Schwiegerzorn - Antonia Günder-Freytag - E-Book

Schwiegerzorn E-Book

Antonia Günder-Freytag

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Beschreibung

SCHWIEGERZORN - KONRAD VON KAMMS 4. FALL Niederträchtiger Erbstreit oder feiger Racheakt? Verträge können enden – Versprechen bleiben bestehen Als Hauptkommissar Konrad von Kamm braun gebrannt aus dem Urlaub kommt, ermittelt sein Team bereits auf Hochtouren. In München-Thalkirchen, direkt neben der Floßlände, wurde die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Die Hinweise führen in verschiedene Richtungen, einer zum nahe gelegenen Campingplatz. Die Spur dorthin wird brandheiß, als ein weiterer Mord auf genau diesem Gelände verübt wird. Konrad von Kamm mischt sich mit seiner neuen Kollegin unter die Camper. Getarnt als Ehepaar versuchen sie den Fall aufzuklären, und ahnen nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begeben. „Schwiegerzorn – Kommissar von Kamms 4. Fall“ ist ein typischer, im Stil von englischen Krimis geschriebener Roman, über gebrochene Versprechen, Eifersucht und Existenzängste.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Schwiegerzorn

Konrad von Kamms 4. Fall

Von Antonia Günder-Freytag

Buchbeschreibung:

Hauptkommissar Konrad von Kamm muss privat und beruflich große Entscheidungen treffen. Seine Noch-Ehefrau Sabine willigt in die Scheidung ein, seine Freundin Kati will mit ihm auszuwandern und beruflich wird ihm ein Angebot gemacht, von dem er immer geträumt hat.

Freunde und Familie stehen ihm mit erstaunlichen Ratschlägen zur Seite und verwirren ihn zusätzlich.

Als die aktuellen Mordfälle ihn dazu zwingen am Campingplatz unterzutauchen, enthebt ihn das erst einmal aller Antworten. Doch wie auch immer er sich entscheiden wird, einen oder auch mehrere wird er verletzen müssen.

Über die Autorin:

Antonia Günder-Freytags Motto: Nichts ist tödlicher als Routine. Sie schreibt Thriller, Kriminalromane, historische Romane, Fantasy und Kinderbücher.

Sie lebt mit ihrer Familie, drei Mini-Shettys und ihrem Hundauf dem Land, hasst Schubladen, liebt Gummibärchen und findet knarrende Treppenstufen herrlich.

Schwiegerzorn

Konrad von Kamm 4. Fall

Von Antonia Günder-Freytag

2. Auflage, 2022

© 2017 Alle Rechte vorbehalten.

Kirchbachweg 18a 81479 München

[email protected]

https://www.antonia-guender-freytag.com

https://www.facebook.com/Antonia.Guender.Freytag

https://www.facebook.com/Rilka.Stevens

Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Buch dargestellten Figuren und Ereignisse sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten realen Personen ist zufällig und nicht vom

Autor beabsichtigt.

Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder in einem Abrufsystem gespeichert oder in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden.

Coverdesign von:

TomJay - bookcover4everyone / www.tomjay.de

Bilder von:

© kolosigor / Depositphotos.com

© Milano M / Shutterstock.com

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für Stefan,

der uns alle in der Kurve überholt hat.

Montag, 18. August 2014

Ettstraße, 7:00 Uhr

Das Kästchen neben dem Wort zögerlich hätte Konrad bei einem Persönlichkeitstest nie angekreuzt. Doch jetzt stand er vor der geschlossenen Bürotür in der Ettstraße, blickte auf seine braun gebrannte Hand, die bereits auf der Türklinke lag und zauderte. Längst vergessen geglaubte Momente seines Schülerlebens gingen ihm durch den Kopf: die Tür des Direktorats, der Klassenwechsel mitten im Jahr. Jedes Mal hatte er allein vor einer Tür gestanden und er hatte es immer gemeistert. Er drückte die Klinke hinunter.

»Guten Morgen, Utzi!« Konrad betrat den Raum, den er seit Jahren mit Ralf Utzschneider teilte. In seiner Abwesenheit hatte sich sein Kollege ausgebreitet, stellte er fest und ließ sich auf den netterweise nicht belegten Stuhl fallen.

Utzschneider sah auf und reagierte für ihn vollkommen untypisch. Er sagte nämlich nichts. Keine Silbe drang aus seinem schon geöffneten Mund. Die einzige Reaktion, wenn man sie als solche bezeichnen konnte, war, dass sich seine blauen Augen weiteten.

Konrad hatte so etwas befürchtet. Er stellte die benutzten Kaffeetassen auf einen mit Krümeln übersäten Teller und erhob sich. »Ich hol mal Kaffee.« Er hoffte, dass sein Abgang würdevoll war und nicht nach Flucht aussah. Dankenswerterweise begegnete ihm niemand auf dem Flur, und auch die Angestelltenküche lag verwaist im Morgenlicht. Konrad setzte die Kaffeemaschine in Gang und hatte nichts gegen den Aufschub, den ihm das langsame Durchlaufen gewährte. Kati hatte ihm gestern nach der Landung, als sie am Kofferband auf ihr Gepäck warteten, schon prophezeit, dass er mit solchen Reaktionen rechnen müsste. Er hatte es als Witz abgetan, aber sie hatte mal wieder recht gehabt. Wie meistens.

Die Kaffeemaschine beendete ihre Arbeit mit einem gequälten Röcheln, und Konrad sah keinen Grund, sich weiter in der Küche herumzudrücken, füllte zwei Tassen und kehrte zu Utzschneider zurück, der anscheinend seine Stimmbänder wiedergefunden hatte.

Kaum, dass er den Raum betrat, stimmte dieser ein Konrad wohlbekanntes Lied der Gruppe STS an:

»Und irgendwann bleib i dann dort, lass alles lieg’n und steh’n, geh von dahham für immer fort …«

»Ist schon gut, Utzi, noch bin ich ja da.«

»Darauf gib i dir mei Wort, wie viel Jahr a noch vergeh’n, irgendwann bleib i dann dort …«

Konrad atmete tief durch und merkte, wie er sich entspannte. Utzschneider war und blieb der Einzige, der mit einem Blick erkannte, wie es um ihn stand. »Ich danke dir für deinen Begrüßungssong. Zu viel der Ehre.« Er rührte in seinem Kaffee, obwohl er nie Zucker nahm. Im Gegensatz zu Utzschneider, der sich gerade eine Unmenge in die Tasse löffelte. »Was gibt’s Neues, haben wir einen neuen Fall?« Er hoffte, so auf ein Terrain zu gelangen, das ihm weitaus lieber gewesen wäre als die Frage, die so sicher kommen würde wie das Amen in der Kirche.

Utzschneider machte eine abwinkende Bewegung. »Erzähl ich dir gleich. Jetzt leg los. Wie war es? Hat es dir gefallen? Wanderst du jetzt aus?«

Konrad stöhnte gespielt. »Schön. Ja.«

Utzschneider zog die Augenbraue hoch. Keinem anderen wäre es aufgefallen, ihm anscheinend schon. »Mir fehlt die dritte Antwort, Konrad. Und jetzt lass dir nicht die Würmer aus der Nase ziehen.«

Konrad erzählte Utzschneider in kurzen Sätzen, dass ihm die elf Tage, die er bei Katis Großtante auf Madeira verbracht hatte, außerordentlich gut gefallen hatten. Das Wetter war ein Traum, die Stimmung gut und das Essen eine Wucht. Er merkte, während er erzählte, dass es nicht das war, was Utzschneider hören wollte, aber er konnte und wollte das nicht ändern. Was die dritte Frage belangte, war er selbst zu keinem Schluss gekommen. »Und jetzt bin ich wieder da«, endete seine kurze Rede lahm.

»Das sehe ich. Allerdings muss ich sagen, dass ich in einer Menschenmenge einfach an dir vorbeigelaufen wäre. Gut schaust du aus. So braun habe ich dich noch nie gesehen. Wie hast du das gemacht? Schaust ja aus wie ein Schornsteinfeger.«

»Ich bin schon immer schnell braun geworden.«

»Ja, aber die blonden Strähnen, die hast du gefärbt?«

»Spinnst du? Ich bin blond.«

Konrad sah Utzschneiders Blick an, dass er ihm nicht glaubte, und wechselte endgültig das Thema. »Also, was ist in den letzten Tagen losgewesen? Du sagst, wir haben einen Fall?«

Utzschneider tippte mit finsterem Blick auf eine Akte. »Tötungsdelikt an der Isar.«

Konrad verdrehte die Augen. Nach einem Tötungsdelikt an der Isar, das er zusammen mit seinem Team dankenswerterweise hatte lösen können, war er in Urlaub gefahren. »Ein gefährliches Pflaster, will mir scheinen. Alkoholisierte Schlägerei? Eifersuchtsdrama? Drogen?«

»Leider wissen wir das noch nicht. Amor Stein«, Utzschneider schob Konrad ein Foto zu, auf dem ein junger hübscher Mann zu sehen war, »wurde mit einer massiven, tödlichen Schädelfraktur an der Isar aufgefunden. In Höhe der Floßlände. Der Stein, mit dem ihm die Verletzung zugefügt wurde, lag neben dem Opfer. Keine verwertbaren Spuren, keine Zeugen. Wir sind dran.«

Konrad nahm die übrigen Fotos zur Hand und betrachtete sie aufmerksam. Er wusste, dass es einen Vorteil brachte, wenn jemand, der sozusagen von außen kam, auf einen Fall sah. Er versuchte, sich zu konzentrieren, aber der Ohrwurm, den ihm Utzschneider eingepflanzt hatte, machte es fast unmöglich. Er musste aufpassen, dass er das Lied von vorhin nicht leise vor sich hin summte. Allerdings fand er es ziemlich passend. Gerade, als er die Fotos des jungen Mannes betrachtete, der mit zertrümmerten Schädel in seinem Blut lag. Er fragte sich erneut, was ihn bewogen hatte, diesen Beruf auszuüben und wünschte sich weit weg. Und irgendwann bleib i dann dort … »Wann ist Besprechung?« Er schob die Aufnahmen zurück über den Schreibtisch.

»In einer halben Stunde. Wir können ja schon mal hinübergehen.«

Besprechungszimmer, Soko Stein,

7:45 Uhr

Konrad stand vor der Wand mit den verschiedenen Aufnahmen, die er teilweise schon kannte, die hier in Vergrößerung hingen. Auch eine Luftaufnahme von dem Tatort, die mit zwei Kringeln markiert war, fand sich zwischen den Aufnahmen des Toten. Er tippte auf die zweite Markierung. »Warum ist das markiert?«

»Das ist der Campingplatz Isarwelle. Da hat der Tote gewohnt.«

»Also ein Tourist?«

»Nein. Er ist Münchner, gemeldet in Solln bei seiner Mutter, einer Anette Schrezlinger, achtunddreißig, Bedienung.« Utzschneider tippte auf ein Foto einer sehr hübschen, jungen Frau. »Verheiratet mit Peter Schrezlinger, zweiundvierzig, Schlosser. Die beiden haben zwei Kinder. Amor Stein war aus Anette Schrezlingers erster Ehe.«

»Einer, wie mir scheint, sehr früh geschlossenen Ehe.« Konrad sah noch einmal zu Amors Bild, das außer seinem Namen auch sein Geburtsjahr aufwies. Der Junge war erst zwanzig Jahre alt gewesen. Eine Schande. Konrad atmete tief durch. »Also dieser Amor Stein hat gezeltet.«

»Laut Aussagen der Campingplatzbetreiber wohnte er schon auf dem Platz, seitdem es wärmer geworden ist. Eigentlich darf man dort nur für zwei Wochen buchen, aber anscheinend haben sie für ihn eine Ausnahme gemacht.«

»Warum?«

»Das haben wir auch gefragt, aber das ist eine seltsame Gesellschaft, kann ich dir sagen. Die bekommen die Zähne nicht auseinander. Keiner von denen. Das Ganze ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert, und wir haben bereits alles in die Wege geleitet, wie du dir vorstellen kannst, aber wir kommen nicht weiter. Bisher keine verwertbaren Spuren.«

Konrad konnte an Utzschneiders Miene ablesen, wie ihm zumute war. Er kannte diesen Moment allzu gut. Manche Fälle ließen sich innerhalb von Stunden aufklären. Manche innerhalb eines Tages. Und dann gab es solche wie diesen. Eine alte Regel lautete, wenn man einen Fall nicht innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden aufklären konnte, würde er sich ziehen. Konrad klopfte Utzschneider auf die Schulter. »Das kriegen wir schon hin. Wir haben noch jeden Fall aufgeklärt.«

»Gut, dass du jetzt hier bist, Konrad.«

»Das finde ich auch! Ich hätte dich ja gar nicht wiedererkannt.« Patricia Eggerstein war ins Zimmer getreten und sah wie immer fantastisch aus. Sie trug ein grünes luftiges Sommerkleid, das ihrer Figur schmeichelte, ohne aufreizend zu wirken.

Mit fremdem Blick betrachtet, wäre Konrad nie auf die Idee gekommen, dass sie eine Kriminalbeamtin war. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und gab ihm ein Küsschen rechts und links. Das hatte sie noch nie gemacht.

Konrad war sprachlos und musste sich räuspern. »Also bitte. Ich war doch nur elf Tage weg. Ihr tut gerade so, als ob es ohne mich nicht gehen würde.«

»Fast. Fast wäre alles zusammengebrochen.« Lommel klopfte an den Türrahmen, betrat das Besprechungszimmer und zwinkerte Konrad zu. »Schön, dass du wieder da bist.«

Konrad war froh, dass Lommel ihn nicht auch noch küsste, sondern ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gab. »Wenn ihr so weitermacht, kommen mir die Rührungstränen. Bevor das passiert, geh ich lieber zum Chef.«

»Ja, da kommst du bestimmt schnell wieder runter.«

Konrad drehte sich um seine eigene Achse, um zu sehen, wer so ein loses Mundwerk hatte. Wie konnte es anders sein? Sebastian Huber, der allgemein nur der Wast oder Huber genannt wurde.

»Na, dann sind wir ja komplett.« Konrad klopfte Huber auf die Schulter. »Bis gleich.«

Diesmal fiel es Konrad nicht schwer, die Türklinke zu drücken, als ein Herein von innen erklang. Erwin Kopp, sein Vorgesetzter, blickte ihm freundlich entgegen und bot ihm Kaffee an.

»Ich habe mir vorgenommen, weniger Kaffee zu trinken, danke.«

»Dann erzähl mir später, wie lange du deinen Vorsatz durchgehalten hast.« Kopp zwinkerte ihm zu. »Gut schaust du aus, der Urlaub scheint gelungen.«

»War er.«

»Du bleibst uns aber doch erhalten? Ich habe da was munkeln hören …«

»Ich nehme an, Utzschneider konnte mal wieder sein Mundwerk nicht im Zaum halten.« Konrad nahm es seinem Kollegen nicht übel. Er wusste, wie schnell die Buschtrommeln gingen.

»Und?«

»Ich bin da, das muss dir erst einmal als Antwort reichen.«

»Bei deinen aufgelaufenen Urlaubstagen weiß ich schon, was du meinst. Aber mal ganz anderes Thema. Ich habe eine neue Kollegin für euch. Ilga Richter, achtundvierzig Jahre. Hat um Versetzung gebeten. Ledig aus Würzburg. Ich dachte, ihr könntet Hilfe bei eurem Stein-Mord brauchen, darum habe ich sie deinem Team zugeteilt.«

Konrad nickte. Wenn er sich den Fall vorstellte, den sie zu bearbeiten hatten, war er um jede Hilfe dankbar. Und das Alter der betreffenden Kriminalkommissarin sagte ihm, dass sie Erfahrung hatte. »Ich danke dir. Ich glaube, auch wenn ich mir nur einen groben Überblick verschaffen konnte, dass wir sie brauchen können. Wer ist eigentlich der zuständige Staatsanwalt?«

»Dorfmann.«

Hatte Kopp gerade ein wenig den Kopf eingezogen, als er den Namen fallen ließ? Konrad war sich nicht sicher. Allerdings wäre es nicht erstaunlich gewesen, da das Verhältnis zwischen Dorfmann und ihm, um es freundlich auszudrücken, mehr als gespannt gewesen war.

»Aha. Ich denke mal, den übernimmt Utzschneider wie das letzte Mal auch. Überhaupt habe ich vor, mich diesmal mehr im Hintergrund zu halten. Utzschneider hat mit dem Fall angefangen, soll er ihn auch weiterhin leiten. Was meinst du?«

»Da bin ich ganz deiner Meinung. Kümmere du dich um die neue Kollegin Richter, dass sie sich gut einlebt und wohlfühlt, und lass Utzschneider machen. Sehr kompetenter Mann.«

»Allerdings.«

»Außerdem ist es eh besser, wenn du dich nicht draußen blicken lässt.«

Kopps Kommentar ließ Konrad ratlos aufschauen. »Wie meinst du das?«

»So braun, wie du bist und so gut, wie du ausschaust, behauptet doch mal wieder jeder, dass wir Polizisten nichts zu tun haben.«

Besprechungszimmer, Soko Stein,

9:00 Uhr

»Also, was haben wir bis jetzt?« Utzschneider drehte sich zu der Wand mit den angepinnten Fotos. »Der Junge war, wie es mir erschien, dauerpleite. Von Raubmord gehe ich deswegen schon mal nicht aus.«

»In einer festen Beziehung schien er laut seiner Mutter auch nicht zu sein. Das sagt zwar nicht viel, aber in dem Sinne können wir eine Beziehungstat außer Acht lassen.« Patricia hatte Utzschneiders Ball aufgenommen und sah sich suchend um, wer als Nächster etwas zu sagen hatte.

Konrad war leise ins Besprechungszimmer getreten und hatte sich in der hintersten Reihe einen Platz gesucht, ohne die Gedankenspiele seiner Kollegen stören zu wollen. Er genoss diese Zeit, wenn jeder seine Ideen ausbreitete.

Lommel, selbst ernanntes Computergenie der Abteilung, meldete sich zu Wort. »Ich habe da was ausgegraben.«

Patricia streckte einen Daumen hoch. »Auf Lommel ist Verlass.«

»Nicht zu vorschnell, Patricia. Ist nur eine Möglichkeit. Also, die Mutter von dem Amor Stein, die Schrezlinger, war schon mal verheiratet. Mit einem Alois Stein, der euch vielleicht besser bekannt sein dürfte als Graven Stone.« Lommel sah sich um, erntete anscheinend nicht das Feedback, das er erwartet hatte und stöhnte auf. »Lauter Banausen, ich sehe schon. Also dieser Graven Stone war ein ganz Großer in der Musikbranche. Nicht, dass er selbst aufgetreten wäre, aber er hat die Songs geschrieben. Berühmte Songs wie zum Beispiel …« Lommel holte Luft, als ihn Konrad unterbrach.

»Bitte, Uwe, verschone uns. Der Utzi hat mir heute schon ein Ständchen gehalten, das reicht mir fürs Jahr.«

»Nun gut, aber nur, weil du es bist, Konrad. Ich will ja nicht, dass sich deine Erholung innerhalb von einem Tag auflöst. Also lange Rede, kurzer Sinn: Amors Alter war stinkreich. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern richtig.«

»Und was macht er heute?«

»Vermodern.«

Konrad hätte die Stimme nicht kennen müssen, um zu wissen, zu wem dieser Kommentar gehörte. Huber natürlich, der sich genüsslich zurücklehnte, als er die Aufmerksamkeit bekam. »Ich erinnere mich. Ich habe mal eine Zeit lang Stumbling Block gehört, die hat der damals gemanagt. Hat schon vor Jahren ins Gras gebissen. Krebs oder so.«

Lommel schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. »Treffender hätte ich es nicht ausdrücken können, Wast. Stimmt, Alois Stein, alias Graven Stone ist 1997 mit fünfunddreißig Jahren an Leukämie verstorben.«

»Und wo ist das Geld?«

Lommel zuckte mit den Achseln. »Das werdet ihr wohl die Witwe fragen müssen.«

»Da wollte ich eh hinfahren.« Utzschneider sah fragend zu Konrad. »Willst du mitkommen?«

»Weiß ich noch nicht. Wir bekommen eine neue Kollegin. Da sollte ich im Hause sein, wenn sie kommt. Kopp hat mir die freudige Mitteilung gerade erst gemacht. Wir dürfen uns auf die Kollegin Ilga Richter freuen.«

»Das ist gut. Hilfe können wir gebrauchen.« Utzschneider blickte Richtung Whiteboard. »Dann warte ich mit dem Besuch bei Amors Eltern, bis du Zeit hast, Konrad.«

»Klingt ein wenig wie Ilja Richter«, meldete sich abermals Huber zu Wort. »Kennt den noch jemand?«

»Weißt du, Huber, heute bist du unglaublich spaßig. Noch so einen blöden Kommentar, und du kannst alle Berichte schreiben.« Utzschneider funkelte Huber an, der sich nicht aus dem Konzept bringen ließ.

»Ich weiß überhaupt nicht, was du willst. Dieser Graven Stone ist mal bei Ilja Richter aufgetreten, und darum passt das doch gerade ganz gut.«

Ob das stimmte? Konrad war sich nicht sicher und bemerkte, wie Lommel auf seinen Computer eintippte. Er glaubte ihm auch nicht, aber es war auch unerheblich. Immerhin waren sie wieder beim Thema.

Ettstraße, 11:00 Uhr

Mehr oder weniger waren alle ausgeflogen. Utzschneider war mit Patricia erneut zum Tatort gefahren, Huber war von Utzschneider zur Abteilung Drogendelikte geschickt worden und Lommel hatte sich wieder hinter seinen Computer verschanzt. Konrad genoss den Moment der Ruhe. Sicherlich blieben jetzt Patricias Aufgaben, zu denen das ihm so verhasste Telefonieren gehörte, an ihm hängen, doch im Moment machte es ihm nichts aus. Er hatte nicht vor, sich zu stressen. Er war gerade einmal vier Stunden im Büro, und er sehnte sich nach frischer Luft und Bewegung. Er öffnete ein Fenster, obwohl das nicht viel brachte, und träumte sich an die Strände Madeiras zurück. Die Meeresluft war so rein gewesen. Vitalisierend. Konrad sah sich unschlüssig im Büro um. Er würde zunächst einmal den Sauhaufen, den Utzschneider hatte zusammenlaufen lassen, aufräumen. In solch einer Atmosphäre hatte er noch nie arbeiten können. Er sortierte die Berichte und legte sie nach Themen geordnet auf Stapel, als es an die offen stehende Bürotür klopfte.

Für einen Moment meinte Konrad, ein Gewitter zöge auf, da sich das Büro verdunkelte. Der Schatten, den die Person warf, war mindestens so beeindruckend wie die Person imposant. Knappe ein Meter neunzig im dunklen Hosenanzug näherten sich Konrad mit ausgestreckter rechter Hand. Eine merkliche Nikotinfahne wehte ihm entgegen, als sie den Mund öffnete. »Ilga Richter. Ich sollte mich bei Ihnen melden, Herr von Kamm.«

Konrad ergriff reflexartig die Hand, die seine ummantelte wie eine Schraubzwinge das Gegenstück. Ein Händedruck wie ein Bergmann, hätte sein Vater gesagt, schoss es Konrad durch den Kopf. Und noch weitere, politisch nicht korrekte Gedanken schoben sich sekundenschnell nach. Mannweib. Emanze, lesbisch, auf Krawall gebürstet. Er riss sich zusammen.

»Konrad. In meinem Team duzen sich alle, außer Sie haben damit ein Problem.«

»Kein Problem. Ilga.«

Konrad befürchtete einen Moment, dass sie ihm abermals ihre Hand geben wollte, doch Ilga sah sich bereits die Fotos an, die auf seinem Tisch lagen.

»Herr Kopp hat mich gerade schon ins Bild gesetzt, um was es in diesem Fall geht. Der Junge ist Amor Stein?«

Er nickte, bemerkte, dass Ilga ihn überhaupt nicht ansah, und räusperte sich. »Ja, Amor Stein. Der Rest des Teams ist gerade unterwegs, um sich noch mal am Tatort umzuhören.«

»Bei den üblichen Partygangstern? Und Geschöpfen der Nacht, dafür sind sie zu früh dran.«

»Wie kommst du denn da drauf?«

Ilga tippte auf Amors Foto. »Ich nehme an, Strichermilieu, wahrscheinlich schwul. Ich würde mich auch mal in der Drogenszene umhören.«

Konrad runzelte seine Augenbrauen. »Bitte?«

»Wegen der rosa Kapuzenjacke. Ist doch klar. Der ganze Kerl sieht aus wie ein schwuler Junkie.«

Konrad war konsterniert. Solche Sprüche erwartete er in erster Linie von Huber. Durfte es wahr sein und sein Gegenüber würde sich schon innerhalb der ersten Minute als voreilig und voller Vorurteile herausstellen?

Anscheinend sah Ilga das seinem Gesicht an. Sie brach in ein ansteckendes Gelächter aus, das tief aus ihrem flachen Bauch erklang und so rauchig in Konrads Ohren dröhnte, wie er es noch nie von einer Frau gehört hatte. »Siehst du Konrad, so ist das mit den Vorurteilen. Ich habe jeden Tag damit zu kämpfen. Das war gerade natürlich nur Quatsch. Ich wollte dir das nur mal vor Augen führen.«

Jedem anderen wäre Konrad böse gewesen, ihn gleich am Anfang so aufs Glatteis zu führen, doch irgendetwas war an diesem Mordsweib, dass er es ihr nicht übel nahm.

Ganz im Gegenteil stimmte er in ihr Gelächter ein.

Dienstag, 19.08.2014

Ettstraße, 8:00 Uhr

Konrad fühlte sich, als hätte er den Urlaub geträumt. Erst hatte er nicht schlafen können, weil ihm seine Wohnung fremd vorgekommen war. Um 4:48 Uhr beendete ein Donnerschlag seinen unruhigen Schlaf. Dass man in den Lokalnachrichten um 5:00 Uhr davon berichtete, dass ganz München wach geworden war, tröstete ihn auch nicht. Er war entnervt aufgestanden und hatte seinen Koffer ausgepackt, dabei eine Menge Sand verstreut und daraufhin gestaubsaugt und Wäsche gewaschen. Er nahm an, dass seine Nachbarn dankbar waren, als er seine Wohnung kurz nach sieben verlassen hatte.

»Guten Morgen.« Ilga saß an der kurzen Seite der beiden Schreibtische, die Konrad und Utzschneider der Länge nach zusammengeschoben hatten, und las.

Konrad rechnete ihr hoch an, dass sie nicht einfach auf einem von ihren Stühlen Platz genommen hatte. »Wie man es nimmt. War eine kurze Nacht.«

»Der Donner? Hat mich auch geweckt. Was steht heute an?« Ilga hob den Kopf nicht einmal von ihrer Lektüre.

»Da ich diese Ermittlung nicht leite, müssen wir warten, was Ralf meint. Besprechung ist um 8:30 Uhr. Kaffee?«

»Gern.« Ilgas Lektüre musste ungemein spannend sein, da sie ihn immer noch nicht angesehen hatte. Wenigstens war sie keine geschwätzige Frau.

Auf dem Flur begegnete er Katharina Faltermayer, der allerseits beliebten Sekretärin.

»Guten Morgen, Herr von Kamm. Mei, Sie sehen ja fantastisch aus, wenn ich das so sagen darf.«

Er bemerkte zu seinem Ärger, dass sich seine Wangen erwärmten. »Danke.«

»Ich habe schon Kaffee gemacht und die Berichte, die Herr Utzschneider heute Nacht geschrieben hat, sechs Mal ausgedruckt. Sie liegen im Besprechungszimmer.«

Konrad schmunzelte. So einsilbig Ilga Richter eben gewesen war, so munter plauderte Katharina. »Ist ja eine Schande mit dem Jungen. So ein hübscher Kerl und irgendwie auch niedlich.«

»Niedlich? Das hätte er sicherlich nicht gern gehört.«

»Das nicht, aber es ist so. Kindchenschema, würde ich sagen. Diese dunklen kreisrunden Augen, die kleine Nase, der Strubbelkopf. Und wenn ich dann noch lese, dass er noch nicht einmal einen Meter siebzig war, dann kann ich nur sagen, niedlich. Auch wenn der arme Bursche sicherlich darunter gelitten hat.«

Konrad nickte. Da hatte Katharina sicherlich recht. Er war auch nicht gerade ein Riese, aber er war froh, die ein Meter achtzig geknackt zu haben. Für einen Mann war es nie einfach, wenn er zu zierlich blieb. Konrad fiel Napoleon ein und dass man allgemein behauptete, dass kleine Männer Despoten wären. Vielleicht lag da ein Motiv? Dass sich Amor Stein mit jemanden angelegt hatte, der sich das nicht gefallen ließ? »Sehen Sie, schon haben Sie mir wieder geholfen.«

»Wirklich? Das freut mich. Zwei Kaffee? Für Utzschneider und Sie?« Katharina wollte schon die Zuckerdose öffnen, um Utzschneider ein Pfund Zucker in die Tasse zu schaufeln, als Konrad sie bremste. »Halt, die ist für unsere neue Kollegin. Ich weiß nicht, wie sie ihren Kaffee mag.«

»Für Ilga Richter. Und wie ist sie so? Also, außer riesig?« Katharina stellte die zwei gefüllten Tassen samt Zuckerdose und Milchkännchen auf ein Tablett.

»Wortkarg.« Konrad nickte Katharina dankend zu und verließ die Personalküche. Einen größeren Unterschied zwischen zwei Frauen konnte es kaum geben. Außer Ilga Richter war nur schüchtern und würde später auftauen.

Aidenbachstraße, Solln,

Familie Schrezlinger 10:00 Uhr

Die Fahrstuhlkabine war mit obszönen Sprüchen vollgeschmiert, das Treppenhaus roch nach Katzenurin und Kohl. Konrad verließ hinter Utzschneider den Lift, betrachtete den unordentlichen Stapel Kinder – und Sportschuhe, die vor der angesteuerten Wohnungstür lagen und hoffte, dass die dazugehörenden Kinder nicht zu Hause waren. Nachdem Utzschneider geklingelt hatte, war ihm klar, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung ging. Die Tür wurde aufgerissen, Bassklänge schallten auf den Flur, und eine etwa Dreijährige reckte ihnen ihren Bauch entgegen. Konrad blieb noch gerade Zeit, die Aufschrift Ich bin Papas Liebling auf ihrem T-Shirt zu lesen, als sie schon, das Martinshorn in erschreckend hohen Tönen imitierend, in den hinteren Teil der Wohnung schoss und Polizei, Polizei rief. Utzschneider drehte sich zu Konrad und grinste. »Könnte meine sein.«

Konrad wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als ein weiterer Hosenmatz, ebenfalls die Sirene nachjaulend, mit einem Polizeiauto in der Hand, über den Gang schoss. Von Erwachsenen war immer noch nichts zu sehen. Konrad klingelte erneut und trat in die Wohnung. Das Erste, was ihm auffiel, war die Sauberkeit und Ordnung, die herrschte. »Hallo? Ist jemand zu Hause? Kriminalpolizei, wir haben einen Termin.«

Außer den Bässen war nichts mehr zu hören. Konrad zuckte mit den Achseln und ging weiter. Utzschneider schloss die Tür und folgte ihm. Rechts lag eine große Küche sauber und still im Morgenlicht. Links ein Kinderzimmer mit einem Etagenbett und einer ausgeleerten Kiste Spielzeug. Konrad steuerte die nächste Zimmertür an und klopfte. Ein etwa achtzehnjähriges Mädchen lag auf einem Sitzsack, blickte auf ihr Handy und hob noch nicht einmal den Kopf, als Konrad erneut an den Türrahmen klopfte.

»Kopfhörer«, meinte Utzschneider und betätigte ein paar Mal hintereinander den Lichtschalter. »Mache ich daheim immer so.«

Es funktionierte. Sie riss den Kopf hoch und den Mund auf, als wollte sie gleich losbrüllen, zuckte zusammen und zog die Stöpsel der Kopfhörer aus den Ohren.

»Mann, haben Sie mich erschreckt.«

»Entschuldigung.« Utzschneider holte seinen Ausweis aus der Hosentasche und hielt ihn in ihre Richtung. »Wir sind mit Herrn und Frau Schrezlinger verabredet.«

»Die sind beim Beerdigungsinstitut. Sie sind wegen Amor da, oder?«

»Ja. Sind Sie der Babysitter?« Konrad überließ Utzschneider mit Vergnügen das Gespräch. Wenn er mit einer Altersklasse überhaupt nicht konnte, dann waren es Heranwachsende, Pubertierende und Kinder. Also eigentlich mit überhaupt niemanden, der nicht über dreißig war, machte er sich klar. Er hatte keine Kinder, und er war mehr als froh darüber.

»Nö. Ich gehöre zur Familie. Amor war mein Halbbruder, genauso wie die Monster da draußen.«

»Und Ihr Name?«

»Mellie. Melanie Stein.«

Utzschneider warf Konrad einen Blick zu, den er nicht ganz deuten konnte. Allerdings war er erstaunt. Warum hatte Lommel nichts von einer Melanie Stein gewusst?

»Weißt du irgendwas, was uns weiterhelfen könnte? Kennst du die Bekannten von Amor oder seine Freunde? Weißt du, mit wem er sich zuletzt rumgetrieben hat?«

Mellie stand auf und streckte sich. Konrad stellte fest, dass sie kaum Ähnlichkeit mit Amor hatte. Außer dem dunklen Haar und den dunklen Augen. Sie war groß, athletisch und hatte ein Kreuz wie ein Ringer. Auch ihre Oberarme waren stark trainiert und stellten eine ziemliche Diskrepanz zu ihrer schmalen Taille dar. Wenn er sich Amor neben ihr vorstellte, wäre er sicherlich einen Kopf kleiner gewesen und hätte gewirkt wie ihr kleiner Bruder. Dabei musste es doch andersherum sein, wenn er sich nicht täuschte.

»Amor war der Älteste von euch, oder?«

Mellie nickte. »Ja. Mein großer, kleiner Halbbruder. Und nein, ich weiß eigentlich überhaupt nichts von ihm. Wir haben uns aus den Augen verloren, seitdem er ausgezogen ist.«

»Ausgezogen?« Utzschneider verzog sein Gesicht.

»Okay, rausgeflogen ist. Peter hat ihn rausgeschmissen.«

»Dein Vater hat ihn also rausgeschmissen. Warum?«

»Stiefvater. Wegen der Drogen. Aber das wissen Sie doch sicherlich.«

»Ansonsten keine Ahnung, was er so getrieben hat?«

»Keinen Plan. War mir auch ziemlich egal. Wir waren nicht so die Nummer großer Bruder, kleine Schwester.«

Konrad hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte und trat in den Flur. Der Eindruck des Paars, das in die Wohnung eintrat, sagte ihm mehr als tausend Worte. Peter Schrezlinger warf den Schlüsselbund in eine Schale im Eingang und zuckte zusammen, als er Konrad sah. Sein Gesicht, das gerade noch wutverzerrt erschien, glättete sich im nächsten Augenblick, als er auf ihn zuging.

Die Frau, die hinter Peter Schrezlinger in die Wohnung getreten war, hatte die Tür leise geschlossen, und Konrad erkannte an ihrer Körperhaltung, dass sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlte. Die Schultern waren nach vorn gezogen, der Kopf tief zwischen die Schultern, was ihr einen Ausdruck von geprügeltem Hund gab. Dabei war Annette Schrezlinger eine durchweg schöne Frau. Jetzt wusste Konrad, von wem Amor seine hübschen Gesichtszüge geerbt hatte. Und den zierlichen Körperbau. Frau Schrezlinger gehörte eindeutig den Frauen an, die es an sich hatten, dass man als Mann sofort den Beschützerinstinkt ausgrub.

Konrad setzte sich in Bewegung. »Verzeihen Sie, falls wir sie erschreckt haben. Eines Ihrer Kinder hat uns die Tür geöffnet. Mein Name ist von Kamm, wir haben telefoniert.«

Peter Schrezlinger streckte ihm eine Hand entgegen und sah ihm in die Augen. »Wir sind zu spät. Annette hat getrödelt. Wir müssen uns entschuldigen.« Bei diesen Worten zog er seine Frau am Arm auf seine Höhe.

Annette Schrezlinger gab Konrad die Hand und knickste leicht. »Ich habe mich zu entschuldigen. Mein Mann hat recht, ich habe die Zeit vergessen. Möchten Sie einen Kaffee?«

Konrad nickte. Nicht, weil er schon wieder einen Kaffee brauchte, sondern weil er die Zeit benötigte, um dieses für ihn jetzt schon merkwürdige Ehepaar länger in Augenschein nehmen zu können.

Utzschneider trat hinzu und stellte sich ebenfalls vor, dann wurden sie ins Wohnzimmer gebeten. Die Kinder, die sich bis dato vor dem Fernseher aufgehalten hatten, wurden mittels eines Blicks des Raumes verwiesen. Konrad fragte sich einen Augenblick, ob er zu der Erziehung gratulieren sollte, als Peter Schrezlinger zwischen den Zähnen ein »Dafür gibt’s nachher einen heißen Arsch« zischte.

Annette Schrezlinger servierte den Kaffee, Utzschneider holte sein Smartphone hervor und fragte, ob er die Unterhaltung aufzeichnen dürfe, und dann sahen alle zu Konrad.

»Es tut uns furchtbar leid, dass wir Sie behelligen müssen, aber der Tod Ihres Sohnes wirft Fragen auf.«

»Wir helfen, wo wir können.« Peter Schrezlinger schnupperte an seinem Kaffee, nahm einen Schluck und nickte. »Der Tod Amors hat meine Frau sehr getroffen. Er war ihr Liebling.«

Konrad sah zu Annette Schrezlinger, die ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche zog, es allerdings nicht zu ihren Augen führte, sondern es zwischen ihren Handflächen knetete. »Ich habe alle gleich lieb. So stimmt das nicht. Amor hat nur am meisten Unterstützung gebraucht.«

»Wenn du dein Verhätscheln so nennen möchtest.« Peter Schrezlinger wandte sich wieder an Konrad. »Haben Sie Kinder?«

Konrad schüttelte den Kopf, und es war an Utzschneider, sich einzuschalten. »Ich habe drei.«

»Dann verstehen Sie sicherlich, was ich meine, wenn ich sage, dass man diesen kleinen Tyrannen nicht die Oberhand lassen darf. Der kleine Finger - die ganze Hand, sage ich immer zu meiner Frau. Als ich Annette kennengelernt habe, hatte sie bereits zwei Kinder, aber das hat mir nichts ausgemacht, weil ich immer einen ganzen Stall davon voll haben wollte. Allerdings habe ich unterschätzt, wie schwierig eine vernachlässigte Erziehung in den ersten Lebensjahren wieder auszubügeln ist. Bei Mellie, die gerade mal ein Jahr alt war, als ich meine Frau kennengelernt habe, ging es noch. Bei Amor war von Anfang an alles in Schieflage. Weil Annette mit ihrer falsch gemeinten Liebe den Jungen versaut hat.«

»Peter. Das will doch jetzt keiner hören.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Die Polizei ist da, um rauszufinden, was Amor widerfahren ist. Und ich habe dir schon immer gesagt, dass wer sich in Gefahr bringt, darin umkommt. Und so, wie sich dein sauberer Herr Sohn aufgeführt hat und mit welchen zwielichtigen Gestalten er sich eingelassen hat, so ist er auch gestorben. Erschlagen wie ein räudiger Hund.«

Konrad hätte erwartet, dass Annette Schrezlinger auf diese harschen Worte ihres Mannes in Tränen ausbrach, aber eine gänzlich andere Reaktion war auf ihrem bleichen, gefassten Gesicht zu sehen: Trotz.

»Das sehe ich nicht so und habe ich auch nie. Amor war ein sehr sensibles und liebes Kind. Er ist vielleicht nicht ganz klargekommen mit dem, was ich ihm vorgelebt habe, und darum trage ich die größte Schuld an seinem Tod. Aber zu sagen, dass Amor an seinem Tod selbst schuld ist, ist nicht richtig.«

»Sie sagen zwielichtige Gestalten. Kennen Sie jemanden genauer? Namen? Orte, an denen sich Amor zuletzt aufgehalten hat? Freunde?«

Annette Schrezlinger schüttelte den Kopf. Peter Schrezlinger gab nur ein Brummen von sich.

»Also haben Sie keine Ahnung, was Ihr Sohn innerhalb der letzten … wann ist er ausgezogen?«

»Im Frühjahr habe ich ihn rausgeschmissen.« Peter Schrezlingers Worten war keine Scham anzuhören. Ganz im Gegenteil schwang Stolz in seinen Worten mit. »Ich hatte ihn gewarnt. Noch einmal Probleme mit der Polizei und er ist draußen. Sie kennen sicherlich seine Akte. Er hat sich wieder erwischen lassen, und da war es dann so weit. Ich habe ich es nicht nötig, mir auf der Nase herumtanzen zu lassen. Von einem Bürscherl, das der Meinung war, dass er etwas Besseres wäre.«

»Frau Schrezlinger, Amors Vater …« Utzschneiders Versuch, Annette Schrezlinger ins Gespräch zu ziehen, scheiterte dadurch, dass die Wohnzimmertür geöffnet wurde und eine ältere Frau den Raum betrat. Sie trug einen unmodern gewordenen Putzkittel, aus dem beigefarbenen Stützstrümpfe hervorsahen. Die Frisur passt ebenfalls in die sechziger Jahre. Konrad war fasziniert. So hatte die Putzfrau ausgesehen, die seine Mutter eingestellt hatte. Das musste mindestens vierzig Jahre her sein, machte er sich klar und unterdrückte ein Seufzen.

»Meine Mutter.« Peter Schrezlinger nickte seiner Mutter zu, die im Türrahmen stehen blieb und Annette Schrezlinger, wie es schien, mit ihrem Blick röntge.

Ohne auch nur zu grüßen, wetterte die Alte los. »Die Schuhe der Kinder lagen mal wieder verstreut im Hausflur herum. Wie oft muss ich noch sagen, dass ich diese Schlamperei nicht dulde.«

Annette Schrezlinger sagte kein Wort, doch Konrad sah, wie sich die Haut an ihrem Hals rötlich verfärbte.

»Sie wohnen auch hier?« Konrad hoffte, so das Lamento der Alten abzuwürgen.

»Gott bewahre. In diesen Saustall bekämen mich freiwillig keine zehn Pferde. Ich wohne gegenüber.«

Konrad hatte ein Problem in der ausnehmend sauberen Wohnung, mit Frau Schrezlinger Seniors Aussage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. »Können Sie uns etwas über Amor erzählen? Etwas, das zur Aufklärung seines Todes hilfreich wäre?« Er beeilte sich, den zweiten Satz hinterherzuschieben, war sich aber bereits sicher, dass er auf verlorenem Posten stand. Wie eine Staumauer, die brach, ließ Frau Schrezlinger Senior die verbale Gülle über dem armen Jungen los.

Wenn man Konrad gefragt hätte, das einzige Wort, was ihm zu Ehemann und Mutter einfiel, war erschütternd. Er war noch erschüttert, als er ins Auto stieg. Hätte Amors Mutter ihn nicht bei der Verabschiedung zur Seite genommen und versprochen, ihm morgen um 11:00 Uhr auf dem Präsidium einen Besuch abzustatten, hätte er den gesamten Ausflug als einen Reinfall sehen müssen.

Utzschneider zündete sich eine Zigarette an und dachte anscheinend überhaupt nicht daran, den Wagen zu starten. »Bei solch einer Schwiegermutter, brauchst du kein Fegefeuer mehr. Die hat ja nichts Gutes an dem Jungen oder seiner Mutter gelassen. Die arme Frau.«

Konrad nickte. »Wie die Schrezlinger das aushält, weiß ich auch nicht. Aber vielleicht erfahren wir das morgen.«

»Hoffen wir es. Also wenn Amor seine Oma über die Klinge hätte springen lassen, wäre ich jedenfalls nicht erstaunt. Ich dachte, ich hätte eine fürchterliche Schwiegermutter, aber das toppt alles.«

Konrad stimmte mit einem Brummen zu.

Utzschneider ließ den Wagen an. »Wie ist denn eigentlich deine? Von der habe ich noch nie was gehört.«

»Meine?« Konrad wusste im Moment nicht, worauf Utzschneider hinauswollte.

»Ja, dein Schwiegerdrachen. Wie kommst du mit der aus?«

»Sabines Mutter ist bei der Geburt gestorben. Eine Schwiegermutter habe ich nicht.«

»Na, dann sei froh. Meine kommt morgen. Weißt du, was sie gesagt hat? Sie wolle das Haus putzen, bevor Daniéle und die Kinder wiederkämen. Damit es nicht aussehen würde wie bei Hempels unterm Sofa. Als ob ich den Haushalt nicht selbst sauber halten könnte. Kannst du dir das vorstellen? Die quartiert sich bei mir ein und ich kann nichts dagegen tun.«

»Glaube ich nicht.«

»Was glaubst du nicht? Dass sie sich einquartiert, oder dass ich nichts dagegen tun kann?«

»Du wirst dich doch gegen deine Schwiegermutter durchsetzen können.«

»Da kennst du meine nicht. Sei froh, dass du keine hast.«

Konrad war Utzschneider im Stillen dankbar, dass er nicht nach seinem Schwiegervater gefragt hatte. Dann hätte er etwas zu erzählen, was er allerdings nicht tun würde. Er wechselte, wie er hoffte, unauffällig das Thema zurück zum Fall. »Hat Melanie Stein noch etwas gesagt?«

»Indem sie nichts gesagt hat, ja.« Utzschneider setzte den Blinker nach rechts und bog in die Hofbrunnstraße ein. »Meiner Meinung nach konnte Melanie ihren Bruder nicht sonderlich leiden. Ich würde mich sogar so weit aus dem Fenster hängen, zu behaupten, dass sie regelrecht eifersüchtig auf ihn war. Warum hat sie mir nicht gesagt, aber vielleicht erfahren wir es, wenn wir morgen mit der Schrezlinger allein sprechen. In dieser Kombination war das ja kaum möglich. Meinst du, er schlägt sie?«

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Ich weiß nicht, irgendwie hat sie so einen Eindruck auf mich gemacht. Die ganze Körperhaltung. Ungesund auf alle Fälle.«

Konrad dachte an den Satz, den Schrezlinger seinen Kindern hinterhergezischt hatte. Es war durchaus möglich, dass Herr Schrezlinger seine Familie mit häuslicher Gewalt regierte. Aber ob er auch so weit ging, seinen ältesten Ziehsohn zu erschlagen?

Schönstraße – Konrad von Kamms Wohnung – 19:50 Uhr

Konrad stellte das Weißbier für Utzschneider kalt, sah sich in seiner Wohnung um und fand leider keinen Grund mehr, sich vor dem bevorstehenden Telefonat zu drücken. Er ließ sich auf sein Sofa fallen und drückte schicksalsergeben die Nummer auf der Kurzwahltaste seiner Mutter.

»Von Kamm.« Hildegard von Kamm meldetet sich schneller, als Konrad ein Freizeichen vernommen hatte.

»Mutter, wie schön, dass ich dich gleich erreiche.«

»Wieso solltest du mich nicht erreichen? Ich bin ja schließlich an einen Rollstuhl gefesselt und kann mich nicht tagelang in der Weltgeschichte rumtreiben wie du. Schön, dass ich erfahre, dass mein undankbarer Sohn den Flug überlebt hat. Wenn es Kati nicht gäbe, müsste ich am Flughafen nachfragen, ob die Maschine sicher gelandet ist.«

»Du hättest den Absturz sicherlich schon aus den Nachrichten erfahren. Wie geht es dir?«

»Wie soll es mir schon gehen, wenn ich hier im Altenheim vor mich dahinvegetiere, während du dir die Sonne auf den Bauch scheinen lässt?«

Wenn Konrad nicht gewusst hätte, dass jedes Wort seiner Mutter eine blanke Übertreibung war, hätte er wirklich ein schlechtes Gewissen bekommen. Da er die monatlichen Kosten, die das hochherrschaftliche Pflegeheim in der Au verursachte, übernahm und wusste, wie viele Freunde und Freude seine Mutter dort hatte, blieb er gelassen. »Schön zu hören, dass dir weiter nichts fehlt.«

»Ha, das sagst du. Ich brauche unbedingt, wenn du das nächste Mal kommst, eine Flasche Havanna Club. Aber nimm den Alten. Nicht das billige Zeug. Und Limetten und braunen Zucker.«

»Du willst doch keinen Mojito machen?«

»Doch, genau das will ich. Ich lese gerade in meiner Literaturgruppe Hemingway und finde das passend.«

Konrad musste an sich halten, nicht laut zu lachen. Seine Mutter war immer für eine Überraschung gut. »Dann brauchst du auch noch Minze.«

»Ich sehe, wir haben uns verstanden. Wann kannst du kommen? Jaja, du brauchst gar nicht zu antworten. Ein Toter in den Isarauen, gerade erst gelandet. Ich verstehe schon, ich stehe in der Reihe ganz hinten. Wenn du es dann irgendwann mal schaffen solltest, vergiss die Minze nicht. Guten Abend, Konrad.«

Konrad sah erstaunt auf sein Telefon, blickte zur Uhr und lachte. Es war Punkt acht Uhr, und seine Mutter verpasste ungern die Nachrichten.

Kopfschüttelnd wechselte er zurück in seine Küche, als seine Türglocke ging. In der Annahme, es sei Utzschneider, öffnete er die Wohnungstür, wartete aber nicht ab, bis dieser in den sechsten Stock gestiegen kam, sondern holte ihm schon einmal das versprochene Weißbier aus dem Kühlschrank. Er hörte Schritte, nahm sein gefülltes Weißweinglas und Utzschneiders Bierflasche und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle der Küchentür stehen.

Es war nicht Utzschneider, der in seinem kleinen Eingangsflur stand, sondern die bullige Statur seines Schwiegervaters.

Als ob sich der Spruch bewahrheiten würde – wenn man vom Teufel spricht, oder nur an ihn denkt. Konrad hätte vor Schreck fast sein Glas fallen gelassen.

»Ich sehe, ich komm ungelegen. Du erwartest Besuch. Damenbesuch, nehme ich an.« Ludwig Zöpf, der noch nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass er Konrad nicht ausstehen konnte, maß ihn mit einem Blick, den Konrad höchstens auf einen Auswurf eines Außerirdischen geworfen hätte. »Um es kurz zu machen, Conny. Ich war immer gegen die Ehe von dir und der Biene. Aber ihr habt da eine Abmachung, und an die erinnere ich dich jetzt. Als du meine Kleine geheiratet hast, hast du gesagt, bis dass der Tod uns scheidet. Ich wiederhole: Bis zum Tod. Nicht Scheidung. Wenn du die Scheidung nicht sofort zurücknimmst, dann wirst du dich schon von der Biene trennen, aber anders, als du dir das vorgestellt hast. Hast du mich verstanden?«

Konrad merkte, wie ihm dieser selbstgefällige Bauerndepp, wie er ihn schon immer im Stillen genannt hatte, auf den Wecker ging. Was bildete er sich eigentlich ein? Kam ohne Einladung in seine Wohnung und machte ihn doof an. Wer war denn an Weihnachten zu seinem Liebhaber abgehauen. Er oder Sabine? Konrad versuchte noch, seinen Zorn runterzuschlucken, der ihn immer überkam, wenn er Sabines Vater sah, aber es war zu spät. »Weißt was, Ludwig, am besten machst du ganz schnell, dass du wieder auf dein Kuhdorf kommst und dich um deine Sachen kümmerst. Was zwischen mir und Sabine läuft, geht dich nichts an, wir sind nämlich erwachsene Leute. Jetzt machst du, dass du aus meiner Wohnung kommst, sonst …«

»Holst du die Polizei … Du brauchst dich nicht so aufzublasen, du Vorstadtheini, du pädophiler. Du hast es mir damals in die Hand versprochen, dass du dich um die Biene kümmern wirst. Ein Leben lang. Und wenn du ein wenig Charakter hättest, würdest du dein Versprechen halten. Ich sag’s dir nur diesmal, Herr von und zu. Trenn dich von ihr und du wirst es bereuen.«

»Ja Himmel Herrgott noch amal. Wer ist zu seinem Fitnessguru? Ich oder deine Tochter?« Konrad schnappte nach Luft und hätte gern seinen letzten Satz zurückgeholt, aber es war zu spät. Warum war Ludwig Zöpf auch der einzige Mensch auf der Welt, der ihn regelmäßig aus dem Konzept brachte?

Ludwig wurde blass. »Sag des noch mal.«

Konrad schüttelte den Kopf. Es würde nichts nutzen, jetzt etwas anderes zu behaupten. »Sabine und ich sind uns einig. Du musst nicht …«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich Ludwig um und stürmte aus der Wohnungstür.

Konrad musste sich setzen. Ihm zitterten die Knie. Dann nahm er sein Telefon und wählte Sabines Nummer. Wie immer ging sie nicht ran. Er hörte wohl zum millionsten Mal ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter, er beschwor sie, nicht die Tür aufzumachen, aufzupassen. Er rief noch einmal an und wiederholte die Warnung. Rief wieder an, da wurde er von einem Räuspern unterbrochen.

»Was ist denn mit dir passiert, Konrad?« Utzschneider stand im Wohnzimmer.

»Nix.«

»Also für Nix siehst du etwas echauffiert aus.«

Konrad hatte keine Lust, darüber zu reden. Alles, was er zur Erklärung hervorholen müsste, tat einfach zu weh.

Allerdings wunderte er sich auch nicht, dass er heute keine Partie Schach für sich entscheiden konnte.

Mittwoch, 20. August 2014

Ettstraße, 9:00 Uhr

Konrad blickte in den Spiegel, und was er sah, gefiel ihm nicht. Er war erst seit drei Tagen wieder in Deutschland und schon bildeten sich dunkle Ränder unter seinen Augen, die ihm mit geschwollenen Lidern entgegensahen. Es konnte doch nicht wahr sein, dass er in kürzester Zeit wieder an dem Punkt angelangt war, an dem er vor noch nicht einmal vierzehn Tagen gestanden hatte. Die Erholung war dahin, macht er sich klar und wandte sich ab. Die Bräune, die ihn noch zierte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er verkatert, müde und nervös war. Nach der dritten für ihn glücklosen Partie Schach war Utzschneider endlich gegangen und hatte Konrad ermöglicht, erneut bei Sabine anzurufen. Ebenfalls glücklos. Konrad hätte sich in den Hintern beißen mögen, dass er seinem Schwiegervater wieder einmal aufs Glatteis gefolgt war. Und eingebrochen. Wie schaffte es dieser ungehobelte Mensch, ihn jedes Mal aus der Reserve zu locken? Für Konrad war es nichts Neues, dass Ludwig ein Arschloch war. Das wusste er schon mehr als achtundzwanzig Jahre lang. Das erste Zusammentreffen damals stand unter keinem guten Stern und es sollte so bleiben. Konrad konnte sich nur keinen Reim darauf machen, warum Ludwig bereits wusste, dass er Sabine über seinen Anwalt die Scheidungspapiere hatte zukommen lassen. Das war etwas, was nicht in seinen Kopf wollte. Sabine musste doch wissen, wie ihr Vater auf eine Scheidung reagieren würde. Er merkte, wie das Gedankenkarussell erneut von ihm Besitz ergriff und sah zum vielleicht hundertsten Mal auf sein Handy. Keine Nachricht von Sabine, dafür eine von Utzschneider.

Er teilte ihm mit, dass Patricia und er noch vor dem Präsidium zum Campingplatz in Thalkirchen fuhren. Lommel könne ihm alles erklären. Konrad fühlte sich nicht nur körperlich neben der Spur. Was konnte ihm Lommel erklären?

Die Tür zu Lommels und Patricias Büro stand auf, Lommel saß hinter seinem Bildschirm, als er an den Rahmen klopfte. »Guten Morgen, Uwe.«

Lommel hob den Kopf. »Morgen.« Uwe war ein ausgesprochen netter Kollege, weil er noch nie etwas über seine Befindlichkeiten gesagt hatte, auch wenn sie für ihn wahrscheinlich offensichtlich waren. »Ralf hat gemeint, du könntest mir erklären, warum er und Patricia zum Campingplatz gefahren sind.«

»Klar. Ich habe gestern Nacht noch etwas Interessantes entdeckt.« Lommel zeigte auf einen Ausdruck, der neben seiner Tastatur lag. »Der Campingplatz, auf dem unser Toter gewohnt hat, hat letzte Woche Anzeige wegen Brandstiftung gestellt.«

»Und?«

»Ich bin der Sache nachgegangen. In den Daten, die unsere Kollegen aufgenommen haben, stand, dass es sich um das Zelt von Amor Stein handelte, das in Flammen aufgegangen ist. Man hat keinen Täter finden können, wie meistens bei Anzeige gegen Unbekannt. Ich fand das nur im Zusammenhang mit einem späteren Todesfall beachtlich.«

»Das ist es allerdings. Gute Arbeit, Uwe.« Konrad überlegte, was die Brandstiftung mit dem Tod des Jungen zu tun haben konnte. War das bereits der erste Mordversuch gewesen?

»Ich habe mir überlegt, ob das der erste Anschlag war. Allerdings wurde das Zelt mitten am Tag abgefackelt. Es hatte an dem Tag, das habe ich nachgesehen, fünfundzwanzig Grad. Es war also nicht davon auszugehen, dass sich Amor Stein im Zelt befand, als es zerstört wurde. Aber vielleicht war es eine Warnung?«

»Das wäre möglich. Mitten am Tag, sagst du? Und keiner hat etwas gesehen?«

»Laut Aussagen, keiner.«

»Merkwürdig.«

»Darum sind Utzschneider und Patricia rübergefahren. Utzschneider meint, dass er es allein schon verdächtig findet, dass das niemand bei ihrem ersten Besuch erwähnt hat.«

»Da stimme ich ihm zu. Na dann warten wir, was sie zu berichten haben. Besprechung ist um 10:00 Uhr?«

Von Lommel kam nur noch ein zustimmendes Brummen. Er hatte sich bereits wieder an seinen Computerbildschirm geheftet.

Besprechungszimmer, Soko Stein,

10:00 Uhr

Konrad stand vor dem Whiteboard, betrachtete die Fotos und wartete auf seine Kollegen. Zunächst kam Huber, der ihm zunickte und ein Salamibrot auspackte, dann Lommel, schweigsam wie immer, zuletzt Ilga, die auch nicht mehr als einen Morgengruß über die Lippen brachte. Konrad sah sich in der Runde um und spürte die Resignation.

Amor Stein war vor drei Tagen tot aufgefunden worden, und bisher hatten sie nichts in der Hand. Er hoffte auf das Treffen mit Amors Mutter, setzte allerdings auch nicht darauf, dass sie Licht ins Dunkel bringen würde. Allerdings war er rein menschlich gespannt auf sie. Gestern hatte sie kein Zeichen der Trauer gezeigt. Ob das am Zusammensein mit ihrem Mann lag, oder ob sie wirklich keine Trauer verspürte, dass ihr ältester Sohn ermordet worden war? Konrad konnte sich das nicht vorstellen. Ihm waren in seiner Karriere schon manche Mitmenschen begegnet, die sonderbar kühl wirkten, wenn es um den Tod eines nahestehenden Menschen ging, aber spätestens, wenn sie realisiert hatten, dass der Tote wirklich und unwiderruflich tot war, überkam sie die Trauer.

Patricia und Utzschneider betraten den Raum, gefolgt von Meier, der sich ausgesprochen freute, Konrad endlich begrüßen zu dürfen.

Utzschneider wartete, bis sich alle gesetzt hatten. »Patricia und ich kommen gerade vom Thalkirchener Campingplatz. Leider sind wir immer noch nicht schlauer als zuvor. Die Typen gehen mir so etwas von auf den Zeiger. Die bekommen das Maul nicht auf. Patricia, erzähl du.«

»Viel gibt es nicht zu berichten. Der Betreiber, Christian Reiser, seine Frau Micki Ritter und die Köche haben uns nichts erzählt, was wir nicht schon wussten. Amors Zelt wäre einer Brandstiftung zum Opfer gefallen. Sie hätten Anzeige erstattet. Amor hätte das nicht gewollt, ihm war das Ganze anscheinend unangenehm gewesen. Sie hätten nicht an den Vorfall gedacht. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, wer das Zelt in Brand gesetzt hat, kam nur die lapidare Aussage, dass man sich bei Stonie alles vorstellen könne. Weitere Aussagen: Wahrscheinlich habe er was mit Drogen am Hut gehabt, wisse man nicht so genau. Nicht hier am Campingplatz, sonst wäre er rausgeflogen.« Patricia hob die Schultern. »Das ist eine zähe Gesellschaft, das kann ich euch sagen. Die reden kein Wort zu viel.«

»Ich hätte gut Lust, jeden einzelnen aufs Revier zu schleifen, aber das bringt wahrscheinlich auch nichts. Jedenfalls würde ich sagen, ist das eine Sackgasse. Meiner Meinung nach sollten wir uns weiterhin auf die Drogenszene konzentrieren.«

»Habt ihr auch gefragt, wo Amor Stein geschlafen hat, nachdem man sein Zelt unbrauchbar gemacht hat?«, meldete sich Ilga zu Wort.

»Haben wir. Laut Aussage des Betreibers hätte Stonie nie Probleme gehabt, irgendwas zum Schlafen zu finden. So wäre er überhaupt auf den Campingplatz gekommen. Mit einer Touristin aus Holland, die schon lange wieder weg ist. Er hat sich anscheinend Unterkunft für Unterkunft gesucht und schlussendlich ein stehen gelassenes Zelt bewohnt. Dann allerdings offiziell. Also er hat dafür gezahlt.«

»Stellt sich allerdings die Frage, warum er länger bleiben durfte, als es die Satzung erlaubt. Wie ich den Vorschriften entnehme, darf man nur zwei Wochen dort absteigen.« Lommel klopfte mit seinem Bleistift auf einen Ausdruck.

»Dazu haben wir keine richtige Aussage bekommen, wenn man von Christian Reisers sarkastischem Spruch absieht, dass seine Frau einfach ein zu weiches Herz hätte.« Utzschneider schüttelte den Kopf.

»Christian Reiser ist hochgradig eifersüchtig, und beschuldigt seine Frau, ein Verhältnis mit dem Verstorbenen gehabt zu haben.« Ilga biss sich auf die Unterlippe, als alle ihren Kopf zu ihr drehten. Kurzfristig legte sich Stille über den Raum, selbst Huber hörte auf zu kauen.

»Woher nimmst du diese Weisheit?« Utzschneiders Stimme war eine in Konrads Ohren unbekannte Schärfe zu entnehmen.

»Ich habe mich gestern dort umgesehen und ein paar Gespräche am Nachbartisch verfolgt.« Ilga hob abwehrend die Hände. »Ich nehme an, hier heißt es auch keine Alleingänge, aber ich wollte mir ein Bild von diesem Campingplatz machen.«

»Und da bist du da mal eben hin und hast dich an den Tisch gesetzt und die haben dir alles erzählt?«

»Ich bin da hin und habe gesagt, dass ich Camperin bin. Dass mein Caravan in Obermenzing steht, mir aber Thalkirchen als der bessere Campingplatz empfohlen wurde und ich gern eine Floßfahrt machen wollte. So bin ich ins Gespräch gekommen. Durch Camperlatein, wenn ihr es genau wissen wollt.«

»Du bist also Camper, nehme ich an.«

»Ja. Und ich stehe wirklich in Obermenzing.« Ilgas Blick suchte in der Gruppe anscheinend ein Augenpaar, an dem sie sich festhalten konnte, bevor sie weitersprach. Ihr Blick blieb auf Konrad gerichtet, als sie fortfuhr. »Ich habe mir überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, dass ich wirklich umzöge. Allerdings brauche ich, wenn ihr das befürwortet, einen Mann. Den habe ich nämlich dummerweise erfunden.«

»Du meinst als undercover, oder so ähnlich?« Patricias Lächeln war nicht unfreundlich, als sie ihre Frage stellte, eher skeptisch.

»So in der Art. Ich habe in allen Berichten gelesen, dass dieses Völkchen an der Isar nicht gesprächig ist. Mit mir haben sie geredet. Ich meine ja nur …«

»Das ist vollkommener Quatsch«, schnitt ihr Utzschneider das Wort ab. »Mit so etwas kommen wir bei unserem allgemein geliebten Staatsanwalt nie durch. Der wird dir erklären, dass du Urlaub auf Staatskosten machen willst. Vergiss es.«

Ilga zuckte mit den Achseln, und Konrad sah, wie sich ihr Gesicht verschloss.

»Aber immerhin hat Ilga was rausgefunden, was wir bisher nicht wussten: Christian Reiser war also eifersüchtig auf Amor Stein und beschuldigt seine Frau«, Konrad musste auf einen Ausdruck spicken, »Micki Ritter, mit ihm ein Verhältnis gehabt zu haben. Soweit habe ich das richtig verstanden, Ilga?« Er hoffte, sie damit zu motivieren, nicht aufgrund Utzschneiders harscher Art den Kopf einzuziehen.

»So habe ich es rausgehört.«

»Also ich lade die jetzt vor.« Utzschneider stand auf.

Konrad fragte sich, warum es Utzschneider so schwerfiel, Ilgas kleinen Ausflug zu verzeihen. Warum er nicht freundlicher war. Er sah auf seine Uhr. »Frau Schrezlinger müsste jeden Moment da sein. Ilga, magst du mit mir das Gespräch führen?«

Ilgas Gesicht drückte die Erleichterung aus, die sie vor der Tür durch das heftige Ausstoßen ihres Atems demonstrierte.

»Danke, Konrad. Da ging ein Schuss ziemlich nach hinten los. War blöd von mir.«

»Demnächst kommst du mit solchen Geschichten lieber erst zu mir. Könnte sein, dass du irgendwann mal von unseren Kollegen hörst, dass ich aus verständlichen Gründen kaum etwas gegen Alleingänge sagen kann.« Konrad grinste Ilga an und sah, dass sie seinen Wink mit dem Zaunpfahl verstanden hatte.

»Mache ich.«

Vernehmungszimmer, Ettstraße, 11:00 Uhr

Frau Schrezlinger trat, begleitet von Katharina Faltermayer, ins Zimmer und wirkte genauso schüchtern auf Konrad, wie er sie schon gestern wahrgenommen hatte. Katharina versprach, drei Tassen Kaffee zu bringen.

»Frau Schrezlinger, ich danke Ihnen, dass Sie zu uns gekommen sind. Wie sie sicherlich verstehen, müssen wir so viel wie möglich über Amor erfahren.« Konrad übernahm die Rolle des Redens, Ilga hatte ein Notizbuch aufgeschlagen und begrüßte Frau Schrezlinger mit einem Kopfnicken.

»Sicherlich. Es ist alles so schrecklich. Ich habe das Ganze noch gar nicht richtig realisiert. Dadurch, dass Amor nicht mehr bei uns lebte und ich ihn die letzten Monate kaum mehr zu Gesicht bekommen habe, hat sich ja vordergründig erst einmal kaum etwas geändert.«

Konrad hatte genau so etwas angenommen und verstand, was sie ihm sagen wollte.

»Ich habe immer das Gefühl, er würde einfach wieder durch die Tür kommen und alles wäre nur ein schlimmer Traum.«

»Wann haben Sie Ihren Sohn das letzte Mal gesehen?« Konrad tat sein Gegenüber leid.

»Das ist schon über drei Monate her. Er war an meinem Geburtstag bei uns. Ich hatte ihn eingeladen und er kam. Allerdings blieb er nicht lange.«

»Warum?«

»Peter und er bekamen Streit. Wie meistens. Oder besser gesagt wie immer, seitdem ich mit ihm verheiratet bin. Ab da begann … Und dann wurde es auch so schwierig mit Mellie und ich konnte doch nicht wegen der Zwillinge …« Frau Schrezlinger holte Luft, kämpfte eindeutig mit ihrer Fassung und band sich ihren bis dato tadellos sitzenden Pferdeschwanz neu.

»Wie wäre es, Sie erzählen uns alles von Anfang an? Also nur, wenn Sie wollen.« Konrad überkam das unheimliche Gefühl, dass er den Nachsatz nicht hätte sagen müssen, da sich sein Gegenüber bei seiner vorgehenden Frage augenblicklich entspannte. Es war sonderbar, aber manche Menschen warteten direkt darauf, endlich ihre Geschichte erzählen zu dürfen. Es musste die Einsamkeit sein, in der sie sich selbst, oder gerade Eheleute befanden, machte er sich klar und lehnte sich zurück, um Frau Schrezlinger zu signalisieren, dass er alle Zeit der Welt hätte.

Katharina brachte den Kaffee, Frau Schrezlinger nutzte die Zeit anscheinend, um ihre Gedanken zu ordnen, denn als sie anfing zu reden, war jede Unsicherheit aus ihrer Stimme verschwunden und Konrad kam nicht umhin, sie zu bewundern.

»Ich war ein Groupie, wie man das so salopp nennt. Ich habe meinen verstorbenen Mann, Alois Stein, backstage kennengelernt. Ich war damals in den Drummer der Stumbling Blocks verliebt. Nachdem ich Alois kennenlernte, war der Drummer allerdings sehr schnell vergessen. Als ich achtzehn wurde, haben wir geheiratet. Amor war schon auf dem Weg, und Alois hat nicht eine Sekunde gezögert, als ich ihm sagte, dass ich schwanger wäre. Er hat mich vom Fleck weggeheiratet. Es war eine wilde, aber auch schöne Zeit. Er hat uns sehr verwöhnt, und ich habe ihn wirklich geliebt.« Frau Schrezlinger trank einen Schluck Kaffee. »Dann starb mein Mann an Krebs und ließ uns allein.«

Konrad fragte sich einen Moment, ob er eine Zwischenfrage nach dem Erbe stellen sollte, entschied sich aber dagegen. Besser sie bliebe im Erzählstrom. Fragen konnte er später noch. Mit einem Seitenblick auf Ilgas Notizzettel sah er, dass sie ebenfalls das Wort Erbe aufgeschrieben hatte.

»Als Alois tot war, kamen alle seine Freunde. Um mich zu trösten, wie sie meinten. Heute denke ich eher, dass es auf der einen Seite Sensationsgier war, und auf der anderen Seite wollten sie abstauben. Ich war erst einundzwanzig und habe das noch nicht begriffen. Ich freute mich über jeden, der mir Trost spendete, machte eine Party nach der anderen und ließ selbst auch keine aus. Die Babysitter, die Klamotten, kurz gesagt, das Geld wurde knapp. Alois hatte mir eine Summe vermacht, die, wenn ich gut damit umgegangen wäre, ewig gereicht hätte. Aber ich war jung, ich dachte nicht an Sparen. Ich lebte auf dem Standard weiter, den ich gewöhnt war. Wenn nicht noch darüber hinaus, da Alois nicht jeden Tag feierte. Er musste schließlich Geld verdienen, wie er sich ausdrückte. Ich meinte damals, ich müsste nie in meinem Leben Geld verdienen und habe weitergefeiert. Irgendwann war es dann weg. Ich hatte noch ein Wertpapier von ihm bekommen, dass mir jeden Monat eine Ausschüttung von zweitausend Mark brachte, und kümmerte mich immer noch nicht sonderlich um das Finanzielle. Zwischenzeitlich war ich mit Mellie schwanger geworden. Von wem, dürfen Sie mich nicht fragen, ich weiß es selbst nicht. Es war eine schreckliche Zeit. Ich war an die Falschen geraten. An Leute, die Drogen nahmen, zwielichtigen Geschäften nachgingen, und ich war mittendrin. Irgendwie hatte ich so gehofft, meinen«, Frau Schrezlinger malte Gänsefüßchen in die Luft, »Promistatus beizubehalten. Nachdem Alois gestorben war, wurde ich zwar eingeladen, aber nicht mehr auf den Partys, die die Entscheidenden gewesen wären. Die Illustrierten nahmen mich nicht mehr zur Kenntnis. Zunächst schon noch, aber nicht so, dass man stolz darauf sein könnte.« Frau Schrezlinger sah von Konrad zu Inga, und Konrad erkannte die Traurigkeit in ihren Augen.

Er konnte sich gut vorstellen, dass sie ein wunderschönes Beiwerk zu jeder Party gewesen war. Sie sah heute noch sexy aus, wie sie mit ihren dunkel gemalten Augen vor ihnen saß.

»Jedenfalls war ich dann mit Mellie schwanger. Ohne dazugehörigen Vater. Und dann war ich pleite. 2002 kam die Einführung des Euros, und meine Einkünfte halbierten sich. Ich habe dann angefangen, die Einrichtungsgegenstände zu verkaufen, Alois’ Schmuck. Aber es reichte vorn bis hinten nicht. Ich weiß schon, es ist Jammern auf einem hohen Niveau, aber ich kam von einem hohen Niveau. Jedenfalls habe ich dann angefangen, als Bedienung zu arbeiten, und da habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Er ist ein einfacher Mann, aber ehrlich. Er hat mich geheiratet, obwohl ich damals schon zwei Kinder hatte. Mit Mellie, die erst ein Jahr alt war, ist er immer prima ausgekommen. Doch mit Amor nicht. Amor war schon vier, und ich befürchte, dass Peter immer das Gefühl hatte, dass Amor ihn von oben herab behandeln würde. Dass Amor ihm das Gefühl gäbe, er sei was Besseres, weil sein Vater der berühmte Alois Stein war. Dabei war das Quatsch.«

»Sie sagten, dass sich das Verhältnis zwischen Amor und Ihrem Mann erst verschlechtert hat, seitdem Sie verheiratet sind. Wann haben Sie denn geheiratet?« Ilgas Notizzettel trug nun mehrere Fragezeichen.

»Ich habe Peter geheiratet, als ich mit den Zwillingen schwanger wurde. Das war vor vier Jahren. Amor war damals sechzehn.«

»Ein schwieriges Alter.« Konrad war fast stolz, dass er diese Aussage machte, obwohl er nicht Vater war und dieser Spruch immer in Utzschneiders Repertoire lag.

»Amor war nicht schwierig. Er war ein stiller Junge. Hat keinen Ärger gemacht. Er war sogar recht gut in der Schule, hatte nette Freunde und machte Musik. Wie sein Vater.« Frau Schrezlinger kamen jetzt doch die Tränen, und Konrad schob die Box mit den Taschentüchern, die für solche Fälle auf dem Tisch bereitstand, zu ihr hinüber.

»Danke.« Frau Schrezlinger schnäuzte sich und schloss für einen Moment die Augen. »Angefangen hat die ganze Streiterei eigentlich erst, als ich das erste Mal mit meinem Mann gemeinsam die Steuererklärung machen musste. Da ist Peter darauf gestoßen, dass ich Amors Erbe verwalte. Alois hat ihm alles, bis auf meinen kleinen Teil, vermacht. Ich verwalte sozusagen, ohne dranzukommen.«

»Und wann wurde Amor das Erbe ausgezahlt?« Konrad konnte die Frage nicht zurückhalten. Wenn es um Geld ging, so wusste er, gab es Tote.

»Noch gar nicht. Im Oktober wäre es so weit gewesen. Ich verwalte das Geld, bis er einundzwanzig ist.«

Konrad sah, wie Ilga ein noch größeres Fragezeichen hinter das Wort Erbe machte.

Nachdem sie Frau Schrezlinger verabschiedet hatten, die ansonsten nichts Neues zu Amors aktuellen Freunden oder Beschäftigungen aussagen konnte, blieben Ilga und er noch einen Moment im Vernehmungszimmer sitzen.

»Was hältst du von der Sache?« Konrad beobachtete Ilga, die um ein paar Fragen einen Kringel zog und danach aufblickte.

»Wenn Amor wusste, dass er erben wird, ist eigentlich klar, dass er sich keine großen Sorgen um seine berufliche Zukunft gemacht hat. Wenn ich das richtig verstehe, handelt es sich bei dem Erbe um mehrere Millionen?«