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"Wie zwei glühende Kometen glitten wir durch den flüssigen Sternenhimmel und zum ersten Mal schaffte ich es, meine Sorgen wenigstens für diesen einen magischen Augenblick zu vergessen …" 2113 – Die Folgen des Klimawandels haben Deutschland zerstört. Jady kennt nichts anderes als den nie endenden Überlebenskampf, welcher ihr von Tag zu Tag mehr abverlangt. Als sie in Berlin durch einen fürchterlichen Sturm von ihrem Clan getrennt wird, stellt sich ihre Welt auf den Kopf. Plötzlich bedroht von einem mysteriösen Verfolger macht Jady auf ihrer Flucht eine alles verändernde Entdeckung …
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Jasmin Hütt
Hinten im Universum
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Impressum neobooks
Ich rannte um mein Leben. Mein Herz pochte, wahrscheinlich würde es einfach platzen. Aber ich wollte nicht aufgeben. Immer weiter. Sprinten, springen, Haken schlagen. Lange konnte das nicht mehr gut gehen, doch während mein Blut wie kochendes Wasser durch meine Adern pulsierte, wollte mein Geist kämpfen. Ich wollte kämpfen. Wieso sollte ich für eine Sache sterben, für die ich nichts konnte? Vor mir tauchte ein Baum aus der Schwärze der Nacht auf. Taumelnd wich ich ihm aus, mehr durch Zufall als absichtlich. Die Dunkelheit war mein Feind und die Schritte hinter mir wurden immer lauter. Mir musste dringend etwas einfallen. Wenn ich bis ins Lager käme … Fast unmöglich. Trotzdem, einen Versuch war es wert – vielleicht müsste dann nicht schon wieder Blut vergossen werden. Ganz nebenbei wäre auch mein erst fünfzehn Jahre langes Leben nicht so jäh zu Ende!
Mit zusammengebissenen Zähnen legte ich noch mehr Tempo zu. Herunterhängende Äste schlugen mir ins Gesicht, doch ich bemerkte sie kaum. Im Nacken konnte ich fast den Atem des Mannes spüren. Was hatte ich ihm getan? Mein Blick trübte sich. Wütend schüttelte ich den Kopf, die Sicht klarte etwas auf. Wenn ich jetzt ohnmächtig würde, wäre alles verloren. Mit einem Satz sprang ich über einen verkohlten Baumstamm, doch es reichte nicht ganz und ein stechender Schmerz fuhr durch meine Wade. Aufhalten konnte er mich jedoch nicht.
Der Mann war jetzt ganz nah. Noch zwei oder drei große Schritte, dann würde er ... Wie von Sinnen wich ich seitwärts aus. Dann konnte ich in der Ferne endlich unser Lagerfeuer erkennen. Hoffnung keimte in mir auf. Es musste einfach klappen! Noch gut dreihundert Meter. Warum wurde niemand auf mich aufmerksam? Ich wollte schreien, doch zwischen meinen gehetzten Atemzügen war nicht genug Zeit. Meine Lunge brannte förmlich, während die Rettung immer näher kam. Zweihundert Meter. Ich konnte es schaffen! Der Sprint meines Lebens, in Gedanken war ich schon in Sicherheit. Doch plötzlich schlug ich hart auf dem Boden auf. Mein Fuß musste irgendwo hängen geblieben sein. Kaum hatte ich das festgestellt, war er über mir. Jetzt schrie ich, doch es war zu spät.
Keuchend schreckte ich hoch. Es dauerte mehrere Minuten, bis ich vollständig realisiert hatte, dass es nur ein Traum gewesen war. Diesmal. Stöhnend rappelte ich mich hoch und schlug die Zeltplane beiseite. Mein Kopf schmerzte und ich fühlte mich wie zertrampelt. Schnell band ich meine spröden, aber langen schwarzen Haare zu einem schlampigen Zopf, bevor ich durch den schmalen Ausgang kroch. Draußen hatte es aufgehört zu regnen, doch die Sonne war hinter den Dunstschleiern kaum zu sehen. Also alles wie immer. Stickig, grau, hoffnungslos. Ein klassischer Tag im 22. Jahrhundert. Während ich versuchte, meinen Albtraum zu vergessen, betrachtete ich die noch schwelenden Reste unseres gestrigen Feuers. Eigentlich lohnte es sich nicht, es wieder in Gang zu setzen, denn wir würden wahrscheinlich die Regenpause nutzen und weiterziehen. Außerdem gab es auch nichts zu braten oder aufzuwärmen – unsere Vorräte waren erschöpft.
Ich versuchte, auch darüber nicht weiter nachzudenken und ließ meinen Blick schweifen. Es musste noch früh sein, denn außer der derzeitigen Wache war niemand zu entdecken. Angelo war um die vierzig und eigentlich ganz in Ordnung. Er war mittelgroß, hatte kurzes, blondes Haar und durch einen Jagdunfall eine lange Narbe auf dem Arm. Zwar war ich nicht mit ihm verwandt, aber er gehörte seit ein paar Jahren zu unserem Clan. Wir hatten ihn in einer Ruinenstadt im Norden aufgegabelt, er hatte uns damals gewissermaßen das Leben gerettet.
Angeblich hatte er sich vorher zusammen mit seiner Hündin Maja alleine durchgeschlagen, aber ich wüsste nicht, wie er das hätte schaffen können. Die Welt hatte sich verändert in den letzten Jahren, sehr verändert. Wir versuchten, als Jäger und Sammler zu überleben, doch immer wieder schwebten wir bei diesem Versuch aufs Neue in Lebensgefahr. Und ich war es sowas von leid. Leben um zu Überleben – wozu?
Angelo redete nie über die Zeit vor unserer Begegnung und ich fragte nicht. Zum Dank für seine Hilfe hatten wir ihn aufgenommen, denn zwei weitere arbeitende und jagende Hände konnten wir gut gebrauchen. Normalerweise kam es so gut wie nie vor, dass Menschen die Clans wechselten oder sich zwei zusammenschlossen, da es für beide Seiten ein unkalkulierbares Risiko darstellte. Doch Angelo hätte uns wohl kaum geholfen, um uns hinterher umzubringen. Bisher war er Gold wert gewesen.
„Morgen“, murmelte ich.
„Hey, Jady“, begrüßte er mich. „Gut geschlafen?“
„Mhh“, brummte ich. „Schlecht, wie immer.“ Seufzend setzte ich mich neben ihn. Kurz darauf knurrte mein Magen, na super. Er konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass Hunger nun mal zum Alltag gehörte. Nicht, dass ich etwas gegen ein reichhaltiges Frühstück gehabt hätte, aber …
„Wir haben nichts mehr, oder?“, fragte ich leise. Seit mehreren Wochen war ich nicht mehr im Vorratszelt gewesen, weil es sonst wahrscheinlich mein letztes bisschen Hoffnung zerstört hätte.
„Nein“, antwortete er knapp.
Nächste Frage, auch wenn die Antwort klar war. „Meinst du, wir brechen auf?“
„Ja. Dein Vater wird es entscheiden, aber haben wir eine Option? Kein Essen, in zwei Zelten sind Löcher und das Wetter wird bald umschlagen.“ Natürlich, es lag ja auf der Hand. Aber Angelo war noch nicht fertig. „Es sieht nicht gut aus. Wir werden uns in eine Stadt wagen müssen.“
Das hatte ich ebenfalls versucht auszublenden. Aber ich wusste, dass wir keine Wahl hatten, auch wenn ich es nicht glauben wollte. Stadt oder sterben. Zwar war es erst Mitte August, aber durch den Klimawandel würde der Winter nicht lange auf sich warten lassen und den würden wir auch mit den schützenden Ruinen nur schwer überstehen. Ich hasste diese Jahreszeit. In den letzten Jahren waren wir immer mit einem blauen Auge davongekommen, aber unser Glück konnte sich schnell zum Schlechten wenden.
In diesem Moment öffnete sich ein weiteres Zelt und wie ein Blitz schoss Maja auf mich zu. Mittlerweile war ich beinahe sechzehn Jahre alt und hatte niemanden gleichaltrigen, mit dem ich vernünftig reden konnte. Meine einzige Gefährtin war Maja geworden. Die Hündin war überwiegend schwarz, hatte weiße Pfoten und Ohrspitzen sowie einige andere Tupfer. Schwanzwedelnd schleckte sie mir über die Stirn, jetzt war ich endgültig wach.
„Hey, Süße“, meinte ich. Nachdem sie auch meine Ohren gewaschen hatte, ließ sie von mir ab und Angelo musste die gleiche Prozedur über sich ergehen lassen. Eigentlich konnte er das gar nicht leiden, aber er hatte es immer äußerst schwer, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Mit einem schwachen Grinsen drehte ich mich zu meinem Vater Mike, der nun auf uns zukam. Er war groß, athletisch gebaut und ihn brachte so schnell nichts durcheinander. Außerdem war er der Chief unserer Gruppe, denn er war der geborene Anführer. Für mich war er wie ein Fels in der Brandung und ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich ohne ihn machen sollte. Sein Lebensmut und seine Entschlossenheit, unserem Schicksal zu trotzen, färbten auf mich ab. Auch, wenn ich den Sinn unseres verdammten Lebens noch nicht einmal annähernd verstanden hatte. Immerhin sprach so einiges gegen uns und unser Schicksal.
„Moin“, gähnte er. „Irgendwas Interessantes?“
„Nee“, kam es sofort von Angelo. „Wird Zeit, dass wir weiterziehen. Der Regen hat aufgehört.“
„Finde ich auch. Die Nächte werden immer kälter … Da wir gerade in der Nähe der Hauptstadt sind, sollten wir langsam diese Richtung einschlagen. Ich fürchte, der erste richtig harte Sturm wird bald aufziehen.“
Auch wenn mir klar gewesen war, dass es so kommen würde, rieselte mir diese Aussicht wie kaltes Wasser den Rücken herunter. Mein Vater sah mich forschend an. Da er wusste, was damals passiert war, konnte er wohl das in mir herrschende Durcheinander erahnen. „Ich wecke die anderen“, seufzte ich schnell und stand auf.
„Mach das! Je schneller wir loskommen, desto besser.“
Insgesamt besaßen wir sechs Zelte und den Unterstand für die Vorräte. Meins war mit Abstand das Kleinste, aber dafür hatte ich es für mich allein. Auf die anderen fünf teilte sich der Rest unseres Clans auf: mein Vater, meine Großmutter, die ehemaligen Nachbarn meiner Eltern, mein fünfjähriger Cousin Luca mit Eltern und die Leóns, eine Familie aus der Hauptstadt. Naja, eigentlich hatte Deutschland seit dem schwarzen Jahr keine offizielle Hauptstadt mehr, aber die Ruinen waren noch da und als Orientierungspunkt nannten sie alle weiterhin so.
Nachdem ich den Gong geläutet hatte, welcher als Signalton und Weckruf diente, beschloss ich, einfach nachzugucken. Es war eh egal. Hier im Nirgendwo konnte man sich relativ sicher sein, morgens wieder aufzuwachen, solange man nicht verhungerte. In der Hauptstadt dagegen würde es anders sein. Clans lebten von einem Tag zum anderen. Nie wusste man, ob man die Augen am nächsten Morgen wieder öffnen würde, denn die Gangs herrschten. Ganz einfach. Jetzt musste ich wissen, was wir zu bieten hatten.
So gut wie nichts, wie ich kurz darauf feststellen musste. Ein paar Wurzeln hatten wir, es war noch niemand hungrig genug gewesen, die zähen Teile zu essen. Auch unser materieller Besitz neigte sich dem Ende zu – kein Flickzeug, nur ein paar Signalraketen, Töpfe und Kleinkram. Als mir die Tragweite dieser Entdeckung bewusst wurde, durchfuhr mich ein eisiger Blitz. Schwankend hielt ich mich an einem Pfosten des kleinen Unterstandes fest. Klar, jede Person hatte noch ihre Waffen und persönliche Besitztümer, aber was war das schon?
Maja riss mich aus meinem Schockzustand, indem sie meine Hand abschleckte. Schwanzwedelnd lief sie auf den Behälter mit den Wurzeln zu. Auffordernd schaute sie mich an. Klar, sie hatte auch Hunger. Ich musste trotz allem grinsen. „Da hat garantiert keiner was dagegen.“
Während ich ihr beim Fressen zusah, musste ich daran denken, wie wir ihr und Angelo vor fünf Jahren begegnet waren. Damals hatte ich in einer Art Sinneskrise gesteckt. Die Hündin hatte eine Verletzung an der Pfote gehabt, ich pflegte sie zusammen mit Angelo gesund. Die Verbundenheit mit dem leidenden Tier hatte mir komischerweise geholfen, einen Teil meiner eigenen Probleme abzuschütteln. Seitdem waren Maja und ich unzertrennlich. In den letzten Jahren hatte sich die quirlige Hündin als sehr zäh erwiesen und war jetzt eine treue Begleiterin ihres „Rudels“. Zwar fraß sie uns auch noch die letzten Haare vom Kopf, aber sie hatte sich in unsere Herzen geschlichen. Außerdem waren ihre Qualitäten als Wachhund unersetzbar.
Mit einem Blick nach draußen stellte ich fest, dass mittlerweile alle wach waren und sich um die Feuerstelle sammelten. Schnell stand ich auf, um mich zu ihnen zu gesellen.
Kurz darauf dauerte es nicht lange, bis ich meine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt und sie in einen zerschlissenen Rucksack aus Stoffresten gesteckt hatte. Dann rollte ich mit geübten Handgriffen mein Zelt so klein wie möglich ein und band es mit den Schnüren zusammen. Niemand hatte widersprochen, als mein Vater dem Clan eben eröffnet hatte, dass wir in die Stadt ziehen würden. Die anderen hatten es wohl geahnt.
Nachdem alle fertig waren, schnallte ich mir mein Gepäck auf den Rücken. Obwohl es nicht besonders schwer war, würde es mich beim Laufen wahrscheinlich das letzte bisschen Kraft kosten. Wenn wir unterwegs nichts zu essen finden würden, standen die Chancen schlecht, überhaupt in der Hauptstadt anzukommen. Chancen. Warum dachte ich über Chancen nach? Die Vergangenheit hatte schließlich gezeigt, dass man nicht in Prozenten denken sollte. Die Leute, die vor einhundert Jahren gelebt hatten, hätten wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass eine Art Apokalypse innerhalb des nächsten Jahrhunderts eintreten und das gesamte Staatensystem zusammenbrechen würde. Seufzend beobachtete ich meinen Cousin, der als Einziger nichts zu tragen haben würde. Eher würden wir später ihn tragen müssen.
Dann ging es los. Wir wanderten den ganzen Vormittag. Ich lief am Ende der Gruppe, da ich keine Lust hatte, mich mit irgendwem zu unterhalten. Langweilig war mir nicht, denn ich hatte genug damit zu tun, nicht schlappzumachen. Der Hunger tat weh, bohrte mir ein riesiges Loch in den Bauch. Geregnet hatte es in der letzten Zeit genug, also war zumindest unser Trinkwasservorrat fast voll. Regenwasser war überhaupt die einzige Flüssigkeit, die man noch einigermaßen gefahrlos zu sich nehmen konnte. Bäche und Tümpel hatten bräunliche bis rot-grünliche Farben und stanken wie die Pest.
Irgendwann konnte ich nur noch ans Ausruhen denken. Pause, was für ein schönes Wort! Außerdem kamen wir immer langsamer voran. Auch die restlichen Clanmitglieder kämpften jetzt mit sich, schleppten sich regelrecht weiter. Es musste bereits gegen Mittag sein, doch wenn wir jetzt anhielten, würden wir womöglich für immer sitzenbleiben. Ich ahnte, worauf mein Vater hoffte und der Gedanke ließ mich immer weiter geradeaus stolpern. Schließlich war es Mikes Aufgabe, uns durchzubringen. Oft fragte ich mich, warum er so standhaft ums Überleben kämpfte. Ob er auch ohne seine Tochter weitermachen würde?
Zusammen mit Angelo schleppte Mike an der Spitze bereits die Trage mit Luca. Lange hatte er nicht durchgehalten, der Arme. Ich hatte keine Ahnung, woher die beiden Männer die Energie nahmen, aber sie schafften es irgendwie. Leise unterhielten sie sich, doch ich verstand sie nicht. Schließlich hielten sie an. Erleichterung auf allen Gesichtern.
„Seht ihr da vorne den Anfang des Waldes?“, fragte mein Vater. Wirklich! Ich hatte die Bäume am Horizont vor Erschöpfung ganz übersehen. „Wenn wir es bis dorthin schaffen, finden wir vielleicht etwas zu essen. Und natürlich machen wir Pause“, fuhr er fort. Nickende Köpfe, das sahen sie ein.
Dann ging es weiter. Es wurde eine sehr anstrengende Zeit. Wir mussten aussehen wie Zombies, während wir durch die Ebene schwankten. Meine Muskeln brannten, die Kopfschmerzen von heute Morgen waren wieder da. Nur Maja lief frisch neben uns her, ab und zu verschwand sie schnuppernd im Gestrüpp. Die Wurzeln schienen ihren Magen gut gefüllt zu haben, aber vermutlich hoffte sie auch auf eine Maus, die sich eventuell zwischen ihre Pfoten verirrte.
Mein Magen war leer, und mein Mund fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Das Atmen fiel mir auch schwerer, die Luft schien dicker und staubiger zu werden. Kurz hielt ich an und nahm einen tiefen Zug aus meiner Flasche. Sie war aus zerknittertem Plastik, von der ursprünglichen Beschriftung war nur noch volv lesbar. Es fühlte sich gut an, das kalte Wasser die Kehle herunterfließen zu spüren. Danach bekam ich wieder ein bisschen besser Luft.
Schließlich waren es noch etwa zwei Kilometer. Immer weiter, rief ich mir ins Gedächtnis. Einen Fuß vor den anderen setzen, gar nicht so schwer. Wahrscheinlich würde ich irgendwann einfach zusammenbrechen. Herzinfarkt oder so, ein schneller Tod. Verlockend …
Aber mit einem Mal wollte ich nicht. Es war wie in meinem Traum. Auch wenn ich sonst keine große Lust zum Leben hatte (es lohnte sich schließlich nicht sonderlich), erwachte plötzlich mein Kampfgeist. Verdammt nochmal, ich konnte doch nichts dafür, dass es der Welt so schlecht ging. Ich hatte das gute Recht, wie meine Vorfahren in Frieden, Freiheit und Sorglosigkeit zu leben. Deshalb sah ich es einfach nicht ein, hier so würdelos umzufallen. Auch wenn es in der Zukunft nicht besser werden konnte, würde ich meinem so unfairen Schicksal nicht einfach seinen Willen geben. Und nach einer weiteren halben Stunde traten wir endlich zwischen die Bäume.
Mein Vater blieb stehen und ich ließ mich und meine Sachen einfach an der Stelle hinfallen, an der ich gerade stand. Die anderen machten es ähnlich. Mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegend, gönnte ich mir noch ein paar Schlucke Wasser und versuchte, zu Atem zu kommen. Irgendwann wurde es besser. Während meine Sinne wieder schärfer wurden, sah ich in die Baumkronen. Verstaubtes Grün … Die hatten ja Blätter! Ich traute meinen Augen kaum, denn sonst kannte ich Bäume als verkohlte Baumstümpfe oder bestenfalls tote Gerippe mit ein paar verbliebenen Ästen. Es war sehr, sehr lange her, dass ich einem lebenden Objekt begegnet war.
Bevor ich etwas sagen konnte, bemerkte mein Vater leise: „Es gibt noch Hoffnung, Leute. Die Natur lässt sich nicht so schnell unterkriegen, dies ist der beste Beweis. Wir Menschen waren echt bescheuert, aber jetzt sind wir mit unserer Umwelt wieder gleichgestellt. Mit der Zeit wird sich alles erholen, da bin ich mir fast sicher!“
Ich setzte mich auf, um unsere neue Umgebung besser betrachten zu können. Hier unter den Baumkronen war es ziemlich düster. Hinter uns sah ich die Ebene durch den Waldrand schimmern, aber sie schien weit weg. Wie zwei verschiedene Welten. Wir befanden uns auf einer kleinen Lichtung, die durch die Baumkronen ein natürliches Dach hatte. In der anderen Richtung dominierte das Unterholz, besonders weit reichte die Sicht nicht. Dazwischen ragten Stämme auf, Nadelbäume und Laubbäume gemischt. Schmale Pfade schlängelten sich durch das Dickicht, ein sehr gutes Zeichen. Wenn die Spuren einigermaßen frisch waren, dann war das der Beweis, dass es hier Wild gab. Wild konnte man jagen – und essen! Hoffentlich war das Glück heute auf unserer Seite. Da sich Tiere am einfachsten im Wald fangen ließen, war das auch der Grund für unseren Gewaltmarsch zwischen die Bäume gewesen.
Schließlich erhob sich mein Vater. Woher nahm er nur die Kraft? Genauso Angelo, die beiden sahen noch so frisch aus! Sicherlich würden sie zusammen losziehen, um ein paar Fallen aufzustellen und hoffentlich auch mit den Schleudern oder Bogen etwas zu erwischen.
„Jady und Alex, sucht doch am besten schon mal ein bisschen trockenes Holz zusammen und macht Feuer. Schaden kann es nicht, sei es auch nur gegen die Kälte, wenn wir nichts fangen sollten. Aber ich bin guter Dinge. Ruht euch aus, aber haltet die Augen offen, falls es hier noch andere Zweibeiner geben sollte. Unwahrscheinlich, aber möglich. Wir sind in spätestens zwei Stunden zurück“, verteilte Mike die Aufgaben. Dann verschwand er mit Angelo zwischen den Bäumen. Maja rannte ihnen hinterher.
Ich gönnte mir eine halbe Stunde Pause, dann stand ich langsam auf und lehnte mein Gepäck gegen einen Stamm. Zertrampelt werden musste es schließlich nicht, egal, wie wertlos es sein mochte. Dann guckte ich in die Runde: Luca schlief inzwischen, seine Eltern hatten ebenfalls die Augen geschlossen. Mia, meine Großmutter, hatte sich ein paar Schritte von unserem Lagerplatz entfernt und nahm gerade einen Baum genauer in Augenschein. Alex erhob sich ebenfalls. Er war der Sohn der Leóns, die gerade in ihrem Gepäck kramten. Kurz begegneten sich unsere Blicke, doch ich presste meine Lippen fest zusammen und er sah hastig weg. Während Alex sich wortlos in die Richtung, in der mein Vater und Angelo verschwunden waren in den Wald schlug, ging ich entgegengesetzt auf die Suche. Das Ausruhen hatte gutgetan und die Aussicht auf gebratenes Fleisch ließ mich meine schmerzenden Füße fast vergessen.
Der Regen der letzten Tage schien nur zum Teil auf den Waldboden durchgekommen zu sein, denn die Feuchtigkeit war trotz der schwülen Luft fast wieder abgetrocknet. Sehr gut, denn dadurch war es nicht schwer, einigermaßen dürres Holz zu finden. Kurze Zeit später hatten wir für ein kleines Feuer genug zusammen und schichteten es in der Mitte unserer kleinen Lichtung auf.
Mia hatte einmal erzählt, dass Feuer früher mit Streichhölzern oder Feuerzeugen binnen Sekunden entzündet wurde, aber so einen Luxus hatten wir nicht. Daher musste ich mich mit zwei Feuersteinen begnügen, doch mit einem bisschen trockenen Gras und Reisig funktionierte es auch. Bald fraßen sich lodernde Flammen am Holz nach oben. Nachdem ich noch ein paar dickere Äste nachgelegt hatte, war Warten angesagt. Den Rest des Holzes ließen wir neben dem Feuer für später liegen. Normalerweise wäre ich jetzt Beeren, Pilze oder andere essbare Pflanzen suchen und sammeln gegangen, aber ich war so erschöpft, dass ich mich auf dem Boden zusammenrollte und kurze Zeit später einnickte. Ausnahmsweise träumte ich nichts und schlief wie eine Tote.
Geweckt wurde ich von lautem Geschrei. Ich schlug die Augen auf und zuckte zusammen, als ich nur wenige Meter vor mir ein graues, zotteliges Geschöpf entdeckte. Es sah furchterregend aus, verklebt von Dreck und Eiter aus mehreren Wunden. In seinem Fell hingen Zweige und Blätter. Ich erstarrte, war plötzlich hellwach und konnte viel klarer denken. Um mich herum brüllten meine Gefährten, vermutlich um den Wolf, den ich erst jetzt erkannte, zu vertreiben. Ich nahm meinen Blick nicht von dem Tier und wusste auch so, dass die anderen sich langsam zurückzogen. Warum war ich nur so dicht am Unterholz eingeschlafen?! Meine Dummheit, aber das war jetzt unwichtig.
Während mir diese Gedanken in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf gingen, drehte der Wolf sich vollends zu mir. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter, als ich in seine irren Augen sah. Das war doch nicht normal, irgend-etwas stimmte mit ihm nicht – schließlich brannte in nur wenigen Metern Entfernung ein Feuer. Ja, das war es! Da meinen Mitstreitern außer dem Geschrei, vor dem dieses Biest genau wie vor uns Menschen eigentlich Angst haben müsste, anscheinend nichts einfiel, was mir helfen könnte, fasste ich einen Entschluss. Noch war dieses verrückte Tier weit genug entfernt.
Ich ging vorsichtig in die Hocke, während der Wolf begann, einen Schritt in meine Richtung zu machen. Dann überlegte er sich es anders und setzte zum Sprung an. Das war gar nicht gut, aber auch egal, ich war schon hochgefedert und landete nach wenigen Schritten direkt neben unserem Lagerfeuer. Was für ein Glück, dass sich unter unserem Holz zum Nachlegen auch ein Ast befand, an dem noch trockene Blätter hingen! Schnell sprang ich auf und zog ihn einmal durch das Feuer. Sofort brannte er lichterloh und ich schwenkte ihn zwischen mich und den Wolf, der mittlerweile direkt vor mir stand.
Aber dieses Vieh schien von Sinnen zu sein, es haute immer noch nicht ab! Es fixierte bloß den brennenden Ast und duckte sich knurrend. Doch in diesem Augenblick war der Wolf abgelenkt und vergaß genau wie ich alles um uns herum. Ausgerechnet Alex ließ ihm von hinten einen dicken Stein auf den Schädel fallen und der Wolf kippte bewusstlos um. Ich atmete tief ein, vor Anspannung hatte ich die Luft angehalten.
„Danke“, sagte ich und sah Alex kurz an. Mit seinen kurzen braunen Haaren, den hellbraunen Augen und dem sommerlichen Teint wirkte er oft unscheinbar, aber er konnte genauso den Draufgängertypen spielen. Hastig warf ich meinen Ast auf das Feuer. Endlich kehrte auf der kleinen Lichtung Ruhe ein, allen war der Schrei im Halse stecken geblieben.
Mia fand die Sprache zuerst wieder: „Gott sei Dank“, meinte sie und umarmte mich. Kurz darauf hörten wir Gekläff, dann stürzte Maja auf die Lichtung und mit einer kleinen Verzögerung auch Mike und Angelo, der ein kleines Reh auf der Schulter trug.
Mein Vater setzte gerade an: „Was ist pass…“, da fing Mia wieder an zu schreien.
„Maja“, brüllte sie. Diese hatte gerade an dem Wolf schnüffeln wollen und zuckte zusammen. Mit eingekniffenem Schwanz lief sie zu Großmutter. „Tut mir leid, Süße“, flüsterte diese und streichelte den verunsicherten Hund. Erst an die beiden Männer, dann an uns alle gewandt fuhr sie fort: „Der Wolf da tauchte plötzlich auf und wollte Jady angreifen. Er war überhaupt nicht scheu, hatte weder Angst vor uns Menschen noch vor dem Feuer und unser Geschrei hat ihn auch nicht aus der Ruhe gebracht. Ich würde sagen, er hat Tollwut. Deshalb habe ich Maja zurückgepfiffen, denn sie kann sich genau wie wir anstecken. Und das wäre ein Todesurteil!“
„Ich glaube auch“, pflichtete ihr mein Vater bei. „Gut, dass du so schnell reagiert hast. Essen können wir ihn nicht. Er ist nur bewusstlos, oder?“
„Ja“, antwortete Alex.
Mike warf Angelo einen Blick zu. „Wir müssen ihn aus dem Lager schaffen. Mia, du kannst dich schon mal mit dem Reh beschäftigen, Alex, kümmere dich um das Feuer und Jady, setz dich hin und entspann dich. Ach, und noch was: Ich würde sagen, wir übernachten hier, es lohnt sich nicht, heute noch weiterzuziehen. Außerdem müssen wir es am ersten Tag mit der Strecke ja nicht gleich übertreiben.“
Während Alex das Feuer vergrößerte und ordentlich auflegte, lehnte ich mich an einen Baum und sah Mia dabei zu, wie sie mit flinken Fingern das Reh ausnahm. Wie lange hatte ich kein Fleisch mehr gegessen? Vielleicht hätte mir eher der Vorfall von eben keine Ruhe lassen sollen, aber irgendwie ließ mich die ganze Sache kalt. Wilde Tiere waren eine seltene Todesursache, ich hatte einfach Pech gehabt. Vor längerer Zeit dagegen hatte ich einmal unfreiwillig ein Gespräch zwischen meiner Großmutter und meinem Vater belauscht, bei dem es um meinen psychischen Zustand ging. Deshalb war ich froh, dass ich trotz des Schocks noch klar denken konnte und meine Instinkte genau wie mein Reaktionsvermögen funktionierten. Egal war mir auch, dass der Wolf jetzt mit umgedrehtem Hals irgendwo im Gebüsch lag, denn Mike und Angelo kamen gerade zurück.
„Wie geht es dir?“, fragte mein Vater und setzte sich neben mich.
„Gut. Wie war die Jagd?“, fragte ich zurück.
„Wir haben ein paar Fallen aufgestellt, hoffentlich ist morgen etwas drin. Dann lief uns dieses Reh über den Weg, aber das war´s auch schon. Maja hat keine einzige Spur aufgenommen und Wildwechsel haben wir auch nicht gefunden. Das mit dem Reh war reines Glück.“
„Und es wird nicht lange reichen, schon klar.“
„Ach Jadyn. Du weißt doch, wir schlagen uns irgendwie durch. Irgendwann werden wir bestimmt für unsere Mühen belohnt!“, versuchte er mich aufzumuntern. Jetzt benutzte er schon meinen richtigen Namen. Wurde das jetzt so ein Vater-Tochter-Gespräch? Nein, er wollte auf etwas anderes hinaus. „Jade wird immer wertvoll sein, und ich werde meinen Edelstein beschützen. Verlass dich darauf.“ Er küsste mich auf die Stirn, sah mich lange an, als würde er noch etwas hinzufügen wollen und stand doch auf, um sich um das Fleisch zu kümmern. Seine Worte hatten gut getan, auch wenn ich nicht daran glaubte, dass alles besser werden würde.
Ich verdrängte die trüben Gedanken und beobachtete, wie Alex das Reh zusammen mit Mike auf einen Ast spießte und über dem inzwischen beachtlich großen Feuer briet. Ein verführerischer Duft wehte zu mir herüber und als sie endlich fertig waren, fing es bereits an zu dämmern.
Wie jedes Mal musste ich beim Essen leider feststellen, dass, wenn man längere Zeit nichts gegessen hat, man fast nichts herunterbekommt. Das Reh schmeckte wunderbar, aber ich musste schnell passen. Sonst wäre mir übel geworden. Den Rest von meiner ohnehin kleinen Ration hob ich mir für später auf. Dann ließ ich meinen Blick schweifen und sah den Spiegel meiner eigenen Gefühle in satten, zufriedenen Gesichtern rund um das Lagerfeuer. Schläfrig schloss ich die Augen.
Leise Stimmen weckten mich. Mittlerweile war es stockfinster. Nur das Feuer schwelte noch vor sich hin und verbreitete einen beruhigenden Schein. Ein leichter Wind war aufgekommen und wehte mir angenehm frische Luft entgegen. Am Rande unserer Lichtung erkannte ich die Silhouetten von Mike und Mia. Meine Großmutter redete drängend auf ihn ein, aber ich verstand nur Wortfetzen. Was hatten sie nur mitten in der Nacht zu besprechen?
„… musst handeln…“ Meine Großmutter.
Mike wiedersprach: „… aushalten? ... ady … ver …“ Meine Muskeln verkrampften sich. Hatte er Jady gesagt? Hoffentlich merkten sie nicht, dass ich wach war.
„… ihr gutes Recht … tu …“ Wieder Mia. Dann Pause, schließlich ein Seufzer. Mein Herz klopfte so laut, dass ich schon dachte, die beiden würden es hören. Aber die schemenhaften Gestalten umarmten sich, schließlich legten sie sich auf ihre Lager und Stille kehrte ein.
Langsam senkte sich auch mein Blutdruck. Ich hätte gerne weitergeschlafen, aber natürlich war ich jetzt hellwach. Lange grübelte ich über die paar Worte nach, die ich verstanden hatte. Ich kam zu keinem vernünftigen Ergebnis. Wahrscheinlich war es um etwas ganz Banales gegangen, versuchte ich mich zu beruhigen. Endlich überwältigte mich die Müdigkeit und ich fiel in einen leichten, von Albträumen geplagten Schlaf.
Nachdenklich trottete ich durch die trostlose, langsam dämmrige Landschaft. Wenn die Hauptstadt nicht bald in Sicht kam, würden wir eine weitere Nacht außerhalb verbringen müssen. Mir wäre es recht gewesen, da uns das Wetter bisher nicht im Stich ließ. Der Tag war stinklangweilig gewesen und ich war von dem frühen Aufstehen und langen Laufen müde. Zum Glück hatten in den Fallen ein paar Kaninchen auf uns gewartet, sodass wir gut gestärkt hatten aufbrechen können.
Mia lief neben mir an der Spitze unseres kurzen Zuges. Ihr und meinem Vater war nichts von der nächtlichen Diskussion anzumerken gewesen. Doch es war mir, als könne ich Mikes Blick am Hinterkopf spüren. Spannung lag in der Luft. Würde etwas passieren? Ich zog die Stirn kraus und schüttelte den Kopf, um die Hirngespinste zu vertreiben. Dann wandte ich den Blick nach links.
Mia hatte graue Haare, war für ihr Alter aber glücklicherweise noch sehr gut zu Fuß. Mitte 2050 hatte ein Arzt ein Mittel erfunden, das mithilfe einer Therapie Voraussetzungen für verlängertes Leben schuf. Die neugierige, junge Frau war damals eine der Testpersonen gewesen. Zwar wurde das Projekt aus Angst vor Überbevölkerung gestoppt und einmal hatte Mia mir anvertraut, dass sie ihre Entscheidung bereute, aber sie profitierte immer noch von dem Medikament.
Ich mochte sie sehr gerne, denn sie war eine gute Zuhörerin und konnte gleichzeitig wunderbar erzählen. Meine Großmutter war 2021 geboren, hatte inzwischen ein hohes Alter erreicht und viele der einschneidenden Ereignisse des letzten Jahrhunderts selbst miterlebt. Dementsprechend schöpfte sie aus einem großen Wissensschatz. Am liebsten mochte ich die Geschichten aus ihrer Kindheit, während der in Deutschland noch paradiesische Zustände herrschten, wie sie oft betonte. So auch an jenem Tag.
„Weißt du“, begann sie, als sie meinen Blick bemerkte. „Früher war die Welt noch in Ordnung. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön die Natur im Frühling aussah. Bäume mit frischen, grünen Blättern, bunte Blumen und tiefblaue Seen und Flüsse. Damals habe ich mit meinen Eltern noch an der Ostsee gewohnt. Im Sommer bin ich mit meinen Freundinnen jeden Tag schwimmen gegangen und wir haben unsere Freiheit genossen. Nichts fehlte uns. Meine Eltern verdienten gut, wir wohnten in einem schönen Haus mit modernster Technik und ich hätte mir nie auch nur ansatzweise vorstellen können, wie schnell sich alles zum Schlechten wenden kann. Nach den Krisenjahren vor meiner Geburt ging es mit Deutschland noch einmal bergauf, auch wenn die Europäische Union dabei zerfiel.“
Staunend lauschte ich den Beschreibungen der heilen Welt und verfluchte ein weiteres Mal meine Vorfahren, dass sie alles so versaut hatten. Die Anekdoten meiner Großmutter klangen echt und waren immer sehr faszinierend, aber viele Dinge bekam ich einfach nicht in den Kopf. Oft standen sie im totalen Widerspruch zu meiner Sicht der Welt. 28 Staaten sollten es geschafft haben, sich die Probleme der Welt gemeinsam vorzunehmen und nach dem ersten und zweiten Weltkrieg für lange Zeit den Frieden zu wahren. Nur, um die ganzen Mühen und Erfolge dann einfach wieder zu zerstören!
„Wie ging es weiter?“, fragte ich, obwohl ich die Geschichte in Teilen schon kannte. „Hätte nicht der dritte Weltkrieg ausbrechen müssen? Schließlich waren die Staaten am Ende und es gab sicher viele verschiedene Meinungen.“
„Da hast du recht, aber die EU hat man genau aus diesem Grund aufgelöst. Die Meinungsverschiedenheiten wurden immer größer und die Interessen waren irgendwann so unterschiedlich, sodass das Bündnis keinen positiven Zweck mehr erfüllte oder gar internationale Probleme lösen konnte. Im Hintergrund wurden vor der Auflösung der EU Friedensverträge geschlossen. Jedes Land musste sich zum Beispiel verpflichten, im Interesse aller die Umwelt zu schützen. Danach haben sie öffentlich beschlossen, dass sich jeder Staat aus den Angelegenheiten der anderen heraushalten solle und alle drei Jahre ein unabhängiges Gremium um des Friedens willen überprüfen müsse, ob ein Staat gegen die Bedingungen verstoße. Leider waren die Prüfer bestechlich, sodass jedes Land trotzdem mauscheln konnte, wie es wollte.“
Nachdenklich betrachtete ich die Ebene vor mir und versuchte mir vorzustellen, wie sie vor dem schwarzen Jahr ausgesehen haben musste. Das stinkende Dreckloch auf der linken Seite als Teich. Die verkohlten Baustümpfe als stattliche Bäume mit Blättern und nicht nackte Erde, sondern Gras und Blumen. Garantiert hatte oft die Sonne geschienen und man konnte ohne Probleme frische, klare Luft atmen.
„Deutschland“, erzählte sie weiter, „hat sogar davon profitiert, dass die EU aufgelöst wurde. Wir waren schließlich auf die Zuschüsse der Union nicht angewiesen, eigentlich kamen die Milliardenbeträge zur Rettung ärmerer Staaten wie Griechenland oft zu großen Teilen aus Deutschland. Nach dieser Erleichterung war die EU ein paar Jahren später vergessen – die Deutschen schwebten auf Wolken. Doch es war, wie du weißt, die Ruhe vor dem Sturm. Jeder dachte nur an sich und seine eigenen egoistischen Ziele, den Klimawandel hatten sie einfach vergessen!“
Ja, ich wusste, was jetzt kommen musste. Doch ich ließ Mia trotzdem weitererzählen, denn nur durch die Kenntnis des Vergangenen würde ich vielleicht irgendwann verstehen können, was in diesem Moment, in der Gegenwart, mit uns passierte.
„Plötzlich …“, fing meine Großmutter an, doch mein wortloses Zeigen auf die Ruinen vor uns unterbrach sie. Wir hatten einen kleinen Hügel erklommen und am Horizont erhob sich die zerstörte Skyline der Hauptstadt. „Berlin …“, flüsterte Mia.
Wir blieben staunend stehen und ließen den Moment wirken. Selbst die zerstörten Häuser und Straßenzüge von Potsdam boten nach mehreren Monaten kahler Landschaft immer wieder einen beeindruckenden Anblick. Und meine Lieblingsfrage beschäftigte mich: Wie hatte es hier wohl ausgesehen, als alles intakt war?
Schließlich setzten wir uns langsam wieder in Bewegung. Was uns wohl erwartete? Niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, wir waren lange nicht mehr hier gewesen. In den letzten Jahren hatten wir uns in der Region des ehemaligen Hannovers verkrochen, doch die einsturzgefährdete U-Bahn bot nicht mehr ausreichend Schutz gegen die immer härter ausfallenden Winter. Und die Hauptstadt? Mein Vater hoffte, dass von den dortigen U-Bahn-Tunneln und den alten Wolkenkratzern noch mehr übrig war. Vermutlich würde es zwar mehr Gangs geben, aber auch einfach mehr Platz.
Während wir stundenlang durch die Vorstadt wanderten, ging Mia irgendwann zu meinem Vater. Sie sah aus, als wolle sie ihm etwas sagen, das uns andere und ganz besonders mich nichts anging. Mit der Zeit hatte ich gelernt, in manchen Situationen auf einen Blick zu wissen, was meine Gefährten dachten oder vorhatten. Aber bei den beiden hatte ich gerade keine Ahnung und das machte mir Angst.
Kurz darauf gesellte sich Alex zu mir. Mit dem Sohn der Leóns hatte ich seit dem „Danke“ gestern kein Wort mehr gewechselt. Wir waren beinahe gleich alt und es war lange her, aber er hatte mich zutiefst verraten. Das würde ich ihm vielleicht nie verzeihen können. Ich für meinen Teil konnte mit einer guten Distanz zu ihm leben. Auch wenn er mir gestern geholfen hatte. Er würde bald seine alte Heimatsstadt betreten, da bliebe ich mit meinen Gedanken lieber alleine.
„Hast du Angst?“, fragte er.
Was sollte das jetzt? Ich gab keine Antwort, meine Gefühle gingen ihn einen Scheiß an. Emotionslos fragte ich zurück: „Bist du aufgeregt?“
„Ich erinnere mich eh nicht.“
Ups, ein wunder Punkt. Jetzt schwieg auch er. Es war wohl nicht besonders nett von mir gewesen, ihn so abprallen zu lassen, doch ich hatte wirklich keine Lust, mit ihm zu reden. Blöderweise schnallte er einfach nicht, dass ich mit ihm fertig war. Mein Vertrauen hatte er missbraucht, was gab es da noch zu sagen?
Abends rasteten wir im Schutz eines Schuttberges, neben dem wir ein provisorisches Lager errichteten. Ich setzte mich zu Mia, die ihre zerschundenen Füße betrachtete.
„Du bist vorhin nicht dazu gekommen, die Geschichte zu Ende zu erzählen“, erinnerte ich sie. Meine Großmutter streckte ihre Beine aus und seufzte.
„Ach ja. Nun … Wo waren wir stehengeblieben?“
„Der Klimawandel“, half ich ihr auf die Sprünge.
„Stimmt. Bäume wurden für Feuerholz und Möbel abgeholzt, die Wälder nicht aufgeforstet. Industrieabfälle wurden illegal entsorgt, Fracking und Gentechnik wurden erlaubt. Erneuerbare Energien waren irgendwann kein Thema mehr, weil wenige mächtige Menschen sehr viel mit Atomkraft, Öl und Kohle verdienten. Die Bürger lebten in ihrer digitalen Welt, sie kümmerten sich nicht um die Umwelt. Die Beziehung der Leute zur Natur schien einfach abgerissen zu sein!“ Kurz blickte Mia in den dunklen Himmel über uns, um sich zu sammeln.
„Leider war es nicht nur das, denn ab etwa 2030 wurde klar, dass auch die Gesellschaft zu bröckeln begann. Die Schere zwischen Arm und Reich bewegte sich weiter auseinander, der Einfluss von rechten Parteien wurde stärker, Korruption und Kriminalität nahmen zu, die jungen Leute mussten eine steigende Anzahl alter Personen finanzieren und in Großstädten entstanden Problemviertel, in denen der Rechtsstaat außer Kraft gesetzt war. Bereits damals gründeten sich Gangs, deren Nachfahren uns heute das Leben schwer machen.“
„Also nahmen die Spannungen im Land weiter zu?“, fragte ich.
„Ja“, seufzte Mia. „Irgendwie kippte die Stimmung, auch, weil die internationalen Beziehungen zwischen den Staaten immer schlechter wurden. Die Grenzen wurden streng kontrolliert, man konnte nicht mehr in allen Ländern Urlaub machen, Handelsembargos wurden verhängt, um damit die Wirtschaft einzelner Länder zu schwächen. Die Menschen in Deutschland, ach was, ganz Europa - sie haben gespürt, dass die sicheren Zeiten längst vorbei waren. Sie hatten Angst und fühlten sich eingesperrt.“
Angespannt zog ich meinen Pferdeschwanz zurecht, als Mia die Stirn runzelte. „Ein Krieg hätte früher oder später den Einsatz von Atomwaffen bedeutet, das war einer der Hauptgründe, warum der dritte Weltkrieg noch nicht ausgebrochen war. Trotzdem beneideten sich die Staaten gegenseitig und strebten nach mehr globaler Macht sowie größerem Wohlstand. Also versuchten sie, technologisch überlegen zu sein und sich gegenseitig wirtschaftlich auszustechen.“
Eins hatte also das andere mit sich gezogen, doch bevor die negativen Entwicklungen hatten eskalieren können, war 2099 passiert – das wusste ich schon lange. „Das schwarze Jahr hat all dem ein Ende gesetzt?“, vermutete ich deshalb.
„Das schwarze Jahr hat die Zivilisation, die wir kannten, gnadenlos ausgelöscht“, bestätigte Mia. „Es hat alles noch viel schlimmer gemacht.“
Getroffen beobachtete ich, wie eine Träne über ihre Wange rollte. Es tat mir leid, dass sie sich für mich in die schrecklichen Erinnerungen zurückversetzen musste. Auch mich berührte die traurige Geschichte unseres Landes und ich spürte, dass ich in Ruhe über die neusten Erkenntnisse nachdenken musste.
„Ich gehe jetzt schlafen“, erklärte ich nach einer Weile des Schweigens und umarmte sie fest.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg, um die letzten Kilometer zur Innenstadtgrenze zurückzulegen. Gegen Mittag durchbrach Mike unser Schweigen, indem er auf einem Stück Asphalt stehenblieb und die Hand hob.
„Wie ihr seht, sind wir da. Am besten gehen wir da jetzt selbstsicher rein und suchen uns einen Unterschlupf. Wir sollten uns ein bisschen beeilen, guckt euch den Himmel an. Haltet Ausschau nach U-Bahn-Eingängen, intakten Räumen und Höhlen unter Trümmerstücken. Tja, die Gangs werden tun, was sie für richtig halten. Lasst mich reden und hofft das Beste, falls sie uns aufhalten sollten.“
„Alle für einen, einer für alle!“, riefen wir halbherzig im Chor. Unser Motto. Stärkt den Zusammenhalt, sagt mein Vater.
Dann liefen wir weiter. Am Himmel begannen sich dunkle Wolken aufzutürmen. Auch das noch … Seite an Seite drangen wir in den Randbezirk des zerstörten Stadtkerns ein. Alles war grau, selbst das Unkraut, das langsam die Oberhand über die Steine gewann. Wege gab es so gut wie keine, ab und zu kreuzten wir leicht ausgetretene Trampelpfade. Die Trümmerhaufen und Schrottberge überwanden wir kletternd, während wir manchmal auch durch halbe Tunnel unter den Bruchstücken gehen mussten, die nicht unbedingt vertrauenerweckend aussahen. Dann sah ich rechts das erste Lager zwischen aufragenden Betontrümmern. Drei ausgemergelte Personen mit ausdruckslosem Blick starrten zu uns herüber. Aber irgendwie schienen sie durch uns durchzusehen. Mir war mulmig zumute, schnell blickte ich weg. Ein dicker Knoten saß in meinem Hals. Waren sie überhaupt noch lebendig? War irgendjemand außer uns noch lebendig? Ich biss die Zähne zusammen und folgte dem Clan.
Niemand sprach ein Wort. Ich fühlte mich wie eine Gefangene der toten Stadt. Die Stille lastete auf uns, kein Lüftchen regte sich. Mein Cousin schlief auf seiner Trage, wir anderen waren von dem langen Fußmarsch am Ende. Ein Wunder, dass wir es überhaupt bis hierher geschafft hatten. Anscheinend waren wir gerade noch rechtzeitig gekommen, wenn man sich den Himmel ansah. Abermals überwanden wir einen hohen Trümmerbrocken. Niemand hielt uns auf. Plötzlich zuckte ein Flashback durch meinen Kopf.
Ich renne immer weiter. Vor mir taucht eine Trümmerwand auf. Der perfekte Moment. Als ich sie erreiche, beginne ich zu klettern. Es ist schwer, aber ich kann es schaffen. Tränen rollen heiß über mein Gesicht.
Ich stolperte und war wieder in der Wirklichkeit. Diese Szene bestätigte nur, dass ich nie nach Berlin hätte zurückkommen dürfen. Wieso hatte mein Vater das zugelassen? Er kannte doch die ganze Geschichte. Irgendwann würde ich vollkommen durchdrehen. Gewaltsam verbannte ich die scheußliche Erinnerung aus meinem Kopf und ging weiter.
Auf einmal durchrollte ein grollendes Geräusch die trostlose Trümmerebene. „So ein Mist, es gibt wirklich einen Sturm“, rief Mike durch den zunehmenden Wind.
Die Gefahr drängte meinen Panikanfall in den Hintergrund, ich war voll da. Ich hasste es, wenn einen diese bescheuerten Stürme so überraschten. Seit dem schwarzen Jahr zogen im Winter große Tiefdruckgebiete über Europa, die schlimme Stürme verursachten. Die tödliche Gefahr dieser Orkane waren unkalkulierbare Böen, die mit unvorstellbarer Kraft über das Land fegten und alles durch die Luft fliegen ließen, was nicht niet- und nagelfest war. Wenn wir jetzt nicht sofort einen Unterschlupf fanden …
Der Clan erhöhte mit letzter Kraft das Tempo, mein Vater an der Spitze. Angelo hatte zusammen mit Alex´ Vater Lucas Trage übernommen. Ein paar Minuten später zuckten die ersten Blitze über den Himmel. Um uns herum befand sich nur Schutt, kein auch noch so kleiner Unterschlupf war in Sicht. Der Wind wurde immer stärker und trieb mir Staub in die Augen. Auch die Temperatur fiel steil ab.
„Noch fünf Minuten“, schrie Mike zwischen zwei Böen. „Dann müssen wir uns irgendwie verschanzen, sonst wird es übel!“
Verbissen stemmte ich mich gegen den Wind und hielt die Augen, soweit es vor Staub ging, offen. Es blitzte und donnerte nun im Sekundentakt. „Sind noch alle da?“, brüllte Mia. Wenn jetzt jemand verloren gegangen war …
„Da, zu dem Graben!“, brüllte Mike. „… unsere einzige Chance!“, verstand ich nur. Als wir uns zusammendrängten, konnten wir durchzählen: Alle da. Bis auf eine. Das Herz rutschte mir fast die Hose.
„Maja!“ Ich schrie mir fast die Lunge aus dem Hals, aber sie kam nicht. Das konnte, durfte nicht sein.
Plötzlich packte meine Großmutter mich am Arm, ich fuhr zusammen. „Ruhe. Hör doch mal genau hin!“ Die Donner legten passenderweise eine kurze Pause ein, und ich hörte einen Hund irgendwo in der Nähe bellen. Doch Maja kam nicht.
„Sie ist bestimmt irgendwo eingeklemmt und braucht Hilfe!“, schrie ich Mia ins Ohr und riss mich los.
„Bleib hier, es ist zu gefährlich!“, rief sie mir hinterher, doch ich kümmerte mich nicht darum. Maja war meine treueste Begleiterin. Ich konnte sie nicht im Stich lassen. Langsam kämpfte ich mich voran, dem nicht endenden Gekläff entgegen. Zusätzlich fing es auch noch an, zu regnen. Aber kein Wasser. Es regnete Asche.
Hoffentlich wurde das jetzt nicht der Weltuntergang. Ich musste die Hündin unbedingt sofort finden. Halb kriechend umrundete ich ein senkrecht stehendes Asphaltstück. Dann sah ich sie, keinesfalls hilflos! Mit wehenden Ohren und aufgestelltem Schwanz stand sie vor einer Lücke zwischen zwei Trümmern und kläffte sie wie wild an. Als Maja mich bemerkte, kam sie zu mir, lief dann aber zu dem Loch zurück. Ihr aufgeregtes Verhalten musste doch einen Grund haben, vielleicht hatte sie etwas Wichtiges entdeckt. Endlich stand ich vor dem Spalt. Er war so groß, dass ein Mensch gerade hindurchpasste. Während ich ihn noch abschätzend ansah, verschwand Maja im Dunkeln. Ich pfiff zwischen den Zähnen, glücklicherweise war sie kurz darauf wieder da und stand hechelnd in dem Eingang. Einem Eingang zur U-Bahn!
Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich konnte nun Stufen erkennen, die unter die Erde führten. „Schlauer Hund!“, sagte ich. „Komm, wir müssen die Anderen holen!“ Doch sie machte keine Anstalten sich zu bewegen und legte sich in den Staub. Egal, ich hatte keine Zeit für ihre Launen. Also stemmte ich mich erneut gegen den tobenden Wind. Dicke Regentropfen mischten sich unter die Ascheflocken. Ein schwarzer Brei sammelte sich auf dem Boden. Als ich meinen Blick zum Horizont wandte, wusste ich, warum Maja darauf bestanden hatte, in ihrem Unterschlupf zu bleiben. Eine graue Wand rollte wie ein Sandsturm auf uns zu, sog alles in sich hinein, was der Wind vom Boden lösen konnte. Das war gar nicht gut, uns blieb nicht mehr viel Zeit! Ohne jede Vorsicht rannte ich los, es kam auf Sekunden an.
Der Rest der Gruppe erwartete mich schon angespannt, ihnen schien die aktuell drohende Gefahr über mein Verschwinden noch nicht aufgefallen zu sein. Über ihren Köpfen hatten sie eine Zeltplane ausgebreitet, aber das würde kaum irgendetwas bringen. Mike begann zu sprechen, aber ich unterbrach ihn, richtete meinen Finger auf die sich bedrohlich aufbauende Sturmwand und schrie: „U-Bahn! Kommt!“ Zum Glück handelten sie sofort, statt das brodelnde Ungetüm nur anzustarren. Wir rafften alle Sachen zusammen und arbeiteten uns im Höchsttempo zu Maja vor.
Das Zentrum des Orkans kam schnell näher, es war beinahe unmöglich, sich auf den Beinen zu halten. Mit verkrampften Fingern umklammerte ich meine Habseligkeiten, dann kam der Spalt in Sicht. Noch einmal trotzten wir dem Wind und taumelten mit letzter Kraft in die Dunkelheit. Wir tasteten uns immer tiefer, bis man den heulenden Wind nur noch dumpf in der Ferne hören konnte. Irgendwann erreichten wir das Ende der Treppe und setzten uns erst einmal hin. Es war stockduster, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Ab und zu hörte man einen Seufzer und ich realisierte, dass ein Hund uns gerade das Leben gerettet hatte.
Als würde sie meine Gedanken erraten, drückte sich Maja an meine Seite, sodass ich sie streicheln konnte. Luca unterbrach schließlich mit dünner Stimme die Stille: „Was war das, Mama?“
„Ein schlimmer Sturm“, antwortete sie. „Alles wird gut, mach dir keine Sorgen.“
Irgendjemand kramte herum, dann leuchtete ein Licht auf. Mein Vater hielt einen Leuchtstab hoch. Die Teile waren sehr praktisch, weil sich ihre Akkus bei Tageslicht selbst aufluden. Mia hatte einmal erzählt, dass es die Stäbe schon in ihrer Kindheit gegeben hatte.
Wir befanden uns in einem kellerartigen, relativ großen Raum. Spinnenweben hingen von der Decke, überall lag zentimeterdicker Staub. Im Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr und sah eine fette Ratte weghuschen. Angewidert verzog ich den Mund, diese Viecher gab es aber auch überall.
„Die Wände und die Decke sehen stabil aus“, meinte Angelo.
„Ich glaube auch, wir müssen einen verdammten Schutzengel gehabt haben“, stimmte Mike ihm zu. „Dieser verdammte Orkan hat uns hinterrücks überfallen. Dabei waren wir doch schon so aufmerksam!“
„Warum hat es Asche geregnet?“ Die Frage brannte mir schon seit vorhin auf der Seele.
Alle sahen zu Mia. Mein Vater schien eine Vermutung zu haben, überließ aber seiner erfahreneren Mutter den Vortritt. „Das ist schon einmal vorgekommen, als ich etwa siebzehn Jahre alt war. Damals war der Teide, ein schlafender Vulkan auf einer Insel im Atlantik, ausgebrochen. Mit Luft aus der Sahara wurden die herausgeschleuderten Partikel in hohen Luftschichten weitertransportiert und regneten über Europa herunter. Auch jetzt wird wieder ein Vulkan ausgebrochen sein und durch den Orkan haben wir das Zeug abbekommen.“
Wir ließen uns die Information durch den Kopf gehen, dann errichteten wir ein Lager. Mir war es überhaupt nicht geheuer, dass wir hier so tief unter der Erde übernachten würden, aber etwas anderes als Abwarten konnten wir nicht. Also packte ich meinen restlichen Anteil des Rehs aus und stärkte mich ordentlich. Das Essen und Trinken tat gut und das angespannte Gefühl fiel etwas von mir ab. Nebenbei beobachtete ich meinen Vater, den irgendetwas zu beschäftigen schien. Ob es etwas mit dem Gespräch von vorletzter Nacht zu tun hatte? Der Gedanke behagte mir nicht.
Mit einem Satz verließ Maja plötzlich ihren Platz auf einer Zeltplane. Mit wedelndem Schwanz kam sie auf mich zu und sah mich auffordernd an. Normalerweise bettelte sie nicht und gab sich mit unseren Resten zufrieden, aber heute schien sie genauestens zu wissen, dass sie bei uns was gut hatte. „Das wird aber bitte nicht zur Gewohnheit“, sagte ich zu ihr und gab ihr einen Knochen, an dem Fleischreste hingen. Sichtlich zufrieden nahm sie ihn zwischen die Zähne und trug ihn zu ihrer Plane, wo sie ihn genüsslich abzunagen begann. Wieso war dieser Hund nur so schlau?
Kopfschüttelnd schloss ich die Augen, um mich ein bisschen auszuruhen. Doch der Frieden währte nicht lange, denn kurz darauf hörte ich meinen Vater sagen: „Ich werde mir unseren Unterschlupf mal ein bisschen genauer ansehen. Nicht, dass uns noch böse Überraschungen bevorstehen. Jady, kommst du mit?“ Meine Neugier siegte, schlafen konnte ich nachher auch noch. Also rappelte ich mich hoch. Mike hatte einen weiteren Leuchtstab aus der Tasche gezogen, den er jetzt aktivierte. Einen gab er Mia, den zweiten nahmen wir mit. Alex sah aus, als hätte er uns gerne begleitet, aber nach einem Blick in meine Richtung ließ er es doch lieber bleiben. Eine weise Entscheidung.
