Homogen - Michael Nehsl - E-Book

Homogen E-Book

Michael Nehsl

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Beschreibung

Auch in Prälat Rangls zweitem Fall muss „Stradens Antiheld“ seine ganze Kraft aufbringen, um das Verschwinden eines Bankers aufzuklären. Neben der eigenen Vergangenheit und lasterhaften Grundgesinnung entpuppt sich dabei vor allem ein Handwerksmeister, dessen Einfluss bis weit über die Ortsgrenzen hinaus zu gehen scheint, als hinderlich. Mit „Homogen“ präsentiert Michael Nehsl den verheißungsvollen zweiten Teil der Serie „Mord in Straden“, der neben Spannung und bekanntem Lokalkolorit vor allem wieder durch unerwartete Wendungen und Humor besticht.

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Zu diesem Buch

„HOMOGEN“ ist der zweite Teil der Krimiserie „Mord in Straden“. Erneut ermittelt Stradens geistliches Oberhaupt, Prälat Mauritz Rangl, in unnachahmlich unmotivierter Art und Weise in der südoststeirischen Weinregion. Dabei muss er sich nicht nur mit einem perfiden Handwerksmeister duellieren, sondern auch gegen die dunklen Kräfte Roms antreten.

Wie schon im ersten Teil (HUMUS) der Saga, finden sich auch diesmal neben den frei erfundenen Protagonisten zahlreiche reale Nebencharaktere in der Geschichte, deren individuelle Buchbeiträge zumeist ins Reich der Autorenfantasie fallen. Überschneidungen mit privaten, familiären oder wirtschaftlichen Realitäten sind Produkte des Zufalls und entsprechen weder Wunsch noch Zielsetzung dieses Romans. Firmennamen, Arbeitgeber, Kollegen und Arbeitnehmer der Protagonisten sind genauso imaginär wie genannte Exekutiv- und Feuerwehrkräfte oder Mitarbeiter von Post und Landesjägerschaft.

Davon abgesehen darf ich Sie einladen, mit Prälat Rangl auf eine fiktive Reise durch die herrlich-schöne Realität des südoststeirischen Hügellandes zu gehen, und wünsche dabei ein paar erholsame Stunden, Spannung & gute Unterhaltung.

Auch als E-Book erhältlich! (ISBN 978-3-7011-7949-7)

Titelseite

H o m o g e n

- Mord in Straden -

von

Michael Nehsl

Leykam

Kapitel I – von weißem Rauch, der Alitalia & Suizidgefährdeten

Erfolg ist Bestimmung des Stärkeren – eine Weisheit, die ihm sein alter Herr, seit er sich erinnern konnte, eingetrichtert hatte. Wer Erfolg hat, hat immer Vorfahrt, ist unantastbar. Erfolg gibt nicht Recht, Erfolg ist Recht – und Alexander Rumaiter hatte viel davon. Als Geschäftsführer der Lagermoosbank Straden war er der inoffizielle Bürgermeister der Gemeinde. Die Großbank war eine der ältesten christlichen Genossenschaftsbanken des Landes und hatte ihr Einfluss- und Filialnetz über ganz Europa erstreckt. Es gab keinen Unternehmer mit konkurrenzfähiger Kreditlinie, keinen Bauern mit wettbewerbsfähigen Landmaschinen oder auch nur einen Häuslbauer mit Frankenkredit, der nicht an seinem Schreibtisch, er nannte ihn liebevoll Schafott, hätte Platz nehmen müssen. Mit dem Bürgermeister verhielt es sich da nicht anders. Seit dieser scheidungsbedingt sein Elternhaus hatte belehnen müssen, war Rumaiter Gemeinderatsmitglied und konnte sich in dieser Funktion nun auch formell mit dem Bürgermeister verabreden, ohne beweiskräftig der verdeckten Einflussnahme bezichtigt werden zu können.

Als er an jenem Dienstag die Einfahrt zu seinem elterlichen Gehöft passierte, war er besonders guter, fast euphorischer Laune. Aus der Sixtinischen Kapelle war weißer Rauch getreten, die Liveberichterstattung dazu hatte er untertags über Bibel-TV verfolgt. Des Weiteren hatte er bei der Gemeinderatssitzung eine weitere Schuldenstundung zugunsten der Mietrückstände des hiesigen ARBÖ-Stützpunkts verhindern können. Die damit einhergehende Klage der Gemeinde würde den Untergang des letzten lokalen Schutzhafens linker Verkehrsenthusiasten stoppen. Rundum ein guter Tag – für ihn, Jesus und Lagermoos.

Schwungvoll öffnete er die Wagentüre seines Mercedes. Ein dumpfes Pochen, kurzes Aufjaulen und leises Winseln waren die Folge. Laura, seine Labrador-Retriever-Hündin, lag etwas benommen neben ihm.

„Dreckshund!“, entfuhr es ihm. Besorgt inspizierte er die Wagentüre. Wenigstens hatte der Lack keine Schäden davongetragen. Wäre ja noch schöner gewesen. Nicht nur, dass die Töle das Einzige geblieben war, worauf seine Frau bei der Scheidung keinen Anspruch erhoben hatte. Nein. In letzter Zeit hatte auch ihr Jagdeifer nachgelassen, was die Frage aufwarf, ob die Fressmaschine denn überhaupt noch von Nutzen wäre. Er gab der Hündin einen Tritt, um die Schwere ihrer Verletzung zu überprüfen. Würde sie aufstehen und fortlaufen, müsste er den Köter wohl noch länger ertragen, würde sie liegenbleiben, könnte er sie möglicherweise sofort erschießen, ohne Probleme zu bekommen. Laura humpelte davon.

„Was soll’s, man kann nicht immer Glück haben“, murmelte er vor sich hin, während er in Richtung der Eingangstüre seines Elternhauses schlenderte. Aus Kostengründen hatte er sich vor Jahren gegen den eigenen Hausbau entschieden. Ein Umstand, den er bis heute nie bereut hatte, hätte er doch den Anteil seiner Exfrau auslösen müssen. So aber hatte der Drachen nur ein paar Möbelstücke bekommen – Haus und Grundstück gehörten schließlich seinem Vater und waren damit nicht Teil des gemeinsamen Besitzes gewesen. Seine Mutter öffnete ihm die Türe.

Wortlos, zur Begrüßung kurz nickend, ging er sogleich ins Esszimmer. Ein Blick in den Kochtopf genügte, um festzustellen, dass es Gulasch gab. Schon wieder. Die 72-jährige Frau hatte ihre kreativsten Zeiten schon hinter sich gelassen, aber gut, zumindest lag sie ihm nicht auf der Tasche. Während sie sich schweigend zu ihm an den Tisch setzte, überlegte er, was sein Vater seinerzeit wohl an ihr gefunden haben mochte. Alte Fotos bewiesen, dass sie nicht gerade die Schönste ihrer Zunft gewesen war. Auch als Arbeitskraft, für Männer generell und Bauern im Speziellen wichtig, hatte sie niemals getaugt. Zumindest betonte das sein Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nein, obwohl seine leibliche Mutter, konnte er ihr wenig bis gar nichts abgewinnen. Vielleicht, weil sie ihn bei der Geburt fast hatte sterben lassen, vielleicht, weil er mit ihrem schwachen Wesen nichts anfangen konnte – unterm Strich stand sie stellvertretend für all das, was er im Tiefsten seines Inneren verabscheute. Für ihn gab es zur mütterlichen Misere nur eine Erklärung – sie war eine göttliche Prüfung. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, sagte die Bibel. Sie schrieb einem ja Gott sei Dank nicht vor, dass man sie lieben muss, seine Mutter. Sie zu ehren, also deren Aushalten ohne öffentliche Beleidigungen, würde genügen.

„Und, Xandi, was hältst vom neuen Papst?“, die Mutter durchbrach die Stille.

„Wird nicht viel anders sein als der Wojtyła. Vielleicht straffer organisiert, ein Germane eben, nur dass sein Einmarsch in Polen beklatscht wird“, antwortete der Banker lauthals lachend, ehe er fortfuhr: „Geh, Mama! Sei nicht so ernst! Wer Leiter der Glaubenskongregation war, ist ein ehrlicher Vertreter christlicher Werte. Der wird schon nicht jedem Oaschpudara die Heirat erlauben.“

Das betretene Schweigen seiner Mutter störte ihn nicht im Geringsten. Ihr Schweigen war die Form von Gnade, die ansonsten nur das göttliche Paradies versprach. Als er das Abendessen beendet hatte, nickte er ihr kurz zu und verließ Küche und Elternhaus. Während er den Hof überquerte, Laura hatte sich dankenswerterweise in den Stall verzogen, bemerkte er den Paragleiter über sich.

Es musste dieser unsägliche Steinberger sein, von dem alle sprachen. Irgendwie schaffte es der Bursche immer wieder, mit seinem Gleitgerät die Thermik so zu nutzen, dass er von Graz bis nach Straden fliegen konnte. Das alleine wäre ja noch zu tolerieren gewesen, würde er nicht ständig in den Gärten der Stradner landen und damit Blumenbeete ruinieren. In einem großen Bogen schwang sich der freche Kerl zu einer Landung inmitten des Mohnblumenfeldes herab. Wutentbrannt lief der Banker in sein Haus, entsperrte den Waffenschrank, lud seine Jagdflinte durch. Nicht mit ihm. Nicht in seinem Feld. Er würde ihm gehörig was vor den Latz knallen, ihm einen Schrecken verpassen, der sitzen würde. Vor Anstrengung hustend lief er zwischen Stallungen und Privathaus hindurch auf das Feld zu, die Waffe im Anschlag. Doch gerade als er auf ihn beziehungsweise den Baum neben ihm anlegen wollte, sprang der Jungspund auf den Rücksitz eines herbeigerasten Fahrzeuges. Wieder nichts, wieder keine Lektion erteilt, wieder nicht auf frischer Tat ertappt. Ärgerlich, dieser Steinberger.

Sein Koffer war nicht besonders groß, doch wog er, trotz Leichtbauweise, eine gefühlte Tonne. Das Sauerstoffgerät, treuer Begleiter des alten Herren, war da noch gar nicht eingerechnet. Das kam nämlich in einem Extratrolley. Überhaupt musste es für die anderen Reisenden ein skurriler Anblick gewesen sein, als wir in der Gepäckhalle des Grazer Flughafens standen. Rechts der mürrische, der alte Greis mit Lederjacke im James-Dean-Look, der seinen Sherpa mit harschen Worten vor sich hertrieb. Links der geplagte Mittvierziger im weißen Leinenanzug und mit marineblauen Mokassins, der wie jeder gute Diener versuchte, sich etwas Würde im Alltag zu bewahren. Als wäre es nicht schon Erlebnis genug, mit Alitalia zu fliegen – der Fluglinie, die wie keine zweite das italienische Laisser-faire verkörperte, indem sie Erwartbares, nämlich sein Gepäck am Zielflughafen wiederzubekommen, zu etwas Besonderem, etwas Überraschendem erhob! Gut, es gab kein Gesetz, das mich dazu zwang, die Koffer des Alten, die nach und nach auf dem Förderband auftauchten, zu tragen, aber man war ja schließlich Menschenfreund.

Hätte er nur weniger Lederjacken, Zeugnis seiner seit den 70er-Jahren ungebrochenen Filmleidenschaft, eingepackt – ich hätte es ihm gedankt. So aber mühte ich mich mit zwei Koffern, einem Trolley und einer Umhängetasche ganz alleine ab. Mein eigenes Gepäckstück, das immer noch in den Weiten des Förderbandes verloren zu sein schien, hätte ich zu jenem Zeitpunkt entbehren können. Bis es dann doch am Horizont der Gepäckförderanlage auftauchte, nicht wie ich es in Erinnerung hatte, nicht wie ich es eingecheckt hatte. Anders. Geöffnet! Danke, Alitalia! Danke, Berlusconi und Kollegen, dass ihr das marode Stück gewerkschaftlich geführten Nationalstolzes noch immer nicht modernisiert oder wenigstens zu Grabe getragen habt. Niemand möchte sein Gepäckstück auf zwanzig Meter Entfernung anhand eines weit herausstehenden, rotweingetränkten Hemds identifizieren. Schon generell nicht und unter dem Druck stetiger verbaler Peitschenhiebe eines an sich hilflosen, aber nicht minder aggressiven Altquälgeists erst recht nicht.

Gestresst, weitere Zeitzeugnisse der letzten Partynacht der Öffentlichkeit preisgeben zu müssen, ließ ich den Alten und seine Gepäckstücke stehen und eilte zu meinem Koffer. Soweit ich das überblicksmäßig beurteilen konnte, schien nichts zu fehlen. Auch mein Gummibjörn ruhte weiterhin gut versteckt unter gebrauchten Unterhosen und Socken. Wenigstens etwas. Während ich mit einer Behelfskonstruktion aus Spanngurt und Gürtel versuchte, den Koffer zu verschließen, sah ich zum Alten. Was ich sah, besser noch, was ich empfand, erschreckte mich. Nur zu gerne betrachtete ich ihn als den ekelhaften Menschen, der er mir gegenüber immer gewesen war. Emotionslos, berechnend, kalt. In jenem Augenblick aber sah ich die Hilflosigkeit eines Mannes, der nur noch begrenzte Zeit auf Erden haben würde. Jemanden, der sich den Ruf eines Machers erarbeitet hatte, aber nicht mehr machen konnte. Jemanden, dessen Hilfsbedürftigkeit im selben Maße stieg wie die Selbstverachtung, weil Erstere Letztere auslöste, weil das Selbstbild Widersprüchlichkeit nicht duldete.

„Komm’ schon. Fauler Sack! Je näher die Arbeit rückt, desto langsamer wirst du!“

Jemanden, der trotzdem ein Arschloch war, wie er mir soeben dankenswerterweise wieder in Erinnerung gerufen hatte. Schließlich hatte ich alle Koffer, Trolleys und Taschen auf dem Gepäckwagen, und wir rollten in den Ankunftsbereich des Flughafens. Sie wartete schon auf uns. Sie, deren Existenzberechtigung, zumindest von meiner Warte aus, ausschließlich in dem Umstand lag, dass sie den Alten glücklich machte. Und nicht nur das, sie war wohl auch der einzige Mensch weltweit, der den Greis ertragen konnte. Oder wenigstens so tat.

„Da ist ja mein Mausebär“, rief sie ihm aus der Entfernung zu und begrüßte ihn mit einem langen, zwischendurch zungenunterstützten Kuss, der mich zweifeln ließ, ob nicht vielleicht doch ein Quäntchen Herzensbindung vorhanden war. Mich begrüßte sie wie gewohnt nur mit einem kurzen Nicken, das ich allemal lieber nahm als einen ihrer pseudohumorvollen Sprüche, für die sie ebenfalls berüchtigt war. Zu dritt, die beiden voran, ich als Kofferträger hinterher, verließen wir die Ankunftshalle und gingen zum Auto. Natürlich war sie im neuen Firmen-BMW gekommen, wie auch sonst würde es einer Frau, deren größte Fähigkeit in der Verschwendung von Firmenvermögen lag, gebühren?! Welch Ironie, dass es gerade der knausrige Alte am wenigsten merkte, wie sehr er von seiner Prokuristin, so die offizielle Bezeichnung seiner Lebensgefährtin, ausgenommen wurde. Nachdem mir nur vierundzwanzig Prozent der Anteile gehörten, war meine Zustimmung zum Kauf des hunderttausend Euro teuren Fahrzeugs naturgemäß nicht notwendig gewesen, eine betriebswirtschaftliche Katastrophe war er trotzdem. Der Investitionsbedarf der Tischlerei war auch ohne vorherige Anschaffung eines Luxusfahrzeuges eine Herausforderung, der dreimonatige Reha-Aufenthalt des Alten in der römischen Privatklinik war zudem nicht minder kostspielig gewesen. Hinzu kam mein eigener Verbleib in Rom, den die Knochenmarkspende ebenfalls notwendig gemacht hatte.

„Warst du Dienstag auf dem Petersplatz?“, fragte sie mich aus heiterem Himmel. Was für eine blöde Frage, dachte ich mir! Als ob sich irgendein Normalsterblicher nur wenige Stunden nach einer Knochenmarkspende unter Tausende jubelnde und trampelnde Menschen stellen würde. Doch darum ging es ja gar nicht. Es war einer ihrer liebsten Spielchen, mich vor ihm als schlechten Christen, als fehlgeleitete Seele, als Saulus ohne Pauluschance zu brandmarken. Dann fuhr sie fort: „Das wundert mich nicht. Konntest den Arsch wieder nicht voll genug bekommen“, sie holte tief Luft, um demonstrativ staatstragend zu ergänzen: „Na, kann man nichts machen. Was sollte auch aus einem jungen Mann werden, der ohne Mutter aufgewachsen ist!“

Ins Auge hätte ich der falschen Schlange fahren können, so dermaßen kochte ich innerlich. Aber was hätte es gebracht, der Alte war ihren Aktionen gegenüber blind und hätte auch ohne ihr Beisein kein gesteigertes Bedürfnis verspürt, sich auf meine Seite zu schlagen. Nein, ich musste gelassen bleiben, blieb es auch. Das war ich meiner verstorbenen Mutter, vor allem aber mir selbst schuldig. Ohne auf ihre Provokation einzugehen, selbst ohne nur ein weiteres Wort zu wechseln, fuhren wir die A9 nach Süden, um über die Abfahrt Vogau-Strass, Gosdorf und Deutsch-Goritz schließlich Straden zu erreichen. Als wir die Betriebseinfahrt, unsere Privathäuser lagen auf dem Firmengelände, hinauffuhren, war ich mit meinen Gedanken schon wieder bei meiner Arbeit, meinen Werkstoffen. Ganz im Gegensatz zum Menschen sind Werkstoffe dankbare Zeitgenossen, sie geben zurück, was man selber gibt. Sie lügen nicht, betrügen nicht, sie schlagen nicht und geben nie das Gefühl, nicht zu genügen. Ich stieg aus dem Wagen, die beiden brausten wieder davon. Keine Verabschiedung, kein Danke, nichts.

Es passierte langsam, sehr langsam, in Zeitlupe, nur langsamer. Die vermummte Schlägertruppe des Kardinals hatte seinen Kopf gegen den Steinboden des Pfarrhofs gepresst. Ein Schweißtropfen rann über Stirn und Augenbraue sein Gesicht hinab, bis er im linken Mundwinkel hängen blieb. Erst einer, dann ein zweiter, dritter, vierter, bis das Sammelbecken schließlich voll war. Schweißsekretion variiert nicht nur in Geruchsnoten, sondern auch in Geschmacksaromen. Adrenalinbedingte Stressabsonderungen schmecken nach Urin mit einer Moschusnote, sind aphrodisierende Pheromone, salzig und scharf gleichermaßen. Prälat Rangl nahm all das wahr, als der Kardinal langsam den Drogenmix in seine Vene injizierte. Obwohl sein Körper Unmengen an Adrenalin ausstieß, oder möglicherweise gerade deswegen, wurde seine Wahrnehmung selektiver. Im Zeitraffer beobachtete er, wie der Kolben die Flüssigkeit aus dem Zylinder drückte, zwei Teilstriche des Nennvolumens von fünfzig Milliliter hatte sein Blutkreislauf bereits aufgenommen, waren von den Venen ihrem göttlichen Auftrag Folge leistend zum Herzen transportiert worden. Das immer lauter werdende und schließlich ohrenbetäubende Pochen des Muskels, der allen Lebens Anfang und Ende bedeutet, zeugte von der einsetzenden Wirkung des Teufelszeugs. Stradens geistliches Oberhaupt schloss die Lider, der innere Druck war so groß geworden, dass er Angst hatte, seine Augen könnten aus ihren Höhle, springen – wie Champagnerkorken auf Kohlensäure. Während er in Richtung seiner Rosen, deren betörende Düfte einem himmlischen Frühlingskonzert glichen, getra­gen wurde, überkam ihn alles dominierende Übelkeit. Sein Mageninhalt verstreute sich in ungleichmäßigen Schüben über seine Sommerwind-Rosen, bildete mit der Humusdüngung eine stinkende Symbiose. Kurz war ihm, als würde er eine bekannte Stimme hören, ehe sein Verstand wieder die Kontrolle an sich riss, die Kraft zurückkehrte. In typisch argloser Überheblichkeit war der korrupte Kardinal wohl davon ausgegangen, dass er sich die nächsten Stunden nicht bewegen, geschweige denn wehren könnte. Die Schweizer Gardisten waren mit der Sicherung des Aktenmaterials beschäftigt, als er aufsprang und den entsetzten Mann Roms mit nur einem Fausthieb niederstreckte. Wer war nun der Gefallene? Als einige Minuten später die Polizei eintraf, musste diese den immer noch leicht benommenen Kirchenmann auf dem Weg zum Dienstwagen gar stützen. Damit war der Fall Rionale, der Mord und seine Vergangenheit, wohl endgültig zu den Akten gelegt. Einzig die Krankenschwester, die aus dem Nichts aufgetaucht war und ihn ständig mit dem Finger anpiekste, ja sogar zu zwicken versuchte, konnte er sich nicht so recht erklären. Aber egal, zumindest war es ein durchaus ansprechendes Exemplar von Schwester. Schade, dass man sein Gelübde nicht mal für eine halbe Stunden in die Ecke stellen, den Nick Knatterton machen und hinterher einfach weiterfegen konnte. Obwohl, wenn die Dame weiterhin den Hautlappen zwischen Daumen und Zeigefinger quetschte, wäre das für ihn vorgesehene lebenslange Zölibat zumindest keine schlechtere Alternative.

„Aufhören, Merda, was soll denn das?“, fuhr der Prälat sie an.

„Er ist aufgewacht, reagiert auf Stimulation, Herr Doktor!“

Herr Doktor? Die Krankenschwester schien nicht mit ihm, sondern mit einem Juristen, möglicherweise einem eiligst herbeigeeilten Staatsanwalt zu sprechen. Und wer sollte stimuliert werden, wo es doch nur eine Person im Raum gab, die gekniffen wurde. Im Raum? Hallo! Was zum Teufel war hier überhaupt los? War er nicht gerade eben noch vor seiner „Maria Hilf Kirche“ gestanden und hatte seinen alten Erzfeind der Vertuschung, womöglich sogar des versuchten Mordes überführt!? Jetzt könnte die heilige Alte wirklich mal helfen und ihm bitte erklären, wie er in dieses steril wirkende Zimmer gekommen war.

„Geben Sie ihm weiterhin alternierend Vitamin- und Salzlösungen, jeweils fünfhundert Milliliter, damit wir seine Krämpfe in den Griff bekommen!“

Der Herr schien doch kein Staatsjurist zweiter Klasse, sondern ein wirklicher Arzt zu sein. Dann redet nicht lange um den heißen Brei und hängt den armen Hascher doch endlich an seinen Tropf, dachte sich der Prälat, als die Schwester erneut seine Hand nahm. Die Infusionsflasche war bereits eingehängt, die Rollklemme geöffnet. Mit zunehmendem Erstaunen stellte der Priester fest, dass ihm irgendwann in den letzten Minuten wohl eine Butterfly-Kanüle gelegt worden sein musste, anders war deren plötzliches Auftauchen an seinem linken Handrücken wohl nicht erklärbar. Irgendetwas war zwischen Kirche, Mordaufklärung und seinem offensichtlichen Erwachen in diesem Raum passiert – er konnte sich nur noch keinen Reim darauf machen. Erwachen? Das musste bedeuten, dass er geschlafen hatte. Wie lange? Er beschloss, wenn schon ärztliches Personal da war, gleich danach zu fragen. Doch aus unerfindlichen Gründen schien kein allgemein verständliches Wort seine Lippen zu verlassen. Es war mehr eine Art Babybrabbeln, das aus ihm herauskam.

„Alles wird gut, Herr Prälat! Sie brauchen jetzt etwas Ruhe“, sagte der Arzt, während er sich von seinem Patienten abwandte, um in die Runde der versammelten Turnusärzte blickend fortzufahren: „Dieser Patient hier hat sich vor rund vier Wochen einen Goldenen Schuss gesetzt. Zumindest hatte er das wohl vor. Er konnte nur durch Soforthilfemaßnahmen des Mesners überleben, wobei wir die nächsten Tage genau beobachten müssen, in welchem Rahmen sich etwaige Langzeitschäden, die durch das künstliche Koma verursacht werden können, bewegen. Die Aufwachphase, die wir vor zwei Tagen eingeleitet haben, müsste in den kommenden Stunden abgeschlossen sein. So Gott will, ist sein Sprachzentrum nicht völlig zerstört!“

Das war jetzt zu viel des Guten, glatte Verleumdung, wie Rangl beklagte. Zumindest innerlich, nach außen blieb er weiterhin unverstanden. Goldener Schuss? So ein Blödsinn! War denn niemandem aufgefallen, dass es sich um klare Fremdeinwirkung gehandelt hatte? Goldener Schuss hieße ja, man würde ihm einen Selbstmordversuch unterstellen? Merda! Da würde er vorher zum Islam konvertieren, Terroristen segnen und die talibansche Auslegung der Scharia propagieren!

Das Ding mit Tiefschlaf, Koma und Sprachzentrum hingegen schien schon eher Sinn zu ergeben. Zumindest wäre diese These Erklärung für sein Kommunikationsproblem! Was ihm aber wirklich Sorgen bereitete, war der Umstand, dass ausgerechnet der Mesner, der personifizierte Glaubensapostel, ihm das Leben gerettet haben sollte?! Eine Katastrophe. Damit würde er dem Hohlkopf quasi etwas schulden. Respekt, gute Behandlung oder noch schlimmer – ein Dankeschön. Nein, das konnte nicht sein, das würde ihm der große Manitu hoffentlich erspart haben.

„Sollen wir die Handschelle angelegt lassen?“, fragte die Schwester, als die Ärzte die Visite beendet hatten.

„Ja! Sicher ist sicher. Bevor wir uns kein Bild vom geistigen Zustand des Pfarrers machen können, müssen wir ihn als potenziellen Selbstmörder betrachten. Wir wissen schlichtweg nicht, was passiert, wenn beziehungsweise falls er sein volles Bewusstsein wiedererlangt. Bis dahin müssen wir uns, vor allem aber ihn, vor sich selbst schützen!“

Als Oberarzt Dr. Kruste das Krankenzimmer verließ, war Prälat Rangl so gut wie eingeschlafen. Zu viele Informationen, die sein Gehirn zu verarbeiten, zu ordnen hatte. Er könnte sich auch morgen noch ausreichend Gedanken über Handschellen und Ärztethesen zu seiner Person machen. Falls er morgen überhaupt in dem Krankenzimmer aufwachen würde. Wer könnte das schon mit absoluter Sicherheit sagen? Ganz traute er seiner Wahrnehmung immer noch nicht. Mal sehen, welchen Traum die Realität der nächsten Tage für ihn parat halten würde. Alles relativ, wusste Rangl, und war eingeschlafen.

Kapitel II – von Feuerwehrhäuptlingen, Tellerrändern & dem Gelobten Land

Wie jeden Morgen traf Magister Alexander Rumaiter pünktlich auf dem für ihn reservierten Parkplatz unterhalb seiner Bank ein. Seit der letzten Verwaltungsreform waren die Parkplätze von Lehr- und Bankpersonal teilweise zusammengelegt worden. Eine Zumutung für jeden Bankangestellten, für deren Chef im Besonderen. Sparen war ja gut, aber doch bitte nicht bei der Finanzindustrie des Landes, mahnte der Bankdirektor gerne ein. Der Blick auf seine Rolex sagte ihm, dass es Punkt 08:27 Uhr war. Pünktlichkeit war nicht nur Dogma seines beruflichen Erfolgs, sie war seit der Bestellung des sozialdemokratischen Ortsvorstehers Heinz Stress zum Direktor der Hauptschule auch Teil seines persönlichen Plans zur Eindämmung kommunistischer Einflüsse in Straden. Während nämlich andere Volksparteimitglieder, ja sogar die Kirche selbst, der prosowjetischen Gehirnwäsche passiv gegenüberstanden, würde er nicht klein beigeben. Deswegen auch die Pünktlichkeit. Der Schuldirektor kam nie nach 08:20 Uhr, das hatte seine Aufklärung ergeben. Überhaupt waren sämtliche Parkplatznutzer zwischen 08:27 und 08:32 Uhr entweder schon in der Arbeit oder kamen weit später. So fand er ein fünfminütiges Zeitfenster vor, in dem er Lauras Hundekot, den seine Mutter jeden Morgen einsammeln und verpacken musste, auf des Direktors Fahrzeug verteilen konnte. Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Linken, die im Zuge der letzten Gemeinderatswahlen schon neun Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnten, würden endlich Gegenwind spüren, und die Reputation von Hundefreunden würde auch sinken. Ein guter Morgen! Für ihn, Jesus und Lagermoos.

Nach wenigen Stufen kam er an der mächtigen Springbrunnenanlage aus Konglomeratgestein, dem 1978 fertiggestellten Symbol der Lagermoosfiliale Stradens, vorbei. Der Bildhauerdynastie Rauch war das Kunstwerk mit seinen drei Bronzereliefs zu verdanken, das nicht nur ein wichtiges Zeugnis der Gestaltungsästhetik Stradens war, sondern auch die Verbundenheit der Stradner zu ihrer Kreditvergabequelle symbolisierten. Eines der Reliefs zeigte Vertreter der verschiedenen Berufssparten, verbunden durch einen Ring. Einer für alle, alle für einen, und alle hängen sie an meiner Kreditkette, dachte sich der Bankdirektor, als er den Brunnen hinter sich ließ und seine Bank betrat.

Frau Kolt, die er seit ihrem Firmeneintritt noch bei jeder Weihnachtsfeier „versehentlich“ begrabscht hatte, würde ihm in Kürze den morgendlichen Espresso servieren. Natürlich war das nicht ihre Aufgabe, aber was taten niedrige Angestellte nicht alles, um den Chef zu befrieden. Rumaiter wusste, was er von seinen Mitarbeitern erwarten durfte, ein bisschen Dankbarkeit wäre da nicht zu viel verlangt. Schon Tausende Male hatte er sich vorgestellt, wie sie sein Büro betreten, die Türe versperren, den Zeigefinger senkrecht über ihre Lippen legend die Jalousien hinunterlassen würde. Er würde ihr seinerseits deuten, näher zu kommen. Ohne auch nur ein Wort zu wechseln, würde sie das Kaffeetableau abstellen, die ersten drei Knöpfe ihrer Bluse öffnen und sich langsam zwischen seine mittlerweile gespreizten Oberschenkel knien. Dabei würde sie nicht sprechen, sondern nur demütigst, wie eine japanische Geisha, nach unten sehen. Der Rest wäre Kaffeegenuss pur.

Es klopfte, Frau Kolt trat ein, stellte das Tableau auf seinem Schreibtisch ab. Sie lächelte ihn höflich an, möglicherweise ein Zeichen, wie er hoffte – faktisch nur eine Höflichkeitsgeste.

„Na, Kathrin, wer will denn heute befriedigt werden?“

„Wie bitte?“, erwiderte die junge Frau irritiert.

„Na, wer mein nächster Kundentermin ist, will ich wissen. Was glaubst denn sonst?“

Natürlich wusste er ganz genau, dass der Abschnittsbrandinspektor in sechzig Minuten kommen würde, aber er wollte der Frau wenigstens die Chance geben, ihre Leidenschaft an ihm auszuleben. Vergebens! Nach kurzem, lieblosem Geplänkel hatte Frau Kolt sein Büro wieder verlassen. Am Ende des Tages waren sie doch alle gleich, wusste der Banker. Ob Mutter oder Bedienstete – egomanische Weibsbilder, berechnende Schlampen. Fotzen. Sie würden nie verstehen, warum Adam stets die Welt und Eva nur das Bügelbrett beherrschte.

Während er auf den Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr Straden wartete, vertrieb er sich die Zeit mit dem Überfliegen von Unternehmensbilanzen. Bei jedem seiner Kunden hatte er es durchgesetzt, dass diese Quartalsberichte übermittelt werden mussten. So konnte er einerseits das Rückstellungsvolumen minimieren und andererseits schon früh erkennen, welche Firmen auf Geldspritzen und damit sein Wohlwollen angewiesen waren. Die Großtischlerei Stockig, die auch Weinfässer und Holzrestaurationen anbot, war der nächste Kandidat für einen baldigen Liquiditätsengpass. Trotz guter Auftragslage waren die außerbetrieblichen Geldabflüsse zu hoch, sodass zu wenig Mittel für Ersatzinvestitionen bereitstanden. Als guter Banker hatte er die entsprechenden Gerüchte in die Welt setzen lassen, dass der Traditionsbetrieb auf eine Pleite zusteuern würde. Damit würde die Stockig GmbH sowohl auf Lieferanten- als auch Kundenseite Probleme bekommen. Die einen würden aus Angst vor ausbleibenden Zahlungen nicht mehr zuliefern, die anderen keine vorfinanzierten Aufträge mehr erteilen. Und andere Banken bekamen schon beim Gedanken an den alten Stockig Angst vor möglichen Kreditausfällen. Somit würden alle Wege zu ihm, und damit zu einer freiwilligen Risikoprämie, wie er die aufgezwungenen Kreditvergabeprovisionen an seine Stiftung nannte, führen.

Es klopfte. Der stark beleibte Feuerwehrkommandant, der im Notfall wohl weder jemanden aus einem brennenden Haus ziehen, geschweige denn selbst aus einem solchen gerettet werden könnte, trat ein. Stets dabei die Infomappe mit allerlei Material über die vielfachen Leistungen, die seine Männer für Gemeinde und Zivilbevölkerung erbrachten. Zumindest in der Außendarstellung. Natürlich wusste er, dass die Feuerwehr zu den in ihrer Notwendigkeit überschätztesten Einrichtungen Stradens zählte. Aber wer von Spenden und Subventionen gut lebte, ging mit Informationen, die das Aufstellen des Maibaums und die Ausrichtung des jährlichen Feuerwehrfestes als faktische Hauptaufgabe belegten, lieber nicht an die Öffentlichkeit.

„Morgen!“, begrüßte der Abschnittsbranddirektor den Banker, „du kannst dir sicherlich vorstellen, warum ich dich besuche, Alex. Oder?“

Der Bankdirektor, der es hasste, geduzt zu werden, wusste, dass er um ein Sponsoring des Festes nicht herumkam. Zu wichtig war die steigende Überschuldung der Feuerwehr durch den immer neuen Ankauf prestigeträchtiger, aber ungenutzter Löschfahrzeuge der neuesten Generation. Entscheidend war nur, dass er den Preis seiner Unterstützung nach oben trieb. Er hielt einen langen Monolog über die Wirtschaftskrise, Kreditklemmen im Interbankenmarkt und staatliches Partizipationskapital, das bedient werden musste. Selber verstand er weit weniger von der Materie, als er zugeben würde, worauf es aber gar nicht ankam. Wichtig war einzig und allein, dass der Feuerwehrhäuptling noch weniger Ahnung als er hatte.

„Gibt’s nicht irgendeinen Weg, um wenigstens ein-, zweitausend Euro zu bekommen?“, fragte der überforderte Brand­inspektor.

„Na ja, vielleicht kann ich unser Werbebudget nochmals ein wenig strecken. Dann muss aber auch etwas zurückfließen. Charity nennt man das heutzutage!“, entgegnete Rumaiter.

„Tscher? Wie die Sängerin?“

„Wie wer? Nein! Das tut ja schon weh! Ich meine damit, dass ich fünftausend aus dem Kulturwerbetopf lockermachen könnte, wenn du im Gegenzug dreitausend an meine Stiftung Kinder in Not überweist! Wäre das ein Deal?“

Natürlich war das ein Deal, wusste der Banker. Was hatte der Feuerwehrkommandant auch für Alternativen? Immerhin verließ er die Bank mit einem Nettospendenbetrag von zweitausend Euro – besser als in die hohle Hand geschissen, wie man so sagte. So liefen die Dinge nun einmal. Erfolg war Bestimmung des Stärkeren und als solcher besiegelte er das Sponsoring mittels Handschlag, um die Bank in Richtung einer verlängerten Mittagspause zu verlassen. Ein guter Vormittag, wie er neben dem Brunnen stehend befand, der sogar noch besser wurde, als der Hauptschuldirekter auf der Bildfläche erschien und seine Windschutzscheibe fluchend vom Hundekot befreite. Rumaiter lächelte. Für heute hatte der Kommunismus verloren. Gut für ihn, Jesus und Lagermoos.

Das Büro des Alten lag im eigens dafür erbauten Verwaltungstrakt. Auch so eine Idee von ihr. „Ein Firmensitz muss heutzutage den Glamour von New York und die Leichtigkeit von Malibu Beach verkörpern“, pflegte sie zu sagen. Wenn das nicht mal husch-husch war. Möglicherweise dort, wo sich Wirtschaftsmagnaten und Hollywoodlegenden ein Stelldichein gaben, wo Ackerland durch rote Teppiche ersetzt und nur die Brillanten des Society-Adels heller strahlten als die Sterne am ewigen Himmelszelt – dort war das vielleicht notwendig, mitnichten aber in Marktl bei Straden, wo schon ein kleiner Schwimmteich als Anhäufung von Großkapital verteufelt wurde. Hier war Bescheidenheit Trumpf, dennoch hatte sie es ihm eingeredet, jahrein, jahraus, bis er selbst nicht mehr an das Solide, das Ursprüngliche seiner Firma glauben wollte und die dreistöckige Glas-Holz-Konstruktion aus dem Boden hatte stampfen lassen. Meine betrieblichen Räumlichkeiten lagen am nördlichen Ende des Firmengeländes, der Bauerntower, wie das Verwaltungsgebäude hinter vorgehaltener Hand von Kollegen bezeichnet wurde, lag direkt am Südeingang. Eigentlich wollte ich gerade meine Werkstatt verlassen, als mich der Anruf des Assistenten meines Vaters erreichte. Der alte Herr würde um ein Treffen mit mir bitten, hieß es.

Werner, der Assistent, war ein guter Junge. Mir gegenüber versuchte er sich immer möglichst höflich und gewählt auszudrücken, eine Eigenschaft, die dem Alten so fremd war wie dem Populisten die Vernunft. Der Erzeuger selbst würde, zumindest was meine Person betraf, die Worte Bitte oder Danke niemals in den Mund nehmen. Zu einfach sein Gemüt, zu primitiv sein Wesen. Nicht so aber der hübsche Werner. Der einzige Mitarbeiter, der von ihr eingestellt worden war, möglicherweise mit der Intention, ihr künftig als Spitzel und Lustgefährte zu dienen, und sich dennoch als charakterliche Goldgrube entpuppt hatte. Des einen Leid, des anderen Freud. Und Hete war er auch keine. Das ahnten zwar viele, aber für die beiden Homophoben existierte nichts, was nicht sein soll. Weil nur sein durfte, was Gottes Wille war.

Die Sonne brannte auf die Südoststeiermark mit ihren zahlreichen Weingärten, slowenischen Erntehelfern und Monsanto-Mais-Feldern herab, und ich machte mich im Schweiße meines Angesichts auf den Weg zu meines Vaters Büro. An sich schon kein Vergnügen, bei sommerlichen vierunddreißig Grad Celsius erst recht nicht. Um mit meiner verstaubten Arbeitsgewandung nicht unnötig Schmutz in die sterilen Räumlichkeiten des Alten zu bringen, hatte ich mich noch schnell umgezogen. Nicht dass er es verdient hätte, aber ich wollte jedem möglichen Ärgernis aus dem Weg gehen, um seinem Gesundheitszustand nicht zu schaden. Die automatische Schiebetüre öffnete sich, und ich betrat den klimatisierten Empfangsbereich. Das befremdliche Sammelsurium aus ausgestopften und aufgehängten Jagdtrophäen, gepaart mit Illustrationen der vierzehn Kreuzwegstationen Christi hatte immer schon Unbehagen in mir ausgelöst, das in letzter Zeit allerdings schlimmer geworden war. Werner saß hinter dem Rundtresen und tippte etwas in den Computer. Zwischenzeitlich unterbrach er seine Tätigkeit immer wieder für ein paar Sekunden, um Beschaffenheit und Abnutzungsgrad seiner Fingernägel zu kontrollieren. Ein Goldstück, dieser Werner. Sympathisch lächelnd begrüßte er mich und deutete mir, möglichst schnell den Aufzug zu besteigen. Der Alte war wohl schon ungeduldig, wie sich unschwer erahnen ließ. Nichts Neues im Westen also.

Unbeeindruckt durch Galerie und Konferenzraum schreitend, betrat ich schließlich das Büro des Erzeugers. Seit der Rückkehr von unserem unfreiwilligen Romaufenthalt hatten wir kein Wort mehr gewechselt, was nicht ungewöhnlich war, sondern eher eine Art Normzustand unserer Arbeitsbeziehung darstellte. Letztere gründete auf dem Grundsatz: Nichts reißt, solange nur das Wort nicht sägt. Er hätte es wohl anders formuliert, aber im Grunde war schweigsames Nebeneinander das Fundament von dem, was als harmonischer Familienbetrieb nach außen getragen wurde.

Selbstverständlich war auch sie anwesend. Ursprünglich als Rohrspezialistin eingetreten, hatte sie sich zum Sprachrohr des Alten hochgearbeitet und war nun für die alleinige Kommunikation seiner Wünsche zuständig. Damals wie heute ließ sie sich für ihre Arbeit fürstlich entlohnen und nahm im Zweifelsfall den Mund auch gerne einmal zu voll. Ohne sich lang mit Höflichkeitsfloskeln herumzuplagen, kam sie gleich zur Sache.

„Hanna, um’s kurz zu machen – wir wollen, dass du die Stockig GmbH am Feuerwehrfest vertrittst. Das bedeutet, dass du dich standesgemäß kleidest, eine kurze Ansprache hältst und ein paar Stunden dort bleibst!“

Der Alte blickte sie kurz schief an, er mochte es nicht, wenn sie mich „Hanna“ nannte. Hannibal war schließlich mein Taufname. Mir war der Kosename, ein Mitschüler hatte ihn mir seinerzeit verpasst, eigentlich ziemlich egal. Da tangierte es mich schon mehr, dass ich dem Dorfauflauf beiwohnen sollte. Manche Städter hielten Feuerwehrfeste für die primitive Schlagerform einer Brautschau und hatten damit gar nicht so unrecht. Mein Zögern aber reichte jedenfalls bereits, um sie in Rage zu bringen.

„Wo ist dein Problem, wenn dich dein Vater einmal um etwas bittet? Dreitausend Euro haben wir in die Werbung gesteckt, da wird man doch erwarten dürfen, dass du einmal über den Tellerrand hinausblickst und dich für das Unternehmen, das ja auch deins ist, einsetzt!“

Der Alte nickte nur, wie üblich. Er hatte ja sein Sprachrohr. Während ich überlegte, wie ich aus der Nummer herauskommen könnte, überkam sie ein weiterer Wutanfall!

„Hanna, jetzt sei endlich mal so etwas wie ein Mann und setze dich für deine Familie ein! Dein Vater wird auch nicht ewig da sein!“

Es gab nur wenige Menschen, die so viele Frechheiten in nur zwei Sätze verpacken konnten, wie es die Teufelin, meines Vaters Weib, ehemaliges Flittchen, schaffte. Meine Mitarbeiter und ich waren für Restauration und Fassbinderei zuständig, erwirtschafteten dabei siebzig Prozent des Umsatzes und waren für beinahe hundertdreißig Prozent des Gewinns verantwortlich. Die Möbeltischlerei der beiden Alten nämlich lief stark defizitär. Und dass mein werter Herr im Diesseits überhaupt die letzten Barreserven des Unternehmens ausgeben konnte, war ebenfalls ausschließlich meiner Person, meinem Knochenmark, zu verdanken. Das würden die Teufelin und der Alte aber wohl nie sehen.

„Hanna, du könntest wenigstens versuchen, deinem Vater ein paar Sorgen abzunehmen. Hättest du nur zehn Prozent seiner Willensstärke …“, sie schüttelte dabei den Kopf, „… aus dir wäre ein ganzer Mann und nicht ein egoistischer Schnösel in weißen Freizeitbermudas geworden, der nicht mal eine Frau abbekommt!“

Ich blickte zu meinem Vater, er hatte seinen Blick von mir abgewandt und atmete schwer – trotz Beatmungsgerät. Mir kamen kurz Gedanken an seinen Tod. Was, wenn er wirklich heute sterben würde? Würde ich wollen, damit leben können, ihn in seinen letzten Atemzügen enttäuscht zu haben? Ihre Meinung, das unverrückbare Bild des undankbaren Taugenichts, das sie von mir hatte – es war mir egal. Den Alten aber, ganz gleich wie unverständlich das für einen unvoreingenommenen Dritten anmutete, wollte ich nicht enttäuschen. Vielleicht, weil ein Teil von mir in ihm lebte und umgekehrt! Möglicherweise, weil man eigenes Blut, sei es noch so böse, nicht enttäuschen wollte! Oder nur der Hoffnung wegen, dass seine Genesung, wenn sie denn einsetzen würde, auch seelischer Natur wäre.

„Gut. Ich gehe dahin“, entfuhr es mir schließlich. Ohne ein weiteres Wort machte ich kehrt und verließ das Büro. Mein Vater blieb stumm, kein Danke, kein Garnichts. Nur sie hörte ich meckern: „Wenigstens ein ‚Tschüss‘ wäre nett gewesen. Aber Manieren waren ja nie seine Stärke. Kein Wunder. Hatte ja nie eine g’scheite Mutter.“

Agnes Teresa, die gebürtige Mazedonierin, war in Prälat Rangls Augen vieles, nur keine Heilige. Zuerst einmal entsprach sie optisch nicht gerade dem, was Mann von einer Frau so erwartete. Ihre Brüste waren zu klein und hingen dennoch, sterbenden Stalaktiten gleich, dem Erdmittelpunkt entgegen. Der Hintern war breit wie der Ganges zur Monsunzeit und die unübersehbare Cellulite an ihren Schenkeln hinterließ eine Kraterlandschaft, die sogar Neil Armstrong in Erstaunen versetzt hätte. Dazu gesellten sich hängende Augenlider, die Karl Dall mühelos in den Schatten gestellt hätten, und nur kleine Sehschlitze, Schießscharten zur Seele übrig ließen. Eine optische Trauerweide, wenn man so wollte. Wesentlich schlimmer aber stand es um den menschlichen Aspekt ihres Daseins. Als Patient hatte der Priester erwartet, auf Güte und Mitgefühl, vielleicht sogar ein bisschen Milde in schweren Zeiten bauen zu dürfen, nicht aber bei Schwester Teresa. Diese Frau bemutterte niemanden. Wahrscheinlich war sie in Ermangelung eines Samenspenders selbst nie zu Mutterfreuden gekommen, hatte darüber hinaus ihre eigene Mutter in den Wahnsinn getrieben, und deren Mutter ebenfalls – wie der Prälat vermutete. Am allerschlimmsten aber war der Umstand, dass es ihr primär nicht um den Bedürftigen selbst, sondern hauptsächlich um dessen Glauben ging. In dieser, womöglich in gar keiner, Hinsicht verstand die Frau nämlich überhaupt keinen Spaß. Wenn es um das Brechen und Neuprogrammieren einer verlorenen Seele ging, war sie ein wandelnder Reset-Button, erfolgreicher als die Zeugen Jehovas und Scientology zusammen. Agnes Teresa war nach Monsignore Rangls Dafürhalten eine biblische Plage – und seine Krankenschwester im Landeskrankenhaus Bad Radkersburg.

Wie jeden Morgen hatte ihn die Teufelin pünktlich um 06:15 Uhr geweckt. Da er sich die Nächte mit Sport- und Erotik­kanälen, ein angenehmes Zusatzpaket für Patienten der ersten Klasse, um die Ohren schlug, empfand er die frühe Morgenstunde als zutiefst unchristlich. Dabei zog sie ihm mit schnellem Griff die wärmende Decke vom Leib und öffnete das abgedunkelte Fenster. Dass dabei seine Mola zum Vorschein trat, schien sie nicht im Geringsten zu stören, ja, sie schien es nicht einmal wahrzunehmen. Merda, um seine Priesterwürde machte sich die Frau offensichtlich keine Gedanken!

Da war die Urinprobe, die er zwecks Drogenscreening dreimal täglich abliefern musste, das kleinere Problem. Wenigstens hatte ihm der Krankenhauspsychologe attestiert, kein potenzieller Selbstmordkandidat zu sein. Zwar ein amourös-kompensatorischer Narzist mit paranoiden Zügen – aber kein Selbstmordkandidat. Was zur Abnahme der Handschellen geführt hatte. Immerhin.

„Mesner kommt heute, stimmt, Rangl?“, fragte die Schwester, während sie sein Bett frisch überzog.

„Das ist richtig. Innerhalb der nächsten fünfundvierzig Minuten, um genau zu sein, der ist auch so ein Morgenmensch wie Sie, Agnes! Und nennen Sie mich nicht Rangl, Monsignore oder Prälat ist vollkommen ausreichend!“, antwortete der Priester schnippisch. Eine weitere, qualvolle Viertelstunde musste vergehen, bis die Pflegeschwester endlich alle Kissen neu bezogen, altes Blumenwasser durch neues ersetzt und seine Urinproben eingetütet hatte. Im Gehen teilte sie ihm noch mit, dass ihrer Meinung nach der Teufel selbst in Suchtmitteln wie Heroin stecken würde. Folglich müsste neben seinem Krankheitsbild auch die Seele gereinigt werden. Hierfür empfahl sie ihm beiläufig einen Exorzisten, der mit ihr gut bekannt sei. Der Frau war nicht zu helfen, war sich der Prälat sicher. Aber die Sache hatte auch ein Gutes, seitdem Schwester Teresa zum Teil seiner Alltagsqual geworden war, verursachte ihm die Vorstellung, Zeit mit seinem Mesner verbringen zu müssen, keine Magenkrämpfe mehr.

Als Mesner Ferdinand eintrat, bestätigte sich sein Verdacht. Er ertappte sich dabei, Anflüge von Sympathie für den weißhaarigen Quälgeist zu empfinden. Interessiert lauschte er den Ausführungen seines Assistenten. Der Teil, bei dem Ferdl, der nicht nur nahe, sondern scheinbar direkt im Wasser gebaut worden war, fast zu heulen anfing, rührte ihn besonders. Für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob ihm in seinem Erwachsenendasein überhaupt schon einmal derart viel Zuneigung zuteilgeworden war, wie sie ihm Ferdl in jenem Augenblick entgegenbrachte? Kein schlechtes Gefühl jedenfalls, wie er sich eingestehen musste. Wenigstens einer, der um ihn trauerte, wenn er sich irgendwann in die ewigen Jagdgründe blasen würde. Mit großen Hundeaugen, ähnlich einem Dackel auf Dope, blickte ihn sein Assistent am Ende seiner Ausführungen an und wischte sich dabei eine Träne weg. Jeder normale Mann, dachte Monsignore Rangl, würde sich wenigstens für das Weicheiergetue schämen. Nicht so Ferdl. Dieser offenbarte seine Gefühle mit unglaublicher Selbstverständlichkeit, sodass der Prälat kurz gedacht hatte, er hätte wirklich zwei Hoden.

„Ferdinand, es ist mir ein Rätsel, wie du mit dieser Tussinummer jemals zu deiner Frau gekommen bist. Da war wohl eine gehörige Portion Betäubungsmittel im Spiel!“, fragte er neckend, um den gefühlsduseligen Moment zu überspielen.

„Mitnichten, Exzellenz. Luzifers Verführungsversuche an Gottes liebstem Geschöpf haben damit nichts zu tun. Die wilde Marlene verfiel einzig und alleine der Poesie meines Herzens.“

Monsignore Rangl hatte in den Wochen seines Komas ganz vergessen, wie ausgesprochen anstrengend die Ausdrucksweise des Kirchendieners war. Vom Umstand, dass er mit Ausnahme des Weins in jedem Rauschmittel ein Teufelswerk sah, ganz zu schweigen. Der Küster war ein guter Mensch, ein treuer Gefährte – aber anstrengend. Nicht umsonst benannte ihn der Prälat abwechselnd, in herabmindernder Reihenfolge mit Ferdl, Joe, Josey oder Janis.

„Bitte, Joe, hab Erbarmen und verschone wenigstens mich mit der Poesie deines Herzens! Da wird einem ja übel. Erzähle mir lieber, was sich während meiner, nennen wir es ungeplanten, Abwesenheit in der Pfarre getan hat!“

Nach einem dramatisch hinausgezögerten Schnaufen, ganz wie es dem liebevoll theatralischen Wesen des Sakristans entsprach, begann dieser zu erzählen. Von der Petition der Stradner an die Diözese Graz-Seckau, den Prälaten doch abzuberufen, bis zur Entscheidung des Generalvikars, ihm in bester christlicher Tradition die Möglichkeit zur Buße, zur Wiedergutmachung zu geben. Weitere Beschwerden von Gläubigen oder gar Verwaltungs- und Justizverfahren würde die Diözese aber nicht akzeptieren. Außerdem müsse er zum Beweis seiner Läuterung eine Drogenentzugstherapie machen und dies auch in entsprechender Weise der Kirchengemeinde gegenüber kommunizieren, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Monsignore Rangl war entsetzt.

„Himmel, Pest und Wolkenbruch – ich soll einen Drogenentzug machen! Wie ein verdammter Cracksüchtiger?! Da zieht’s dem Jesus ja die Latschen aus! Absurd ist so etwas!“, brach es aus dem Priester heraus.

„Es wäre aber doch ein Zeichen von Größe, wenn Ihr Eure Verfehlungen öffentlich eingestehen würdet. Es würde den Menschen die Hoffnung geben, Seelenheilung zu erfahren, wenn Ihr sie an Eurer teilhaben lassen würdet.“

„Die Menschen und ihre scheiß Seelenheilung sind mir doch egal, Josey“, schnauzte der Prälat zurück. „Ich soll eine Drogentherapie machen, obwohl mir der Sack von Kardinal den Shit verpasst hat. Der ganze kirchliche Drecksapparat sollte eine Therapie, eine Abführkur machen, aber nicht ich. Drogentherapie, dass ich nicht lache! Merda! Was für ein Blödsinn. Ich kratz’ beinahe ab, und am Ende soll ich auch noch den Kopf dafür hinhalten. Da stecke ich mir lieber ein Kreuz in den Arsch und trabe damit am Rücken eines Pferdes ins Gelobte Land – bevor ich das mache!“

„Ich fürchte, dass es nicht Ihr seid, der hier den Markt macht. Euer Fall hat hohe Wellen geschlagen, der Wiener Erzbischof selbst hat nach Eurer Ablöse verlangt. Es ist ein göttliches Wunder, dass Ihr überhaupt die Chance erhaltet, Eure Taten ungeschehen zu machen!“, entgegnete der Mesner.

„Du glaubst also auch, dass ich mir einen Schuss setzen wollte?“

„Was ich glaube oder nicht glaube, spielt doch keine Rolle, Exzellenz. Wichtig ist, dass Ihr lebt und was Ihr aus diesem Geschenk macht! Und ehe ich es vergesse, Euer Freund war da und hat sich liebevoll um Eure Pflanzen gekümmert.“

Es waren die letzten Worte des Pfarrsekretärs, bevor ihn Schwester Teresa bat, den Raum zu verlassen. Die Aufregung war dem Gesundheitszustand des Monsignore nicht förderlich gewesen, da änderte die Gewissheit, dass es seinen Setzlingen gut ging, auch nicht viel daran. Untypisch sanft trocknete sie Prälat Rangl die schweißüberlaufene Stirne ab. Schon besser, dachte sich der Geistliche, ein bisschen Mütterlichkeit steckte wohl doch in jeder Teresa. Er war eingeschlafen.

Kapitel III – das Rehkitz, Bruder Johannes & der Ausklang

Es gab wenig, das Bankdirektor Rumaiter mehr genoss als den höflichen Applaus seiner Stradner. Das Bad in der Menge Hunderter verschuldeter Häuslbauer, denen er ohne Erwähnung des Fremdwährungsrisikos Frankenkredite aufgeschwatzt hatte. Von jenen, die in langfristig wertlose, weil unter der Inflationsrate verzinste Pensionsvorsorgepakete investiert hatten, bis zu den Schwächlingen, die Kaufempfehlungen von Aktien des abstürzenden Spitzeninstituts zur Besicherung wucherverzinster Girorahmen befolgt hatten – sie alle hatten ihm nicht nur Hunderttausende Euro an Provisionen eingebracht, sondern vor allem das Gefühl, seine Sache richtig gemacht zu haben. Erfolg war Bestimmung des Stärkeren, das müsste auch der Pöbel zu spüren bekommen. Natürlich war ihm bewusst, dass der Applaus seiner Ansprache hauptsächlich der Kreditabhängigkeit der Festgäste geschuldet war, doch das störte ihn nicht weiter. Solange er im Gegenzug Brot und Spiele, Backhendl und Schlagermusik, servieren konnte, würden sich Zorn und Dankbarkeit der Meute die Waage halten. Gut für ihn, Jesus und Lagermoos.

Nachdem alle Sponsoren ihre Ansprachen beendet hatten, eröffnete der Feuerwehrkommandant mit dem traditionellen Brandtanz, einer Mischung aus Schuhplattler und linksgedrehter Polka, bei dem ein Stück Wasserschlauch, Symbol für die immerwährende Bereitschaft der freiwilligen Feuerwehr, von Tanzpaar zu Tanzpaar weitergegeben wurde. Rumaiter selbst hatte sich die Tochter des Bürgermeisters geschnappt und versuchte, deren primäre Geschlechtsmerkmale so oft wie möglich „versehentlich“ zu berühren – wer konnte einem solch ungewollte Berührungen im Rahmen eines Gesellschaftstanzes schon übel nehmen, überhaupt, wenn man studiumsbedingt ein Praktikum in einer Bank absolvieren und dazu nicht nach Graz pendeln wollte. Er war der Jäger, der Stärkere, Erfolg seine Bestimmung. Wie angenommen wehrte sich die Kleine nicht wirklich, eher verlegen wischte sie seine Hand immer wieder aufs Neue weg. Dabei blitzten ihre Augen leicht erschrocken, wie die eines Rehs, kurz bevor man ihm die Kehle durchschnitt, auf. Ein Zeichen für Rumaiter, den Jäger, die Schlinge um seine Eroberung enger zu ziehen. Wie gewohnt versuchte er dabei, die animalischen Aspekte seines Ichs herauszukehren, versuchte nicht durch Worte zu bestechen, sondern mit Ausstrahlung und Gewinnergestik zu überzeugen. Nach dem Tanz hatte er das Rehkitz an der Hand genommen und zur Bar geführt, wo er großmundig, im Wissen, dass seine Bestellung unerfüllt bleiben würde, nach Champagner verlangt hatte. Zweifellos würde das, gepaart mit der unterwürfigen Entschuldigung des Kellners beim Herrn Bankdirektor, seine Eroberung zutiefst beeindrucken. Bei Frauen verhielt es sich nämlich ähnlich wie bei Aktien. In beide musste man rechtzeitig investieren. Bevor sie groß herauskamen und die Begehrlichkeiten anderer weckten, bevor sie ihren Marktwert einordnen und Bedingungen selbst diktieren konnten. Jung und unterbewertet, versteckte Schönheiten – so mussten sie sein. Inständig hoffte Rumaiter, dass sie nicht viel Alkohol vertragen würde. Sein Vergnügen war ihm schon ein paar Einladungen wert, doch der Gedanke, mehr als zwanzig Euro für die Dirne auszugeben, bereitete ihm Kopfschmerzen. Frau blieb eben Frau. Kein Segen, sondern eine evolutionsbiologische Notwendigkeit, das Aussterben der Art zu verhindern. Natürlich konnten sie für ein paar Minuten auch Freude bereiten, aber selbst darauf war kein Verlass. Da waren ihm Männer schon lieber, arbeitsfähige Kerle, die immer und überall einsetzbar waren und dabei nicht ständig auf Regelschmerzen verweisen konnten. Männer waren die besseren Frauen. Ohne Eva wäre Adam jetzt noch im Paradies, keine Frage.

Rumaiter blickte zu ihr, es war bereits ihr viertes Achterl Wein. Auf seine Kosten! Wenn sie nicht bald über ihn herfallen würde, könnte sich der Abend als teurer Reinfall entpuppen. Überhaupt schien das Mädchen im Alkohol förmlich aufzublühen, ihr Selbstvertrauen wuchs von Glas zu Glas. Der Bankdirektor musste eine Entscheidung treffen. Der Flachmann, den er aus Kostengründen immer versteckt mitführte, war bereits geleert, weswegen er einen doppelten Klaren, einen kleinen Motivator, bestellte, diesen in einem Zug austrank und seine Eroberung am Handgelenk packte.

„So, genug geschnorrt! Jetzt fahren wir nach Hause und dann kümmerst du dich zur Abwechslung mal um mich und nicht um meine Brieftasche, Schätzchen!“, stellte er bestimmend fest. Das Reh erstarrte, war offensichtlich kurz davor, sich zu unterwerfen, sich dem Schicksal des Schwächeren zu beugen. Über die Jahre hatte der Bankdirektor gelernt, dass man dem Menschen allgemein und der Frau im Speziellen einfach sagen musste, was Sache war. Man musste zupacken, wenn die Chance da war, im Bedarfsfall auch einmal rauere Töne anschlagen, um sein Ziel zu erreichen – nichts anderes hatte er getan. Erfolg ist Bestimmung des Stärkeren.

„Das können Sie vergessen“, konterte die empörte Frau, ehe sie nachsetzte: „Das ist ja schon blanke Realitätsverweigerung, die Sie da treibt!“

Der Bankdirektor war brüskiert. Wie konnte sich die junge Dirne nur so etwas erlauben? Rund um ihn war es trotz Musikkapelle still geworden, alle blickten ihn an. Es waren keine Blicke der Furcht oder Ehrfurcht, sondern die Art von Gesichtsausdruck, die man Perversen gewöhnlich entgegenbrachte. Scheinheilig, dieses Fußvolk, und die Schlampe von Bürgermeistertochter sowieso! Männer besaßen wenigstens den Anstand, sich nicht den ganzen Abend einladen zu lassen, wenn sie schon keine körperlichen Komponenten in Erwägung zogen. Frauen aber waren das Letzte. Er schüttelte innerlich den Kopf! Das war also der Dank dafür, dass er ihr sogar ein Praktikum, den Start in ein gutes Berufsleben, ermöglichen wollte.

Typisch Weib! Ganz egal was und wie viel man ihnen bot, und wenn es die Welt gewesen wäre, es würde dennoch nie genügen. Um die Situation zu beruhigen, lachte er gekünstelt und erklärte, dass es ihm leidtue, da er ja nur gescherzt habe. Die Leute akzeptierten das. Männer, die Frauen auf Feuerwehrfesten unaufgefordert in den Schritt griffen, waren schließlich keine Seltenheit, von daher würde ein Bankdirektor, der eine Abfuhr kassierte, wohl auch nur eine Randnotiz bleiben. Er entfernte sich langsam und begab sich zur Bar, zur Schnapstheke. Keine Frauen, keine Homos, nur Männer und ihr Obstler. Gut für ihn, Jesus und Lagermoos.

Prälat Rangl hatte nie geplant, nach Straden zu kommen. Als Einzelkind war er in den Niederungen des Wiener Gemeindebaus aufgewachsen. Hatte gelernt zu kämpfen, sich durchzusetzen, wenn es notwendig war – und es war immer notwendig gewesen. Seine Eltern hatten sich früh getrennt, die Mutter, eine pensionierte Religionslehrerin, hatte ihn alleine durchbringen müssen. Sein Vater, ein Theologieprofessor in Rom, den er erst vor wenigen Jahren nach jahrzehntelanger Abstinenz wieder gesehen hatte, war für ihn eigentlich ein Fremder. Er hatte ihn sitzenlassen, das Arschloch. Das Priesterseminar war mangels eigener finanzieller Möglichkeiten der einzige Weg zu einem Hochschulabschluss, zu einem besseren Leben gewesen. So richtig war es ihm, damals wie heute, nie um Gott, geschweige denn um die Verkündung des Evangeliums gegangen. Interessanter waren da schon die Ausbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen innerhalb des ältesten Konzerns der Welt gewesen. Im Machtapparat des Klerikerstaates stand man entweder als Glaubensritter im Schaufenster für Minderbemittelte oder kümmerte sich im Hinterzimmer um die Finanzen der Firma – er hatte sich für die Macht entschieden und war dank seines Doktorats in Betriebswirtschaft zum vatikanischen Geheim- und Ermittlungsdienst „Pro Deo“ gekommen.

Eine schöne Zeit. Wein, Weib und Gesang – Letzteren hatte er meist durch Grappa ersetzt, wer brauchte schon Gesang, wenn es doch dreifach Destilliertes gab. Oder Koks. Koks war als Lifestyle-Droge unbezahlbar. Jeder Geistliche, der etwas auf sich hielt, servierte entweder Jungs von den Straßen Roms oder einige Lines oder beides. Mit den Lustknaben hatte Prälat Rangl nichts am Hut, ein bisschen Pistenstaub aber hatte ihm manchmal den Alltag versüßt. Oft war die Einnahme von leistungspushenden Arzneien sogar eine Notwendigkeit gewesen, wenn er bis spät nachts in Buchhaltungsarchiven gesessen hatte, den Spuren von Schwarzgeld und Scheinfirmen gefolgt war, um unautorisierte Korruption innerhalb des Kirchenstaates aufzuklären. Das war nämlich seine Aufgabe gewesen. Damals.

Bis ihn ein mit allen Weihwassern gewaschener Kardinal an die Wand manövriert hatte. Er war, um die Außendarstellung zu wahren, zum päpstlichen Ehrenprälaten ernannt und gleichzeitig von der ewigen Stadt ins verschlafene Straden versetzt worden. Merda