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HÜGELTREFFEN - KONRAD VON KAMMS 5. FALL Kalte Berechnung oder lodernder Hass? Leben ist zerbrechlich – Liebe überdauert alles Ein Doppelmord in Großhadern erschüttert die Nachbarschaft. Die befreundeten Nachbarinnen der Doppelhaushälfte am Taubenschlag wurden kaltblütig erschossen. Die Anrainer sind entsetzt und erleichtert. Kehrt jetzt endlich Ruhe in das Anwesen ein? Ilga Richter und Ralf Utzschneider ermitteln, bis es auch um Utzschneiders Ruhe geschehen ist und alles an Ilga hängen bleibt. Wird der noch krankgeschriebene Konrad von Kamm, der noch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, in den Dienst zurückkehren, um ihr zu helfen? Oder zwingt ihn am Ende ein ganz anderer Fall zu diesem Schritt? "Hügeltreffen – Konrad von Kamms 5. Fall" ist ein typischer, im Stil von englischen Krimis geschriebener Roman. Er erzählt von dem Kampf ums Dabeisein und dem Wunsch nach Ruhe. Wie immer mit wenig Blut und vielen Verdächtigen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Hügeltreffen
Konrad von Kamms 5. Fall
Von Antonia Günder-Freytag
Buchbeschreibung:
Das halbesoterische Gerede, zusammen mit den fernöstlichen Klängen, die in der gesamten Praxis aus unsichtbaren Musikboxen schallte, machte ihn langsam weich. "Der Himmel will Sie noch nicht, Konrad von Kamm. Sie werden hier gebraucht", säuselte die Physiotherapeutin.
Der Fuß will nicht, die linke Hand auch nicht. Und wenn es sich Konrad richtig überlegt, dann will er auch nicht mehr.
Das Dasein zieht an ihm vorbei und er hadert mit seinem Schicksal, bis ihn der Ruf des Lebens in Person einer entzückenden jungen Witwe ereilt.
Wird sie ihm wieder auf die Beine helfen können? Wird sie bei ihm das erreichen, was seine Mutter Hildegard von Kamm und sein Onkel Franz von Wies samt seiner findigen Reinigungskraft nicht erreichen?
Konrad wird vielleicht keine Gipfel mehr erstürmen, aber es ist wieder mit ihm zu rechnen. Und sei es nur auf einem Hügel.
Über die Autorin:
Antonia Günder-Freytags Motto: Nichts ist tödlicher als Routine. Sie schreibt Thriller, Kriminalromane, historische Romane, Fantasy und Kinderbücher.
Sie lebt mit ihrer Familie, drei Mini-Shettys und ihrem Hund auf dem Land, hasst Schubladen, liebt Gummibärchen und findet knarrende Treppenstufen herrlich.
Hügeltreffen
Konrad von Kamms 5. Fall
Von Antonia Günder-Freytag
2. Auflage, 2022
© 2018 Alle Rechte vorbehalten.
Kirchbachweg 18a 81479 München
https://www.antonia-guender-freytag.com
https://www.facebook.com/Antonia.Guender.Freytag
https://www.facebook.com/Rilka.Stevens
Alle Rechte vorbehalten
Die in diesem Buch dargestellten Figuren und Ereignisse sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten realen Personen ist zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.
Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder in einem Abrufsystem gespeichert oder in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden.
Coverdesign von:
TomJay - bookcover4everyone / www.tomjay.de
Bilder von:
© NewAfrica / Depositphotos.com
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Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Für die Fans von Konrad,
die ihm die Treue hielten
Meisenweg, Großhadern, 22:00 Uhr – Frau Margit Leinen
Im Radio nennen sie es eine Italienische Nacht. München, die nördlichste Stadt Italiens! Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas schreiben würde, aber langsam ist mir der Winter lieber. Da kann man wenigstens schlafen, und es herrscht Ruhe.
20:24
Das Dunkelblau des Nachthimmels wechselte genauso geruhsam ins Nachtschwarze wie das Flugzeug, das inmitten der Sterne seine Bahn zog. Das Blinken der Tragflächen wurde von dem stetig aufleuchtenden Cursor auf Margits Handydisplay beantwortet.
Nicht ganz so geruhsam ging es allenthalben in den Gärten zu. Aus allen Vorstadtoasen der Nachbarschaft lärmte es in den Nachthimmel.
Grilldüfte, Rauchschwaden, Gläserklirren, Lachsalven, Fußballspiel, Kinderschreien, Gebell und sogar knatternde Motoren stellten die Geräuschkulisse dar.
Margit und ihr Mann hatten sich entscheiden müssen, ob sie den Abend weggesperrt hinter geschlossenen Fenstern verbringen wollten, um wenigstens ein Wort von der Krimisendung mitzubekommen, oder ob sie auf der Dachterrasse sitzen blieben und den Gesprächen der Nachbarschaft folgten, die zugegebenerweise nicht minder spannend waren.
Familie Klever, die das angrenzende Grundstück besaß, empfing ihren allabendlichen Besuch, der sich vierköpfig plärrend breitmachte. Die Männer spielten sich unter steigendem Alkoholkonsum verbale Spielbälle zu, die auf die Kosten der Gattinnen gingen.
Hätte Margit die Nachbarsfrau leiden können, hätte sie Mitleid bekommen. Zwar konnte sie allein die näselnde norddeutsche Stimme des Hausherrn nicht leiden, aber die Anspielungen und Spitzen, die er heute Abend gegen seine Frau abschoss, gingen ihr fast zu weit. Der Herr des Hauses, so wollte ihr scheinen, lud allein Freunde ein, um seiner Darbietung von Wortwitz und Eloquenz das nötige Publikum zu bieten.
Von den Frauen hörte sie zunächst wenig, außer bei deren halbherzigen Versuchen, die vier Fußball spielenden Jungs in ihrer Lautstärke zu mäßigen, die selbstverständlich überhört wurden.
Margit, die ihren Mann bisweilen um seine Gehörlosigkeit beneidete, schickte ihm die Höhepunkte der nachbarschaftlichen verbalen Entgleisungen per WhatsApp. Unter tags konnte sich Hans ein wenig mit dem Ablesen von ihrem Mund helfen, doch dafür war es bereits zu dunkel geworden. Da die Beleuchtung trotz Zitronenkerze selbst für Stift und Papier zu diffus wurde, war sie über die Erfindung des Handys und seiner leicht zu bedienenden Tastatur dankbar.
Der kleine Lars schreit wie am Spieß. Der gehört schon lang ins Bett. Klever hat seine Frau gerade eine großherzige Idiotin genannt. Da kracht es heute noch. Die nächste Flasche Wein wird geöffnet.
21:01
Hans stand auf und reckte sich. Um über die mit Bambusmatten eingefasste Brüstung zu sehen, musste er sich auf die Zehenspitzen stellen. Er warf einen Blick auf die Bühne des Schauspiels, von dem sie ihm den ganzen Abend über berichtet hatte und schüttelte den Kopf. Als er sich zu ihr umdrehte, erkannte sie selbst in der spärlichen Beleuchtung, die ihr Schlafzimmerlicht auf die Terrasse warf, den Schalk in seinen Augen. Sein Lächeln konnte Margit noch immer verzaubern, genau wie vor vierzig Jahren, als er um ihre Hand angehalten hatte. Manchmal fragte sie sich, ob seine Gehörlosigkeit dazu beigetragen hatte, dass sie immer noch ein glückliches, zufriedenes Paar waren. Wenn sie den schnellen Wortwechseln der Nachbarn folgte, war sie sicher. Bevor sie sich mit Hans austauschte, selbst, wenn sie wütend war, konnte sie ihre Wortwahl überdenken, manche Worte löschen, ganze Sätze streichen.
»Ich geh ins Bett.« Hans beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss. Kein hingehauchtes Küsschen auf die Stirn, sondern einen warmen, männlichen Kuss auf den Mund, dem sie noch länger nachschmecken würde. »Schlaf gut, wenn es möglich ist.« Hans› Aussprache war verständlich geblieben, auch wenn er sein Gehör bereits vor zweiundvierzig Jahren verloren hatte. Manche Worte ließ er schleifen, aber für sie, die ihn von Anbeginn seiner Behinderung begleitet hatte, gab es keine Verständigungsschwierigkeit. Sie sah ihm nach und wusste, dass er sich nun über einen kurzen Abstecher in die Küche in das Souterrain des Hauses begeben würde, wo er sein Reich hatte. Als sie vor zwanzig Jahren das Haus ihrer Eltern erbte, in dem sie schon als Kind durch den Garten gesprungen war, hatte Hans auf getrennte Wohnbereiche bestanden. Er überließ ihr die Beletage mit Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Lichtbad und großzügiger Terrasse, während er das lichtdurchflutete, ebenfalls mit zwei Zimmern ausgestattete Kellergeschoss mit Bad und separatem Eingang nahm. Das Erdgeschoss war sozusagen neutrale Zone und bestand aus einem großzügigen Wohnzimmer, einer Wohnküche und einem Gäste-WC. Auch diese Wohnweise hatte sicherlich zu ihrer langen und glücklichen Ehe geführt. Zu große Enge macht jede Beziehung kaputt, war Hans› Credo, und sie gab ihm recht. Gerade, weil Hans› Jobs immer sehr früh begannen, war sie über diese Regelung froh. Seit Jahren stand er um 2:00 Uhr auf, um Zeitungen auszutragen. Sie erinnerte sich an die Nächte, als sie noch in der Wohnung in Schwabing gewohnt hatten und sie seinen Job verflucht hatte. Hans hörte nicht, wie viel Krach er beim Aufstehen machte, und sie konnte ihm auch keinen Vorwurf daraus machen, aber sein Gepolter mitten in der Nacht war unerträglich gewesen. Die Regelung, die sie jetzt getroffen hatten, war perfekt. Unter der Woche, wenn er arbeitete, schlief er unten, und von Samstag auf Sonntag bei ihr. Wenn er ihr am Sonntagmorgen das Frühstück ans Bett brachte, fühlte sie sich immer noch wie im Himmel. Sie war eine wahrlich zu beneidende Frau, machte sie sich klar und lächelte in die Nacht. Wenn sie jetzt noch per Knopfdruck diese Nachbarn ausschalten könnte, wäre alles perfekt. Ihr Mann, ihr Haus, ihr Garten, ihr Job.
Gegen 22:00 Uhr wurde Margit, die mittlerweile ein wenig weggedöst war, noch einmal wach. Frau Klever keifte, eindeutig alkoholisiert, in Richtung ihres Mannes. Das Thema war gleichbleibend und überraschte Margit nicht. Es fielen wie jeden Abend die Worte herzloses Arschloch und weitere schmeichelhafte Komplimente. Darauf folgte die lautstarke Verabschiedung der Gäste.
Ein weiterer Wutausbruch seitens Frau Klever bedeutete Margit, dass das Ehepaar nun unter sich war. Kurz darauf startete der bekannte trommelnde Motor. Dr. Klevers Porsche schoss aus der Einfahrt. Der Fahrer rief seiner Frau noch zu, dass er nach diesen Beleidigungen nicht länger unter dem Dach des Hauses weilen wolle und empfahl sich mit quietschenden Reifen.
»Ein Trauerspiel.« Margit hatte diesen Abgang schon Dutzende Male mitverfolgt und fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis sich die beiden scheiden ließen. Allerdings kehrte der so empfindlich getroffene Ehemann spätestens am nächsten Abend wieder heim. Mit lautstarkem Motorengebrüll natürlich.
Sie überlegte, ob sie auf der Dachterrasse liegen bleiben sollte, weil sie es liebte, unter freiem Himmel zu nächtigen.
Von gegenüber erklangen die Geräusche des Aufräumens und der Zurechtweisung für die Jungs, ins Bett zu gehen.
Ein erneuter Zigarettenrauchschwaden machte klar, dass Frau Klever noch immer auf ihrer Terrasse zugange war. Margit hörte sie weinen, ein Schnüffeln und dann eine zweite weibliche Stimme. Sie setzte sich auf ihrem Liegebett auf. Wenn jetzt das geschah, was sie vermutete, dann konnte sie ihre geruhsame Nacht auf der Dachterrasse vergessen.
Frau Landstetter, Klevers direkte Nachbarin aus der Doppelhaushälfte, setzte sich auf ein tröstendes Gläschen Wein zu ihrer Freundin. Bedeutete für die geplagten Anrainer: ansteigendes Stimmengemurmel mit immer schriller werdenden Lachsalven.
Margit warf einen prüfenden Blick zum Himmel und stellte fest, dass mittlerweile Wolken aufgezogen waren. Sie räumte sicherheitshalber die Polster von der Dachterrasse, sah nach, ob alle Türen im Haus verschlossen waren und stieg müde in den ersten Stock. Kaum lag sie in ihrem Bett, ertönte die erste Lachsalve, die allerdings viel Bitterkeit in sich trug. Das Fenster und den Rollladen zu schließen war eine Möglichkeit, die Erheiterung der Damen auszusperren, doch sie zögerte. Unter ihrem Flachdach staute sich die Hitze des Tages, und in ihrem Schlafzimmer war die Luft zum Schneiden. Als allerdings ein Sektkorken knallte, war ihre Entscheidung gefallen. Sie ließ ihren Rollladen, obwohl sie ahnte, dass es noch nicht einmal bemerkt würde, mit Nachdruck runtersausen. Lieber erstickte sie, als länger dem Weibergekreische zuzuhören. Nach ihrer Erfahrung gingen diese Gespräche bis tief in die Nacht. Teilweise bis zum Frühstück.
Als Margit schweißgebadet wach wurde, war es 03:34 Uhr. Sie fragte sich mit einem Blick auf den Wecker, wie sie trotz des geschlossenen Fensters durch einen Sektkorkenknall geweckt worden sein konnte, als eine weitere Flasche geöffnet wurde. Fast wäre sie wieder eingeschlafen, doch die Wiederholung des Knalls bohrte sich in ihr Bewusstsein.
Sie stand auf, zog den Rollladen zu ihrer Dachterrasse hoch, bemerkte, dass es zwischenzeitlich geregnet hatte, und trat hinaus. Die Luft war herrlich frisch, und vereinzelt blinzelten Sterne durch die Wolken. Sie blickte durch eine Lücke der Bambusverkleidung in den Garten der Nachbarn und meinte, einen Schatten durchs Gebüsch schlüpfen zu sehen. Von unten war nichts mehr zu vernehmen.
Bevor sie sich wieder hinlegte, öffnete sie schlaftrunken ihre Schlafzimmerfenster und zog den Rollladen leise hoch. Sie wurde wieder wach, als sich blaue Lichter an ihrer Schlafzimmerdecke abzeichneten. Es war 3:58 Uhr.
Am Taubenschlag, Großhadern, 05:15 Uhr – Ralf Utzschneider
»Du hast Augenringe wie ein Lastwagen mit Winterreifen, Utzschneider.« Ilga zündete sich eine Zigarette an.
Nicht ihre Erste, stellte Ralf mit einem Blick zum Boden vor ihr fest. Sie standen vor einer Doppelhaushälfte in der gediegenen Gegend Großhaderns, und es wurde zögerlich hell. Nach dem gestrigen strahlenden Tag hatte es in den frühen Morgenstunden ein paar Gewitter gegeben und alles glänzte nass.
Ihn ärgerten Ilgas prüfende Blicke, und er nahm sich vor, nicht darauf einzugehen. Dass eine weitere schlaflose Nacht, die er mit Warten verbracht hatte, nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein konnte, spürte er nicht nur in den Knochen. Eine Nacht, die sich aufgeteilt hatte in Streit mit Danièle und zermürbende Selbstvorwürfe.
Er riss sich zusammen, musste professionell werden. Es nützte keinem, wenn er nur mit halber Auffassungsgabe vor Ort war. »Wer ist da?«, er zeigte lässiger mit dem Daumen über seine rechte Schulter, als ihm zumute war, und beneidete Ilga um ihre Frische. Sie sah wie immer klasse aus. Ihre dunklen langen Haare hatte sie wie üblich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, das weiße T-Shirt hing locker über einer engen Jeans und verbarg kaum ihre begehrenswerte Oberweite. Ilga wäre in sein Jagdschema gefallen, wenn sie nicht seine Kollegin gewesen wäre. Ihm fiel auf, dass er Konrad noch immer nicht danach gefragt hatte, ob damals zwischen ihm und Ilga etwas auf dem Campingplatz gelaufen war. Wenn ja, er hätte es ihm nicht verübeln können. Was er ihm langsam verübelte, war, auch wenn er im gleichen Moment wusste, dass er ungerecht wurde, dass er sich immer noch im Krankenstand befand und ihn mit dieser Scheiße allein ließ. Ihr Dezernatsleiter hatte ihn zu Konrads Vertretung gemacht, und nach mehr sehnte er sich auch nicht. Er war Konrad von Kamms Vertretung und würde die Lücke, die sein bester Freund und Kollege hinterließ, nicht schließen können.
Ilga schien ihn aufbauen zu wollen, jedenfalls sah ihr Gesicht danach aus. »Wir haben Glück im Unglück. Dein Lieblingsteam. Höll mit seiner Bluthundebande und Dottore Ostphal, frisch erholt aus dem Italienurlaub. Sieht aus wie Seal.«
»Wie wer?«
»Heidi Klums Ex, der Sänger.«
»Wer ist Heidi Klump?«
»Vergiss es. Wir haben zwei weibliche Opfer. Beide erschossen. Die eine liegt in der Küche, die andere auf der Terrasse. Tatwaffe bisher negativ, aber Höll ist noch nicht fertig. Die Kinder der Opfer werden gerade vom Krisenstab betreut, die Ehemänner der beiden wurden bereits informiert, respektive: Ich bin dran.«
»Wie, die sind nicht zu Hause? Beide nicht? Wo stecken die denn?«
»Den direkten Nachbarn des Hauses hier, Herrn Paul Landstetter, habe ich noch nicht erreicht. Aber ich bin dran.« Ilga hob ihr Handy in seine Augenhöhe, um ihre Worte zu bekräftigen. »Den anderen, Dr. Johannes Klever, habe ich schon erreicht. Er wohnt in diesem Teil der Doppelhaushälfte. Er hat behauptet, in seinem Büro übernachtet zu haben, das in Laufnähe liegt. Er wollte gleich herkommen, aber ich habe ihn direkt aufs Revier gebeten. Natürlich hat er sich zunächst gesträubt, du kennst das ja. Wollte nach Hause, sich selbst ein Bild machen usw. Ich habe ihm gesagt, dass die Kinder in die Ettstraße verbracht werden, da hat er sich gefügt.«
»Kinder? Wie viele?«
»Zwei Söhne, sechs und acht Jahre bei Familie Dr. Klever. Das ist der, der im Büro geschlafen hat. Eine Tochter aus dem Nachbarhaus. Vier Jahre.«
»Das schau ich mir jetzt selbst an.«
»Dafür sind wir hier. Hast du schon gefrühstückt?« Ilga trat die Zigarette aus.
Ralf zog seine Augenbraue in die Höhe.
»Wäre nämlich umsonst gewesen. Kein schöner Anblick da drin. Mach dich auf etwas gefasst.«
Er ging um das Haus herum, blieb erst einmal stehen und ließ den Gesamteindruck auf sich wirken. Der Garten war hell erleuchtet. Sämtliche Lichtinstallationen, die reichlich vorhanden waren, brannten.
»Waren die Lichter an, als die Kollegen vor Ort kamen?«
Ein Mitarbeiter der Spurensicherung, der gerade durch ein Gebüsch linker Hand krauchte, drehte sich zu ihm. »Nein. Die Lichter haben wir angemacht. Die gesamte Gartenbeleuchtung hängt an einer Zeitschaltuhr. Um 22:00 Uhr wird die abgeschaltet. Als wir kamen, war nur das Licht in der Küche und eine kleine Lampe im Wohnzimmer an. Dazu noch eine Mückenabwehrkerze auf dem Tisch auf der Terrasse.«
»Danke.« Ralf warf einen Blick auf die Frau, die auf der Terrasse lag, und drehte sich um. Wenn er schon mit solchen Anblicken auf nüchternen Magen konfrontiert wurde, wollte er gleich mit dem weniger appetitlichen Anblick in der Küche beginnen. Er kannte Ilga noch nicht lange, aber wenn sie sich bereits dazu bemüßigt fühlte, ihn zu warnen, dann konnte er sich auf etwas gefasst machen.
Am Taubenschlag, Großhadern, 05:30 Uhr – Ilga Richter
Selbst das zu dick aufgetragene Rasierwasser Utzschneiders konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht geduscht hatte. Zudem trug er noch dasselbe T-Shirt, das er gestern angehabt hatte. Sie machte sich Sorgen um ihn. Seit Wochen war er nicht wirklich auf der Höhe. Es gab Momente, an denen er sich augenscheinlich einen Tritt gab. Aber so richtig fit, so, wie sie Utzi kennengelernt hatte, war er nicht. Auf Fragen ihrerseits, die nicht Neugier, sondern dem Wunsch, zu helfen, entsprangen, hatte er nur ablehnend geantwortet.
Ilga machte sich Sorgen. Nicht nur um Utzschneider, sondern jetzt bereits um die Ermittlung. Ein Doppelmord lag vor ihnen, und sie würden alle Aufmerksamkeit und Kraft darauf verwenden müssen, diesen zufriedenstellend aufzuklären.
Eben fuhr das Auto des diensthabenden Staatsanwalts vor, und sie zuckte zusammen, als sie es erkannte. Dr. Dorfmann sah aus wie ein Model für gehobene Männerausstattung und trat forsch auf sie zu. Utzschneider war schon in Inneren der Doppelhaushälfte verschwunden, und sie nahm sich vor, ihn vor Dorfmann abzuschirmen. Es durfte kein schlechtes Bild auf das Team fallen. Nicht bei Dr. Dorfmann, der jeden Fehler persönlich nehmen würde.
»Guten Morgen, Herr Dr. Dorfmann.« Ilga trat dem Staatsanwalt in den Weg.
»Doppelmord an zwei Frauen? Keine Spur des Täters. Tatwaffe ebenfalls noch nicht aufgefunden, richtig?« Dorfmann vibrierte vor Schaffensdrang.
»Richtig. Frau Maria Klever, die Bewohnerin des Hauses, wurde mit einem Kopfschuss in ihrer Küche aufgefunden. Ihre direkte Nachbarin, Annabell Landstetter, wurde ebenfalls mit einem Kopfschuss auf der Terrasse des Anwesens aufgefunden. Der Notruf wurde von einem Nachbarn abgesetzt. Herr«, Ilga musste in ihren Notizen spicken. »Herr Fridolin Gärtner, der Nachbar des Grundstücks gegenüber.« Sie zeigte auf ein Häuschen, das ebenfalls hell erleuchtet im Morgenlicht lag. »Er hat den Notruf um 03:42 Uhr abgesetzt. Die Kollegen sind bereits zur Befragung bei ihm.«
»Hat sich sonst schon jemand aus der Nachbarschaft gemeldet? Hat irgendjemand etwas beobachtet?« Dr. Dorfmann drehte sich auf dem Absatz seiner sicherlich handgefertigten, blitzblank geputzten Herrenschuhe einmal im Kreis.
»Nein. Die Kollegen sind unterwegs, um alle zu befragen. Wecken werden sie jetzt wohl niemand mehr. Wir können nur hoffen, dass jemand etwas gesehen hat. Selbst für Frühaufsteher ist die Tatzeit ein wenig zu früh.«
»Ist es sicher, dass es sich bei den beiden Frauen um die Bewohnerinnen der beiden Doppelhaushälften handelt?«
»Ganz sicher. Die Kollegen der Streife haben, nachdem sie die beiden Frauen vorgefunden haben, sofort das gesamte Anwesen abgesucht. Die Terrassentür der anderen Doppelhaushälfte stand sperrangelweit auf. Frau Landstetters Handtasche auf dem Wohnzimmertisch. Frau Klevers Handtasche in der Küche hat es ebenfalls bestätigt. Laut Ausweispapieren handelt es sich um die beiden genannte Frauen.«
»Dann mache ich mir jetzt selbst ein Bild.« Dr. Dorfmann schritt energisch voran.
Ilga, die sich bereits ein Bild gemacht hatte, folgte.
Sie betraten die Teakholz-Terrasse des Hauses, die fortlaufend um das Anwesen gelegt worden war. Dr. Dorfmann erreichte eine Glastür, die offen stand und zur Küche führte. Die Tür war durch ein Absperrband der Polizei gesichert, und Dorfmann verharrte für einen Augenblick. Ilga, die bei ihrer Größe kein Problem hatte, über seine Schulter zu linsen, erkannte Manfred Höll und einen weiteren Kollegen der Spurensicherung. Dr. Ostphal war nicht zu sehen, also war er mit der Untersuchung der Toten auf der Terrasse noch nicht fertig, schloss sie.
Dr. Dorfmann sagte kein Wort. Als Höll seinen Kopf hob, um zu sehen, wer an der Tür stand, nickte er ihm zunächst nur zu.
Höll schien es recht zu sein, da er sich wieder der Spurenlage zuwendete. Es gab viel zu tun für die Männer in ihren weißen Schutzanzügen, das hatte Ilga bereits mitbekommen. Gerade, weil es keine Einbruch- oder Kampfspuren gab. Es schien, als ob ein Geist ins Haus gekommen wäre, um die beiden Frauen zu töten.
»Stand die Tür auf?«
»Nein. Laut den Kollegen war sie nur zugezogen, nicht abgeschlossen. Man hätte sie jederzeit von außen aufschieben können. Allerdings glauben wir nicht, dass der Täter durch die Küchenaußentür gekommen ist.«
»Warum?« Dr. Dorfmann musterte die blonde vollschlanke Frau, die bäuchlings vor dem offen stehenden Kühlschrank lag. Er verzog das Gesicht beim Anblick des Kühlschrankinhalts, und Ilga konnte es ihm nicht verdenken. Sie würde Tage brauchen, um wieder einen Kühlschrank zu öffnen, ohne dass ihr das grausliche Bild des Inhalts hier in den Sinn kam.
»Die Außentür zur Küche lässt sich nicht lautlos öffnen. Der Rahmen ist verzogen, oder sonst ist irgendwas. Höll wird das in seinem Bericht genauer definieren. Jedenfalls hätte die Tote sicherlich auf das Geräusch reagiert, meint Höll. Und dann wäre, das hat auch schon Dr. Ostphal bestätigt, der Winkel des Einschusses in ihren Kopf anders. Aber das wird natürlich noch genauer ausgemessen. Es ist nur eine erste Einschätzung. Das kleinere Einschussloch ist auf Höhe des Hinterkopfs, die Austrittsstelle …«
»Liegt im Kühlschrank. Ja, danke.« Dr. Dorfmann schluckte und gewann damit bei Ilga Punkte.
Vielleicht war sein Auftreten nur Fassade. Jeder von ihnen legte sich in den Jahren einen Schutzpanzer zu. Utzschneider durch seine ruppige Art, Konrad verschloss sich und sie? Ilga war für einen Moment abgelenkt, als sie überlegte, welche Art sie hatte, mit den grauenhaften Anblicken in ihrem Beruf klarzukommen.
Dorfmann war bereits weitergegangen. Er bog, soweit es das Absperrband zuließ, um die Ecke des Hauses und stand vor der geräumigeren Hauptterrasse, auf der sich Utzschneider eingefunden hatte. Utzschneider, der in Dr. Ostphals zusätzlicher Beleuchtung noch fertiger aussah als zuvor.
»Ah, Uhlschneider ist auch vor Ort.«
Ilga unterdrückte den Reflex, den Staatsanwalt zu korrigieren. Dass sich Utzschneider und Dr. Dorfmann nicht grün waren, wusste sie. Auf sein Späßchen, das er scheinbar nicht unterlassen konnte, reagierte Utzschneider mit eisigem Schweigen. Er nickte noch nicht einmal zur Begrüßung. Sein Gesicht schien wie aus grauem Beton gegossen.
Dr. Ostphal kniete über der zweiten Toten und kam mühsam auf die Beine, als er sie beide sah. Er hatte seinen Italienurlaub anscheinend nicht nur in der Sonne genossen, sondern auch in zahlreichen Restaurants. Er brachte mindestens fünf Kilo mehr auf die Waage, schätzte Ilga, und beneidete ihn trotzdem. Einen Urlaub hätte sie auch vertragen können. Aber sie musste noch warten. Sparen. Sparen für den ganz großen Urlaub.
»Können Sie mir schon etwas zu den beiden Toten sagen?« Dr. Dorfmann verzichtete wie üblich auf jede Begrüßung.
»Guten Morgen und ja.« Stefan fuhr sich über seinen kahl werdenden, kurz rasierten Schädel. Und, als ob er Dr. Dorfmann ärgern wollte, blieb er still. Erstaunlicherweise drängte ihn niemand zur Antwort.
Ilga lauschte dem Vogelgesang, der um die Uhrzeit immer besonders intensiv war. Hörte Stimmen von Männern, die innerhalb des Hauses sprachen und zur Spurensicherung gehörten, bemerkte kein Auto, das am Grundstück vorbeifuhr und registrierte auf einmal, wie leise es eigentlich auf dem Grundstück war. Sie blickte sich um und verstand. Das Grundstück lag umgeben von Nachbargärten und an keiner Straße. Eine lange Auffahrt, die rechts und links von Nachbarhäusern flankiert war, hatte sie zu dem kleinen Hof geführt, der gerade so groß war, dass ein Auto darin wenden konnte. Wenn sie nicht ihre Hütte im Wald bewohnt hätte, sie wäre vor Neid gestorben. Ein Anwesen in München in solch einer Lage konnte man mit der Lupe suchen.
Ilga konzentrierte sich wieder auf die Tote und Dr. Ostphal. Frau Landstetter war auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von Frau Klever in der Küche. Sie war überschlank, hochgewachsen und dunkelhaarig. Bei Ilgas Eintreffen hatte sie bäuchlings auf dem Holzboden gelegen, doch Dr. Ostphal hatte sie für seine ersten Untersuchungen umgedreht, und jetzt konnte man ihr gebräuntes, markant geschnittenes Gesicht erkennen, das von langen schwarzblau getönten Haaren umgeben war. Sie machte auf Ilga den Eindruck eines Models, was durch ihre Kleidungswahl betont wurde. Barfuß, mit Kettchen um den linken Knöchel, steckte sie in einer schmalen schwarzen, nur bis auf die Wade reichenden Baumwollhose, zu der sie eine ebenso schwarze kittelartige Bluse mit weit geöffnetem Kragen trug. Alles sah salopp und ungewollt aus, doch Ilga erkannte mit einem Blick, das für dieses Outfit Geschmack und noch mehr Geld gefragt war. Auch der Silberschmuck, den sie an den Zeigefingern trug, sah erlesen aus.
Dr. Stefan Ostphal räumte bereits zusammen und sprach mehr zu seinem Tascheninhalt als zu den Anwesenden. Es war seine Art, mit der Erschütterung umzugehen. »Frau Annabell Landstetter wurde durch einen Kopfschuss, der sie seitlich oberhalb der Schläfe traf, getötet. Sie ist fünfunddreißig Jahre alt, war in, soweit ich das bisher sehen kann, guter, gesunder Verfassung. Ob der Tod sofort eingetreten ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Dafür muss ich sie erst auf meinem Tisch haben. So, wie es aussieht, ist der Schuss aus unmittelbarer Nähe abgegeben worden. Ich schätze mal, wenn ich die Position der Toten miteinbeziehe, stand der Schütze innen, nahe der Türschwelle.« Dr. Ostphal deutete auf die Terrassentür. »Keine Abwehrspuren oder irgendetwas, was auf einen Kampf hindeutet. Meine erste Einschätzung: Sie saß hier auf diesem Gartenstuhl mit dem Gesicht zum Garten.« Ostphal zeigte auf die beiden benutzten Sektgläser und den überfüllten Aschenbecher dazwischen. »Sie ist wohl aufgrund des Schusses in der Küche aufgestanden, um nachzusehen was los ist, und wurde noch in der Bewegung des Aufstehens getroffen. Die Kugel hat sie direkt in den Kopf getroffen. Wirkt auf mich wie die Arbeit eines Profis. Abgedrückt ohne Zögern.«
»Die Spuren halten sich in Grenzen.« Dr. Dorfmann klang fast enttäuscht darüber, dass sich um Frau Landstetter nicht mehr Blut über den Boden verteilt hatte.
»Anderer Einschusswinkel. Von oben nach unten. Ich sage ja, Frau Landstetter saß vermutlich hier und ist in der Bewegung links in den Schädel getroffen worden.«
»Dann ist sie wohl nicht die Erste gewesen.« Ralf blickte in das Wohnzimmer, als wollte er den Weg abschätzen, den der Täter von der Küche bis zur Terrasse zurücklegen musste.
Dr. Ostphal zuckte mit den Schultern. »Ich kann dazu nichts sagen. Jedenfalls noch nicht jetzt. Und zu der Spurenlage sowieso nichts.«
»Ich kann mir das nicht vorstellen.« Dr. Dorfmann gab sich mit der Antwort nicht zufrieden. »Wenn ich einen Schuss höre, würde ich doch sofort aufstehen, um nachzusehen, was passiert ist. Sie muss als Erste getötet worden sein.«
»Höll hat eine andere Theorie, auch wenn er sie noch nicht untermauern kann.« Utzschneider rieb sich müde übers Gesicht. »Er hat irgendwas von Sektkorken gemurmelt.«
»Von Sektkorken?« Dr. Dorfmann sah sich suchend um.
»Von nicht vorhandenen Sektkorken«, verbesserte sich Utzschneider.
»Können wir rein?«, rief Ilga fragend ins Haus, ohne jemand bestimmten anzusprechen. Ihr wurde es zu dumm. Wenn sie jetzt nicht ganz schnell vom Thema ablenkte, würden sich Utzschneider und Dr. Dorfmann um Definitionen streiten.
»Wegen mir dürft ihr eintreten. Aber bleibt bitte auf dem markierten Weg«, antwortete Höll aus der Küche. Er verfügte scheinbar über ein respektables Gehör. Wie lange er schon zugehört hatte, wurde ihr beim Eintreten in die Küche klar. »Zwei geleerte Sektflaschen stehen unter dem Gartentisch. Zwei Sektkorken auf der Küchenanrichte. Eine Sektflasche samt Korken zerbrochen am Küchenboden.«
Ilga runzelte die Stirn. Jetzt fing Höll auch noch an. Als hätte er ihren Gedanken gelesen, zwinkerte er ihr zu. »Ich werde meine Theorie zum Tathergang zeitnah präsentieren. Keine Sorge. Augenblicklich möchte ich noch nichts dazu sagen. Das Einzige, was ich euch jetzt schon sagen kann: keine Einbruchspuren. Was einen nicht weiter verwundert, da das Haus offen stand. Soll heißen, die Küchenaußentür war nur zugezogen, nicht zugehebelt, die Haustür war ebenfalls nur ins Schloss gezogen. Für einen Profi kein Hindernis. Allerdings glaube ich nicht, dass der Täter durch die Haustür kam. Die Terrassentür zum Elternschlafzimmer im Erdgeschoss stand ebenfalls sperrangelweit auf. Also wenn ihr mich fragt, fahrlässig.«
»Dann hätte der Täter also von allen Seiten ins Haus gekonnt?« Dr. Dorfmann trat einen Schritt aus der Küche und blickte nach rechts und links.
»Richtig. Das Haus stand sozusagen in alle Richtungen offen. Übrigens, das Haus nebenan auch. Frau Landstetter war wohl durch den Garten zu ihrer Nachbarin gekommen. Jedenfalls steht ihre Terrassentür auch auf und ihre Handtasche stand offen am Wohnzimmertisch. Ich frage mich manchmal, ob diese Frauen es darauf anlegen, überfallen zu werden.«
»Also, wenn die Handtasche auf dem Wohnzimmertisch stand, handelt es sich augenscheinlich schon mal nicht um ein Raubdelikt.« Dorfmann schien froh, überhaupt mal etwas geklärt zu haben. »Oder gibt es sonstige Spuren, die auf Raub hindeuten?«
»Nicht auf den ersten Blick. Frau Klevers Handtasche steht hier.« Höll deutete auf die Küchenanrichte, auf der sich Teller stapelten, die anscheinend nicht mehr in die Spülmaschine gepasst hatten. Die Maschine war fertig durchgelaufen und zeigte eine Null an.
»Hatten die Klevers Gäste?« Auch Dr. Dorfmann war die Menge Geschirr aufgefallen.
»Sieht so aus.« Utzschneider blätterte behandschuht durch einen Terminkalender, den er aus der Handtasche der Toten genommen hatte. »Hier steht Mertes, 16:00 Uhr.«
»Finden Sie raus, wer das ist und …«
»Machen wir.« Ilga unterbrach Dorfmann lieber, bevor es Utzschneider tat. »Wir werden jeden einzelnen Termin, den wir von den beiden Frauen finden können, unter die Lupe nehmen.«
»Um noch etwas zu Frau Klever zu sagen, bevor ich zusammenpacke …« Dr. Ostphals klang genervt.
»Ja bitte, Kollege.« Dr. Dorfmann wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mediziner zu, der die Bezeichnung Kollege sichtlich nicht mochte.
»Frau Maria Klever, ebenfalls fünfunddreißig Jahre alt. Ebenfalls auf den ersten Blick keinerlei gesundheitliche Probleme. Der Kopfschuss bei ihr war aufgesetzt, am Hinterkopf.«
»Das ist ja wie bei einer Hinrichtung.« Dorfmanns Stimme war die Erschütterung anzuhören.
»Ja, allerdings stand sie, wie man an den Spuren schön sehen kann. Die Wucht der Kugel hat ihr Gesicht weggerissen.«
»Samt ihres Gehirns.« Höll Stimme klang fast persönlich beleidigt.
»Sie war auf der Stelle tot.« Dr. Ostphals Worte klangen für einen Moment unkommentiert durch den Raum.
Ilga überwand sich und studierte Frau Klevers Leiche. Etwas, was sie bisher tunlich vermieden hatte. Der Gesamteindruck war erschütternd genug gewesen. Doch jetzt, da sie näher herangekommen war, musste sie die Zähne zusammenbeißen und sich das Szenario genau ansehen. Frau Klevers rechter Mokassin war ihr vom Fuß gerutscht, und Ilga bemerkte, dass sich die Hausherrin vernachlässigt hatte. Die dicke Hornhaut an ihrer Ferse, die in der Beleuchtung der Polizei fast orange wirkte, sagte ihr, dass Frau Klever entweder keine Zeit oder keine Lust hatte, sich um ihr Aussehen zu kümmern. Von mangelndem Geld ging sie nach dem ersten Eindruck, den das Haus auf sie machte, nicht aus. Ilgas Blick wanderte Frau Klevers Körper hinauf. Im Gegensatz zu ihrer Nachbarin waren ihre Beine bleich, vereinzelte Besenreiser waren ebenfalls in der gnadenlosen Beleuchtung gut zu erkennen. Ilga war jedes Mal erschüttert und schämte sich fast, einen Menschen, der gerade noch gelebt hatte und seine Intimsphäre besaß, auf diese Art und Weise bloßgestellt zu begutachten. Das Sommerkleid war hübsch gewesen. Weit geschnitten, guter Stoff, erkannte sie und seufzte. Zu dem floralen Muster waren ein paar Blutblüten dazugekommen. Von Frau Klevers Gesicht war nichts mehr zu erkennen. Um einen Eindruck von der Frau zu bekommen, würden sie sich an Fotos halten müssen. Die Haare waren naturblond und zu einer pflegeleichten Kurzhaarfrisur geschnitten. Kein Schmuck, bis auf den Ehering, noch nicht einmal Ohrringe.
»Was ist eigentlich mit den Ehemännern der beiden?« Dr. Dorfmann lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, und diesmal war ihm Ilga nicht böse.
»Dr. Klever müsste sich mittlerweile auf dem Präsidium befinden, und Landstetter versuche ich gleich noch mal zu erreichen.«
»Wieso waren die nicht zu Hause? Wir haben Montag.«
Fast hätte Ilga gelacht. Fast. Als ob es in allen Ehen üblich war, dass sich alle brav montags morgens am Frühstückstisch trafen. Sie kannte eigentlich nur noch Ehen, bei denen keiner mehr daheim gewesen wäre, hätte man bei ihnen die Türen des Hauses ausgehängt. Sie warf Utzschneider einen Blick zu. Ob Utzschneider vom gleichen Schicksal betroffen war und es ihm deswegen so schlecht ging? Er wäre nicht ihr erster Kollege, der wegen der Arbeit seinen Ehepartner verlor. Viele Lieben zerbrachen an den unregelmäßigen Arbeitszeiten und dem Stress. Nicht alle, gab sie zu. Manche hielten über Jahrzehnte, und diese beneidete sie wirklich. Sie selbst war geschieden, und auch, wenn die Trennung nicht durch ihre Arbeit hervorgerufen worden war, würde sie sich nicht erneut auf einen Mann einlassen. Ganz sicher nicht.
»Sehen Sie zu, dass Sie alle so schnell wie möglich aufs Präsidium bekommen. Ich erwarte Ergebnisse.« Dr. Dorfmanns Rundumblick machte klar, dass seine Aufforderung nicht nur Ilga galt.
Sie folgte ihm zurück auf die Terrasse, verzichtete aber darauf, ihn noch bis zu seinem Wagen zu begleiten, da sie eine Person am anderen Ende des Gartens ausgemacht hatte. Wahrscheinlich war es nur ein neugieriger Nachbar, aber genau solch einen brauchte sie jetzt. Sie wollte sich nicht mit den ersten Aussagen, die ihre Kollegen bereits aufgenommen hatten, zufriedengeben und durchquerte, Pfützen ausweichend, die Länge des Gartens. »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?« Ilga zückte ihren Ausweis und versuchte, durch den Bambus zu linsen, um ein besseres Bild von ihrem Gegenüber zu bekommen. Der Mann entzog sich einen Moment ihrer Sicht, nur um ein paar Meter weiter links wiederaufzutauchen. Hier wies die Bambushecke eine Lücke auf, kapierte Ilga, und trat mit gezücktem Ausweis auf ihn zu.
»Fridolin Gärtner, ich habe die Polizei gerufen.«
»Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?« Ilga maß den Alten, der, angetan in Unterhemd und Gartenschürze, ihren Ausweis studierte und eine unverkennbare Alkoholfahne ausströmte.
»Sicherlich. Am anderen Ende der Bambushecke gibt es leider einen guten Durchstieg. Kommen Sie.« Herr Gärtner winkte sie in die richtige Richtung.
Ilga kraxelte über einen runtergetretenen Maschendrahtzaun, wunderte sich einen Augenblick über diese Nachlässigkeit, die so gar nicht zum ersten Eindruck von Herrn Gärtners Garten passen wollte.
»Wunderschön haben Sie es hier. Ein kleines Paradies.« Den sorgsam angelegten Gemüsebeeten ausweichend, kam sie auf der winzigen Rasenfläche an, die wie mit der Nagelschere getrimmt wirkte. Sie verschaffte sich einen schnellen Rundumblick und erkannte, dass sich hier jemand auf Gartenanbau verstand. Neben den beschilderten Gemüseanbauflächen gab es zwei getrimmte Obstbäume, einen Schuppen für Gartengeräte mit dazugehörigem Komposthaufen und eine wunderschöne Kletterrose, die gerade dabei war, aufzublühen.
»Kommen Sie, bitte.« Herr Gärtner winkte sie auf seine kleine Terrasse, auf der ein runder Tisch und zwei Stühle standen. Das Haus selbst war unspektakulär. Es wirkte eher wie eine nach und nach ausgebaute Gartenlaube aus den sechziger Jahren.
»Wollen Sie einen Kaffee?« Herr Gärtner zeigte auf eine Thermoskanne, und Ilga sagte nicht Nein.
»Sie haben um 03:42 Uhr den Notruf gewählt. Würden Sie mir bitte alles erzählen, was Ihnen aufgefallen ist?«
»Sicher. Ich habe es Ihren Kollegen schon berichtet, aber ich verstehe schon, dass Sie es lieber mit eigenen Ohren hören wollen.«
»Bitte.«
»Nun, viel habe ich nicht zu berichten. Ich konnte nicht schlafen, weil es bei Klevers immer noch hoch herging.«
»Immer noch?« Ilga kramte ein Notizbuch hervor.
»Immer noch. Ihr nachmittäglicher Besuch hatte sich verabschiedet, Dr. Klever war im Anschluss mit seinem Porsche abgebraust, aber die beiden Damen der DHH hatten den Kragen immer noch nicht voll.«
»Wie spät war es da?«
»Zirka zehn Uhr. Zeit für mich, ins Bett zu kommen. Ich stehe früh auf, müssen Sie wissen. Die Gartenarbeit erledigt man am besten in der Früh, wenn der Tau noch …«
»Und dann konnten Sie nicht schlafen, weil es bei Dr. Klever immer noch hoch herging. Sie sind also die ganze Nacht wach gewesen?«
»Nicht die ganze Zeit. Schlussendlich habe ich es mit Ohrenstöpseln geschafft, für ein oder zwei Stunden zu schlafen. Leider sind mir diese unbequemen Dinger wieder aus den Ohren gerutscht, oder ich habe sie im Schlaf selbst entfernt, wie dem auch sei, ich bin dann wieder wach geworden.«
»Warum? Können Sie sich erinnern, was sie geweckt hat?«
»Ich kann mich an nichts Besonderes erinnern. Ich bin einfach aufgewacht, weil die beiden Frauen drüben keine Rücksicht auf Nachtruhe ihrer Nachbarn nehmen. Noch nie genommen haben.«
Ilga konnte Fridolin Gärtners Empörung fast körperlich spüren. Die Lippen des kleinen Mannes bebten, auch wenn er es unter ihrem Blick zu verbergen suchte. »Wissen Sie, wie spät es da war?«
»Nicht genau, aber ich denke, so um 3:00 Uhr herum. Ich bin rausgegangen, wollte …«
Ilga sah ihn fragend an. Herr Gärtner starrte mit leerem Blick in die Richtung des Kleverhauses und konnte doch nur seine Heckenrose sehen. »Sie wollten?«
»Also, eigentlich wollte ich den beiden Bescheid geben. Meinen Unmut über den Zaun brüllen.« Fridolin Gärtner wirkte mit einem Male zerknirscht. »Aber jetzt, wo sie beide tot sind, tut mir das leid.«
Ilga konnte seinen Gedankengang nachvollziehen, aber ihr lag die nächste Frage schon auf der Zunge.
Als ob er es gemerkt hätte, beeilte sich Fridolin Gärtner, weiterzusprechen. »Ich habe gezögert. Es ist etwas anderes, sich wütend aus dem Bett zu schwingen und mit dem Vorhaben, den Nachbarn den Marsch zu blasen in den Garten zu gehen, oder dann dort hinter der Hecke zu stehen.« Er hob hilflos die Arme. »Die Luft war bei mir raus, und es war drüben auch für einen Moment ganz still. Ich hatte schon gehofft, dass das, was ich noch zu hören bekommen hatte, das Gelächter, das mich geweckt hatte, die Verabschiedung der beiden Frauen gewesen wäre.«
»Aber dem war nicht so.«
»Nein.« Fridolin Gärtner schüttelte den Kopf und sah auf einmal sehr müde aus. »Ich hatte mich gerade umgedreht, um wieder ins Haus zu gehen, als es einen Knall tat. Ich bin zuerst überhaupt nicht drauf gekommen, was das sein könnte. Es war einfach ein sehr lauter Knall. Erst nach einem Aufschrei und dem zweiten Knall, gefolgt von einem Poltern, hat mich eine Ahnung überkommen. Ich war wie erstarrt und habe erst einmal gar nichts gemacht.«
»Haben Sie nach dem Poltern, wie Sie es nennen, noch irgendetwas beobachten können? Haben Sie nicht versucht, nachzusehen, was drüben passiert ist?«
Fridolin Gärtner schüttelte den Kopf. »Nein. Irgendwie nicht. Mir war klar, war im Moment klar, dass es etwas Schreckliches gewesen sein musste, aber das war alles. Ich bin direkt ins Haus und habe den Notruf gewählt.«
»Und danach? Sind Sie wieder zurück in den Garten gegangen?«
»Nicht gleich. Ich habe erst einmal etwas getrunken und Kaffee gemacht.«
»Sie befürchten, dass bei Ihren Nachbarn zwei Schüsse gefallen sind, und machen sich Kaffee?«
»Ja. Ich habe die Terrassentür abgesperrt, das Licht im Wohnzimmer gelöscht und mich in der Küche hinter geschlossenen Rollladen aufgehalten, bis ich die Martinshörner gehört habe. Ich konnte doch nicht wissen, ob der Irre nicht wahllos in der Gegend herumschießt. Vielleicht hätte er mich auch noch erschossen, wenn er mich im Garten angetroffen hätte. Gerade heutzutage bei den ganzen Amokläufen.« Herrn Gärtners Hand zitterte, als er seine Kaffeetasse zum Mund führte.
Ilga notierte seine Aussage. »Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie nur die beiden Frauen gehört haben, oder war da noch eine dritte Stimme?«
»Meiner Meinung nach waren die beiden allein. Ich habe nur die beiden gehört. Wenn noch jemand dabeigesessen wäre, hätte er sehr leise sein müssen.«
Diefenbachstraße, Solln, 07:00 Uhr – Konrad von Kamm
Der Treppenlift fuhr mit dem für seinen Motor typischen Ächzen um die Kurve, bevor er die Zielgerade, die noch fünfundzwanzig Stufen des beeindruckenden Treppenhauses darstellte, aufnahm.
»Hast du gut geschlafen, Franz?«
»Ich kann mich nicht beklagen, Junge. Wenn ich mir allerdings dein zerknittertes Gesicht ansehe, frage ich mich, ob du das auch behaupten kannst.«
Konrad spürte den seitlich prüfenden Blick seines vierundachtzigjährigen Onkels auf sich liegen und bevorzugte, seinen Kopf wegzudrehen. Vermeintlich, um das Bild genauer in Augenschein zu nehmen, das rechter Hand von ihm lag. »Wer ist das noch mal?« Selbstverständlich wusste er, wessen Antlitz auf dem goldgerahmten Ölbild festgehalten worden war, genauso wie er jeden anderen Namen der Ahnengalerie, die sich in Onkel Franz› Treppenhaus versammelte, hätte nennen können.
»Freifrau Konstanze von Wies, genannt das alte Schreckgespenst.«
Konrad grinste. Er erinnerte sich an Urlaube in seiner Kindheit, an denen die Nennung seiner Vor-vor-Vorfahrin ihm eine Gänsehaut über den Rücken gejagt hatte. Damals hatte er sich solchermaßen in Franz› Geschichten reingesteigert, dass er felsenfest der Überzeugung gewesen war, dass Konstanze, das Schreckgespenst, im Hause umging. Heute waren es andere Geister, die ihn nachts nicht schlafen ließen.
Vor einer Stunde war er erst panisch wach geworden mit dem Gefühl, erstickt zu werden. Dass es nur Ottilie, die Katze seines Onkels war, die sich abermals ihren Schlafplatz auf seiner Brust gesucht hatte, war ein schwacher Trost. Er konnte sich nicht mehr an seinen Traum erinnern, wollte es erst gar nicht versuchen.
»Was hast du heute vor?« Franz atmete einmal tief durch, als der Treppenlift im ersten Stock anhielt und das Surren verklang. »Schreckliches Geräusch, werde ich mich nie daran gewöhnen, klingt nach Verfall und Invalidität.«
»Ich habe nachher einen Termin, um 11:00 Uhr.« Konrad nestelte am Gurt, der links zu schließen war und auf dessen Benutzung Franz bestand.
»Das ist gut. Termine sind gut. Du solltest öfter welche ausmachen. Hält einen auf Trab. Ich fahre nachher zu Püppchen und gehe im Anschluss mit Ilga frühstücken. Sie hat heute frei.«
Konrad griff mit seiner freien Hand nach Franz› Gehstock. Er versuchte, die Wehmut, die ihn beim Gehörten überkam, abzuschütteln, und wusste gleichzeitig, dass ihm Franz seine Verabredung mit Absicht unter die Nase gerieben hatte. Seit Wochen lag ihm sein Onkel damit in den Ohren, er solle endlich mal wieder das Haus verlassen.
Mühsam rappelte sich Konrad aus dem Treppenlift auf. »Du kennst meine Einstellung. Bevor ich nicht sicher auf meinen eigenen Beinen stehe, habe ich bei einem Pferd nichts verloren.«
Franz› Antwort war ein Kopfschütteln.
Bevor es sich sein Onkel noch anders überlegte und ihm eine weitere Standpauke über Ehre, Indianerherz, Männlichkeit und Kriegsveteranen hielt, packte er den silbernen Knauf fester und humpelte ins Badezimmer, in dem er sich erst einmal auf den schmalen Sitz unter der Dusche fallen ließ. Er war schweißgebadet.
In dem im Verhältnis zum gesamten Herrenhaus kleinen Badezimmer herrschte zudem eine Affenhitze. Konrad sah, dass Franz den Heizstrahler an der Wand vergessen hatte. Oder war er seinetwegen eingeschaltet? War das wieder einer von Franz› Tricks, um ihn herauszufordern? Mussten sie ihn denn alle antreiben? Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Ihm die Zeit lassen, die er brauchte, um wieder auf den Damm zu kommen? Verfluchte Pest, er wäre fast verreckt, und jetzt wurde er gefoltert.
Mit der rechten Hand zog er sich das T-Shirt über den Kopf, warf es zum Waschbecken, traf natürlich nicht, zog die Boxershorts aus und warf sie gleich daneben zum Oberteil. Wie hieß der blöde Spruch, über den er damals gelächelt hatte? Irgendetwas mit – wenn man sich schon mal gebückt hätte und unten wäre, könne man auch gleich mehr erledigen, damit es sich lohne. Irgendwie so. Knapper formuliert.
Utzschneider wüsste die Formulierung, da war sich Konrad sicher. Beim Gedanken an Utzschneider verzog er das Gesicht. Sein bester Freund und Kollege hatte sich täglich bei ihm gemeldet, sich in der Zeit, die er im Krankenhaus auf der Intensivstation und später in der Reha verbracht hatte, rührend um ihn gekümmert. Seit er im Haus seines Onkels wohnte, hatten sie sich nicht mehr gesehen. Was an ihm lag. Das Haus und sein Reichtum waren ihm peinlich. Er hatte Utzi versprochen, anzurufen, wenn er sich so weit eingerichtet hatte. Das war vor fünf Wochen gewesen. Das schlechte Gewissen nagte an ihm. Bevor es wirklich zubiss, schloss er den Duschvorhang und öffnete den Wasserhahn.
Kaltes Wasser prasselte auf ihn nieder. Früher wäre er zur Seite gesprungen. Heute war er vom Springen so weit entfernt wie der Chinesische Turm im Englischen Garten von Peking. Stoisch wartete er darauf, dass die alten Wasserleitungen in der zur Jahrhundertwende gebauten Villa warmes Wasser in den ersten Stock transportierten. Das warme Wasser war ein Genuss. Überhaupt, wieder selbstständig duschen zu können. Er drückte auf den von Franz vorsorglich angebrachten Flüssigseifenspender, und es überkam ihn schlagartig eine Welle der Dankbarkeit, die ihm Tränen in die Augen trieb.
Franz hatte keine Sekunde gezögert, als die Frage aufkam, wo er nach der Reha wohnen sollte.
Seine Wohnung an der Schönstraße, die im sechsten Stock ohne Lift lag, war ausgeschlossen gewesen. Wäre noch Katis Haus gewesen, dass auf seine Bedürfnisse eingestellt gewesen wäre. Doch allein der Gedanke, bei seiner Noch- oder auch Exfreundin einzuziehen, die zum damaligen Zeitpunkt auch noch mit seiner Noch- und jetzt Exehefrau zusammenwohnte, hatten ihn schreiend weglaufen lassen wollen. Dabei war er vom Laufen und gar vom Weglaufen Meilen entfernt.
Kurzfristig hatte sogar seine Mutter überlegt, ob er nicht bei ihr im Altenstift in ihr Zimmer einziehen konnte. Die Vorstellung war so absurd, dass er in irres Gelächter ausgebrochen war, was ihm einen zutiefst beleidigten Blick eingehandelt hatte. Fast war es zu einem Zerwürfnis mit Hildegard von Kamm gekommen, wäre nicht rechtzeitig Franz› vernünftiger Vorschlag gekommen, zu ihm zu ziehen.
Franz› Villa bot genug Platz für zwei Männer. Er bewohnte mittlerweile das zweite Wohnzimmer im Erdgeschoss, das sogenannte Herrenzimmer mit anschließendem Wintergarten. Der Treppenlift war wegen Franz› Hüftoperation im vorletzten Sommer sowieso schon eingebaut gewesen, das Duschstühlchen, auf dem er jetzt balancierte, ebenfalls. Alle weiteren hilfreichen Einrichtungen hatte Franz bereits eigenhändig eingebaut, bevor Konrad von der Reha im Chiemgau übergesiedelt war. Eben solche wie den Seifen- und Haarwaschmittelspender, den er einhändig bedienen konnte. Er konnte sich nicht beschweren, und doch zogen für ihn dunkle Wolken über den blauen, momentan wolkenlosen Junimorgen.
Konrad stellte das Wasser ab, griff nach dem Handtuch und war erleichtert, dass der Badezimmerspiegel beschlagen war. Er hatte sich noch immer nicht an den Anblick der zehn Zentimeter langen Narbe, die unterhalb seines Brustkorbs lag, gewöhnt.
Die Klinge war von seinem Rippenbogen abgerutscht, und das hatte ihm das Leben gerettet, hatte ihm ein Arzt erklärt. Er hätte Glück im Unglück gehabt.
Aufs Rasieren verzichtete er und öffnete das Fenster. Warme Luft, die nach Sommer duftete, strömte in den Raum. Er beugte sich vor, hielt sich am Waschbecken fest, angelte nach seinem T-Shirt und war schon wieder schweißgebadet.
Das Deo traf erst beim zweiten Mal. Unter der rechten Achsel eigentlich gar nicht. Die Zahnbürste kippte zweimal um, bevor er ein bisschen Zahnpasta darauf verteilt hatte. Er betrachtete die Schweinerei, die er auf der Ablage unter dem Spiegel angerichtet hatte, war aber zu müde, um sie mit etwas Toilettenpapier wegzuwischen. Frau Ümir kam montags. Er würde ihr einen Schein zukommen lassen.
Wofür dusche ich eigentlich?, dachte er, als er die Türklinke hinunterdrückte. Er war vollkommen verschwitzt und fertig. Das unrhythmische Getrappel auf der Holztreppe verriet ihm, dass Franz gewartet hatte, ob er die Morgentoilette überlebte.
Seufzend schnallte er sich an und fuhr Richtung Erdgeschoss. Kaffeeduft empfing ihn. Kaffee, den er nicht trinken durfte.
»Für mich kein Frühstück, Franz.« Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er sein Reich und ließ sich auf das ungemachte Bett fallen, das Franz hier hinein- und dafür eine Kartenspiel-Sesselgruppe hatte hinausschaffen lassen. Es war ein schönes helles Zimmer mit deckenhohen Flügeltüren zur Terrasse, die zu einem imposanten Garten gehörte. Konrad schloss die Augen, hörte seinen Onkel in der Küche rumoren und schlief ein. Es war 9:00 Uhr.
Ettstraße, 09:00 Uhr – Ralf Utzschneider
Die Maschinerie war angelaufen, jedem in seinem Team war eine Aufgabe zugeteilt. Wie ein eingeübter Tanz, wie ein tausend Mal geprobter Start einer Rakete. Ralf fühlte sich wie der Zünder dieser Rakete. Ein Funke würde genügen, um ihn explodieren zu lassen. Der Anruf seiner Frau Danièle war nicht allein daran schuld, und doch war er im Moment so außer sich, dass er kaum verstand, was Patricia Eggerstein zu ihm sagte.
»Was?« Er fuhr sich übers Gesicht, hörte das Knistern der Bartstoppel an seine Handinnenflächen und verstand abermals nur die Hälfte.
»… kann ich dir irgendwie helfen? Du siehst beschissen aus.«
»Das davor meinte ich.« Er klang in seinen eigenen Ohren unfreundlich, konnte aber nichts daran ändern. Patricia konnte nicht ahnen, dass er kurz davorstand, loszubrüllen und seine abgehackte Art dem Rechnung trug, dass er sie als wertvolle Kollegin respektierte. Er wollte nur noch brüllen. Einfach nur unartikuliertes Neandertalergebrüll von sich geben, sich eine Keule schnappen und alles kurz und klein schlagen.
»Der Ehemann der einen Toten, Paul Landstetter, war endlich zu erreichen. Hatte das Handy auf lautlos gestellt. Hat Schlaftabletten genommen, hat er gesagt. Er kommt mit dem Zug um 13:47 Uhr.«
Ralf sah auf die Uhr. Es war erst früher Morgen, und er fühlte sich bereits so müde, als ob es mitten in der Nacht wäre. »Wo hat er denn gesteckt, dieser Landstetter?«
»In einem Hotel in Heidelberg. Auf Geschäftsreise.«
»Am Sonntag?«
Patricia zuckte mit den Achseln. »Das wird er uns sicherlich nachher erklären. Mehr habe ich nicht aus ihm rausbekommen. Er war hörbar erschüttert und hat nur nach Emilie gefragt.«
»Emilie?«
»Seine Tochter. Die Kleine ist mittlerweile von ihrer Oma abgeholt worden, der arme Wurm. Sie hat noch gar nichts verstanden.«
Er erinnerte sich an das blasse, fast durchscheinende Gesicht der kleinen Emilie. Vier Jahre, mein Gott. Er dachte an seine Jüngste daheim, die diesen September in die erste Klasse kam. In dem Alter waren sie noch nett und gut zu haben. Wenn sie erst … Er wischte den nicht fertig gedachten Satz zur Seite. »Und die zwei Jungs?«
»Sind bei ihrem Vater nebenan. Ich wollte dich fragen, ob ich sie jetzt gehen lassen kann. Sie sind in einem erbärmlichen Zustand. In ihr Zuhause dürfen sie wohl noch nicht. Ich habe Höll gefragt, aber die Spurensicherung stellt noch immer alles auf den Kopf.«
»Ich will erst noch mit dem Vater sprechen. Sag ihm, ich komme gleich.« Ralf gab vor, eine Notiz zu machen, um Patricia nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Er hörte ihren leichten Gang und das leise Rascheln ihres Sommerrocks und stand auf. Ein kurzer Blick in den Spiegel bestätigte das, was er befürchtet hatte: Er sah aus wie ein Zombie aus dem Computerspiel seines jüngeren Sohns. The Walking Dad würde Moritz, sein Zweitgeborener, sagen. Einen Augenblick war er versucht, etwas an seinem Aussehen zu ändern, dann sagte er sich, dass der Ehemann auf der anderen Seite der Wand nicht anders aussehen würde.
Eine Minute später musste er sich verbessern. Dr. Johannes Klever sah aus wie ein Geschäftsmann kurz vor einem wichtigen Meeting. Noch bevor er ihm die Hand geschüttelt und sein Mitleid ausgedrückt hatte, ging er ihm bereits auf die Nerven.
Dr. Johannes Klever war ein hochgewachsener, schlanker Mann mit tadellos sitzendem grauem Anzug. Unter seiner Jacke trug er ein schwarzes Hemd mit Stehkragen und rot abgesetzter Knopfleiste, das jedem Kung-Fu Meister alle Ehre gemacht hätte. Er wirkte, so, wie er sich sonnengebräunt und lässig wieder zwischen seinen Söhnen niederließ, wie ein Beach-Boy. Verstärkt wurde der Eindruck von seinen schwarzen glatten Haaren, die streng zu einem Zopf zusammengefasst über seiner Schulter lagen. Das Ziegenbärtchen, das er sich hatte stehen lassen, hätte exakt in seine Geheimratsecken gepasst und verdeckte seinen Rasurbrand nicht, der im künstlichen Licht fast lila leuchtete.
Herr Dr. Klever hob seine rechte Hand, beugte sich jeweils zu jedem Sohn und sah jedem einzelnen für einen Augenblick durch seine rot gefasste Brille tief in die Augen. »All right, Jungs. Wir haben eine Abmachung.«
Beide nickten und starrten auf die Tischplatte.
Ralf war der Umstand, dass die Kinder mit am Tisch saßen, nicht recht. Er wollte klare Fragen stellen und hoffte auf ebensolche Antworten. Antworten und Fragen, die nicht für Kinderohren geeignet waren.
»Ihre Söhne könnten auch vor der Tür warten. Ich rufe jemanden, der in der Zwischenzeit auf sie aufpasst.«
»Nicht nötig. Ich habe das gerade schon geklärt. Was vorgefallen ist, wissen sie. Umso besser, wenn sie mitbekommen, was jetzt geschieht, anstatt dass sie sich ihre kleinen Köpfe zerbrechen und sich sonst etwas zusammenreimen.«
Wie auf Knopfdruck hoben beide Jungs die Köpfe und sahen ihn fragend an. Ralf spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, und zog sich das T-Shirt von der Brust. Er hatte selbst drei Kinder, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, sie bei einer Befragung teilnehmen zu lassen. Er sah in die dunklen Augen der beiden Jungs und schüttelte den Kopf. »Das mag ja Ihre Meinung sein, Herr Dr. Klever. Ich kann sie nicht teilen. Ich habe Ihnen ein paar brisante Fragen zu stellen, die nichts für Kinderohren sind. Wenn Sie meinen, dass es anders ist, können Sie ihnen ja nachher alles berichten. Lars, Ulf.« Ralf stand auf und öffnete die Tür. »Frau Faltermayer! Haben Sie vielleicht eine Cola für die beiden, bitte?« An Lars› Miene erkannte er, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Wahrscheinlich durften die beiden alles trinken außer Cola. »So.« Ralf blieb stehen, was ihm den Vorteil gab, dass Dr. Klever zu ihm aufsehen musste. »Ich will Sie nicht lange aufhalten. Ihre Fingerabdrücke haben wir bereits. Noch eine Frage: Ist das die Kleidung, die Sie gestern Abend getragen haben?«
»Nein. Gestern hatte ich Freizeitkleidung an.«
»Die wir wo finden? Also wegen des Abgleichs der Spuren.«
»In meinem Büro in der Wäsche.« Dr. Klever runzelte die Stirn. »Sie glauben doch nicht, dass ich meine Frau und Annabell erschossen habe?«
»Bei der Kriminalpolizei wird nicht geglaubt, sondern bewiesen. Im Fall, dass Sie nichts zu verheimlichen haben, ist es ein reines Ausschlussverfahren, das es uns erleichtert, den wahren Täter zu ermitteln. Den Durchsuchungsbefehl für Ihre Praxis habe ich bereits, es steht Ihnen selbstverständlich frei, meine Kollegen zu begleiten und bei der Durchsuchung anwesend zu sein.«
Dr. Klevers Gesicht blieb ausdruckslos. Er schob kommentarlos einen Schlüsselbund über den Tisch. »Den werden Sie brauchen.«
»Das ist sehr nett. Sie bekommen ihn selbstverständlich sofort zurück. Sagen Sie, wo werden Sie die nächsten Tage mit Ihren Söhnen unterkommen?«
»Ich hoffe doch, bald wieder daheim.«
»Nein. Aus Erfahrung kann ich Ihnen jetzt schon sagen, dass sich die Untersuchung eines Tatorts über Tage hinwegziehen kann, vor allem, wenn man nicht zeitnah einen Täter findet. Es wäre also auch in Ihrem Sinne, wenn Sie uns helfen.«
»Habe ich behauptet, dass ich Ihnen nicht helfen will?«
»Nein. Ich wollte das nur vorausschicken.« Ralf hatte genug Erfahrung, um sich ausmalen zu können, dass jemand wie Dr. Klever beim nächsten Gespräch einen Anwalt im Schlepp hätte, der ihm jede Kooperation verbieten würde, und sei es nur aus Prinzip.
»Und womit kann ich Ihnen jetzt schon helfen?«
»Mit der Wahrheit.« Ralf wusste, dass er sein Gegenüber mit diesem Satz aufbrachte, aber er konnte es nicht lassen, ihn aufzustacheln. Er wollte sehen, ob er hinter die Fassade des Mannes kam, der so scheinbar unberührt durch den Tod seiner Frau und Nachbarin vor ihm saß. Ein wenig mehr Erschütterung, Mitgefühl. Irgendwas. »Sie sind Arzt?«
Klever nickte. »Humanmediziner. Ich übe meinen Beruf allerdings nicht aus, also nicht im üblichen Sinne.«
»Das müssen Sie mir genauer erklären.«
»Ich leite ein Pflegedienstunternehmen und habe mich dort mehr auf die administrative Seite verlegt. Sollte allerdings Not am Mann sein, weil einer meiner Angestellten ausfällt, springe ich selbst ein. Warum?«
»Wir müssen so viel wie möglich über Sie und Ihre Frau und Ihre Nachbarin erfahren. Nur so ist es uns möglich, ein Motiv zu finden.«
»Verstehe. Ich werde Ihnen ein wenig über Maria erzählen, wenn Ihnen das weiterhilft.«
Ralf setzte sich und schaltete sein Palmhandy ein. Er fragte sich, wo Ilga blieb, und hoffte, dass sie ihn nicht den ganzen Tag allein ließ. Er merkte jetzt schon, wie ihm die nötige Konzentration fehlte.
»Maria hilft bei der Buchhaltung, ansonsten ist sie Hausfrau und Mutter. Ich wollte das immer so, denn ich bin der Meinung, Kinder brauchen ihre Mutter. Sie hat Chemie studiert, aber nie einen Abschluss gemacht.«
Ralf sah auf. Etwas an Dr. Klevers Unterton war ihm aufgefallen. Er meinte, so etwas wie einen verächtlichen Ton herausgehört zu haben. »Dann leben Sie beide also von Ihrem Einkommen, das Sie durch Ihren Pflegedienst einnehmen.«
»Sozusagen.«
»Was muss ich mir unter sozusagen vorstellen?« Ralf hörte selbst, wie gelangweilt er klang. Warum konnten die Leute nicht einfach geradeheraus sagen, was Sache war?
»Maria hat Geld in die Ehe gebracht. Sie hat ein wenig geerbt.«
»Aha.«
»Was wollen Sie mir jetzt mit dem Aha sagen? Dass ich meine Frau erschossen habe, weil ich von ihr erbe?«
»Nein. Nicht unbedingt. Warum waren Sie gestern Nacht nicht zu Hause? Ist es üblich, dass Sie in Ihrem Büro übernachten, oder gab es Streit?«
»Beides. Es ist üblich, dass ich hin und wieder in meinem Büro übernachte, und es gab Streit. Die Nachbarschaft wird Ihnen das sicherlich mit Genuss bestätigen. Allerdings keinen solch grundlegenden Streit, dass ich daraufhin meine Frau erschossen hätte. Und vor allem, warum sollte ich Annabell gleich mit erschießen?«
Ralf meinte abermals, eine Tonfallveränderung wahrgenommen zu haben, er konnte sich allerdings auch täuschen. »Sind Sie gut befreundet mit Ihren Nachbarn?«
»Das kann man so sagen. Wir kennen uns schon länger.«
»Länger?«
»Seit dem Studium. Paul, das ist Annabells Mann, hat gemeinsam mit Maria studiert.«
»Und die Ehe der beiden? War die gut?«
»Welche Ehe ist das schon? Es gab hin und wieder Streit. Aber das ist halt so. Mehr weiß ich nicht. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die horchen, oder andere Menschen ausfragen.«
»Ich auch nicht.« Ralf erntete für diesen Satz einen erstaunten Blick. Die Leute vergaßen, dass man auch eine Privatperson war, machte er sich klar und seufzte. In seinem Privatleben war er anscheinend zu wenig neugierig gewesen, und das wurde ihm jetzt zum Verhängnis.
Diefenbachstraße, Solln, 10:00 Uhr – Konrad von Kamm
Konrad träumte, er wäre wieder auf der Intensivstation. Das monotone Geräusch der Maschinen, die ständige Begleitung eines Brummtons, ließen ihn vibrieren.
»Wir können nichts mehr für ihn tun«, sagte ein gesichtsloser weißer Kittel.
»Er kostet ja auch nur unnötig Strom.«
Die Maschine brummte nicht mehr. Etwas legte sich auf die Brust und sein Gesicht. Wollten sie ihn umbringen? Drückten sie ihm ein Kissen ins Gesicht? Dunkelheit umfing ihn, ein leises Schmatzen und das Hämmern an eine Tür.
War er es, der gegen die Himmelspforte klopfte? Zwiebel, Knoblauch und Schweißgeruch – es war das Tor zur Hölle!
»Konrad, musst du aufstehen, anziehen. Hast du Termin!«
Er wurde an der Schulter gerüttelt. Dunkle, lebenslustige Augen sahen auf ihn herab. Der Mund umgeben von feinen dunklen Haaren bildeten das Wort mussuaufstehan. Dann ertönte ein Fauchen, der Druck von seiner Brust verschwand, und Konrad war augenblicklich wach.
»Wie spät?«
»Halb elf.«
Konrad sprang mit einem Fluch auf, versuchte es jedenfalls und wäre gestrauchelt, wenn ihn Frau Ümir nicht festgehalten hätte.
»Vorsicht, junger Mann! Immer Schritt für Schritt.«
»Ich bin zu spät dran, du hättest mich früher wecken müssen!« Konrad humpelte zu dem Kleiderhaufen, den er am Vortag achtlos über den Stuhl geschmissen hatte, zog seine Shorts mit Gummibund aus dem Knäuel, schlug sie mit der rechten Hand aus und verrenkte sich regelrecht, um in die Hosenbeine zu steigen. Dabei überschlug er gedanklich den Weg. Er brauchte zwanzig Minuten, wenn er sich beeilte, die fünf Stufen zur Praxis mit eingerechnet. Also noch die Turnschuhe mit Klettverschluss, die Socken würde er heute weglassen, auch wenn er danach die Treter aus odören Gründen in den Müll werfen musste. Konrad blickte auf, sah, dass Frau Ümir ihn beobachtete und keine Anstalten machte, ihm zu helfen, als er mit dem Klettverschluss kämpfte.
»Opa auch sehr krank, habe ich gepflegt, heute tanzt auf Tisch.«
Konrad trat in den Sportschuh, trat die Lasche nach hinten und fluchte.
»Kommt darauf an, welches Ziel Mensch hat.« Ümir wischte über seinen Nachttisch.
»Auf dem Tisch tanzen sicherlich nicht. Mir würde schon reichen, wenn ich in den Schuh käme. Jetzt hilf mir doch mal, Ümir!«
»Glaube, Telefon läutet.«
Konrad sah Frau Ümir fassungslos nach. Das Einzige, was er klingeln hörte, war das Klingeln in seinen Ohren.
»Sie sind eine halbe Stunde zu früh, Herr von Kamm. Setzen Sie sich doch bitte einen Augenblick ins Wartezimmer.«
Konrad ließ sich ungläubig auf den mit Kunstleder bezogenen Sitz fallen. Er betrachtete mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu den Zimmerbrunnen, der einer kleinen Grotte nachempfunden war, in deren Nass sich Einhörner und Feenpuppen zwischen Farnen neckten. Er fasste es nicht! Ümir hatte ihn an der Nase herumgeführt. Er war fast gerannt, um pünktlich bei seiner Physiotherapie zu erscheinen, hatte gedacht, er würde es nie und nimmer schaffen. »Opa tanzt auf dem Tisch«, murmelte Konrad. »Wahrscheinlich, weil Boden voller Mausefallen, Ümir«, knurrte er und musste doch lachen.
Ettstraße, 11:00 Uhr – Ralf Utzschneider
»Sackgasse, respektive, wir müssen weitergraben.« Ralf hatte sein Team, bestehend aus Patricia, Lommel, Huber und Ilga, zusammengetrommelt und fasste das Gespräch mit Dr. Johannes Klever zusammen. »Sie hatten Gäste, die sich gegen 22:00 Uhr verabschiedeten, weil alle früh raus mussten. Um 22:30 Uhr sei er in die Firma gefahren, um den nächsten Morgen zeitig zu starten. Hätte dort noch gearbeitet und dann geschlafen, bis wir ihn angerufen haben. Er werde jetzt mit den Jungs vorübergehend ins Hotel Adler ziehen und einen Anwalt einschalten.«
»Wieso das denn?« Huber, der bisher gelangweilt an einem Bleistift gekaut hatte, hob den Kopf.
»Er will in sein Haus, hat deswegen wirklich Terror gemacht. Auch die Aussage meinerseits, dass es für seine Jungs besser sei, wenn Sie den Tatort so nicht zu sehen bekämen, hat er nicht gelten lassen.«
»Was haben die Jungs denn überhaupt mitbekommen?« Patricia schrieb schon wieder die ganze Zeit über, und Ralf fragte sich, was es war. Vielleicht ein Liebesroman, um diesem Wahnsinn zu entgehen, dem Alltag zu entkommen? »Die Kollegen, die zuerst vor Ort waren und das Haus gesichert haben, waren so umsichtig, die beiden, Lars, acht Jahre und Ulf, sechs Jahre, durch die Eingangstür hinauszubegleiten und vorher den Anblick in der Küche abzuschirmen.«
»Wulff hatte Dienst, oder?« Lommel tauchte hinter seinem Laptop auf.
»Dann haben Sie sicherlich nichts zu sehen bekommen.« Huber packte sein Salamibrot aus, dessen Geruch sich sofort über den Raum legte. Ralf hätte es ihm am liebsten aus der Hand gerissen und aus dem Fenster geschmissen.
