Historical Saison Band 83 - Helen Dickson - E-Book

Historical Saison Band 83 E-Book

HELEN DICKSON

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Beschreibung

EIN EARL MUSS HER! von Helen Dickson Nach dem Tod ihres Vaters ist Rosa Ingram gezwungen, zu heiraten, um versorgt zu sein. Ein passender Ehemann ist schnell gefunden: William Barrington, ein anständiger Mensch mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen kann. Warum nur weigert der Earl sich so standhaft, der Ihre zu werden? MYLORD, SIE KÜSSEN GEFÄHRLICH! von ANN LETHBRIDGE Mit ihrem Dasein als Witwe und der Arbeit auf einem kleinen Landgut ist Petra Davenport mehr als zufrieden. Doch als sie beim Beerenpflücken im Wald von Ethan Trethewy überrascht wird, steht ihr Leben plötzlich Kopf. Auf keinen Fall wird sie den gut aussehenden Earl heiraten! Wenn nur ihr Herz nicht verrücktspielen würde …

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Helen Dickson, Ann Lethbridge

HISTORICAL SAISON BAND 83

IMPRESSUM

HISTORICAL SAISON erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL SAISONBand 83 - 2021 in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

© 2018 by Helen Dickson Originaltitel: „A Vow for an Heiress“ erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto in der Reihe: HISTORICAL Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Eleni Nikolina

© 2019 by Michéle Ann Young Originaltitel: „An Earl for the Shy Widow“ erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto in der Reihe: HISTORICAL Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Svenja Tengs

Abbildungen: Harlequin Books S. A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751502979

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

Ein Earl muss her!

PROLOG

1816

Der indische Sonnenuntergang war atemberaubend. Er warf sein golden strahlendes Licht auf die Türme und Kuppeln des Rajinda-Palastes in einem Fürstenstaat im Norden. Am weiten Horizont verwandelte das Gold sich allmählich in Rosa und Violett. Es war ein Anblick von unglaublicher Pracht, den William seit seiner Kindheit bestaunte. Tiefe, schmerzliche Traurigkeit erfüllte sein Herz. Bald schon würde er dieses schöne Land, das Land seiner Geburt, sein Zuhause, verlassen müssen und würde nie wieder zurückkommen.

Er hatte als Offizier ehrenhaft der East India Company gedient. Sein Ehrgeiz hatte ihm mit der Zeit den Rang eines Colonels eingebracht, doch als er einen Brief erhielt, der ihn über das Ableben seines Cousins informierte, zwang die Pflicht William, seinen Posten aufzugeben. Er würde nach England zurückehren und den Titel des sechsten Earl of Ashurst annehmen müssen – ein Ereignis, dem er ohne besondere Freude entgegenblickte. Sein Herz und sein Verstand gehörten Indien, und es würde ihm schwerfallen, sich an das Leben eines Mitglieds der englischen Aristokratie zu gewöhnen.

In all den Jahren in seinem Regiment hatten ihn seine Abenteuerlust und die Erregung des Gefechts angetrieben, doch die Erfahrung des Schlachtfelds und der Verlust seiner Freunde hatten ihre Narben hinterlassen.

Er kam durch ein enormes Tor, unter dem selbst zwei Elefanten Seite an Seite und dazu eine ganze Armee Platz gefunden hätten. Da er dem Palast bekannt war und kommen konnte, wann es ihm beliebte, wurde er nicht aufgehalten. Die riesige, marmorne Herrlichkeit der königlichen Residenz mit ihren Obstgärten und Bäumen innerhalb der massiven, mit Zinnen versehenen Mauern beeindruckte William immer wieder aufs Neue. Er ging unter hohen Torbögen hindurch, überquerte duftende Innenhöfe mit ihren beeindruckenden Statuen und passierte Marmorpavillons, hinter denen in blühenden Gärten bunte Papageien auf den Ästen der Mangobäume saßen und zankende Affen und aufgeregt zwitschernde Beos sich lauthals bemerkbar machten.

Als Wundarzt für die East India Company war Williams Vater auf Wunsch des Radschas hin – des gegenwärtigen Radschas – in den Palast gekommen, um dessen jüngsten Sohn Tipu zu behandeln, der von seinem Pferd abgeworfen und fast zu Tode getrampelt worden war. Seine ärztlichen Fähigkeiten hatten dem Jungen das Leben gerettet, wenn der Unfall ihn auch lähmte. Der Radscha hatte Williams Vater deswegen sehr hochgeschätzt, und auch William selbst wurde gern gesehen und verbrachte bei vielen Gelegenheiten Zeit mit dem jüngsten Sohn des Radschas.

William sah jemanden aus den Schatten treten – sein Freund Tipu Chandra, gekleidet in Seide und mit Juwelen angetan. Er war klein und schmal, seine Augen leuchtend und wachsam. Tipu war ein Mann von Verstand und Bildung, dessen Lebensfreude durch jenen katastrophalen Reitunfall zerstört worden war. Heute war er sechsundzwanzig Jahre alt, und doch schlurfte er wie ein gebrechlicher alter Mann auf William zu. Zwischen ihnen herrschten tiefe Freundschaft, Brüderlichkeit und ein enormes Maß an gegenseitigem Respekt. Sie umarmten sich, und Tipu trat zurück.

„William, mein Freund. Ich bin so froh, dass du da bist. Wie ich höre, reist du nach England.“

„Ja. Mein Cousin ist gestorben, und als sein Erbe muss ich zurückkehren und die Pflichten rund um das Gut übernehmen – oder was davon übrig ist. Seinem Anwalt zufolge ist es fast bankrott, also verstehst du meine Eile aufzubrechen.“

„So wie ich dich kenne, mein Freund, verlässt du Indien nur widerstrebend. Ich weiß, dass Indien dein Zuhause ist.“

„Das stimmt, und in jedem Fall wäre ich nicht abgereist, ohne dich vorher zu sehen, Tipu.“

„Und du wirst mich nicht vergessen?“

„Wie könnte ich?“

„Gut. Du hast dich sehr verändert. Nichts erinnert mehr an den Jungen, der vor so vielen Jahren mit seinem Vater in den Palast kam und Mitleid für das arme, lahme Kind des Radschas zeigte.“

„Ich habe dich niemals bemitleidet, Tipu. Das weißt du.“

„Ja, und ich danke dir dafür. Ich freute mich immer auf deine Besuche und genoss die Zeit, die du mit mir verbrachtest. Nur wenige Leute wollten ihre wertvolle Zeit an einen kranken Jungen verschwenden. Aber du warst anders.“

„Ich habe an dir nie nur deine Behinderung gesehen. Du bist mein liebster Freund und wirst mir sehr fehlen. Inzwischen habe ich deine Nachricht erhalten. Du wolltest mich sehen. Worum geht es?“

„Um meinen Neffen Dhanu. Ich will dich bitten, eine sehr wichtige und recht heikle Aufgabe für mich zu erledigen. Tatsächlich …“ Er hielt inne und betrachtete William bedrückt. „Tatsächlich gehe ich ein enormes Risiko ein, indem ich mich dir anvertraue. Aber wenn jemand den Auftrag ausführen kann, dann du. Ich möchte, dass du Dhanu mit dir nach England nimmst.“

William sah seinen Freund verblüfft an. „Was? Warum solltest du das wollen? Ist irgendetwas geschehen, Tipu?“

„Ich fürchte um seine Sicherheit. Hier könnte ihm alles Mögliche zustoßen. Und nicht nur die wilden Tiere außerhalb des Palastes könnten ihm zum Verhängnis werden. Nein, vor allem innerhalb der Palastmauern droht ihm Gefahr. Die Frau meines Bruders, die Maharani, und ihr Bruder Kamal hassen ihn. Kamal ist ehrgeizig, gierig und grausam, und wenn er sich meines Bruders entledigen könnte, sobald er mit Dhanu fertig ist, wäre es ihm nur recht. Er wird die Kinder seiner Schwester benutzen wie Figuren in einem Schachspiel. Obwohl ich tue, was ich kann, ist es mir nicht möglich, ständig über Dhanu zu wachen.“

William kannte Kamal Kapoor sehr gut und erinnerte sich, wie gnadenlos er Tipu all die Jahre wegen seiner Behinderung verhöhnt hatte. Er wusste auch, wie sehr Tipu den fünfjährigen Sohn seines Bruders, des Radschas, liebte. Ebenso sehr wie Dhanus Mutter, der er ergeben gewesen war. Doch ihre machthungrige Familie hatte den gesunden, mächtigen Radscha dessen gelähmten Bruder vorgezogen. Tipu war nach Zoyas Tod nicht mehr derselbe gewesen. Doch heute schien er William trauriger denn je und – voller Angst. Angst um Dhanu.

Als Zoya gestorben war, hatte der Radscha sich eine andere Frau genommen. Sie hieß Anisha und war sehr schön, und schon bald schenkte sie ihm Zwillingssöhne. Höflinge aller Art schmeichelten ihr, um sich bei der neuen Macht am Hof anzubiedern – mit Ausnahme von Tipu. Anisha stellte sich als eine verschlagene Frau heraus, die sich nicht von ihrem Herzen, sondern nur von ihrem Verstand lenken ließ. Sie würde nicht ruhen, bis es ihr gelungen war, ihren Erstgeborenen an Dhanus Stelle zu sehen.

Leider war der Radscha vernarrt in seine neue Frau und sah nicht, was sich um ihn herum abspielte. Nach der Geburt seiner Zwillingssöhne schien sein ältester Sohn ihm plötzlich nicht mehr so wichtig zu sein. Zwar hatte Anisha ihren Gatten fest im Griff, aber dennoch war ihr Hass auf Dhanu maßlos. Sie würde sich erst sicher in ihrer Stellung fühlen, wenn der älteste Sohn des Radschas nicht mehr war. Plötzlich begannen Unfälle zu passieren, und Tipu sorgte dafür, dass die Mahlzeiten des Jungen vorgekostet wurden, um eine Vergiftung zu vermeiden.

„Irgendwie muss ich Dhanu schützen“, sagte Tipu. „Er trauert noch sehr um seine Mutter. Sie fehlt ihm jeden Augenblick. Nimm ihn mit dir – natürlich im Geheimen –, bis er gefahrlos zurückkehren kann.“

„Und der Radscha? Immerhin ist er sein Vater.“

„Mein Bruder ist schwach. Er würde alles tun, um seiner Frau zu gefallen. Aber wir standen uns immer sehr nahe als Brüder, und so hat er sich von mir überreden lassen, Dhanu aus dem Palast zu entfernen.“

„Aber nicht, ihn nach England zu bringen.“

„Seine Liebe macht ihn blind, und er ist seiner Frau so verfallen, dass ihm wahrscheinlich gar nicht in den Sinn kommen wird, nach Dhanu zu suchen. Ich werde schon mit ihm fertig, wenn er schließlich doch herausfindet, was ich getan habe.“

„Du bist Dhanu ein besserer Vater gewesen als sein eigener, Tipu. Zoya hätte dich heiraten sollen.“

Ein wehmütiges Lächeln erschien kurz um Tipus Lippen. „Nein. Sie war so schön. Eine solche Schönheit wäre an einen Mann wie mich vergeudet gewesen. Es genügte mir, dass ich in ihrer Nähe sein konnte. Du bist ein guter Freund, William. Ich flehe dich an, dies für mich zu tun. Du wirst angemessen belohnt werden.“

„Wir sind Freunde, Tipu. Ich brauche keine Belohnung.“

„Dennoch werde ich nicht vergessen, was du für mich getan hast, mein Freund. Du und auch dein Vater. Hätte er mich damals nicht behandelt, als mein Pferd mich abwarf und mich alle aufgegeben hatten, wäre ich jetzt nicht hier. Du wirst es also tun? Du nimmst Dhanu mit dir?“

„Ja, ich nehme ihn mit.“

„Ich weiß, dass du ihn beschützen wirst.“

„Mit meinem Leben, wenn es sein müsste. Das weißt du.“

„Unterschätze Kamal Kapoor nicht, William. Dir ist seine Grausamkeit bekannt, seine Hinterhältigkeit, die Tatsache, dass er besser als jeder andere Gift und Drogen anzuwenden weiß. Verrate niemandem, was du zu tun gedenkst. Sollte er davon erfahren, wird er zuschlagen, noch bevor du die Möglichkeit hast, an Bord deines Schiffes zu gehen.“

William nickte ernst. „Ich werde kein Wort sagen, denn ich halte ihn auch für fähig, mir bis nach England zu folgen – oder jemanden dafür anzuheuern.“

„Das ist es ja, was mir Sorge bereitet. Sei vorsichtig, William. Achte auf dich und Dhanu. Ihr seid mir beide sehr teuer. Aufgrund unserer Freundschaft hasst Kamal dich so sehr, dass es ihm zuzutrauen wäre, dein Leben zerstören zu wollen. Sei gewarnt.“

1. KAPITEL

Sobald William Barrington, Earl of Ashurst, das Schiff verlassen hatte, geleitete er das Kind und dessen indisches Kindermädchen Mishka sicher über den geschäftigen Kai der East India Docks. Der Geruch nach Hanf und Pech lag schwer in der Luft. Es umgab sie eine große, lärmende Menschenmenge. Eine Anzahl Schiffe der East India Company lagen vor Anker. Hohe Mastbäume und Takelagen schwankten hin und her, wenn die dunkelgrauen Gewässer der Themse aufgewühlt wurden. Werkhallen und Warenlager, nicht mehr als eine Meile von der East India Company entfernt, lagerten alle Arten exotischer Handelswaren aus dem Osten, der die Fantasie der Menschen anregte. Seile und Fässer bildeten hohe Stapel, und Hafenarbeiter trugen Truhen und Kisten vom Schiff herunter.

Dhanu mit seinen erst fünf Jahre alten Beinchen hatte Schwierigkeiten, mit William Schritt zu halten, also hob William ihn kurzerhand hoch. Hochgewachsen, schlank, dunkelhaarig und ebenso dunkelhäutig wie ein Inder, schüchterte William sichtlich die meisten ein, denen er begegnete.

Doch er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um darauf zu achten. Er überlegte, was er tun musste, nun, da er in London angekommen war. Nach gründlicher Überlegung und einem längeren Briefwechsel mit seinem Anwalt, konnte er sehen, dass ihm nur eine Lösung blieb, wenn er seine Gläubiger zufriedenstellen wollte. Er musste eine reiche Erbin heiraten, eine Vorstellung, an der er keinen großen Gefallen fand nach seiner unglückseligen Verlobung mit Lydia Mannering. Lydia war die Tochter eines der vielen Engländer, die in Indien ihr Vermögen gemacht hatten. Sie war schön, geistreich und amüsant. William war vernarrt in sie gewesen und überzeugt davon, dass sie all seine Träume erfüllen und ihn mit Liebe und Kindern beschenken würde. Es hatte sie beeindruckt, dass er der Cousin des Earl of Ashurst war, und sie war begeistert von der Vorstellung gewesen, nach London zu kommen und in den besten Kreisen des ton zu verkehren. Trotz seiner aristokratischen Verbindungen stammte William von den ärmeren Zweigen seiner Familie ab. Er war nicht vermögend und gab nichts auf Titel – ganz im Gegensatz zu Lydia.

Wie unglaublich dumm und leichtgläubig er doch gewesen war, zu glauben, dass er ihr etwas bedeutete. Als er von einer langen Reise zurückgekehrt war, hatte er feststellen müssen, dass Lydia einen anderen geheiratet hatte – einen Offizier, dessen Vermögen und Aussichten bei Weitem die seinen übertrafen.

Doch jetzt war William der letzte in einer langen Linie von Barringtons und musste einen Erben zeugen, wenn er nicht wollte, dass der Name mitsamt dem Titel erlosch. Allerdings sah er seiner Aufgabe nicht mit Freude entgegen und konnte nur hoffen, dass er eine Frau finden würde, die ihm den gewünschten Erben gebar, aber ansonsten keine Ansprüche an ihn stellen würde. Nach Lydias Verrat war er entschlossen, sich nie wieder so von seinen Gefühlen beherrschen zu lassen. Keine Frau würde je wieder sein Herz erobern können.

Williams Anwalt hatte ihm von einer vermögenden Klientin geschrieben, der Mutter eines gewissen Jeremiah Ingram, der seinen Reichtum mit Zuckerrohrplantagen auf den Westindischen Inseln erlangt hatte. Besagte Klientin wünschte ihre zwei Enkelinnen mit adligen Gentlemen zu verheiraten. William sollte der älteren Enkelin vorgestellt werden, bevor er nach Berkshire abreiste. Plötzlich hatte er das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden. Seine Schritte waren gemächlich, und er ließ sich auch durch sonst nichts anmerken, dass jeder Muskel in seinem Körper angespannt war. Der Blick aus seinen klugen blauen Augen verweilte prüfender auf den Gesichtern der Leute, die ihn umgaben. Er war auf der Suche nach den dunklen Gesichtern der beiden Männer, die ihm auf einem anderen Schiff aus Indien gefolgt waren – zwei Männer, die eine direkte Bedrohung für das Kind in seiner Obhut darstellten.

Er verließ die Docks und sah die beiden Gestalten nicht, die aus den Schatten traten. Einer der beiden Männer war Kamal Kapoor, der William mit finsterem Blick nachschaute.

Rosa Ingram blickte aus dem Fenster der gut gefederten Reisekutsche ihrer Großmutter und wünschte, das Wetter wäre nicht so deprimierend trübe und kalt und nass. Es regnete heftig. Die Wolken verdüsterten den Himmel und ließen die Sonne vollkommen verschwinden, als wäre sie zu verängstigt, um ihr Gesicht zu zeigen.

Rosa verspürte keine Verbundenheit zu England. Mit seinem düsteren Wetter und der fürchterlich lauten, überfüllten Hauptstadt war es Welten entfernt von der Plantage zu Hause auf ihrem geliebten Antigua, wo der Himmel wolkenlos und blau war, wo die Palmenblätter von einer sanften Brise bewegt wurden und wo sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Clarissa aufgewachsen waren. Kummer schnürte ihr die Kehle zu, als sie an die Umstände dachte, die sie beide hierhergebracht hatten, und an das Meer der Verzweiflung, in das sie geworfen wurden, als ihre geliebten Eltern beigesetzt worden waren.

Den Wünschen ihres Vaters folgend, waren sie nach England gekommen, um bei ihrer Großmutter väterlicherseits auf Fountains Lodge in Berkshire zu leben. In Begleitung ihrer Zofe Dilys befand sich Rosa jetzt auf dem Weg dorthin, nachdem sie eine Zeitlang in London bei ihrer Tante Clara und ihrem Onkel Michael gewohnt hatte.

Ihre Großmutter war entschlossen, beide Enkelinnen mit den passenden Ehemännern zu verheiraten, bevor sie ihren letzten Atemzug tat, und hatte es sehr eilig damit, da sie nicht sehr gesund war. Und sie war sicher, dass Schönheit und Reichtum ihrer Enkelinnen den einen oder anderen mittellosen Adligen anziehen würden.

Wie sehr wünschte Rosa sich allerdings, sie könnte das Vermögen ihres Vaters zu besseren Zwecken nutzen. Das heruntergekommene Gut eines verarmten Adligen zu stützen, erschien ihr eine fürchterliche Geldverschwendung zu sein, während es so viele Menschen gab, die Unterstützung brauchten. Tante Clara beschäftigte sich voller Begeisterung damit, das schlimme Los der notleidenden Kinder Londons zu verbessern, und Rosa hatte festgestellt, dass sie selbst sehr gern etwas tun würde, womit sie ihren Mitmenschen helfen konnte. Als sie ihrer Tante den Vorschlag gemacht hatte, war diese zwar von dem Gedanken angetan, meinte aber, dass Rosa noch viel zu jung sei, um sich um solche Dinge zu kümmern. Darüber hinaus hatte ihr Vater seine Mutter Amelia Ingram zum Vormund seiner Töchter ernannt. Und so lag es an ihr zu entscheiden, was Rosa tun durfte und was nicht.

Also machte Rosa sich auf den Weg nach Berkshire. Clarissa hatte sich verzweifelt gegen den Gedanken gewehrt, den Earl of Ashurst zu heiraten, weil sie Andrew Nicholson liebte, einen jungen Mann, den sie auf Antigua kennengelernt hatte, während er dort Freunde besuchte. Er war auf demselben Schiff nach England gereist, um Verwandte zu besuchen. Seine Heimat war auf Barbados, wo auch sein Vater eine Zuckerrohrplantage besaß. Clarissa hatte ihre Großmutter angefleht, sie Andrew heiraten zu lassen, bevor er nach Barbados zurückkehren musste, doch die hatte sich geweigert, weiter über das Thema zu sprechen.

Sie glaubte, in William Barrington, den Earl of Ashurst, den vollkommenen Mann für ihre ältere Enkelin gefunden zu haben. Er war erst kürzlich aus Indien heimgekommen, wo er sich als Soldat im Dienst der East India Company ausgezeichnet hatte, um hier den Titel des Earl of Ashurst und damit auch das dazugehörige enorme Barrington-Gut in Berkshire anzunehmen. Leider war das Gut fast bankrott. Um keinen Teil seines Lands oder das Stadthaus am Grosvenor Square verkaufen zu müssen, benötigte er eine große Summe Geldes – und zwar umgehend. Da William Barrington nicht selbst über die nötigen Mittel verfügte, war er auf den Vorschlag seines Anwalts eingegangen, eine reiche Erbin zu heiraten.

Das Land der Ingrams grenzte an das Gut der Ashursts. Miss Clarissa und Miss Rosa Ingrams verwitwete Großmutter begab sich also aus dem einzigen Grund nach London, um den Anwälten des Earls eine Verbindung mit ihm und ihrer älteren Enkelin vorzuschlagen. Man hatte sich geeinigt, doch noch war nichts unterschrieben worden, und nach einer kurzen Begegnung des Earls mit Clarissa waren sie und ihre Großmutter nach Berkshire zurückgekehrt. Rosa war noch etwas länger geblieben, da ihre Tante Clara erkrankt war, und folgte ihnen jetzt, da ihre Tante wieder genesen war.

Die Reisekutsche fuhr auf den Hof eines Gasthauses, wo zahlreiche andere Kutschen auf der Reise von und nach London hielten, damit ihre Fahrgäste sich ein wenig erfrischen konnten. Rosa atmete erleichtert auf. Die Reise erwies sich als länger und anstrengender, als Rosa in Erinnerung hatte, und es half nicht, dass ihre Zofe sich offenbar bei ihrer Tante angesteckt hatte. Je eher sie ihr Ziel erreichten und das arme Mädchen sich ins Bett legen konnte, desto besser.

„Komm herein, Dilys“, forderte Rosa sie auf, als sie ausstiegen. Sie zog sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf, um sich vor dem unerbittlichen Regen zu schützen, und ging vorsichtig um die tiefen Pfützen herum, die sich bereits auf dem Hof gebildet hatten.

Im Gasthaus wimmelte es nur so von lärmenden, zerzausten Reisenden, die sich um das Kaminfeuer drängten, während sie darauf warteten, ihre Reise fortzusetzen. Rosas Kutscher suchte den Gastwirt auf, und gleich darauf wurden sie in einen weniger vollen Raum geführt.

Dort fand Rosa eine stille Ecke für sich und Dilys, und der Kutscher ließ sie allein, um sich um die Pferde zu kümmern. Müde nahm sie ihren mit Pelz verbrämten Umhang und ihren Hut ab und bestellte etwas zu essen. Sie sah zum anderen Ende des Raums hinüber, wo sie eine Frau und ein Kind bemerkte, die beide offensichtlich keine Engländer waren. Die Frau trug ein seidenes Kleid in indischem Stil und ein Tuch über dem Kopf und versuchte gerade, das indische Kind dazu zu überreden, etwas zu sich zu nehmen. Sie war noch jung, noch keine dreißig, und sie schien unruhig zu sein. Ihr Blick huschte immer wieder verängstigt zur Tür.

Rosa wurde abgelenkt, als man ihnen ihr Mahl brachte, doch ihr fiel trotzdem der Mann auf, der in diesem Moment hereinkam und sich zu der Inderin an den Tisch setzte. Auch er schaute sich im Raum um, wenn auch nicht ängstlich, sondern wachsam, und für einen Augenblick trafen sich sein und Rosas Blick, bevor er seinen wieder abwandte.

Zu Rosas Erstaunen ertappte sie sich dabei, wie sie ihn anstarrte. Sie schätze ihn auf etwa dreißig. Es war ein hochgewachsener, sehr eindrucksvoller Mann – über einen Meter achtzig groß und schlank, mit breiten Schultern. Seine Haut war sonnengebräunt, fast so dunkel wie die der Bewohner ihrer Heimatinsel, die von gemischter Abstammung waren. Er hatte dunkles, fast schwarzes Haar, aber es waren vor allem seine Augen, die sie fesselten – durchdringend und eisblau, mit dichten dunklen Wimpern unter kühn geschwungenen Brauen.

Ganz anders als ihre Schwester und die meisten ihrer Freundinnen war Rosa nicht sehr romantisch, aber sie musste zugeben, dass er einer der bestaussehenden Männer war, denen sie je begegnet war. Er strahlte unmissverständliche Souveränität aus, Kraft und Energie. Aber er hatte die Stirn gerunzelt und war ganz offensichtlich nicht in bester Stimmung. Rosa wurde abgelenkt, als Dilys laut nieste. Der Mann warf ihnen einen gereizten Blick zu, bevor er etwas zu dem kleinen Jungen sagte.

Rosa und Dilys aßen schnell, da Rosa es eilig hatte weiterzukommen, doch vorher entschuldigte das Mädchen sich noch rasch, um sich die Hände zu waschen. Im Hof fuhren Kutschen davon, andere trafen gerade ein und ihre Insassen stiegen aus. Rosa hob den Saum ihrer Röcke an, damit sie nicht nass wurden, und versuchte, an den Leuten vorbeizukommen, die in ihrer Nähe standen. Die indische Frau und das Kind waren unter ihnen. Plötzlich hörte Rosa das Geräusch von so heftigem Hufgeklapper, dass sie glaubte, den Boden unter sich zittern zu fühlen. Vor ihr liefen die Menschen hastig beiseite, und dann sah sie einen Vierspänner in wildem Galopp auf sich zurasen.

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Zwei Hände schienen wie aus dem Nirgendwo hinter ihr zu erscheinen, und plötzlich befand der kleine Junge sich direkt im Weg der heranjagenden Pferde. Ohne zu überlegen sprang Rosa vor, packte das Kind und zog es in Sicherheit – und nur einen Moment, bevor die Pferde an ihnen vorbeigaloppierten und etwas weiter endlich schnaubend und wiehernd zum Stehen kamen. Das Kind begann zu weinen, und die Frau, die sich von etwas hatte ablenken lassen und in eine andere Richtung geblickt hatte, drehte sich jetzt um und ergriff die Hand des Kleinen.

„Was tust du? Du musst vorsichtiger sein.“

Sie klang verärgert und sprach in einem seltsamen Singsang, der verriet, dass sie keine Engländerin war.

Die dunklen, entsetzten Augen des Jungen füllten sich mit Tränen. „Ich … jemand hat mich gestoßen“, stammelte er.

Die Frau sah jetzt Rosa an, und da sie dem Jungen am nächsten war, vermutete sie wohl sofort, dass es Rosa war, die den Unfall verursacht hatte. Nach einem letzten vorwurfsvollen Blick auf sie, wandte die Frau sich ab.

Der kleine Junge, dem jetzt die Tränen über die Wangen liefen, starrte Rosa kurz an und klammerte sich dann an die Hand seiner Kinderfrau. Mit seinem schwarzen Haar und den ebenfalls fast schwarzen Augen war er ein ausgesprochen schönes Kind, dem seine indische Herkunft deutlich anzusehen war. Die Frau zerrte ihn mit sich, doch Rosa konnte ihn noch flüstern hören: „Ich war so erschrocken.“

Dann war der Mann, den sie vorhin im Gasthaus gesehen hatte, bei ihnen und wischte dem Jungen die Tränen von den Wangen, während er mit leicht geneigtem Kopf lauschte, als das Kindermädchen mit ihm redete. Sie unterhielten sich in einer Sprache, die Rosa nicht kannte. Gleich darauf richtete er sich wieder auf und sah wütend zu Rosa herüber.

Unwillkürlich stockte ihr der Atem, als sie sich einem so kraftvollen Mann gegenübersah. Er strahlte Autorität und Intelligenz aus, und seine lebhaften, ausdrucksvollen Augen zogen sie an wie ein Magnet. Zu ihrer eigenen Verblüffung fühlte sie sich plötzlich unsicher und verlegen, denn aus der Nähe war seine überwältigende Männlichkeit sogar noch ausgeprägter. Als ihre Blicke sich trafen, schlug Rosas Herz schneller. Mit seinen durchdringenden blauen Augen und dem vollen dunklen Haar war er ein wirklich ungewöhnlich attraktiver Mann.

„Der Junge ist unverletzt …“

Sie wurde barsch unterbrochen. „Was er nicht Ihnen zu verdanken hat.“

Seine Worte klangen regelrecht aggressiv. Rosa straffte die Schultern und errötete heftig. „Wie bitte?“

Er wich ihrem Blick nicht aus. „Ich gehe davon aus, dass Ihre Unachtsamkeit unbeabsichtigt gewesen ist, und sollte das der Fall sein, rate ich Ihnen, in Zukunft vorsichtiger zu sein.“

Obwohl Rosa seine Sorge um das Kind verstehen konnte, würde sie ihm nicht erlauben, so mit ihr zu sprechen. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, Sir, wenn Sie Ihre ungerechte Anschuldigung in einem mäßigen Ton vorbringen und sich entschuldigen könnten.“

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte die Wut der jungen Frau William amüsiert. Und vielleicht hätte er sich auch die Zeit genommen, ihre Schönheit zu bewundern – ihm fielen sofort ihre moosgrünen Augen mit den goldenen Flecken auf, ebenso wie ihre schlanke Gestalt und das makellose Gesicht unter dem Seidenhut. Doch jetzt galt seine ganze Sorge nur dem Kind, sodass er sich nicht einmal zu einem schwachen Lächeln durchringen konnte.

„Und ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern würden.“

„Das ist genau, was ich auch tat, und erteile Ihnen hiermit genau denselben Ratschlag. Es mag Ihnen ja entgangen sein, aber der überfüllte Hof eines Gasthauses, auf dem ständig Pferde und Kutschen kommen und gehen, ist ein sehr gefährlicher Ort für ein kleines Kind.“

William presste die Lippen zusammen und hatte Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren. „Sie sind eine ausgesprochen unverblümte junge Dame – mehr als gut für Sie ist.“

Damit kehrte er ihr den Rücken, und Rosa war wie versteinert von dem eisigen Blick, mit dem er sie zuvor noch bedacht hatte. Doch sie weigerte sich, sich von einem so unhöflichen Burschen einschüchtern zu lassen. „Normalerweise nicht“, antwortete sie verärgert. Und als er sich erstaunt wieder umdrehte, fuhr sie fort: „Nur wenn ich mich in der Gesellschaft eines so unerträglichen Menschen befinde wie Sie einer sind. Ihre Anschuldigung, ich hätte das Kind vor die Kutsche geschubst – ob nun absichtlich oder nicht –, ist vollkommen aus der Luft gegriffen. Ich habe nichts dergleichen getan.“

„Sein Kindermädchen behauptet das Gegenteil.“

„Dann irrt sie sich. Sie schaute in eine ganze andere Richtung, als es geschah. Jemand aus der Menge hat ihn gestoßen. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen, und habe den Jungen gerade rechtzeitig festgehalten, um ihn vor den Hufen der Pferde zu retten. Sie sehen also, Sir, dass Sie die Tatsachen vorher hätten klären sollen, bevor Sie mich anklagten. Bemühen Sie sich lieber, den wahren Schuldigen zu finden.“

Einen Moment schien er wie erstarrt zu sein. „Jemand anders hat ihn gestoßen? Sie haben gesehen, wer es war?“

„Nein. Meine Aufmerksamkeit galt ganz dem Jungen. Ich kenne Sie nicht, Sir, aber jemand muss einen sehr großen Groll gegen Sie hegen, wenn er dem Kind schaden wollte.“

„Das mag sein, aber ich bin es, der das entscheiden wird. Sie sind eine Fremde, stellen Sie also keine Vermutungen an. Haben Sie verstanden?“

Wie konnte er es wagen, in diesem herablassenden Ton mit ihr zu sprechen? Rosa war so empört, dass sie einen Moment nicht wusste, was sie sagen sollte. Doch als sie sich schließlich wieder gefasst hatte, zwang sie sich, höflich zu bleiben – kühl, aber höflich. „Sie, Sir, sind der unerträglichste, rüpelhafteste Mann, dem ich je das Unglück hatte, zu begegnen. Pflegen Sie immer die Menschen anzugreifen, die Ihnen eine Gefälligkeit getan haben?“

William wurde ein wenig blasser unter all seiner Sonnenbräune, wenn er auch wütender auf sich war als auf die junge Frau, da er nur selten seinen Gefühlen so freien Lauf ließ. Er hatte sie falsch eingeschätzt, das erkannte er jetzt, aber bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie auf dem Absatz kehrtgemacht. Hastig hielt er sie am Arm fest und suchte gleichzeitig die Menge nach einem verdächtigen Gesicht ab.

„Für gewöhnlich nicht. Ich bitte Sie, überlegen Sie. Es ist sehr wichtig. Haben Sie nicht doch gesehen, wer es war?“

„Nein, wie ich Ihnen bereits sagte. Ich kann Ihnen nicht helfen.“ Sie reckte hochmütig das Kinn. „Und jetzt lassen Sie bitte meinen Arm los.“

Sofort gab er sie frei. „In dem Fall haben wir alles besprochen.“

„In der Tat. Es ist wohl unter Ihrer Würde, sich bei jemandem zu entschuldigen, was?“

Erst jetzt wurde William bewusst, dass sie sehr gut hätte verletzt werden können, als sie Dhanu vor den Pferden gerettet hatte, und dass sie wahrscheinlich selbst noch ganz erschrocken war. „Falls ich Sie gekränkt habe, so bitte ich Sie um Verzeihung. Haben Sie sich womöglich verletzt?“

„Nein, es geht mir gut. Nicht, dass es Sie etwas anginge“, antwortete sie, noch zu verärgert, um sich von seiner Entschuldigung beschwichtigen zu lassen. „Guten Tag, Sir.“

Damit eilte sie auf ihre Kutsche zu, in der ihre Zofe zu Rosas Erleichterung bereits auf sie wartete. Sie wusste nicht, wer der Mann war, der zwar ihr Herz zum Klopfen brachte, aber ein absoluter Flegel war. Sehr wahrscheinlich würde sie ihn nicht wiedersehen, und sie dankte dem Himmel dafür. Doch so unhöflich er auch war, eine Sache war sicher – Rosa würde ihn nicht so schnell vergessen.

Bevor sie in die Kutsche stieg, drehte sie sich noch einmal um und sah zu der indischen Frau hinüber. Sie schien vor irgendetwas Angst zu haben. Doch wovor? Nachdenklich wandte Rosa sich ab, und dabei blieb ihr Blick an einem Mann hängen, der in diesem Moment in die Menge zurückwich. Er fiel Rosa auf, weil er auch Inder zu sein schien. Zwar trug er europäische Hosen, aber darüber einen sehr viel längeren Gehrock, als er hier üblich war. Sein Blick heftete sich mit einer Eindringlichkeit auf Rosa, dass sie sich fast schon bedroht fühlte. Sie erschauderte, als er plötzlich das Gesicht zu einer gehässigen, zornigen Grimasse verzog.

Das Ereignis wollte William nicht zur Ruhe kommen lassen. Man merkte ihm allerdings nichts von den Gefühlen an, die ihm zu schaffen machten, während er mit scheinbar gelassenem Blick seine Umgebung musterte. Doch innerlich kochte er vor Zorn bei dem Gedanken an die Gefahr, die Dhanu gedroht hatte. Er presste die Lippen zusammen. Ausgerechnet jetzt, da er sich auf seine neue Rolle im Leben konzentrieren sollte, um Ashurst nicht zu verlieren, musste er seine Zeit damit zubringen, Dhanu zu beschützen. Dass man sie aus Indien verfolgen würde, daran hatte er keinen Augenblick gezweifelt, allerdings hatte er gehofft, die Männer in London abgeschüttelt zu haben. Falls es jedoch stimmte, was die junge Dame ihm gesagt hatte, musste er sich geirrt haben.

Plötzlich war ihm, als würde sich alles seiner Kontrolle entziehen. Er hatte versprochen, Dhanus Sicherheit zu garantieren, hatte jetzt aber das Gefühl, ein Albtraum hätte gerade begonnen. Er atmete tief durch, um seine Gedanken zu ordnen. Bisher hatte er immer stolz sein können auf den klaren Verstand, den er in seinen Jahren als Offizier verfeinert hatte. Wenn er Dhanu retten wollte, musste er einen kühlen Kopf bewahren und überlegen. Wie schützte man sich aber vor einem Feind, der kein Gesicht hatte?

Im Nachhinein wurde er von Schuldgefühlen überwältigt, wenn er daran dachte, wie ungehörig er sich der jungen Dame gegenüber verhalten hatte. Völlig unzusammenhängend kam ihm in den Sinn, wie sonnengebräunt ihre Haut war. Es hatte ihn überrascht, da die meisten Damen hier in England stolz auf ihre milchweiße Haut waren und alles taten, um sie vor der Sonne zu schützen. Er unterdrückte einen Seufzer. Er hatte nicht einmal den Anstand gehabt, sich angemessen bei ihr zu entschuldigen. Scham erfüllte ihn, und kurz entschlossen machte er sich auf den Weg zu ihrer Kutsche. Doch er musste mit ansehen, wie ihre Kutsche gerade den Gasthof verließ.

Angespannt und seltsam gereizt, hüllte Rosa sich für den Rest der Reise in Schweigen. Die Begegnung mit dem Fremden und die Tatsache, dass jemand dem Jungen Böses antun wollte, hatte sie sehr viel mehr mitgenommen, als ihr zunächst bewusst gewesen war. Wer mochte der hochgewachsene Mann sein, und welche Beziehung hatte er zu der indischen Frau? Rosa sah natürlich ein, dass es sie nichts anging, und versuchte, sich abzulenken und sich auf ihre Ankunft in Fountains Lodge zu konzentrieren.

Sie dachte an Clarissa und ihren Kummer darüber, den Earl of Ashurst heiraten zu müssen. Rosa konnte sie sehr gut verstehen, denn hatte nicht auch sie ihren geliebten Simon Garfield verloren? Sein Tod allerdings hatte jede ihrer Hoffnungen zunichte gemacht. Für Clarissa brauchte es nicht so zu sein. Andrew war am Leben. Den Tränen nahe, schloss Rosa die Augen. Alles in ihr drängte sie, ihrer armen Schwester zu helfen, aber um das zu tun, würde sie sich ihrer Großmutter widersetzen müssen. Amelia Ingram war eine Respekt einflößende Frau, aber sie war nicht gesund. Rosa war erschüttert gewesen, als sie sie in London gesehen hatte. Sie fürchtete, dass ihre Großmutter nicht kräftig genug sein würde, um eine Ehe für Clarissa und Rosa selbst zu arrangieren.

Seufzend lehnte sie den Kopf gegen die Polster und hielt die Augen weiter geschlossen. In Gedanken weilte sie auf Antigua und bei Simon. Sie erinnerte sich an den liebevollen, süßen Mann, sein freundliches Lächeln, die dunkelbraunen Augen. Sein Tod bei einem Angelausflug war ein Schlag gewesen, von dem Rosa geglaubt hatte, sich nie erholen zu können. Es gelang ihr meistens, ihren Kummer zu unterdrücken, doch in Momenten wie diesem, kam er wieder zum Vorschein. Man hörte nicht auf, jemanden zu lieben, nur weil er gestorben war. Der Schmerz um ihre verlorene Liebe war noch immer da, und sie wusste, dass es noch lange dauern würde, bevor sie ehrlich sagen konnte, dass sie Simons Tod überwunden hatte.

Die Kutsche kam rasch voran, obwohl die Wege schmal und gewunden waren. Clarissa und Rosa waren lediglich ein einziges Mal in England gewesen, als sie für einen längeren Aufenthalt nach Berkshire gereist waren. Und doch, als sie sich jetzt dem Haus näherten, erschien ihr alles so vertraut – die Landschaft, die Dörfer, durch die sie kamen, Ashurst Park, der Stammsitz des Earl of Ashurst, der eindrucksvoll und ausladend in einem Tal lag. Sie fuhren am schmiedeeisernen Tor vorbei, das das Wappen des Earls trug. Das Haus selbst war vom Weg aus nicht sichtbar, aber bei ihren Ausritten früher hatte Rosa es von den bewaldeten Hügeln, die es umgaben, ausmachen können.

Bald schon tauchte Fountains Lodge, ein schönes Herrenhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert, am Horizont auf. Es befand sich in einiger Entfernung vom Dorf Ashurst und bestand aus dem großen Haupthaus und mehreren Nebengebäuden und Ställen, die um einen enormen Hof herumstanden. Die Ingrams hatten es gebaut, und es war seitdem in ihrem Besitz geblieben. Mit Ausnahme von Amelia Ingrams Zofe und Haushälterin, die ihre eigenen Zimmer hatten, lebte das übrige Personal im Dorf.

Sobald Rosa aus der Kutsche geklettert war, betrat sie die Halle, lächelte die anwesenden Dienstboten freundlich an und nahm ihren Hut ab, sodass die wallenden kastanienbraunen Locken ihr Gesicht einrahmten.

„Hallo, Großmama“, sagte sie, als die alte Dame mithilfe ihres Gehstocks in die Halle kam, um ihre Enkelin zu begrüßen. Sie war klein und machte einen zerbrechlichen Eindruck, war aber elegant und hielt sich trotz ihrer fünfundsiebzig Jahre majestätisch gerade. Ihre schmerzhafte Arthritis hatte ihren Körper geschwächt, doch sie strahlte noch immer denselben Hochmut, dasselbe unerschütterliche Selbstvertrauen aus wie eh und je.

„Du bist endlich da. Wurde Zeit.“

„Es ist schön, wieder hier zu sein. Wie geht es dir, Großmama?“

„Besser, jetzt da ich zu Hause bin.“

Amelia musterte ihre jüngere Enkelin und stellte fest, dass sie alle Hände voll zu tun haben würde, wenn sie sie in der nächsten Zukunft verheiraten wollte. Rosas Manieren waren ungeschliffen, und im Gegensatz zu Clarissa wusste sie nicht, was vornehmes Benehmen bedeutete. Sie hatte einen aufsässigen Charakter, war stolz und dickköpfig und folgte nur ihren eigenen Regeln. Schon als Kind hatte sie ihnen nur Probleme bereitet. Doch Amelia war nicht bereit, sich geschlagen zu geben.

„Wir erwarteten dich schon vor drei Tagen. Ich hoffe, Clara ging es besser, als du London verlassen hast?“

„Sehr viel besser. Sie lässt dich und Clarissa herzlich grüßen. Aber jetzt bin ich da, und es ist schön, dich wiederzusehen.“

Sie küsste ihre Großmutter auf die Wange, bevor sie Clarissa umarmte, die ihrer Großmutter in die Halle gefolgt war. Als Schwestern sahen sie sich recht ähnlich, wenn man außer Acht ließ, dass Clarissas Augen blau und ihr braunes Haar heller war als Rosas. Aber Clarissas Temperament war eher sanft und ruhig, Rosas sehr viel lebhafter, und sie neigte dazu, sich energisch aufzulehnen, wenn sich ihr jemand in den Weg stellte. Sie war zwei Jahre jünger als Clarissa, hatte jedoch schon immer das Gefühl gehabt, sie wäre die Ältere und müsste auf ihre kleine Schwester aufpassen. Während sie sich jetzt in den Armen lagen, verging eine ganze Minute, bevor sie sich wieder losließen.

„Ich habe mich so darauf gefreut, dich wieder bei mir zu haben, Rosa. Aber ich stelle mir vor, Tante Clara hat dich nur ungern gehen lassen.“

„Das stimmt, aber sie hofft, uns schon bald wiederzusehen. Auf deiner Hochzeit.“

Clarissas Lächeln verschwand, und Rosa wünschte, sie hätte die Hochzeit nicht erwähnt.

Sie wurden von Amelia unterbrochen, die mit ihrem Gehstock auf den Boden klopfte. „Wir haben noch viel zu tun, wenn Clarissa unseren Nachbarn, den Earl of Ashurst, heiraten soll.“

„Natürlich helfe ich bei den Vorbereitungen. Ich bin gern beschäftigt.“

„Beschäftigen wirst du dich auch. Aber mit Dingen, die mit deiner Zukunft zu tun haben. Ich habe nicht vergessen, dass wir auch für dich einen Mann finden müssen, sobald für Clarissa gesorgt ist. Wenn mir deine schwierige, unnachgiebige Art auch nur allzu bewusst ist.“

„Vater hätte dir zweifellos zugestimmt. Ich brachte ihn oft zur Verzweiflung. Aber auf Clarissa trifft das nicht zu.“ Rosa drückte ihrer Schwester liebevoll die Hand. Sie machte sich Sorgen um Clarissa, die ihre gewohnte Lebhaftigkeit völlig verloren zu haben schien. „Was mich anbetrifft, Großmama, habe ich es nicht eilig zu heiraten. Ich bin nicht wie mein Vater, ich sehe die Dinge, wie sie sind. Also weiß ich, dass man mich niemals in den höheren Kreisen der guten Gesellschaft akzeptieren wird, die mein Vater anstrebte. Aber er sah es niemals ein.“

„Da hast du recht, Rosa“, meinte ihre Großmutter. „Dennoch war er dein Vater, und du musst respektieren, was er sich für dich und Clarissa wünschte.“ Ihre Stimme wurde rau und zeigte den tiefen Kummer, den sie über den Tod ihres einzigen Sohnes empfand. „Er mag ja von uns gegangen sein, doch ihr habt die Pflicht, seinen Wünschen zu entsprechen. Er wollte, dass ihr nach England kommt, wo man euch beibringen wird, eine richtige Lady zu werden. Und bis zu meinem letzten Atemzug werde ich alles dafür tun, dass es genau so geschieht, wie er es wollte. Außerdem ist es schon oft passiert, dass ein Titel einem alle Türen öffnet, die einem sonst vielleicht – als eine schlichte Miss Ingram – verschlossen geblieben wären. So Gott will, werde ich euch beide angemessen unter die Haube gebracht haben, bevor ich sterbe.“

Rosa musste schlucken. Wie kompliziert ihr Leben plötzlich geworden war. „Ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen, Großmama.“

Sie sprach völlig aufrichtig, denn sie wollte ihre Großmutter wirklich nicht enttäuschen oder gar erzürnen, andererseits war sie entschlossen, ein Mitspracherecht zu haben, wenn es um ihre Zukunft ging.

Erst als sie in Rosas Schlafzimmer waren und Clarissa die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, bekamen die Schwestern die erste Gelegenheit, miteinander unter vier Augen zu reden.

„Was sollen wir nur tun, Rosa?“, fragte Clarissa, unendlich dankbar, ihre Schwester wieder bei sich zu haben.

„Du meinst die Hochzeit mit dem Earl of Ashurst, nicht wahr? Was können wir schon tun? Großmama ist entschlossen, euch beide zu verheiraten.“

„Aber ich möchte ihn nicht heiraten!“, rief Clarissa mit Tränen in den Augen. „Er ist mir fremd.“

„Du wirst ihn bald kennenlernen.“

„Ich will aber nicht! Weder jetzt noch sonst irgendwann. Ich bringe es nicht über mich. Andrew ist der einzige Mann, den ich liebe. Ich liebe ihn so sehr, dass es wehtut. Noch nie habe ich solche Gefühle gehabt, solches Glück empfunden …“

Rosa hörte ernst zu, während Clarissa mit leuchtenden Augen von ihrer Leidenschaft für Andrew sprach. „Wenn das wirklich deine Gefühle sind, dann musst du mit Großmama reden.“

„Ich habe es schon versucht, aber sie weigert sich einfach, mir zuzuhören. Ein Leben ohne Andrew ist unvorstellbar. Ich kann ohne ihn nicht leben“, flüsterte sie verzweifelt.

Rosa seufzte. Noch nie hatte sie Clarissa so aufgewühlt erlebt. Beunruhigt setzte sie sich auf den Bettrand, nahm Clarissa bei der Hand und zog sie neben sich. „Hör zu, Clarissa. Sie kann dich nicht zwingen, den Earl zu heiraten. Du bist einundzwanzig und hast das Recht, selbst zu entscheiden, wen du heiraten willst und wen nicht. Also musst du ihr klarmachen, dass du einen eigenen Willen hast. Was sagt Andrew zu allem?“

„Er liebt mich ebenso sehr wie ich ihn. A…aber er will mich nicht ohne Großmamas Einwilligung heiraten.“

Rosa nickte grimmig. Und die würde er natürlich niemals bekommen, da seine Familie nur eine kleine Plantage besaß. „Wie ist er eigentlich? Der Earl, meine ich.“

„Um ehrlich zu sein, waren wir nur wenige Minuten zusammen. Er hatte eine andere Verabredung und schien mit den Gedanken woanders zu sein. Oh, er sieht gut aus und ist sehr liebenswürdig. Ich bin sicher, keine Frau in ganz England wäre abgeneigt, ihn zu heiraten. Er ist von vornehmer Herkunft und hat sich in Indien offenbar hervorgetan …“

„Aber?“

„Er ist nicht der Richtige für mich.“ Clarissa sah ihre Schwester flehend an. „Er ist so ausgesprochen … männlich und Respekt einflößend. Um dir die Wahrheit zu sagen, strahlt er so viel Kraft und Lebendigkeit aus, dass er mich zu Tode erschreckt. Ich kann unmöglich einen solchen Mann heiraten.“ Sie seufzte tief und senkte den Blick auf ihre Hände. „Wie albern du mich finden musst. Du hast in deinem ganzen Leben vor nichts und niemandem Angst gehabt.“

Rosa unterdrückte einen Seufzer. Das stimmte zwar, hatte ihr aber immer viel Ärger eingehandelt. Sie hatte schon immer offenherzig ihre Meinung gesagt, ohne sich um die Folgen zu kümmern – und das zu jedem Thema unter der Sonne, eins davon ihre Missbilligung der Sklaverei. Da die Arbeit auf der Plantage auf den Einsatz von Sklaven angewiesen war, hatte ihr Vater Rosa immer getadelt und sie aufgefordert, sich nicht mit Dingen zu beschäftigen, von denen sie nichts verstand.

Ihre Großmutter hatte allerdings in einem recht – mit einer so großen Mitgift wie der ihren würde sie in London unweigerlich einem Mitgiftjäger zum Opfer fallen. Da war es schon besser, sich eine gute Ehe arrangieren zu lassen.

„Ich wünschte, ich könnte dir eine tröstliche Antwort geben, Clarissa, oder dir sonst irgendwie die Angst nehmen, aber sei nicht zu niedergeschlagen“, sagte sie sanft. „Wer weiß, was die Zukunft noch bringen mag? Vielleicht wird Großmama ja noch nachgeben, wenn sie sieht, wie groß die Liebe zwischen dir und Andrew ist und du mit keinem anderen Mann glücklich werden kannst. Als Vater ihr die Vormundschaft über uns gab, tat er nur, was er für das Beste hielt. Ich bin sicher, er wollte nicht, dass du unglücklich bist. Und sie möchte nur sichergehen, dass für uns gesorgt ist, bevor … bevor sie …“

Clarissa sah beunruhigt auf. „Glaubst du, sie ist sehr krank, Rosa?“

Ihre Schwester nickte. „Es ist nicht zu übersehen, dass sie sehr gebrechlich ist. Und in London fiel mir auf, wie oft sie außer Atem geriet und offenbar unter großen Schmerzen litt.“

„Es stimmt, sie wird sehr schnell müde.“

„Aber das soll dich nicht davon abhalten, ihr zu sagen, was du fühlst und dass du den Earl of Ashurst nicht heiraten kannst.“

„Ich weiß, ich sollte mich geehrt fühlen, aber ich würde all meine Aussichten auf ein Leben in der guten Gesellschaft an die Frau verschenken, die sich über so etwas freuen würde. Dann könnte ich Andrew heiraten, und es wäre mir gleichgültig, ob wir reich wären oder nicht.“

„Der Earl ist alles andere als reich, was sich natürlich ändern würde, wenn er dich heiratet“, meinte Rosa trocken und empfand plötzlich tiefen Groll gegen den Earl of Ashurst. Was für ein Mann heiratete eine Frau nur, um die Schulden abzubezahlen, die sein Cousin gemacht hatte, und um sein Gut zu retten? Für einen solchen Mann, der eine Frau nur wegen ihrer Mitgift wählte, empfand Rosa nichts als Verachtung. Wer konnte außerdem sicher sein, dass er sich nicht ebenso verhalten würde wie sein Cousin und das neue Vermögen einfach verprasste?

Später lag Rosa wach in ihrem Bett und machte sich Gedanken um ihre Schwester. Was sollten sie nur tun? Wenn ihr doch nur ein Weg einfallen wollte, die Befehle ihrer Großmutter zu umgehen. Es musste doch eine andere Lösung geben, damit Clarissa ihren Andrew bekommen konnte. Nach einer Weile hatte Rosa einen Plan gefasst, einen so gewagten, so schockierenden Plan, dass es ihr selbst den Atem verschlug und ihr Herz schneller klopfte. Es war kein Plan, den eine wohlerzogene Dame jemals wirklich in Betracht ziehen würde.

Doch je länger sie darüber nachdachte, desto entschlossener wurde sie und ging den Plan mit kühler Logik durch, bis sie an nichts anderes denken konnte. Sie hatte die Lösung für Clarissas Problem gefunden.

An Stelle von Clarissa würde sie selbst den Earl of Ashurst heiraten.

Bei dem Gedanken lief ihr ein Schauder über den Rücken, aber sie blieb stark. Wenn sie Clarissa damit helfen konnte, dann würde sie es tun. Immerhin hatte Clarissa gesagt, dass der Earl gut aussah. Wenigstens war er also nicht alt und klapprig, wofür sie dankbar sein musste. Das größte Hindernis war ihre Großmutter, doch die brauchte nichts von dem Vorhaben zu erfahren. Zuerst würde Rosa nach Ashurst Park fahren und sich den Earl und sein vornehmes Gut ansehen, um zu wissen, was sie erwartete, wenn sie ihren Plan wirklich in die Tat umsetzte.

Gleich nach dem Frühstück zwei Tage später – ihre Großmutter lag noch im Bett – und ohne ein Wort zu Clarissa, verließ Rosa das Haus. Sie trug ihr bestes Reitkostüm. Es war dunkelblau, und die Jacke betonte ihre schmale Taille und die Rundung ihrer Hüften. Dazu trug sie einen kecken, mit Federn geschmückten Hut. Es war ihr nicht anzusehen, dass sie in der vergangenen Nacht kaum geschlafen hatte, weil sie nicht hatte aufhören können zu grübeln. Doch heute war sie fest entschlossen.

Sie war bereit, sich für Clarissas Glück zu opfern. Was machte es schon aus, dass der Earl of Ashurst ein Fremder war? Wen immer sie auch heiratete – keiner würde Simon das Wasser reichen können. Niemals würde sie vergessen, was mit Simon geschehen war, aber sie musste es hinter sich lassen, wenn sie hier in England ein neues Leben beginnen wollte. Es war wichtig für sie, die Lebenslust wiederzufinden, die sie nach Simons Tod verloren hatte, und das konnte sie nur, indem sie ihr Leben einem wichtigen Zweck widmete. Vielleicht würde sie sich zum Beispiel mit ihrer Tante Clara um die vielen Kinder kümmern können, die in bitterer Armut lebten.

Die Landschaft Berkshires war wunderschön – überall üppiges Grün auf den Hügeln und in den Tälern. Auf einem dieser Hügel blieb Rosa kurz stehen und blickte nach unten auf Ashurst Park. So musste das Paradies aussehen. Es nahm ihr den Atem, denn es war das schönste, eleganteste Herrenhaus, das sie je gesehen hatte. Man hatte es im sechzehnten Jahrhundert im Stil der französischen Bretagne erbaut, der damals sehr beliebt gewesen war. Hohe Buchen und Eichen umgaben es wie eine Schildwache. Saftige Wiesen mit Blumenbeeten und zahlreichen Statuen trugen noch zu seiner Schönheit bei, und weiter entfernt erstreckte sich ein Wildpark bis zum Horizont.

Es war genau so, wie sie es in Erinnerung hatte. Kaum zu glauben, dass dieses wunderschöne Zuhause Clarissa gehören würde, wenn sie den Earl heiratete. Rosa hätte jedenfalls nichts dagegen, Herrin eines solchen Hauses zu sein, und als die Countess of Ashurst würde sie in die höchsten Kreise der Gesellschaft eingelassen werden.

Simons Tod, bald darauf der ihres Vaters und schließlich ihre Reise nach England hatten Rosa in einen Zustand der Benommenheit gestürzt. Hier auf ihrem Pferd und mit dem Blick auf Ashurst Park regte sich zum ersten Mal in ihr die Hoffnung, dass sich das bald ändern würde. Sie verdrängte den Gedanken, wie wenig es sich für eine junge Dame schickte, ohne Begleitung das Haus eines Junggesellen zu besuchen, und trieb ihr Pferd wieder an. Es war sehr lange her, seit sie so viel Energie verspürt hatte. Endlich schien sie wieder die alte Rosa zu werden, dickköpfig und stürmisch und bereit, ihren Kopf durchzusetzen.

Was würde aber sein, wenn der Earl sie gar nicht haben wollte? Wenn er darauf bestehen sollte, Clarissa zu bekommen? Was sollte sie dann tun? Rosa presste fest die Lippen zusammen. Ihre Augen funkelten entschlossen. Sie war nicht so dumm zu denken, es würde einfach sein, aber irgendwie würde sie ihn dazu bringen, sie zu wollen.

2. KAPITEL

Rosa war zumute, als würde sie eine andere Welt betreten, während sie durch das schmiedeeiserne Tor ritt. Während der Torwächter es hinter ihr schloss, setzte sie ihren Weg fort. Langsam ritt sie am See vorbei und hielt einen Moment unter dem Blätterdach eines enormen Ahornbaums. Auf der anderen Seite einer eleganten, dreibogigen Brücke, die über den schmaleren Teil des Sees führte, entdeckte Rosa einem kleinen Wasserfall. Inmitten der Bäume ein wenig weiter entfernt konnte sie ein Bootshaus ausmachen.

Sie atmete tief die Sommerdüfte ein. Alles hier erwärmte ihr das Herz. In diesem Moment gelangte Rosa zu dem Schluss, dass die Schönheit von Ashurst Park sie mehr denn entschädigen würde für alle Schattenseiten, die der Earl aufweisen mochte.

Sie zügelte ihr Pferd am Fuße einer niedrigen Treppe, die zum Haus führte, und stieg ab. Während sie sich umsah, eilte ein junger Mann, bei dem es sich um den Pferdeknecht handeln musste, auf sie zu.

„Ist Lord Ashurst zu Hause?“

„Ja, Miss. Soll ich mich um Ihr Pferd kümmern?“

„Danke.“ Sie sah ihm kurz nach, straffte dann aber die Schultern und stieg die Stufen hinauf. Hier wurde sie von den ersten Zweifeln überfallen. Doch im nächsten Moment wurde die Tür von einem Diener mittleren Alters geöffnet, der mit schwarzem Frack und Kniehosen angetan war.

„Ich bin gekommen, um mit Lord Ashurst zu sprechen.“

Er nickte. „Wen darf ich anmelden, Miss …“

„Ingram.“

Rosa nahm ihren Hut ab, während sie sich fast ehrfurchtsvoll in der großen, sonnendurchfluteten Halle umsah. Wunderschöne Kunstgegenstände schmückten einen glänzenden Tisch genau in der Mitte des Raums, und an den Wänden hingen die Gemälde längst verstorbener Familienmitglieder. Das ganze Haus strahlte Jahrhunderte von Glück und Enttäuschungen aus, Erinnerungen an Männer und Frauen, die innerhalb dieser Mauern gelebt und geatmet hatten.

Rosa empfand eine seltsame Erregung wie noch nie in ihrem Leben. Es war, als wollte dieses wundervolle Haus versuchen, sie zu umgarnen. Und Rosa war nur zu bereit, sich umgarnen zu lassen – es war, als wäre sie ihrem Schicksal begegnet.

Eine aufwendig verzierte Treppe führte an einer Seite der Halle zu den oberen Stockwerken hinauf, wo sie in eine Galerie überging. Rosa fiel auf, dass eine Handvoll neugieriger Dienstmädchen sich dort versteckten und sie beobachteten. Sie lächelte ihnen freundlich zu, doch in Gedanken war sie schon bei ihrem Treffen mit dem Earl und straffte abermals die Schultern.

Der Diener kam zurück. „Lord Ashurst kann Sie jetzt empfangen. Hier entlang bitte.“

Rosa folgte ihm mehrere Flure entlang. Ihr entging nichts. Das Haus war Ehrfurcht gebietend. Trotz der enormen Schulden, die der Earl verzweifelt zu tilgen versuchte, sprach alles hier von Luxus und Behaglichkeit, von Eleganz und einem Lebensstil, den Rosa sich auf ihrer Insel niemals hätte vorstellen können. Schließlich öffnete der Diener die beiden Hälften einer kunstvoll geschnitzten Eichentür und trat zur Seite, um Rosa ins Arbeitszimmer einzulassen. Es war ein gemütlicher Raum, geschmackvoll eingerichtet, und an den Wänden standen Bücherregale, die bis unter die Decke reichten. Eine große Terrassentür ging wohl auf den Garten hinaus, denn der Duft nach frisch gemähtem Gras wehte durch sie hinein.

Der Diener schloss die Tür hinter sich, als ein Mann, bei dem es sich um den Earl handeln musste, sich mit einem freundlichen Lächeln hinter seinem Schreibtisch erhob. Ganz offensichtlich erwartete er Miss Clarissa Ingram zu begrüßen, hielt aber erstaunt inne und erblickte stattdessen eine seltsam vertraute, schöne junge Frau in modischem Reitkostüm.

Rosa war ebenso erstaunt, als sie ihn erkannte. Ihr fielen sofort wieder seine eindringlichen blauen Augen auf, und sie dachte nicht zum ersten Mal, was für ein unglaublich attraktiver Mann er doch war. Heute trug er blaue Hose und Gehrock zu einem makellos weißen Hemd und Krawattentuch. Er kam auf Rosa zu. Plötzlich war ihr, als würde er den ganzen Raum mit seiner Kraft erfüllen, und aus irgendeinem lächerlichen Grund klopfte das Herz ihr bis zum Hals.

„Oh! Sie sind es! Der Mann aus dem Gasthaus. Sind Sie der Earl of Ashurst?“

William sah sie noch immer fassungslos an. Als sie ins Licht trat, das durch die Fenster drang, spürte er, wie sein Herz schneller schlug. Sie war eine wahre Schönheit. Den Hut hielt sie in einer Hand, sodass er ihr kastanienbraunes Haar sehen konnte, das ihr herzförmiges Gesicht umrahmte und die bemerkenswerten grünen Augen betonte. Es ging eine warme Sinnlichkeit von ihr aus, die ihn sofort in Erregung versetzte. Wahrscheinlich war es etwas, wofür sie gar nichts konnte und das ihr einfach innewohnte.

„Ja, ich bin Lord Ashurst, der Earl of Ashurst.“

Einen Moment lang war sie zu verblüfft, um sprechen zu können, dann gewann ihre Wut die Oberhand. „Wenn ich gewusst hätte, wer Sie sind, wäre ich nicht gekommen. Sie waren ausgesprochen unhöflich zu mir.“

Ein schwaches Lächeln erschien um seine Lippen. „Mein Leben lang war ich Soldat, Miss Ingram, und fürchte, dass ich die Kunst der Höflichkeit neu erlernen muss. Aber ich stimme Ihnen vollkommen zu. Mein Benehmen Ihnen gegenüber war ungehörig. Glauben Sie mir aber bitte, dass mein Gewissen mich plagte und ich mich bei Ihnen entschuldigen wollte. Doch als ich nach Ihnen suchte, waren Sie bereits abgefahren. Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?“

„Nein, danke. Ich bin nicht gekommen, um Konversation zu betreiben, sondern ich habe ein Anliegen von größter Bedeutung. Mir ist bewusst, dass Sie ein viel beschäftigter Mann sind, also werde ich mich kurz fassen und so wenig ihrer Zeit in Anspruch nehmen wie nur möglich.“

Er hob eine Augenbraue. „Was bringt Sie also mit solcher Dringlichkeit her?“

Es lag ein Ausdruck in seinen blauen Augen, den Rosa nicht deuten konnte. Einen Moment war ihr, als könnte er ihr in die Seele schauen und wüsste genau, was sie dachte. Das Gefühl, völlig entblößt zu sein vor ihm, gefiel ihr ganz und gar nicht, und seine direkte Art und lässige Selbstsicherheit brachten sie aus der Fassung. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie allein waren, und sie spürte, wie ihr heiß und schwindlig wurde. Noch nie hatte sie so eine Gefühlsverwirrung erlebt, nicht einmal mit Simon. Sofort gab sie dem Earl of Ashurst die Schuld an allem.

„Ich bin Rosalind Ingram, werde aber von allen Rosa genannt. Mein Besuch hier findet lediglich statt, weil ich mit Ihnen über meine Schwester Clarissa sprechen möchte. Ich weiß nur nicht, wie ich beginnen soll. Ich habe so etwas noch nie vorher getan, wissen Sie, und meine Großmutter weiß nichts von meinem Besuch. Sobald sie es erfährt, werde ich ihr Missfallen zu spüren bekommen, aber das wäre es wert, wenn Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sind. Ich bin hier, um Ihre Hilfe zu erbitten. Mir ist natürlich klar, wie vermessen es von mir ist, und natürlich können Sie sich weigern, aber die Angelegenheit ist dringend.“

„Gibt es niemanden sonst, der Ihnen helfen könnte?“

„Nein. Ich fürchte, Sie sind der einzige Mensch, den ich um Hilfe bitten kann.“

Er betrachtete sie mit einer gewissen Belustigung. „Meine Neugier ist geweckt. Was könnte es sein, das so wichtig ist, dass Sie sogar ohne das Wissen Ihrer Großmutter einen Mann aufsuchen, den Sie gar nicht kennen?“

Er ging zum Kamin, lehnte den Arm auf den Sims und drehte sich um, den Blick nachdenklich auf seiner Besucherin ruhend. Sie war hinreißend. Insgeheim musste er sich eingestehen, dass sie für ihn das Vorbild darstellte, an dem er von jetzt an jede Frau messen würde.

Einige Locken ihres wundervollen Haars berührten die zarte Haut ihrer Wangen. Die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, war so unwiderstehlich, dass er sich innerlich ermahnen musste, um sich aus ihrem Bann zu lösen.

„Ich bin fasziniert. Setzen Sie sich doch bitte“, sagte er und wies auf einen Sessel in der Nähe des Kamins. „Sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann.“

Jetzt da sie wusste, wer der Earl of Ashurst war, bedauerte Rosa es, hergekommen zu sein. Sie setzte sich dennoch zögernd auf den Rand des bequem wirkenden Sessels. Noch nie hatte sie sich so unsicher gefühlt.

„Clarissa ist also Ihre Schwester. Es geht ihr gut, hoffe ich?“

„Ja, es geht ihr sehr gut, nur …“

Er wartete ab und musterte sie, die dichten Augenbrauen leicht angehoben. Als sie nichts hinzufügte, ermunterte er sie: „Nur? Nur was?“

„Sie … sie möchte Sie nicht heiraten, und ich möchte ihr helfen.“

„Ich verstehe. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu sagen, warum?“

„Weil sie einen anderen Mann liebt.“

Seine Miene blieb ausdruckslos. Rosa sah nur, dass er die Lippen leicht zusammenpresste. „Ein nachvollziehbarer Grund“, sagte er. „Warum hat man mir das nicht vorher gesagt? Und warum hat Ihre Großmutter es nicht für nötig befunden, mich zu informieren?“

„Es tut mir leid. Sie wollte den Wunsch unseres Vaters erfüllen, der gewollt hatte, dass Clarissa einen Aristokraten mit einem Titel heiratet. Clarissa hat sich niemals unserem Vater widersetzt, Mylord. Sie liebte ihn von Herzen und versteht auch, warum es ihm so wichtig war, dass wir beide vorteilhafte Ehen eingehen.“

„Und Sie sind den ganzen Weg bis hierher geritten, um mir das zu sagen?“

„Ja. Ich … ich dachte, Sie sollten es wissen.“

„Danke. Ich weiß Ihre Aufmerksamkeit zu schätzen. Andererseits hatten wir noch nichts unterschrieben, also bindet uns auch nichts aneinander.“

„Sie … Sie werden nicht auf einer Heirat bestehen?“

„Nein, Miss Ingram. So etwas würde ich nicht tun. Sie zu zwingen, wenn sie doch in einen anderen Mann verliebt ist, würde sie nur dazu bringen, mich zu verabscheuen.“

„Wenn Sie Clarissa besser kennen würden, wüssten Sie, dass sie Sie nicht verabscheut. Clarissa ist der sanfteste Mensch, den Sie sich denken können.“

„Ja, den Eindruck hat sie auch auf mich gemacht“, sagte er und dachte daran, dass er bei ihrer ersten Begegnung Clarissa Ingrams vornehmen Charakter, ihren Charme und ihre Empfindsamkeit bewundert hatte. Tatsächlich gab es nichts an ihr, das er hätte kritisieren können, und er musste zugeben, dass der Vorschlag ihrer Großmutter, ihre Enkelin zu heiraten, ihn in Versuchung geführt hatte. Doch das war in London gewesen.

Als Soldat hörte er meist auf seinen Verstand und nicht auf sein Herz. Nichts in seinem Leben geschah zufällig oder ungeplant, und alles war sorgfältig durchdacht. Er hatte eingewilligt, über den Vorschlag seines Anwalts nachzudenken, eine reiche Frau zu heiraten, um Ashurst Park behalten zu können, doch seine Abscheu vor einer solchen Lösung hatte sich nicht gelegt. Miss Rosa Ingrams Enthüllung hatte ihn überrascht, aber auch erleichtert, weil er jetzt nicht mehr mit seinem Gewissen ringen musste.

„Ihre Großmutter machte mir den Vorschlag also, ohne auf Clarissas Gefühle zu achten. Das ändert natürlich alles, und es hilft mir bei meiner Entscheidung. Ich werde Ihrer Großmutter einen Besuch abstatten und ihr sagen, dass ich meine Meinung, was eine Ehe mit Clarissa angeht, geändert habe. Und das ist ja auch die Wahrheit. Ich würde niemals daran denken, eine Frau zu heiraten, deren Herz einem anderen Mann gehört.“

„Nicht einmal, um Ihr Gut zu retten?“

„Nein. Nicht einmal, um Ashurst Park zu retten“, antwortete er mit kühlem Gleichmut. „Seit ich zustimmte, Ihre Schwester als Frau in Betracht zu ziehen, habe auch ich einen Sinneswandel durchgemacht. Sehen Sie, Miss Ingram, ich bin nicht so geldgierig, wie Sie denken.“

Ein wenig überrumpelt konnte Rosa ihn einen Moment nur anstarren. Dann sagte sie: „Ich verstehe. Und was hatten Sie vor zu tun?“

„Ich wollte zu Ihrer Großmutter gehen und es ihr erklären.“