde.

Auf vier unterschiedlich großen Öffnungen konnte gearbeitet werden. Wurde nicht gekocht, verschloss man die Löcher mit schweren Holzdeckeln.

Eine der Frauen holte mich aus meiner müßigen Betrachtung und sprach mich direkt an. Leider verstand ich kein Wort.

„Take your clothes off8“, quakte das Mädchen von der Ofenbank.

„In the tub9“, ergänzte der Junge und wedelte mit einer Hand.

„Me?10“, fragte ich verblüfft und wiederholte an die Frau gerichtet, „Me?“. Die verstand kein Englisch, nickte aber bekräftigend.

Immer noch verwundert, pellte ich mich wie eine Zwiebel Schicht um Schicht aus meinen Sachen. Die Leute lächelten vielsagend. Meine Jacke hatte ich ja bereits an den Jungen abgetreten. Und obwohl ich schon hart im Nehmen war, konnte ich noch immer drei Lagen Stoff und anderes aufweisen. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Kontakt diese Menschen schon zu Ausländern hatten – wenn überhaupt! – aber sie ließen es sich nicht anmerken, wenn ich zu absonderlich gewesen wäre.

Erst als ich mein T-Shirt über den Kopf zog und alle Anwesenden die Narben und noch nicht ganz verheilten Wunden an meinem Oberkörper sehen konnten, trat die Frau einen Schritt zurück und starrte mich mit den Händen vor dem Mund und großen Augen erschrocken an.

Finger strichen mir vorsichtig über den Rücken. Ich drehte mich langsam um. Vor mir stand eine alte Frau, deren schmale Augen kaum von den anderen Falten ihres Gesichtes zu unterscheiden waren. Gebeugt stand sie da, mit einer vorgestreckten Hand. Sie murmelte etwas. Viele Zähne schien sie nicht mehr zu haben. Eine andere Frau lehnte sich zu ihr und forderte sie auf, das Gesagte zu wiederholen. Einer der Bauern beugte sich ebenfalls zu der Alten. Dann forderte er die Kinder auf, mich zu fragen.

„What happend?11“, fragte wieder das Mädchen. Sie war die Ältere und hatte schon länger Englisch.

Ich überlegte einen Moment, was ich erzählen konnte, gab dann aber meiner Intuition freien Lauf und blieb bei der Wahrheit.

„Demons tried to kill me“, sagte ich langsam. Ich hob dann zwei Finger, „Two times.12“

Jetzt überlegte das Mädchen. Sie war sich nicht sicher, ob sie mich richtig verstanden hatte. Ich nickte langsam. Bevor sie etwas sagte, wendete ich mich wieder an die Frau, die sicherlich die Mutter der Kinder war. Ich zeigte auf den Bottich. Sie schaute noch einmal zwischen ihrer Tochter und mir hin und her, nickte dann entschlossen und griff sich eine Schüssel zum Wasserschöpfen.

Das Wasser war noch angenehm warm und reichte mir im Schneidersitz bis knapp über die Beine. Ganz langsam und Guss für warmen Guss kamen meine Lebensgeister wieder zurück. Ein Kribbeln in Zehen und Fingern gab mir deutlich zu verstehen, dass mich die Kälte stärker im Griff hatte, als ich ahnen konnte.

Es wurde nicht viel gesprochen, während ich gewässert wurde. Nach zwei, drei Minuten stampfte die Alte mit dem Fuß und zeterte lautstark. Sie forderte endlich eine Antwort auf ihre Frage. Alles lachte freundlich. Die Mutter wendete sich an ihre Tochter, die meine Antwort ja gehört hatte.

„Demons?“, fragte sie noch einmal, nicht ganz überzeugt, dass wir von der gleich Sache sprachen.

„Yes“, bestätigte ich kurz.

Also begann sie zu berichten, was sie von mir wusste. Sie sprach langsam und mit Bedacht. Sie erzählte wortreicher, als meine knappe Äußerung hergab, aber sie ergänzte ihren Bericht mit den Beobachtungen, die sie und ihr Bruder in den letzten Tagen und Stunden gemacht hatte.

Schweigen breitete sich im Raum aus. Während sich die Menschen noch überwältigt, ratlos ansahen, erschienen auch schon die nächsten Besucher.

8 Engl.: „Zieh deine Sachen aus“

9 dto.: „In den Zuber“

10 dto.: „Ich?“

11 Engl.: „Was ist geschehen?“

12 dto.: „Dämonen haben versucht mich zu töten. Zweimal.“

KAPITEL 4

Als Erstes wackelte im Rhythmus der Stufen die weinrote Haube eines Mönches herauf. Er begrüßte die Anwesenden mit einer flachen Hand, die er senkrecht vor der Brust hielt. Mit der anderen hielt er einen Umhängebeutel fest. Auch ich verneigte mich höflich, was sicher eher komisch aussah, saß ich doch noch immer nackt im Zuber.

Die Dame des Hauses hatte dann aber ein Einsehen und legte auch mir ein großes Tuch um die Schultern.

Ich rubbelte einen Großteil der Nässe weg und setzte mich zu den Kindern, die mich freudig in ihre Mitte nahmen. Kaum hatte mein Hintern die warme Bank berührt, lehnten auch schon beide Kinder an mir.

Lissi grinste breit, als sie mich so eingerahmt entdeckte. Sie hatte mit dem Mönch ausgemacht, einen Moment zuzuwarten, bevor sie ihm folgte.

Im Halbdunkel des Wohnraumes leuchteten ihre weißen Haare fast. Unbeeinträchtigt von den Kraftanstrengungen der letzten Stunden, kam sie leichtfüßig die Stiege hoch. Erst später erzählte sie mir, dass sie auch noch den Mönch auf dem Rücken hergetragen hatte, weil er ihr zu langsam war.

Die alte Greisin war die Erste, die ehrfürchtig auf die Knie ging. Was sie brabbelte war diesmal wohl laut genug. Die Frau und der Mann, die noch neben ihr standen, gingen jetzt ebenfalls runter. Etwas deutlicher aber nicht minder furchtsam, hauchten sie, „Tara drolma!“

„Tara drolma“, echote es durch den Raum, als Lissi in voller Größe und Schönheit vor uns stand.

Die Kinder waren mit den Feinheiten der bhutanischen Mythen noch nicht so vertraut, schauten aber dennoch mit großen Augen. Sie hatten Lissi bisher immer nur im Schnee bei meist schlechter Sicht gesehen.

Ich war für hiesige Verhältnisse nicht klein. Und sie war annähernd so groß wie ich. Ich konnte mir kaum ausmalen, wie der Vampir auf die Menschen hier wirken musste.

Draußen herrschten eisige Temperaturen und sie störte sich nicht daran, dass ihre Sachen – die wenigen, die sie trug – auch noch mehr oder weniger nass waren. Die langen weißen Haare und die Augen taten ihr Übriges.

Sie hätte sich auch gerne erst einmal auf mich konzentriert. Die Räumlichkeiten hatte sie schnell erfasst. Sie blinzelte nicht, wie der Mönch, der genauso verwirrt war, wie sie. Sie schaute nur zwischen den Menschen hin und her, die zum Teil auf den Knien lagen. Nur die Alte lag mittlerweile flach auf dem Boden.

„Jigme, what happens here?13“, fragte sie den Mönch.

Der so Angesprochene atmete einmal tief durch, seufzte und antwortete in nur wenig akzentuiertem Deutsch,

„Sie halten Euch für die weibliche Seite Avalokiteshvaras, des Bodhisattvas des grenzenlosen Mitleids.14“

„Überraschung, Überraschung! Und Deutsch sprecht Ihr auch noch“, sagte sie trocken.

„Ach, war das Deutsch?“, murmelte ich unsicher.

„Könnt Ihr ihnen nicht erklären, dass ich nichts Göttliches an mir habe?“

„Also, ich finde schon“, kommentierte ich halblaut, „aber ich bin auch nur ein schwer verliebter Mann.“

„Karl, das ist jetzt nicht hilfreich“, zischte sie.

„Und mir wird es schwerfallen, unsere Gastgeber von etwas anderem zu überzeugen“, antwortete der Mönch mit sanfter Stimme. „Es sind einfache Menschen. Und Ihr seid nun mal ... kein einfacher Mensch.“

„Sie kann manchmal sogar sehr schwierig sein“, erwiderte ich, mehr zu mir selbst. „Besonders, wenn sie ihre nichtmenschliche Seite rauslässt.“

„Karl!“, knurrte Lissi und zeigte dabei sogar ihre Fangzähne.

Die Kinder, zwischen Angst und Faszination, wären gerne in mich hineingekrochen, wenn nicht die Gesetze der Atomphysik dagegen gesprochen hätten. Ich kicherte hemmungslos.

„Du bist so süß, wenn du wütend bist“, lachte ich.

Der Mönch lächelte seine Füße an, während Lissi jetzt knurrend mit gefletschten Zähnen vor mir stand und wütend die Fäuste in die Hüfte stemmte. Die Kinder rührten sich keinen Millimeter.

Ich lachte jetzt lauthals – auch wenn ich gerade mein Leben aufs Spiel setzte. Ich bemühte mich, auf die Beine zu kommen, was gar nicht so einfach war, ohne plötzlich nackt im Raum zu stehen. Immerhin saßen die Kinder mehr oder weniger auf meiner Decke drauf.

Bei aller Bedrohung, die Lissi gerade darstellen wollte, kicherten jetzt auch die Kinder. Mein Bemühen halbwegs würdevoll in die Senkrechte zu kommen, war nicht von Erfolg gekrönt. Nicht wirklich ernst fluchte ich halblaut. Liebend gerne hätte ich mir die Decke gleich einer römischen Toga umgeworfen. Der Geist jedenfalls war willig...

Zum Schluss konnten wir alle nur noch herzlich lachen. Sogar Lissi schmunzelte, obwohl sie mich fast noch gefressen hätte. Ich nutzte die Gunst der Stunde und warf ihr meine Arme um den Hals.

„Ich bin so was von froh, dich zu sehen“, flüsterte ich ihr ins Ohr. „Und mit dem nassen T-Shirt siehst du rattenscharf aus.“

Es zeigte sich, dass mit dem teilweise fehlenden Ohr doch Schallwellen verloren gingen. Sie lachte mir so laut in den Hals, dass es fast weh tat. Aber nur fast.

„Manchmal hab ich echt den Drang, dir wehzutun, Dewer’el“, hauchte sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. Ungeachtet der Aussage, strich sie mir aber sanft mit den Fingerspitzen durch die noch feuchten Haare.

Die Kinder starrten uns unverhohlen und mit offenem Mund an, während sich die Erwachsenen alle weggedreht hatten.

Es dauerte nicht lange, bis uns das auch auffiel.

„Jigme?“, sprach Lissi den Mönch an. „Müssen wir etwas wissen?“

Er drehte sich wieder mehr in unsere Richtung und schaute mit einem halben Auge nach uns. Als er sah, dass wir uns voneinander gelöst hatten, drehte er sich ganz.

„Nun, Frau Lissi, in Bhutan ist es nicht üblich, seine Zuneigung für alle sichtbar körperlich zum Ausdruck zu bringen. Auch Eure ... kurze Kleidung ist für uns sehr ungewöhnlich.“

„Ah“, machte Lissi verstehend.

„Ich bin etwas verwirrt“, meldete ich mich. „Meine Nacktheit war doch aber kein Problem.“

„Nun, Herr ...“

„Karl“, half Lissi aus. „Er heißt Karl.“

Der Mönch verneigte sich leicht.

„Nun, Herr Karl, Ihr seid mit nassen Kleidern aus der Kälte gekommen.“ Er wies mit einer Hand auf meine Wäsche, die zum Trocknen neben dem Ofen hing – und eindeutig nicht bhutanisch war. „Dafür gibt es hier nur eine sinnvolle Behandlung. Und außerdem seid Ihr ’Chilip’ – ein Ausländer.“

„Ich muss sicher noch viel über eure Traditionen lernen. Danke, für die erste Lektion.“

Der Mönch verneigte sich wieder.

„Und ich werde sehen, dass ich in der Stadt etwas Längeres zum Anziehen bekomme“, ergänzte Lissi nachdenklich.

„Oh, Ihr müsst Euch darüber nicht sorgen“, wehrte der Geistliche schnell ab. „Ihr seid in den Augen der Menschen Tara Drolma. Niemand wird bei Euch je einen Fehler sehen.“

Lissis Augenbrauen wanderten in die Höhe.

„Na, dann wenigstens, um Eure Gefühle nicht zu verletzen, da ich diese Tara nun mal nicht bin.“

„Tara Drolma“, berichtigte er.

Und wieder lag die Alte auf den Knien. Der Mönch seufzte leise.

Wo ich schon einmal stand, fühlte ich auch gleich, wie es um meine Wäsche bestellt war, und zog mich wieder an. Die Miene der Mutter entspannte sich etwas, als ich wieder bekleidet im Raum stand. Sie nahm mir das Tuch ab und reichte ihren Kindern jetzt auch etwas zum Anziehen.

Einfache gebleichte Woll-, oder Leinenunterhemden und entsprechende lange Hosen, wurden von Oberbekleidung bedeckt, die mich in Form und Muster an die schottischen Festtagsgewänder erinnerte.

Die Frau sprach mich in gedämpftem Ton an und wies mit einer Hand auf den Platz am Ofen. Ich sollte mich hinsetzen. Auch die Kinder standen jetzt noch. Das Mädchen deutete ihrerseits auf die Ofenbank.

Ich glaube, wir setzen uns besser hin, sonst wird das hier eine Stehparty, dachte ich in Lissis Richtung.

Oh! Na klar, kam ihre überraschte Antwort.

Die Kinder trippelten ängstlich zur Seite, als Lissi plötzlich auf die Bank zuhielt. Ich griff sie mit den Händen vorsichtig an den Hüften und schob sie ein Stück auf die Seite, so dass ich mich zwischen sie und die Kinder setzen konnte. Die grinsten wieder und ließen sich neben mich fallen. Prompt hatte ich wieder den Kopf des Mädchens an der Schulter. Der Junge lehnte sich bei seiner Schwester an, beäugte aber immer wieder die weiße Frau, die nicht einmal einen Meter von ihm entfernt saß.

„Lopon15“, sprach der Alte den Mönch an, während sich die meisten anderen eine Sitzgelegenheit suchten. Er befragte den Geistlichen eindringlich, der mit ruhiger Stimme ausführlich antwortete. Alle lauschten gespannt, was der Mönch zu sagen hatte. Auch die Frauen, die sich hinter uns an den Töpfen zu schaffen machten. Die Ohren wurden noch viel größer, als der Dorfälteste der Befragung eine andere Richtung gab. Er nickte ein paar Mal zu uns hin und auch die Worte ’tara drolma’ fielen wieder.

Der Mönch wiederum richtete einige gezielte Fragen an die Kinder neben uns und einige an die Erwachsenen. Als er scheinbar genug Antworten bekommen hatte, kniete er sich vor den Hausaltar und singsangte mit sonorer Stimme eine Weile.

Er erhob sich nach seinem Gebet langsam wieder und wendete sich direkt dem Alten zu. Er sagte nur einen Satz. Der Alte blinzelte wie eine Eule und setzte mehrmals zu einer Antwort an, brachte aber keinen Ton hervor. Dann sickerte das Gesagte stückchenweise durch. Stockend stellte er eine Frage.

Ruckartig setzte sich das Mädchen neben mir auf und starrte an mir vorbei Lissi an. Die drehte sich ihr gelassen zu und lächelte.

„Are you a ghost?16“, fragte das Kind flüsternd.

Lissi schüttelte leicht den Kopf.

„No, she isn’t17“, antwortete ich für sie.

„But the monk said she is not human”, wendete sie ein und fragte Lissi wieder, “Are you human?18”

Meine Freundin senkte für einen Moment den Blick. Dann sah sie dem Mädchen direkt in die Augen und schüttelte erneut den Kopf.

Ich legte ihr vorsichtig den Arm um die Schulter, in der Hoffnung, dass sie nicht hysterisch würde oder anderweitig panisch reagierte.

„But! I! Am!19“, brummte ich ihr Wort für Wort ins Ohr. Ich griff mir eine Hand von Lissi und verschränkte mit ihr die Finger. Schamhaftigkeit hin oder her, ich musste wenigstens den Kindern gegenüber Stellung beziehen.

Ich legte dem Mädchen unsere Hände fast bis auf den Schoß. Ich gab ihr die Möglichkeit, dieses fremde Wesen auf meiner anderen Seite wortwörtlich zu ’begreifen’. Auch sie erkannte das und legte ihrerseits sachte eine Hand auf unsere. Ihr Bruder wollte nicht hinten anstehen. Er langte mit gestrecktem Arm um seine Schwester herum, bis auch seine Hand auf dem Fingerknäuel lag.

„You’re cold-la20“, stellte das Mädchen fest.

Ich sah sie etwas verwirrt an.

„Sie zollt Euch Respekt“, erläuterte der Mönch. „Bumo?21“, sprach er sie an und fragte noch etwas hinterher.

„Oh, my name is Tashi Drolma22“, sagte sie dann etwas verlegen.

„I’m Karl23“, antwortete ich. „Drolma?“, fragte ich den Mönch, „Ist das ein Familienname?“

„Nein, nein! In Bhutan hat nur die königliche Familie einen Familiennamen. Alle anderen haben nur ein oder zwei Vornamen.“

„O.k.?“ Ich war immer noch etwas verwirrt. „Und Tara Drolma?“

„Niemand heißt so. Nur die wiedergeborene weiße Frau Avalokiteshvaras.“

„Hello, Tashi Drolma“, grüßte ich das Mädchen also. Normalerweise hätte ich ihr noch meine Hand zum Gruß hingehalten, aber ich hatte irgendwann gelesen, dass Händeschütteln hier wie in ganz Asien unüblich war. „This is my girlfriend Lissi24“, machte ich mit einem Blick zu ihr weiter. Lissi nickte ihr lächelnd zu.

„And my name is Dorji Tenzin“, rief der Junge von der anderen Seite. Tashi legte ihm einen Arm um die Schulter.

„My brother25“, bestätigte sie.

Ein seltsames Piepen riss uns aus unserem Gespräch. Das Geräusch war mir bekannt. Und überall anders hätte ich gesagt ...

Der Mönch fischte ein Mobiltelefon aus seinem Umhängebeutel, schaute kurz aufs Display und nahm das Gespräch an.

Manch einer der Älteren sah zum ersten Mal ein Handy. Alle hatten davon gehört, nur sehen, taten es regelmäßig nur die Kinder, die ja jeden Tag in den Ort liefen. Aber beeindruckt waren sie trotzdem alle.

Wir ’reichen’ Europäer waren nur milde überrascht.

„Gibt’s hier überhaupt Sendemasten?“, fragte ich niemanden im Besonderen.

Der Mönch grinste und zeigte mit einem Finger in die Luft. „Auf dem Dzong“, sagte er hastig zwischen zwei Sätzen.

„Wo?“, fragte ich Lissi. Der Mönch lauschte wieder konzentriert seinem Gesprächspartner. Lissi zuckte nur mit den Schultern.

„Ich glaube, er meint das Kloster26“, sagte sie dann doch. Der Mönch nickte heftig zur Bestätigung.

Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen, als ich mir die Gesichter der Menschen ansah, die gespannt seinen Worten lauschten, ohne zu hören, was der andere sagte. Dann war der Bann aber auch schon gebrochen. Jigme hatte sein Telefonat beendet.

„Das Kind ist aufgewacht“, berichtete er uns kurz, „und sobald der Sturm etwas nachlässt, wird man ihn mit dem ... äh“ – er machte mit einer Hand eine kreisende Bewegung über dem Kopf.

„Hubschrauber?“, schlug ich vor.

„Ja, damit wird man ihn ins Hospital bringen“, schloss er freudig. Er wollte sich gerade den Bauern zuwenden, als ihm noch etwas einfiel. „Oh, und Khenpo Lobsang möchte euch gerne sehen.27“