Hör, wie sie schreien - Cary Ponsar - E-Book

Hör, wie sie schreien E-Book

Cary Ponsar

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Beschreibung

Was treibt einen Menschen dazu, andere zu verletzen? Und wann ist eine Seele so zerbrochen, dass man selbst zum Täter wird? Ein junges Mädchen wird schwer verletzt im Frankfurter Grüneburgpark entdeckt, bestialisch verstümmelt und doch am Leben gelassen. Mit diesem furchtbaren Fall wird die junge Nina Hilbert gleich zu Beginn in der Frankfurter Kriminaldirektion konfrontiert. Gemeinsam mit ihrem Team beginnt sie, im Umfeld des Mädchens zu ermitteln und lernt schnell, dass jede Medaille zwei Seiten hat.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Cary Ponsar

Hör, wie sie schreien.

© 2020 Cary Ponsar

Verlag: KAPITELWERK

Cary Ponsar

c/o autorenglück.de

Franz-Mehring-Str. 15

01237 Dresden

ISBN

 

Paperback

978-3-9822674-0-1

Hardcover

978-3-9822674-1-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Das Spiel beginnt.

Sie hatte es vorgeschlagen. Die Idee war in ihrem Kopf entstanden, in diesem wunderschönen Kopf mit den langen, blonden Haaren. Die Schlampe warf ihre goldene Mähne gerne über die Schulter und reckte ihrem Gegenüber dabei die Brüste entgegen. Er beobachtete sie und überlegte, ob das junge Ding die Macht spürte, welche ihr Äußeres ihr verlieh. Natürlich war es ihr bewusst, wies er sich selbst zurecht. Das Mädchen war sich ihrer Wirkung absolut bewusst – und sie nutzte diese nur zu gerne aus.

Wie konnte jemand mit so einem faszinierenden Äußeren nur so böse, so hässlich, im Inneren sein? Sie glänzte mit ihrer wundervollen Erscheinung und sonnte sich im Rampenlicht der Bewunderung von Anderen, der Bewunderung des niederen Volks, das zwanghaft versuchte, einen Hauch von Aufmerksamkeit zu erhalten. Wer wollte sie nicht, die Beachtung und Gunst der Königin? Zum wiederholten Male fragte er sich, ob die Schar um sie herum einfach nur dumm war, oder ob jeder von ihnen hoffte, dass etwas Sternenstaub auch auf sie hinunterrieseln würde und sie ein Stück vom leckeren Kuchen der Beliebtheit abbekämen.

Er kam ein kleines Stück aus seinem sicheren Versteck hervor und überlegte, ob er bereits jetzt handeln sollte. Je früher dem wunderschönen Vögelchen die Flügel gestutzt wurden, desto mehr Unheil konnte verhindert werden. Wozu also noch warten? Jeden Moment würde sie ihre Gruppe, ihre Untertanen, verabschieden und ihren Weg allein fortsetzen. Warte noch, rügte ihn die Stimme in seinem Kopf. Alles zu seiner Zeit, wir wollen nicht riskieren, dass das freche Vögelchen davonfliegt.

Würde das passieren, dann wäre sein Plan gescheitert. Und es war seine verfluchte Pflicht, hier und jetzt für Ordnung zu sorgen und das Gleichgewicht wiederherzustellen. Es musste endlich Gerechtigkeit herrschen, irgendjemand musste die Verantwortung übernehmen und die Täter zur Rechenschaft ziehen.

Endlich wandten sich ihre Bewunderer ab und winkten der Königin fröhlich nach, als sie hoch erhobenen Hauptes davonschritt. Sahen sie nicht, dass sie nicht der gute, ehrenwerte Engel war, sondern das personifizierte Böse, der Teufel, versteckt in einer wunderschönen Hülle? Er schnaufte verächtlich. Natürlich sahen sie es nicht. Die aufgestachelte Meute tat immer alles für die Herrscherin und die Mitläufer waren genauso verantwortlich wie sie. Alle würden sie mit den Folgen ihres Handelns leben müssen., das hatte er sich geschworen. Er sah dem Mädchen ebenfalls hinterher. Ohne ihre Anführerin wäre die lahme Truppe wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee gekommen, ihre Taten zu vollbringen, also musste sie die Erste sein. Die Erste, der Grenzen aufgezeigt wurden und die spüren sollte, was mit Abschaum passierte. Seine Hände begannen nervös zu kribbeln und er biss sich heftig auf die Innenseite seiner Wangen.

Was blieb ihm anderes übrig, als die Königin aufzuhalten? Hatte man überhaupt eine andere Wahl, wenn man das Böse jetzt und für immer aus der Welt schaffen wollte? Man musste der Schlange den Kopf abschlagen, die Ursache ihrer Widerwärtigkeit entfernen, sodass die Anführerin machtlos wurde und von ihrem hohen Ross hinunterfiel. Es musste jetzt geschehen, bevor sie ihm entwischen konnte!

Verdammt, das böse Ding war schnell und hatte es offenbar eilig. Er musste sich ins Zeug legen und eilen, um seine Pflicht zu erfüllen. Erst dann würden den Mitläufern die Augen geöffnet werden. Das Volk würde erstarren und sie alle würden realisieren, dass jede Tat auf dieser Welt Konsequenzen hat.

Lang lebe die Königin.

Luisa spürte die Blicke, sie spürte sie einfach jedes Mal. Während sie Kniebeugen auf der lilafarbenen Matte im Gymnastikraum erledigte, war klar, dass ihr jeder Typ auf den Hintern starrte, wenn er die Glasfront des abgetrennten Bereichs passierte. Das Fitnessstudio war nicht sehr groß, doch es zählte eindeutig zur Kategorie der Luxusklasse. Hier trainierten Bänker und Anwälte, genauso wie Manager und die reichen, gutaussehenden Söhne Frankfurts. Wenn ihr also jemand mit Macht und einem dicken Bankkonto auf den Po stierte, dann machte Luisa das herzlich wenig aus. Ess gefiel ihr sogar.

Grinsend machte sie eine letzte Kniebeuge, streckte sich dann noch einmal lasziv und blickte über ihre Schulter zu den trainierenden Männern, die sie in ihrer hautengen blauen Trainingshose und dem schwarzen Top musterten. Wie einfach es doch war, Aufmerksamkeit zu bekommen.

An diesem Sonntagabend war es wieder sehr voll und sie war froh, dass sie es trotz ihres stressigen Wochenendes erneut geschafft hatte, ihren Trainingsplan diszipliniert durchzuziehen. Die Sechzehnjährige dachte an das Casting am nächsten Morgen und spürte das berühmte Kribbeln in ihrem Magen. Natürlich war sie nervös, doch die Vorfreude auf das Vorsprechen war um einiges größer. Ihre Mutter hatte sie dazu angemeldet, so wie sie es eigentlich jedes Mal tat und den ein oder anderen Erfolg hatte Luisa bereits vorweisen können. Sie war schon zweimal in Serienproduktionen zu sehen gewesen, es waren zwar kleine Nebenrollen, aber auch das machte sich optimal in ihrer Set Card. Der nötige Ehrgeiz war ihr von ihrer Mutter vorgelebt worden und von Kindesbeinen an hatte sie alles getan, um die Forderungen ihrer Eltern zu erfüllen.

Luisa räumte ihre Trainingsmatte zur Seite, verließ den Gymnastikraum und ging mit langsamen Schritten an den anderen Kunden des Studios vorbei. Ein großer Mann mit dunklen Haaren und dickem Bizeps zwinkerte ihr zu und musterte sie von oben bis unten, als sie die Tür der Damenumkleide erreichte. Nachdem sie sich umgezogen und ihre Tasche über die Schultern gezogen hatte, band sie ihren langen blonden Zopf erneut und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Kein Wunder, dass allen Typen das Wasser im Mund zusammenlief. Sie hätte problemlos Model werden können. Ihre blauen Augen strahlten ihr entgegen, die vollen Lippen ihres Spiegelbilds lächelten dabei und ihre traumhafte Figur wurde durch regelmäßiges Training perfekt in Form gehalten.

Als sie am Ausgang des Studios angelangt war, rief sie: „Bye, Toni,“ in Richtung des jungen Mannes an der Rezeption und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und träum heute Nacht von mir!“

Der große, süße und durchtrainierte Betreiber des Fitnessstudios kam auf sie zu und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Wie könnte ich von jemand anderem träumen, Süße? Ich drücke dir ganz doll die Daumen für morgen! Hoffentlich bist du bald wieder hier. Du bist der Grund, warum die Hälfte der Kundschaft gerne wiederkommt.“

Luisa lachte geschmeichelt. „Vielen Dank, ich bin ja nur für zwei Tage in Berlin, länger kann ich sowieso nicht in der Schule fehlen. Ich bin froh, dass ich für diese Zeit überhaupt freigestellt worden bin.“

Ein anderer Kunde, der gerade erst gekommen war, gab ihr im Vorbeigehen einen kleinen Klaps auf den Po und sie kicherte. Dann sagte sie zu Toni: „Bis bald, mein Lieber. Und süße Träume!“

Das Mädchen winkte und ging das helle Treppenhaus hinunter. Hoffentlich würde das Casting gut laufen. Ihrem Vater war es unglaublich wichtig, dass sie einen guten Abschluss in der Schule vorweisen konnte, doch Luisa hatte höhere Ziele. Die beliebteste Sechzehnjährige der Schule zu sein, das war toll, doch sie wollte weg von diesen Langweilern, die mit ihrem eintönigen Leben zufrieden waren und nichts taten, um das Beste aus sich und ihrem grauen Alltag herauszuholen. Schwäche und mangelnder Ehrgeiz widerten sie an und dies ließ Luisa ihre Umgebung spüren. Wenn viele dieser Loser sich selbst am Riemen reißen würden, dann könnten auch sie beneidenswert gut aussehen, bessere Noten vorweisen und mehr Freunde um sich herum versammelt haben. Doch sie taten es nicht.

Das Mädchen lächelte. Kein Wunder, dass sie alle so gerne mit ihr zusammen waren. Sie selbst hätte sich auch bemüht, mit jemandem wie ihr gesehen zu werden.

Sie rückte ihre Trainingstasche zurecht und knöpfte den oberen Knopf ihrer weißen Jacke zu. Der Wind war kälter geworden und der Himmel über den Hochhäusern Frankfurts zeigte sich sternenklar. Das Mädchen sah auf die Uhr und bemerkte, dass es schon beinahe 19 Uhr war. Sie musste nur noch ein kleines Stück die Straße entlanglaufen und würde schon bald ihr großes Haus mit dem wunderschönen, beheizten Swimmingpool im Garten sehen können. Hier im eleganten Westend fühlte Luisa sich wohl, doch sie würde es, ohne lange zu überlegen, sofort gegen London oder New York eintauschen.

Vor dem Studio unterhielt sie sich noch einen kurzen Moment mit einer kleinen Gruppe anderer Mitglieder des Studios, allesamt etwa in ihrem Alter und wirklich nett. Einer der Jungs hatte ihr permanent auf die Brüste gestarrt, wie Luisa grinsend zur Kenntnis genommen hatte. Schau ruhig hin, dafür sind sie da, dachte sie und lachte leise, als sie sich, leicht fröstelnd, auf den Heimweg machte.

Sie hatte ihn einfach nicht kommen hören. Gedankenversunken hatte sie der Rhatte sie der R’n’B Musik gelauscht, die aus ihren Kopfhörern erklang und dabei die Schritte nicht gehört, die sich ihr langsam von hinten genähert hatten. Erst als sein warmer Atem sie im Nacken traf, zuckte Luisa heftig zusammen und wollte erschrocken hinter sich blicken, doch in diesem Moment hatte der dumpfe Schlag sie bereits am Hinterkopf getroffen. Als ihr Gesicht auf den Asphalt zuraste, war ihr letzter Gedanke, dass sie das morgige Casting doch auf gar keinen Fall verpassen durfte.

Glücklich sind die Ahnungslosen.

„Oh nein,“ murmelte Nina stöhnend und drückte ihr Kissen auf die Ohren, als der Wecker ihres Smartphones mit penetrantem Gedudel ertönte. Vergeblich versuchte sie einige Male, es zu erreichen ohne hinzusehen, doch schließlich musste sie seufzend ein Auge öffnen und sich in Richtung der Kommode neben ihrem Bett strecken.

Sie war unglaublich müde, eine schreckliche Nacht lag hinter ihr und sie hatte sich mehr hin und her gewälzt, als wirklich zu schlafen. Jedes Mal, wenn sie endlich im Reich der Träume angelangt war, drehte sich alles um die kommende Woche, die nun mit dem Ertönen des Weckers begonnen hatte.

Es war ihre zweite Woche bei der Kriminaldirektion Frankfurt am Main und bisher lief alles vollkommen anders, als Nina es sich vorgestellt hatte. Als Absolventin des dualen Studiengangs bei der Polizei Hessen hatte sie sich frühzeitig für die Fachrichtung ‚Kriminalpolizei‘ entschieden und bereits Praktika in Gießen und Kassel absolviert, um so gut wie möglich auf ihren Karrierestart in diesem Oktober vorbereitet zu sein.

Was hatte sie sich auf ihren Umzug von Wiesbaden nach Frankfurt gefreut! Die drei Jahre dort waren schön, aber auch anstrengend gewesen, die praktischen Erfahrungen in ganz Hessen eine spannende und willkommene Ablenkung vom Studienalltag, und selbst das Couchsurfen und WG-Leben während den Praktika hatten ihr Spaß gemacht.

Mittlerweile fühlte sie sich aber bereit, in einem festen Umfeld mit ihrer Arbeit beginnen zu können, sie wollte sich dauerhaft beweisen und sie wollte Erfolge feiern. Erfolge bedeuteten für Nina im klassischen Sinne, die bösen Jungs zu schnappen und wegzusperren. Aus diesem Grund hatte sie sich für Frankfurt entschieden, scherzhaft die ‚Hauptstadt des Verbrechens‘ genannt und war völlig aus dem Häuschen, als sie eine Zusage vom Dezernat für Kapitalverbrechen bekommen hatte.

Dass sie allerdings bei dem faulsten Kriminalkommissar des gesamten K11 gelandet war, vermieste ihr bereits nach wenigen Tagen die Stimmung. Elan war ein Fremdwort für Detlef Schneid, einen grauhaarigen Mitfünfziger mit Bauchansatz und Doppelkinn, Ermittlungsarbeit bedeutete für ihn, am Schreibtisch sitzend Telefonate zu führen. Zeugen wurden vorgeladen, Tatorte und andere wichtige Schauplätze wurden sich nur grummelnd im Notfall angesehen. Schneid war kein schlechter Mensch, doch wortkarg und hundertprozentig auf Ordnung bedacht. Erfreut hatte er sie an ihrem ersten Tag mit Handschlag begrüßt und gesagt, was für ein Glück „ein Mädchen sei, dass mit weiblicher Gründlichkeit nun erst einmal die Akten auf Vordermann bringen könne“.

Frustriert rieb Nina sich übers Gesicht. Genau dies tat sie nun seit einer Woche. Am Schreibtisch sitzen und Telefonate wie eine Sekretärin entgegennehmen, Berichte kopieren und den Filter von Schneids Kaffeemaschine erneuern. Mit alledem hätte sie sich anfreunden können, immerhin war sie ‚die Neue‘. Doch eine Sache war noch schlimmer als ihr fauler, langweiliger Vorgesetzter.

Dennis, ein Arschkriecher vor dem Herrn, war erst ein paar Wochen vor ihr zur K11 gekommen und tat einfach alles, um sie dumm dastehen zu lassen.

Jedes Mal, wenn dieser Schnösel Schneids Büro betrat, grüßte er sie mit „Na, Mäuschen“ oder drückte ihr grinsend auf dem Flur einen Stapel Ordner in die Hand, die doch bitte kopiert werden müssten. Dieses prollige Verhalten hätte Nina eher einem älteren Semester zugeschrieben, doch Dennis war höchstens 28 Jahre alt. Vermutlich war es seine Art, Überlegenheit demonstrieren zu wollen – und da sie nur knapp 1.64m groß war und erst am kommenden Wochenende 24 wurde, hatte er sie wohl als perfekte Möglichkeit hierfür auserkoren.

Nina war kein Typ, der mit Provokation gut umgehen konnte. Es hatte sie alle Kraft gekostet, den Kopf dieses Arschlochs nicht einfach zu packen und mit voller Kraft gegen den Türrahmen zu schmettern. Ständig fiel er ihr ins Wort oder versuchte, sie zu blamieren. Sie verdrehte die Augen, als sie an die nächsten, eintönigen Stunden und Dennis dämliche Visage dachte.

Sie war alles, aber kein typisches Nordlicht. Hamburg war ihre Heimatstadt und dort hatte sie die ersten 20 Jahre ihres Lebens verbracht, doch nach ihrem Schulabschluss war sie ihrer besten Freundin Juli nach Hessen gefolgt. Juli war ihr fester Bezugspunkt, ihre Konstante und fast wie eine Schwester für sie. So oft wie möglich war Nina von Wiesbaden aus nach Frankfurt gefahren, um die Wochenenden gemeinsam mit Juli verbringen zu können.

Sie war in ihrem letzten Semester der Elektrotechnik an der hiesigen Fachhochschule und war der cleverste Mensch, den Nina je kennengelernt hatte. Aus diesem Grund musste sie grinsen, als ihr Handy plötzlich vibrierte und Juli sich mit einer Sprachnachricht bei ihr meldete:

„Aufstehen, Prinzessin! Es wird langsam Zeit, dem Chauvinisten auf dem Revier mal zu zeigen, wo der Hammer hängt!“

Langsam krabbelte sie unter ihrer warmen Bettdecke hervor, wobei sie jetzt erst bemerkte, dass es mittlerweile merklich abgekühlt hatte. Ein frischer Wind kam durch das gekippte Schlafzimmerfenster ihrer 2-Zimmerwohnung in Sachsenhausen.

Sie wohnte erst seit sechs Wochen hier, doch Nina liebte ihre Wohnung und das Viertel jetzt schon heiß und innig. Mit Juli war sie bereits mehrmals in der Altstadt unterwegs gewesen, hier gaben sich die Feiernden in zahlreichen Bars und Kneipen die Klinke in die Hand. Ihre Wohnung in der Schifferstraße war keine fünf Minuten von den besten Apfelweinkneipen Frankfurts, den urigsten Pubs und kleinen Lokalen mit hessischen Spezialitäten entfernt, eine optimale Voraussetzung für weitere perfekte Wochenenden mit ihrer besten Freundin. Von Hamburg war Nina anderes gewöhnt, doch die Gegend gefiel ihr.

Erneut schauderte es sie. Der Herbst machte sich bemerkbar und hatte den Himmel vor ihrem Fenster in eine dicke Wolkenschicht gehüllt. Schnell zog Nina die Füße wieder aufs Bett, so kalt war das Laminat über Nacht geworden. Sie suchte nach ihren warmen Socken, mit denen sie eingeschlafen war und die sie nachts grundsätzlich von ihren Füßen zappelte.

Irgendwann fand sie beide zusammengeknäult unter ihrer Bettdecke, schnappte sich das Ladekabel von der Kommode und machte sich unter Murren auf den Weg ins Bad.

Es ging durch sämtliche Tageszeitungen, ob regional oder landesweit, es prangerte auf allen Online-Plattformen und schallte den Menschen aus ihren Autoradios entgegen. Nina selbst hatte es erst vor wenigen Minuten vor dem Waschbecken stehend gelesen. Die Nachricht kam von Sandra, einer Absolventin ihres Jahrgangs, die es allerdings zum Drogendezernat verschlagen hatte.

Sieh dir das an, vielleicht landet es auf Schneids Schreibtisch und du bekommst endlich deine Chance! Bei dem Fall muss er den Hintern vom Stuhl erheben und mit dir zusammen vor die Tür!

Unter ihrem Text war ein Link, der Nina auf eine Nachrichtenseite weiterleitete. Während sie darauf wartete, den Bericht lesen zu können, hörte sie nebenbei dem merklich betroffenen Moderator aus ihrem Badezimmerradio zu, der sich genauso auf den Fund eines schwerverletzten Mädchens bezog, wie die Website vor ihren Augen.

Schwerverletzte 16-Jährige brutal verstümmelt.

Schülerin aus Frankfurt fiel Sadisten zum Opfer.

In Hessen treibt ein Psychopath sein Unwesen.

Aufmerksam las Nina den Text unter einigen Bildern, die den Grüneburgpark in Frankfurt zeigten, sowie einige uniformierte Kollegen vor rot-weißem Absperrband. Hier wurde am vergangenen Abend ein junges Mädchen gefunden, schwerverletzt hatten Passanten sie auf einer Parkbank entdeckt, offenbar hatte man ihr–

Nina stutzte und las den Satz erneut. Man hatte ihr beide Brüste abgeschnitten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und gleichzeitig stellten sich die feinen Härchen an ihren Armen auf. Man könnte es als eine Art Jagdinstinkt bezeichnen, der sich in Ninas Bauch ausbreitete. Sie schob ihn beiseite und schüttelte über die Berichterstattung den Kopf.

Eigentlich hätten solche Details gar nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Was dem Mädchen zugefügt worden war, und dass sie dem ersten Anschein nach nicht sexuell missbraucht worden war, das waren Informationen, die wegen laufender Ermittlungen eigentlich zurückgehalten wurden. Wahrscheinlich hatte aber einer der Zeugen auf schnelles Geld gehofft und diese Tatsachen brühwarm dem Reporter seines Vertrauens erzählt.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Nina in den Spiegel. Wieso konnte nicht ein solcher Fall bei Schneid landen? Sie war so gut wie sicher, dass dies nicht passieren würde. Von den Erzählungen, die sie über den Flurfunk mitbekommen hatte, kümmerte er sich um glasklare, relativ schnell aufzuklärende Kapitalverbrechen, die nicht viel Ermittlungsarbeit erforderten.

Letzte Woche hatte sie allerlei Papierkram erledigen müssen, der sich mit gefährlicher Körperverletzung zwischen zwei Nachbarn beschäftigte. Zahlreiche Zeugen hatten gesehen, wie der eine wütend mit einer Eisenstange auf den anderen eingedroschen hatte, offenbar erbost über das Ankratzen seines eigenen Wagens bei Einparkversuchen des Anderen. Alle Aussagen mussten selbstverständlich aufgenommen und dokumentiert werden, doch hierfür hatte Schneid alle betroffenen Personen auf die Wache kommen lassen. Der Fall war glasklar, aus diesem Grund hatte Nina auch am Wochenende frei gehabt, dies war besonders zu Beginn eine absolute Ausnahme. Bei den Gesprächen hatte Schneid Nina außenvor gelassen und stattdessen Dennis aus seinem Team aufgefordert, dabei zu sein.

Sie seufzte und schob sich die Zahnbürste in den Mund, während sie ihr Spiegelbild betrachtete. Natürlich wirkte sie jung, viel jünger als sie eigentlich war, aber trotzdem wollte sie weder geschont, noch dauerhaft über Akten brütend als Schreibkraft behandelt werden. Sie wollte das genaue Gegenteil!

Nina band sich ihre langen, hellbraunen Haare zu einem Zopf zusammen und fixierte ihn mit einigen schmalen Klammern. Sie sucht nach ihrer Wimperntusche und trug sie am oberen und unteren Wimpernkranz auf, ehe sie sich erneut musterte. Sie sah nicht schlecht aus, das wusste sie. Ihre grünen Augen gefielen ihr sogar richtig gut, auch sonst war alles dort, wo es hingehörte und bis auf ihre geringe Körpergröße gab es nur wenig, was sie hätte ändern wollen.

Sie war mit sich und ihrem Körper im Reinen. Vor sechs Jahren hatte sie in Hamburg mit Karate begonnen und war mittlerweile ein echter Profi. Hier in Frankfurt war sie noch nicht dazu gekommen, ins Training einzusteigen und gleichzeitig vermisste sie den Mann, der sie überhaupt erst zum Kampfsport gebracht hatte.

Wenn sie gelegentlich mit dem ICE nach Hamburg fuhr, um ihre Mutter zu besuchen, plante sie immer auch ein Treffen mit Jens ein. Der 50-Jährige war Ex-Polizist der Hamburger Polizei und leitete mehrere Kampfsportkurse in ihrer alten Heimat. Von ihm hatte sie gelernt, ihre Wut zu bündeln und gezielt in jede ihrer Bewegungen zu legen, statt einfach auszurasten.

Als sie ihre 1. Dan- Prüfung in Wiesbaden abgelegt und den schwarzen Gürtel erreicht hatte, war sie anschließend extra zu ihm nach Bergedorf gefahren, um es mit einem Glas Sekt zu feiern. Wie immer hatte Jens die alten, fernöstlichen Weisheiten mit seiner Berliner Schnauze kombiniert. „Denk daran, Nina, du bist eine Suchende nach dem Weg. Bis du am Ziel bist, wird es noch dauern. Also schnapp‘ nicht über Frollein, dit is erst der Anfang!“

Sie war sich sicher, dass sie die direkte Anstellung in Frankfurt Jens zu verdanken hatte. Die Zusage war so prompt gekommen, er musste einfach seine Finger im Spiel gehabt haben. Ihr Mentor kannte Gott und die Welt, es war alles andere als abwegig, dass er seine Kontakte nach Hessen genutzt und eine Empfehlung ausgesprochen haben könnte.

Er würde sich allerdings eher die Zunge abbeißen, als dies zuzugeben und Nina würde ihn bestimmt nicht darauf ansprechen.

Als hätte der Paketbote gewusst, dass sie grade an ihr Zuhause dachte, klingelte es plötzlich an der Tür. Schnell spuckte Nina die Zahnpasta ins Waschbecken, schlüpfte in ihre Jeans und öffnete ihm mit dem Knopf unter der Sprechanlage die Tür. Nachdem sie unterschrieben hatte, sah sie auf den Absender und musste lächeln. Es war ein frühzeitiges Geburtstagsgeschenk ihres Vaters.

Paul Hilbert wohnte mittlerweile seit 18 Jahren mit seiner zweiten Frau in Malaga, trotzdem war er für Nina der beste Papa der Welt, den sie oft schmerzlich vermisste. Sie öffnete das Paket und las die Karte, auf deren Vorderseite mehrere Hunde mit Partyhütchen zu sehen waren.

‚Ich weiß, es kommt zu früh an, aber du sollst es sofort an deinem 24. Geburtstag öffnen können. Alles Liebe zu deinem Ehrentag, mein großer Schatz.‘

Noch immer lächelnd nahm Nina das in grünem Geschenkpapier verpackte Bündel aus dem Paket heraus und legte es auf das weiße Regal in ihrem schmalen, aber gemütlichen Wohnzimmer. Seit sie klein war und ihre Eltern sich getrennt hatten, besuchte sie Paul in jedem Sommer für zwei Wochen in Südspanien, manchmal auch über Weihnachten und einige Tage im Frühling. Er und Veronika hatten in Benalmadena, einem kleinen Urlaubsort, eine Pension eröffnet und boten wunderschöne, aber kostspielige Zimmer mit direktem Meerblick und Frühstück an.

Während die Gäste abends am Pool saßen und noch ein Glas Wein genossen, war Paul oft dabei und spielte romantische Lieder auf seiner Gitarre. Nina liebte die Zeit mit ihrem Vater und das Verhältnis zu seiner Frau war ebenfalls gut, beinahe besser als mit ihrer Mutter.

Nina schlüpfte in ihre beigen Schuhe und zog die dunkelrote Herbstjacke über ihre Schultern. Daniela war eine Karrierefrau durch und durch, kein Freigeist wie ihr Vater. Sie arbeitete im Vorstand eines großen Konzerns, ihr Büro bot einen wunderschönen Elbblick und einen Schreibtisch, der kaum in Ninas Wohnzimmer gepasst hätte. Am Wochenende würde sie ihr den grauen Audi nach Frankfurt bringen, den Daniela selbst nur etwa ein halbes Jahr gefahren war.

Das war ihre Art, Nina zu zeigen, dass sie ihr viel bedeutete. Es war als Geburtstagsgeschenk gedacht und mit Sicherheit wollte ihre Mutter damit auch einiges wieder gut machen. Sie wollte sich nicht lange aufhalten und anschließend direkt von Frankfurt aus zu einer Konferenz nach Genf fliegen, doch trotzdem war es eine Geste, die Nina zu schätzen wusste, immerhin hätte sie ihr auch Geld überweisen oder ein Geschenk per Post schicken können.

Daniela liebte ihre Tochter, das wusste Nina, aber das typische Mutter-Gen fehlte ihr einfach. Nach der Trennung ihrer Eltern war sie hauptsächlich von verschiedenen Babysittern und ihrer Oma beaufsichtigt worden, da ihre Mutter von einer Geschäftsreise zur nächsten aufgebrochen war.

Zwar unternahmen sie auch viel gemeinsam, wenn beide in Hamburg waren, doch Daniela hatte ihre Prioritäten, das wusste Nina von klein auf.

Aus diesem Grund liebte Nina die Zeit bei ihrem Vater. Er war immer da, er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und manchmal war es sogar zu viel des Guten.

Beim Verlassen ihrer Wohnung grinste Nina und während sie die Treppe des dritten Stocks hinunterging, fragte sie sich zum gefühlt hundertsten Mal, wie ihre Eltern überhaupt jemals gedacht haben konnten, dass ihre Ehe funktionieren würde.

Er hatte Blut geleckt.

Wie faszinierend. Es hatte so gutgetan. Er konnte es noch immer nicht glauben, dass er es wirklich durchgezogen hatte. Für eine kurze Zeit, nachdem sie bewusstlos vor ihm gelegen hatte, waren Zweifel in ihm aufgekommen. Es waren keine Gewissensbisse gewesen, definitiv nicht, es war eher die ängstliche Frage, ob er stark genug war.

Die Position, nun über eine solche Macht zu verfügen, hatte ihm eine Gänsehaut verursacht. Er war es schlicht und einfach nicht gewöhnt, derjenige zu sein, der die Kontrolle besitzt. Doch nach und nach, während er sie mit dem Auto durch die Stadt fuhr, veränderte sich seine Haltung. Er konnte beinah fühlen, wie er ruhiger wurde und die Gänsehaut sich in ein wohliges Kribbeln wandelte.

Nachdem er sie in die extra hierfür umgeräumte Hütte gebracht und ihr das präparierte Getränk eingeflößt hatte, kam sie langsam zu sich und war doch gleichzeitig so wunderbar wehrlos. Es war eine Freude gewesen, dabei zuzusehen, wie ihre Augen immer wieder zufielen und sie in ihren wachen Momenten mit aller Kraft versuchte, sich zu wehren. Ihr Mund gab lediglich armselige Laute von sich, zum Schreien war sie nicht in der Lage, lediglich zu einem erbärmlichen Jaulen.

Er hatte ihr alles in Ruhe erklärt und ihr mehrmals gesagt, dass sie für all das selbst verantwortlich war. Das blonde, dämliche Ding hatte kraftlos versucht, ihn wegzuschieben, doch nachdem er sich einfach auf ihren Bauch gesetzt hatte, die Hände des Miststücks somit fixiert unter seinen Oberschenkeln, waren ihr nur noch leise die Tränen übers Gesicht gelaufen.

Er hoffte so sehr, dass die Betäubung ihr nicht alles von der Angst geraubt hatte, die jeder normale Mensch empfinden würde, wenn ein schwarz vermummter Mann mit einem Skalpell über ihm herumfuchtelt.

„So ist es richtig,“ hatte er ihr erklärt. „Das ist Angst und Machtlosigkeit, die du da fühlst. Und du verdienst sie.“

Nachdem er ihren Oberkörper entblößt hatte, begann er mit seinem Werk und die Töne, die sie dabei ausstieß, erinnerten ihn an ein misshandeltes Meerschweinchen. Was für eine Wohltat! Irgendwann war sie bewusstlos geworden, er vermutete, dass ihr Geist sich den Schmerzen entziehen wollte, denn das kannte er zu gut. Er war sicher, dass ihn niemand beim Entladen des Miststücks gesehen hatte und er hatte sich auf dem Rückweg einfach nur frei gefühlt.

Zu Hause hatte er leise geduscht und sich umgezogen, schließlich wollte er niemanden aufwecken. Im Bett war er die Handlung noch einige Male in Gedanken durchgegangen und durch das Adrenalin war er wie euphorisiert gewesen.

Der erste Schritt war getan und es war eine gelungene Premiere gewesen. Luisa würde nie mehr die alte, verachtenswerte Person sein, soviel stand fest. Er strich seine Decke zurecht und überlegte, was als Nächstes passieren würde.

Sein Plan würde funktionieren und seine Arbeit war noch lange nicht getan. Oh nein, das Böse war noch immer aktiv und viele dieser Monster trieben sich noch dort draußen herum. Für heute hatte er seine Pflicht getan, doch es gab noch eine Menge anderer Kakerlaken, die er am liebsten zerquetschen würde.

Er hatte in dieser Nacht nicht viel geschlafen, doch als er am nächsten Morgen das Radio anschaltete und ihm die Meldungen nur so um die Ohren flogen, hätte er sich am liebsten selbst auf die Schulter geklopft. Andere wären bei diesem Wirbel vielleicht erneut nervös geworden, doch ihm bescherte die Panik der Menschen das Gefühl, als hätte er alles richtig gemacht.

Wacht auf, ihr dummen Menschen und seht, was direkt vor euren Augen geschieht!

Er setzte sich einen Moment an den Küchentisch, genoss seine erste Tasse Kaffee und lächelte zufrieden vor sich hin. Er war es, der ihnen dabei half, endlich zu erkennen, was um sie herum passierte. Es brauchte lediglich ein verstümmeltes, hübsches Mädchen und schon drehten alle durch.

„Keine Angst, ihr bekommt mehr,“ lachte er leise und nippte an seinem Kaffee. Er hatte Feuer gefangen und war bereit für die nächsten Tage. Runde zwei sollte absolut kein Problem darstellen.

Unerwartete Begebenheiten.

Nachdem sie zur Haltestelle Lokalbahnhof gelaufen und mit der S5 bis zur Hauptwache gefahren war, stieg Nina hier in die U-Bahn, welche sie zur Miquel-/ Adickesallee brachte. Dort befand sich das Polizeipräsidium Frankfurt und somit auch ihr Arbeitsplatz, die Kriminalkommission mit den mehr als 750 Mitarbeitern.

Von Mord und Entführung bis hin zu Organisierter Kriminalität und Rauschgiftdelikten wurde hier alles behandelt. 2002 war der rechteckige Gebäudekomplex neu erbaut worden, neben verschiedenen Dienststellen gab es auch eine riesige Sporthalle und stets die Möglichkeit, am Schießtraining teilzunehmen. Nichts war erfüllender, als nach einem anstrengenden Tag wutentbrannt den Abzug drücken zu dürfen, dieses befriedigende Gefühl kam für Nina beinahe an gewonnene Karatekämpfe oder an Sex heran. Dass sie nun immer mit ihrer Dienstwaffe unterwegs sein durfte, verlieh ihr keinen Machtkomplex, eher eine Art tiefe, innere Sicherheit.

Sie betrat das Büro von Kommissar Schneid und sah bereits, dass mehrere neue Ordner und Papierberge auf ihrem Schreibtisch lagen, auf denen dick und fett ‚2016‘ prangte. Genial, dachte sie, dieselbe Prozedur wie jeden Tag. Schneid hatte einmal mehr die Möglichkeit genutzt, Nina die Arbeiten zukommen zu lassen, zu denen ihm selbst seit zwei Jahren die Lust fehlte. Der Kommissar war bereits an seinem Tisch, er saß kauend über sein Smartphone gebeugt und legte sein Käsebrötchen zur Seite, als er sie erblickte.

„Guten Morgen Frau Hilbert,“ sagte er. „Wenn Sie diese Akten bitte heute noch chronologisch in die neuen Ordner heften würden? Das wäre mir eine große Hilfe!“ Er trank einen Schluck aus seiner PET-Wasserflasche und fuhr fort: „Heute Nachmittag muss ich zu Staatsanwalt Mück, er will die neuesten Informationen zu der Geschichte mit der Eisenstange direkt in sein Büro geliefert bekommen.“ Schneid rollte mit den Augen. „Scheinbar ist das Opfer ein alter Bekannter oder Schwippschwager seiner Frau, also muss ich später dorthin. Wollen Sie mitkommen?“

Nina hätte bei der Aussicht auf einen Einsatz außerhalb des Büros beinahe erleichtert gejubelt, auch wenn es nur ein Besuch bei der Staatsanwaltschaft war. Sie nickte und wollte gerade etwas sagen, als die angelehnte Tür hinter ihr mit einem Quietschen geöffnet wurde und das Gesicht erschien, welches sie aktuell am wenigsten sehen wollte.