21,99 €
Ausgelöst durch den tragischen Tod seiner Mutter kehrt Will Seems aus Richmond in die ländliche Gegend von Süd-Virginia heim. Er tritt eine Stelle als Deputy Sheriff in Euphoria County an, das von Kriminalität und Niedergang geprägt ist. Seine Bemühungen, sein Leben weiterzuführen, indem er das heruntergekommene Anwesen seiner Familie restauriert, werden zunichte gemacht, als ein brutaler Mord das Leben seines alten Freundes Tom Janders fordert, der bei einem Brandanschlag ums Leben kam. Die Schuld gegenüber einem alten schwarzen Freund, der vor Jahren Will beschützt hat und dafür eine bleibende Entstellung davongetragen hat, verfolgt ihn, als ausgerechnet dessen Vater wegen des Mordes an Tom verhaftet wird. Zeke Hathom wurde beim Verlassen des brennenden Gebäudes gesehen und der Sheriff nimmt ihn umgehend in Gewahrsam. Aus Schuldgefühlen dem Sohn gegenüber will Seems die Unschuld des Vaters beweisen. Er gerät in Konflikt mit dem Sheriff, der offenbar froh ist, den Fall abschließen zu können. Als die lokale schwarze Gemeinde Bennico Watts, eine Privatdetektivin aus Richmond, engagiert, um Will bei der Suche nach dem wahren Mörder zu helfen, macht das den Fall für ihn nicht einfacher. EDGAR AWARD WINNER FOR BEST FIRST NOVEL OF THE YEAR 2025
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2026
Henry Wise
Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn Herausgegeben von Wolfgang Franßen
Polar Verlag
Originaltitel: Holy City
Copyright: © 2024 by Henry Wise
First published in 2024 by Atlantic Monthly Press, an imprint of Grove Atlantic, New York, USA
Alle Rechte vorbehalten
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2026
Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Mit einem Nachwort von Alf Mayer © 2026
© 2026 Polar Verlag e.K.
Unsere Produkte wurden im Rahmen der Verordnung zur allgemeinen Produktsicherheit (General Product Safety Regulation) einer Risikobewertung unterzogen und erfüllen gemäß Artikel 5 der GPSR die Anforderungen an sichere Produkte.
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an: [email protected]
Hersteller: Polar Verlag e. K, Rippoldsauer Str. 2, DE-70372 Stuttgart, www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
Lektorat: Tobias Schumacher-Hernández
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Steven Vona/Adobe Stock
Autorenfoto: © Lisa-Damico
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung:
Friedrich Pustet GmbH & Co. KG
Gutenbergstr. 8, 93051 Regensburg
ISBN: 978-3-910918-40-5
eISBN: 978-3-910918-41-2
»You Can’t Go Home Again« Von der Unmöglichkeit, wieder nach Hause kommen zu können
Der Feuertraum zerrieb ihn.
Er saß steif da wie eine tote Katze, tastete nach dem Griff der Pistole unter dem Sitz, atmete auf. Die Nacht kehrte zurück, eine von vielen, in denen er endlos unterwegs war und dem zornigen Wort Gottes im dünnen statischen Knistern lauschte, einer zugleich strengen und nahen Stimme, die mit schneidender Gewissheit direkt zu ihm zu sprechen schien. Er hörte zu, denn es gab nichts anderes – keinen anderen Radiosender – hier draußen zwischen den Weilern oder Dörfern oder Straßenkreuzungen, die früher vielleicht einmal Städte gewesen waren, dazwischen nichts als hügeliges Land im Streben nach irgendeiner Art Gleichgewicht, ein Puls, nur spürbar, wenn man die Weiten durchfuhr, der überraschte, denn ansonsten fühlte sich die Landschaft tot an. Von der weichen, grünen, dschungelartigen Vegetation, die einen großen Teil von Virginia bedeckte, war nichts zu sehen, hier war das Land hart, rau, dornig. Die einsamen Straßen wanden sich wie Schlangen durch dichte Wälder oder weite Felder oder gerodete Brachen, in denen der Boden so nackt und bizarr aussah wie ein gehäuteter Bär. Er fuhr an verblichenen Häusern vorbei, von Kudzu oder von Liguster und Efeu überwuchert, blätternde Farbe, und aus der holzvertäfelten Dunkelheit erklang die dunkle, väterliche, vertraute Stimme, freundschaftlich und nach Gewalt und Arglist klingend, die Stimme glatt rasiert, streng, schneidend und erwartungsvoll, irgendein lokaler Prediger in einem Landstrich voller verwirrender Verbrechen.
Will Seems war nach zehn Jahren in Richmond – genannt »Holy City« – in eine Gegend zurückgekehrt, die er in jedem dieser zehn Jahre »Heimat« genannt hatte, und die, wie er jetzt erkannte, von einer Schar der Verlorenen und Versprengten bevölkert wurde. Letztes Jahr hatte ein Mann seiner Frau die Kehle mit einem Klappmesser durchgeschnitten und sich dann mit einer Walther PPK erschossen, aber in beiden Fällen versagt. Der Frau war es gelungen, die Blutung an ihrem Hals mit einem Kissen zu stoppen und den Notruf zu wählen, und als der Mann im Krankenhaus wieder zu sich kam, fehlte ihm der Großteil seines Kiefers, dafür trug er Handschellen. In Halifax County hatte dann vor einigen Monaten jemand, der wegen eines kaputten Rücklichts angehalten worden war, den Polizisten erschossen und war einfach weitergefahren. Noch immer fehlte jede Spur. Aber die seltsamste Begebenheit von allen lag noch nicht lange zurück. In der Stadt hatte es Beschwerden über einen aus einem Haus wabernden Geruch gegeben. Die alleinstehende Bewohnerin mittleren Alters hatte ihre tote Mutter – an natürlichen Ursachen verschieden – seit über zwei Monaten in dicke Decken gewickelt im Haus aufbewahrt. Will dachte an die Durchsuchung, die sie durchgeführt hatten, auch die Masken hatten den Gestank nicht mildern können, und an die hundertsechzehn Lufterfrischer, die sie auf den Decken verteilt gezählt hatten. Der Sheriff war froh gewesen, Troy St. Pierre, dem Gerichtsmediziner, den Leichnam übergeben zu können, doch er und Will mussten sich um die Tochter der Verstorbenen kümmern. Die Frau hatte keine Erklärung dafür, warum sie den Tod der Mutter nicht gemeldet hatte, was der einzige Grund für ihre Verhaftung war. Will sah ihr eine traurige und kindliche Verzweiflung an, die nicht selten war; er kannte sie aus vielen Gesichtern in dieser Gegend, eine faltenzerfurchte, benebelte Hoffnungslosigkeit. Will vermutete, dass die Frau solche Angst davor hatte, in dieser Welt allein zu sein, dass sie die Gesellschaft der Toten vorgezogen hatte.
Will stieg aus seinem Truck, streckte sich und stellte sich an einen Baum. Beim Pinkeln blickte er auf die glatte Oberfläche des Flusses hinab, der Traum nagte an ihm, im Mund schmeckte er Rauch. So konnte es nicht weitergehen, dass er jede Nacht durch die Gegend fuhr, bis er müde wurde, am Fluss schlief und früh wieder losfuhr, bevor die Angler mit ihren Eimern und Ruten kamen. Er hatte gestern Abend zu viel geraucht, schmeckte die Watte im Mund, erinnerte sich an das Verlangen nach einer Vanille-Cola, wie man sie im Waffelladen oben in Petersburg bekam. Er ging zum Pick-up und trank einen Schluck Kaffee aus dem offenen Styropor-Becher, den er sich gestern Abend an einem Get ’N’ Go geholt hatte, eine abgestandene Version dessen, was am Morgen frisch gebrüht worden war, jetzt vierundzwanzig Stunden alt, Stunden, in denen anscheinend nichts passiert war, außer dass alles und jeder sich genau so weit weiterbewegt und geatmet hatte.
Er schüttete den Rest auf den Boden und drehte sich um. Hinter der schlichten weißen Baptistenkirche stieg eine schwarze Rauchsäule auf, etwa dort, wo das Haus der Hathoms stand oder dahinter das von Tom Janders. Er nahm das Handy aus dem Becherhalter und machte Meldung. »Deputy Seems hier, ich melde ein Feuer in Turkey Creek.« Er bog auf die Straße ab. »Bei Tom Janders brennt es.«
»Verstanden«, sagte Tania. Sie arbeitete länger im Sheriff’s Department als Will und hatte noch nie einen Tag im Außendienst erlebt. »Die Feuerwehr ist auf dem Weg. Warte, bis die da sind, hörst du?«
Will klappte das Handy zu.
Toms Truck stand auf dem Hof, der Traktor neben dem Schuppen, es roch nach brennendem altem Holz und Farbe. Will bog auf dem Schotterweg scharf ab und zog einen Fallschirm aus Staub hinter sich auf den Hof. Die ganze Seite des Hauses, das einst Toms Mutter gehört hatte (Will sah es immer noch als ihrs), stand in Flammen und fraß sich wie Schimmel an einer Frucht nach innen.
Will steckte das Handy in die Tasche. Die rechte Haushälfte brannte bereits lichterloh, aber die Haustür war noch unversehrt.
»Tom!« Will spürte die Hitze auf den Wangen prickeln. »Day! Tom!«
Noch keine Sirenen zu hören. Die Feuerwehr würde mindestens fünfundzwanzig Minuten brauchen, und das mit Glück. Er atmete tief durch und trat die Haustür ein. Heißer schwarzer Rauch rollte ihm entgegen und versengte ihm das Gesicht. Er bückte sich und tastete sich voran, hörte nichts als das Feuer, lodernde Flammen über ihm. Neben ihm fielen Stücke der Zimmerdecke herunter. Er kroch auf dem Küchenboden vorwärts, dessen Linoleum sich wie altes Papier nach oben bog, bis er gegen etwas stieß. Ein Stiefel mit Stahlkappe, die ihm die Finger verbrannte. Er fand den anderen Fuß und zog an beiden, schaffte es zur Seitentür, Tom, wie er vermutete, hinter sich herschleifend. Seine Augen tränten, bei jedem Atemzug hustete er, dann kniete er im Staub des Hofes, versuchte, sich aufzurichten und zu atmen, Ruß verklebte ihm die Nase. Tränen und Rauch, Tränen und Rauch. Schließlich rannte er zur Tür zurück, zog den Körper ins Freie und ohne Rücksicht die Treppe hinunter in den Hof, ließ sich ins Gras fallen und hustete.
Als Will zu sich kam, atmete ihm Sheriff Mills schwer ins Gesicht und schlug ihm kräftig auf die Wangen, und ein Rettungssanitäter hielt ihm ein Stethoskop an die Brust. Sein Arm war bandagiert. Will spürte die Verbrennungen und roch Mills’ Pfefferminzkaugummi, der die Dinger seit Jahren zwanghaft kaute, in der Hoffnung, irgendwann vom Tabak loszukommen. Will rappelte sich auf und sah, dass die Feuerwehr in einem lichtbrechenden Regenbogen das Haus abspritzte, dahinter saß in der Ferne ein Weißkopfadler auf einer Kiefer.
»Alles okay, Junge?«, fragte Mills. »Hast du einen Todeswunsch, von dem ich wissen sollte?«
Der Sheriff half Will auf die Beine. Sie betrachteten Tom, der im Gras lag, die Kleidung schwarz, das Gesicht rußbedeckt, der Blick endlos leer. Schließlich begriff Will, woran das lag.
»Verdammt«, sagte Mills, es klang wie vedämmt. »Augen sind weg, geschmolzen.«
Mills drehte den Leichnam mit geschmeidiger Vorsicht auf den Bauch und musterte ihn, betrachtete die mit einer schwarzen Substanz verschmierten Stufen und dann wieder die Leiche.
»Was haben wir denn da?«, sagte er zu sich.
Er zog Latexhandschuhe aus der Tasche und hob Toms Hemd unter dem linken Schulterblatt an, sodass es sich wölbte wie ein Zelt. Ein Riss im Stoff wurde sichtbar, und ein dunkler nasser Fleck, dunkler und gleichmäßiger als Ruß. Er zog den Riss mit zwei Fingern auseinander, untersuchte die Haut und fand zwei oder drei rußverklebte Schnittverletzungen. Will stützte die Hände auf die Knie und sah, wie Sheriff Mills das nasse heiße Hemd wieder auf die nasse heiße Haut zurückfallen ließ.
»Mord«, sagte Will, das Wort hallte nach, es war fast eine Frage. Das war etwas anderes als Betrunkene einsammeln und Strafzettel ausstellen und Obdachlose für unbefugtes Betreten von verlassenen Grundstücken einbuchten. »Wer …?«
Will beobachtete den Sheriff: bedächtig, konzentriert. Der alte Mann schien eine ruhige Kompetenz auszustrahlen und wirkte plötzlich lebendiger.
Mills sagte: »Ein Wunder, dass er nicht schlimmer verbrannt ist. Und du auch nicht. Durchsuch seine Taschen.«
Keine Geldbörse, kein Handy. Nichts.
Will wurde schwindlig. Er musste wieder husten. Der Sheriff sagte: »Sperr hier ab, ich rufe Sheriff Edgars und Troy her. Lass sonst niemanden rein. Wenn sie da sind, musst du Fotos machen. Die Kamera liegt in meinem Truck.«
Will wollte gerade das Absperrband holen, da bemerkte er hinter dem Haus eine Bewegung und wünschte sich, er hätte nichts gesehen, aber Mills hatte es ebenfalls mitbekommen.
»Lauf rüber zum Wald«, sagte Mills. »Ich komme vom Feld her. Sei vorsichtig.«
Will rannte, sein verrauchter, verschwitzter Körper wehrte sich gegen die Anstrengung in der erschöpfenden, dunstigen Hitze des Sommermorgens und gegen den plötzlich einsetzenden Durst, der ihm fast den Atem nahm. Er rannte wie ein Setter auf Witterung, dachte nur noch an eins, seine Beine verschwammen unter ihm wie Wasser.
Er folgte dem Fliehenden bis an den Rand eines Tabakfelds, das zu einem schlammigen Fluss hin abfiel, gesäumt von großen Bäumen und Efeu. Er hielt inne und horchte. Vögel zwitscherten lauthals in den Bäumen, flatterten als Silhouetten in der flirrenden Hitze. Er meinte, etwa fünfzig Meter weiter im Feld ein Krachen zu hören.
Er rannte auf das Geräusch zu, hörte nur die eigenen Schritte in seinem schweren Körper, drängte sich an großen, aromatisch riechenden Tabakpflanzen vorbei, zu dieser Jahreszeit dick und grün und urzeitlich. Er hörte Reifen auf dem Schotter knirschen, sah über dem Feld eine Staubwolke aufsteigen wie einen Geist, und spürte eine Erschütterung im Boden, gefolgt von einem Platschen. Der Flüchtende musste die Wolke gesehen oder den Truck gehört haben, hatte die Richtung gewechselt und war jetzt im Fluss, an dessen Ufern mächtige Eichen standen, in denen es vor wurzelähnlichen, unsichtbaren Schlangen nur so wimmelte.
Will rief laut: »Stopp! Euphoria County Sheriff’s Department!«
Er erreichte das Ufer, und zu seiner Überraschung drehte sich der Mann auf der anderen Seite um, er war tropfnass, sah gealtert und vertraut aus, hatte graue Haare und eine kräftige Statur.
»Will!«, sagte der Mann über das Rauschen des Wassers und das Vogelgezwitscher hinweg.
»Mr. Hathom!«
Will kannte Zeke Hathom seit Jahren. Zekes Frau Floressa hatte lange Zeit für die Familie Seems gearbeitet, und Will und Sam, ihr Sohn, waren gemeinsam aufgewachsen.
»Ich hab nichts gemacht«, zischte Zeke. »Ich schwör’s.«
»Es ist besser, wenn Sie mitkommen. Wenn Sie unschuldig sind, können Sie gleich wieder gehen.«
»Wenn ich mitkomme, bin ich schuldig. Komm schon, Will.«
Will wollte etwas sagen. Er vertraute Zeke und wusste außerdem, dass er ihm etwas schuldig war.
»Deputy.« Sheriff Mills trat wie ein Geist in den Schatten, nahm Hut und Sonnenbrille ab und strich sich über das kurze, verschwitzte Haar. »Nimm den Mann fest.«
Will sah die Verzweiflung in Zekes Augen und bereute sein Zögern.
»Bitte, Mr. Sheriff«, sagte Zeke. »Ich schwöre. Ich war zu Hause und hab das Feuer gesehen. Und wollte helfen.«
»Deputy.«
»Er hat nichts getan«, sagte Will.
»Lies Zeke seine Rechte vor.«
In den Fluss starrend sagte Will: »Zeke Hathom« – es war das erste Mal, dass er ihn beim Vornamen nannte. »Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt …« und so weiter. Die Worte hatten in diesem Moment keine Bedeutung für ihn. Er konnte nicht fassen, dass er unter anderem deswegen zurückgekommen war, um dem Mann zu helfen, den er jetzt verhaftete. Er dachte an Floressa, die nach dem Tod seiner eigenen wie eine zweite Mutter für ihn gewesen war, und wusste, dass dies ein Fehler war, der Folgen haben würde.
»Leg ihm Handschellen an«, sagte Mills, löste seine vom Gürtel und warf sie Will zu.
»Mr. Hathom wird nicht weglaufen.«
»Verdammt richtig«, sagte Mills und schlug nach irgendetwas. »Er weiß es besser, stimmt’s, Zeke? Kommen Sie her. Machen Sie es nicht noch schlimmer.«
Zeke durchquerte das Wasser, als würde er getauft werden, und streckte die Hände aus. Will konnte die Schwermut in seinen Augen nicht ertragen. Er klickte sanft die Handschellen zu, wie von einer Kraft wie Wasser oder der Macht der Geschichte dazu gezwungen, half Zeke das Ufer hinauf und führte ihn in die Hitze des Feldes hinein. Seine Verwirrung und Benommenheit verstärkten sich, als Zeke mit tränenerstickter Stimme flüsterte: »Es tut mir leid, Will.«
Will sicherte den Brandort mit gelbem Flatterband. Immer noch stiegen Qualm und Dampf aus der Ruine auf, und Sheriff Mills bestellte seinen zahnlückigen Cousin Buddy Monroe und einen zweiten Mann, Silas King, ein, wie immer, wenn Verstärkung benötigt wurde. Dabei verfluchte er leise den Feigling Seth Grady, der ihn im Stich gelassen hatte. Alle wussten, dass Will als Ersatz für Grady eingestellt worden war, der Deputy gewesen war, seit Will denken konnte.
Keine Stunde später kam Sheriff Weenie Edgars mit zwei Ermittlern aus Tupelo County in einem schwarzen Suburban angefahren. Troy St. Pierre folgte in dem alten weißen Minivan, mit dem er Leichen transportierte. Da Personal in Euphoria County knapp war, war es nicht ungewöhnlich, dass Edgars in Mordfällen Amtshilfe leistete.
»Scheiß heiß«, sagte Edgars. »Wie geht’s, Jeff.«
»Weenie«, sagte Mills. Die beiden Sheriffs gaben sich die Hand. »Wie geht’s euch?«
Die anderen Männer nickten, zogen Handschuhe über und beäugten missmutig die Szenerie, als hätte das Überqueren der County-Grenze einen schlechten Beigeschmack hinterlassen. Ihr Verhalten machte deutlich, dass sie das Ganze für eine Zumutung hielten.
Sheriff Edgars war ein kleiner Mann mit breiter Brust, die er reckte, als wäre er stolz darauf. Er sah sich aufmerksam um, und Will begriff, dass dies sein Stichwort war, um die Kamera des Sheriffs aus dessen Truck zu holen. Er vermied es, mit Zeke zu sprechen, der auf der Rückbank saß, und holte dann noch die Videokamera aus seinem eigenen Wagen.
Edgars sagte zu Mills: »Dann erzähl mal.«
»Tja, es gibt einen Verdächtigen. Wir haben ihn auf der Flucht vom Tatort geschnappt. Es gibt einen Toten mit Stichwunden im Rücken, unter dem linken Schulterblatt. Keine Waffe. Er hat keinen Führerschein bei sich, aber wir wissen, dass es Tom Janders ist.«
»Der Footballspieler?«
»Yessir.«
»Verdammt.« Weenie pfiff durch die Zähne, als würde die Identität des Toten das Verbrechen noch schlimmer machen. »Mord und Brandstiftung. Kannste im Moment nicht brauchen, wie, Jeff? Ich hab bestimmt fünf Plakate mit deinem Namen drauf gesehen.«
»Gibt keine Konkurrenz. Aber ich will, dass das hier so glatt läuft wie möglich.«
Sheriff Edgars grinste, die Hände in den Taschen, und bohrte die Stiefelspitze in den Boden.
»Kann ich mir denken«, sagte er. »Aber wir wissen beide, dass wir die State Police rufen müssen. Ihr seid unterbesetzt und unterfinanziert. Ein Nachwuchs-Deputy und zwei Teilzeitpolizisten.« Er reckte sein Kinn vor, als würde er Mills’ Antwort auf seine nächste Frage fürchten. »Hast du schon angerufen?«
»Ich hab dich angerufen.«
»Mann, womit hab ich das verdient?«, sagte Edgars. »Übergib es der State Police, dann sind wir die Sache los.«
»Das gefällt mir nicht. Ich will, dass wir alles tun, was möglich ist. Ich will, dass Troy die Obduktion macht, und ich will wissen, was er rausfindet, bevor die Beweise weggeschickt werden. Hast du gehört, Troy?«
»Yessir.«
»Gut«, sagte Mills mit einem Zwinkern. »Vielleicht kannst du deine Verbindungen ins Staatslabor, mit denen du immer angibst, mal nutzen, damit’s schneller geht.«
Er wandte sich wieder an Edgars. »Du kennst doch Sheriff Ramsey drüben in Mecklenburg. Hat vor fast einem Jahr einen Drogenring hochgenommen. Die Typen sitzen immer noch in U-Haft, weil alle auf die Laborergebnisse warten, bevor der Prozess losgehen kann. So läuft das, wenn man vom Staat was will. Die verdammten Eierköpfe halten sich für was Besseres, und das passt mir nicht.«
Edgars hob beschwichtigend die Hand (das alles war ihm nicht neu) und sagte: »Wo ist der Verdächtige?«
»Sitzt da drüben in meinem Truck. Platschnass von der Hüfte abwärts.«
Edgars schaute blinzelnd hinüber. »Wer ist es?«
»Ein Typ namens Zeke Hathom.«
»Hathom. Ist das der, wegen dem du mich schon mal angerufen hast? Wegen Einbruchs gesucht?«
»Das war sein Sohn. Die ganze verdammte Familie ist kriminell.«
»Klar. Nicht überraschend, oder? Was ist aus dem Jungen geworden?«
»Ist noch nicht gefunden. Entweder hat er sich irgendwo verkrochen oder das County verlassen.«
»Das fuchst dich bestimmt. Na, was soll’s, einen hast du.«
»Aber mir ist nicht ganz wohl dabei. Zeke ist beliebt. Geht in die Kirche, arbeitet im Sägewerk. Keine Akte, bis auf ein bisschen Glücksspiel. Als junger Kerl auch mal Ruhestörung wegen Trunkenheit.«
»Tja. Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen. Vielleicht hat er bisher einfach Glück gehabt, und jetzt holt ihn das Pech ein. Alles hat seinen Preis.«
Sie standen einen Moment lang schweigend da, als ob in dieser Aussage eine verzerrte Tiefgründigkeit liegen würde, die sie erst mal überdenken müssten.
Edgars brach das Schweigen. »Zeig uns die Leiche.«
Sie gingen zu dem Toten, der hinter dem Absperrband lag. Troy kommentierte die fehlenden Augen mit »Herrgott«, setzte seine Brille auf, zog Handschuhe über und betrachtete die Stiche im Rücken.
»Dein Deputy hat ihn rausgezogen?«
»Ja.«
»Gut so, sonst hätten wir gar nichts.«
Edgars holte die Rettungssanitäter, die halfen, den Toten in den Leichensack zu legen, dann gingen er und Troy zu Mills’ Truck, um den Papierkram zu erledigen, damit Troy die Leiche mitnehmen konnte.
Edgars meinte: »Du hast gesagt, das Opfer hatte keinen Ausweis bei sich. Gibt’s wen, der ihn identifizieren kann?«
In dem Moment fuhr ein grüner 93er Honda Accord auf den Hof und hielt in einer Staubwolke. Die Tür auf der Beifahrerseite war zerbeult, die Stoßstange wurde teilweise von aufgeribbeltem Klebeband festgehalten. Ferriday Pace stieg aus, der aufgewirbelte Staub vermischte sich mit dem Qualm aus der Brandruine.
»Mein Haus!«, schrie sie. »Mein Haus!«
Sie rannte an Will vorbei und wich hakenschlagend Sheriff Edgars’ Männern aus. Trauer umgab sie wie ein Dunst aus Blut und Tod, sie schrie »Oh mein Gott!«, dann brach sie schluchzend zusammen.
Sheriff Mills lief zu ihr. Als sie ihm ausweichen wollte, fing er sie mit erstaunlicher Geschmeidigkeit ein und umarmte sie fest. Da sie sich widersetzte, sah es kurz so aus, als würden sie tanzen wie zwei Schlafwandler, bis sie aufgab und in seinen Armen weinte.
»Wo ist er?«, fragte sie. »Wo ist Tom?«
Mills sah ihr ins Gesicht und streichelte ihr über den Rücken. Sie wollte sich wieder losreißen, aber er hielt sie fest und sprach mit ihr wie mit einem Pferd oder einem Hund oder einem Baby, ein tröstliches, fließendes Flüstern, das nur sie verstehen konnte. Sogar das Kaugummikauen stellte er ein, bis sie sich ein wenig zu beruhigen schien. Will sah es, hob die Kamera, hörte mehrmals den Auslöser klicken, bevor ihm klar war, was er tat. Er hatte Mills immer für einen good ol’ boy gehalten, der über seinen Job nicht hinausdachte. Und jetzt tröstete er eine Frau, die gleich erfahren würde, dass der Vater ihres Kindes tot war.
»Ich hab dich«, sagte Mills leise, als wäre er allein mit Day, die gut seine Tochter oder Enkelin hätte sein können. Sie nickte, schaute auf in sein zeitloses, kantiges Gesicht, die Muskeln unter den hervorstehenden Wangenknochen, die Haut gebräunt, das silbrige Haar kurz geschnitten, wie ein Kind, das etwas zum ersten Mal sieht. »Bleib hier. Sch-sch«, sagte er. »Wir kümmern uns um alles. Alles wird wieder gut. Alles wird gut.«
Sie schien in einer Art Trance zu sein. Mills führte sie beiseite, weg von der Stelle, wo Toms Leiche lag. Sie würde ihn identifizieren müssen.
»Aber Tom.«
»Miss, er ist verstorben. Es tut mir leid.«
Sie brach in Mills’ Armen zusammen. Mills nickte einem der Rettungssanitäter zu, der kam, um nach ihr zu sehen, aber nach einem kurzen Augenblick hatte sie sich wieder gefasst.
Sheriff Mills sagte: »Woher kommen Sie gerade, Miss Pace?«
Will ging zum Accord und stellte den Motor ab. Auf der Rückbank starrte ihm ein Baby entgegen. Toms Baby, Destinee, zuckersüß. Bei seinem Anblick fing sie an zu weinen.
»Ich war unterwegs«, sagte Day. »Und habe auf dem Rückweg in die Stadt noch eingekauft.«
»Wann haben Sie die Stadt verlassen?«
»Gestern Nachmittag.«
Das Baby weinte, ein zahnloses, quäkendes Heulen.
Miss Pace ging zu ihrer Tochter, nahm sie in den Arm und wiegte sie; das Baby starrte die Männer reihum an.
»Kommen Sie mit aufs Revier«, sagte Sheriff Mills. »Wir kümmern uns darum, dass Sie alles haben, was Sie brauchen.« Er tippte sich an den Hut und fügte hinzu: »Mein Beileid.«
Day schaute benommen. Mills ging zu Will und sagte leise: »Ein Glück, dass das nicht in der Stadt passiert ist, da hätten wir es mit einer Menschenmenge zu tun. Ich mache hier alles fertig und bringe dann Zeke rüber ins Gericht.«
»Brauchen Sie meine Hilfe?«
»Kümmer dich um die Fotos, dann fahr nach Hause und wasch dich, wir treffen uns um zehn im Büro. Ich will, dass du dabei bist, wenn ich mit Zeke rede.«
»Yessir.«
»Buddy und Silas sollen hier draußen bleiben. Gute Arbeit.«
Will umrundete die immer noch qualmende Ruine, so gut es ging, machte Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven und drehte ein Video. Er glaubte nicht, dass es viel nutzen würde. Feuer war des Verbrechers bester Freund. Er dachte an Zeke. Verdammt, er hatte Mr. Hathom verhaftet. Es schien eine Ewigkeit her zu sein.
Als er fertig war und gehen wollte, nickte Silas ihm zu, die Daumen im Gürtel. »Gut gemacht, Kumpel.« Will musste wohl verdutzt gewirkt haben, denn Silas fügte erklärend hinzu: »Dass du da reingegangen bist und die einzigen Spuren gerettet hast, die noch übrig sind.«
»Da ging’s bestimmt entweder um Geld oder um Shit«, sagte Buddy. »Solche Leute kloppen sich immer um Geld und Drogen.«
Will nickte, stieg in seinen Truck, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen, wäre fast eingenickt und verschwunden. »Fuck«, sagte er seufzend.
Er fuhr auf Nebenstraßen zurück zum Gut, an den heruntergekommenen Hütten und Trailern seiner Schwarzen Vettern vorbei, die um die Plantage herum versprenkelt lagen wie in einer Umlaufbahn oder von einem Magneten festgehalten, zeitlich wie räumlich. Er rumpelte an Feldern mit Tabak oder Sojabohnen vorbei, überwacht von leer stehenden Sperrholztürmen vor hohen Kiefern, und parkte hinter dem Haus, das im Sommer hinter den Bäumen von der Straße aus kaum zu sehen war und sich im Winter als dunkle Silhouette auf einem sanften Hügel vor dem Himmel abhob. Der Hof war so überwuchert, dass er wie ein verworrener Dschungel wirkte, in dem die Plakette mit dem Erbauungsjahr – 1819 – und dem Namen des Hauses – Promised Land Plantation – ebenso verschwunden war wie das »Zu verkaufen«- Schild, das nun schon seit einem Jahrzehnt neben der Straße im Boden steckte. Die Bäume drängten sich an das Gebäude wie alte, windschiefe Männer. Einzig das Haus selbst schien eine Art Stolz auf etwas lang Verdrängtes oder Vergessenes zu verströmen. Oft drangen Schlangen ein, glitten über die kaputten Böden, hinterließen ihre langen, verschrumpelten Häute als Zeugen gequälter Einsamkeit, die wie krakelige, unleserliche Buchstaben eines Irren in den Nischen schliefen. Jeden Abend musste er unter seinem Bett nachschauen. Das Haus war eine Bruchbude. Nur ein Fenster war nicht zugenagelt, einfach deshalb, weil derjenige, der sie zugenagelt hatte, nicht genug Sperrholz gekauft hatte. Und das Projekt aufgegeben hatte, genau wie das Haus.
Er stieg aus dem Truck, schloss die Tür, fühlte sich alt und wund und schwer und sehnte sich nach einer Dusche. Kudzu bedeckte den Weg mit grüner, fruchtbarer Monotonie und ließ die oft harte und dornige Landschaft weicher wirken, wie Fleisch an Knochen.
Er zog draußen die Schuhe aus, klopfte sie ab und stellte sie neben die Tür. Die Socken beutelten um seine Zehen. Er öffnete die Tür zur hinteren Veranda – in den Fünfzigerjahren nachträglich angebaut, eine Gefriertruhe für Wild summte dort, eine Art verrosteter Sarg – und setzte Kaffee auf. Während der durchlief, zog er seine verdreckte Kleidung aus, duschte und rasierte sich.
Er zog seine Uniform an und setzte sich mit einem dampfenden Kaffeebecher an die Küchentheke. Während er den obersten Knopf seines aus der Hose hängenden gestärkten Hemds betastete, schaute er auf den Hof, die Sonne brannte auf graue, ausgelaugte Erde herunter. Er hatte vorgehabt, heute nach Richmond rüberzufahren, aber daraus würde nichts werden. Sam würde damit leben müssen. Diese Geschichte änderte alles.
Er hatte Edgars und Mills über die Hathoms sprechen hören und auch Mills’ Bemerkung mitbekommen, dass Sam, auf den ein Haftbefehl ausgestellt worden war, sich wahrscheinlich irgendwo verkrochen oder aber die Gegend verlassen hatte. Will dachte an jene Nacht im letzten Monat zurück, in der er zu einem Einbruch gerufen worden war und den Täter gestellt hatte, als der mit einem Rucksack voller Tafelsilber stolpernd wegrannte. Will war aus dem Truck gesprungen und hatte sich auf den Dieb geworfen, der ihm noch einen Schlag in die Magengrube verpasste, bevor die Handschellen zuschnappten. Der Dieb hatte geflucht und geheult und flehend Wills Namen gerufen. Will, verwundert, dass der Mann ihn kannte, war aufgestanden, hatte sich die grasbefleckte Uniform abgeklopft, den Dieb hinten in seinen Truck geschoben, das Innenlicht angeschaltet und ihn im Rückspiegel betrachtet. Und ihn fast nicht erkannt. Sam war kaum mehr als ein Schatten seiner selbst gewesen. Will kannte die Gerüchte – Drogenentzug, Haftbefehle –, aber wie war es möglich, dass jemand, der ihm so vertraut war, sich äußerlich so verändert hatte? Von Sams alten Verletzungen wusste er, aber das hier war etwas anderes, und es erinnerte ihn daran, dass er zehn Jahre lang weg gewesen war. Sam war abgemagert, das Gesicht zerkratzt und voller Narben und Blut. Eine der möglichen Nebenwirkungen, wenn man Heroin mit Fentanyl verschnitt, wie Will erfahren sollte.
»Was zum Teufel machst du da?«, hatte Will gefragt.
»Löffel klauen.«
»Du weißt, dass du mit Haftbefehl gesucht wirst?«
»Ich bin in jedem Fall am Arsch. Kann genauso gut einfach weitermachen, bis ich geschnappt werde.«
»Tja, ist passiert.«
»Fick dich.«
»Es hieß, es würde dir ganz gut gehen. Ich dachte, du bist auf Entzug.«
»Ich war neunundachtzig Tage clean, Mann.«
»Und was ist dann passiert?«
»Das verstehst du nicht. Du bist genau wie all die anderen Motherfucker, die mir sagen, was ich tun und lassen soll. Ist echt einfach, auf dem hohen Ross zu hocken und mir zu erklären, wie ich leben soll. Fick dich.«
»Wie kannst du so was zu mir sagen?«
»Du bist weg.«
»Du weißt genau, dass ich keine Wahl hatte.«
»Na los. Buchte mich ein. Is mir scheißegal.«
In dem Moment meldete sich Tania über Funk.
»Will, melde dich. Wie ist dein Status?«
Will zog das Funkgerät zu sich heran, schaute wieder in den Rückspiegel, sah, dass sich auf seiner Wange ein blauer Fleck ausbreitete, und flüsterte: »Scheißkerl.« Sein Blick traf den von Sam. »Fuck«, sagte er seufzend und drückte immer noch nicht den Sprechknopf.
»Will, dein Status?«, fragte Tania.
»Keine Spur vom Täter.«
»Wiederhol das!«
»Keine Spur vom Täter. Hat mich abgehängt.«
»Verstanden«, sagte sie. Er kannte sie gut genug, um den Was-zur-Hölle-Unterton in ihrer Stimme wahrzunehmen. Sie würde dem Sheriff Bericht erstatten müssen und einen Anschiss kassieren. Später würde Will einen Anschiss kassieren. Der Sheriff setzte alles daran, Schlagzeilen zu vermeiden, die die Polizei in ein schlechtes Licht rückten. Und wie zur Hölle sollte Will sein blaues Auge und die Grasflecken auf der Uniform erklären?
Als Will sich umdrehte, sagte Sam: »Scheiße, Bruder. Jetzt steckst du mit drin.«
Will sah ihn wütend an und öffnete den Mund zu einer derben Antwort, aber Sam lachte laut. Und Will musste mitlachen.
Jetzt durchquerte er den Flur. Das Haus war mit breiten Dielen ausgelegt, im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte abgewetzt, dort heller, wo einst feine Teppiche gelegen hatten. Er kam am Salon mit der mottenzerfressenen Tapete aus den 1830er-Jahren vorbei, stieg die Treppe hinauf und betrat das ehemalige Zimmer seiner Schwester, in der neben einem Bücherstapel eine Matratze auf dem Boden lag.
Will schüttelte Sam. »Yo«, sagte er. »Kaffee ist fertig.« Er zog die Decke weg, schüttelte Sam noch einmal und kehrte in die Küche zurück.
Er schaute durch das Verandafenster hinaus über die Felder und die vereinzelten Bäume. Eine Vegetationshölle, wuchernd und trotzdem trostlos, eine üppige Wüste. Will hatte Sam aufgenommen, weil er glauben wollte, dass die Vergangenheit nicht die Zukunft bestimmen musste, und Sam sollte ebenfalls daran glauben. Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes. Virginia veränderte sich und hängte Orte wie Euphoria County ab. Will fragte sich, warum Menschen zu den Dingen und an die Orte zurückkehrten, die sie quälten. Anscheinend hatte das Leben kein Ziel, sondern führte immer wieder an denselben Punkt zurück.
Will hörte das Klackern einer Gürtelschnalle. Sam kam zitternd in die Küche, kratzte sich am Hinterkopf, schlurfte durch den im Sonnenlicht treibenden Goldstaub. Trotz des bleichen linken Auges, des hektischen Blinzelns, der schiefen Nase und der Tatsache, dass er beim Gehen mehr Gewicht auf das linke Bein legte, sah er gesünder als noch vor einem Monat aus. Immer noch zu dünn, linkisch und voller Narben, aber die Arbeit im Freien hatte ihm gutgetan.
Sam betrachtete Wills Arm. »Was ist denn mit dir passiert?«
»Nichts.« Will winkte ab. »Wie hast du geschlafen?«
»Ganz gut. Warst du die ganze Nacht draußen?«
»Ja«, sagte Will. Er war unschlüssig, ob er noch mehr sagen sollte, schenkte stattdessen Kaffee ein und reichte Sam den Becher. »Bei den Wassermelonen muss Unkraut gejätet werden, so viel wie möglich. Pass auf die Ranken auf. Und die Schwarzaugenbohnen sind pflückreif. Die Tomaten müssen beschnitten und hochgebunden werden. Der Friedhof sieht gut aus. Der Tabak auch.«
»Du hast gesagt, du würdst heute nach Richmond fahrn.«
»Sobald ich es schaffe.«
»Du hast heute gesagt. Oder hast du noch was, von dem ich nichts weiß.«
»Ich hab nur Gras, aber greif ruhig zu.«
»Ich rede nicht von Gras.«
»Ich fahre, sobald ich kann. Es ist was passiert.«
»Du hast’s versprochen.« Sam war den Tränen nahe.
»Sam, Tom Janders ist tot.«
»Tot?« Sam wich zurück und hob instinktiv die Hand, um sich das Gesicht zu kratzen.
»Er ist heute Morgen ums Leben gekommen.«
»Wie? Ich muss hin …«
»Du kannst auf keinen Fall dahin. Tom ist tot. Du kannst nichts mehr tun.«
»Aber was ist mit seiner Mama? Und mit Day?«
»Ich werde nach ihnen sehen. Aber wenn rauskommt, dass du hier bist, stecken wir beide tief in der Scheiße. Kümmere dich heute um den Garten. Ich versuche, wegzukommen. Aber während einer Mordermittlung …«
»Mord? Mord? Wer zum Teufel würde Tom umbringen?«
Will konnte nicht fassen, dass ihm das rausgerutscht war. Er war müde und unkonzentriert. Und Sam durfte auf keinen Fall erfahren, dass sein Vater der Hauptverdächtige war. Sonst würde er sofort losrennen. Und entweder erwischt werden oder sich womöglich eine Überdosis setzen (er hatte Glück, überhaupt noch am Leben zu sein). Es war besser, er wusste nichts davon. Will schaffte es, die Wahrheit zu sagen, ohne Zekes Verhaftung zu erwähnen: »Ich weiß es nicht. Versprich … versprich mir, dass du hierbleibst, wie abgemacht. Bis wir wissen, wie es weitergeht.«
»Hast du mein Handy noch?«
»Das gehört zu unserem Deal. Du kannst jetzt niemanden anrufen. Telefonate können geortet werden.«
»Fuck, Mann. Wo ist das Gras?«
Will machte sich auf den Weg zum Gericht. Er sah vor sich, wie Tom aus dem Tabakfeld getreten war, aus den letzten dreizehn Jahren heraus, Sam in den Armen tragend. Es war Wills Schuld, und damals wie heute schloss er die Augen vor einer kaputten, sündhaften Welt.
Als Floressa Hathom das Gerichtsgebäude in Dawn erreichte, führte Sheriff Mills ihren Mann gerade Richter Allen vor, einem schläfrigen Mann mit roter Nase, weißen Haaren und einem Gesicht wie ein zusammengezogener Tabakbeutel. Die Handtasche über ihrer Schulter wirkte winzig an ihr, sie trug ihre Sonntagskleidung, das Haar war geglättet, die Augen rot und erschöpft. Will Seems kam ein paar Minuten zu spät herein, dann berichteten Sheriff und Deputy von den morgendlichen Ereignissen – dass Will Seems Tom Janders tot aufgefunden hatte, dass Zeke vom Tatort hatte fliehen wollen, verfolgt und gefasst worden war –, und der Richter verfügte, Zeke bis mindestens zur Anklageerhebung am Freitag, also übermorgen, ohne Kaution im Gefängnis von Euphoria County in Untersuchungshaft zu belassen. Keiner der Männer, weder der Richter noch Zeke noch der Sheriff noch Will, nahmen Notiz von Floressa. Alle schienen sich vor ihr zu schämen.
Als Zeke abgeführt wurde, stand sie vor dem Gerichtsgebäude und tupfte sich die Augen mit einem Taschentuch. Wenige Minuten später stieß sie die Tür des Sheriff’s Department auf.
»Ich will mit Zeke sprechen«, sagte sie.
Bevor Tania antworten konnte, trat Sheriff Mills aus seinem Büro.
»Mrs. Hathom«, sagte er.
»Bringen Sie mich zu meinem Mann.«
»Wir sind noch nicht dazu gekommen, ihn zu befragen.«
»Sie wissen, dass die beiden befreundet waren. Sie können jeden fragen.«
»Haben Sie noch nie erlebt, dass Freunde in Streit geraten?«
»Das ist hier nicht der Fall. Ich habe Zeke gestern Abend gesehen. Er war nicht wütend auf Tom.«
»Mrs. Hathom, unsere Aufgabe ist es, alle Möglichkeiten, die zu Toms Tod geführt haben könnten, in Betracht zu ziehen. Wir gehen der Sache auf den Grund, das verspreche ich.«
Floressa hatte Will entdeckt. »Steck einen guten Jungen in eine Uniform, und er wird sich ändern.«
»Nein, Ma’am«, sagte Mills. »Hier macht ein guter Mann nur seinen Job.«
»Stimmt wohl, was gesagt wird«, gab sie zurück. »Wie der Vater, so der Sohn.«
Sie sah Will böse an, suchte nach Schwäche, nach Weichheit und Stärke.
»Zeke is unschuldig«, sagte sie zu allen. »Alle wissen, dass der Mann keinen Tropfen böses Blut in sich hat. Manchmal wünschte ich mir, es wär anders. Stattdessen muss ich die Böse sein.«
»Lassen Sie uns unsere Arbeit machen, Mrs. Hathom«, sagte Mills. »Sobald die Laborergebnisse da sind, geben wir Ihnen Bescheid.«
»Mr. Mills, nicht immer sind Beweise das Wichtigste. Es gibt Dinge, die man nicht sehen kann. Es gibt Dinge, an die man glaubt. Sie glauben an das Gesetz wegen der Gerechtigkeit, für das es steht.«
»Glauben bringt einen in diesem Job nicht weiter. Das ist was für hübsche weiße Kirchen.« Er hob die Hand, als würde er einen Eid schwören wollen. »Natürlich glaube ich an Gott, ich wurde als gottesfürchtiger Christ erzogen. Der Glaube hat seine Berechtigung, aber man muss Vertrauen mit gesundem Zweifel ausgleichen. Sonst verliert man den Halt.«
»Sie zweifeln also an Zeke, einem Mann, der nie wem geschadet hat, außer wenn er betrunken war und angegriffen wurde.«
»Jeder ist zu allem fähig, Mrs. Hathom. Auch wenn das kein schöner Gedanke ist.«
Sie wollte widersprechen, sah dann aber Will an.
»Das ist wohl wahr«, sagte sie und wandte sich wieder an den Sheriff. »Ich komme später wieder und erwarte, ihn dann zu sehen.«
Sie drehte ab und marschierte mit schweren Schritten nach draußen, als würde sie eine unsichtbare Last tragen.
»Deputy«, sagte Mills.
Will folgte dem Sheriff in sein Büro, setzte sich und musterte Ferriday Pace, die dort wartete. Sie sah hübsch, aber mitgenommen aus, und drückte das Baby an sich, die großen, abgründigen Schattenaugen in dem sommersprossigen Gesicht schauten durch eine lose Strähne des honigblonden, sanft gewellten Haars. Sie sah fast aus wie ein Kind. Will hatte sie nur ein paarmal aus der Ferne gesehen, im Supermarkt oder auf einem Parkplatz, aber irgendetwas an ihr wirkte vertraut und machte ihn stutzig. Vor zwei, drei Wochen war er Tom über den Weg gelaufen und überrascht gewesen, wie traurig er wirkte, was mit irgendwelchen häuslichen Problemen zusammenzuhängen schien. Vielleicht lag es auch einfach an der Gegend: Euphoria County schien sich für viele seiner Bewohner wie eine Schraubzwinge anzufühlen, die sich immer enger zog, entweder wurde man zerquetscht oder hinausgedrückt, um sich anderswo ein Leben zu suchen. Früher in der Highschool war Tom zu Großem bestimmt gewesen. Jetzt fragte sich Will verwundert, wieso sich Tom mit einem Leben mit dieser Frau zufriedengegeben hatte, die einen ähnlichen starken und glücklosen Kummer verströmte wie Tom. Sie war achtundzwanzig, drei Jahre jünger als Tom, wirkte aber alt und verbittert. Ein blauer Fleck auf ihrer Wange war überschminkt. Sie legte eine Art grelle Scham an den Tag und war angezogen wie ein kleines Mädchen, das durch reine Willenskraft billige Fetzen zum Strahlen bringen kann. Die Fingernägel waren in dem vietnamesischen Studio, in dem sie arbeitete, mit lila Glitzer verziert worden, das T-Shirt mit dem V-Ausschnitt ließ tief blicken, und ihre Jeansshorts war so kurz geschnitten, dass die Vordertaschen unter dem ausgefransten Rand auf die leicht gebräunte, sommersprossige Haut hingen. Auf dem Unterarm und am Fußgelenk waren alte Tätowierungen zu sehen, grünlich verfärbt.
Sheriff Mills räusperte sich. »Wir wollen Ihnen bloß ein paar Fragen stellen. Das ist kein Verhör. Sie wissen, dass Sie das Recht haben, mit einem Anwalt zu sprechen, sollten Sie es wünschen?«
»Ich bin jetzt Mama. Ich hab nix zu verbergen.«
Die Absurdität ihrer Antwort brachte Mills dazu, kurz das Kaugummikauen einzustellen. Sie sprach wie ein Mädchen vom Land, weder weiß noch Schwarz, sondern farblos, und hatte eine Unsicherheit an sich, die Will selten gesehen hatte, aber die ihm sagte, dass Day schon viel erlebt hatte.
Sheriff Mills fragte: »Wann haben Sie Tom zum letzten Mal gesehen?«
»Gestern Morgen.«
»Dienstag, 19. Juli«, sagte er und schrieb es auf. »Und wo waren Sie gestern Nacht?«
»Nicht in der Stadt«, sagte sie, die Stimme schüchtern oder verlegen zum Ende hin hebend, sodass die Antwort wie eine Frage klang, als würde sie um Zustimmung bitten. Es sah aus, als würde sie gleich wieder weinen. Sie wischte sich mit den Händen über das Gesicht. Sheriff Mills räusperte sich.
»Wo dann? Warum? Helfen Sie uns, die Lücken zu füllen.«
»Ich möchte das nicht sagen«, erwiderte sie.
»Es wäre aber besser. Ihr Freund wurde ermordet.«
Sie hörte auf, das Baby auf dem Knie zu wippen, und schloss die Augen, als würde sie beten. »Ich dachte, er ist verbrannt.«
»Wir haben Hinweise auf eine andere Todesursache gefunden. Bitte. Erzählen Sie uns, was Sie wissen, wer das getan haben könnte, wo Sie sich aufgehalten haben, damit wir Ihnen helfen können.«
Sie seufzte, sah Mills an, tätschelte das Baby und zupfte ein Tuch über ihrer Schulter zurecht. Mit einer Hand zog sie ihr Portemonnaie aus der Handtasche, brachte ein gefaltetes Stück Papier zum Vorschein und gab es Will, als würde sie einen Zettel in der Schule weiterreichen, dabei ließ sie Mills nicht aus den Augen.
»Na?«, sagte Sheriff Mills.
»Eine Motelquittung«, sagte Will. »Das Rebel Inn.«
»Was haben Sie dort gemacht?«
»Ich habe meine Leute besucht.«
»Was für Leute?«, fragte Mills.
»Drüben am Sassafras Ridge. Ich nenne sie Granny. Wir sind nicht blutsverwandt, aber ich nenne sie Granny.«
Mills schien still zu lächeln. »Sie meinen die alte Wahrsagerin im Snakefoot?«
»Deswegen wollte ich nichts sagen«, erwiderte sie. »Sie lachen mich bloß aus.«
»Was wollten Sie bei ihr?«
»Ich besuche sie manchmal.«
»Aber warum übernachten? Die Rückfahrt dauert kaum eine Stunde.«
»Ich war müde. Das Baby musste gefüttert werden. Ich kann in einem Motel übernachten, wann ich will.«
»Gab es Probleme zwischen Ihnen und Tom?«
»Nein, Sir. Ich war einfach bloß müde.«
»Haben Sie Tom Bescheid gesagt, dass Sie wegbleiben würden?«
»Ich glaube, ich hab ihm eine Nachricht geschickt. Ich weiß nicht genau. Das Baby hat geweint, und ich musste sie füttern und hinlegen. Ich wusste, dass er in Arnies Lounge Karten spielt, sein ganzes Geld verkloppt, aber das ist jetzt auch egal.«
Das Baby hatte zu greinen begonnen und jaulte schrill. Day warf dem Sheriff einen Blick zu, in dem eine Frage zu liegen schien, die nur er verstand.
»Entschuldigen Sie mich. Sie muss gefüttert werden«, sagte sie mit zitternder Stimme, zwei Tränen rannen ihr übers Gesicht.
Sie nestelte an ihrem BH herum, und beide Männer sprangen auf und liefen zur Tür.
Mills sagte: »Wir warten draußen.«
In der Tür drehte sich Will um. Sie beobachtete ihn bereits.
»Waren Sie irgendwann zwischen Ihrer Abfahrt gestern Nachmittag und heute Morgen, als wir Sie gesehen haben, noch mal zu Hause?«
»Nein, Sir. Ich war die ganze Nacht weg, bis ich nach Hause kam und Sie alle da waren und mein Haus in Flammen stand«, ihre Stimme bebte, »und mein Mann war tot.«
»Deputy«, sagte Mills, und sie schlossen die Tür und gingen zu Wills Schreibtisch im großen Büro, der neben der alten Heizung am Fenster mit den geschlossenen Fensterläden stand. Will schob einen Aktenstapel beiseite. Tania war am anderen Ende des Raums beschäftigt.
Sie schwiegen verlegen, als würden sie die Luft anhalten.
Dann sagte Will: »Sie wissen, dass Zeke es nicht getan hat.«
»Nein, weiß ich nicht.«
»Ich kenne den Mann.«
»Das reicht nicht. Wir müssen auf die Ergebnisse warten. Das weißt du.«
»Ich weiß, dass es nicht gut für ihn aussieht. Aber da muss mehr dahinter sein.«
»Das kannst du nur vermuten. Du bist jetzt seit über einem Jahr mein Deputy. Du müsstest wissen, dass du Fakten nicht mit Befangenheit vermischen darfst.«
»Yessir, das weiß ich.«
»Was hattest du da draußen am gottverdammten Turkey Creek eigentlich zu suchen, als du den Brand gemeldet hast?«
»Ich war einfach draußen, bin eingeschlafen.«
Sheriff Mills schüttelte leise lachend den Kopf. »Du machst es dir nicht leicht. Schlechtes Gewissen? Albträume?«
»Ist Schlaflosigkeit verboten?«
»Denk dran, dass jemand mit weniger Verständnis wissen wollen würde, was du da draußen zu suchen hast und warum du dir die ganzen Strafakten da angesehen hast, als würdest du sie auswendig lernen wollen. Oh ja, denk nicht, das würde ich nicht mitkriegen.«
Er sah Will scharf an. Schmatzte auf seinem Kaugummi herum, atmete schwer, dachte nach. Er schien noch etwas sagen zu wollen, schüttelte dann den Kopf, als wäre das alles sehr schade und Will hätte nicht kapiert, warum.
»Du schleppst was mit dir rum, Junge«, sagte er schließlich. »Aber das heute Morgen hast du sehr gut gemacht. Dank dir haben wir vielleicht den Beweis, den wir brauchen. Ruf in dem Motel an, frag nach, ob Miss Pace da gewesen ist, und sag mir Bescheid.«
Mills sah sich im Raum um, dachte daran, was sich seit seiner Zeit als Deputy alles verändert hatte, wie es früher gewesen war, damals, als sein Daddy noch Sheriff war. Die Southside konnte rau sein, und der Job brachte einen an die Grenzen von Gut und Böse. Aber damals hatten Ermittlungen zum Ziel geführt, wenn man sich Mühe gab. Heutzutage, so kam es ihm vor, verrannte man sich, je tiefer man eindrang. Er sah in Will etwas, das er auf seinem Revier jahrelang vermisst hatte. Er war eine alte Seele. Er würde sich gut machen. Wenn er es schaffte, sich zurückzunehmen und als Teil des Teams zu arbeiten.
»In einem hatte Mrs. Hathom recht«, sagte Mills, »du bist genau wie dein Daddy.«
»Er ist weggelaufen«, sagte Will. »Ich bin zurückgekommen.«
»Ja, das stimmt. Und ich frage mich, ob aus dem Grund, aus dem du in deinem eigenen Haus keinen Schlaf findest. Wie auch immer. Ich brauche gleich morgen früh den Bericht auf meinem Schreibtisch.«
Will stand auf. »Yessir.«
»Musst du noch irgendwohin?«
»Ich dachte, wir wären fertig.«
»Noch lange nicht.«
Will räusperte sich. »Sir, Silas und Buddy sind am Tatort, und Troy hat die Beweise. Könnte ich den Nachmittag freihaben?«
Der Sheriff sah zu Boden. »Ich vergesse einfach, dass du gefragt hast. Wir müssen mit Zeke reden, das Haus der Hathoms durchsuchen, alle auftreiben und befragen, die Tom gestern Abend gesehen haben, du musst den Bericht schreiben, und als Erstes wirst du Mrs. Claudette Janders aufsuchen und ihr die Nachricht überbringen.«
»Sir?«
»Das Gerücht wird sich schnell verbreiten«, sagte er. »Sie hat das Recht, von uns über Toms Tod informiert zu werden. Und finde raus, ob sie willens wäre, Miss Pace zeitweilig aufzunehmen, bis sich alles klärt. Wenn du wieder da bist, machen wir uns an den ganzen anderen Kram.«
Sheriff Mills pfiff irgendetwas, streckte sich und stand auf. »Tania, Liebes. Gib Will die Adresse.«
»Ja, Sir«, sagte sie. Mills ging zu seiner Bürotür, klopfte und trat ein.
»Glückwunsch«, sagte Tania, als Will an ihren Tisch trat. »Weil du Tom rausgeholt hast, meine ich.«
»Ich wünschte, ich wäre nicht da gewesen.«
»Ich weiß«, sagte sie mit mitfühlendem Blick. »Aber denk dran, du hast Zeke das nicht eingebrockt. Du hast getan, was du tun musstest.«
Ihre Blicke trafen sich, er schaute weg. Tania war ein Jahr jünger als Will und im County aufgewachsen. Sie war aufs Community College gegangen, hatte dann die Polizeischule besucht und arbeitete seit einigen Jahren im Sheriff’s Department, besetzte aber immer noch den Notruf, verwaltete Akten und holte manchmal sogar das Mittagessen. Will hatte ein schlechtes Gewissen, weil er nach Mr. Gradys Kündigung eingestellt worden war, obwohl Tania die offensichtliche Kandidatin für den Job gewesen wäre.
Sie räusperte sich. »Bist du bereit? Brauchst du was zum Schreiben?«
»Sag’s mir einfach«, erwiderte Will.
»52 Walker Court Road«, sagte sie.
»52 Walker Court Road.«
Will verließ das Revier und war froh, draußen zu sein. Er setzte seinen Hut auf und sah sich um, sah die Rückseite des Denkmals für die Konföderierten Veteranen – unerschütterlich und dunkel wie ein Schatten unter zwei Magnolienbäumen vor den weißen Säulen des Gerichtsgebäudes von Dawn, Virginia –, blinzelte in das grelle Sonnenlicht auf den hellen, rissigen Gehwegen. Selbst jetzt, kurz vor der Mittagszeit, war kaum jemand unterwegs. 52 Walker Court Road. Er machte sich zu Fuß auf den Weg, dachte, Bewegung würde ihm guttun, schwitzte aber schon sein Hemd durch, bevor er die nächste Straße erreichte. Sie traf auf zwei weitere, zusammen mit einer parallel verlaufenden vierten bildeten sie einen absurd prächtigen, aber kleinen Platz, leer bis auf die dahinsiechende Bibliothek (geöffnet, aber nie besucht), die Apotheke und Antoinettes Restaurant. Von dieser Stadt hatte er in den Jahren seines Exils geträumt. Sie hatte sein Weltbild geprägt. Hier hatte alles angefangen, und seine Rückkehr hatte sich angefühlt, als würde er die Erde über einem Grab aufbuddeln. Er erinnerte sich deutlicher an seine Kindheit und Jugend als an das, was er heute Morgen erlebt hatte. Er erinnerte sich, früher in die Stadt gefahren zu sein, weil es sonst nichts zu tun gab, und viel zu jung – was niemanden kümmerte – am Steuer des
