Homevideo - Karin Kaçi - E-Book

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Karin Kaçi

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Beschreibung

Intensiv, drastisch und bewegend - das Buch zum vielfach ausgezeichneten TV-Film »Homevideo« (Grimme-Preis 2012) --- Jakobs Kamera ist wie ein Tagebuch. Mit ihr filmt der 15-Jährige, was ihn bewegt. Doch dann gerät ein selbstgedrehtes, intimes Video von ihm durch Zufall in die Hände von Mitschülern, die es ins Internet stellen. In kürzester Zeit verbreitet es sich in der ganzen Schule und weiter. Jakob wird ausgelacht, angemacht, gemobbt. Seine Freundin Hannah zieht sich zurück. Lehrer und Eltern wissen kaum, wie sie mit der Sache umgehen sollen. Keiner kann helfen, keiner kann die Hassbotschaften stoppen. Es bleibt nur ein Ausweg ...

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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»Jakob Moormann. Deine Slides waren schon mal besser, aber du bist ein ganz okayer Skater. Bist auch ein ganz okayer Kumpel. Und die Mädchen finden dich superokay.«

Ein Lachen knarzt ins Bild, der Sucher fängt Jakob ein. Er wirft einen müden Blick in die Kamera und rollt die Augen.

»Musst dich mal ranhalten, Alter!«, ruft Erik aus dem Hintergrund.

»Du bist jetzt in der Zehnten, Alter. Aber da seh ich dich auch nur pennen«, bekräftigt die Stimme des filmenden Jungen.

»Hier penn ich auch gleich ein.«

»Okay. Jakob! Was ich von dir wissen möchte …«

Ehe die Frage ausgesprochen ist, streckt Jakob seine Hand aus und reißt das Objektiv zu Boden. Nur noch grauer Beton ist zu sehen, auf dem die Skateboards brettern.

Claas lehnte sich zu den Lautsprechern des Computers vor, aber die Worte waren unter dem Gedröhne der Boards und dem Gejauchze der beiden anderen Jungs kaum mehr auszumachen. Bist du glücklich?, glaubte er herauszuhören. Er spulte das Video zurück, beugte sich noch näher an den Monitor heran, ließ die Stelle erneut ablaufen. Einmal, zweimal, dreimal.

Aber da war keine Antwort.

In dem Clip trug Jakob ein Sweatshirt mit bunten Graffiti darauf. Er hockte an der Halfpipe beim alten Bunker. Die Sonne blendete, es war Sommer. Diese Aufnahme von ihm war nur einige Wochen alt.

Claas bildete sich ein, das Lachen seines Sohnes aus dem Gedröhne und Gejauchze herausfiltern zu können.

Jakob musste glücklich gewesen sein. Er musste. Aber warum antwortete er dann nicht? Warum sprach er nicht lauter? Warum demolierte er diesem Mister X hinter der Kamera nicht die Fresse?

Claas schlug gegen den Beton im Bild, aber es blieb dabei: Nur das Rollen der Skateboards war zu hören und das Gelächter hinter dem Camcorder. Es hallte durch seinen Körper und ließ ihn erzittern wie jeder Wimpernschlag seines Sohnes davor. Kurze Augenblicke, so erschlagend offen, dass es Claas die Kehle zuschnürte.

Das Objektiv schwenkt zurück auf Jakobs Gesicht. Blasse, unverbrauchte Haut und dunkelblaue Augen. Sie blinzeln in die Sonne, dann direkt in die Linse.

Jakob reißt sich wieder zusammen und schweift zurück in die Gleichgültigkeit.

»Gib her …«, murmelt er so unaufgeregt, wie man mit fünfzehn gern sein will.

Er schnappt nach der Kamera und greift ins Leere.

Mein Sohn hat seine kindliche Stimme verloren und noch keinen Ersatz gefunden, dachte Claas. Jedem in dem Alter erging es so. Aber manche schrien dann umso lauter.

Erik stülpt Jakob von hinten eine Schirmmütze über. Der setzt sie wieder ab.

»Alter, entspannt euch mal …«, seufzt er.

Er zieht seinen Kumpel zu sich, nimmt ihn in den Schwitzkasten und flößt ihm einen Schluck aus seiner Bierdose ein.

»Trink mal lieber was.«

Das Zeug läuft Erik aus den Mundwinkeln, die beiden Freunde prusten los.

Jakobs Lachen. Hier sah man ein letztes Zeugnis davon. Es wirkte weder glücklich noch unglücklich. Aber schon damals, im Sommer, lag eine Zerbrechlichkeit darin, die er nicht verbergen konnte.

Der filmende Unbekannte feixt auch mit. Die Aufnahme verwackelt, die Gesichter liegen quer, ihre Boards und die Halfpipe auch. Dann richtet sich das Bild wieder auf und nimmt erneut Jakob ins Visier. Nur Jakob, als fokussierte sich der Sucher automatisch auf ihn.

Superokay, dachte Claas. Weil Jakob superokay war, hübscher als die pickeligen Arschlöcher, wärmer, leiser.

»Also! Was ich von dir wissen möchte und was bestimmt auch unsere Zuschauer brennend interessiert: Wie fühlt sich das eigentlich an, Jakob zu sein?«, fragt der Unbekannte.

Jakob streckt ihm den Mittelfinger entgegen, fick dich, und erwischt den Camcorder endlich. Es ist seiner.

Ein jeansblaues Pixelrauschen und wieder das Grau des Betons.

Es bretterte und juchzte und gackerte und schmerzte. Die Aufnahme brach ab und das Lachen des Gesichtslosen hinter der Kamera hallte in Claas nach.

Die ganze Nacht schon flimmerten die Bilder durchs Dunkel. Er konnte seine Augen nicht abwenden. Sie waren durchzogen von roten Äderchen und suchten die Antwort auf eine Frage, die vielleicht nie gestellt worden war. Bist du glücklich?

Am Schreibtisch seines Sohnes hatte Claas sich alle Videos angesehen, die Jakob in den letzten Jahren gedreht hatte. Nur wenige fehlten. Im Papierkorb neben ihm lag noch die Speicherkarte, die alles zerstört hatte. Jakob hatte sie vor wenigen Tagen erst zerbrochen.

Sie hatten ihm diesen Camcorder geschenkt. Sie, Claas und Irina. Zur Geburt seiner kleinen Schwester. Dreihundertneunundfünfzig Euro Beweis, wie sehr sie ihn liebten. Und zweiundachtzig Clips Beweis, wie sehr Jakob sie liebte.

Seine ersten Aufnahmen zeigten ausschließlich die Familie: Claas und Irina mit der frisch geborenen Amelie im Krankenhaus. Ostereier bemalen. Claas ein Buch lesend, während Irina den Kameramann durch das Wohnzimmer lotst und lachend ruft, das müsse man für die Nachwelt festhalten. Fleischfondue im Hochsommer.

Amelies erste Geburtstagskerze und die Gitarre, die sie Jakob zu diesem Anlass schenkten. Amelie, sich durch den Stühleparcours hangelnd, den Irina ihr aufreiht. Die Familie in der rotgoldenen Abendsonne am Falkensteiner Ufer, kariertes Tischtuch, Bastkorb, Brote, der Fluss, so unwirklich wie Margarinewerbung. Kanufahren auf der Elbe. Weihnachtsschmuck entwirren.

Zwei Geburtstagskerzen für Amelie und eine Spiegelreflexkamera für Jakob. Amelie auf seinem Bett hüpfend, Amelie mit Milchschnäuzer, Amelie im Bällebad, Amelie auf der Riesenrutsche, Amelie, Amelie und Amelie vergeblich darum bemüht, die Zauberkerzen auf ihrer Geburtstagstorte auszupusten.

Ihr dritter Geburtstag und kein Geschenk für Jakob.

Dann nur noch Ollies und Kickflips. Skateboardtricks seiner Freunde am alten Bunker.

Dann vorbeiziehende Wälder, Containerschiffe am Hafen, verwackelte Aufnahmen vom Fahrrad aus, Farbrauschen am Falkensteiner Ufer und Cola, die über einen Rinnstein in einen Gully fließt.

Claas und Irina tauchten nicht mehr in seinen Videos auf. Irgendwann waren sie aus Jakobs Sichtfeld verschwunden. So wie er aus ihrem.

Es war nun fünf Tage her. Sie hatten nichts angefasst, nicht einmal die Tür geöffnet. Bis jetzt.

Der Morgen dämmerte bereits. Claas saß immer noch am Schreibtisch seines Sohnes und spielte die Aufnahme seines letzten Lachens ab. Er ballte die Faust, bis er seine Finger nicht mehr spürte. Er wünschte, Jakob würde hereinstürmen, sich beschweren, ihn anbrüllen, das sei privat, das gehe ihn einen Scheiß an, das sei sein Leben. Ihn aus seinem Zimmer jagen. So wie Teenager es mit ihren bescheuerten Eltern machten.

Aber als die Aufnahme abbrach, blieb es still. Das Haus hatte sich geleert. Auch Irina und Amelie waren fort.

Replay.

»Jakob! Was ich von dir wissen möchte …«, amüsiert sich der Unbekannte hinter der Kamera.

Jakob reißt das Objektiv zu Boden, grauer Beton, der brettert und juchzt und gackert.

Claas wollte ihn zertrümmern, seine Faust verharrte in der Luft, zitterte und schlug auf seinen Kopf ein.

Er musste dieses fremde Lachen loswerden. Es hatte sich über das Gesicht seines Kindes gelegt.

1Rehe erstarren im Scheinwerferlicht. Alle machen das, nur manche verharren länger. Man sollte abblenden und bremsen, um sie nicht zu überrollen. Aber einige haben immer Pech. Sie möchten sich in die Dunkelheit retten und verenden dann in einem Stacheldrahtzaun.

In Jakobs Zimmer hing eine ganze Bilderserie von einem Reh, das gerade dabei war, aufgespießt an einem Stacheldrahtzaun zu verbluten. Jakob hatte es im Sommer fotografiert, als er auf seinem neuen Rad zufällig an der Unglücksstelle vorbeigefahren war. Das Mountainbike hatte er sich zum Geburtstag gewünscht. Zu seinem Geburtstag. Er wusste nicht mehr, wohin er damit hatte fahren wollen an jenem Morgen. Es war ein Samstag gewesen und er wollte nur weg.

Radfahren war immer gut. Beim Radfahren konnte er abschalten. Am liebsten fuhr er gegen den Wind, dann übertönte das Rauschen in seinen Ohren die ganze Scheiße zu Hause. Das mussten seine Eltern gewusst haben, als sie ihm den Geburtstagswunsch erfüllten.

Nachdem er das sterbende Reh auf der Landstraße abgelichtet hatte, war er zurückgekehrt. Sie hatten mit dem Frühstück auf ihn gewartet und endlich einmal geschwiegen.

Wieder so ein Morgen. Jakob lag in seinem Bett und starrte an die weiße Wand, als sei sie das Scheinwerferlicht. Irgendwann schweifte sein Blick über die A3-großen Ausdrucke des krepierenden Rehs und blieb an der Nahaufnahme des Auges hängen, ein riesiger, stiller See, ein tiefer Krater inmitten einer warmen Felllandschaft, während seine Eltern da draußen die Wohnung auseinandernahmen.

Unter der Woche fanden ihre Streitigkeiten normalerweise ein schnelles Ende. Jeder musste zur Arbeit, zur Schule oder in den Kindergarten. Aber seit einiger Zeit kamen alle zu spät.

»Lass mich, bitte, lass mich«, insistierte seine Mutter.

Eine Tür knallte, ein dumpfer Schlag auf Holz folgte. Das Gepolter im Flur riss Jakob montags bis freitags aus dem Schlaf, der beschissenste Wecker, den man sich vorstellen konnte.

»Ich muss dir doch nicht hinterhertelefonieren, wenn du dich die ganze Nacht herumtreibst!«, schrie sein Vater.

»Herumtreiben? Du redest einen solchen Unsinn, Claas.«

»Ja. Ich rede Unsinn. Vollkommen klar. Ich bin der Idiot.«

»Du bist der, der immer anfängt!«

»Von dir kommt ja nichts!«

»Weil ich durch bin, verstehst du, ich bin durch damit!«

»Durch!? Durch, wie man mit dem Fensterputzen durch ist und der Steuer?«

»Ach, Claas …«

Jakob zog sich die Decke über den Kopf. Fünf Zentimeter Lärmdämmung. Wenn er die Daunen frisch aufbauschte, waren es dreizehn. Seit einigen Wochen reichten auch die nicht mehr aus. Er wusste nicht, wer von beiden der Idiot war. Er wusste nicht einmal, worüber sie stritten. Vielleicht wussten sie es selbst nicht mehr. Das Geschrei, das Jakob aus dem Haus trieb, bestand schon lange nur noch aus leeren Worthülsen.

Auch seine Mutter blieb neuerdings manchmal weg.

Doch jetzt stolperte Irina mit Amelie auf dem Arm in sein Zimmer. Sie knipste die Nachttischlampe an und lupfte seine Decke.

»Hey. Ist schon halb acht. Du musst hoch.«

Ihre Stimme war wieder so weich wie die einer Mutter. Aber sie konnte Jakob nicht täuschen. Alles an ihr war auf dem Absprung.

»Bist du jetzt wieder fröhlich?«, fragte Amelie sie.

Irina nickte stumm.

Jakob nahm spontan ihre Hand und legte sie an seine Wange. Sie hatte ihre Wärme nicht verloren.

Für einen Moment sank seine Mutter auf die Bettkante, als hätte Jakob sie direkt am Herzen gepackt. Normalerweise war er derjenige, der sich ihr entzog, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit umarmte, küsste oder schlimmer noch: mein Großer nannte.

Diese Geste jetzt irritierte Irina. Sie streichelte ihrem Großen über das Haar und riss sich los. »Komm, du musst hoch.«

Im Türrahmen lauerte Claas bereits.

Der Flur war zu schmal, um sich aus dem Weg zu gehen. Irina schlängelte sich an ihm vorbei und von Zimmer zu Zimmer, sammelte Taschen, Jacken und Schuhe ein und zerstreute alles wieder. Claas folgte ihr auf Schritt und Tritt. Das war ihre allmorgendliche Choreo, mit der sie bald bei Got to Dance auftreten konnten.

Den dazugehörigen Sound kannte Jakob schon auswendig. Es rumpelte im Flur, Schranktüren knallten, Kleiderbügel klapperten, Füße stapften und irgendwo dazwischen atmete ein Kind.

Jakob raffte sich müde auf und tastete nach seinen Kopfhörern.

Sein Vater sagte: »Man schickt eine SMS und dann kann man machen, was man will, ja?! Ohne Rücksicht auf Verluste? Das kotzt mich an!«

Seine Mutter sagte: »Ich hatte Wein getrunken, ich konnte nicht mehr fahren.«

Er sagte: »Du hast hier immer noch eine Familie, wenn ich dich daran erinnern darf!«

Sie sagte: »Nein, das darfst du nicht! Wer kümmert sich denn hier um alles?! Ich krieg hier keine Luft mehr!«

Er sagte: »Dann macht man das Fenster auf, aber man reißt nicht gleich das ganze Haus ab!«

Sie sagte ruhig: »Du willst es nicht verstehen. Ich kann nicht mehr …«

Jakob schlich mit seinen Kopfhörern auf den Ohren aus seinem Zimmer und schob sich im schmalen Schlauchflur an ihnen vorbei Richtung Bad. Eine Minute hätte er noch warten sollen. Denn nun sah er seinen Vater, wie er ihn nicht sehen wollte. Immer noch in Unterhosen und mit seiner dunkelblauen Uniformhose in der Hand, ein kräftiger, durchtrainierter Mann, dessen Augenlider verdächtig zitterten.

Als Kind hatte Jakob geglaubt, Polizisten fürchteten sich vor nichts und hätten alles im Griff. Aber jetzt wusste er es besser. Sogar sein unerschütterlicher Vater konnte nicht mehr ignorieren, dass seine Frau am Ende des Sprungbretts stand. Auf den Zehen balancierend hatte sie in den letzten Monaten so lange gewippt, bis das Brett nun aus eigener Kraft schwang. Bald musste sie abspringen oder sie würde die Balance verlieren und stürzen. In beiden Fällen wäre sie weg. Selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie das Sprungbrett nicht mehr stoppen können.

Aber sie wollte gar nicht. Das war es, was seinen Vater so aufwühlte.

»Lass dieses Gebrülle vor den Kindern!«, brüllte er und flüchtete mit Jakob ins Bad.

Dort schwenkte er die Hand vor seinen wässrigen Augen und presste tonlos ein »Die spinnt« heraus.

Sein Vater verwechselte manchmal etwas. Er schwieg, wenn er glücklich war, und er schrie, wenn er traurig war. Das hatte Jakob lange Zeit verwirrt. Mittlerweile wusste er, wie er darauf zu reagieren hatte. Gar nicht. Das Gesicht auf neutral stellen, in Gleichgültigkeit abdriften und unsichtbar werden. Das konnte er inzwischen gut.

Er erwiderte den Blick seines Vaters im Spiegel kurz, spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken und ging hinaus.

»Nicht mal ein Guten Morgen kriegt er raus. Das ist doch nicht auszuhalten. Das ist Psychoterror«, schimpfte seine Mutter im Flur immer noch vor sich hin.

Sie drückte ihrem Großen Amelie in die Arme.

»Kannst du mal bitte, Jakob. Ich muss mich fertig machen.«

Ihre Stimme klang erstickt. Sie sah ihm nicht in die Augen und eilte in die Küche.

Jakobs kleine Schwester wimmerte.

Er nahm sie mit in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Während da draußen seine Familie in Worthülsen zerfiel, wiegte er Amelie und streichelte ihr über den Kopf. Ihr Haar war noch ganz weich und roch gut. Er konnte sich nicht daran erinnern, aber sicherlich hatten seine Eltern ihn früher auch so in den Armen gehalten.

2Seit einigen Wochen saß Henry zwischen Erik und Jakob. Er war schon ein Jahr länger in der Zehnten und auf der Welt. Nach den Sommerferien war er in ihre Klasse gekommen, hatte sich einfach auf Jakobs Platz gesetzt und ihn auf die Nachbarbank verwiesen. Weder Jakob noch Erik hatten sich beschwert.

Erik war Jakobs bester Kumpel. Ihre Mütter hatten sich bei der Schwangerschaftsgymnastik kennengelernt. Ihre Freundschaft war also schon vor ihrer Geburt beschlossen, wie indische Ehen beschlossen wurden. Im Grunde genommen war Erik wie ein Bruder. Den suchte man sich auch nicht aus. Er war einfach da.

Sie wohnten im selben Viertel, hatten im selben Sandkasten gespielt, denselben Kindergarten und dieselbe Grundschule besucht, und seit fünf Jahren gingen sie auf dasselbe Gymnasium.

In der Siebten verliebte sich Erik und Jakob fragte sich zum ersten Mal, was sie außer der Gewohnheit überhaupt miteinander verband. Sein Freund hatte plötzlich nur noch von Pferden gesprochen. Er hatte den Wendy-Newsletter abonniert, sich in Warmblüter-Foren getummelt und das Zelten an der Elbe abgesagt, weil er zur Online-Pferdemesse musste. Als das Mädchen dann mit ihrem Andalusier nach Süddeutschland umgezogen war, stand Erik da, ein zwölfjähriger Pferdeexperte ohne Pferd. Er war am Boden zerstört gewesen, bis Jakob – trotz aller Zweifel – für sie beide eine gute Antwort gefunden hatte: Skateboardfahren.

Abgesehen von der Pferdegeschichte hatte Erik immer das gemacht, was Jakob machte. Aber mittlerweile legte er nicht nur die besseren Stunts auf der Halfpipe hin, er war auch schon einmal in den USA gewesen und hatte in der letzten Schwimmbadsaison eine feste Freundin gehabt. Wenn das Leben ein Radrennen wäre, hätte Erik spätestens seitdem Etappe um Etappe gewonnen. Irgendwie war er Jakob davongerast, ohne besonders schnell zu sein. Denn eigentlich war Erik ganz normal. Jakob war derjenige, der zurückgefallen war.

Alle zogen an ihm vorbei, während er den Schlaf nachholte, den seine Eltern ihm raubten. Er war einfach zu müde, um sich abzustrampeln und trotzdem nicht von der Stelle zu kommen. Irgendwann würde er schon wieder in die Pedale treten. Bis dahin ließ er das Leben an sich vorbeirauschen, das Gesicht auf neutral gestellt, dann konnte ihm niemand etwas anhaben.

Neben Santi ließ es sich gut dösen. Der war vor kurzem aus Spanien hierhergekommen, teilte sich nun mit Jakob die Schulbank und sprach nur das Nötigste. Frau Beckmann kämpfte vorne mit ihrer Autorität und störte auch nicht weiter. Jakob hatte also seine Arme auf dem Tisch verschränkt und seinen Kopf darin vergraben.

Aber wo Henry war, war Lärm. Seine Stimme war so eine, die lauter als alle anderen schrie. Dafür musste er nicht einmal sprechen. Er konnte keine Sekunde ruhig sitzen. Wo er war, war Bewegung. Deshalb gab es immer Leute, die sich in seinen Windschatten hängten, um vorwärtszukommen.

Auch Erik war in seinen Fightclub eingetreten.

Sie boxten sich gerade wie so oft mit voller Härte auf die Oberarme, während Frau Beckmann die Schüler einzeln zu sich ans Lehrerpult rief und ihnen die Klassenarbeiten zurückgab. Erik ließ sich schlagen und grinste den Schmerz weg. Wie bei Jackass, nur ohne Millionenpublikum. Henry ließ sich schlagen und tippte dabei ungerührt auf sein Handy ein. Denn im Gegensatz zu Mirko, dem Klassenclown, der sich in der letzten Reihe verschanzte, um die gesammelten Twittergags von vorgestern weiterzuleiten, erledigte Henry seine Geschäfte vorne in der zweiten, oberlässig in seiner Vierhundert-Dollar-Collegejacke aus New York (von Daddy) und mit einem spitzen Wolfszahn an einer Lederkette aus Sydney (auch von Daddy) um den Hals.

Anders als Mirko lachte er auch kaum über seine eigenen Witze.

Irgendwann würden seine grellgrünen Augen gar nicht mehr lachen. Irgendwann würde er im maßgeschneiderten Anzug Leute fertigmachen. Finanziell oder so. Da war Jakob sich sicher.

Aber noch fiel Henry nichts Besseres ein, als sich von Erik auf den Arm boxen zu lassen. Er guckte unschuldig nach vorn zur Lehrerin und riss seinem Fightpartner dann blitzschnell die Strickmütze samt ein paar Haaren vom Kopf. Erik wartete drei Sekunden, bis sich der Schmerz gelegt hatte, dann schlug er mit voller Wucht zurück.

Auf den Hieb hatte Henry nur gewartet. Er ließ sich halb vom Stuhl fallen und gab den Schlag dabei elegant an den Oberarm am Nachbartisch weiter.

»Alter, pass doch auf«, raffte Jakob sich verschlafen hoch.

»Mogäään!«, grinste Henry ihn an, setzte sich im gleichen Atemzug wieder kerzengerade hin und ließ sein Handy in der Collegejacke verschwinden.

Frau Beckmann stand schon vor ihm.

Er zögerte keinen Wimpernschlag lang. »Erik haut mich. Frau Beckmann.«

Unverhohlen starrte er sie an, nicht einmal Spott zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Niemand konnte so neutral dreinblicken wie Henry, auch Jakob nicht, egal wie sehr er sich bemühte.

»Gibst du mir bitte das Handy?«

»Was, welches Handy? Ich kann Ihnen nichts geben, was ich nicht habe. Beim besten Willen nicht. Frau Beckmann.«

Sie wartete.

Aber Henry war wie Panzerglas. Man konnte ihm ins offene Gesicht gucken, in seine gläsernen Augen, man konnte brüllen und hämmern, so viel man wollte, man würde sich nur selbst dabei verletzen. Seine Welt im Flachdachviertel, wo die Leute ihr Geld hinter puristischen Betonwänden versteckten, war zu gut gedämmt. Nichts konnte Henry erreichen, außer tiefgefrorene Langeweile.

Frau Beckmann prallte ab wie ein hohler Pingpong-Ball. Das wusste sie und gab auf. »Jakob, kommst du nach vorne, bitte?«

Jakob schleppte sich zu ihrem Pult. Die Lehrerin tat ihm leid. Sie machte ja nichts falsch.

Jetzt drückte sie ihm seine Klassenarbeit in die Hand und wartete, bis er sie durchgeblättert hatte. Aus der blauen Schrift war rote geworden.

»Wo siehst du dich denn? Insgesamt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Schwache Vier?«

»Da komme ich nicht hin. Ich wüsste nicht, wie ich das begründen soll.«

»Ich hab mich doch beteiligt.«

Frau Beckmann musterte ihn eindringlich. Normalerweise wusste sie, bei wem sich der Einsatz lohnte und bei wem nicht.

»Mündlich war da gar nichts, Jakob, in letzter Zeit. Du kannst doch denken … Aber dann dämmerst du immer wieder so weg. Was ist denn los mit dir?«

Jakobs Augen schweiften ab. Er konnte ihrem Blick nicht standhalten. Er mochte Frau Beckmann. Sie war jung, hübsch, engagiert und korrekt. Aber hinter ihm schlugen Henry und Erik sich die Arme blau. Er konnte ihr nicht helfen. Und sie konnte ihm nicht helfen. Also zuckte er wieder mit der Schulter und ließ sie stehen.

3Was los war mit ihm? Dauerbeschallung war los, eine Mutter auf einem Sprungbrett, ein Vater in Unterhosen und mit wässrigen Augen, das war los. Und Hannah natürlich.

Ja, eigentlich war vor allem Hannah los.

Nach den Sommerferien hatte sie anscheinend ihre Route geändert. Sie war plötzlich aus dem Rathenaupark herangebrettert, hatte seinen Weg geschnitten und ihn ausgebremst. Jetzt radelte sie jeden Morgen bis zur Schule vor ihm her. Sie war zwei Stufen unter ihm, also besuchten sie seit drei Jahren dasselbe Gymnasium. Jakob hatte sie bisher nie wahrgenommen.

Vielleicht war sie schon immer vor ihm hergefahren, aber dann ohne elektrische XTR-Di2-Gangschaltung. Denn die war ihm als Erstes aufgefallen. Kein Mensch brauchte so eine in Altona. Das war völlig übertrieben und lächerlich.

Es hatte ihn nicht wie ein Blitz getroffen. Kein Amorpfeil oder so ein Scheiß, sondern eine Hirnblutung, die sich langsam ausbreitete und alle Zellen lahmlegte. Von Tag zu Tag war sein Blick weiter hinaufgewandert, von den Kettenblättern der Gangschaltung über das Cockpit mit der Digitalanzeige bis zu den fliegenden Härchen in ihrem Nacken. Sie waren zu kurz für ihren Pferdeschwanz, der bei jedem Pedaltritt hin und her schwang.

Hannah hatte lange braune Haare und ihr Nacken war blass. Jakob hatte nicht gewusst, dass er das mochte: dunkle Haare und helle Haut.

Aber wirklich geflasht war er, als er ihr Gesicht zum ersten Mal aus der Nähe sah.

Sie hatte an jenem Morgen ihr Fahrrad angekettet und war dann nicht sofort in die Schule geeilt wie sonst immer. Stattdessen drehte sie sich um und marschierte schnurstracks auf Jakob zu. Der schloss gerade mit langsamen Bewegungen und gesenktem Blick sein Rad ab. Niemals hätte er aufgeschaut, wenn Hannah nicht »Hi« gesagt hätte.

Hannah hatte »Hi« gesagt und Jakob hatte sie angestarrt.

Sie hatte gelächelt. Vermutlich hatte sie gelächelt. Genau wusste er das nicht, denn eigentlich hatte er nicht ihr Gesicht gesehen, sondern nur zwei tiefe Seen in weißer Landschaft. Blickstrudel, die ihn einsaugten und in die Stille rissen. Der Bademeister hatte einfach das Licht in seinem Hirn ausgeknipst.

Manchmal dehnt sich eine Sekunde ins Unendliche und spielt sich in Slowmotion ab, weil zu viele Informationen innerhalb zu kurzer Zeit auf einen einprasseln und verarbeitet werden müssen. Das führt dann zu einer erhöhten Taktung im Kopf und das führt dann zum Gegenteil. Gedankenlähmung. Auch Blackout genannt. Nach außen hin erscheint man dann ziemlich ruhig.

Jakob hoffte also, dass Hannah sein ausgeknipstes Licht mit Coolness verwechselte.

Die Sekunde war vorbeigetickt und Hannah verschwunden. Vermutlich war sie zum Schultor gegangen. Jakob hatte noch dreimal das Zahlenschloss seines Mountainbikes auf- und zugedreht und die Nummern fixiert. Vier, sieben, sieben, neun. Vier, sieben, sieben, neun. Vier, sieben, sieben, neun. Hannah war nicht zurückgekommen. Aber ihre Rehaugen hatten sich in seinem verstummten Hirn eingebrannt.

Am selben Abend hatte sie ihm eine Freundschaftsanfrage gesendet: »Hi«. Jakob hatte mit »Hey« geantwortet und sich durch alle Fotoalben, Posts, Likes und Kommentare auf ihrer Seite geklickt.