Horror Western 03: Im Sattel saß der Tode - Ralph G. Kretschmann - E-Book

Horror Western 03: Im Sattel saß der Tode E-Book

Ralph G. Kretschmann

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Beschreibung

Der Einzelgänger Hardin gelangt in den Besitz eines mysteriösen Revolvers, der in der Lage ist, Tote zu töten. Damit tritt er das Erbe eines Geisterjägers an. Er versucht, mithilfe des farbigen Kanadiers Jackson einen Ort vor überirdischen Gefahren zu schützen.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Horror Western

In dieser Reihe bisher erschienen

3801 Ralf Kor Blutmesse in Deer Creek

3802 Earl Warren Manitous Fluch

3803 Ralph G. Kretschmann Im Sattel saß der Tod

3804 Ralph G. Kretschmann Der Fluch des Mexikaners

Ralph G. Kretschmann

Im Sattel saß der Tod

Ein Horror-Western

Diese Reihe erscheint in der gedruckten Variante als limitierte und exklusive Sammler-Edition!Erhältlich nur beim BLITZ-Verlag in einer automatischen Belieferung ohne ­Versandkosten und einem Serien-Subskriptionsrabatt.Infos unter: www.BLITZ-Verlag.de© 2021 BLITZ-VerlagRedaktion: Jörg KaegelmannTitelbild: Rudolf Sieber-LonatiUmschlaggestaltung: Mario HeyerInnenillustration: Ralph G. KretschmannVignette: iStock.com/IMOGISatz: Harald GehlenAlle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-95719-283-7Dieser Roman ist als Taschenbuch in unserem Shop erhältlich!

Kapitel 1 – Der Weg des Medizinmannes

Tonohakee hob den Blick hoch zu dem Berg, der sich vor ihm erhob. Noch war es früh im Herbst und die Pässe waren frei von Schnee. Es würde auch so ein schwerer Weg werden. Er war nicht mehr jung und voller Kraft! Tonohakee war der älteste Mann seines Stammes, der stolzen Mohawk, und er war auf dem Weg in die Anderwelt.

Tonohakee war kein Krieger, obwohl die Skalpe, die die Nähte seiner Leggins zierten, davon zeugten, dass er viele Feinde im Kampf getötet hatte. Er war der Medizinmann seines Stammes gewesen.

Gewesen! Er hatte seinen Nachfolger in den letzten verstrichenen Jahreszeiten ausgebildet und vorbereitet. Vor nun sieben Tagen hatte er sein Wampum an ihn übergeben und der Stamm hatte einen neuen, jungen und kraftvollen Medizinmann. Der alte war bereit, zu gehen. Und er ging.

Er war alt und es war an der Zeit zu gehen.

Viel hatte er nie besessen. Die Mohawk waren keine Menschen, denen es um Besitz ging. Was ein Mann getan hatte, war wichtiger als Besitz.

Tonohakee hatte viel getan! Was er besaß, was er schätzte und mit sich nahm, passte in einen kleinen Beutel. Er hatte seine Waffen und seine Besitztümer leichten Herzens weitergegeben an die, die seiner gedenken würden. Mit sich nahm er nur sein Messer, sein Feuerzeug, Pfeil und Bogen und seinen Medizinbeutel.

Was brauchte ein Mann, der zum Sterben ging?

Tonohakee hatte das Ritual vollzogen, das seinen Nachfolger bestimmte, und er hatte eine Vision gehabt. Nach Osten! Er musste nach Osten gehen, damit sich sein Schicksal erfüllte. Der heilige Rauch hatte ihm gezeigt, wohin er zum Sterben gehen musste, und er würde dieser Eingebung folgen. Es würde geschehen, was geschehen sollte.

Es war eine dunkle, seltsame Vision gewesen, nicht klar und licht, wie er es kannte. Sie hatte ihm kein Ziel gezeigt, keinen Grund genannt, nur einen Weg, den er zu gehen hatte.

Tonohakee wanderte am Tag und schlief in der Nacht. Er jagte, um bei Kräften zu bleiben, und aß, was er erlegte. Vögel, Hasen, ein kleines Reh.

Wenn er schlief, hoffte er auf Träume, die ihm zeigen würden, was kommen sollte, aber da waren keine Träume, keine Visionen außer dem Schattenriss eines Berges, der irgendwo im Osten liegen musste. Tonohakee vertraute auf die Geister. Sie würden ihn leiten, wie sie es immer getan hatten.

Er wusste nicht mehr, wie lange er gelaufen war. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Er fühlte, wie er schwächer wurde. Aber endlich, an einem regnerischen Morgen, sah er ihn endlich, den Gipfel, den ihm der heilige Rauch gezeigt hatte.

Er hatte sein Ziel erreicht!

Tonohakee suchte sich einen Platz, der ihm geeignet erschien, um das Ende zu erwarten. Einen Felsen, leicht erhöht gelegen, von dem aus er einen weiten Blick über das Tal hatte, an dem der Berg lag. Er bereitete sich ein letztes Mahl aus dem Rest eines Hirsches, den er Tage zuvor erlegt hatte. Dann setzte sich Tonohakee auf seine Decke und wartete darauf, zu sterben.

Die Wolken zogen über ihm dahin und die Sonne senkte sich drei Mal, dann hörte der alte Medizinmann auf zu atmen.

Sein Körper verging. Tiere holten sich, was ihnen zustand, Wind und Regen taten das ihre und bald lagen nur einige bleiche Knochen dort, wo Tonohakee seinen Geist freigesetzt hatte. Sein Körper war vergangen.

Sein Geist blieb und wachte über das Tal und den Gipfel, ewig ungesehen von denen, die nicht sehen konnten.

Kapitel 2 – Fremde

Die Kugel verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Er hörte sie an seinem Ohr vorbeipfeifen, ein Geräusch, das ihm nur zu gut bekannt war. Ein Zug am Zügel, ein Druck mit dem Schenkel, und der braune Hengst reagierte, wie er es gelernt hatte, und ließ sich auf die Seite fallen.

Hardin löste im Fallen seinen Stiefel aus dem Steig­bügel und packte den Schaft seines Gewehres. In einer oft geübten Bewegung rollte er sich ab und blieb so liegen, dass der Pferdeleib ihm Deckung bot.

Woher war der Schuss gekommen? Hardin suchte die Gegend, die vor ihm lag, mit den Augen ab, während er eine Patrone aus dem Gürtel zog und den Sharps-­Karabiner lud. Zu seiner Rechten erhob sich ein mannshoher Felsen, zu seiner Linken ein flacher Hügel, gerade hoch genug, um die Horizontlinie zu verdecken. Bäume oder Büsche gab es nicht in der trockenen Einöde, in der er sich befand.

Eine weitere Kugel ließ kaum drei Yard neben ihm eine Sandfontäne aufsteigen. Der Knall des Schusses folgte auf dem Fuße.

„Ergibt dich, Thomas!“

Die Stimme war weit entfernt und dünn, aber doch noch deutlich vernehmbar. Der hinterhältige Schütze war also nicht in unmittelbarer Nähe.

„Verdammt, hier gibt es keinen Thomas!“

Stille.

Hardin schob den Lauf seines Karabiners über den Sattel des am Boden liegenden Pferdes und spähte nach vorn, von wo aus der letzte Schuss gekommen war. Sollte derjenige, der auf ihn geschossen hatte, dies noch einmal tun, würde er sich durch den Pulverdampf verraten, der unweigerlich bei dem Abfeuern eines Gewehres entstand.

„Wer bist du? Vorsicht, ich habe dich im Visier!“

Die Stimme war rau und Hardin nahm ihrem Besitzer jedes Wort ab.

„Mein Name ist Hardin, verdammt! Ich kenne keinen Thomas!“

Wieder ein Moment Stille.

„Ich komme zu dir runter, Mann! Mach keinen Fehler! Bleib, wo du bist. Ich behalte dich die ganze Zeit über vor dem Lauf!“

„Ist gut, aber du sollst wissen, dass meine Sharps sehr treffsicher ist“, antwortete Hardin.

Der Braune schnaubte leise und wurde unruhig. Hardin legte dem Pferd die Hand auf den Hals. „Ruhig, mein Alter! Dauert nicht mehr lang“, beruhigte er das Tier.

Einige Hundert Yard vor ihm bewegte sich etwas. Ein Mann richtete sich auf und kam langsam auf ihn zu. Staub rieselte von ihm herab und wehte in kleinen Wölkchen davon.

Der Mann kam näher, vorsichtig über den Lauf seiner Flinte das Ziel im Auge behaltend. Hardin spielte mit dem Gedanken, den Kerl jetzt einfach wegzupusten, aber er entschied sich dagegen. Etwas an dem Kerl machte ihn neugierig.

Der großgewachsene Schwarze, der schließlich vor ihm stand, senkte seine unglaublich lange Rifle, als er Hardin sah. Der Mann trug Hosen, wie sie die Nordstaaten getragen hatten, einen breitkrempigen Hut und schwere Stiefel, wie sie Minenarbeiter bevorzugten.

Das krause Haar war an den Schläfen schon weiß, aber die Augen in dem zerfurchten, wettergegerbten Gesicht funkelten wie die eines jungen Mannes.

„Tut mir leid, Fremder. Ich hielt dich für einen Scheißkerl, der mir schon einmal dumm gekommen ist. Sah ihn vor ein paar Tagen in diesem elenden Nest gleich hinter Tucson und dachte, er wäre mir nach ...“

Der Schwarze wischte seine Hand an der Wildlederjacke ab, die seine Schultern bedeckte, und trat näher an Hardin heran, der ebenfalls den Lauf gesenkt hatte und sich aufrichtete.

„Jackson. Horace Jackson!“, stellte er sich vor und streckte Hardin die Hand hin. Eine gute Methode, um festzustellen, ob man es mit einem Südstaatler zu tun hatte, wenn man ein Farbiger war.

Hardin kam zwar aus Louisiana, hatte aber mit der Sklaventreiberei nichts zu schaffen. Er hatte sich aus der Sache heraushalten wollen, was sich aber als Illusion erwiesen hatte, und so hatte er letztlich für den Norden gekämpft. Ihm war die Hautfarbe eines Mannes völlig egal. Wenn man erschossen wurde, blutete jeder rot.

Er ergriff die dargebotene Hand und schüttelte sie.

„Wie ich sagte ... Hardin, mein Name.“

„Du trägst mir das nicht nach, hoffe ich? Das mit deinem Gaul tut mir leid. Früher war ich zielsicherer.“

„Mein Pferd?“

Hardin stupste den Braunen mit der Stiefelspitze leicht an und schnalzte auf eine bestimmte Weise mit der Zunge. Sofort arbeitete sich der Hengst hoch, schüttelte sich und schnaubte leise.

„Dem geht’s gut!“

„Oh!“

Horace Jackson wechselte den Griff am Kolben seiner Waffe und hatte jetzt den Finger nicht mehr am Abzug. Darauf hatte Hardin gewartet. Seine Sharps hielt er in der linken Armbeuge. In einer einzigen, fließenden Bewegung zog er seinen Revolver, trat vor und setzte dem verblüfften Jackson die Mündung von unten an die Kehle.

„Ach ... so ist das!“, stieß er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ja, so ist das“, wiederholte Hardin und lächelte schmal. „Siehst du, es ist extrem unhöflich, auf einen Mann einfach so zu schießen. Das macht man nicht. Und wenn, dann sollte man sicher sein, dass man sein Ziel trifft. Ich weiß das und ich weiß auch, dass du das weißt. Wenn du also vorbeischießt, ist das kein gutes Zeichen. Wie soll ich dir vertrauen? Und wie kannst du mir vertrauen? Sag mir, warum du daneben gezielt hast!“

„Hab ich nicht. Aber ... die Augen. Sind nicht mehr wie früher!“, knurrte Jackson die Antwort mehr, als dass er sie sprach.

Hardin wartete einen kurzen Moment, dann entspannte er den Hahn unter seinem Daumen, trat einen Schritt zurück und steckte den Colt zurück in das Crossdraw-Holster an seinem Gürtel.

„Ich glaube dir. Und jetzt, da jeder den anderen einmal vor der Mündung hatte und niemand tot ist, können wir über Vertrauen neu nachdenken“,

Jackson atmete tief durch. Sein dunkles Gesicht war aschfahl. „Hardin, du bist ...“, setzte er an, verstummte dann aber.

„Ein Arsch?“, ergänzte Hardin und schob die Sharps in den Scabbard am Sattel des Braunen zurück.

„Ein verrückter Hund, hatte ich sagen wollen.“

Hardin lachte und griff die Zügel seines Pferdes. „Damit kann ich leben. In meiner Einheit hatte ich den Spitz­namen Mad Dog. Verrückter Hund, das passt schon.“

„Du warst im Krieg?“, hakte Jackson nach und schulterte seine lange Flinte. Hardin nickte kurz.

„Hab für den Norden gekämpft. Ist Vergangenheit, mehr musst du nicht wissen. Und du? Freigelassen?“

Jackson schüttelte den Kopf und entblößte zwei Reihen perfekter weißer Zähne.

„Nein, Sir! Ich bin Kanadier! Frei geboren, von freien Eltern! Hab sogar einen Schulabschluss und hab Prospektion gelernt!“

„Alle Achtung! Bei mir hat’s für Lesen, Schreiben und Rechnen gereicht. Dann kam der Krieg und dann war’s sowieso egal! Was machst du hier in Arizona?“

„Geologie“, antwortete Jackson. „Suche Bodenschätze. Habe ich schon in England und Frankreich gemacht.“

„England und Frankreich? Weiter als bis nach Mexiko hab ich’s nicht geschafft. Dann bist du ja ein weitgereister Mann!“

Das sagte Hardin ohne jeden Anklang an Ironie. Er meinte, was er sagte. Er meinte immer, was er sagte.

„Ist auch kein Zuckerschlecken, die Reiserei. Hab gutes Geld da drüben verdient! Mister Horace Jackson hat was auf der hohen Kante, was sagst du dazu?“

„Ich sage, hat Mister Horace Jackson hier irgendwo in der Nähe sein Lager aufgeschlagen? Mir wäre nach einem Kaffee und der brüht sich nicht von selbst!“

„Kaffee? Hast du Kaffee?“ Jacksons Augen wurden groß.

„Yes, Sir! Vor fünf Tagen in Tucson gekauft!“

Jackson deutete dorthin, wo er hergekommen war. „Hinter der Anhöhe hab ich mein Camp. Feuer müssen wir machen, Holz hab’ ich schon. War gerade mit Sammeln fertig, als du aufgetaucht bist.“

Jacksons Lager erwies sich als Senke, die Schutz vor dem Wind bot, und einem kleinen Unterstand, kaum mannshoch, unter dem er seine Decken ausgerollt hatte. Daneben stand ein grau gefleckter Klepper, der einmal ein Apfelschimmel gewesen sein mochte. Das Alter, Wind und Wetter hatten dem Tier zugesetzt und alles in allem vermittelte der Gaul Hardin nicht das Gefühl, es sei sicher, sich in seinen Sattel zu schwingen.

Jackson entzündete das Lagerfeuer und stellte Wasser und eine emaillierte Kanne zur Verfügung, Hardin den Kaffee, den er mittels seiner Kaffeemühle schnell und lautstark in Kaffeemehl verwandelte, das sie in das bald sprudelnde Wasser gaben und sich setzen ließen.

Nichts verband zwei Männer im Westen besser als ein dampfender Becher heißen Kaffees! Außer einer Flasche Whiskey vielleicht, doch konnte die auch den gegenteiligen Effekt hervorrufen.

Sie saßen am Feuer, tranken Kaffee und rauchten. Hardin rollte sich eine Zigarette, Jackson zündete sich eine der dünnen Zigarren an, die in letzter Zeit in Texas in Mode gekommen waren.

„Wohin bist du unterwegs?“, wollte Jackson wissen. „Du kommst aus Tucson?“

Hardin bestätigte dies mit einem kurzen Kopfnicken. „Bin unterwegs nach Norden. Weiß noch nicht genau, wohin. Nur nach Norden. Raus aus der Hitze und dem Staub. Und weit weg von Rindern!“

„Als Cowpuncher gearbeitet, hm? Kann ich gut verstehen, wenn du mit den sturen Viechern nichts mehr zu tun haben willst. Kühe sind nicht eben die schlauesten von Gottes Geschöpfen!“

„Lass mich in Ruhe mit Gott!“, knurrte Hardin und versenkte den Blick in seinem Kaffeebecher.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Die beiden Männer starrten vor sich hin.

„Hast deinen Glauben im Krieg verloren, hm?“, sagte Jackson dann leise.

„Was ich auf den Schlachtfeldern erlebt habe, war nicht geeignet, meinen Glauben zu stärken. Was ist das für ein Gott, der dergleichen zulässt? Mord, Totschlag, Vergewaltigung! Ich habe Kinder sterben sehen, ich habe Männer, neben denen ich gekämpft habe, schreckliche Dinge tun sehen und irgendwelche Pfaffen haben ihnen erzählt, er könne ihnen vergeben! Ich sage dir, wenn Gott so ist, wie die sagen, will ich nichts mit ihm zu tun haben!“

„Verstehe.“

Mehr sagte Jackson nicht dazu. Im Westen gab es viele Männer, die sich hinter dem Glauben versteckten, und einige wenige, die wirklich glaubten. Und es gab viele, denen das Ganze herzlich egal war. Nach außen taten sie, als seien sie fromme Christen und gingen brav am Sonntag in die Kirche, aber wenn’s drauf ankam, waren sie ebenso schnell mit dem Revolver bei der Hand wie die Desperados und töteten ohne Skrupel. Jackson wusste das nur zu gut. Er hatte selbst schon mit solchen Kerlen zu tun gehabt und er hatte auch den einen oder anderen unter die Erde gebracht. Aber leicht war ihm das nicht gefallen.

Hardin trank schweigend seinen Kaffee und rauchte.

„Was hältst du von Bohnen und Speck? Ich krieg langsam Hunger!“, unterbrach Jackson nach einer Weile das Schweigen.

Kapitel 3 – Der alte Mann und sein Revolver

Vor ihnen lag Fillmore, bis vor ein paar Jahren noch Hauptstadt des Utah-Territoriums. Vom einstigen Glanz war nicht viel geblieben, aber es gab Saloons und warme, weiche Betten. Nach den letzten Wochen, die sie im Sattel verbracht hatten, und den Nächten auf dem harten Boden am wenig wärmenden Lagerfeuer eine Verlockung, der Hardin und Jackson gern erlagen.

Sie teilten sich ein Zimmer, denn weder Jackson noch Hardin zählten sich zu den Leuten, die Geld verschwendeten, wenn es sich vermeiden ließ. Das Boardinghouse war sauber und recht gemütlich, ihr Raum eher spartanisch eingerichtet, aber Männer, die im Sattel lebten, brauchten nicht viel. Ein Bett, ein Ofen, ein Tisch, zwei Stühle. Das obligatorische Kreuz an einer Wand, ein Bild des Präsidenten an der gegenüberliegenden. Essen gab es im Saloon, der ein Stück die Mainstreet hinab zu Speise und Trank einlud.

Sie gönnten sich ein gutes Mahl, Bohnen und für jeden ein riesiges Steak. Das Bier war annehmbar und der Whiskey nicht zu teuer. Nachdem sie aufgegessen hatten, stellten sich Hardin und Jackson zu den anderen Männern an der Bar. Ein paar Freudenmädchen boten sich ihnen an, aber sie lehnten dankend höflich ab. Das überstieg ihre finanziellen Möglichkeiten. Immerhin hatte hier oben, so weit im Norden, keiner Ressentiments gegen Schwarze, was Jackson als sehr angenehm empfand. Er war es gewohnt, angefeindet oder zumindest abschätzig betrachtet zu werden. Er war nicht der einzige Farbige am Tresen. Ein paar Cowboys waren damit beschäftigt, ihren kargen Lohn zu versaufen.

An der schmalen Seite der langen, aus poliertem Holz getischlerten Theke saß ein alter Mann mit weißem Bart und eleganter Kleidung vor einem Glas Bier und starrte zu den beiden hinüber.

Nach einer Weile trat Hardin zu dem Weißhaarigen und stellte sich neben ihn.

„Mister, du schaust uns an, seit wir uns unsere Drinks bestellt haben. Ich wüsste gern, weshalb.“

Der Mann senkte den Blick, trank einen Schluck von seinem Bier und blickte Hardin dann direkt an.

„Ich sehe euch nicht an. Ich sehe dich an, Mister. Nicht deinen schwarzen Freund. Nur dich!“

Hardin, der die Waffe im Gürtel des Weißhaarigen wohl bemerkt hatte, schob den Mantel, den er trug, nach hinten, für den Fall, dass er schnell an seinen Revolver gelangen musste.

Der Alte lächelte schmal. „Das kannst du lassen. Ich bin schon lange nicht mehr schnell genug für dergleichen Spielchen. Und du hast keinen Grund, anzunehmen, ich wolle dir was Böses. Du erinnerst mich nur an jemanden ...“

„An jemanden? An wen?“, wollte Hardin wissen.

„An mich. Als ich jung war, hatte ich auch diesen Blick, den ich bei dir sehe. Du warst im Krieg?“

Hardin nickte. „Wer war das nicht!“

Der alte Mann drehte sich nun so, dass er Hardin genau vor sich hatte. „Sag mir, mein Sohn, glaubst du an Jesus? Glaubst du? An Gott?“

Hardins Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Was wollte der Kerl von ihm. „Das geht nur mich was an. Ich wurde getauft, wenn du das meinst.“

„Nein, das meine ich nicht! Ganz und gar nicht!“ Der Weißhaarige drehte sich wieder von Hardin fort und saß dann wieder genauso da, wie zuvor. Als er weitersprach, klang seine Stimme dumpf, wie gebrochen.

„Ich war auch im Krieg, musst du wissen. Nicht im letzten, dafür bin ich entschieden zu alt, und gichtige Finger ziehen den Abzug nicht mehr schnell genug. Aber ich kannte Bowie und Crocket ... damals, in Alamo. Ich war nicht dort, als sie Santa Anna die Stirn boten, aber wir haben zusammen viel Blut vergossen. Viel zu viel! Glaube mir, du willst es gar nicht genau wissen. Aber du verstehst, was ich meine, denke ich. Du hast selbst getötet und das nicht zu knapp. Deshalb hast du diesen Blick. Den Blick eines Mannes, der alle Illusionen verloren hat. Eines Mannes, der seinen Glauben verloren hat. Widersprich mir nicht!“

Hardin, der seinen Mund geöffnet hatte, um dem Gesagten etwas zu entgegnen, schloss ihn wieder und schwieg.

„Ich kann das sehen, weil es mir auch so erging. Ich verlor meinen Glauben. Wo war Gottes Liebe in all dem Gemetzel? Wie konnte ich an einen gütigen Gott glauben, wenn ich solches Leid sehen musste? Tote überall und jederzeit, Greise, Frauen, selbst Kinder!“

Der alte Mann atmete schwer und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. War das eine Träne, die Hardin da im Bart des Weißhaarigen verrinnen sah? Nach der langen Zeit, die verstrichen sein musste, ging es dem Mann immer noch nah. Hardin selbst hatte keine Tränen mehr. Der Teil von ihm, der weinen konnte, war fort. Geblieben waren Traurigkeit und eine ungreifbare Leere tief in ihm. Er verstand sehr gut, was der alte Mann sagte.

„Nun, wie dem auch sei, ich habe seit damals nur noch einmal getötet“, fuhr der Alte fort. „Damals war ich für kurze Zeit Sheriff in Mulhenny. Du wirst den Ort nicht kennen, es gibt ihn schon lange nicht mehr. War ein mieses Kaff, kaum mehr als zehn zusammengezimmerte Holz­buden und ein paar Dutzend Zelte. Eine Goldgräber­stadt, die schnell entstand und noch schneller wieder verschwand, als kein Gold mehr da war. Da gab es einen Kerl, der sich aufspielte. Ich wies ihn an, sich zu benehmen, aber er vertrug den Schnaps nicht. Machte ihn aggressiv und angriffslustig. Er zog und ich war ­schneller. Seither habe ich es vermieden, in solche Situationen zu kommen. Hab nur noch auf Tiere geschossen, wenn’s darum ging, etwas zu Essen zu bekommen. Wie steht’s mit dir?“

Hardin winkte den Barkeeper heran und ließ ihn drei Glas Whiskey einschenken mit der Bitte, das dritte Glas dem Schwarzen zu reichen, der sich mit einem der Cowboys unterhielt. Jackson schaut zu ihm herüber, nahm das Glas und nickte Hardin zu.

Der nahm sein eigenes Glas und schob mit den Fingerspitzen das verbleibende dem alten Mann zu. Der Weißhaarige ergriff den Drink und sah Hardin wartend an.

„Wenn sich zwei Männer so unterhalten, wie wir es tun, sollten sie wissen, mit wem sie es zu tun haben. Mein Name ist Hardin. Mit wem habe ich die Ehre?“