Hirschgulasch - Lisa Graf Riemann - E-Book

Hirschgulasch E-Book

Lisa Graf-Riemann

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Beschreibung

Berchtesgaden im Goldrausch Malerische Berge, idyllische Seen … und tödliche Unfälle! Als ein russischer Höhlenkletterer in den Berchtesgadener Alpen in den Tod stürzt, ist die Expertise von Kommissarin Magdalena Morgenroth und ihrem Kollegen Weidinger vom LKA München gefragt – denn der Mann wurde von seinem Seil geschnitten. Doch der Fall nimmt eine skurrile Wendung, als das ukrainische Gauner-Trio Luba, Marjana und Wiktor auf der Bildfläche erscheint. Mit Falschgeld im Gepäck und auf der Suche nach verstecktem Nazi-Gold bringt der Chaostrupp erst recht Schwierigkeiten in das beschauliche Berchtesgadener Land – sehr zum Unmut der ermittelnden Kommissarin. Kurz darauf stößt sie auf eine zweite Leiche … »Wer der Mörder ist? Das darf ich Ihnen jetzt nicht verraten, aber dass Sie jede Seite genießen werden, das kann ich Ihnen versprechen.« Magazin InnZeit Der spannungsgeladene Bayern-Krimi »Hirschgulasch« von Lisa Graf und Ottmar Neuburger bietet humorvolle und rasante Unterhaltung für alle Fans von Rita Falk und Klüpfl Kobr!

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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Malerische Berge, idyllische Seen … und tödliche Unfälle! Als ein russischer Höhlenkletterer in den Berchtesgadener Alpen in den Tod stürzt, ist die Expertise von Kommissarin Magdalena Morgenroth und ihrem Kollegen Weidinger vom LKA München gefragt – denn der Mann wurde von seinem Seil geschnitten. Doch der Fall nimmt eine skurrile Wendung, als das ukrainische Gauner-Trio Luba, Marjana und Wiktor auf der Bildfläche erscheint. Mit Falschgeld im Gepäck und auf der Suche nach verstecktem Nazi-Gold bringt der Chaostrupp erst recht Schwierigkeiten in das beschauliche Berchtesgadener Land – sehr zum Unmut der ermittelnden Kommissarin. Kurz darauf stößt sie auf eine zweite Leiche …

eBook-Lizenzausgabe November 2025

Copyright © der Originalausgabe 2012 Hermann Josef Emons Verlag

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/VK_R , pixelliebe, djgis; iStock/Rick Frota Barcellos, Iaraslk

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)

 

ISBN 978-3-69076-732-3

 

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

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Lisa Graf & Ottmar Neuburger

Hirschgulasch

Regionalkrimi – Mord in den Alpen 1

 

dotbooks.

Alles in Dir

 

In Dir, o Mensch, ist alles: In Dir ist der Schlaf und das Wache: In Dir ist die Zeit Und die Fülle der Zeit: Der qualmende Dampfer, Die rollende Bahn, Der eiserne Lärm Und das Schweigen des Domes. Der Stein und der Mörtel: Das Haus und die Stadt.  … In Dir, o Mensch, ist alles: Die mordende Hand Und das Künstler-Gehirn, – Das ruchlose, stinkende Wort Und das schwellende, schwebende Lied. Ist beides in Dir: Der schäumende Anfang, Das reifende Ende, Das Ende, Das wieder nur Anfang, Ist Alles, o Alles in Dir!

 Gerrit Engelke,  geb. 1890 in Hannover,  gefallen am 13.10.1918  in Cambrai (Frankreich)

Kapitel 1: Berchtesgaden, 29. Mai 2010

 

Der Trichter zwischen Göll und Hohem Brett, zweihundertfünfzig Meter im Durchmesser, ist das ganze Jahr mit Schnee und Eis gefüllt. Kein Mensch weiß, wie mächtig das Eis darin ist, ob es zehn oder hundert Meter misst. Jetzt im Frühjahr hat sich eine Kluft aufgetan zwischen dem schmelzenden Eis und dem Fels, der nach Osten hin fast hundert Meter aufragt. Ein schmaler Pfad zwischen Kluft und Felswand führt vom Göll hinüber zum Nachbargipfel.

Der Mann ist mit Pickel, Seil, Stirnlampe, Haken und Karabinern nachts vom Purtschellerhaus zum Hohen Göll aufgestiegen. Der Vollmond steht weiß am wolkenlosen Himmel und taucht die Landschaft in ein kaltes Licht. Es erinnert ihn an einen Anatomiesaal und die Schatten, die die Felsen werfen, an dunkle Gestalten, die sich über einen Seziertisch beugen.

Er ist allein aufgebrochen, und niemand ist ihm unterwegs begegnet. An einer leichten Kletterpassage zur Göllflanke hinauf, die mit einem Stahlseil versichert ist, hört er ein Geräusch hinter sich. Er sieht sich um, kann nichts erkennen, nur viele schwarze Schatten. Ein Stein, den er selbst losgetreten hat.

Er kennt den Weg, steigt sicher auf. Wenn er sich umdreht und hinuntersieht, starrt ihn nur der leere Felspfad an. Da ist niemand. Außer ein paar Gämsen, die ihn von ihren Nachtplätzen aus gewittert haben. Die Stille trägt jeden Laut. Vielleicht war es nur das Echo seines eigenen Tritts. Nach weiteren zwei Stunden Aufstiegs ist er an seinem Ziel angekommen und findet schließlich im Licht seiner Stirnlampe den orangefarbenen Punkt direkt neben dem Eistrichter, den die drei am Tag davor auf den Fels gesprüht haben. Als er ihnen gefolgt war.

Er sucht einen Spalt im Fels, in den er einen Keil schlägt; daran hängt er einen Karabiner und das erste Statikseil. Er schlägt einen weiteren Keil ein, um ein zweites Seil zu befestigen. Mit zwei Steigklemmen seilt er sich in die Randkluft ab. Eisbrocken, die sich zwischen Wand und Eis verkeilt haben, versperren ihm den Weg. An seinen Seilen hängend, drischt er mit dem Pickel so lange auf die Hindernisse ein, bis sie sich lösen und nach unten fallen. Er zählt im Geist mit: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, dann schlagen die großen Eisbrocken auf dem Boden auf. Er steigt weiter hinunter. Das Licht der Stirnlampe reicht nicht aus. Er kann nicht erkennen, was unter ihm ist. Zwischen Fels und Eis schwebend, greift er nach hinten und zieht eine Magnesiumfackel aus der Seitentasche seines Rucksacks. Er schlägt sie mit dem Schlagzünder gegen die Felswand, und ein gleißender Blitz leuchtet den dunklen Raum aus.

Er sieht, dass der Fels nach hinten weicht und sich direkt unter ihm eine fast eisfreie Schachthöhle öffnet, die so tief ist, dass er ihren Boden trotz der Fackel nicht erkennen kann. Er schätzt, dass das Trichtereis eine Dicke von ungefähr dreißig Metern hat. Aber es gibt kein Hindernis, der Eingang zur Höhle ist begehbar. Er wirft die Fackel in die Höhle hinunter. Sie fällt mindestens hundertfünfzig Meter senkrecht nach unten. Dann weitet sich der Raum, und die Fackel schlägt auf den Boden. Das Licht erlischt augenblicklich, und seine Augen starren in eine Dunkelheit, von der seine schwache Stirnlampe nur einen winzigen Ausschnitt beleuchtet.

Er muss umkehren. Er hat nicht erwartet, dass es so tief nach unten geht. Er hat gehofft, dass am Ende der Randkluft, nach einigen Metern, ein Felsvorsprung, irgendein begehbarer Weg in einen Höhlengang führen würde. Die Seile, die er dabeihat, sind viel zu kurz. Er muss abbrechen und am nächsten Tag, wenn ihm das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, mit längeren Seilen wiederkommen.

Er schiebt die erste Seilklemme nach oben. Wieder ist ihm, als höre er ein Geräusch, das nicht von ihm selbst stammt. Er starrt hinauf in das kleine Stück Nachthimmel über ihm. Im nächsten Moment spürt er eine Bewegung des Seils, eine leichte, unheilvolle Vibration. Er greift ins Seil, will sich hochziehen, und da beginnt er langsam zu begreifen.

Während ihm die Angst, die auf die glasklare Erkenntnis dessen folgt, was sich dort über ihm abspielt, fast den Brustkasten sprengt, verliert er auch schon den Halt. Ein loses Seilende fällt von oben herab. Er hält sich mit beiden Händen am zweiten Seil fest, spürt auch dort den Widerstand der Seilfasern gegen die unbarmherzig scharfe Klinge eines Messers.

Mit einem Schrei, der vom Eis und Schnee des Trichters gedämpft, von den Felswänden jedoch vielfach zurückgeworfen wird, stürzt er zusammen mit dem nutzlos gewordenen Seil in die Tiefe. Er schlägt um sich wie ein Tier, gibt noch nicht auf. Versucht, nach irgendetwas zu greifen, einen Felsvorsprung zu erreichen, an dem er sich festhalten könnte, windet sich, lehnt sich gegen das Gesetz der Schwerkraft auf.

Da bekommt er etwas zu fassen, eine Felsnase. Der Schwung des Sturzes droht ihn fortzureißen, aber er krallt seine Finger um das Stück Stein und wird es nicht mehr loslassen, obwohl es die Hand mit den beiden gebrochenen Fingern ist. Der Schmerz raubt ihm fast die Sinne. Er hängt mit der linken Hand, sucht mit der rechten, aber der Fels zieht sich zurück an der Stelle, und der kleine Vorsprung, den er zu fassen bekommen hat, bietet nicht genügend Fläche für seine andere Hand.

Er schwingt sich mit den Beinen Richtung Fels, vielleicht kann er einen Fuß einklemmen, aber er erreicht ihn nicht, sucht wieder mit der rechten Hand, greift hinein, und ein paar Brocken lösen sich, er spürt sie über den Handrücken streichen. Er merkt, wie die Kraft aus seinem Arm weicht. Er hängt ruhig, ohne Bewegung, untersucht den Fels im Schein der Stirnlampe. Entdeckt eine Stelle, nach der er vielleicht greifen könnte. Da merkt er, wie sich der Brocken in seiner Hand bewegt. Der Fels gibt nach, bricht, er findet keinen Halt, fällt wieder hinaus in den dunklen Schacht, den Felsbrocken in der Hand. Er fällt mit den Füßen voran. Das LED-Licht seiner Stirnlampe saust mit steigender Geschwindigkeit nach unten. Es gibt keinen Widerstand mehr.

Sein Körper durchschneidet die Luft wie ein Schwert. Ein Schrei gellt aus seiner Brust. Wie lange wird er noch fliegen, im Sturzflug wie ein Falke, der auf seine Beute herabstößt? Er ist kein Falke, er hat keine Flügel, er wird sich nicht mehr hinaufschrauben mit der Beute in den Fängen. Oder sind ihm Flügel gewachsen? Wann ist das Ende erreicht? Ist es ein Traum? Wohin? Fallen. Es dauert so lang. Er hat das Gefühl, als beginne sein Körper sich aus der Senkrechten zu drehen. Ein Schwindel, Übelkeit, ich liege, ich muss auf die Füße. Ich muss.

Milz und Leber sind die ersten Organe, die reißen, der Bauch platzt auf. Der Schädel zerbirst. Das Herz explodiert. Es dauert nur Bruchteile von Sekunden.

***

Sepp Aschenbrenner ist schon vor Sonnenaufgang vom Carl-von-Stahl-Haus über das Hohe Brett zum Göll aufgebrochen. Er liebt diese frühen Aufstiege, wenn er sich die Berge nur mit den Tieren teilen muss, die Jungtiere in den vorbeiziehenden Gamsherden zählen, eine Geiß beim Säugen ihres Kitzes beobachten kann. Später am Tag, wenn die Wanderer kommen, ziehen sich die Tiere in entlegenere Gebiete zurück, und man braucht schon ein Fernglas, wenn man sie so beobachten will, wie Aschenbrenner das am frühen Morgen mit bloßem Auge tun kann.

Als er am Eistrichter ankommt, ist es bereits taghell. Er erreicht das schmale Felsband, auf dem er an der Randkluft vorbei zum Göll hinaufsteigen will, da sieht er etwas am Boden liegen. Er geht näher heran.

Es ist ein Klemmkeil. Daran hängt ein kurzes Stück Seil. Aus sicherer Entfernung schaut er über die Randkluft hinunter in den Trichter, kann jedoch nichts erkennen. Er ruft hinunter, bekommt keine Antwort. Es kommt ihm merkwürdig vor, und er verständigt die Bergwacht.

Sepp Aschenbrenner wartet. Trotz der Anspannung spürt er, dass er Hunger hat. Während er seinen Brotzeitbeutel aus dem Rucksack holt, meint er, ein Luftzug streife ihn oder ein Schatten fliege an ihm vorbei. Er sieht sich um, entdeckt einen Kolkraben, der auf einem benachbarten Felsen landet und ihn stumm beobachtet. Aschenbrenner wirft ihm ein Stück Salami hinüber, und der Vogel fängt es im Flug. Als das Knattern des Hubschraubers näher kommt, ist er verschwunden.

Kapitel 2: Die Zone, 1. Mai 2010

 

Die atlantische Strömung staut sich bewegungslos über dem Hoch, das vom Schwarzen Meer herüberkommt. Der Luftdruck steigt, keine Wolke ist am Himmel zu sehen; ein leichter Wind bewegt sich von Süd-Ost nach Nord-West, wo er sich mit der atlantischen Strömung vereinigt.

Ideales Flugwetter. Dreißig Mi-6-Militärhubschrauber sind die ganze Nacht bei Scheinwerferlicht geflogen, um den havarierten Reaktorteil zu sichern. Jetzt stehen sie am Boden. Die größten Hubschrauber der Welt, so groß und stark, dass sie mit Lastwagen beladen abheben können. Kaum ist die Sonne über der Ebene aufgegangen, wechseln die Besatzungen. Sie starten. Die Rotoren beginnen sich zu drehen. Wuum, wuum, wuum, die Rotorspitzen erreichen Schallgeschwindigkeit, biegen sich unter der enormen Last nach oben. Gleich werden sich die Stahlriesen wieder in die Luft erheben.

Wiktor steigt in den Helikopter 17, der nur eine Minute nach Helikopter 15 startet. Mit einem Zehn-Tonnen-Trog am Seil bewegt sich der Hubschrauber zur Abwurfstelle. Links der Kamin, rechts der siebzig Meter hohe Kran und dazwischen die Ruine, in deren Tiefe immer noch die Glut des geschmolzenen Reaktorkerns zu erkennen ist.

Helikopter 15 wirft seine Last – Blei, Sand, Tonerde – in den Schlund, bevor er nach rechts abdreht, dicht vorbei am Kran. Der große Rotor hat den gelben Ausleger passiert, als der Heckrotor den horizontalen Gittermast des Krans berührt. Der Hubschrauber steigt steil nach oben. Stahlteile fliegen durch die Luft, dann legt er sich zur Seite und stürzt in die Tiefe. Nur noch neunundzwanzig Helikopter. Ein Unglück, kaum beachtet und erwähnt. Tschernobyl: die Schlacht gegen die Hölle, um Europa zu retten.

Wiktor war dabei, er wurde nicht gefragt. Oder doch, pro forma, aber es gab nur eine Antwort. Er erhielt eine Urkunde und hundert Rubel für seine Heldentat und einen Tritt in den Arsch, von dem er sich bis heute nicht erholt hat. Seit Jahren ausgemustert, zieht er durchs Sperrgebiet, immer auf der Suche nach etwas Wertvollem, einem Schatz, der sein Leben verändern könnte. Er, der Liquidator, von den Folgen seiner Strahlenkrankheit geplagt. Hier einen Schatz zu entdecken, das wäre gerecht, findet Wiktor.

Sein alter Armeelastwagen stottert, dann bleibt er liegen. Mitten in der Zone. Einen Tagesmarsch vom nächsten Posten entfernt. Einen Tagesmarsch vom Schrottplatz bei Prypjat. Auf dem Schrottplatz gibt es höchstens die kleinen Schätze. Tausende verseuchter Lastwagen, Dutzende verseuchter Hubschrauber, Ersatzteilspender. Schnell ausgebaut, schnell verladen, hundert Hryvnia, schnell vorbei am Posten, schnell mit Wasser und einem Hochdruckreiniger dekontaminiert, schnell verkauft. So schlägt er sich durch.

Jetzt hat er eine Panne, steckt in der Zone fest und hofft auf einen Geisterfahrer, der wie er irgendetwas sucht, das außerhalb der Zone nicht zu finden ist.

Am Horizont erkennt Wiktor eine Veränderung. Ein Punkt bewegt sich über den gewellten Asphalt. Wird zum kleinen Strich in der Landschaft. Der Punkt kommt näher. Es ist ein Motorrad.

***

Luba ist diesen Sommer das dritte Jahr mit ihrer Ninja in der Zone unterwegs. Sie kommt immer wieder, mit dem Geigerzähler im Gepäck, mit vollem Tank und mit einem Reparaturset für eine Reifenpanne. Denn hier gibt es niemanden, der ihr helfen kann.

Sie liebt diese Strecke wegen der langen unbefahrenen Straßen. Kein Fahrzeug kommt ihr hier entgegen. Auf einer ihrer Fahrten ist ihr eine alte Frau auf einem Pferdegespann begegnet, einer der übrig gebliebenen oder wieder in die Zone zurückgekehrten Menschen. Es waren einmal dreitausend, die hier lebten, jetzt sind es nur noch vierhundert oder weniger. Ab und zu kreuzt ein Wolf oder Fuchs die Fahrbahn, ein Wildschwein oder Rotwild. Das Wild lebt und ernährt sich vom verstrahlten Boden und seinen Erträgen, so wie die Menschen. Der Boden hat die Strahlung aufgenommen, nicht jedoch der Asphalt. Man kann sich auf der Straße bewegen, am besten ohne ein vorausfahrendes Fahrzeug, das Staub aufwirbeln kann. Aber hier ist sonst niemand unterwegs.

Dabei gibt es Fahrzeuge in der Zone. Ganze Parkplätze voller roter Armeelaster, wie Spielzeugautos, achtlos zusammengeschoben von einem Jungen, der nicht aufräumen wollte vor dem Schlafengehen. Auch die weißen Hubschrauber sehen aus wie vergessenes Spielzeug, und doch ist alles echt. Und irgendwann vor vierundzwanzig Jahren sind sie noch geflogen und haben die Sandbehälter zum Löschen des Großen Brandes transportiert. Der Unfall war eine ökologische und wirtschaftliche Katastrophe für die gesamte Region. Er hätte es für ganz Europa werden können. Es hat nicht viel gefehlt.

Luba erkennt einen Armeelaster am Straßenrand und eine schwarze Gestalt auf dem Asphalt. Ein Mensch, er bewegt sich. Beim Näherkommen sieht sie, dass er mit den Armen fuchtelt. Was macht er da?

Es gibt so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz. Wie im Wilden Westen. Dass man keinen Menschen in der Wüste im Stich lässt. Nicht in Badwater, wo einen die Sonne und der über der Salzpfanne getrocknete Wind innerhalb von zwei Stunden austrocknen können, und nicht in den Wüsten Colorados oder in einer der Geisterstädte, in denen es nur vergiftetes Wasser und nichts zu essen gibt.

Dieser Kodex gilt auch in der Zone, und wie im Wilden Westen halten sich die Guten daran und die Bösen pfeifen darauf, wenn es sie um einen Vorteil bringt, und die ganz Üblen täuschen Hilfsbedürftigkeit vor, um sich einen Vorteil zu ergaunern.

Ihre Ninja wäre ein enormer Vorteil. Luba kämpft mit der Versuchung, Vollgas zu geben und darauf zu vertrauen, dass der Idiot, der ein paar hundert Meter vor ihr mitten auf der Straße steht und mit den Armen wedelt, zur Seite springt. Sie gibt kurz Gas. Er macht keine Anstalten, sich wegzubewegen. In letzter Sekunde bremst sie, stemmt sich mit aller Kraft gegen den Lenker und bringt die Maschine zum Stehen. Luba nimmt den Helm ab.

»Was gibt’s? Warum versperrst du mir den Weg?«

»Ich hab eine Panne, und du brauchst mich nicht so blöd anzumachen, Mädchen. Mir wäre auch lieber, ich wäre nicht auf deine Hilfe angewiesen. Ich möchte nur von hier bis zum Posten, dann komme ich selbst weiter.«

»Scheiße! Weißt du, warum ich hier bin? Sicher nicht, um für irgendeinen Dummkopf, der mit einem Schrottlaster in der Zone herumkurvt, Taxi zu spielen. Bist du schon mal Motorrad gefahren? Ich meine, so richtig, mit dreihundert Sachen?«

»Wenn du glaubst, du könntest mir Angst machen, vergiss es. Fahr einfach so, wie du denkst, lass mich beim Posten absteigen, und ich werde Danke sagen, dir Benzingeld geben, und du kannst dein kindisches Motorradrennen weiterspielen.«

»Steig auf. Wir fahren nicht zum nächsten Posten, ich hab vorher noch was zu erledigen.«

Die Frau fährt in der Mitte der Straße. Als Wiktor versucht, über ihre Schulter auf den Tacho zu schielen, reißt ihm der Wind fast den Kopf weg, sodass er sich schnell wieder hinter ihren Rücken zurückzieht. Wahrscheinlich hat sie die angekündigten dreihundert erreicht. Aber ihm macht sie damit keine Angst.

Wiktor nimmt nichts wahr, nur den Lärm des hochtourigen Motors und den Krach des Windes, der an seinen Haaren zerrt. Dann geht die Motorradfahrerin vom Gas, und Wiktor sieht um sich herum die kleinen Waldhäuser, aus denen Bäume und Sträucher wachsen.

Was will diese Frau hier? Hier ist nichts mehr, nur noch kaputtes, wertloses Zeug. Die Dorfleute haben doch noch nie etwas gehabt. Zu Zeiten der Sowjetunion nicht, und dann war mit einem Schlag sowieso alles aus. Am 25. April 1986 haben sie die helle Strahlenwolke am Himmel gesehen. Wahrscheinlich sind sie noch auf die Dächer ihrer Katen gestiegen, um sie besser sehen zu können. Was haben sie gedacht? Dass eine Mondrakete startet? Dass das Chemiekombinat in die Luft fliegt? Dass ein Krieg ausgebrochen ist? Egal, was sie sich auch vorgestellt haben – dass sie in wenigen Tagen ihre Häuser würden verlassen müssen und nichts mitnehmen dürften, weil alles verstrahlt war, das haben sie bestimmt nicht gedacht in diesen Stunden. Die Stadt. Die schöne neue Stadt, in der alle Wohnungen fließendes Wasser und Heizungen hatten, in der es Spielplätze gab für die Kinder und ein Schwimmbad, aus ihr mussten alle Menschen weg. Sogar einen Park mit Riesenrad hatten sie in Prypjat.

Was hat diese Verrückte in ihrer schwarzen Lederkluft jetzt hier zu erledigen? Als sie den Motor abstellt, schlägt ihnen die Stille entgegen, dieses Fehlen von Geräuschen, das Wiktor kennt, aber nicht ertragen kann. Ein Schatten bewegt sich drüben am offenen Scheunentor. Ein Fuchs vielleicht oder eine Katze. Wiktor beginnt, ein Lied zu pfeifen, eines von denen, die seine Mutter ihm als Kind vorsang.

»Halt den Mund«, herrscht die Frau ihn an.

»Wen stört es, wenn ich hier pfeife?«

»Mich«, sagt sie und öffnet eine der Seitenboxen ihrer Kawasaki, kramt darin herum, ohne etwas herauszunehmen. Sie will offenbar nicht, dass er ihr dabei zusieht. Er tut ihr den Gefallen und geht auf das Gestrüpp am anderen Straßenrand zu.

»Wo willst du hin?«, fragt sie barsch.

»Pissen, wenn’s recht ist.«

Er wendet sich ab, aber nur so weit, dass er sie weiterhin aus den Augenwinkeln beobachten kann. Sie nimmt ein Plastiksäckchen aus der Box und schließt sie wieder ab. Dann schaltet sie ihren Geigerzähler an, der knattert, aber nicht übermäßig laut. Sie geht auf das Häuschen mit den kaputten Fensterläden und dem bemoosten Dach zu. Bewegt sich da etwas am Fenster?

Wiktor zündet sich eine Zigarette an. Als die Frau den Eingang erreicht, öffnet sich die Tür. Es stimmt also, was man sagt. Es leben immer noch Menschen hier in der Zone. Von der Welt verlassen, von den Behörden aufgegeben. Ein altes Mütterchen streckt den Kopf heraus. Sie ist ganz grau, ein schwarzes Kopftuch mit verblassten roten Blumen fasst ein faltiges bäuerliches Gesicht mit breiter Nase ein. Ihren wattierten Mantel mit den aufgenähten Flicken trägt sie wie einen Schutzanzug. Sie dreht den Kopf zu ihm. Er hebt die Hand, aber sie reagiert nicht. Die Strahlenwerte auf dem Display ihres Messgeräts prüfend, folgt die Motorradfahrerin der Alten ins Haus.

Schwarzes Feld oder weißes. Die Zone ist wie ein Schachbrett. Es gibt Felder, die so stark verstrahlt sind, dass Menschen dort nicht lange überleben können. Auf den weißen Feldern hält man’s länger aus. Nicht jeder. Sie leben von dem, was der Boden gibt, was sie in den Wäldern finden, die hier in ein paar Jahren alles überwuchert haben werden. Die Bäume wachsen durch Fußböden und sprengen irgendwann die Dächer, wenn sie nicht von selbst einstürzen. Auch im Asphalt tun sich Trichter auf, aus denen kleine Bäume wachsen. Für Autos sind manche Strecken schon unpassierbar geworden. Die Verrückte auf ihrem Motorrad kann noch ausweichen und Hindernisse umfahren. Irgendwann wird sie absteigen müssen. Wenn sie dann überhaupt noch fährt.

Was hat sie der Alten mitgebracht? Essen kann es nicht sein, und wenn, dann nur eine mickrige Portion. Das Säckchen war klein, sah aus wie eine Tüte aus der Apotheke. Bestimmt ist die Alte krank oder ihr Mann, der vielleicht auch noch hier lebt.

Wiktor geht zu der Scheune, in der er den Schatten gesehen hat. Er horcht. Ist da ein leises Schaben, oder bildet er sich das nur ein? Ein Bewegen von Stroh oder Heu. Als er einen Schritt ins Halbdunkel macht, springt ihn etwas an und streift ihn an der Hand. Das Tier ist so schnell im Gebüsch verschwunden, dass er nicht erkennen kann, was es gewesen ist: Katze, Marder, Frettchen oder eine riesige Ratte. Er saugt an dem blutenden Kratzer an seiner Hand und spuckt das Blut aus. Dann geht er zum Haus und schaut durchs Fenster, das noch intakt ist.

Das Mütterchen und die Motorradfahrerin sitzen am Tisch, auf dem einige Tablettenpäckchen liegen, daneben ein brauner DIN-A5-Umschlag. Die Alte schiebt ihn mit ihren Pergamenthänden zu der Motorradfahrerin hinüber. Bevor die den Umschlag öffnet, sieht sie zum Fenster und gibt ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich verziehen soll. Na, die ukrainische Gastfreundschaft hat jedenfalls auch Schaden genommen mit der Katastrophe.

Wiktor geht ein paar Schritte und legt sich dann neben das Motorrad auf die Straße. Die Strahlung ist durch den Asphalt in die Erde gedrungen. Es ist besser, auf dem Asphalt zu liegen als auf dem Waldboden. Der Himmel ist unbarmherzig leer.

»Los, wir fahren«, sagt die Motorradfahrerin und kickt ihn mit ihrem Stiefel in die Seite. Wiktor rappelt sich auf und sieht die Alte in ihrem kleinen Vorgarten stehen, eine Hand auf die einzige verbliebene Zaunlatte gestützt. Die Motorradfahrerin bemüht sich, lässig zu wirken, aber Wiktor sieht, dass sie die Augen zusammenkneift.

»Sie wird sterben«, sagt er.

Sie antwortet: »Alle werden wir sterben, irgendwann.«

»Ja, aber sie stirbt bald.«

Sie setzt den Helm auf, dann dreht sie sich zum Haus und winkt der Alten, die regungslos dort steht und sie beobachtet. Schließlich startet das Motorrad, die junge Frau fährt los, und Wiktor spürt, wie sie schluchzt.

Sie fahren einige Kilometer durch den Wald. Efeuranken kriechen wie Zündschnüre über den Asphalt. Sie fährt nun langsamer. Ihre Lust auf Geschwindigkeit scheint ein wenig abgekühlt.

Als sie aus dem Wald kommen, zeigt der Geigerzähler kaum Radioaktivität an, und die Frau bleibt stehen. Sie nimmt den Helm ab, und Wiktor sieht, dass ihre Augen rot sind vom Weinen. Und trotzdem lacht sie.

»Die Alte, ich trau ihr alles zu. Vielleicht lebt sie noch ein Jahr, die ist verdammt zäh, du hast ja keine Ahnung.«

Wiktor nickt. »Ja, vielleicht.«

»Ich fahre nach Kiew. Wenn du willst, kannst du mitfahren. Ob ich dich nun beim Posten abgebe oder dich noch bis Kiew am Hals habe, ist jetzt auch schon egal.«

»Gut, ich fahre mit nach Kiew. Dort lade ich dich ins Café Puschkin ein. Einverstanden?«

Sie setzt ihren Helm wieder auf.

»Ich heiße Wiktor.« Er weiß nicht, ob sie ihn gehört hat. »Wie heißt du?«, fragt er.

»Was?«

»Wie du heißt, will ich wissen!«, schreit er.

»Luba.«

Sie startet und beschleunigt. Auf einer schnurgeraden Straße rasen sie durch den Nachmittag. Wiktor wird Kopfschmerzen haben am Abend. Der Fahrtwind reißt an seinem bloßen Kopf. Der Motorlärm erinnert ihn an seinen Einsatz am Kraftwerk. Die Arbeiter auf dem Dach, die sogenannten »Liquidatoren«, wurden nach wenigen Minuten schon ausgetauscht. Sie merkten nicht einmal, dass ihnen schlecht war, wenn sie vom Dach gingen, und konnten doch nicht mehr aufhören zu kotzen.

Er möchte wissen, was sie mit der Alten zu reden hatte, was in dem Umschlag war, den sie ihr zugesteckt hat. Das war es wohl, was er nicht mitbekommen sollte. Nicht die Medikamente. Sie waren doch alle krank. Wenn es nicht die Schilddrüse war, dann war es Leukämie. Früher oder später waren sie alle dran, die dabei gewesen waren, die sich in der Dreißig-Kilometer-Zone aufgehalten hatten oder immer noch aufhielten, wie das Mütterchen.

Sie hat nicht gesagt, dass sie nicht mit ihm ins Café Puschkin geht, und nichts davon, dass sie ihn loswerden will. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Der Posten kommt nicht einmal aus dem Häuschen, die Schranke ist geöffnet, und Luba fährt durch, hebt die linke Hand zum Gruß, wie damals, bei der Parade am 1. Mai 1986, als die Bevölkerung immer noch keine Ahnung davon hatte, was wirklich passiert war.

Luba, denkt Wiktor. Sie kennen sie hier alle. Er wundert sich, dass sie sich erst heute begegnet sind.

Kapitel 3: Kiew, 1. Mai 2010

 

Die Zarenzeit, den Ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution, die zum ersten Mal für die leibeigenen Bauern Freiheit und Bildung brachte, den Stalin-Terror, in dem sie zu Millionen geopfert wurden, den Großen Vaterländischen Krieg, Chruschtschow, Breschnew, Andropow, Tschernenko, Gorbatschow, ja sogar das Ende der Sowjetunion und die orangene Revolution hat das Café Puschkin unversehrt und fast unverändert überstanden. Die Kristalllüster, die holzvertäfelten Wände mit den Laub-Intarsien, alles ist intakt, genau wie vor hundert Jahren. Eine Attraktion Kiews, ebenso wie der fünf Meter lange Hausen, der manchmal im Dnjepr schwimmen soll.

Wiktor hat noch nie einen von diesen großen Fischen gesehen, aber das Café Puschkin, das kennt er gut, aus Nächten, in denen er gegen seinen Freund Miro Schach spielte. Miro, Miro, alles machten sie zusammen: die Offiziersausbildung, die ersten Frauengeschichten, die Pilotenausbildung und die Liquidation, und immer spielten sie Schach, wenn Zeit dafür war, am liebsten im Café Puschkin. Miro ist tot. An der Strahlenkrankheit gestorben, aber offiziell ist er einfach gestorben, wie immer schon Menschen gestorben sind.

Luba parkt ihre Maschine direkt vor dem Café. Drinnen zieht sie ihren Motorradanzug aus, und Wiktor sieht, wie attraktiv diese junge Frau ist. Doch er will nicht sentimental werden, nur ihr Geheimnis ergründen.

»Spielst du Schach?«, fragt er, als sie sich an eines der Tischchen setzen.

»Ja, aber nicht jetzt. Außerdem hättest du keine Chance gegen mich.«

Lubas Erinnerungen an das Café sind drei Jahre alt, genauer gesagt werden ihre ganz persönlichen Erinnerungen an das Café Puschkin diesen Herbst drei Jahre alt.

Sie lernte ihn in der Metrostation an der Dnjepr-Brücke kennen. Ilya sprang aus der noch nicht ganz zum Stehen gekommenen fahrenden Metro auf Lubas Füße.

Sie schrie: »Idiot!«, weil ihre Brille zerbrach, als sie auf den Bahnsteig fiel.

Ilya war erschrocken, aber er benahm sich anders als jeder Mann, den sie davor getroffen hatte. Er kniete sich nieder und betastete ihre Zehen. Er sagte nichts, berührte sie mit sanften Händen, bei denen sie spürte, dass sie erfühlen, was andere nur mit einem Röntgengerät erkennen können.

»Gott sei Dank, nichts Schlimmes«, sagte er. »Es tut mir leid, normalerweise bin ich kein solcher Tollpatsch.« Als er wieder aufstand, hatte er die zerbrochene Brille in der Hand und sagte nicht: »Die hätte sowieso nicht mehr lange gehalten«, was zweifellos nicht aus der Luft gegriffen gewesen wäre. Er sagte: »Komm, oben ist ein Optiker.« Er fragte Luba nicht, wohin sie gerade wollte, ob sie einen Termin hatte, er nahm ihre Hand, und sie trabte hinter ihm her. So bekam sie eine schöne neue Brille, einige blaue Flecken an den Zehen, und das Wichtigste: So lernte sie Ilya kennen.

Natürlich war Ilya verheiratet, aber er war so zärtlich, so liebevoll zu ihr. Sie war nicht eifersüchtig, wenn er von seiner Frau erzählte. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, als würde sie seine Frau selbst kennen. Nicht so wie er, natürlich nicht. So wie eine Freundin oder eine Schwester. Irgendwie kam es Luba so vor, als gehörten sie beide zu einer Familie, zu der eben auch Ilya und seine Tochter gehörten. Mit einem anderen Mann hätte Luba sich nie auf eine solche Ménage à trois eingelassen. Und bevor sie Ilya kennenlernte, hatte sie auch nie von einem Mann geträumt, der zwanzig Jahre älter war als sie selbst. Fast so alt wie ihr Vater. Was hätte er sie ausgelacht, wenn sie ihm davon erzählt hätte.

»Lubotschka, nimm dir doch einen jungen, saftigen Kerl«, hätte er zu ihr gesagt. »Was willst du mit so einem alten Knacker? Mit deinem Vater möchtest du doch auch nicht ins Bett gehen, stimmt’s?« Sie hat es ihm nie erzählt. Und auch sonst niemandem. Es war ihr Geheimnis. Er war ihr Geheimnis. Und sie war so glücklich mit ihm wie mit keinem Mann davor und danach.

Ilya kam einmal die Woche nach Kiew. Er war Arzt im Kraftwerk, auch damals, als das Unglück geschah, und einmal in der Woche hatte er Dienst im Kiewer Krankenhaus.

Sie trafen sich meist am Nachmittag, schlenderten am Dnjepr entlang, liebten sich auf einer der Wiesen am Fluss, von Mücken geplagt, in seinem Wolga, den er aus Sentimentalität immer noch fuhr, obwohl er sich längst einen deutschen, französischen oder japanischen Wagen hätte leisten können, oder in der Tiefgarage. Sie liebten sich, wann immer es ging und sooft es ging. Und wenn er nicht mehr konnte, fuhren sie ins Café Puschkin. Wenn er frei war, saßen sie immer am runden Tisch im ersten Stock, gleich neben dem Treppenaufgang. Luba nahm als Erste die Treppe, und immer wenn sie dachte, sie seien unbeobachtet, hob sie für eine Sekunde ihren Rock, damit er ihren nackten Po und vielleicht etwas mehr sehen konnte.

Er bestellte immer Kaffee, schwarz, sie immer heiße Schokolade. Und dann erzählte sie, und er hörte ihr zu, fragte nach, interessierte sich, wie sich noch nie ein Mann oder überhaupt ein Mensch für sie interessiert hatte.

Manchmal, mitten im Gespräch, nahm sie unterm Tisch seine Hand und führte sie zwischen ihre Schenkel, um ihm zu zeigen, in welcher Erregung sie sich befand, während sie mit ihm am Tisch saß und redete. Sie erzählte dann einfach weiter, führte seine Hand wieder über den Tisch, zu ihrem Mund und glitt mit der Zunge über seine Finger, bevor sie ihn küsste.

Meist musste er um acht schon fahren, manchmal um neun, und einmal, nur ein einziges Mal, hatten sie eine ganze Nacht für sich gehabt, in der nicht die Hälfte von dem passiert war, was beide sich erwartet hatten, weil sie nicht aufhören konnten, sich aus ihrem Leben zu erzählen.

Dann aber geschah es: Sie waren verabredet, doch er kam nicht. Sie hatte keinen Grund, an ihm zu zweifeln, und tat es auch nicht. Sie fuhr in das Krankenhaus, in dem er arbeitete. Der Portier sagte: »Station 13, Zimmer 11.« Dort lag Ilya. Er erkannte sie, war aber zu schwach, um etwas zu sagen.

»Was hat er?«, fragte sie die Ärztin, die gerade eine Infusion anschloss, als sie zur Tür hereinkam.

»Ein schwaches Herz. Den Krebs hat er besiegt, aber sein Herz ist dabei kaputtgegangen. Wer sind Sie?«

»Ich bin seine Nichte«, log Luba. »Wir waren für heute verabredet.«

»Ach so.« Die Ärztin musterte sie. »Ist schon gut«, sagte sie. »Ich kenne Ilya schon sehr lange. Ich kann seine Frau gerade nicht erreichen. Bleiben Sie bei ihm und nehmen Sie Abschied. Sehen Sie seine Augen, er freut sich, dass Sie hier sind.«

Als die Ärztin gegangen war, setzte sie sich an Ilyas Bett, nahm seine Hand und begann zu erzählen. Von der Zone und dass sie nun bald alle Teile für das Motorrad hätte und angefangen habe, es zusammenzubauen. Die Straßen in der Zone waren verlassen. Kein Verkehr, nichts. Sie würde hindurchrauschen wie ein Donner, wie ein Wirbelsturm, und sie würde dort anhalten, wo es ihr passte. Sie würde fotografieren und darüber schreiben. In der Werkstatt ihres Vaters hatte sie sich das Geld für ein Notebook verdient. Und heute hatte sie eines bei einem Händler bestellt, mit Anzahlung. Sobald es da war, würde sie es immer bei sich haben, um alles zu notieren und zu bloggen, was ihr wichtig war.

Er müsse unbedingt gesund werden und mit ihr durch die Zone fahren, sagte sie zu ihm. Mit dreihundert Sachen würden sie unterwegs sein. Ilyas Hand zuckte in ihrer. »Du musst dir keine Sorgen machen«, sagte Luba und kämpfte gegen die Tränen. »Ich kenne mich aus mit Strahlung. Ich werde einen Geigerzähler mitnehmen und genügend Benzin und Werkzeug, ich habe alles ganz genau geplant. Es kann nichts schiefgehen. Die Welt muss erfahren, was aus den Menschen in Tschernobyl und in Prypjat geworden ist. Das findest du doch auch?«

Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Seine Hand lag nun ruhig in ihrer. Er hatte die Augen geschlossen und atmete flach. Sie verfiel in seinen Atemrhythmus, ein, aus, ein, aus, ein, und drückte seine Hand, damit er weitermachte. Ein, aus. Er wurde in der nächsten halben Stunde nicht mehr wach.

Die Ärztin kam noch einmal ins Zimmer, fühlte seinen Puls, kontrollierte den Durchlauf der Infusion.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte sie. »Seine Frau wird gleich da sein.«

Als die Ärztin hinausgegangen war, küsste sie Ilya noch einmal auf den Mund und verließ das Zimmer. Auf dem Gang roch es wie beim Zahnarzt. Alles war grau: Wände, Decken, Böden, Sitzbänke, die Kittel der Ärzte und Schwestern, die Krankenbetten mit ihren Gummirollen. Das Linoleum war dünn und schimmerte leicht, wie ein abgetragener Anzug. Die Neonbeleuchtung wischte auch die Farbe aus den Gesichtern der Menschen. Es war nicht Tag und nicht Nacht. Lubas Schritte hallten durch die Gänge. Ihr Geheimnis. Nun sollte sie es also begraben, einen Sarkophag darüber erbauen wie über das Kraftwerk. Leb wohl, Ilya!

Sie trat aus dem Krankenhaus hinaus in die frische Vorabendluft. Endlich konnte sie weinen.

»Nein«, sagt sie noch einmal, »ein andermal vielleicht. Heute will ich nicht Schach spielen. Ich hab dich nicht aus der Zone herausgebracht, um dir beim Schach die Hosen auszuziehen. Bestell mir eine große Tasse Schokolade«, sagt sie und steht auf. Ihren Rucksack, in dem sich der Umschlag der Alten befindet, nimmt sie mit.

»Schokolade? Du bist lustig! Bestell, was du willst: Wodka, Sekt, Hühnersuppe, egal. Du hast mir aus einer ziemlichen Patsche geholfen, da bin ich nicht knausrig.«

»Ich würde sagen, ich hab dir den Arsch gerettet. So sieht’s aus. Mit einem Hühnersüppchen wirst du mir nicht davonkommen. Und Champagner gibt’s hier nicht. Du stehst jetzt einfach in meiner Schuld, und die Schokolade zahlst du sowieso, weil du heute das sagenhafte Glück hast, mit mir ins Puschkin gehen zu dürfen. Unter anderen Umständen, unter, sagen wir, normalen Umständen, wäre dir das nämlich nie gelungen.«

»Na, danke. Ich hätte genauso gut zu Fuß gehen können. Was wäre das schon gewesen, ein paar Stunden marschieren, auch nicht viel mehr Zeit als die, die ich mit dir bei der Alten verplempert habe. Wer weiß, vielleicht war da noch viel mehr Strahlung als auf dem Weg zum Posten. Du hast mich ja nicht auf deinen Geigerzähler sehen lassen.«

»Ich setz mich doch nicht mit dir ins Café, um mir deine dummen Sprüche anzuhören. Zu Fuß hättest du einen Tag bis zum Posten gebraucht. Du hättest im heißesten Teil der Zone übernachten müssen, und die nächste Woche hättest du gekotzt und gekotzt und gekotzt. So sieht es aus. Und jetzt gib es zu, jetzt gib es endlich zu, du verdammter Macho.«

»Na gut. Kann sein, dass du mir den Arsch gerettet hast, und ich sage Danke, wenn dir das reicht. Und jetzt setz dich mal wieder. Die Leute schauen schon.«

Luba dreht sich einfach um und geht durch das Lokal zu den Toiletten. An den benachbarten Tischen sieht man ihr hinterher. Und sie weiß, dass auch Wiktor ihr hinterhersieht.

»Was hast du eigentlich in der Zone verloren?«, fragt er, als sie zum Tisch zurückkommt. Sie hat sich lange die Hände gewaschen und sich verboten, in den Spiegel zu sehen, vor dem sie sich immer die Lippen nachgezogen hat, mit dem Brombeerlippenstift, den Ilya so an ihr mochte.

»Nur die leeren Straßen können es doch nicht sein. Ich glaub nicht, dass ein Mensch so blöd ist, sich nur wegen dem Spaß am Motorradfahren der Strahlung auszusetzen. Wer ist überhaupt diese Babuschka, die wir dort besucht haben?«

»Wieso ›wir‹? Und was geht dich das eigentlich an? Welchen Grund gäbe es für mich, dir das zu erzählen?«

»Vielleicht weil wir gerade dabei sind, uns besser kennenzulernen, und dazu gehört eben, dass man sich etwas voneinander erzählt, oder nicht? Ist das in deiner Generation nicht mehr so?«

»Jetzt lenk mal nicht ab. Du willst mich also besser kennenlernen. Warum?«

»Ich finde dich, na ja, ziemlich attraktiv eben, sexy. Außerdem hast du mir das Leben gerettet. Aber das hatten wir ja schon.«

»Genau. Darauf brauchst du jetzt nicht ewig herumzureiten.«

Der Kellner bringt Lubas Schokolade und Wiktors Kaffee.

»Du trinkst keinen Wodka?«, fragt Luba.

»Ich vertrage keinen Alkohol, höchstens mal ein Bier.«

»Was bist du denn für ein Mann?«

»Müssen alle Männer saufen?«

»Von mir aus nicht, nein.«

Wiktor zündet sich eine Zigarette an.

»Aha, wenigstens rauchst du, wäre ja sonst schon unheimlich.«

»Was machst du in der Zone?«, fragt Wiktor wieder.

»Ich fahre mit dreihundert Sachen durch. Freie Straßen, kein Radar, keine Kontrollen. Es kann nichts Schöneres geben für einen Biker.«

»Wie alt warst du, als das damals passierte?«

»Ich war zehn. Als die Strahlung in Kiew anstieg, setzten meine Eltern mich und meinen Bruder in den Zug nach Odessa. Dort lebten meine Großeltern. Wir kamen erst im Herbst wieder zurück, als das neue Schuljahr anfing.«

»Und wie oft warst du jetzt drin?«

»Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mir die Maschine leisten konnte. Aber seit ich sie habe, jedes Jahr.«

»Und die Alte? Babuschka?«

»Nenn sie nicht Babuschka. Sie heißt Mila. Ich habe sie vor ein paar Jahren kennengelernt. Damals lebte ihr Mann noch. Vor einem Jahr ist er gestorben, wahrscheinlich an einer Lungenentzündung. Mila ist sehr krank.«

»Hast du ihr Medikamente gebracht?«

»Ja. Schmerzmittel vor allem.«

»Krebs?«

»Die Schilddrüse. Sie hat dicke Knoten überall am Hals. Ich wollte sie in ein Krankenhaus bringen, aber sie weigert sich. Also werde ich dieses Jahr noch einmal hineinfahren, um nach ihr zu sehen.«

»Und was hat sie dir mitgegeben?«

»Sag mal, warst du beim KGB?«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil du mich ausfragst. Oder würdest du das anders nennen? Ich erzähle und erzähle hier, und du schlürfst deinen Kaffee, paffst dein stinkendes Kraut und schweigst wie ein Grab. Woher kommst du? Was machst du in der Zone, und weshalb hast du keine Arbeit, wie ein normaler Mensch?«

»Was ich in der Zone mache, kannst du dir denken. Ein Wunder, dass wir uns noch nie dort begegnet sind.«

»Ein Plünderer bist du also, ein Leichenfledderer.«

»Nenn es, wie du willst. Leichen hab ich jedenfalls noch keine gefunden bei meinen Besuchen. Ich gehe nicht in die Häuser der Leute. Die sind alle schon leer geräumt. Ich zerlege die Lastwagen, die da zur Hälfte ausgeschlachtet herumstehen, und das, was von den Helikoptern noch übrig ist. Dafür bin ich sozusagen Spezialist. Sind nicht mehr so viele verwertbare Teile da, aber noch finde ich immer wieder etwas, das ich zu Geld machen kann. Das ist jetzt mein Beruf.«

»Du kennst dich mit den Helis aus?«

»Die Tschetschenen können alles brauchen. Die bauen sich ihre Hubschrauber aus lauter Schrottteilen selbst zusammen. Wie hoch die Teile verstrahlt sind, ist denen total egal. Dort ist immer Krieg.«

»Kannst du die Dinger auch fliegen?«

»Ich glaube schon, dass ich es noch könnte. Ich hab’s jedenfalls mal gekonnt …«

»Warte mal«, unterbricht ihn Luba. »Da vorne sitzen zwei Jungs, die ich aus dem Motorrad-Club kenne. Ich sag mal Hallo, bin gleich wieder da.«

Wiktor sieht ihr nach. Sie hat beide Hände in die hinteren Hosentaschen geschoben. Ihre Hüften sind sehr schmal. Wiktor kann der Versuchung nicht widerstehen und greift in ihren Rucksack, den sie vergessen hat mitzunehmen. Er fingert ein speckiges vergilbtes Blatt Papier aus dem Umschlag und wirft einen raschen Blick darauf.

Als Luba nach einigen Minuten zurückkommt, geht Wiktor Hände waschen. Er muss nachdenken. Sein Instinkt sagt ihm, dass diese Zeichnung, die die Alte Luba mitgegeben hat, eine Bedeutung hat, dass sie wichtig ist. Er kann nicht sagen, warum. Er spürt es einfach. Aber wie soll er an diese Kratzbürste Luba herankommen? Er entscheidet sich dafür, einfach ehrlich zu sein.

»Luba, Mädchen«, setzt er an, als er wieder am Tisch sitzt.

»Was denn?«

»Ich glaube, ich kann dir helfen.«

»Wobei denn?« Luba sieht ihn belustigt an.

»Mit dieser Karte von der Alten.«

»Du hast in meinen Sachen gewühlt?«, schreit Luba. »Was fällt dir ein?« Sie reißt den Rucksack an sich, prüft, ob das Blatt noch im Umschlag steckt.

»Es ist alles da, mach dir keine Sorgen«, versucht Wiktor zu beschwichtigen.

»Das kommt also dabei raus, wenn man jemandem den Arsch rettet?«, zischt sie ihn an. »Hast du deine Moral da drinnen gelassen, in der Zone? Abschaum bist du geworden, du Ex-Heli-Flieger. Muss ich jetzt auch noch mein Geld nachzählen?«

»Hey, hey, hey, beruhige dich, Lubotschka.«

»Nenn mich nicht so! Du bist nicht mein Freund!«

»Ich bin dein Freund, Mädchen. Und ich kann dir helfen. Mit dem Papier der Alten. Vielleicht weißt du ja gar nicht genau, was sie dir da gegeben hat. Ich hab da so eine Idee. Und vielleicht war ich tatsächlich beim KGB oder habe Freunde, die dabei waren. Die kriegen alles raus. Die haben Kohle und sind immer noch richtig mächtig. Glaub’s mir. Du wirst vielleicht noch Freunde brauchen.«

»Was weißt du schon, Klugscheißer. Ich bin bisher ganz gut ohne dich zurechtgekommen. Ich brauche niemanden. Und wenn, dann bestimmt nicht so einen Betrüger wie dich.«

»Mädchen, wenn ich noch meine Agentenkamera hätte, dann hätte ich das Ding schon abfotografiert, und bis du dahinterkämst, was es mit der Zeichnung auf sich hat, wäre ich schon über alle Berge und hätte den Schatz gehoben.«

»Was für einen Schatz, du Idiot? Bist du jetzt übergeschnappt?«

»Na ja, ich nehme an, es ist eine Art Landkarte, die du da bekommen hast. Und irgendwas wird an dem Ort sein, der darauf eingezeichnet ist. Wozu sonst so eine handgezeichnete Karte? Vielleicht ist nur das Silberbesteck der Herrschaft, bei der Mila gearbeitet hat, dort versteckt, vielleicht eine Kiste mit den Briefen ihres Liebhabers … Aber irgendetwas Wertvolles wird es sein, wenn die Alte, pardon, Mila, dir das mitgibt und du so ein Geheimnis draus machst.«

»Du hast sie doch nicht mehr alle.« Luba ist aufgesprungen und hängt sich ihren Rucksack um.

»Ich stehe in deiner Schuld, Mädchen, und ich kann dir wirklich helfen. Überleg’s dir. Wenn du mich brauchst, findest du mich im Café Maxim, am Andreassteig. Wenn ich in der Stadt bin.«

Kapitel 4: Kiew, 2. Mai 2010

 

Kaum ist sie wieder in der Stadt, schon ist das Leben kompliziert. Luba fährt langsam durch die Steigungen und Täler der Altstadt. Von oben geht der Blick über den Dnjepr mit seinen Brücken und Inseln hinüber auf die Plattenbauten der Neustadt, in der sie wohnt. Wohnungen für drei Millionen Menschen sind hier aufeinandergesetzt worden wie Legosteine. Wenn man sie von der rechten Flussseite aus sieht, kann man sich nicht recht entscheiden, ob die Neustadt mit ihrem davorliegenden Grüngürtel am Fluss nun Idylle oder Alptraum ist. Am besten sieht man das ohne Emotionen. Es ist einfach ein Ort, an dem sehr viele Menschen in fast identischen Behausungen leben.

Sie hat Mila auf ihrer zweiten Reise durch die Zone kennengelernt. Mila besaß damals noch das Pferd und hatte einen Wagen mit Gummireifen angespannt. Ein Fahrzeug auf einer der Niemandsstraßen! Das Pferd hatte gescheut, als Luba mit ihrer Ninja im größtmöglichen Abstand überholte; sie stieg ab und half Mila, das Pferd zu beruhigen. Mila nahm sie mit in ihr Häuschen zu ihrem Mann. Alexej war viel älter als Mila, aber er schien gesund. Die beiden wollten nicht weg aus ihrem Haus. Auch wenn Alexejs Wodka-Vorräte zu Ende gegangen waren und er sich früher kein Leben ohne Alkohol hätte vorstellen können. Eine Literflasche brachte Luba ihm von da an immer mit, aber sie reichte nicht lange. »Man wird bescheiden«, sagte Alexej, wenn sie ihm den Wodka in die Hand drückte. Beim ersten Schluck rannen ihm immer die Tränen übers Gesicht. »Vor Freude«, wie er sagte.

»Als es mit Alexej zu Ende ging, war kein Wodka mehr da«, sagte Mila, »aber er war auch so tapfer.« Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Nur eines sei ihm noch wichtig gewesen: der braune Umschlag, der jetzt in Lubas Rucksack steckt. Als Mila ihn Luba in die Hand drückte, sagte sie: »Alexej hatte diesen Umschlag unter einem Dielenbrett im Schlafzimmer versteckt gehabt all die Jahre. Ich weiß zwar nicht, vor wem, aber so war er eben. Ich musste ihm versprechen, dass ich so lange leben werde, bis du wiederkommst und ich ihn dir geben kann. Und dann hab ich es ganz vergessen bei deinem letzten Besuch, ich altes Mütterchen. Jetzt musste ich wieder Monate auf dich warten und hoffen, dass ich durchhalte, bis du wiederkommst. So hätte vielleicht doch noch alles einen Sinn, hat Alexej gesagt«. Luba wollte noch fragen, was es mit dem Umschlag auf sich habe, doch als sie die Tränen in Milas Augen sah, die eigentlich schon in eine andere Welt blickten, schien es ihr nicht mehr wichtig, und sie griff nach Milas Hand, um sie zu trösten.

Einmal, als sie Mila und Alexej besuchte, hatte Alexej vom Großen Krieg erzählt. Wie im Mai 1943 plötzlich an jeder Ecke Kiews Plakate hingen mit einer Botschaft, die mit Lautsprecherwagen noch bis in die kleinsten Gassen getragen wurde: »Alle jungen Männer der Jahrgänge 1922 bis 1925 haben sich am 3. Juni 1943 um Punkt neun Uhr am Hauptbahnhof für den Abtransport nach Deutschland einzufinden.« Sie schrien es so laut, dass keiner es überhören konnte, und am lautesten schrien sie, dass jeder, der versuche, sich der Anwerbung zu entziehen, sofort erschossen würde.

Auch Alexej gehörte zu den aufgerufenen Jahrgängen, auch er wurde als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschickt. Er kam nach Süddeutschland und arbeitete in der Landwirtschaft, und damit hatte er noch Glück, denn er bekam wenigstens ab und zu genug zu essen. Kurz vor Kriegsende verschlug es ihn in die Alpen, dorthin, wo der sogenannte Führer und andere Nazis ihre Häuser auf einem Berg hatten. Im Sommer 1945 wurde er nach Hause geschickt – und aus diesem Jahr stammt auch die Karte, die Mila ihr gab.

Luba gibt Gas und rauscht über die Dnjepr-Brücke.

***

Alles, was Luba auf der Karte entziffern kann, hat sie gegoogelt, aber es hat nichts gebracht. Entweder hat Alexej die Namen der Orte falsch geschrieben, oder Google kommt mit den kyrillischen Zeichen nicht zurecht. Zweimal hat sie sich schon auf den Weg ins Café Maxim gemacht und ist wieder umgekehrt, nur um Wiktor nicht um Hilfe bitten zu müssen.

Ihr Großvater hätte ihr bestimmt helfen können, aber der ist seit Jahren kaum noch ansprechbar. Die Demenz hat ihn so im Griff, dass er an den meisten Tagen seine Frau nicht wiedererkennt und sich nicht daran erinnert, wie er heißt und wo er wohnt. Wahrscheinlich weiß er gar nicht mehr, dass er in Deutschland war und dort Zwangsarbeit leisten musste wie Alexej.

Luba erinnert sich, dass sie ihren Großvater vor ein paar Jahren zur Stiftung für Verständigung und Versöhnung in der Funzestraße begleitet hat, wo er ein paar tausend Euro als Entschädigung bekam. Vielleicht erfährt sie dort, wo Alexej in Deutschland gewesen war.

Ein Bürogebäude aus den Achtzigern an der Ecke Funze- und Tsumluanstraße. Es hat sich nichts geändert, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Sogar die Pförtnerin ist genauso unfreundlich wie damals.

»Erstens gibt es keine Entschädigungen mehr, ist alles abgelaufen, zweitens suchen wir keine Ortschaften in Deutschland, in denen irgendwer gearbeitet hat, und drittens, wenn Sie nicht beweisen können, dass Sie mit der Person, für die Sie recherchieren, verwandt sind, dann können wir sowieso nichts für Sie tun. Datenschutz, verstehen Sie? Wir sind jetzt ein Rechtsstaat.«

»Ich möchte ja nur wissen, wo diese Person in Deutschland gearbeitet hat. Dazu müssen Sie doch Unterlagen haben.«

»Das ist alles abgewickelt. Erwarten Sie von uns keine Hilfe bei Ihrer privaten Angelegenheit. Wir werden Ihnen nicht helfen können. – Mahlzeit, Frau Doktor.« Die Pförtnerin nickt einer Frau zu, die hinter Luba das Gebäude verlässt. Luba dreht sich um. »Frau Doktor« ist um die fünfzig, elegant gekleidet, tadellose Figur, das Haar sehr kurz geschnitten, grau mit breiten schwarzen Strähnen dazwischen. Kaum hat sie das Gebäude verlassen, zündet sie sich eine Zigarette an.

»Guten Tag.« Die Frau an der Pforte klappt ihr Fensterchen zu.

Luba geht hinaus in den kleinen Park hinter dem Gebäude der Stiftung. Auf einer Bank sitzend, sieht sie die Frau mit dem zweifarbigen Haar wieder. Luba nickt ihr zu.

»Was wollten Sie denn von unserer Stiftung?« Eine Stimme wie Janis Joplin. »Unsere Pförtnerinnen sind spitze, wenn es ums Abwimmeln geht. Und seitdem klar ist, dass die Stiftung demnächst dichtmacht, hat überhaupt niemand mehr Lust, irgendwem zu helfen. Viele von uns wissen nicht, wie es danach weitergehen wird. Das heißt Marktwirtschaft, und wir werden schon noch lernen, wie sie funktioniert. Ich verspreche mir ehrlich gesagt nicht sehr viel davon.«

»Die Frau an der Pforte nannte Sie ›Frau Doktor‹.«

»Ach so, ja. Ich bin promoviert, Historikerin.«

»Was ist Ihr Fachgebiet, also das, womit Sie sich am besten auskennen?«

»Vor 2001 hieß mein Fachgebiet ›Großer Vaterländischer Krieg‹. Wieso wollen Sie das wissen?«

»Können Sie auch Deutsch, waren Sie selbst schon in Deutschland?«

»Kindchen, was Sie alles wissen wollen. Wozu, wenn ich Sie noch einmal fragen darf. Die Entschädigungszahlungen sind tatsächlich eingestellt worden, da hat Natalija vollkommen recht. Wenn Sie Geld von uns haben wollen, dann kommen Sie zu spät. Wir haben keines mehr.«

»Nein, kein Geld. Ich bräuchte nur ein paar Auskünfte. Ich bin übrigens Luba, Luba Munin.«

»Freut mich. Dr. Marjana Luschenko.«

»Ich habe etwas geerbt von einem alten Mann, der als Zwangsarbeiter in Deutschland war. Es ist eine Karte, auf der irgendwelche Orte eingezeichnet sind, und ich wüsste gern, wo das ist.«

»Zeigen Sie mal her, vielleicht kann ich etwas erkennen.«

Luba holt den Umschlag aus dem Rucksack und öffnet ihn.

»Oh, was haben wir denn hier? Sieht ja aus wie eine Schatzkarte.« Dr. Luschenko lacht scheppernd. Nach dem Lachen hustet sie, und als der Husten vorbei ist, zündet sie sich die nächste Zigarette an. »Glauben Sie an verborgene Schätze, Kindchen?«

Luba schüttelt den Kopf.

»Das ist gut. Was meinen Sie, wie viele Schatzgeschichten aus Deutschland ich schon gehört habe? Das Bernsteinzimmer, Goldbarren, Brillanten und was weiß ich noch alles sollen dort vergraben sein. Also, hier handelt es sich wohl um den südlichen Teil Deutschlands, weil es hier hohe Berge gibt. Das da könnte ein See sein. Um die Beschriftungen entziffern zu können, bräuchte ich eine Lupe oder ein Mikroskop. Langsam komme ich in das Alter, in dem das mit dem Lesen nicht mehr ohne Hilfsmittel klappt. Verdammt, und jetzt ziehen sie mir auch noch meinen Arbeitsplatz unterm Arsch weg …« Dr. Luschenko zieht an ihrer Zigarette. »Kindchen, ich müsste mir das genauer ansehen, denn noch habe ich einen Arbeitsplatz, und an den muss ich jetzt zurück. Lassen Sie doch die Karte bei mir, und ich rufe Sie an, wenn ich etwas herausgefunden habe.«

»Nein, die Karte kann ich nicht aus der Hand geben, das werden Sie verstehen. Es ist ein Erbstück.«

»Dann kommen Sie nach Feierabend bei mir vorbei, und wir sehen sie uns gemeinsam an. Ich habe sowieso noch nichts vor für heute Abend.«

»Ich komme ja an Ihrem Drachen nicht vorbei.«

»Sagen Sie einfach, dass Sie einen Termin bei Frau Dr. Luschenko haben. Sagen wir, um halb sieben?«

»Gut.«

Im Weggehen dreht sich Dr. Luschenko noch einmal um. »Wie, sagten Sie, hieß der Mann, der gestorben ist?«

»Alexej«, sagt Luba. Sie hat den Namen noch gar nicht genannt. »Alexej Schalimow.«

Kapitel 5: Berchtesgaden, 29. Mai 2010

 

»Habe die Ehre, Sepp«, begrüßt Klaus Grundner von der Bergwacht Sepp Aschenbrenner, als der Hubschrauber wieder abgeflogen ist. »Kennst du den Brandner Martin von der Berchtesgadener Polizei?«

Die beiden nicken sich zu. Freilich kennen sie sich, seit vielen Jahren schon, vom Alpenverein und aus der Kletterhalle.

Aschenbrenner zeigt ihnen den Klemmkeil mit dem abgeschnittenen Stück Seil. Brandner kratzt sich nachdenklich am Kopf.

»Was meinst du?«, fragt Grundner.

»Schaut nicht gut aus.«

Sie umwandern den Rand des Schneetrichters und kommen zu der Stelle mit der Markierung. Ein oranger Punkt ist auf den Fels gesprüht.

Grundner von der Bergwacht legt sich auf den Boden und reckt den Hals, um in die Randkluft hineinzusehen. Aschenbrenner hält ihn an den Beinen fest, und er schiebt sich noch ein bisschen weiter vor. Auf ein Zeichen hin hilft Aschenbrenner ihm kurz darauf wieder, sich nach hinten zu schieben und aufzustehen.

»Da hat jemand mit dem Pickel etwas vom Eis weggeschlagen, als hätte er sich einen Einstieg freischlagen wollen«, sagt Grundner.