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1988. Der zwanzigjährige Erzähler reist mit seinem Großvater von Köln nach Berlin. Der Großvater, ein humorvoller, lebenslustiger, alter Nazi und früherer Allgemeinmediziner, möchte dort einen Chaoten treffen, um seine Theorie einer Vererbung von chaotischem Verhalten zu untermauern. Auf der Reise begegnen sie mürrischen Grenzbeamten, tschechischen Arztgattinnen, einem indiskreten Portier, einem kindischen Chaoten, einigen Berlinern und beinahe auch Michael Jackson. Zwischendurch erzählt der Großvater vom Krieg und begeisternden Aufmärschen der Nazis. Für den Erzähler stellt sich die Frage, ob man einen Menschen, der den Holocaust leugnet, trotzdem mögen darf.
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Georg Schmuecker
Transit Berlin und zurück
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Besiegtes Volk
Überbein
Urlaubsvorbereitung
Kriegsgefangenschaft
Deutsche Demokratische Republik
Berlin
Cafe Hegel
Hotelbar
Grenzübergang Friedrichstraße
Reichstag
Chaos-Theorie
Krankenhaus
Fachgespräch
Ullrichs Supermarkt
Selbstversuch
Intensivstation
Alleingang
Rückreise
Nachwort
Impressum neobooks
Das weiße Eckhaus mit dem spitzen karmesinroten Giebel im Kölner Stadtteil Rodenkirchen leuchtete in der morgendlichen Augustsonne. Wie gewöhnlich war das hohe eiserne Gartentor nur angelehnt. Mein Großvater stand im Garten und pinkelte gerade in einen der rosa Hortensienbüsche neben der Veranda. Seinen ockerfarbenen Kaftan hatte er vorne hochgezogen, und ich sorgte mich um seine braun karierten Filzpantoffel.
„Hallo Opa“ sagte ich. Es störte ihn nicht, dass ich gerade in diesem Moment auftauchte.
"Klaus, Karl, Hans, Josef, Gregor, Georg mein Junge, schön, dass du da bist", begrüßte er mich und lächelte mich auf seine liebevolle Art durch seine silberne Brille an. Ich war es gewöhnt, dass er die Namen seiner Brüder, Söhne und Enkel wahllos nacheinander aufsagte, bis er auf den Richtigen kam.
"Ist deine Toilette kaputt?", fragte ich.
"Nein", sagte er, zog die Augenbrauen zusammen und hob den Zeigefinger, "es ist viel natürlicher und gesünder, in der Natur zu urinieren. Die frische Luft wird von der Haut im Genitalbereich aufgenommen und führt zu einer besseren Sauerstoffversorgung der Sexualorgane. Das ist gut gegen Prostatakrebs.“
„Aha, und wieso wolltest du, dass ich vorbeikomme?", fragte ich.
„Deshalb trage ich auch diesen Kaftan. Die Naturvölker wissen viel über Medizin. In einem Kaftan wird man von unten belüftet. Diesen hier habe ich mir aus Tunesien mitgebracht“, sagte er.
Naturvölker? fragte ich mich. Lass das keinen Araber hören.
Wir gingen ins Haus. Er wusch sich die Hände und trocknete sie gründlich ab.
„Weißt du eigentlich, dass die Russen sich nur mit fließendem Wasser waschen? Auch wenn sie es nur von einer Schüssel in die andere kippen und dann wieder zurück.“
"Ja, das hast du schon erzählt."
Er schien den leicht genervten Unterton in meiner Stimme zu bemerken, was mich wunderte.
"Komm, ich zeige dir, was ich vorhabe", sagte er und eilte los.
Wir stiegen die Treppe in den ersten Stock hinauf. Wieder einmal bestaunte ich die Dynamik, die er in seinem Alter von fast 80 Jahren hatte. Er war gedrungen und früher mal 1,69m groß gewesen. Guter Durchschnitt für einen deutschen Mann, wie er behauptete. Vielleicht war das ja früher einmal so.
"Die Ausgaben der Deutschen Medizinischen Wochenzeitschrift der Jahre 1952 bis 1968 stehen zu weit oben, da komme ich nur mit dem Hocker dran, könnten wir die nicht in das Regal dort drüben stellen und die Bücher dafür nach oben?“
„Wir?“, fragte ich mich, denn ich erwartete nicht, dass er mit anpackte. Aber im Krankenhaus wird ja auch gefragt "wie geht´s uns denn heute?", obwohl der Arzt meist recht gesund ist.
Die Deutsche Medizinische Wochenzeitschrift befand sich in endlosen Reihen auch im Haus meiner Eltern. Eigentlich bestand die ganze Familie aus Ärzten. Alle vier Geschwister meines Großvaters waren Ärzte, sowie jeweils deren Kinder. Bis auf ein paar schwarze Schafe, die es in den Augen meines Großvaters zu nichts gebracht hatten. Einen Augenoptiker und ein paar Lehrerinnen. Glücklicherweise waren die Geschwister meines Großvaters über Deutschland verteilt, so dass wir Enkel nur zu großen Festen erleben durften, dass nur über Medizin gesprochen wurde und diese eine scheinbar vollkommen willkürliche Wissenschaft war, zu der jeder unserer verwandten Ärzte eine vollkommen individuelle Auffassung hatte. Daher studierte die nächste Generation, soweit naturwissenschaftlich interessiert, keine Pseudowissenschaft wie Medizin, sondern z.B. Maschinenbau oder Physik.
Nachdem ich die Sammelbände der Zeitschriften umgeräumt hatte, fragte mein Großvater mich, ob er uns etwas kochen solle.
Seit Omas Tod war Opa sehr selbständig geworden und ich willigte ein. Er kippte etwas Öl in eine Pfanne und schlug vier Eier hinein.
Glücklicherweise war es kein Kuba-Öl. Das befand sich in rostigen, roten 1Liter Dosen im Keller. Kuba-Öl stammte allerdings nicht aus Kuba. Es war nach den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges zu Beginn der Kuba-Krise 1962 eingelagert worden und lagerte auch noch heute,1988, dort. Und da aus den Dosen nichts auslief, konnte auch nichts rein, so dass es bei Hochwasser auch nicht aus dem Keller geräumt wurde, weshalb die Dosen etwas rostig waren.
„Du schaffst doch auch zwei Eier?“, fragte er.
„So grade noch“ antwortete ich. Ich hatte gut gefrühstückt und die zwei Eier würden den Appetit nicht zu sehr anregen. Während ich den Küchentisch deckte, suchte Opa nach etwas im Spind.
Endlich zog er einen kleinen hellblauen Karton hervor, schüttete etwas Salz in seine Hand und warf es über der Pfanne hoch in die Luft. Es verteilte sich gleichmäßig über den Herd. Er sah meinen erstaunten Blick.
"Ich kann den Salzstreuer nicht mehr finden", sagte er "aber ich habe eine Entdeckung gemacht: Indem ich das Salz hochwerfe, verteilt es sich fast noch gleichmäßiger über das Essen als mit einem Salzstreuer. Man kann also von einem echten Fortschritt sprechen. Wissenschaftlicher Fortschritt ist sehr wichtig ".
Ich lachte nicht. Ich war Opa gewohnt und immun gegen solche Erkenntnisse. Ein Koch der heiße Töpfe anfasst, verbrennt sich irgendwann auch nicht mehr.
Geschickt bugsierte er die Eier von der Pfanne auf die Teller. Als er sich vorbeugte, sah ich, dass sein silbergraues Haar oben um den Wirbel lichter wurde.
Wir setzten uns und er begann zu essen.
„Das ist unter 75 Pfennig, da braucht nicht gebetet zu werden“, sagte er.
„Kennst du die Geschichte mit den 75 Pfennig?“, fragte er und begann, bevor ich es bejahen konnte.
„Mein Bundesbruder Pater Herbert Berrenrath, der war zu einem großen Essen in einem feinen Restaurant eingeladen. Und als er gefragt wurde, warum er denn nicht vor dem Essen gebetet habe, hat er geantwortet, dass man erst ab 75 Pfennig beten müsse.“
Hastig schlang er drei Bissen runter.
„Jeden Bissen 32-mal kauen und gut einspeicheln“, sagte Opa. „Das Essen muss zu einem dünnflüssigen Brei werden, damit der Magen weniger Arbeit hat.“
Wie er auf die 32 gekommen war, hat er uns nie gesagt. Vielleicht weil ein Erwachsener 32 Zähne hat und jeder Zahn etwas davon haben sollte. Zu jedem Essen wies er darauf hin wie wichtig dies sei, und wir trafen Opa meist beim Essen. Zu Sonn- oder Feiertagen, Familienfesten oder Trauerfeiern. Zu Mittag- oder Abendessen oder zu Kaffee und Kuchen.
Nach dem Essen versuchte ich mich schnellstens zu verdrücken, bevor neue Arbeit anstand. Aber Opa hatte eine Überraschung für mich.
„Was hältst du davon, wenn wir beide für eine Woche nach Berlin fahren?“ fragte er und lächelte. Ich staunte, schaute ihn an und konnte keine Hinterlist in seinem Blick erkennen. Es war Dienstag, der 30. August. Die Semesterferien meines Maschinenbaustudiums in Aachen dauerten noch über einen Monat und ich hatte Zeit.
„Ja gerne, wann soll´s denn los gehen?“, fragte ich.
„Nächsten Mittwoch. Wir fahren mit dem Auto.“ Er strahlte.
„Und was machen wir in Berlin?“ Ich hatte nur eine vage Vorstellung von Berlin.
„Wir sehen uns die Stadt an, betreiben wissenschaftliche Studien und treffen Kollegen auf einem Kongress“, sagte er ohne mich anzuschauen. Irgendwas stimmte nicht. Aber das war mir egal. Eine Reise nach Berlin wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Er schnäuzte sich kurz und steckte sein Stofftaschentuch wieder ein.
„Wir treffen uns am besten am Sonntag, um alles genau zu planen“, sagte er.
Unvermittelt wechselte er das Thema. „Ich habe noch ein paar Lebensmittel für euch, die schaffe ich alleine nicht", sagte er, zog eine Plastiktüte aus dem Kühlschrank und drückte sie mir in die Hand.
„Danke. Wann soll ich am Sonntag kommen?“ Die Tüte war schwer und roch.
„Sagen wir um vier. Und bring etwas Kuchen mit.“ Er lächelte.
Ich machte mich auf den kurzen Weg nach Hause. Während der Semesterferien wohnte ich in meinem alten Kinderzimmer bei meinen Eltern. Ich wagte einen vorsichtigen Blick in die Plastiktüte. Natürlich war alles verdorben, aber wenigstens bewegte es sich noch nicht.
Opa hatte im Krieg in russischer Gefangenschaft viel Hunger erlebt und brachte es nicht fertig, Lebensmittel wegzuschmeißen. Also schenkte er uns die alte Leberwurst und alles, was sonst noch im Kühlschrank zu weit nach hinten gerutscht war. Wir warfen es für ihn weg.
„Wir sind ein besiegtes Volk“, pflegte er zu sagen. Und besiegte Völker können es sich nicht leisten, Lebensmittel wegzuschmeißen.
In den nächsten Tagen bereitete ich mich auf die Reise vor, indem ich ein altes Merian-Heft über Berlin las und eine Gepäckliste aufstellte. Es war mein erster Urlaub allein mit Opa Niko und ich wusste nicht so recht, was mich erwartete. Am Freitag entschied ich mich, noch vor dem Urlaub ein Überbein an der Oberseite meines linken Handgelenkes behandeln zu lassen.
Also ging ich zur Praxis meines Onkels, der Allgemeinmediziner war. An der Anmeldung war eine neue, hübsche Arzthelferin. Ihr süßliches Parfum überdeckte den sterilen Geruch der Desinfektionsmittel.
„Guten Tag, ich möchte gerne zu meinem Onkel“, sagte ich.
„Ihr Name bitte.“
„Georg Schmücker“ Ich lächelte.
„Dann nehmen sie doch im Wartezimmer Platz.“
Ich war irritiert. Normalerweise blieb ich seitlich vor dem Wartezimmer stehen, so dass die anderen Patienten nicht merkten, dass ich sofort dran genommen wurde.
Das Wartezimmer, das ohne Tür an den Empfangsraum grenzte, war gut gefüllt. Es roch nach alten Menschen.
Fast alle Wartenden blätterten in den ausnahmslos nichtssagenden Klatschzeitschriften. Anscheinend war auch mein Onkel wie die meisten Ärzte der Ansicht, man hätte außer körperlichen auch geistige Beschwerden.
Ich versuchte, nicht daran zu denken, welche unangenehmen Altersleiden die anderen Patienten wohl hatten.
Eine grauhaarige Dame kam zur Anmeldung. Sie wurde sofort mit Namen begrüßt. Während sie ihre Beschwerden, ein undefinierbares Unwohlsein in der Magengegend sowie Rückenschmerzen beschrieb, lauschten alle andächtig. Ich fragte mich, ob bloße Neugierde oder die Angst vor ansteckenden Krankheiten der Grund waren. Die Patientin, sie war wohl weit über achtzig, betrat das Wartezimmer und wurden von den meisten mit Namen begrüßt. Dann kam sie auf mich zu, machte eine kurze Pause um sich zu versichern, dass das, was sie sah, Wirklichkeit war, und sagte: "Junger Mann, Sie sitzen auf meinem Stuhl!". Ich stand auf, betrachtete den Stuhl, konnte kein Namensschild entdecken und blickte die Frau fragend an.
"Ich sitze immer da!", sagte sie bestimmt.
"Ach so", antwortete ich und setzte mich auf einen anderen Platz. Ich fragte mich, ob ein undefinierbares Unwohlsein im Magen eine Krankheit ist. Sind Rückenschmerzen mit 85 Jahren eine Krankheit? Opa Niko sagte immer „Wenn du über 40 bist und du wirst morgens wach und dir tut nichts weh, dann bist du tot.“ Plötzlich hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher des Wartezimmers. "Merkblatt über gesunde Ernährung", sagte die Stimme. Ich war mir nicht sicher, ob es ein äußerst intensiver Tagtraum war oder Realität. Opa Niko hatte sich vor über vier Jahren, mit 75 Jahren, zur Ruhe gesetzt und mein Onkel und meine Tante nutzten seitdem die gesamten Praxisräume. Die anderen blickten auf. Auch sie schienen die Stimme zu hören.
„Jeder Bissen ist 32-mal zu kauen und gut einzuspeicheln. Der Magen hat hierdurch nur noch wenig Arbeit. Auf diese Weise beugt man Magenbeschwerden vor“, sagte die Stimme. Plötzlich wurde mir klar, dass mein Onkel wohl in einem Kurzurlaub war und Opa Niko anscheinend die Urlaubsvertretung übernommen hatte. Er nutzte die neue Sprechanlage zur Verbreitung seiner Weisheiten.
Zu verschiedenen Themen hatte er bereits in den 60er Jahren Merkblätter drucken lassen, die er an Patienten, Freunde und Verwandte verteilte. Darin waren ihm wichtige Themen wie Schwierigkeiten beim Schlafen, Sexualhygiene oder gründliches Kauen in wenigen Sätzen behandelt.
Er las nun nicht mehr sondern ging zur freien Rede über.
"Zitronen sind sehr wichtig, denn sie haben viel Vitamin C, das schützt vor Erkältung. Am besten Sie nehmen gleich eine ganze Zitrone und lutschen sie aus. Dabei kneifen Sie die Augen zu dünnen Schlitzen zusammen, weil die Zitrone so sauer ist, etwa so." Es schien ihn nicht zu stören, dass wir sein Gesicht nicht sehen konnten. Wahrscheinlich war eine Arzthelferin bei ihm, die seine Ansprache live erlebte. Mein Gegenüber im Warteraum, er war bestimmt 90, kniff die Augen zusammen und fing in Gedanken zu kauen an.
