Humus - Michael Nehsl - E-Book

Humus E-Book

Michael Nehsl

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Beschreibung

Humus – oder die Geschichte eines Prälaten, der weder in seiner Pfarre, noch in seinem Glauben und schon gar nicht in seinem Beruf aufgeht. Im ersten Teil der Serie Mord in Straden zwingen ihn die Lebensumstände dennoch dem rätselhaften Verschwinden der Winzersgemahlin Altgsell nachzugehen. Doch auch seine Gegenspielerin lässt nichts unversucht, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und Beweise verschwinden zu lassen. Dabei kommen ihr die zahlreichen Laster des Kirchenmannes zu Hilfe – Hilfe, die das Opfer auch erfleht, während es langsam verarbeitet wird.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Cover

Zu diesem Buch

„HUMUS“ – ist der erste Teil der Kurzromanserie „Mord in Straden“, der sich aus Elementen der Kriminalgeschichte, des Thrillers sowie dem Bereich Fantasy zusammensetzt.

Die Handlung ist in Österreich, im Südosten der Steiermark, konkret in und rund um die 1500-Einwohner-Gemeinde Straden angesiedelt.

Bei den Protagonisten handelt es sich um frei erfundene Charaktere, was ebenfalls für deren familiäre und wirtschaftliche Hintergründe gilt. Etwaige Überschneidungen mit realen Personen sind Zufallsprodukte und in keinster Art und Weise beabsichtigt.

Sehr wohl aber entsprechen die eingebauten Handlungsplätze, Produkte und Nebencharaktere (basierend auf deren Zustimmung) in großem Ausmaß der Realität.

Lassen Sie sich also von einer frei erfundenen Handlung aus Ihrem Alltag entführen und erleben Sie, wie Realität und Fiktion inmitten des steirischen Vulkanlandes verschmelzen.

In diesem Sinne wünsche ich für die kommenden Lesestunden gute Unterhaltung mit Ihrem „HUMUS“.

Titel

H U M U S

- Mord in Straden -

von

Michael Nehsl

Leykam

Kapitel I – von Rosen und Pistolen

Straden, Hauptpfarrkirche, heute …

Jede Reise endet irgendwann, meine in einem Rosenbeet. Ausgerechnet! „Sommerwind“ nennt man die wuchern­den Gewächse, die buschig, sehr verzweigt und äußerst robust sind – solange man sie richtig düngt. Ich war nie ein Freund von Rosen, warum also jetzt damit anfangen.

Am Vormittag war ich – oder das, was von mir übrig war – angekommen. Wahrscheinlich ist „angeliefert“ die treffendere Beschreibung, was soll’s, reine Haarspalterei. Messdiener Ferdinand hatte die Empfangsquittung selbst unterzeichnet. Natürlich hatte er mich nicht bemerkt, wie auch all die anderen Stradener nicht, in seinem Fall aber verwunderte es mich noch weniger.

Als Mann hatte er mich nie interessiert. Beruflich hat­ten wir, wenn er für Mauritz nicht gerade Wein bestellt hatte, nichts miteinander zu tun gehabt. Seine Leiden­schaft galt dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, mei­ne der sexuellen Freiheit. Er lebte für seinen Gott, und ich – keine Ahnung. Ich war halt da. In Anbetracht der letz­ten Monate war sogar das ein Wunder. Noch nie hatte ich von einem vergleichbaren Schicksal gehört, aber angeb­lich soll man als Überlebender eines Kapitalverbrechens dankbar sein. Wem gegenüber bitte?

Seinem Peiniger, dass er einen, wenn auch nur versehent­lich, doch nicht umgebracht hat? Dem göttlichen Schicksal, dass es mit Qual und Schmerz nicht einmal bis zum nächsten Leben, dem berühmten danach, warten konnte? Nein, Dankbarkeit war wahrlich nicht ange­bracht. Ob Leben oder Tod, die Gemeinsamkeit liegt im verdammten Ist-Zustand. Entweder ist man tot oder man ist lebendig. Die einen wünschen sich das eine, die ande­ren das andere, manch einer gar nichts und trotzdem ist man, was man ist – eine verdammte Zustandsform. Nicht mehr, nicht weniger!

Edith, die schräge und definitiv verkalkte Haushälterin, rollte mich persönlich vom LKW zum Blumenbeet. Sie war zwar alt, hatte aber gütige, warme Hände. Behutsam, stets bedacht, mir keine weiteren Verletzungen zuzufü­gen, bettete sie mich sanft neben, teils unter die Äste des Rosenstocks. Letzteres war nicht wirklich angenehm, vielleicht auch ein Grund, warum ich Rosen nie leiden konnte – wegen ihrer Dornen. Grundsätzlich aber ver­sorgte mich Monsignore Rangls Haushälterin so gut sie konnte. Zwischendurch nahm sie sich sogar die Zeit, um mich durch ihre Finger zu liebkosen. Ein angenehmes Ge­fühl, auch wenn mir gewisse Berührungen unter Frauen fremd waren, Edith war anders, war liebevoller.

Mit Blick auf die Atlas-Zeder, dem achtundzwanzig Meter hohen Naturdenkmal Stradens, war ich eingeschla­fen. Nur kurz, nicht annähernd so lange wie der 220 Jahre alte Baum neben mir, dann spürte ich, wie sich der Spa­ten zwischen mich und mein erdiges Bett schob. Der bru­tale Messdiener stach mit aller Kraft auf mich ein, warf mir alte Erde ins Gesicht, nur um mit dem nächsten Schaufelhieb Boden und Gesicht voneinander zu trennen. Dabei sah er nicht böse aus, sann nicht auf Rache, wie es das Miststück getan hatte. Es verschaffte ihm keine sicht­liche Befriedigung. Er tat es mit dem Gesichtsausdruck, den Menschen beim Verrichten ganz alltäglicher Arbeiten haben. Krank!

Edith sah kurz zu und ging schließlich weg. Ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu hel­fen. Mit ihr gingen Schmerz und Hoffnung. Was blieb, war der verdammte Messdiener, der so gerne aus dem 1. Briefe Paulus’ an die Korinther zitierte und so leiden­schaftlich mit dem Spaten auf mich einstach. Immer wie­der, unaufhörlich!

Vor sechs Monaten …

Als sie an diesem Abend die Gärtnerei verließ, wusste sie nicht so recht, was sie zuerst machen sollte. Lachen? Heulen? Schreien? Lachen über die Naivität, einem Mann zu vertrauen, der sie in fünfzehn Ehejahren mit drei un­terschiedlichen Frauen betrogen hatte!? Heulen, weil so­gar das nur eine vage Schätzung war und sie ihn trotz al­ledem nicht nicht lieben konnte? Oder sollte sie vor Wut brüllen, weil sie die einzige Person in dieser Ruine na­mens Ehe war, die noch den Willen hatte, an deren Fort­bestand zu arbeiten? Wozu das Ganze? Zu welchem Zweck? Damit er weiterhin Geld aus dem Unternehmen, das sie erst erfolgreich gemacht hatte, ziehen konnte? Dachte er wirklich, dass sie keine anderweitigen Möglich­keiten gehabt hätte?

Nein, das Lachen war ihr vergangen. Verzweiflung machte sich breit – und Wut. Mit einem kräftigen Druck auf das Bremspedal und unter tatkräftiger Mithilfe der elektronischen Assistenzsysteme brachte sie den SUV zum Stehen. Sie sprang aus dem Auto, knallte die Tür hinter sich zu.

„Scheiß Protzkarre!“, fauchte sie den wie immer nicht antwortenden Mercedes an.

„Niemals hätte ich dich Kübel gekauft … aber ich wollte es ihm ja unbedingt recht machen … ihm eine Freude be­reiten … ihm meine Liebe zeigen!!!“

Während Frau Recknal ihren Seelenschmerz in den nebelverdeckten Nachthimmel brüllte, schlug sie mit dem faustgroßen Stein, den ein wohl gnädiger Racheengel hat­te fallen lassen, wie besessen auf die Autotüre ein. Erst als die Türe eine fast durchgehend konkave Wölbung aufwies, ließ sie von ihr ab. Der Adrenalinschub hatte nachgelassen, der rechte Arm wurde schwer, der „Tat­stein“ glitt aus ihrer Hand, fiel auf den kalten Boden. Sie war am Boden. Während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen, griff sie durch die zerborstene Fensterscheibe hindurch zur Mittelkonsole. Dort lagen ein Päckchen Memphis und eine Pistole – sie beschloss, beides mitzunehmen. In Trance stapfte sie über den gefrorenen Ackerboden, immer der Feldmitte zu. Auf einmal, wie aus dem Nichts, war er da – der perfekte Platz. Sie ließ sich nieder, entkräftet, von inneren Schmerzen geplagt.

Auf dem Rücken liegend trotzte sie dem kalten Unter­grund, versuchte vergebens, sich der inneren Leere zu stellen. Sie streckte ihre kraftlosen Beine von sich und entzündete eine Zigarette, die Pistole griffbereit zu ihrer Rechten liegend. Dabei starrte sie in den Himmel, durch den dicken Nebelvorhang war nur ein einzelner Stern zu erkennen, und doch war es der klarste Augenblick ihres Lebens. Als würde Gott persönlich zu ihr sprechen, ihr die Worte in den Mund gelegt haben. Sie musste keine Arche bauen, um die Artenvielfalt zu erhalten, ihre Auf­gabe lag im Schutz der Familie.

„Wer nach den Sternen greift, schiebt Nebel beiseite. Glück widerfährt jenen, die Widerstände beseitigen“ – die göttliche Botschaft ergab Sinn.

Das Bild formte sich zu einem Gesicht. Verboten schön waren ihre Augen, waren ihre Haare. Entfernt hör­te sie eine Stimme, sie lächelte. Gleich würde es kein Ge­sicht, keine blauen Augen, keine Stimme und kein Un­glück mehr geben. Langsam hob sie die Waffe, richtete die Mündung gegen das Bildnis, gegen den Laut, den der Himmelsvorhang nun freigab. Der Zeigefinger krümmte sich um den Abzug – ein kleiner Klick für sie, ein großer für die Ehe – es wurde dunkel.

Ist es moralisch fragwürdig? Ja, wenn man an Moral glaubt. Für mich ist Moral Mittel zum Zweck, ein gesell­schaftliches Dogma – gemacht von den Schwachen, um starke Frauen zu fesseln. Trotzdem hatte ich ein schlech­tes Gefühl! Oder ich glaubte nur, eines haben zu müssen, was auf dasselbe hinausläuft. Als ich an diesem Abend durch das Gleichenberger Tal nach Hause fuhr, dachte ich über die vergangenen Monate, über Martin nach. Der Schluss blieb derselbe – es ist gut, wie es ist. Warum also ein schlechtes Gewissen haben? Entweder war man Jäge­rin oder Opfer. Im Krieg und in der Liebe ist schließlich alles erlaubt. Wer also die Affäre liebt, ist zwangsläufig mit der Dorfgesellschaft im Krieg und somit doppelt ab­gesichert. So ist das Land generell, Straden bildete da kei­ne Ausnahme.

Die B66 in Richtung Radkersburg war in jenen Herbsttagen ein Härtetest für jede Bandscheibe. Der Bund musste sparen, das Land und die Gemeinden sowie­so, also war das Ausbessern der Schlaglöcher auf den nächsten Frühling verschoben worden. Schon wieder.

Mein Rücken war zu diesem Zeitpunkt durch andere, an­genehmere, Aktivitäten bereits strapaziert gewesen. Um der Kraterlandschaft zu entgehen, fuhr ich bei Stainz ab und nahm stattdessen die Feldstraße nach Muggendorf. Keine besonders gute Idee übrigens, ich war keine drei­hundert Meter gekommen und musste schon wieder an­halten. Diesmal war es kein Straßenloch, das mich blo­ckierte, sondern ein Mercedes.

Das Licht war eingeschaltet, nur der Fahrer hatte of­fensichtlich vergessen, die Warnblinkanlage zu aktivie­ren. Wahrscheinlich einer dieser „Hut-Typen“, zu alt für die ÖBB-Seniorenkarte, aber noch stolzer Führerschein­besitzer. Wollte ich also weiterkommen, ohne in den Acker auszuweichen, musste ich wohl nach dem Rechten sehen. Danke Gott – als hätte ich sonst keine Probleme!

Schlagworte wie „Frau-alleine-Nacht“ schossen mir kurz durch den Kopf. Nur kurz, schnell hatte ich sie wie­der verworfen. Was bitte sollte ausgerechnet hier passie­ren? Wenn zwischendurch einmal ein Hase überfahren wurde, galt das hierzulande schon als Event. Nein, von diesem Landstrich würde keine Gefahr ausgehen. Vier Kirchen, drei Kühe, zwei Gasthäuser und ein gelangweil­ter Priester – ich war keine fünf Kilometer von Straden entfernt. Und Straden war schließlich nicht New York, nicht einmal Graz oder Feldbach. Hier galten andere Ge­setze. Man kennt sich, man grüßt sich, man hilft ein­ander – zumindest solange man beobachtet wird.

Ich stieg aus, das Kennzeichen des Fahrzeugs, „RA – RG 1“, sagte mir nicht nur, wem der Wagen gehörte, son­dern auch, dass das Schicksal Sinn für Ironie haben muss­te. Die Fahrertür war ziemlich verbeult, das Seitenfenster geborsten, alles deutete auf einen Wildschaden hin. Ein­zig das Wild fehlte – und Frau Recknal, die Erbin und Geschäftsführerin des regionalen Gärtnerei- und Kom­postierungsunternehmens „Recknal’s gARTen“.

Mit der Taschenlampe, die man hier im Vulkanland so sicher im Auto hat wie das Reserverad, leuchtete ich den Boden um den Mercedes herum ab und entdeckte Fuß­spuren. Natürlich führten sie in den Acker. Natürlich trug ich Stiefel mit 11-Zentimeter-Absätzen. Natürlich ant­wortete niemand auf meine Rufe, denkbar schlecht aus­gerüstet folgte ich den Fußabdrücken. Es war ein seltsa­mes Gefühl, über den halbgefrorenen Ackerboden zu ge­hen. Unwirklich! Mal war er hart genug, um auf dem Tau beinahe auszurutschen, dann wieder ganz weich, und man sank mehrere Zentimeter ein. In jedem Fall aber hat­te er es auf meine „Andies“ abgesehen. Soviel stand fest, der humusreiche Boden war nicht gerade ein Freund meiner Stiefeletten. Kurz spielte ich sogar mit dem Gedanken, einfach umzudrehen, der Drecksacker drohte meine Stiefeletten, teure Stücke von Michael Kors, zu zerstören.

Nachdem ich gute zweihundert Meter querfeldein ge­laufen war, entdeckte ich sie schließlich. Sie lag auf dem Rücken, wie ein Schneeengel ohne Schnee, dafür mit Jau­che und halbgefrorenen Erdbrocken bedeckt. Anfangs sah ich nur die zwischen Ober- und Unterlippe eingeklemmte Zigarette, bemerkte das regelmäßige Aufglimmen der Glut. Sie atmete offensichtlich, reagierte aber nicht auf meine Zurufe. Ich beugte mich über sie …

„Fuck!“, meine innere Stimme schrie auf, äußerlich war ich aber erstarrt. Ich blickte geradewegs in den Lauf einer Pistole. Mein Kopf als riesengroße Zielscheibe vom Voll­mond ausgeleuchtet – wie abgedroschen, ein schlechter Film und dennoch real. Ein provokantes Grinsen! Das Miststück lächelte mich tatsächlich an. Als ob sie auf mich gewartet hätte, als wäre ich Anfang und Ende ihrer Probleme. Regungslos stand ich über ihr, nahm alles im Zeitraffer wahr. Ihr rechter Finger spannte sich um den Abzugshahn, ich war paralysiert, konnte ihre Augen, das Feuer, konnte mein Ende sehen. Es war der letzte Augen­blick, bevor das Adrenalin die Kontrolle übernahm. Re­flexartig trat ich die Waffe aus ihrer Hand. Mein zweiter Tritt traf sie in den Magen, mein dritter an der Schläfe. Vier, fünf und sechs folgten, ehe ich mich wieder beruhigt hatte. Zitternd stand ich neben ihr, trat ihr nochmals in die Rippen. Und nochmals. Das Adrenalin baute sich nur langsam ab. „Miststück!“, während ich sie beschimpfte, fühlte ich ihren Puls, sie war bewusstlos, lebte aber. Ich lebte, was mir in diesem Augenblick mindestens genauso wichtig war.

Das hat man also davon, wenn man hilfsbereit ist – man kommt selbst unter die Räder. Oder unter den Acker, wird selbst zum verdammten Acker. Meine Ge­danken kreisten immer noch um die Pistolenmündung. Ein Schockzustand ist nichts Reales, man ist verwirrt, sieht Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig – in Zeitlu­pe durch Milchglas. Nur langsam konnte ich mich beruhi­gen, suchte den Horizont nach Hilfe ab. Nichts. Keine Menschenseele!

Ich beschloss zu gehen – wer war ich denn überhaupt? Eine Samariterin? Mutter Teresa? Wer hatte denn hier die Schraube locker? Wer hat sich denn mitten in der Nacht mit einer Pistole in den Acker gelegt?! Und wer wäre um ein Haar erschossen worden? Genau – ich, die gute Seele! Nein, sollte sie doch an einer Lungenentzün­dung sterben, ich würde keinen weiteren Finger für diese Frau rühren. Schlimm genug, dass ich das Ruinieren mei­ner Schuhe beinahe mit dem Tod bezahlt hätte.

So drehte ich um. Es war eiskalt, ich war hundemüde und stapfte in einer Art wütendem Schockzustand zurück zu meinem Wagen. Auf der Heimfahrt rief ich Martin an und sagte ihm, er solle gefälligst seine verrückte Frau aus dem Acker holen. Oder sie erfrieren lassen!

Er war außer sich, wollte mir anfangs nicht glauben. Natürlich wollte er, dass ich auf ihn warte. Wahrschein­lich hätte er es sogar noch auf der Motorhaube machen wollen! Oder eine Zigarette rauchen! Oder reden. Martin liebt es, zu reden – über uns, über mich, über die Zukunft und die Prioritäten, die wir uns gemeinsam setzen sollten. Er hatte sich von seiner Frau emotional abgewandt. Seine Priorität galt ganz klar mir, was mich nach den Ereignis­sen der letzten dreißig Minuten nicht weiter verwunderte. Meine hingegen lag ganz klar auf einem heißen Bad und einer Flasche Cuvée De Merin. Danach kam immer noch mein Mann und ganz am Ende Martin. Er war eine Affäre, wie jede andere davor – nett, zeitlich begrenzt und mit dem heutigen Abend Geschichte.

Wie jeden Sonntag trat Monsignore Rangl vor die Haupt­pfarrkirche, richtete sein Haupt empor, um dem Herrn ein flüchtiges Danke entgegenzubringen, und begab sich zum Weltkriegsdenkmal, um der gefallenen Soldaten zu gedenken – zumindest musste es für Außenstehende so wirken. Für ihn galt der Ritus weniger dem Gedenken, denn einem weiteren Akt im ewigen Drama – „Priester gegen Volk“.

Wie zum Beweis hatte ihm das Schicksal die kleine Lena vorbeigeschickt, das wahrscheinlich bravste und nervigste Kind Stradens, eine Besserwisserin der Sorte Mutter Teresa, die keinen Moment ungenutzt ließ, um ihn mit Fragen zu quälen, die selbst den Dalai Lama an den Rand des Wahnsinns gebracht hätten. Diesmal hatte sie von ihm wissen wollen, ob Gott Menschen, die regel­mäßig in die Kirche gingen, mehr Glück schenken würde als anderen? Er hatte die kleine Göre kurz und verächt­lich angesehen und geantwortet: „Ich bin jeden Tag in der Kirche, findest du, dass ich dabei glücklich aussehe?“

Eigentlich eine klare Ansage, bei der jedes andere Kind davongerannt wäre, nicht aber Lena. Die hatte ihn mitleidig angesehen, seine Hand genommen und entgeg­net, dass das wohl daran liege, dass er keinen Sex haben dürfe!

Seit wann bitte sagten neunjährige Kinder so etwas? Die Welt war ein riesiges Fäkalienmeer und er war ein Schiffbrüchiger ohne Rettungsring.Merda!Genau so fühlte sich der Morgen, nein sein ganzes Leben an.

Durch den Torbogen, der Hauptpfarrkirche und Resi­denz verband, ging er auf den Pfarrplatz. Es war einer dieser kühlen Novembertage, ein undurchdringbarer Wolkenvorhang hüllte die Region in tristes Grau, Nacht und Tag unterschieden sich nur durch marginale Grauschattierungen, es schien, als wäre die Sonne auf Ur­laub. Einzig das Rosenbeet, es war Heimat dreier Rosen­stöcke, vermochte seine Stimmung ein wenig aufzuhellen. Monsignore Rangl liebte Rosen, auch wenn sie gerade nicht in Blüte standen, auch an kühlen Novembertagen und sogar an Sonntagen, an denen er lieber in seinem französischen Doppelbett geblieben wäre, um wie jeder normale Christ seinen Kater auszuschlafen. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte Messe und Beichte abgesagt. Und er hätte dem Gärtner aufgetragen, weitere Rosenstöcke zu setzen. Ersteres scheiterte am kanonischen Recht, Zweiteres an der Wirtschaftskrise. Er blickte die zwei­hundert Jahre alte Atlas-Zeder an und das ungute Gefühl, dass er vielleicht ebenso lange an diesem gottverlassenen Ort bleiben müsste, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Ob Petrus, der kleine Pfortenbote, ihm diese An­spielung wohl durchgehen lassen würde? Was weiß schon ein Priester! Für Petrus, Rom und alles Weitere würde noch genug Zeit bleiben, zuerst musste er einen Teufel namens Kopfweh austreiben. Am besten mit ei­nem Schuss Cognac.

„Eure Exzellenz! Ihr müsst euch beeilen, die Beichtstunde beginnt in dreißig Minuten“, die Stimme des Pfarrsekre­tärs durchbrach die Stille.

„Merda“, entfuhr es dem Prälaten, „hätte ich fast verges­sen! Ist mein Frühstück fertig?“

„Euer Frühstück ist schon angerichtet, Exzellenz.“

„Gut so, dann bereite die heilige Messe vor!“

„Jawohl, Exzellenz.“

„Und hol etwas Brauchbares aus dem Keller – es ist Sonntag, unter einem Neumeister trink’ ich da gar nichts!“

„Jawohl Exzellenz, wird sofort erledigt.“

Der Pfarrsekretär, leicht trottelig, aber immerhin bemüht, entfernte sich mit schnellen Schritten und wäre dabei um ein Haar ins Rosenbeet getreten, was wiederum den Priester erzürnen ließ:

„Herrgott nochmal, pass doch auf, wo du hintrittst!“

„Jawohl Exzellenz, tut mir leid Exzellenz!“

„Das muss es nicht, es würde schon genügen, wenn du besser aufpasst. Und das Exzellenz, zum x-ten Mal, ist auch nicht notwendig.“

„Jawohl Exzellenz, tut mir leid Exzellenz!“

Monsignore Rangl schüttelte ungläubig den Kopf. War er nicht schon genug bestraft worden? Er blickte fragend nach oben – der einsetzende Migräneschub war entweder Zufall oder wieder eine dieser zynischen Antworten, die der große Macker des Öfteren für ihn parat hatte. Für manch einen sind Gottes Wege vielleicht unergründbar, für Ehrenprälat Rangl waren sie schlicht ein Labyrinth. Im einen Augenblick noch auf Karrierekurs im vatikani­schen Ermittlungs- und Aufklärungsdienst „Pro Deo“ und im nächsten Moment auf dem Abstellgleis im Nirgendwo –Merda, er war zum Dixi-Klo Roms verkommen, ein Fä­kalientank auf Abruf. Zugegeben, es gab in Österreich nicht viele Priester, die vier Kirchen für sich hatten, aber zum Teufel noch mal – wieder erreichte ihn ein Migräne­schub – Straden war nicht Rom. Die Diözese Graz war nicht der Heilige Stuhl und er hatte sich garantiert nicht durch Wirtschaftsstudium und Priesterseminar gekämpft, um alten Greisen, sie waren so ziemlich die einzigen Kir­chengäste, Hostien zwischen die dritten Zähne zu schie­ben. Zufall oder nicht, gestern erst hatte eines dieser Bies­ter nach seinem Finger geschnappt.

Natürlich wusste er, warum er in dem kleinen, südoststei­rischen Nest gelandet war. Seiner Versetzung war eine politische Schlammschlacht vorausgegangen. Am Ende hatte ihn ein intriganter Kardinal ausgespielt. Die Nieder­lage alleine wäre schon schmerzhaft genug gewesen, doch die Versetzung – nur kurzfristig, wie man ihm ver­sichert hatte – aus seinem geliebten Rom war der eigent­liche Stachel in der Wunde. Was hieß überhaupt kurzfris­tig? Die Kirche dachte grundsätzlich in Jahrhunderten – kurzfristig konnte gleich mal zwanzig Jahre bedeuten, ohne Chance auf vorzeitige Entlassung.Merda!Das Be­fummeln eines Ministranten hätte ihm maximal ein Jahr Rumänien eingebracht, er aber hatte sich ja unbedingt mit einem Kardinal anlegen müssen. Das hatte er nun da­von – Straden.

Hinzu kam, dass sein Vorgänger hier ein überaus be­liebter Priester gewesen war und dessen Entschluss, sich in den Laienstand rückversetzen zu lassen, um eine Fami­lie zu gründen, in der Gemeinde zu unzähligen Sympa­thiebekundungen geführt hatte. Bewundernswert? Nicht für den Pfarrer!Merda, Scheiße war so etwas! Nicht nur, dass er keinerlei Lust zur Predigt oder Seelsorge verspür­te, nun musste er auch noch große Fußstapfen füllen – eine undankbare Hinterlassenschaft. Ansonsten hatte ihm der gute Mann nur einen Schlüssel zum Archiv, das er in den zwei Monaten seit seiner Ankunft noch nie betreten hatte, überlassen. Warum auch? Um sich eine Staubver­giftung einzufangen, hätte er nicht mal das Schlafzimmer verlassen müssen – zumindest so lange die 70-jährige Edith für die Reinigung zuständig war.

„Monsignore, Ihr Espresso ist fertig“, wenn man vom Teufel spricht, die Stimme der Wirtschafterin durchbrach seine Gedanken.

„Geben Sie keine Versprechen, die Sie nicht halten kön­nen Edith! Ist’s diesmal wirklich Espresso oder wieder die dünne Brühe, die sie mir seit zwei Monaten als solchen verkaufen wollen?“

„Nein, Monsignore! Diesmal ist er ganz kurz!“, die Wirt­schafterin stellte das Tablett ab und entfernte sich wie üb­lich mit einem freundlichen Lächeln.

Wie jeden regenfreien Sonntag nahm er seinen Es­presso, oder das schwarze Zeug, das man ihm als solchen vorsetzte, im Pfarrgarten ein. Wenigstens hatte sie den Cognac beigestellt – sowohl Kater als auch Kaffee ver­langten heftig nach ihm. Während er das schwarze „Co­gnacwasser“ in kleinen Schlucken zu bewältigen versuch­te, rotierten seine Gedanken um die Ereignisse der letzten Nacht. Straden war nicht Vatikanstadt, aber gewisse Ge­meinsamkeiten waren nicht zu leugnen – zumindest wenn es darum ging, die Wahrheit hinter einem Nebel aus Fiktion und Schweigen zu verbergen.

Er nahm einen tiefen Zug aus der eben angezündeten Zigarette, ließ den wohltuenden Dunst seine Lungen um­spielen. Schnell wurde er ruhiger – das zugefügte Mari­huana hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

Kapitel II – von beichtenden Eheleuten

„Eine Beichte reinigt Körper und Seele“ – sagt man zu­mindest und ich hatte an jenem Samstag so etwas wie eine Tiefenreinigung notwendig. Xaver, mein Mann, war verheiratet – formal mit mir, real mit seinem Wein. Prak­tisch lebten wir einen Handel, sein Geld gegen meine Schönheit und gemeinsame Intimität. Das war der Deal, darauf hatte ich mich gerne eingelassen. Als Liebhaberin bin ich gut, kann aus mir herauskommen, genieße die Abwechslung. Verdammt noch mal, ich bin eine Göttin, was normale Männer auch durchaus zu honorieren wuss­ten. Xaver aber hatte beschlossen, seine Zuneigung auf den Wein zu beschränken. Zehn Minuten zu Geburtstag, Weihnachten und wenn Sturm Graz Fußballmeister wur­de! Letzteres passiert so ungefähr alle zehn Jahre – er war es, der unseren Deal gebrochen hatte. Ich nahm nur, was mir zustand, und Xaver ahnte entweder nichts oder er wusste und tolerierte es – zumindest hatte er mich nie auf meine Affären angesprochen. Kopfzerbrechen bereitete er mir jedenfalls keines. Für meinen Teil liebte ich ihn und davon abgesehen hätte er sich die Scheidung sowieso nicht leisten können.

Mit Martin aber war das anders. Er hatte eine Mutati­on durchgemacht – vom leidenschaftlichen Abenteuer zum klammernden Liebhaber. Das letzte Mal war ihm so­gar ein „Ich liebe dich“ herausgerutscht, während dem Akt! Ein Tabubruch der schlimmsten Sorte. Warum bitte macht Mann so etwas? Warum eine zwanglose Affäre durch eine feste Beziehung zerstören? Klar, ich beneidete ihn nicht um seine Frau, aber sie sorgte wenigstens für ihn. Es ist eine seltsame Welt geworden. Männer wollen Beziehungen, Frauen Affären und ich hatte vor, das alles mit einem Priester zu besprechen. Der Prälat war aber nicht nur ein Priester, er war mein Freund oder so was Ähnliches. Ich betrat die Hauptpfarrkirche durch den Seiteneingang. Mauritz musste schon im Beichtstuhl sitzen, zumindest sagte mir das der Grasgeruch, der in der Luft lag.

„Nun mein Kind, was liegt dir auf dem Herzen?“ Mauritz eröffnete die Beichtstunde.

„Oh mein Gott! Das kann jetzt nicht dein Ernst sein!“

„Was meinst du?“

„Das Kind! Ehrlich jetzt, bei unserer Vergangenheit glau­be ich nicht …“

„Ist gut, wir müssen das nicht hier erläutern“, Mauritz, jetzt ganz Priester, fuhr mit beschwichtigender Strenge fort, „wie kann ich dir also helfen?“

„Ich brauche einen Rat, einen Beziehungsrat. Heißt es nicht in der Bibel, dass wir unserem Herzen folgen sollen?“

„Du und Herz? Vielleicht schlägt da was in dir, aber ich bin mir nicht sicher, ob es sonst noch eine Funktion er­füllt!“, er sah mich provokant, ja prüfend an, bevor er lustlos fortfuhr, „aber, gut dann tu’ ich mal so, als würde ich dein Herz ernst nehmen!“

„Mach das, dann tu ich so, als würde ich dich als Seelsor­ger ernst nehmen!“

„Touché! Also grundsätzlich steht in der Bibel zu allem etwas geschrieben. Mir fällt dazu nur ein alter Professor aus meinen Tagen am Priesterseminar ein. Der hat immer gesagt, dass unser Herz reinen Gewissens und rein an göttlicher Liebe sein muss. Im Evangelium nach Markus, Kapitel sieben, heißt es dazu: ‚Denn von innen aus dem Herzen des Menschen gehen hervor die schlechten Ge­danken, Ehebruch, Hurerei, Mord‘. Du siehst also – es kommt ganz auf dein Innerstes an.“

„Jetzt lass mal die Kirche im Dorf. In meinem Innersten ist gar nichts Schlechtes. Ist es außerdem nicht auch Ehe­bruch, wenn Xaver seinen Pflichten nicht mehr nach­kommt?! Was ist denn mit seinem Innersten?“

„Es ist nicht meine Aufgabe, über Xaver zu richten! Aber vielleicht kann der heilige Markus helfen – laut ihm ist das lüsterne Ansehen einer anderen Frau alleine schon Ehebruch. Man könnte noch weiter gehen und sagen – wer nicht mehr willens ist zu lieben, denn das ist zualler­erst als Herzenspflicht zu begreifen, der begeht Ehebruch. Und übrigens“, er machte eine übertrieben lange Pause, „die Kirche lass’ ich immer im Dorf – geht gar nicht an­ders!“

Schon erstaunlich, dachte ich, wie Menschen, die kei­nen Sex haben oder nicht haben dürften, einem das Ge­fühl vermitteln können, es besser zu wissen. Ohne dabei auch nur ein konkretes Wort zu sagen! Wahrscheinlich belächelte er mich in diesem Moment sogar. Zumindest bildete ich mir ein, sein sarkastisches Grinsen hinter der vergitterten Trennwand zu sehen. Jedenfalls hatte mich der Pfaffe gekränkt. Es war so typisch, für Männer allge­mein und für den Prälaten im Speziellen – sie konnten einen unglaublich herablassend behandeln.

„Mauritz verdammt!“, fuhr ich ihn an.

„Nicht im Beichtstuhl! Spare dir deine Kraftausdrücke!“

„Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!“, er mach­te mich langsam wütend. „Das kann ich stundenlang wie­derholen! Verdammt! So lange, bis ich eine klare Antwort von dir bekommen habe! Und komm’ mir nicht wieder mit dem heiligen Markus. Ich will einen Rat von dir, Mauritz Rangl!“

„Dann wirst du zuerst die Flüche weglassen müssen. Zweitens, und merke dir das fürs Leben, wenn du konkre­te Antworten willst, musst du konkrete Fragen stellen!“

Das war doch wieder typisch für ihn. Minutenlang um den heißen Brei herumzueiern, nur um am Ende alles so darzustellen, als ob es mein Fehler wäre. Aber wenn er eine konkrete Frage wollte, würde er sie bekommen. Die Frage würde so konkret sein, dass sie von null auf Platz eins der Hitliste der konkreten Fragen steigen würde:

„Ist eine Affäre gerechtfertigt, wenn mich Xaver ver­schmäht?“

„Du musst verrückt geworden sein! Das fragst du einen Priester, einen Mann Gottes! Welche Antwort, glaubst du, kann ich dir darauf geben?“

„Ich glaube, du verstehst es nicht. Ich frage nicht den ver­dammten Priester, nicht den Mann Gottes, der du sowieso nicht bist, sondern meinen Freund – Mauritz! Ist der da? Der Mann dem ich einen ge…“

„Merda!