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Humus – oder die Geschichte eines Prälaten, der weder in seiner Pfarre, noch in seinem Glauben und schon gar nicht in seinem Beruf aufgeht. Im ersten Teil der Serie Mord in Straden zwingen ihn die Lebensumstände dennoch dem rätselhaften Verschwinden der Winzersgemahlin Altgsell nachzugehen. Doch auch seine Gegenspielerin lässt nichts unversucht, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und Beweise verschwinden zu lassen. Dabei kommen ihr die zahlreichen Laster des Kirchenmannes zu Hilfe – Hilfe, die das Opfer auch erfleht, während es langsam verarbeitet wird.
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2014
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„HUMUS“ – ist der erste Teil der Kurzromanserie „Mord in Straden“, der sich aus Elementen der Kriminalgeschichte, des Thrillers sowie dem Bereich Fantasy zusammensetzt.
Die Handlung ist in Österreich, im Südosten der Steiermark, konkret in und rund um die 1500-Einwohner-Gemeinde Straden angesiedelt.
Bei den Protagonisten handelt es sich um frei erfundene Charaktere, was ebenfalls für deren familiäre und wirtschaftliche Hintergründe gilt. Etwaige Überschneidungen mit realen Personen sind Zufallsprodukte und in keinster Art und Weise beabsichtigt.
Sehr wohl aber entsprechen die eingebauten Handlungsplätze, Produkte und Nebencharaktere (basierend auf deren Zustimmung) in großem Ausmaß der Realität.
Lassen Sie sich also von einer frei erfundenen Handlung aus Ihrem Alltag entführen und erleben Sie, wie Realität und Fiktion inmitten des steirischen Vulkanlandes verschmelzen.
In diesem Sinne wünsche ich für die kommenden Lesestunden gute Unterhaltung mit Ihrem „HUMUS“.
H U M U S
- Mord in Straden -
von
Michael Nehsl
Leykam
Jede Reise endet irgendwann, meine in einem Rosenbeet. Ausgerechnet! „Sommerwind“ nennt man die wuchernden Gewächse, die buschig, sehr verzweigt und äußerst robust sind – solange man sie richtig düngt. Ich war nie ein Freund von Rosen, warum also jetzt damit anfangen.
Am Vormittag war ich – oder das, was von mir übrig war – angekommen. Wahrscheinlich ist „angeliefert“ die treffendere Beschreibung, was soll’s, reine Haarspalterei. Messdiener Ferdinand hatte die Empfangsquittung selbst unterzeichnet. Natürlich hatte er mich nicht bemerkt, wie auch all die anderen Stradener nicht, in seinem Fall aber verwunderte es mich noch weniger.
Als Mann hatte er mich nie interessiert. Beruflich hatten wir, wenn er für Mauritz nicht gerade Wein bestellt hatte, nichts miteinander zu tun gehabt. Seine Leidenschaft galt dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, meine der sexuellen Freiheit. Er lebte für seinen Gott, und ich – keine Ahnung. Ich war halt da. In Anbetracht der letzten Monate war sogar das ein Wunder. Noch nie hatte ich von einem vergleichbaren Schicksal gehört, aber angeblich soll man als Überlebender eines Kapitalverbrechens dankbar sein. Wem gegenüber bitte?
Seinem Peiniger, dass er einen, wenn auch nur versehentlich, doch nicht umgebracht hat? Dem göttlichen Schicksal, dass es mit Qual und Schmerz nicht einmal bis zum nächsten Leben, dem berühmten danach, warten konnte? Nein, Dankbarkeit war wahrlich nicht angebracht. Ob Leben oder Tod, die Gemeinsamkeit liegt im verdammten Ist-Zustand. Entweder ist man tot oder man ist lebendig. Die einen wünschen sich das eine, die anderen das andere, manch einer gar nichts und trotzdem ist man, was man ist – eine verdammte Zustandsform. Nicht mehr, nicht weniger!
Edith, die schräge und definitiv verkalkte Haushälterin, rollte mich persönlich vom LKW zum Blumenbeet. Sie war zwar alt, hatte aber gütige, warme Hände. Behutsam, stets bedacht, mir keine weiteren Verletzungen zuzufügen, bettete sie mich sanft neben, teils unter die Äste des Rosenstocks. Letzteres war nicht wirklich angenehm, vielleicht auch ein Grund, warum ich Rosen nie leiden konnte – wegen ihrer Dornen. Grundsätzlich aber versorgte mich Monsignore Rangls Haushälterin so gut sie konnte. Zwischendurch nahm sie sich sogar die Zeit, um mich durch ihre Finger zu liebkosen. Ein angenehmes Gefühl, auch wenn mir gewisse Berührungen unter Frauen fremd waren, Edith war anders, war liebevoller.
Mit Blick auf die Atlas-Zeder, dem achtundzwanzig Meter hohen Naturdenkmal Stradens, war ich eingeschlafen. Nur kurz, nicht annähernd so lange wie der 220 Jahre alte Baum neben mir, dann spürte ich, wie sich der Spaten zwischen mich und mein erdiges Bett schob. Der brutale Messdiener stach mit aller Kraft auf mich ein, warf mir alte Erde ins Gesicht, nur um mit dem nächsten Schaufelhieb Boden und Gesicht voneinander zu trennen. Dabei sah er nicht böse aus, sann nicht auf Rache, wie es das Miststück getan hatte. Es verschaffte ihm keine sichtliche Befriedigung. Er tat es mit dem Gesichtsausdruck, den Menschen beim Verrichten ganz alltäglicher Arbeiten haben. Krank!
Edith sah kurz zu und ging schließlich weg. Ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu helfen. Mit ihr gingen Schmerz und Hoffnung. Was blieb, war der verdammte Messdiener, der so gerne aus dem 1. Briefe Paulus’ an die Korinther zitierte und so leidenschaftlich mit dem Spaten auf mich einstach. Immer wieder, unaufhörlich!
Als sie an diesem Abend die Gärtnerei verließ, wusste sie nicht so recht, was sie zuerst machen sollte. Lachen? Heulen? Schreien? Lachen über die Naivität, einem Mann zu vertrauen, der sie in fünfzehn Ehejahren mit drei unterschiedlichen Frauen betrogen hatte!? Heulen, weil sogar das nur eine vage Schätzung war und sie ihn trotz alledem nicht nicht lieben konnte? Oder sollte sie vor Wut brüllen, weil sie die einzige Person in dieser Ruine namens Ehe war, die noch den Willen hatte, an deren Fortbestand zu arbeiten? Wozu das Ganze? Zu welchem Zweck? Damit er weiterhin Geld aus dem Unternehmen, das sie erst erfolgreich gemacht hatte, ziehen konnte? Dachte er wirklich, dass sie keine anderweitigen Möglichkeiten gehabt hätte?
Nein, das Lachen war ihr vergangen. Verzweiflung machte sich breit – und Wut. Mit einem kräftigen Druck auf das Bremspedal und unter tatkräftiger Mithilfe der elektronischen Assistenzsysteme brachte sie den SUV zum Stehen. Sie sprang aus dem Auto, knallte die Tür hinter sich zu.
„Scheiß Protzkarre!“, fauchte sie den wie immer nicht antwortenden Mercedes an.
„Niemals hätte ich dich Kübel gekauft … aber ich wollte es ihm ja unbedingt recht machen … ihm eine Freude bereiten … ihm meine Liebe zeigen!!!“
Während Frau Recknal ihren Seelenschmerz in den nebelverdeckten Nachthimmel brüllte, schlug sie mit dem faustgroßen Stein, den ein wohl gnädiger Racheengel hatte fallen lassen, wie besessen auf die Autotüre ein. Erst als die Türe eine fast durchgehend konkave Wölbung aufwies, ließ sie von ihr ab. Der Adrenalinschub hatte nachgelassen, der rechte Arm wurde schwer, der „Tatstein“ glitt aus ihrer Hand, fiel auf den kalten Boden. Sie war am Boden. Während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen, griff sie durch die zerborstene Fensterscheibe hindurch zur Mittelkonsole. Dort lagen ein Päckchen Memphis und eine Pistole – sie beschloss, beides mitzunehmen. In Trance stapfte sie über den gefrorenen Ackerboden, immer der Feldmitte zu. Auf einmal, wie aus dem Nichts, war er da – der perfekte Platz. Sie ließ sich nieder, entkräftet, von inneren Schmerzen geplagt.
Auf dem Rücken liegend trotzte sie dem kalten Untergrund, versuchte vergebens, sich der inneren Leere zu stellen. Sie streckte ihre kraftlosen Beine von sich und entzündete eine Zigarette, die Pistole griffbereit zu ihrer Rechten liegend. Dabei starrte sie in den Himmel, durch den dicken Nebelvorhang war nur ein einzelner Stern zu erkennen, und doch war es der klarste Augenblick ihres Lebens. Als würde Gott persönlich zu ihr sprechen, ihr die Worte in den Mund gelegt haben. Sie musste keine Arche bauen, um die Artenvielfalt zu erhalten, ihre Aufgabe lag im Schutz der Familie.
„Wer nach den Sternen greift, schiebt Nebel beiseite. Glück widerfährt jenen, die Widerstände beseitigen“ – die göttliche Botschaft ergab Sinn.
Das Bild formte sich zu einem Gesicht. Verboten schön waren ihre Augen, waren ihre Haare. Entfernt hörte sie eine Stimme, sie lächelte. Gleich würde es kein Gesicht, keine blauen Augen, keine Stimme und kein Unglück mehr geben. Langsam hob sie die Waffe, richtete die Mündung gegen das Bildnis, gegen den Laut, den der Himmelsvorhang nun freigab. Der Zeigefinger krümmte sich um den Abzug – ein kleiner Klick für sie, ein großer für die Ehe – es wurde dunkel.
Ist es moralisch fragwürdig? Ja, wenn man an Moral glaubt. Für mich ist Moral Mittel zum Zweck, ein gesellschaftliches Dogma – gemacht von den Schwachen, um starke Frauen zu fesseln. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gefühl! Oder ich glaubte nur, eines haben zu müssen, was auf dasselbe hinausläuft. Als ich an diesem Abend durch das Gleichenberger Tal nach Hause fuhr, dachte ich über die vergangenen Monate, über Martin nach. Der Schluss blieb derselbe – es ist gut, wie es ist. Warum also ein schlechtes Gewissen haben? Entweder war man Jägerin oder Opfer. Im Krieg und in der Liebe ist schließlich alles erlaubt. Wer also die Affäre liebt, ist zwangsläufig mit der Dorfgesellschaft im Krieg und somit doppelt abgesichert. So ist das Land generell, Straden bildete da keine Ausnahme.
Die B66 in Richtung Radkersburg war in jenen Herbsttagen ein Härtetest für jede Bandscheibe. Der Bund musste sparen, das Land und die Gemeinden sowieso, also war das Ausbessern der Schlaglöcher auf den nächsten Frühling verschoben worden. Schon wieder.
Mein Rücken war zu diesem Zeitpunkt durch andere, angenehmere, Aktivitäten bereits strapaziert gewesen. Um der Kraterlandschaft zu entgehen, fuhr ich bei Stainz ab und nahm stattdessen die Feldstraße nach Muggendorf. Keine besonders gute Idee übrigens, ich war keine dreihundert Meter gekommen und musste schon wieder anhalten. Diesmal war es kein Straßenloch, das mich blockierte, sondern ein Mercedes.
Das Licht war eingeschaltet, nur der Fahrer hatte offensichtlich vergessen, die Warnblinkanlage zu aktivieren. Wahrscheinlich einer dieser „Hut-Typen“, zu alt für die ÖBB-Seniorenkarte, aber noch stolzer Führerscheinbesitzer. Wollte ich also weiterkommen, ohne in den Acker auszuweichen, musste ich wohl nach dem Rechten sehen. Danke Gott – als hätte ich sonst keine Probleme!
Schlagworte wie „Frau-alleine-Nacht“ schossen mir kurz durch den Kopf. Nur kurz, schnell hatte ich sie wieder verworfen. Was bitte sollte ausgerechnet hier passieren? Wenn zwischendurch einmal ein Hase überfahren wurde, galt das hierzulande schon als Event. Nein, von diesem Landstrich würde keine Gefahr ausgehen. Vier Kirchen, drei Kühe, zwei Gasthäuser und ein gelangweilter Priester – ich war keine fünf Kilometer von Straden entfernt. Und Straden war schließlich nicht New York, nicht einmal Graz oder Feldbach. Hier galten andere Gesetze. Man kennt sich, man grüßt sich, man hilft einander – zumindest solange man beobachtet wird.
Ich stieg aus, das Kennzeichen des Fahrzeugs, „RA – RG 1“, sagte mir nicht nur, wem der Wagen gehörte, sondern auch, dass das Schicksal Sinn für Ironie haben musste. Die Fahrertür war ziemlich verbeult, das Seitenfenster geborsten, alles deutete auf einen Wildschaden hin. Einzig das Wild fehlte – und Frau Recknal, die Erbin und Geschäftsführerin des regionalen Gärtnerei- und Kompostierungsunternehmens „Recknal’s gARTen“.
Mit der Taschenlampe, die man hier im Vulkanland so sicher im Auto hat wie das Reserverad, leuchtete ich den Boden um den Mercedes herum ab und entdeckte Fußspuren. Natürlich führten sie in den Acker. Natürlich trug ich Stiefel mit 11-Zentimeter-Absätzen. Natürlich antwortete niemand auf meine Rufe, denkbar schlecht ausgerüstet folgte ich den Fußabdrücken. Es war ein seltsames Gefühl, über den halbgefrorenen Ackerboden zu gehen. Unwirklich! Mal war er hart genug, um auf dem Tau beinahe auszurutschen, dann wieder ganz weich, und man sank mehrere Zentimeter ein. In jedem Fall aber hatte er es auf meine „Andies“ abgesehen. Soviel stand fest, der humusreiche Boden war nicht gerade ein Freund meiner Stiefeletten. Kurz spielte ich sogar mit dem Gedanken, einfach umzudrehen, der Drecksacker drohte meine Stiefeletten, teure Stücke von Michael Kors, zu zerstören.
Nachdem ich gute zweihundert Meter querfeldein gelaufen war, entdeckte ich sie schließlich. Sie lag auf dem Rücken, wie ein Schneeengel ohne Schnee, dafür mit Jauche und halbgefrorenen Erdbrocken bedeckt. Anfangs sah ich nur die zwischen Ober- und Unterlippe eingeklemmte Zigarette, bemerkte das regelmäßige Aufglimmen der Glut. Sie atmete offensichtlich, reagierte aber nicht auf meine Zurufe. Ich beugte mich über sie …
„Fuck!“, meine innere Stimme schrie auf, äußerlich war ich aber erstarrt. Ich blickte geradewegs in den Lauf einer Pistole. Mein Kopf als riesengroße Zielscheibe vom Vollmond ausgeleuchtet – wie abgedroschen, ein schlechter Film und dennoch real. Ein provokantes Grinsen! Das Miststück lächelte mich tatsächlich an. Als ob sie auf mich gewartet hätte, als wäre ich Anfang und Ende ihrer Probleme. Regungslos stand ich über ihr, nahm alles im Zeitraffer wahr. Ihr rechter Finger spannte sich um den Abzugshahn, ich war paralysiert, konnte ihre Augen, das Feuer, konnte mein Ende sehen. Es war der letzte Augenblick, bevor das Adrenalin die Kontrolle übernahm. Reflexartig trat ich die Waffe aus ihrer Hand. Mein zweiter Tritt traf sie in den Magen, mein dritter an der Schläfe. Vier, fünf und sechs folgten, ehe ich mich wieder beruhigt hatte. Zitternd stand ich neben ihr, trat ihr nochmals in die Rippen. Und nochmals. Das Adrenalin baute sich nur langsam ab. „Miststück!“, während ich sie beschimpfte, fühlte ich ihren Puls, sie war bewusstlos, lebte aber. Ich lebte, was mir in diesem Augenblick mindestens genauso wichtig war.
Das hat man also davon, wenn man hilfsbereit ist – man kommt selbst unter die Räder. Oder unter den Acker, wird selbst zum verdammten Acker. Meine Gedanken kreisten immer noch um die Pistolenmündung. Ein Schockzustand ist nichts Reales, man ist verwirrt, sieht Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig – in Zeitlupe durch Milchglas. Nur langsam konnte ich mich beruhigen, suchte den Horizont nach Hilfe ab. Nichts. Keine Menschenseele!
Ich beschloss zu gehen – wer war ich denn überhaupt? Eine Samariterin? Mutter Teresa? Wer hatte denn hier die Schraube locker? Wer hat sich denn mitten in der Nacht mit einer Pistole in den Acker gelegt?! Und wer wäre um ein Haar erschossen worden? Genau – ich, die gute Seele! Nein, sollte sie doch an einer Lungenentzündung sterben, ich würde keinen weiteren Finger für diese Frau rühren. Schlimm genug, dass ich das Ruinieren meiner Schuhe beinahe mit dem Tod bezahlt hätte.
So drehte ich um. Es war eiskalt, ich war hundemüde und stapfte in einer Art wütendem Schockzustand zurück zu meinem Wagen. Auf der Heimfahrt rief ich Martin an und sagte ihm, er solle gefälligst seine verrückte Frau aus dem Acker holen. Oder sie erfrieren lassen!
Er war außer sich, wollte mir anfangs nicht glauben. Natürlich wollte er, dass ich auf ihn warte. Wahrscheinlich hätte er es sogar noch auf der Motorhaube machen wollen! Oder eine Zigarette rauchen! Oder reden. Martin liebt es, zu reden – über uns, über mich, über die Zukunft und die Prioritäten, die wir uns gemeinsam setzen sollten. Er hatte sich von seiner Frau emotional abgewandt. Seine Priorität galt ganz klar mir, was mich nach den Ereignissen der letzten dreißig Minuten nicht weiter verwunderte. Meine hingegen lag ganz klar auf einem heißen Bad und einer Flasche Cuvée De Merin. Danach kam immer noch mein Mann und ganz am Ende Martin. Er war eine Affäre, wie jede andere davor – nett, zeitlich begrenzt und mit dem heutigen Abend Geschichte.
Wie jeden Sonntag trat Monsignore Rangl vor die Hauptpfarrkirche, richtete sein Haupt empor, um dem Herrn ein flüchtiges Danke entgegenzubringen, und begab sich zum Weltkriegsdenkmal, um der gefallenen Soldaten zu gedenken – zumindest musste es für Außenstehende so wirken. Für ihn galt der Ritus weniger dem Gedenken, denn einem weiteren Akt im ewigen Drama – „Priester gegen Volk“.
Wie zum Beweis hatte ihm das Schicksal die kleine Lena vorbeigeschickt, das wahrscheinlich bravste und nervigste Kind Stradens, eine Besserwisserin der Sorte Mutter Teresa, die keinen Moment ungenutzt ließ, um ihn mit Fragen zu quälen, die selbst den Dalai Lama an den Rand des Wahnsinns gebracht hätten. Diesmal hatte sie von ihm wissen wollen, ob Gott Menschen, die regelmäßig in die Kirche gingen, mehr Glück schenken würde als anderen? Er hatte die kleine Göre kurz und verächtlich angesehen und geantwortet: „Ich bin jeden Tag in der Kirche, findest du, dass ich dabei glücklich aussehe?“
Eigentlich eine klare Ansage, bei der jedes andere Kind davongerannt wäre, nicht aber Lena. Die hatte ihn mitleidig angesehen, seine Hand genommen und entgegnet, dass das wohl daran liege, dass er keinen Sex haben dürfe!
Seit wann bitte sagten neunjährige Kinder so etwas? Die Welt war ein riesiges Fäkalienmeer und er war ein Schiffbrüchiger ohne Rettungsring.Merda!Genau so fühlte sich der Morgen, nein sein ganzes Leben an.
Durch den Torbogen, der Hauptpfarrkirche und Residenz verband, ging er auf den Pfarrplatz. Es war einer dieser kühlen Novembertage, ein undurchdringbarer Wolkenvorhang hüllte die Region in tristes Grau, Nacht und Tag unterschieden sich nur durch marginale Grauschattierungen, es schien, als wäre die Sonne auf Urlaub. Einzig das Rosenbeet, es war Heimat dreier Rosenstöcke, vermochte seine Stimmung ein wenig aufzuhellen. Monsignore Rangl liebte Rosen, auch wenn sie gerade nicht in Blüte standen, auch an kühlen Novembertagen und sogar an Sonntagen, an denen er lieber in seinem französischen Doppelbett geblieben wäre, um wie jeder normale Christ seinen Kater auszuschlafen. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte Messe und Beichte abgesagt. Und er hätte dem Gärtner aufgetragen, weitere Rosenstöcke zu setzen. Ersteres scheiterte am kanonischen Recht, Zweiteres an der Wirtschaftskrise. Er blickte die zweihundert Jahre alte Atlas-Zeder an und das ungute Gefühl, dass er vielleicht ebenso lange an diesem gottverlassenen Ort bleiben müsste, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Ob Petrus, der kleine Pfortenbote, ihm diese Anspielung wohl durchgehen lassen würde? Was weiß schon ein Priester! Für Petrus, Rom und alles Weitere würde noch genug Zeit bleiben, zuerst musste er einen Teufel namens Kopfweh austreiben. Am besten mit einem Schuss Cognac.
„Eure Exzellenz! Ihr müsst euch beeilen, die Beichtstunde beginnt in dreißig Minuten“, die Stimme des Pfarrsekretärs durchbrach die Stille.
„Merda“, entfuhr es dem Prälaten, „hätte ich fast vergessen! Ist mein Frühstück fertig?“
„Euer Frühstück ist schon angerichtet, Exzellenz.“
„Gut so, dann bereite die heilige Messe vor!“
„Jawohl, Exzellenz.“
„Und hol etwas Brauchbares aus dem Keller – es ist Sonntag, unter einem Neumeister trink’ ich da gar nichts!“
„Jawohl Exzellenz, wird sofort erledigt.“
Der Pfarrsekretär, leicht trottelig, aber immerhin bemüht, entfernte sich mit schnellen Schritten und wäre dabei um ein Haar ins Rosenbeet getreten, was wiederum den Priester erzürnen ließ:
„Herrgott nochmal, pass doch auf, wo du hintrittst!“
„Jawohl Exzellenz, tut mir leid Exzellenz!“
„Das muss es nicht, es würde schon genügen, wenn du besser aufpasst. Und das Exzellenz, zum x-ten Mal, ist auch nicht notwendig.“
„Jawohl Exzellenz, tut mir leid Exzellenz!“
Monsignore Rangl schüttelte ungläubig den Kopf. War er nicht schon genug bestraft worden? Er blickte fragend nach oben – der einsetzende Migräneschub war entweder Zufall oder wieder eine dieser zynischen Antworten, die der große Macker des Öfteren für ihn parat hatte. Für manch einen sind Gottes Wege vielleicht unergründbar, für Ehrenprälat Rangl waren sie schlicht ein Labyrinth. Im einen Augenblick noch auf Karrierekurs im vatikanischen Ermittlungs- und Aufklärungsdienst „Pro Deo“ und im nächsten Moment auf dem Abstellgleis im Nirgendwo –Merda, er war zum Dixi-Klo Roms verkommen, ein Fäkalientank auf Abruf. Zugegeben, es gab in Österreich nicht viele Priester, die vier Kirchen für sich hatten, aber zum Teufel noch mal – wieder erreichte ihn ein Migräneschub – Straden war nicht Rom. Die Diözese Graz war nicht der Heilige Stuhl und er hatte sich garantiert nicht durch Wirtschaftsstudium und Priesterseminar gekämpft, um alten Greisen, sie waren so ziemlich die einzigen Kirchengäste, Hostien zwischen die dritten Zähne zu schieben. Zufall oder nicht, gestern erst hatte eines dieser Biester nach seinem Finger geschnappt.
Natürlich wusste er, warum er in dem kleinen, südoststeirischen Nest gelandet war. Seiner Versetzung war eine politische Schlammschlacht vorausgegangen. Am Ende hatte ihn ein intriganter Kardinal ausgespielt. Die Niederlage alleine wäre schon schmerzhaft genug gewesen, doch die Versetzung – nur kurzfristig, wie man ihm versichert hatte – aus seinem geliebten Rom war der eigentliche Stachel in der Wunde. Was hieß überhaupt kurzfristig? Die Kirche dachte grundsätzlich in Jahrhunderten – kurzfristig konnte gleich mal zwanzig Jahre bedeuten, ohne Chance auf vorzeitige Entlassung.Merda!Das Befummeln eines Ministranten hätte ihm maximal ein Jahr Rumänien eingebracht, er aber hatte sich ja unbedingt mit einem Kardinal anlegen müssen. Das hatte er nun davon – Straden.
Hinzu kam, dass sein Vorgänger hier ein überaus beliebter Priester gewesen war und dessen Entschluss, sich in den Laienstand rückversetzen zu lassen, um eine Familie zu gründen, in der Gemeinde zu unzähligen Sympathiebekundungen geführt hatte. Bewundernswert? Nicht für den Pfarrer!Merda, Scheiße war so etwas! Nicht nur, dass er keinerlei Lust zur Predigt oder Seelsorge verspürte, nun musste er auch noch große Fußstapfen füllen – eine undankbare Hinterlassenschaft. Ansonsten hatte ihm der gute Mann nur einen Schlüssel zum Archiv, das er in den zwei Monaten seit seiner Ankunft noch nie betreten hatte, überlassen. Warum auch? Um sich eine Staubvergiftung einzufangen, hätte er nicht mal das Schlafzimmer verlassen müssen – zumindest so lange die 70-jährige Edith für die Reinigung zuständig war.
„Monsignore, Ihr Espresso ist fertig“, wenn man vom Teufel spricht, die Stimme der Wirtschafterin durchbrach seine Gedanken.
„Geben Sie keine Versprechen, die Sie nicht halten können Edith! Ist’s diesmal wirklich Espresso oder wieder die dünne Brühe, die sie mir seit zwei Monaten als solchen verkaufen wollen?“
„Nein, Monsignore! Diesmal ist er ganz kurz!“, die Wirtschafterin stellte das Tablett ab und entfernte sich wie üblich mit einem freundlichen Lächeln.
Wie jeden regenfreien Sonntag nahm er seinen Espresso, oder das schwarze Zeug, das man ihm als solchen vorsetzte, im Pfarrgarten ein. Wenigstens hatte sie den Cognac beigestellt – sowohl Kater als auch Kaffee verlangten heftig nach ihm. Während er das schwarze „Cognacwasser“ in kleinen Schlucken zu bewältigen versuchte, rotierten seine Gedanken um die Ereignisse der letzten Nacht. Straden war nicht Vatikanstadt, aber gewisse Gemeinsamkeiten waren nicht zu leugnen – zumindest wenn es darum ging, die Wahrheit hinter einem Nebel aus Fiktion und Schweigen zu verbergen.
Er nahm einen tiefen Zug aus der eben angezündeten Zigarette, ließ den wohltuenden Dunst seine Lungen umspielen. Schnell wurde er ruhiger – das zugefügte Marihuana hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
„Eine Beichte reinigt Körper und Seele“ – sagt man zumindest und ich hatte an jenem Samstag so etwas wie eine Tiefenreinigung notwendig. Xaver, mein Mann, war verheiratet – formal mit mir, real mit seinem Wein. Praktisch lebten wir einen Handel, sein Geld gegen meine Schönheit und gemeinsame Intimität. Das war der Deal, darauf hatte ich mich gerne eingelassen. Als Liebhaberin bin ich gut, kann aus mir herauskommen, genieße die Abwechslung. Verdammt noch mal, ich bin eine Göttin, was normale Männer auch durchaus zu honorieren wussten. Xaver aber hatte beschlossen, seine Zuneigung auf den Wein zu beschränken. Zehn Minuten zu Geburtstag, Weihnachten und wenn Sturm Graz Fußballmeister wurde! Letzteres passiert so ungefähr alle zehn Jahre – er war es, der unseren Deal gebrochen hatte. Ich nahm nur, was mir zustand, und Xaver ahnte entweder nichts oder er wusste und tolerierte es – zumindest hatte er mich nie auf meine Affären angesprochen. Kopfzerbrechen bereitete er mir jedenfalls keines. Für meinen Teil liebte ich ihn und davon abgesehen hätte er sich die Scheidung sowieso nicht leisten können.
Mit Martin aber war das anders. Er hatte eine Mutation durchgemacht – vom leidenschaftlichen Abenteuer zum klammernden Liebhaber. Das letzte Mal war ihm sogar ein „Ich liebe dich“ herausgerutscht, während dem Akt! Ein Tabubruch der schlimmsten Sorte. Warum bitte macht Mann so etwas? Warum eine zwanglose Affäre durch eine feste Beziehung zerstören? Klar, ich beneidete ihn nicht um seine Frau, aber sie sorgte wenigstens für ihn. Es ist eine seltsame Welt geworden. Männer wollen Beziehungen, Frauen Affären und ich hatte vor, das alles mit einem Priester zu besprechen. Der Prälat war aber nicht nur ein Priester, er war mein Freund oder so was Ähnliches. Ich betrat die Hauptpfarrkirche durch den Seiteneingang. Mauritz musste schon im Beichtstuhl sitzen, zumindest sagte mir das der Grasgeruch, der in der Luft lag.
„Nun mein Kind, was liegt dir auf dem Herzen?“ Mauritz eröffnete die Beichtstunde.
„Oh mein Gott! Das kann jetzt nicht dein Ernst sein!“
„Was meinst du?“
„Das Kind! Ehrlich jetzt, bei unserer Vergangenheit glaube ich nicht …“
„Ist gut, wir müssen das nicht hier erläutern“, Mauritz, jetzt ganz Priester, fuhr mit beschwichtigender Strenge fort, „wie kann ich dir also helfen?“
„Ich brauche einen Rat, einen Beziehungsrat. Heißt es nicht in der Bibel, dass wir unserem Herzen folgen sollen?“
„Du und Herz? Vielleicht schlägt da was in dir, aber ich bin mir nicht sicher, ob es sonst noch eine Funktion erfüllt!“, er sah mich provokant, ja prüfend an, bevor er lustlos fortfuhr, „aber, gut dann tu’ ich mal so, als würde ich dein Herz ernst nehmen!“
„Mach das, dann tu ich so, als würde ich dich als Seelsorger ernst nehmen!“
„Touché! Also grundsätzlich steht in der Bibel zu allem etwas geschrieben. Mir fällt dazu nur ein alter Professor aus meinen Tagen am Priesterseminar ein. Der hat immer gesagt, dass unser Herz reinen Gewissens und rein an göttlicher Liebe sein muss. Im Evangelium nach Markus, Kapitel sieben, heißt es dazu: ‚Denn von innen aus dem Herzen des Menschen gehen hervor die schlechten Gedanken, Ehebruch, Hurerei, Mord‘. Du siehst also – es kommt ganz auf dein Innerstes an.“
„Jetzt lass mal die Kirche im Dorf. In meinem Innersten ist gar nichts Schlechtes. Ist es außerdem nicht auch Ehebruch, wenn Xaver seinen Pflichten nicht mehr nachkommt?! Was ist denn mit seinem Innersten?“
„Es ist nicht meine Aufgabe, über Xaver zu richten! Aber vielleicht kann der heilige Markus helfen – laut ihm ist das lüsterne Ansehen einer anderen Frau alleine schon Ehebruch. Man könnte noch weiter gehen und sagen – wer nicht mehr willens ist zu lieben, denn das ist zuallererst als Herzenspflicht zu begreifen, der begeht Ehebruch. Und übrigens“, er machte eine übertrieben lange Pause, „die Kirche lass’ ich immer im Dorf – geht gar nicht anders!“
Schon erstaunlich, dachte ich, wie Menschen, die keinen Sex haben oder nicht haben dürften, einem das Gefühl vermitteln können, es besser zu wissen. Ohne dabei auch nur ein konkretes Wort zu sagen! Wahrscheinlich belächelte er mich in diesem Moment sogar. Zumindest bildete ich mir ein, sein sarkastisches Grinsen hinter der vergitterten Trennwand zu sehen. Jedenfalls hatte mich der Pfaffe gekränkt. Es war so typisch, für Männer allgemein und für den Prälaten im Speziellen – sie konnten einen unglaublich herablassend behandeln.
„Mauritz verdammt!“, fuhr ich ihn an.
„Nicht im Beichtstuhl! Spare dir deine Kraftausdrücke!“
„Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!“, er machte mich langsam wütend. „Das kann ich stundenlang wiederholen! Verdammt! So lange, bis ich eine klare Antwort von dir bekommen habe! Und komm’ mir nicht wieder mit dem heiligen Markus. Ich will einen Rat von dir, Mauritz Rangl!“
„Dann wirst du zuerst die Flüche weglassen müssen. Zweitens, und merke dir das fürs Leben, wenn du konkrete Antworten willst, musst du konkrete Fragen stellen!“
Das war doch wieder typisch für ihn. Minutenlang um den heißen Brei herumzueiern, nur um am Ende alles so darzustellen, als ob es mein Fehler wäre. Aber wenn er eine konkrete Frage wollte, würde er sie bekommen. Die Frage würde so konkret sein, dass sie von null auf Platz eins der Hitliste der konkreten Fragen steigen würde:
„Ist eine Affäre gerechtfertigt, wenn mich Xaver verschmäht?“
„Du musst verrückt geworden sein! Das fragst du einen Priester, einen Mann Gottes! Welche Antwort, glaubst du, kann ich dir darauf geben?“
„Ich glaube, du verstehst es nicht. Ich frage nicht den verdammten Priester, nicht den Mann Gottes, der du sowieso nicht bist, sondern meinen Freund – Mauritz! Ist der da? Der Mann dem ich einen ge…“
„Merda!
