Hör nie auf zu lieben! - Mila Clericus - E-Book

Hör nie auf zu lieben! E-Book

Mila Clericus

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Beschreibung

»Hör nie auf zu lieben!« ist die Fortsetzung des Romans »Hör auf dein Herz und lebe!« Auch in diesem Liebesroman fehlt es nicht an bezaubernder Romantik und tiefer Sinnlichkeit. Die Autorin Mila Clericus lässt die Hauptprotagonistin Lena, die sich nun in der zweiten Hälfte ihres Lebens befindet, neu aufleben. Das Sprichwort - nichts im Leben ist beständiger als der Wechsel - passt genau in Lenas bewegtes Leben. Die Jahre gingen ins Land und nichts ist, wie es einmal war. Mit Lebenserfahrung und schwer erkämpftem Mut stürzt sich Lena in neue Abenteuer, die ihr das Leben bereit hält. Von ihrer Familie und der langjährigen Freundin Klara fest unterstützt, wagt sie das zu erreichen, was auf den ersten Blick unerreichbar scheint. Der tiefe Glauben an die Liebe begleitet sie weiterhin auf ihrem Weg. In England öffnet sich für sie überraschend eine neue, unbekannte Welt, die sie nach und nach in ihren Bann zieht. Das Geheimnis, das für sie ein kleiner Ort am Ufer des nordatlantischen Ozeans bereit hält, überwältigte alle ihre Sinne. Nie hatte sie an Schicksal geglaubt, doch nun erfährt sie, dass alles im Leben aus einem bestimmten Grund geschieht - das Gute wie das Böse. Und was erwartet sie?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mila Clericus

Hör nie auf zu lieben!

Liebesroman

© 2022 Mila Clericus

Lektorat: Doris Zimmermann

Coverdesign von: Cornelia Heinl

ISBN Softcover: 978-3-347-69088-2

ISBN Hardcover: 978-3-347-69089-9

ISBN E-Book: 978-3-347-69090-5

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Alle Personennamen in der Erzählung sind frei erfunden. Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Personen wären rein zufällig.

Zeit des Abschieds

Wunderbare dreizehn Jahre meines Lebens verbrachte ich mit meinem Mann, bis der Tod uns trennte. Mein Herz drohte zu zerreißen, mein Verstand weigerte sich den Verlust wahr zu nehmen. Ich kehrte in mich und verfiel in eine tiefe Trauer. Keiner meiner Freunde, nicht mal die eigene Familie konnten mich trösten.

Friedrich hatte mir die Sonnenseite des Lebens gezeigt und mich in eine glamouröse Gesellschaft eingeführt. Ich vermisste ihn sehr. Den Ruhm, den ich an seiner Seite gewonnen hatte, konnte mir zwar keiner nehmen, denn er entstand auch durch mein Talent und meinen Fleiß, aber trotzdem fühlte ich mich ohne ihn einsam und unbedeutend. Friedrich starb nach einer kurzen Krankheit, die ihn überfiel, wie ein Verbrecher, wie ein Mörder, der aus dem Hintergrund unerwartet, ungehört und ungebeten auftauchte und ihm das Leben nahm. Von einem Tag auf den anderen blieb ich alleine. Eine trauernde Witwe. Die Fragen nach dem „Warum?“ durchbohrten mein Herz und meine Seele und raubten mir den Schlaf.

Meine frühere Beziehung mit einem liebevollen Mann dauerte genau 10 Jahre. Nie hätte ich gedacht, dass er mich so plötzlich verlassen und mich alleine dastehen lassen könnte. Doch auch er wurde mir durch den Tod genommen. Er hieß Max. Meine Tochter liebte ihn von ganzem Herzen. Er war ihr ein guter Vater, auch wenn nicht der leibliche. Er zog sie zusammen mit mir groß und überschüttete sie mit Liebe. Ich war »sein Sonnenschein«, der sein Leben erhellte, pflegte Max zu sagen und doch konnte ich den Schatten des Todes von ihm nicht abwenden. Nun starb auch der Mann, den ich aus Liebe geheiratet hatte und der meinem Leben wieder einen Sinn gegeben hatte. Friedrich nannte mich die ganzen Jahre »mein Engel«, aber auch ihm konnte ich nicht helfen, als er meine Hilfe benötigt hatte. Ich saß an seinem Sterbebett und wünschte mir, ich wäre ein Schutzengel, der das Unheil von ihm abwenden könnte. Ich hielt seine kalte, ruhige Hand in meiner und sah zu, wie das Leben aus ihm wich.

Es war das erste Mal, bei der Beerdigung, dass mich seine Tochter in den Arm nahm und mir ihre Hilfe anbot. Nach so vielen Jahren ihrer nicht gerade freundlichen Art im Umgang mit ihrem Vater und mir, überraschte es mich sehr. Die einzigen Menschen, denen ich in dieser Zeit den Zutritt in mein Leben gewährte, waren außer meiner Tochter nur meine langjährige Freundin Klara und Friedrichs Neffe Martin. Martin half mir alles zu organisieren und die Beerdigung, die recht pompös war, zu managen. Hunderte von Menschen nahmen an der Trauerfeier des berühmten und beliebten Schauspielers teil. Martin hatte mir immer beigestanden. Die Zeit, der er früher manchmal sehr ungeduldig entgegengesehen hatte, war gekommen. Ich war nun frei. Doch alles in mir sträubte sich dagegen, als er mich in den Arm nahm und mir tröstende Worte spendete. Die ganzen Jahre hatte er sich nach meiner Nähe gesehnt mich heimlich begehrt. Nichts konnte ihn davon abbringen aufzuhören auf mich zu warten. Des Öfteren gab´s zwischen uns Zoff, weil er mir mit seinen verbotenen Gefühlen und Forderungen, zu schaffen machte. Ich fühlte mich dabei unwohl. Ich liebte Friedrich und war nie bereit ihn mit seinem Neffen zu betrügen.

Meine Tochter mit ihrer Familie kam auch zur Beerdigung. Die vielen Jahre, die wie im Flug vergangen waren, schaffte ich es nicht, meine Tochter in Amerika zu besuchen. Zu groß war die Angst vor dem langen Flug. Inzwischen war ich auch Oma geworden und sah nun das erste Mal meinen kleinen Enkelsohn Tom. Tom war mit seinen 6 Jahren recht aufgeweckt und gesprächig. Er saß auf meinem Schoß und sein Mundwerk meldete sich ununterbrochen. Er erinnerte mich an seine Mutter. Als Anna klein war, konnte sie den Mund auch nicht halten. Ihre Redefreudigkeit war berühmt. Ich dachte an die Momente, in denen sie meinen Vater mit so vielen Fragen durchbohrte, dass sie ihn fast in Verzweiflung stürzte. Dafür hatte meine Freundin Klara als eine gute Tante immer eine Antwort für sie parat gehabt. Das Problem war nur, dass der kleine Junge nur Englisch sprach. Er verstand zwar ein wenig Deutsch, machte aber keine Anstalten in dieser Sprache zu antworten oder zu sprechen. »Warum habt ihr eurem Sohn nicht die deutsche Sprache beigebracht?« fragte ich die Eltern.

»Mama, ich spreche mit ihm auch Deutsch, aber er will einfach nicht«, beschwerte sich meine Tochter.

Tom schmunzelte und sah mich an. »That´s grandma«, kullerte er mit seinen braunen Augen.

»Ja, wenn das so ist, dann ist es so«, sagte ich und zog ihn an seiner Stupsnase. »Dann wird halt die grandma ihr Englisch auffrischen müssen.

»Yes, exactly!«, rief der kleine Räuber und klatschte in die Hände.

Ich war froh darüber, dass Anna gekommen war um mir beizustehen. Wir hatten zwar ständig regen Kontakt übers Internet gehalten, hatten öfter Mails und Bilder ausgetauscht, aber ihre warmherzige Umarmung war einfach nicht zu vergleichen mit Worten und Bildern. Es tat mir gut. Wie eine vorsorgliche Mutter hielt sie mich in ihren Armen und wiegte mich langsam hin und her.

»Mama, Kopf hoch, wir sind alle bei dir, wir sind alle für dich da«, flüsterte sie gefühlvoll. »Und Mama, du weißt es genau, du kannst jederzeit zu uns kommen. Du bist immer herzlich willkommen.«

»Grandma, will you visit me?«, meldete sich Tom und zog an meiner Hand. »I will show you my school!«, rief er voller Begeisterung.

»Eines Tages werde ich dich besuchen, versprochen«, streichelte ich seine dunklen Haare.

Anna blieb mit ihrem Mann und dem kleinen Tom ganze vier Wochen bei mir, bevor sie den Rückflug nach Amerika antraten. Klara dagegen reiste nach ein paar Tagen ab. Ihr Privatleben und ihre Arbeit ließen sie nicht länger bleiben. Ich nahm mir vor, sie nochmal einzuladen, wenn es ihre Zeit zuließe. Im Moment hatte ich genug mit mir und meiner Familie zu tun.

Die Tage vergingen wie im Flug, und ich gewöhnte mich an die Anwesenheit der unbeschwerten, jungen Familie. Am liebsten hätte ich sie gebeten für immer bei mir zu bleiben. Mein Enkelsohn forderte mich ständig zum Spielen auf und ließ mir dabei keine Zeit zum Trauer und Nachdenken. Auch Annas Ehemann erwies sich als ein sehr unternehmungslustiger Kerl, der ununterbrochen nach Sehenswürdigkeiten Österreichs suchte und uns zu unzähligen Ausflügen ermunterte.

Bei einem Abendessen, das meine Tochter zubereitet hatte, erfuhr ich, dass sie mit ihrer Familie neue Pläne hegten. Dass die Tierarztpraxis ihres Schwiegervaters, in der auch sie mit ihrem Mann als Ärzte arbeiteten, doch nicht so ganz ihren Vorstellungen entsprach. Es lief nicht so, wie sie es sich beide am Anfang erhofft hatten. Auch die ständige Reibereien zwischen Vater und Sohn gefielen den beiden nicht.

»Lukas möchte endlich selbständig arbeiten, er fühlt sich von seinem Vater bevormundet«, erklärte Anna.

»Es ist nicht einfach, zwei Generationen zu vereinen. Mein Vater ist ein Dickkopf und er ist nicht offen für neue Experimente«, gab Lukas zu.

»Wollt ihr eure eigene Praxis eröffnen?«, fragte ich an der Sache interessiert.

»Eigentlich nicht«, antwortete Anna. » Lukas hatte sich schon immer mehr für die Wissenschaft und Laborarbeit interessiert, und so suchte er nach einer neuen Stelle.« Ihr Mann nickte zustimmend. »Und er hat ein Angebot von einem ehemaligen Studienkollegen bekommen, der sich im England niedergelassen hatte. Er leitet dort eine neue, moderne Tierklinik. Lukas hat das Angebot angenommen, Mama«, schmunzelte Anna geheimnisvoll.

Ich sah sie überrascht an. »Aber zwischen Amerika und England liegen doch Welten. Warum gerade England? Gibt es in Amerika keine entsprechende Tierklinik, die dir eine gute Stelle anbieten könnte?«

Lukas lachte. »Nicht so eine, die mich auch bei meiner Wissenschaftsarbeit unterstützen würde und auch nicht für so ein Entgelt, das mir in England angeboten wurde. Nicht war, mein Schatz?«, berührte er die Hand meiner Tochter. Sie stimmte zu.

»Ich hätte dort auch schon die Möglichkeit zu arbeiten Mama. Und für Tom wird sich der Sprache wegen nichts oder nicht viel ändern. Er ist ein aufgeweckter Junge, er findet Freunde überall.«

Ich war über diese Entscheidung sehr überrascht. »Ihr wollt in dem kühlen England leben? Dort wo die Leute zum Lachen in den Keller gehen?«

»Mama!«, fasste sich Anna mit beiden Händen an den Kopf und fing an zu lachen. »Das sind nur Vorurteile. Auch in England scheint die Sonne, und denk an Mr. Bean, wenn der keinen Humor hat, dann keiner mehr auf dieser Welt.«

Ich musste zugeben, das war ein Argument. Ich sah die junge Familie an und schüttelte mit dem Kopf. »Ihr seid mir aber Abenteurer. Eigentlich seid ihr wirklich zu beneiden. So spontan und entschlossen neue Wege zu gehen. Da drücke ich euch ganz fest die Daumen.«

»Es sind von Wien nach London nur circa zwei Stunden Flugzeit, Mama, da können wir uns viel öfter sehen. Und ich möchte dich schon öfter sehen, und auch der kleine Tom würde sich über mehr Kontakt mit dir bestimmt sehr freuen«, umarmte mich meine Tochter und küsste mich auf die Wange.

In dieser traurigen Zeit, war diese Nachricht für mich wie ein kleines Lichtlein am Horizont, das mein schmerzendes Herz erleuchtete. Und da ich schon vor ein paar Jahren einen kurzen Flug mit Friedrich nach Italien unternommen hatte war ich mir sicher, dass ich Anna und ihre Familie in London ohne Probleme besuchen würde.

Ich sah dem Tag des Abschieds von meiner Tochter, ihrem Mann und dem kleinen Tom mit Wehmut entgegen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen in dieser geräumigen Villa alleine zu bleiben. Elegant und majestätisch stand dieses Gebäude aus dem 18 Jahrhundert da, inmitten von einer grünen Oase, die zum Leben und zu Fröhlichkeit einlud. Und doch konnte ich mich daran nicht erfreuen.

Als ich ein paar Tage später dem aufsteigenden Flugzeug hinterherwinkte, stellte ich mir vor, wie mein Enkelsohn mit seiner kleinen Stupsnase am Fenster klebte und zu mir hinuntersah. Wie ein Stich ins Herz hatte es sich angefühlt, als ich am Flughafen meine Umarmung von ihm löste und ihn gehen ließ.

In den nächsten Tagen verließ ich das Haus nicht. Ich war geplagt von Verlustängsten, fühlte mich im Stich gelassen, unverstanden und einsam. Die Anrufe, mit denen mich Martin belästigte, ließ ich unbeantwortet, und als er an der Haustür klingelte, schickte ich ihn fort. Es war mir bewusst, dass es nicht anständig war, dass ich ihm für seine Hilfe dankbar sein sollte und trotzdem konnte ich nicht anders. Allein schon der Gedanke, dass er mich berühren würde, war mir zuwider. Ich war fest davon überzeugt, dass ich keinen Mann an meiner Seite mehr bräuchte, sondern nur gute Freunde, die mich aus diesem Sumpf der Verzweiflung befreien würden. Doch als mich eine meiner Freundinnen anrief, konnte ich mich auch mit ihr überhaupt nicht vernünftig unterhalten. Ich hatte nichts Positives zu berichten und ihr Gerede interessierte mich nicht. Immer hatte ich mich mit Christine gerne getroffen. Wir konnten uns über alles austauschen, hatten immer bei den herrlichen Ausritten ein gemeinsames Thema gefunden. Nun hatte ich ihr nichts zu sagen. Ich wusste, dass ich damit unsere Freundschaft aufs Spiel setzte.

Einige Zeit später bekam ich einen Anruf von Klara. Sie berichtete mir, dass es meinem Vater gesundheitlich nicht gut ging, dass meine Mutter mich aber nicht zusätzlich damit belasten wollte. Ohne langes Nachzudenken packte ich meinen Koffer und verließ Österreich. Während der viereinhalbstündigen Fahrt hatte ich genügend Zeit zum Nachdenken. Die Erinnerungen an meine Kindheit, die Jugend und die Zeit meines Erwachsenseins standen mir vor den Augen. Die süße Unbeschwertheit, die unzähligen Freundschaften, die erste Liebe mit Herz und Schmerz und die Zeit, als meine Tochter zur Welt kam. Dann sah ich Max und Friedrich, die in mein Leben eintraten und die die Lieben meines Lebens waren. Zum Schluss hörte ich die Worte meiner Mutter, die meine vom großen Altersunterschied geprägten Beziehungen mit diesen Worten kommentierte: »Mit dem Max war es schön und wo ist er jetzt? Der Friedrich trägt dich nun auf den Händen, aber die Frageist, wie lange noch?« Diese kritischen Worte, ehrlich und etwas spöttisch, aber letztendlich nur voller aufrichtiger Sorge, taten mir noch heute sehr weh. Hatte meine Mutter doch recht gehabt? Ja, in gewisser Weise schon. Das wurde mir immer deutlicher klar. Ich war diese Beziehungen schon immer mit dem Wissen eingegangen, dass sie nicht für die Ewigkeit gemacht wären. Ich wollte diese wunderbare Zeit nutzen, um Gutes zu tun. Gutes für meinen Partner, für mein Kind, für mich. Ich wollte geliebt werden und Liebe geben. Ich war bereit, die Angst vor dem Ende auf mich zu nehmen. Und ich wurde im Laufe der Jahre reichlich beschenkt. Meine Seele war dafür dankbar. Es ging mir gut und ich fühlte mich wohl. Aus der heutigen Sicht müsste ich eingestehen, dass eine gewisse Furcht vor dem, was auf mich zukommen könnte, schon immer in meinem Inneren präsent war. Ich hatte gehofft, diese Furcht in meinem tiefsten Unterbewusstsein einsperren zu können. Doch für immer einschließen konnte ich sie nicht. Sie ist unerwartet aufgetaucht und erwischte mich mit voller Wucht. Nun war die Furcht gegenwärtig und unerträglich.

Ich näherte mich meinem Elternhaus und konnte es nicht erwarten, meine Eltern in den Arm zu schließen. Ich kam unangemeldet und überraschte meine Mutter, die in Tränen ausbrach. »Dein Vater liegt im Krankenhaus«, verkündete sie bestürzt und wischte sich die bitteren Tränen aus dem Gesicht. »Es sieht nicht gut für ihn aus. Der Arzt hat einen schweren Herzinfarkt diagnostiziert. Willi liegt seit ein paar Tagen im Koma«, schniefte sie in ihr buntes Taschentuch.

Ich nahm meine Mutter in den Arm und tröstete sie. »Es wird schon wieder werden, Mama, habe keine Angst. Der Papa ist ein Kämpfer, er gibt nicht so schnell auf. Morgen werden wir hinfahren und ihn besuchen.« Ich half ihr sich hinzusetzen und machte uns einen Kaffee. Mit einem Seitenblick beobachtete ich diese Frau die ich mein Leben lang kannte. Meine Mutter. Ich erinnerte mich an ihre Fürsorglichkeit, aber auch daran wie ich mich oft geärgert hatte, wenn sie ausgeflippt war und geschimpft hatte. Von meinem Vater mit seiner ruhigen Art, wurde sie wieder zu Nachsicht gebracht. Meine Eltern waren jetzt beide über 80 Jahre alt, und ich stellte bestürzt fest, dass nicht nur ihnen die Zeit davon läuft, sondern auch mir. 58 Jahre gingen auf mein Konto. Ich war Oma geworden, meine Mutter, Uroma. Ihre schneeweißen, dichten Haare hatte sie, wie auch die Jahre zuvor, kurz geschnitten und elegant frisiert. Das Gesicht schmückten unendlich viele, kleine Fältchen. Ihre Augen hatten jedoch den strahlenden Glanz verloren. Sie krümmte ihren Rücken zu einem leichten Buckel und wirkte sehr müde. Sie tat mir unendlich leid.

Als meine Tochter mit ihrer Familie bei mir in Wien war, hatten sie auch meine Eltern für ein Wochenende besucht. Das war ein Thema, das ich anschneiden wollte. Ein Thema, dass meine Mutter auf andere Gedanken bringen sollte, sie etwas besser stimmen mochte.

»Mama, wie war denn der Besuch? Hast du gesehen, wie groß unser Tom schon ist?«, fragte ich und schenkte ihr ein Lächeln.

Das Gesicht meiner Mutter erhellte sich. »Ein großer Junge ist der Tom geworden. Schade nur, dass sie so weit weg wohnen, dass man ihn nur so selten sehen kann«, sagte sie leise. »Gut, dass ich noch so gut Englisch kann, sonst hätte ich mich mit dem Buben gar nicht unterhalten können«, erwiderte sie etwas strenger.

Und da war sie wieder die ehemalige Lehrerin. Streng, aber lieb. Immer bereit ihren Schülern zu helfen, um noch bessere Ergebnisse zu erreichen. Auch mich hatte sie ständig belehrt. Meine Tochter brachte sie mit ihrer Art oft an die Grenzen. Anna hatte ihr unermüdliches Mundwerk immer gut einsetzen können, um ihrer Oma den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zur großen Freude meines Vaters. Mein Vater und Anna waren ein eingespieltes Team, wenn es darum ging die Oma zu ärgern.

Ein lebhaftes Gespräch entwickelte sich zwischen meiner Mutter und mir. Ich beantwortete alle Fragen, die sie mir bezüglich meines Lebens stellte und versuchte dabei tapfer zu bleiben, um sie nicht noch mit meinem Zweifel und Leiden zu belasten. Es fiel mir recht schwer. Am liebsten hätte ich mich ihr an den Hals geworfen und bitterlich geweint, so wie ich es früher als Kind getan hatte, wenn ich mit einer blutigen Schürfwunde am Knie vom Spielplatz nach Hause kam. Aus der Tiefe meiner Seele wollte ich weinen. Ich sehnte mich nach der streichelnden Hand meiner Mutter, nach ihrem Schoß auf den ich immer meinen Kopf hinlegen durfte und in dem ich die ersehnte Geborgenheit fand. Doch ich war nicht mehr das kleine Mädchen, und meine Mutter war zu einer alten, zerbrechlichen Frau geworden. Ich hatte Angst sie zu verlieren. Eine unbeschreibliche Panik stieg in mir auf, als ich mir vorstellte, meine Eltern nicht mehr zu haben. Das ursprüngliche, das wahre Zuhause zu verlieren. Eine unsichtbare, kalte Faust umklammerte mein Herz und drückte es so fest, dass ich nach Luft ringen musste.

Am Abend, nachdem meine Mutter ermüdet ins Bett gegangen war, entschloss ich mich zu einem Besuch bei Klara. Sie war die einzige Person, der ich die Wahrheit über meinen Seelenzustand sagen konnte. Bei ihr konnte ich weinen, sie war immer für mich da.

Klara wusste, dass ich an dem Tag meine Eltern besuchen wollte und wartete auf meinen Anruf. Doch ich vergaß, mich bei ihr zu melden. Ich fuhr einfach spontan zu ihr hin, so wie ich es früher schon immer getan hatte. Kaum hatte sie die Haustür geöffnet, fiel ich ihr um den Hals und brach in Weinen aus. Eine halbe Stunde hatte ich gebraucht, bis ich mit den Tränen den Schmerz, der mich zu erdrücken drohte, aus meinem Herzen und meiner Seele teilweise ausgespült hatte. Danach fühlte ich mich etwas besser. Endlich war ich wieder fähig, Worte zu einem Satz zu formulieren. Meine Freundin kannte mich seit der Kindheit und es war nicht das erste Mal, dass sie mir in einer schweren Zeit beistand. Ihre Worte und Meinungen waren oft hart, aber ehrlich. Sie war nicht der Gefühlsmensch wie ich. Sie hatte sich nie den Kopf der Liebe wegen zerbrochen, und sie sehnte sich nie nach der absoluten Nähe eines Menschen. Sie hatte ihre Affären, ihre Freundschaften, aber ihre Selbstständigkeit und ihr Zuhause waren ihr Heiligtum. Nie würde sie mit einem Mann zusammen wohnen oder leben wollen. Ihr Privatleben war für die anderen Tabu.

Vor 13 Jahren, als ich nach Wien zu Friedrich zog, hatte ich ihr dieses Haus zur Miete überlassen. Das Haus in dem ich mit Max zehn wunderbare Jahre gelebt hatte, war nun ihr Reich. Heute erinnerte mich im Inneren des Hauses nichts an diese Zeit. Klaras Einrichtung war nüchtern, modern und mit den klaren Linien und den überwiegend weißgrauen Farben kam sie mir vor, wie die Einrichtung eines Raumschiffs. Klara wiederum fand meinen Haushalt unübersichtlich, überfüllt und unnötig arbeitsaufwendig. Wir waren so unterschiedlich, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, was uns so zusammengeschweißt hatte. Aber wir verstanden uns schon immer prächtig.

»Setz dich du Heulsuse«, schubste sie mich ins Wohnzimmer aufs Sofa. »Putz schön deine Nase; ich mache uns derweil ein paar leckere Häppchen«, sagte sie mit mütterlicher Stimme und ging in die Küche. Ich hörte sie hantieren. Das Klappern des Geschirrs und das Geräusch der scharfen Messerklinke, die in Berührung mit dem Schneidebrett kam, verursachte mir Gänsehaut. Ich musste mich schütteln. Auf einmal wurde mir kalt. Obwohl der Raum wohl temperiert war, spürte ich, wie Kälte in meinem Inneren aufstieg. Schweißperlen überzogen meine Stirn und ich musste niesen.

»Gesundheit!«, meldete sich Klara und stellte zwei elegant eingerichtete Teller mit verführerisch zubereiteten Häppchen auf den Wohnzimmertisch. Aus einem Schrank holte sie zwei Gläser und füllte sie mit einem vornehmen französischen Rotwein. »Hast du vielleicht Fieber?«, fragte sie, als sie mich ansah. Sofort legte sie ihre Hand auf meine Stirn und verglich meine Temperatur mit ihrer. Bevor ich etwas einwenden konnte, stellte sie fest, dass ich tatsächlich Fieber haben konnte. Vorsorglich holte sie ein Thermometer aus dem Badezimmer und forderte mich auf, Fieber zu messen. Ich tat es ohne Wenn und Aber, denn Klara zu widersprechen hatte noch nie einen Sinn gehabt. Der Verdacht meiner Freundin bestätigte sich in wenigen Sekunden. »38,5°C! Es ist noch nicht zum Sterben, aber es ist schon mal eine erhöhte Temperatur, meine Liebe«, konstatierte sie mit Augenzwinkern.

Ich sah sie etwas schräg an. »Ich finde deine Worte nicht gerade witzig und passend. Es ist mir auch nicht nach Spaßen, das kann dir, glaube ich, schon klar sein.«

»Ja, Entschuldigung«, setzte sie sich näher zu mir und nahm mich in den Arm. »Ich weiß, es war eine ganz blöde Wortwahl von mir. Ich wollte damit nur sagen, dass nichts so heiß gegessen wird wie gekocht. Verstanden?«, küsste mich Klara auf die Wange. »Mensch, Lena du bist ein großes Mädchen. Also ich möchte damit andeuten, dass du alt genug bist, um mit der ganzen Situation klar zu kommen.«

Ich trank ein wenig vom Wein und stellte mein Glas wieder ab. »Ich fühle mich so elend, Klara. Ohne Friedrich bin ich ein Nichts.« Ich schniefte laut und schnappte mir ein Häppchen. Mit vollem Mund fragte ich: »Was soll ich nun alleine in der großen Villa? Was soll ich alleine in Österreich?«

»Ja was, das Gleiche, wie bis jetzt. Leben, Lena, leben!« Klara löste ihre Umarmung und schenkte sich ein zweites Glas Wein ein. »Schau mich an«, forderte sie mich auf. Ich hob meinen Kopf und sah ihr in das freundliche Gesicht.

»Du bist eine wohlhabende Frau. Selbstständig und stark. Glaube mir, ich kenne dich mein Leben lang. Du musst keine existenziellen Ängste haben. Du bist eine erfolgreiche Künstlerin, deine Bilder kosten ein Vermögen. Du bist eine Buchautorin, deine Bücher verkaufen sich gut. Du bist auch ohne Friedrich eine berühmte, starke Persönlichkeit, mein Schatz.«

Auch wenn das Widersprechen nie was gebracht hatte, versuchte ich es trotzdem. »Ja, ich kann malen und ich kann vielleicht auch schreiben, aber meinst du, dass ich je so erfolgreich wäre ohne Friedrichs Berühmtheit? Glaubst du das? Alles was ich bin und was ich habe, verdanke ich ihm«, erklärte ich fest davon überzeugt.

»Nein Lena, alles nicht. Dein Talent gehört nur dir. Das kann dir keiner schenken und keiner nehmen. Das hast du schon immer gehabt«, deutete Klara ernst.

Ich fing wieder an zu weinen. »All meinen Erfolg, all meine Freude darüber konnte ich mit Friedrich teilen. Er hat mich gelobt, gefordert, er war meine Inspiration für viele Bilder die ich gemalt habe.«

»Es mag sein, Lena. Aber du wirst es auch ohne ihn schaffen. Glaube mir. Du weißt, ich habe immer deine Vorliebe für ältere Herren ins Lächerliche gezogen. Aber du wolltest es nicht anders haben. Was hast du dir dabei gedacht? Dass sie hier 200 Jahre bleiben werden? Du hast es wissen müssen, und ich bin davon überzeugt, dir war von Anfang an klar, dass deine Beziehungen mit diesen Herrschaften eines Tages tödlich enden werden.« Klara stand auf und ging zu der Terrassentür. Sie riss sie weit auf und ließ die erfrischende, kühle Frühlingsluft hineinströmen.

Ich starrte in die Dunkelheit. Vor meinem inneren Auge sah ich Max. Es war sein Garten da draußen. Mit Liebe und mit dem hervorragenden Können eines Landschaftsarchitekten angelegt und eingerichtet. Ich sah ihn vor meinem inneren Auge auf der aus Holz geschnitzten Bank sitzen. Sein Kopf hing zur Seite, seine Augen für immer geschlossen. Ein alter Mann, der mein Vater sein konnte … Ich schloss nun für einen Moment meine Augen und versetzte mich in Gedanken nach Wien. Friedrich – ein gut aussehender Mann. Sein ergrautes Haar hing ihm in die Stirn, als er seine Lesebrille absetzte und ermüdet im Sessel einschlief. Ich sah sein fahles Gesicht und spürte die kalte Hand, die die meine fest hielt. Seine Hand, die sich an mich klammerte und nicht loslassen wollte … noch nicht … ich hörte die Stille, die einem den Atem raubt … für immer.

»Sei mir nicht böse, Lena«, ergriff Klara das Wort, »aber du musst ehrlich zugeben, dass ich recht habe.«

Es fiel mir schwer es zuzugeben. »Klara, ich habe diese Männer wirklich geliebt. Beide. Ich war glücklich mit ihnen. Ich war über 20 Jahre glücklich.«

»Schön und jetzt wirst die weitere 20 Jahre auch ohne sie glücklich werden«, sagte sie mit einem Blick in die Zukunft voraus.

»Woher willst du es wissen, du Orakel? Bist du jetzt eine Hellseherin geworden, oder wie?«, schenkte ich ihr ein schwaches Lächeln.

»Mensch Lena, schau dich doch mal an. Du siehst mindestens zehn Jahre jünger aus als du bist. Schlank, sportlich, intelligent und, das muss ich auch zugeben, elegant. Erfolgreich und vermögend, habe ich vergessen zu deinen Eigenschaften noch dazu zu zählen. Die Männerwelt wird sich um dich reißen, das schwache Geschlecht wird dir zu Füßen liegen.« Die letzten Worte konnte sie nicht mehr im Ernst aussprechen und brach in ein herzliches Lachen aus.

Klara war eine Spezialistin im Aufmuntern. Sie nahm das Leben und seine Tiefen mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. Sie zerbrach sich nie über überflüssige Probleme den Kopf, überließ den Sorgen keinen Raum. Dafür war in ihrem Leben einfach und schlicht kein Platz.

Nachdem wir die Flasche Rotwein vollständig geleert und alle Häppchen aufgegessen hatten, reichte sie mir nochmal das Thermometer _39°C. Die Hitze, die in meinen Kopf stieg, kam nicht wie vermutet vom Wein, sondern vom Fieber. Klara schloss die Terrassentür und reichte mir eine warme Decke. Ein Schüttelfrost brachte meinen Körper zum Zittern.

»Ich glaube, ich muss gehen. Ich will mich hinlegen, vielleicht wird es bis morgen besser. Ich habe meiner Mutter versprochen, dass wir den Vater im Krankenhaus besuchen«, erklärte ich meiner Freundin.

Klara verdrehte die Augen. »Im Krankenhaus auf der Intensivstation, mit deinen Bazillen?«

»Ich habe ihr das versprochen, sie ist so zerbrechlich geworden, so alt. Ich mache mir Sorgen auch um sie«, schnaufte ich.

Klara baute sich vor mir auf wie ein Fels und sagte streng: »Du gehst jetzt nirgendwohin. Du bleibst hier. Ich bringe dir ein Aspirin und einen heißen Tee und dann schauen wir, wie es dir bis morgen geht.«

Ich kuschelte mich in die warme Decke und fühlte mich elend müde. »Meine Mutter wird sich Sorgen machen, wenn sie morgen Früh feststellt, dass ich nicht bei ihr bin.«

»Wird sie nicht. Ich bin mir sicher, dass sie genau weiß, wo du bist. Bei mir nämlich«, konstatierte Klara überzeugt.

Ich gab auf. Ich schluckte die im Wasser aufgelöste Brausetablette und schlürfte langsam den heißen Kräutertee. Es fühlte sich gut an bemuttert zu werden. Die letzte Zeit, die letzten Jahre, war ich die, die für andere sorgte. Manchmal war es schon zermürbend, aber ich tat es immer gerne. Ich war die Starke, die alles managte und schaffte, die sich um den Friedrich kümmerte. Nun saß ich bei meiner Freundin wie ein Häufchen Elend und weinte wie ein kleines Kind.

Um zwei Uhr in der Nacht klingelte das Telefon und riss mich aus dem wohltuenden Schlaf. Ich hörte Klara die Treppe runter steigen und lauschte ihrem Gespräch. Doch Klara sagte nicht viel. Sie hörte der Stimme im Telefonhörer zu. Nachdem das Telefonat beendet worden war, schlich sie mit leisen Schritten zu mir ins Wohnzimmer. »Lena, ich weiß, dass du wach bist«, flüsterte sie. »Es war deine Mutter. Der Arzt hat angerufen. Dein Vater ist leider vor einer halben Stunde verstorben.«

Zum Aufsetzen hatte ich keine Kraft mehr. Ich vergrub mein Gesicht in das weiche Kissen und schrie so laut ich nur konnte. Ich schrie mir den Schmerz aus der Seele und aus dem Herzen, denn sie drohten vor Kummer zu zerreißen. Klara umarmte mich und wiegte mich in ihren Armen.

Was ist nur los? Wo sind alle meine Engel, an die ich seit meiner Kindheit geglaubt hatte, die Schutzengel, die ich rief und die ich um Hilfe bat. Warum tat mir das der liebe Gott an? War ich unartig, bin ich seiner Liebe nicht wert? Diese und tausende andere Gedanken gingen mir durch den Kopf.

»Deine Mutter hat gesagt, du kannst bis morgen hier bleiben. Sie kommt schon klar. Sie hatte es befürchtet, hatte es gespürt«, streichelte Klara über meine Haare. »Sei stark, meine Liebe, es kommen auch wieder bessere Tage, es wird alles wieder gut.«

Ich wollte ihr widersprechen. Wie könnte alles wieder gut sein, wenn die Menschen, die ich so sehr geliebt hatte, von uns gegangen sind. Gesichter, die ich nie mehr sehen, und Herzen, die ich nie mehr schlagen hören werde … Aber ich sagte nichts. Mit leisen Schritten und auf den Fußspitzen verließ Klara das Wohnzimmer und überließ mich der Trauer. Der nagenden Trauer, die mich zu erdrücken drohte und die mich provokant herausforderte mit ihr zu kämpfen.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Die Schatten, die sich auf der Zimmerdecke gebildet hatten, beobachtete ich bis zum Morgengrauen. Als mich Klara wecken wollte, saß ich schon wach auf dem Sofa.

»Guten Morgen. Geht es dir besser?«, fragte sie voller Sorge und setzte sich neben mich hin.

»Ich konnte nicht schlafen. Ich habe Kopfweh und ich denke, das Fieber ist auch wieder da«, antwortete ich niedergeschlagen.

Klara legte ihre Hand auf meine Stirn und fühlte die Temperatur. »Miss es nochmal, ich mache uns derweil ein Frühstück.«

Der heiße, starke Kaffee tat mir gut. Ans Essen jedoch verlor ich keinen einzigen Gedanken. Ich schob den Teller weg von mir und sah Klara an. »Wird es denn nicht mal wieder besser werden?«

»Natürlich wird es besser werden, Lena. Es hat sich alles in einer kurzen Zeit abgespielt und umso schwerer ist das. Es ist sozusagen alles fast auf einmal passiert. Binnen drei Monaten hast du deinen Mann und deinen Vater verloren, aber der Tod gehört auch zum Leben. Keiner von uns bleibt ewig hier«, tätschelte sie meine Hand. »Du musst stark sein, du wirst es schaffen. Ich kenne dich doch.«

Das Thermometer zeigte wieder eine Körpertemperatur über 38°C an, doch das hinderte mich nicht, zu meiner Mutter zu eilen. Ich fand sie sitzend am Küchentisch. Ihre Augen waren voller Tränen, als ich sie umarmte. »Kind, du bist ganz heiß! Hast du Fieber?«, fragte sie mich sorgenvoll.

»Ja, wahrscheinlich habe ich mich erkältet, aber es ist nicht schlimm, Mama.«

Meine Mutter stand auf. Ihre Schritte waren langsam und schwer. Sie füllte den Wasserkocher mit Wasser und ließ es aufkochen. Der Duft von Kräutertee verbreitete sich im Raum, als sie die Kräuter mit heißem Wasser übergoss.

Langsam setzte sie sich wieder an den Tisch hin und sagte: »Ich weiß nicht, was du darüber denkst, Lena, aber ich möchte deinen Vater nicht tot sehen. Vielleicht ist es feige von mir, aber ich möchte den Willi lebendig in meinem Gedächtnis behalten.«

Ich sah in ihre traurigen Augen, die an diesem Tag noch mehr an Glanz verloren hatten und nickte. »Nein, Mama es ist nicht feige. Es ist in Ordnung. Ich möchte den Vater auch so in Erinnerung behalten wie er war. Lustig, witzig und immer gut gelaunt.«

Mit einem zerknitterten Taschentuch wischte sich meine Mutter die Tränen ab und flüsterte: »Er war ein guter Mann, ein guter Vater. Es war schön mit ihm zusammen zu sein. Das Leben mit ihm war bis zum letzten Tag wunderschön.«

In meinen Augen brannten die aufsteigenden Tränen, doch ich wollte sie unbedingt unterdrücken. Ich wollte stark bleiben. Stark für meine Mutter, die mich nun so sehr brauchte. Ich versprach ihr, mich um alles zu kümmern und die Beerdigung auszurichten. Klara nahm sich ein paar Tage frei und half mir bei allem. Ich war ihr unendlich dankbar.

Einen Tag vor der Beerdigung rief mich Martin an. Mit einer Stimme, die mich so sehr an Friedrich erinnerte, fragte er mich nach meinem Befinden. Ich erzählte ihm, dass mein Vater verstorben sei und ich noch ein paar Tage bei meiner Mutter bleiben würde. Er machte sich Sorgen um mich. Es war gut zu wissen, dass einer da ist, an den man sich in schweren Zeiten anlehnen konnte. Doch ich wusste auch, dass sich Martin viel mehr erhoffte. Er hatte mich schon immer begehrt. Hatte mich angefleht, ihm eine Chance zu geben. War bereit auf den Tag zu warten, an dem ich für ihn frei werde. So absurd es auch klingt, für ihn war es eine Ehrensache mir beizustehen, mir zu helfen und treu zu warten.

Nun war ich frei. Doch in meinem Herzen war für Martin kein Platz. Dass er Friedrich so sehr ähnelte, dass seine Stimme fast identisch klang, fand ich früher und vor allem ganz am Anfang angenehm. Auch seine Aufmerksamkeit war aufregend und sehr schmeichelhaft. Als er mir jedoch später seine Liebe gestand, war ich zwar nicht überrascht, fand es aber sehr unpassend und unanständig. Friedrich wusste Bescheid über Martins Verhalten. Er hatte es mit seiner berühmten Arroganz und mit der Weisheit eines älteren Mannes geduldet. Er wusste, dass Martin keine Chance hatte. Und doch hatte ich bemerkte, dass es ihm manchmal zu schaffen machte.

Falls ich je Martin Hoffnungen gemacht hatte, tat es mir nun sehr leid. Das ähnliche Aussehen und die identische Stimme konnten Friedrich nicht ersetzen. Auf einer Seite bewunderte ich Martins Ausdauer, Treue und Loyalität, auf der anderen fand ich es schäbig, dass er die ganzen Jahre auf Friedrichs Tod gewartet hatte. Auf jeden Fall wusste ich mit Sicherheit, dass ich ihm nicht das bieten konnte, vorauf er so lange Jahre gewartet hatte; die Liebe.

Am Abend führte mich Klara zum Essen aus. »Komm doch, Lena, ich weiß, es ist traurig, aber du kannst dich jetzt nicht vergraben und aufhören zu atmen. Lass uns einen schönen Abend miteinander verbringen«, sagte sie in einem netten, kleinen Restaurant zu mir, als uns der Ober zu dem reservierten Tisch führte.

Ich war müde. Das Fieber der vergangenen Tage hatte mich geschwächt. Aber Klara hatte recht: Ich konnte mich nicht für immer verstecken. Ich war entschlossen zu kämpfen. Kämpfen gegen das Unrecht des Lebens, den Schmerz und den Tod.

Ich hatte mich Klara anvertraut. Ich erzählte ihr über Martin, über seine Hoffnungen und Anforderungen.

»Es ist doch eine Chance für dich, Lena. Du kennst ihn schon so viele Jahre, du weiß, wie er tickt und wenn er dich wirklich liebt … Ich hätte es an deiner Stelle probiert«, gab Klara zu.

»Aber ich weiß genau, dass ich ihm nie das geben kann, was er sich so sehr wünscht. Es wäre von mir unfair, ihn an der Nase zu führen, nur um nicht alleine zu sein«, gestand ich.

Klara lächelte mich an. »Kannst du dich an die Zeit erinnern, als deine Anna nach Amerika zog und Max starb? Da wolltest du nicht mehr leben. Und dann kam, wie aus dem heiteren Himmel, der Wunsch, den Friedrich mal live zu sehen. Alle haben damals über deinen Wunsch gelacht. Wer hätte das gedacht, dass du eines Tages die Ehefrau des berühmten Schauspielers Friedrich von Weidenhof wirst!«

»War … ich war seine Frau, aber auch das ist jetzt vorbei«, schniefte ich leise.

»Dir kann man alles zutrauen. Eines Tages triffst du den zukünftigen König von England und wirst noch zu einer Königin«, lachte Klara herzhaft.