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Der brutale und gerissene Kindesentführer Mario Blaschek soll nach zwölf Jahren Haft frei kommen. Er hatte Karl Riemke, der ihn damals verhaftete und nun in Rente ist, Rache geschworen. Blaschek soll observiert werden, doch nur eine Stunde nach seiner Freilassung narrt Blaschek die Polizei und wenig später wird Riemkes Enkel Leo in der Eifel entführt. Ein packender Zweikampf beginnt..
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Georg Schmuecker
Holderhof
Ein Eifel-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
März 2007, Köln
März, Iversheim/Eifel
April, Bonn
Samstag 02. Juni, Köln-Ossendorf
Dienstag 5. Juni, Köln-Bayenthal
Montag 18. Juni, Köln-Kalk
Donnerstag 21. Juni , Köln-Bayenthal
Samstag 23. Juni, Köln-Bayenthal
Sonntag 24. Juni, Iversheim/Eifel
Sonntag 24. Juni, 17:00 Uhr, Iversheim/Eifel
Sonntag 24. Juni, 19:00 Uhr, Iversheim/Eifel
Montag 25. Juni, Köln-Ossendorf
25. Juni, 10:30 Uhr, Köln-Ossendorf
25. Juni, 10:45, Iversheim/Eifel
25. Juni 10:45, Neu-Ehrenfeld/Köln
12:00 Uhr Steinbachtalsperre
25. Juni, 13:00 Iversheim, Eifel
13:15 Uhr Steinbachtalsperre, Eifel
25. Juni, 13:30, Steinbachtalsperre
17:00 Uhr, Iversheim
18:00 Uhr, Eifel, Ort unbekannt
20:00 Uhr, Iversheim/Eifel
21:00 Eifel, Ort unbekannt
26. Juni 7:20 Uhr, Iversheim/Eifel
9:30 Uhr, Nordeifel
11.00 Uhr, Köln-Sülz
13:00 Uhr, Köln-Rodenkirchen
14:00 Uhr, Köln, Belgisches Viertel,
16:00 Uhr, Eifel/Iversheim
Euskirchen/Eifel, 18:00 Uhr
19:30Uhr, Holderhof/Nordeifel
19:40Uhr, Holderhof/Nordeifel
21:00Uhr, Holderhof/Nordeifel
Iversheim 22:00 Uhr
Holderhof/Nordeifel 23:00 Uhr
23:25 Uhr, Holderhof/Nordeifel
Mittwoch 27. Juni, 11:00 Uhr, Iversheim
Mittwoch, 27. Juni, 15:00 Köln
Donnerstag 28. Juni, Köln-Kalk
Donnerstag 5. Juli, Köln-Marienburg
Sonntag 8. Juli, Köln-Bayenthal
Samstag 14. Juli, Iversheim/Eifel
Impressum neobooks
Vor ihr - ihr kleiner Junge. Sie ruft, ruft lauter. Er dreht sich nicht um. Sie versucht zu rennen, kommt nicht vom Fleck. Nebel zieht auf. Sie sieht ihn kaum noch. Dann ist er weg. Panik steigt in ihr auf. Kurz ist er wieder zu sehen. Sie will ihn rufen, will schreien, aber sie kann nicht.
Nun ist sie in einem leeren Raum. Sie fröstelt. Ein Mann kommt herein. Er kommt auf sie zu. Sie kennt ihn nicht. Er hebt den Kopf und schüttelt ihn langsam. Alles zerbricht in ihr. Sie fällt und fällt.
Dann wird sie wach. Die Zeit kennt sie, bevor sie auf die Uhr schaut. 4.45 Uhr. Wieso immer um diese Zeit? Wieso geht es jetzt wieder los? Dann fällt es ihr ein. Er würde wieder frei kommen.
Sie steht auf und zieht ihr Nachthemd aus. Sie hasst den kalten Schweiß auf ihrer Haut. Um diese Zeit kommt kein warmes Wasser aus der Dusche, also reibt sie sich nur mit dem Handtuch ab und zieht ein frisches Nachthemd an. Sie weiß, es wird mindestens eine Stunde dauern, bis sie wieder schlafen kann.
Sie fragt sich, wie lange es noch dauern wird, bis er merkt, dass es wieder begonnen hat. Und wie er diesmal damit umgehen wird.
Die Stahlspitze blieb knapp oberhalb der linken Augenbraue stecken. Mario Blaschek lächelte zufrieden.
Er stand von seiner Pritsche auf, streckte sich und zog den Dartpfeil aus dem Foto. Mörtel rieselte auf den Boden.
"Drei Monate noch, Riemke", sagte er leise, "dann wird abgerechnet."
Sein Blick wanderte auf einen vergilbten Zeitungsausschnitt, der neben dem mit Löchern übersäten Foto hing.
Kindesentführer gefasst
Kölner Stadtanzeiger 08.06.1992
Der als „Viper“ bekannte, mutmaßliche Entführer von Lukas Sandel konnte verhaftet werden.
Der Leiter der SoKo Viper, Kriminalkommissar Karl Riemke, konnte in den frühen Abendstunden den seit fünf Jahren gesuchten Mario Blaschek verhaften. Wie es Riemke gelang, den Mann, der die Polizei so lange zum Narren hielt, und der seit zwei Jahren zu den meistgesuchten Verbrechern des Landes gehörte, zu fassen, ist bisher unbekannt. In einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz teilte der Polizeisprecher lediglich mit, dass der unermüdlich Einsatz und die Beharrlichkeit von Riemke zu der Verhaftung geführt haben."
"Zwei zu eins, Arschloch", murmelte Blaschek "aber dat Spiel ist noch nit zu Ende." Dann betrachtete er einen weiteren vergilbten Zeitungsausschnitt.
Kindesentführer verurteilt
Kölner Stadtanzeiger 24.11.1992
Landgericht verurteilt „Viper“ Mario Blaschek wegen Kindesentführung mit Todesfolge sowie räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren.
Knapp fünf Monate nach seiner Verhaftung verurteilte das Landgericht Köln Mario Blaschek zu einer Strafe von 15 Jahren und folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Blaschek wurde für schuldig befunden, an der tragisch geendeten Entführung des Industriellensohns Lukas Sandel maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Obwohl ihm zuvor nie etwas nachgewiesen werden konnte, waren die zahlreichen anderen Straftaten, mit denen er in Verbindung gebracht wird, sowie die mangelnde Reue des Angeklagten ausschlaggebend für das Strafmaß. Überschattet wurde der Prozess von Drohungen Blascheks gegen Kriminalkommissar Karl Riemke, der maßgeblich zu seiner Verhaftung beitrug und die Beweise erläuterte. Wegen der Zwischenrufe und Wutausbrüche wurde der Prozess teilweise in Abwesenheit des Angeklagten geführt. Die Anwälte der Eltern von Lukas Sandel zeigten sich zufrieden mit dem Urteil."
Im Januar 2001 hatte Blaschek begonnen, das Ende seiner Gefangenschaft vorzubereiten. Dass er keine Aussicht auf vorzeitige Entlassung haben würde, hatte ihm sein Anwalt schon kurz nach der Urteilsverkündung klar gemacht. Dafür waren die Drohungen gegen Riemke zu heftig ausgefallen. Dank einer langen Karriere als Verbrecher und einem hohen Maß an Rücksichtslosigkeit gegenüber seinen Opfern galten die Chancen auf eine Resozialisierung Blascheks als gering.
Für ihn ging es nur darum, eine Sicherheitsverwahrung im Anschluss an seine Haftstrafe zu vermeiden. Also hielt er sich an die Anstaltsregeln, begann in der Bibliothek zu lernen und ließ sich zum Erst-Helfer ausbilden. In 2002 stellte Blaschek einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung. Er wusste, dass dies keinen Erfolg haben würde, aber er wollte sicher sein, dass sein gutes Verhalten dokumentiert würde. Und so kam es auch.
Blaschek zerlegte den Dartpfeil in vier Teile und verteilte sie auf gut gewählte Verstecke. Dann zog er den Heftzweck aus der Wand und legte das Foto von Riemke unter seine Matratze. Nur ab und an holte er es heraus. Der Hass auf Riemke hatte ihm ein Ziel gegeben, seinem Leben einen Sinn. Jetzt fragte er sich manchmal, ob Riemke es wert war, ein weiteres Mal im Knast zu landen, und dann für immer. Zehn Jahre hatte er gebraucht, bevor er sich zum ersten Mal fragte, ob Riemke vielleicht nur seinen Job getan hatte.
Doch Riemke hatte mehr als seinen Job gemacht. Er hatte sich in die Verhaftung Blascheks hineingesteigert, seine Familie vernachlässigt, Tag und Nacht gearbeitet und keine Verbindung ungenutzt gelassen, zusätzliche Ressourcen für die SoKo Viper zu beschaffen.
Wie erwartet, war auch das zweite Gesuch auf vorzeitige Entlassung abgelehnt worden. Der Bewilligungsausschuss hatte alles noch einmal durchgekaut und am Ende war es die persönliche Aussage Riemkes gewesen, der, seit sieben Jahren in Pension, nochmals die Drohungen darstellte, die Blaschek gegen ihn und seine Familie ausgestoßen hatte. Blaschek hatte erreicht, was er wollte. Sie hatten zwei Mal seine vorzeitige Entlassung abgelehnt, trotz nachweislich guter Führung. Das bedeutete aber auch, dass es keinen Grund geben würde, ihn in Sicherheitsverwahrung zu nehmen.
Karl Riemke saß im Lehnstuhl auf der Veranda vor seinem Wochenendhaus. Tief eingemummelt in eine Decke genoss er die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Von Zeit zu Zeit schob er seine Hand unter der Decke hervor und griff nach der großen henkellosen Teetasse. Er hielt sie einige Sekunden mit beiden Händen umschlungen und genoss den Duft von Rum. Er blies in den Tee und seine Brille beschlug. Dann neigte er den Kopf etwas nach vorne und blickte über die Brillenränder in die Ferne. Doch er erkannte nicht viel mehr, als er durch die beschlagenen Gläser gesehen hätte. Obwohl er die Aussicht seit fast 50 Jahren kannte, konnte er nicht genug davon bekommen. Er hatte sich oft gefragt, was diese Aussicht ausmachte. Der Hartenberg erhob sich auf gerade einmal 350 Meter, war also eher ein Hügel als ein Berg. Es gab auch keinen Blickfang in dieser Aussicht. Aber die Proportionen, die räumliche Tiefe, entstanden durch die Abfolge der ersten unterhalb des Hauses liegenden Schafwiese, eines mit Sträuchern bewachsenen Hügels und den sich dahinter erstreckenden Wiesen mit vereinzelten Obstbäumen, die bis zum Saum des noch nicht ergrünten Waldes reichten, dies alles hätte ein Landschaftsmaler des 18. Jahrhunderts nicht schöner erschaffen können. Wenn er nach links blickte, konnte er die letzten Häuser von Arloff sehen. Der Wald war ein Buchenmischwald mit einzelnen Parzellen Kiefernwald. Den Waldrand säumten Brombeerbüsche. Die Wiesen vor dem Wald wurden durch einen Bach, der rechts dem Wald entsprang und sich in Richtung Arloff schlängelte und einen Schotterweg, der in sanften Serpentinen zum linken Waldrand führte, in drei Flächen geteilt.
Riemke trug sein dichtes graues Haar streng nach hinten gekämmt. Die neue Brille mit dem eckigen schwarzen Gestell verlieh ihm einen Hauch von Künstler.
Noch immer war es für ihn das Wochenendhaus, obwohl er hier fast so viel Zeit verbrachte, wie in Köln. Eigentlich war er als Pensionär nicht mehr an Wochenenden gebunden. Doch Riemke hatte seine Gewohnheiten und so verbrachte er vor allem verlängerte Wochenenden im Grünen.
Trotz seiner 72 Jahre hätte er noch Chancen bei Frauen gehabt, doch er hatte nach dem Tod von Christa mit keiner Frau etwas angefangen. Das war jetzt 5 Jahre her.
Kein Tag war vergangen, an dem er sich nicht gefragt hatte, wieso ausgerechnet sie Krebs bekommen hatte. Wenigstens war es schnell gegangen. Das hatten die Ärzte angekündigt: „Bauchspeichelkarzinom, wir geben ihr noch 6 Wochen“. Ihm wäre es lieber gewesen, er wäre der Erste von beiden gewesen, der ging, und er musste sich eingestehen, dass er fest davon ausgegangen war. All die Statistiken über die höhere Lebenserwartung von Frauen hatten ihn in falsche Sicherheit gewiegt. Und plötzlich hatte er für sich selber sorgen müssen.
Als die Teekanne leer war, stand er mit einer Leichtigkeit auf, die einen Fremden überrascht hätte, und ging mit raschen Schritten ins Haus.
An diesem Morgen hatte er einen Anruf des Leiters seiner früheren Dienststelle erhalten. Der Gutachter hatte die vollständige Resozialisierung Blascheks festgestellt. Dies bedeutetet, dass der Mann, dessen Verhaftung seiner Karriere auf die Sprünge geholfen, aber seine Familie fast zerstört hätte, in drei Monaten wieder auf freiem Fuß sein würde. Eigentlich hatte nicht Blaschek seine Familie fast zerstört, wie er sich eingestehen musste, er selbst war es gewesen.
Zwei Jahre hatte er sich in Blascheks Kopf gedacht und seine Familie fast vergessen. Als Blaschek dann endlich gefangen war, der Medienrummel begann und Blaschek Drohungen gegen ihn und seine Familie ausstieß, war seine Frau kurzerhand mit den Kindern ausgezogen.
Es war ein Warnschuss, und er verstand ihn. Danach hatte es in ihrer Ehe die üblichen Höhen und Tiefen gegeben, aber alles in allem war es eine erfüllte Zeit.
Riemke bezweifelte, dass Blaschek wirklich keine Gefahr mehr darstellte. Plötzlich sah er seine Augen wieder vor sich, den hasserfüllten Blick, mit dem Blaschek ihn angesehen hatte, während sein Mund die Worte "dat zahl ich dir heim" formten. Riemke fielen die anonymen Briefe ein, die ihn nach der Verurteilung erreicht hatten. Er war nie dahinter gekommen, wie Blaschek es anstellte, aber die Briefe kamen unzweifelhaft von ihm. Riemke zwang sich, nicht an die Briefe und deren kranken Inhalt zu denken.
Janson, der jetzige Leiter der Abteilung für Kapitalverbrechen, hatte ihm zugesagt, Blaschek nach dessen Entlassung beschatten zu lassen. Aber wie lang würde er das aufrecht erhalten können. Spätestens nach zwei Wochen würde er sich für die Stunden der Observierung, die vier Beamten, die für die lückenlose Beschattung notwendig waren, rechtfertigen müssen. Angst hatte Riemke nicht, hatte er nie gehabt, nur ein undefiniertes Unwohlsein.
Sein Handy klingelte. Auf dem Display konnte er sehen, dass es sein Sohn war.
"Hallo Stefan, mein Junge" meldete er sich, und trat wieder auf die Veranda.
Stefan Riemke hatte eine Anwaltskanzlei, die, obwohl erst vor wenigen Jahren gegründet, bereits einen ausgezeichneten Ruf genoss. Nach dem Jurastudium hatte er einen MBA in Marketing gemacht und sich auf Medienrecht spezialisiert. Dank seines charmanten Auftretens knüpfte er schnell Kontakte. Das markante Kinn und die strengen Augenbrauen hatte er von seinem Vater, die blauen Augen und die schmale Nase von seiner Mutter. Mit seinen 1,90m und den breiten Schultern war er schon immer ein Frauenschwarm gewesen.
"Was es Neues gibt?", fragte Stefan Riemke.
"Was soll es Neues geben im Leben eines pensionierten Witwers?" Er versuchte Zeit zu gewinnen, während er überlegte, ob er Stefan von Blaschek erzählen sollte. Stefan würde sich nur unnötig Sorgen um ihn machen. Damals war er 16 Jahre alt gewesen und die ganze Geschichte um Blaschek und die Drohungen gegen seinen Vater, die ihm seine Klassenkameraden mit der Bild-Zeitung unter die Nase hielten, hatten ihn sehr bedrückt.
Nach einem tiefen Seufzer begann er zu erzählen. Sein Sohn würde es sowieso erfahren.
Zu seiner Überraschung wusste Stefan bereits Bescheid.
"Eine meiner Anwaltsgehilfinnen hatte mal was mit einem Wärter in Ossendorf und die beiden telefonieren schon mal", sagte Stefan.
Ein leichtes Misstrauen, Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit als Ermittler, erfasste ihn, als er die Aussage seines Sohns hörte. Er schalt sich einen alten Narren und beglückwünschte Stefan zu seinem guten Netzwerk.
"Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, was soll einem alten Mann schon passieren."
"Du blöder, alter Egomane, ich mache mir Sorgen um meine Kinder", fuhr im sein Sohn über den Mund.
Riemke wollte schon zurückschnauzen, als ihm klar wurde, dass sein Sohn Recht hatte. Blaschek war ein Kindesentführer und wusste, dass er ihn mehr treffen würde, wenn er seinen beiden geliebten Enkeln etwas täte als ihm. Riemke kratzte sich am Hals.
"Du hast recht. Tut mir leid. Meine Dienststelle wird sich um ihn kümmern", sagte er kleinlaut.
Das Schnauben am anderen Ende der Leitung konnte er schwer deuten, entschied sich aber, es für Erleichterung zu halten. Er hatte getan, was er konnte, um Blascheks Aufenthalt im Knast zu verlängern und ihm Sicherheitsverwahrung einzubrocken. Jetzt konnte er nur hoffen, dass die Gutachter richtig lagen.
„Wie geht es sonst so, mein Sohn?“
„Die gleichen Sorgen wie immer. Was nützt mir mein guter Ruf, wenn die Einnahmen von den horrenden Mietkosten aufgefressen werden. Kein Mensch braucht die überzähligen Büroflächen, die Denger in seinem Größenwahn angemietet hat.“
„Wenigstens bist du Dr. Denger los.“
„Ja, aber der Mietvertrag den er unterzeichnet hat gilt noch für fünf Jahre.“
„Was machen meine Lieblingsenkel?“
„Hast du etwa noch andere?“
„Trotzdem sind es meine Lieblingsenkel.“
„Laura versucht uns mit Handytelefonaten zu ruinieren. Aber wir haben sie jetzt auf Pre-Paid umgestellt. Da ist nach 50 Euro im Monat Schluss. Und Leo denkt, er schafft das Gymnasium, ohne Hausaufgaben zu machen. Zwei Engel also.“
„Ich erinnere mich an einen Jungen, der die 7. Klasse doppeln musste, und der in einem Sportgeschäft erwischt wurde, wie er Fußballschuhe um etikettierte, um sie billiger zu machen.“
„Erzähl das bloß nie Leo und Laura.“
„Oh, mir fallen noch viel bessere Geschichten aus der Oberstufe ein.“
„Ist ja schon gut. Sie sind wunderbar und es geht ihnen gut.“
„Ja, Kinder kommen nicht auf andere Leute.“
„Hältst du mich auf dem Laufenden bezüglich Blaschek?“
„Klar, mach ich gerne. Bis dann“, sagte Riemke und legte auf.
Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Was würde er tun, wenn Laura oder Leo etwas passierte. Er wusste es nicht. Ihm wurde plötzlich kalt.
Sonja Sandel wachte weinend auf. Es war der gleiche Traum wie seit fünfzehn Jahren.
Anfangs war er jede Nacht gekommen, immer gleich, nur manchmal leicht abgewandelt. Dann, nach der Behandlung nur noch zwei oder drei Mal die Woche. Später träumte sie ihn nur noch ein oder zwei Mal im Monat. Es war immer derselbe Traum. Sie sah ihren Sohn, wollte ihn erreichen, wollte ihn warnen, rief ihn, aber er hörte sie nicht. Dann kam die Nachricht und sie fiel in ein tiefes Loch.
Sie wusste, dass die Nacht für sie vorbei war. Die Uhr zeigte wie immer viertel vor fünf. Sie stand auf, ging ins Bad und dann leise ins Wohnzimmer und las. Meist war es seichtes Zeug, das sie ablenken sollte. Bücher aus einer heilen Welt, in der das Gute gewann, die Guten schön waren und glücklich wurden. Auch sie waren eine schöne, reiche und glückliche Familien gewesen, aber das Glück hatte geendet am 13. November 1989. Lukas war auf dem Weg zum Tennisverein. Wie so viele Jungen hatten die Wimbledonsiege von Boris Becker und Michael Stich seinen Ehrgeiz angestachelt. In der Nähe des Klärwerkes Rodenkirchen war er zum letzten Mal gesehen worden. Jemand hatte einen parkenden weißen Lieferwagen in der Nähe beobachtet. Weitere Spuren gab es nicht. 24 Stunden später ging eine Lösegeldforderung ein. Als der Beweis erbracht war, dass Lukas noch lebte, wurde das Geld beschafft. Mittlerweile hatte die Presse von der Entführung erfahren. Berichte über die Familie und geerbtes Vermögen erhöhten die Lösegeldforderungen. Die Entführer wurden wegen des Medienechos extrem vorsichtig. Mehrfach änderten sie die Modalitäten der Geldübergabe. Das Team von Karl Riemke leitete die Operation auf Seiten der Polizei. Die Geldübergabe erfolgte auf Wunsch der Eltern komplett ohne Polizei. Das Leben des Jungen hatte absolute Priorität. Lukas Freilassung war für genau zwei Stunden nach der Geldübergabe vereinbart. Die Zeit hätte den Entführern gereicht, um das Geld zu prüfen und unterzutauchen.
Dann nahm das Unglück seinen Lauf. Ein übereifriger Journalist sah Peter Sandel das Haus verlassen und folgte ihm. Es regnete heftig. Sandel bemerkte den Reporter nicht. Er nahm ein Taxi zum Bahnhof. Dort bestieg er den Regionalzug von Köln nach Aachen. Auf ein verabredetes Signal warf er eine Sporttasche mit dem Geld aus dem Zugfenster. Der Reporter hatte zwischenzeitlich einen Kollegen informiert, der dem Zug mit dem Auto folgte. So kam es, dass, kaum dass die Entführer die Tasche auf einem selten befahrenen Forstweg an sich genommen hatten, dort der Reporter auftauchte. Männer zwangen ihn auszusteigen, knebelten ihn und fesselten ihn an einen Baum.
Unterdessen nahm der Regen an Heftigkeit zu. Statt wie vereinbart nach zwei Stunden, erhielten Sandels den Anruf erst nach 4 Stunden. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sich Ihr Sohn in einem Verließ auf einem verlassenen Bauernhof nahe des zukünftigen Braunkohlereviers Garzweiler II befand. Wegen des anstehenden Kohleabbaus waren zwei Dörfer und fünf Bauernhöfe umgesiedelt und verlassen worden.
Bis die Polizei den Hof gefunden hatte, war es bereits dunkel. Sintflutartig strömte der Regen herab. Ein naheliegender Bach trat über die Ufer. Als die Polizei das von außen verschlossene Kellergewölbe fand, war Lukas bereits in dem überfluteten Raum ertrunken.
Der tragische Tod des Jungen schlug hohe Wellen. Die meisten Entführungen endeten mit der Freilassung des Opfers und früher oder später wurden die Täter gefasst. Aber hier war alles schief gegangen. Alle Beteiligten machten sich Vorwürfe. Peter Sandel machte sich Vorwürfe, den Reporter nicht bemerkt zu haben. Der Chefredakteur, der von der Aktion seiner Leute noch vor der Geldübergabe erfahren hatte, warf sich vor, dass er das Ganze nicht energisch genug unterbunden hatte. Der lokale Polizeichef machte sich Vorwürfe, dass sie unkoordiniert und mit schlechter Ausrüstung den Hof abgesucht und dadurch wertvolle Zeit verloren hatten.
Es wurde zu einem Trauma für alle.
Blaschek starrte an die Decke seiner Zelle.
„Drei Wochen noch“, sagte er zu sich selbst.
Er hatte das Angebot, das ihm vorlag, noch mal durchdacht und sich die Zukunft ausgemalt, aber mit einem Mal kamen ihm Bedenken. Was, wenn sich die Welt so verändert hatte, dass er sich nicht mehr zurecht fand. Computer, Handy und Internet kannte er nur aus dem Fernsehen.
"Verdammter alter Narr", raunzte er sich selbst an.
Er war seiner Umwelt immer überlegen gewesen. Immer hatte er schneller begriffen und skrupelloser seinen eigenen Vorteil gesucht als Andere. War dieser Vorteil nun dahin? War die Welt so, wie das Fernsehen sie zeigte?
"Nichts wird anders sein", sagte er, kratzte sich am Bauch und wiederholte es noch einmal.
