Hund & Hase - Liebesversuche - Ursula Priess - E-Book

Hund & Hase - Liebesversuche E-Book

Ursula Priess

0,0
9,99 €

Beschreibung

Sie flogen aufeinander zu – wie alte und neue Geliebte in einem, so fraglos, so selbstverständlich, so nah, so vertraut, nach so langer Zeit. Und doch so neu. Plötzlich schien möglich, was früher nicht möglich war – als ob es gar nicht anders sein könnte. Als ob sie jetzt, in ihrem Alter, noch einmal eine Chance hätten.

Aber: Von allem Anfang an hätte sie erkennen können, worauf es hinauslief. Schon an jenem Sonntagmorgen im April, kaum war sie aus der Haustür raus, fast sofort nach der Begrüßung seine erste Frage: Hast du Angst vor Kampfhunden?

Lino und Ursina haben mehrfach die Chance, es zu versuchen miteinander, an verschiedenen Orten, mit immer wieder anderen Vorgeschichten. Eigentliche Fährtenleserin aber, die zwischen den Versuchen hindurchführt, ist Assja, der Hund.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 249

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Ursula Priess

Hund & Hase

Liebesversuche

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. Auflage

Copyright © 2015 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-15401-1V002www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Besuchen Sie auch unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de

Du schufst den Menschen für den Schmerz der LiebeFür den Gehorsam hast du deine Engel

Khwādscha Mīr Dard (1721–1785)Mystiker und Dichter in Delhi

Madjnun sah in der Wüste einen Hund; Er gab ihm zu fressen und umsorgte ihn voller Liebe. Woher, fragte man, nimmst du solche Liebe?Durch Laylas Dorf, sagte er, lief einst der Hund.

Ruzbihan Baqli († 1209 in Schiraz)Mystiker & Dichter

Und es schien, es könnte nicht mehr lange dauern, bis die Lösung gefunden sei und ein neues, wunderschönes Leben beginnen würde.

Anton Čechovaus: Die Dame mit dem Hündchen

Von allem Anfang an hätte sie erkennen können, worauf es hinauslief. Schon an jenem Sonntagmorgen im April, kaum war sie aus der Haustür raus, fast sofort nach der Begrüßung seine erste Frage:

– Hast du Angst vor Kampfhunden?

Oder vielleicht hatte er gesagt:

– Du hast doch keine Angst vor Kampfhunden –

Sie jedenfalls verstand nicht, sondern fragte, wie er es meine.

– Weil so einer bei mir im Auto sitzt.

Ausgerechnet! Sie, die doch Hunde überhaupt nicht mochte; und nun sogar ein Kampfhund. Aber: sie ging drüber hinweg, ignorierte seinen todernsten Gesichtsausdruck, sagte lachend:

– Na ja, wenn der mir nicht zu nahe kommt.

Unbedingt wollte sie es heiter nehmen. Auf den Spaziergang hatte sie sich gefreut. Sie war neugierig auf ihn, den sie mehr als dreißig Jahre nicht gesehen hatte.

Wieder begegnet waren sie sich zufällig, im März, auf einer Vernissage. Plötzlich, zwischen Leuten hindurch, sah sie ihn – sie schaute von der Seite, von schräg vorne –, ja, er musste es sein!

Dass sie ihn überhaupt erkannte nach so langer Zeit. Sie hatte ein Foto von ihm gesehen in einer Zeitung; zu einem Artikel, der sein berühmtes, neu aufgelegtes Werk aus den 80er Jahren würdigte als noch immer überzeugend und weiterhin aktuell.

So also sah er aus heute!

Seine Mimik, seine Gestik, der Tonfall, das Lachen – ob sie ihn ansprechen sollte? Nur weil sie damals in ihrer Studentenzeit etwas miteinander gehabt hatten, keine Liebesgeschichte, aber doch beinah eine –

– Sind Sie nicht Herr Sowieso?

– Ja, bin ich – und Sie?

– Ich bin die, die Sie damals unter dem Namen Anderswie kannten.

An jenem Sonntagmorgen im April, pünktlich um elf, klingelte er bei ihr an der Haustür, und sie, bereits in Jacke und Schuhen wartend, sprang die Treppen hinab und raus auf die Straße – und dann eben fast sofort die Kampfhund-Frage.

Aber ihr anfängliches Befremden verflog schon unterwegs zu seinem Auto, das er in einer Nebenstraße geparkt hatte; schon mit den ersten Worten, die sie miteinander wechselten in jener Sprache, die ihrer beider Muttersprache war. Eine Sprache, die sie beide nicht mehr als Alltagssprache benützten, da sie beide jenes Land, das ihrer beider Vaterland war, vor Jahrzehnten schon verlassen hatten; zu unterschiedlichen Zeiten, wie sie nun feststellten, aus verschiedenen Gründen. Was für ein hübscher Zufall, sagten sie, dass wir nun wieder in ein und derselben Stadt leben, wenn auch einer sehr viel größeren als damals.

Die gemeinsame Sprache, die muss es gewesen sein. Fast sofort, kaum waren die ersten Worte und Sätze gesagt, zauberte sie jene erstaunliche Vertrautheit, als ob die Verbindung nie ganz abgebrochen sei. Eine Sprache, zu der sie beide längst ein zwiespältiges Verhältnis hatten, einerseits ein distanziertes aufgrund ihrer eklatanten Beschränktheit im Vergleich zur Hochsprache, und doch auch, angesichts ihres melodiösen Charmes und der emotionalen Möglichkeiten, ein zärtlich-nostalgisches. Und noch immer ging sie ihnen beiden ganz selbstverständlich über die Zunge, wenn auch nicht mehr völlig fehlerfrei.

Angekommen beim Auto, sah sie durch die Windschutzscheibe den Hund – und lachte:

– Wie klein der ist! Fast wie ein Hase. So also geruhen der Herr zu scherzen!

– Nahmst du es als Scherz?

Sein Blick übers Autodach, als er die Tür aufschloss, und wie er dem Hundchen, das wedelnd und winselnd auf dem Vordersitz herumtrippelte, nun über Kopf und Hals strich –

– Ich wusste ja nicht – ich dachte halt: wer weiß, ob sie Assja mag.

– Ja, du hast recht, eigentlich mag ich Hunde nicht.

– Assja, du musst nach hinten, die Frau fährt mit, obwohl sie dich nicht mag.

Und wieder lachte sie.

– Du lachst ja so nett über alles, was ich sage, sagte er später einmal, als sie wieder über einen seiner Scherze gelacht hatte. Sonst sagen sie immer, ich solle meine dummen Sprüche lassen. Dir also gefallen sie.

Ja, seine Art zu scherzen gefiel ihr. Zwar ahnte sie den Abgrund dahinter, achtete aber nicht darauf, was sein Scherzen gleichzeitig meinte: Sieh dich vor! Dass sie selbst eines Tages in diesen Abgrund stürzen könnte, kam ihr nicht in den Sinn. Im Gegenteil, seine spröde, wortkarge Art reizte sie, forderte sie heraus.

Auf der Fahrt hinaus aus der Stadt fielen ihr die Briefe ein, die er ihr geschrieben hatte in ihrer Jugend. Wieder zu Gesicht gekommen waren sie ihr, als sie nach dem Tod der Mutter das Haus geräumt hatte. Briefe in einer sehr eigenen, sehr poetischen Sprache; darum hatte sie sie wohl aufbewahrt. Dann aber die Frage: Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie damals auf ihn eingegangen wäre und sie sich als Paar zusammengetan hätten? Nicht dass sie es wünschte, nur eben dass sie es sich fragte.

Sicher wusste sie nur, was nicht war damals.

Sie fragte, als er von der Stadtautobahn ab- und durch die Außenbezirke fuhr:

– Du fährst, so wie du hier jede Kurve zu kennen scheinst, wohl oft zu dem See hin?

– Ja, weil ich Assja um diesen See laufen lassen kann; fast auf allen Spazierwegen sonst muss sie an der Leine gehen.

Assja auf dem Rücksitz erhob sich, streckte, schwanzwedelnd, den Kopf zwischen die Vordersitze und legte ihre Schnauze an seinen Arm. Nein, er sagte nicht: Gell, du freust dich! oder sogar: Gell, du hast verstanden, dass wir von dir sprechen! Nur einfach, wenn auch sehr zärtlich:

– Assja, sitz!

Dass er nicht reagierte, als ob das Tier ein Mensch sei, gefiel ihr.

Aber Assjas feuchtwarme Schnauze an ihrer Schulter, dann an ihrer Hand, kaum hatte sie sich ins Auto gesetzt –

– Nein, bitte nicht! Auch da »erklärte« er dem Tier nicht, dass sie, die Frau, es doch gar nicht so meine. So immerhin schien ihr möglich, einen Hund um sich zu haben; einen, dachte sie, der nicht den Platz eines Menschen einnimmt.

Auch im Wald, wenn Assja lospreschte, die Spur eines Hasen verfolgend oder eines Rehs, und verschwunden blieb, niemals schrie er hinter dem Hund her. Höchstens pfiff er einen Pfiff, den er »Spezialpfiff« nannte; den kenne Assja, darauf höre sie immer. Und als Assja einmal, trotz Spezialpfiff, nicht auftauchte, ging er ein paar Schritte zurück, um nach ihr Ausschau zu halten:

– Eigentlich soll ja nicht ich sie suchen, sondern sie mich. Sie muss schauen, wo ich bin, nicht umgekehrt, sonst läuft was schief.

Schließlich, nach langem, als Assja aus dem Unterholz heransauste, aus einer völlig anderen Richtung als erwartet, sich hechelnd vor ihn hinsetzte und mit schiefgelegtem Kopf zu ihm aufschaute, nein, auch da erteilte er keine »Lehre«, sondern ging einfach weiter, das Hundetier neben ihm her.

– Du liebst Assja sehr, stimmt’s?

– Es ist doch schön, ein lebendes Wesen um sich zu haben, wenn man allein ist.

– Wie lange hast du denn Assja schon?

Dass sie überhaupt nach dem Hund fragte! Immer schon war ihr zuwider, wenn Hunde Gesprächsthema sind. Schau mal, was für ein Schlingel er ist! Oder wie nett oder lustig oder frech der nun wieder sie angeschaut habe, oder sogar, was er »sagen« wolle mit diesem oder jenem Blick und so weiter. Hatten die Menschen sich nichts anderes mitzuteilen?

Trotzdem sagte sie:

– Hunde haben mich nie interessiert, vielleicht weil ich keinen je so genau angeschaut habe. Aber ich muss zugeben, Assja ist ein ausgesprochen nettes Tierchen. Die glänzenden Knopfaugen –

– Teddybär-Augen.

– Und das glatte rostbraune Fell –

– Wie vom Eichhörnchen.

– Die schlanke Schnauze, die großen Ohren –

– Rehohren – von allem etwas!

– Ja wirklich!

– Und Assjas Schwanz, wie sieht der aus?

Was sollte sie sagen?

Er sagte:

– Wie von einer Ratte, oder nicht?

Sein verschmitztes Lachen dazu –

Aber dann, als Assja neben einem Baumstamm gekackt hatte und er einen Plastikbeutel aus seiner Jackentasche zog, mit einer Hand hineinschlüpfte und den vermutlich noch hundekörperwarmen Kot aufnahm, den Beutel mit der anderen Hand drüberzog, verknotete und zurück in seine Jackentasche steckte – wie groß muss Hundeliebe sein, um diesen Dienst so selbstverständlich leisten zu können. Andererseits: den eigenen Kindern den Hintern saubermachen und das volle Windelpaket entsorgen, nichts leichter als das.

Trotzdem!

Den Kackbeutel warf er in einen speziell dafür bereitgestellten Behälter vor einem Wirtshaus am Ende des Sees, und Assja, nun angeleint, drängte zum Wassernapf beim Treppenaufgang.

Diese Wassernäpfe für durstige Viecher, die sie früher nie beachtet hatte, von nun an fielen sie ihr ins Auge, wo immer sie hinkam; auch noch, als von gemeinsamen Spaziergängen mit ihm und Assja längst nicht mehr die Rede war.

Damals, an jenem sonnigen Sonntagnachmittag im April, sagte sie:

– Eigentlich hätte auch ich Durst, und ein bisschen Hunger auch; wie steht es mit dir?

– Nein, gegen eine Rast spricht nichts.

Auf der Terrasse saßen sie sich gegenüber, schauten sich an, lächelten; schauten hinüber zu denen an den Nachbartischen, und hinab zum See, über dem schimmernder Frühlingsdunst schwebte; und wieder schauten sie sich an, verwundert, staunend, blinzelten in die zärtlich wärmende Sonne, warteten aufs Bestellte – und unter dem Tisch, zwischen seinen Füßen, saß Assja.

– Hat Assja denn nicht auch Hunger? Die ist doch mindestens drei Mal so weit gelaufen wie wir, all die vielen Volten kreuz und quer durch den Wald?

Warum bloß fragte sie nun wieder nach dem Hund! Wollte sie wirklich wissen, wie oft oder wie selten am Tag ein Hund frisst? Hatte sie keine anderen Fragen an ihn?

Als endlich das Bestellte gebracht wurde, Flammkuchen, mit Speck und Zwiebeln für sie, mit Schinken und Käse für ihn, Apfelschorle für ihn, alkoholfreies Bier für sie, prosteten sie sich zu; und plötzlich, während sie das hauchdünne Gebäck auf dem riesigen Brett zu zerschneiden begann, streifte sie mit ihrem Blick seine Hände, die mit Messer und Gabel hantierten, seinen kauenden Mund, die schön geschwungenen Lippen, den Bart – wie grau der geworden ist! Silberweiß an den Schläfen und unterm Kinn; dunkelbraun und gelockt war er damals.

Er schaute auf. Ihren Blick schien er gespürt zu haben; sie fragte, ob er von ihrem Flammkuchen probieren möge, ob sie ihm ein Stück abschneiden dürfe. Worauf er ihr auch von seinem anbot.

Und wieder: Was wäre anders geworden in ihrem Leben, wenn sie auf ihn eingegangen wäre, damals vor Jahrzehnten? Was hätten sie sich gegeben, was angetan? Und was wäre daraus gefolgt?

– Schmeckt es dir nicht?

– Doch schon. Aber ich hab mich gerade gefragt, hattest du eigentlich immer einen Bart, dein ganzes Leben lang?

– Ja, immer.

– Du kennst dich selbst nicht ohne?

– Ein einziges Mal; von heut auf morgen war er ab, aber die Frau, mit der ich damals zusammenlebte, hat es gar nicht bemerkt. Nicht sofort.

– Ist es denn angenehm, so ein Bart im Gesicht?

Er schaute sie fragend an.

– Ich mein, braucht ein Bart nicht sehr viel Pflege?

Er lachte:

– Und wie ist es bei euch Frauen mit eurem langen Haar?

Bereits auf diesem ersten Spaziergang im April erzählte er ihr von den Frauen, mit denen er zusammengelebt hatte. Von der Mutter seiner Kinder, sie habe ihn gewaltsam am Weggehen zu hindern versucht. Von der zweiten, die ihn verließ, weil das Kind, das sie in die Beziehung gebracht hatte, ihn in seiner Ungebundenheit behinderte. Und die dritte, weil –

Nein, warum erzählte er ihr das alles! Was gingen seine Frauen sie an! Sie wollte es gar nicht so genau wissen; sie wollte ihn nicht bemitleiden müssen. Auch nicht die Frauen.

Und doch ahnte sie, während sie durch den Frühlingswald gingen, dass sie gut beraten wäre, genau hinzuhören, und es sich zu merken.

Sie gingen weit und immer weiter, die Sonne schien zwischen den silbergrauen Buchenstämmen durchs erste zarte Grün an den Zweigen, das trockene Laub vom Vorjahr raschelte um ihre Füße, Assja lief, mal näher, mal ferner, um sie herum, und sie beide – sie erzählten sich von gemachten Erfahrungen in ihren langen, je eigenen Leben, und was sie noch zu erreichen hofften. Und irgendwann dann fragte er, was eigentlich mit dem sei, dessen Namen sie heute trägt, ob es den noch gebe.

– Nein, den gibt’s längst nicht mehr; aber über ihn will ich nicht sprechen. Kann ich nicht.

– War es so schlimm?

– Schlimmer als andere Ehen vielleicht nicht. Trotzdem: das Ehe-Thema ist tabu.

– Ein echtes Tabu?

– Ja, sagte sie; und lachte wieder.

Warum nur lachte sie ständig?

Zunehmend verwirrte sie seine körperliche Präsenz; und sein Blick, der nach dem fragte, was sie aussparte; und die seltsame Vertrautheit zwischen ihnen, obwohl sie doch kaum mehr wussten voneinander, als dass sie sich in ihrer Jugend einmal gemocht hatten, unterschiedlich gemocht.

– Ich kann dir aber erzählen, falls du es hören willst, was wir, jener Mann und ich, aufgebaut haben; und von den Kindern, alle natürlich längst erwachsen, was die so machen in der Welt. Mehr aber würde mich interessieren, mit dir übers Altwerden zu sprechen, über das nahende Alter, wie du damit umgehst, und über den Tod.

– Zwanzig Jahre lang war ich fünfundvierzig, dann, ganz plötzlich, bin ich ins Alter gestürzt; jetzt bin ich ein alter Mann.

Was der Anlass für diesen Sturz war, fragte sie nicht; dass es mit dem Fortgang seiner letzten Partnerin zusammenhing, nahm sie an. Sie sagte:

– Ich seh dich nicht als alten Mann. Im Gegenteil. Zwar etwas knorrig, aber das warst du doch schon damals.

– Schön, dass du es so siehst!

Die Luft, als sie den See umrundet hatten, war noch immer lau und mild, die Sonne, orange-golden jetzt und tiefer stehend, schimmerte noch immer zwischen den Baumstämmen, und zwischen ihnen beiden hielt sich weiterhin jene heitere Unbestimmtheit, die alles möglich scheinen ließ; und kurz bevor sie den Parkplatz erreichten, stellten sie fest, dass sie es beide nicht eilig hatten, zurück in die Stadt zu fahren, und beschlossen, noch einmal einzukehren.

Sie schaute in die Speisekarte, schaute auf zu ihm, sah die erstaunliche Bläue in seinen Augen und seinen fragenden Blick; sie fragte:

– Wollen wir uns ein Kuchenstück teilen?

Noch immer sein fragender Blick, und sein Lächeln. Aber er sagte nichts.

– Ich meine, weil hierzulande die Kuchen doch bekanntlich dick und groß sind.

Sein Zögern; sie versuchte es anders:

– Hierzulande gibt es ja leider nicht so feine Patisserie wie dort, wo wir, lang ist es her, aufgewachsen sind.

– Gut, teilen wir ein Stück!

Naheliegend, dass sie nun über hiesige und dortige Sitten und Unsitten des Essens sich amüsierten, auch über sonstige Eigenarten hier und dort. Und schließlich gestanden sie sich, wie sehr ihnen beiden behage, hier nicht dazuzugehören und dort auch nicht ganz, sondern hin und her zu können, ohne Gefahr, irgendwo »anzuhocken«, wie er es nannte.

– Was würdest du wählen, fragte er: Nie mehr in unser kleines Land zurückkehren dürfen oder für immer drin bleiben müssen, ohne je wieder rauszukönnen?

– Na, was wohl!

– Schön, in dieser Frage immerhin sind wir uns einig.

– Aber nun zur Kuchen-Frage: Welchen nehmen wir? Mit Aprikosen, oder magst du lieber mit Heidelbeeren?

– Entscheide du!, sagte er.

– Mir ist beides recht, sagte sie.

– Du darfst doch auch wünschen!

– O wie schön, ich darf wünschen, das klingt ja fast wie im Märchen.

– Solange wünschen hilft, ja, wie im Märchen.

– Du meinst, solange ich den Heinzelmännchen keine Erbsen streue –

Sein Lachen nun; und ihr Schreck, den sie zu überspielen versuchte, indem sie ebenfalls lachte. Aber gleichzeitig fragte sie sich, warum sie das mit den Heinzelmännchen gesagt hatte; und des Fischers Frau fiel ihr ein, die so lange wünscht, bis sie wieder in ihrer alten Hütte sitzt, im Pisspott von vordem.

– Heute wünsche ich mir, obwohl Aprikosen ja eigentlich meine liebsten Früchte sind, mal was anderes.

Emilia Romagna. Frühling

Ursina steht in der Haustür, eine Hand am Tür-Knauf, mit der anderen vergewissert sie sich, dass sie den Schlüssel eingesteckt hat – früher schloss hier in Collalta niemand ab, auch nachts nicht. Heute ist das nicht mehr möglich; zu viele sind weggezogen, zu viele Neue gekommen, fremde Vögel aus fremden Ländern.

Ursina zieht die Haustür hinter sich ins Schloss – all die Saisonniers aus Rumänien und Albanien, die heute die Arbeit tun; für wenig Geld, falls sie überhaupt welches sehen; trotzdem, vom ganzen Balkan kommen sie herüber. Und auch die Sommergäste! Früher interessierte sich niemand für die leer stehenden Häuser der Ausgewanderten; dann plötzlich kamen sie, aus der Schweiz, aus Frankreich, aus Österreich, haufenweise auch aus Deutschland, und kauften noch den letzten Stall. Und all jene, die fürs Wochenende aus den Städten heraufkommen, wenn unten in der Poebene die Hitze zu groß ist.

Ursina geht die paar Stufen vor dem Eingang hinab, schaut über den Dorfplatz: nichts rührt sich.

Aber das Herz – plötzlich jetzt spürt sie es wieder.

Sie legt sich eine Hand fest auf die Brust – das Holpern ist fast tastbar jetzt.

Sie atmet tief und langsam, ein und aus, bis in den Bauch.

Damals begann es, an jenem Sonntagnachmittag im November –

Lino kam von oben herab auf den Dorfplatz. Sie erkannte ihn sofort, an seiner Statur, von weitem schon; der etwas linkische Gang, seine aufrechte Haltung, der erhobene Kopf, der Rücken sehr gerade, aber ein bisschen steif im Kreuz – unverkennbar er!

Kein Mensch sonst war unterwegs an jenem Sonntagnachmittag; nur er und sie, die über den großen weiten leeren Platz gingen. Sie gingen aufeinander zu, aber dann, ganz plötzlich, kurz bevor sie sich kreuzten, drehte Lino ab – als ob sie Luft sei.

Als ob nie etwas gewesen wäre zwischen ihnen, als ob sie sich nicht kennten seit eh und je!

Warum!?

Was hatte sie ihm getan?

Ohne einen Gruß oder ein Kopfnicken, oder auch nur einen einzigen winzigen Blick, verschwand er dort zwischen den Häusern.

Danach begann es mit dem Herz.

Nein, sie hat Lino nie wiedergesehen seither, auch nicht in der Ferne, reitend über die Hügel oberhalb vom Dorf.

Ursina geht die paar Schritte hinüber bis zur Hausecke – die Luft ist frisch, es riecht nach Frühling –, sie schaut in den Garten, und hinab ins Tal; die blühenden Mandelbäume sind wie zart weiße Schleier, die über den noch wintergrauen Wiesen zu schweben scheinen; und in den laublosen Wäldern ringsum der rötliche Glanz vom Treiben der Knospen, fast gleißend jetzt in der Nachmittagssonne. Und dicht am Haus der Rosmarinstrauch, das scheue Blau seiner Blüten.

Ursina streicht über die Zweige, schnuppert an ihren Fingern: dieser Geruch – zum Tote Erwecken!

Und mitten im Garten der Aprikosenbaum, prangend in seiner Frühlingspracht!

Ein Jahr genau, seit die Mutter starb. Ein frühes Frühjahr war’s, mit viel Regen, die Wiesen waren bereits grün, der Aprikosenbaum war fast schon verblüht; einen Zweig immerhin hatte sie der Mutter noch aufs Totenbett legen können.

Dieses Frühjahr, nach dem kalten Winter, ist spät, die Bergspitzen sind noch verschneit.

Was für ein schöner Zufall, dass die Mutter am Namenstag von San Marco starb! Den sie ihr Leben lang so sehr verehrt hatte. Ihr flehendes Bitten am Abend, nachdem sie die Sterbesakramente erhalten hatte: So glorreich, heiliger Markus, wie du von der Levante ins ferne Ägypten gesegelt bist, lass mich die Überfahrt ins Jenseits bestehen!

Ja, in der Nacht dann hatte sie es geschafft. Frühmorgens muss es gewesen sein. Die Mutter, als sie zu ihr ans Bett trat, schien den letzten Atemzug grade erst getan zu haben. Die Hände waren noch warm, und auf ihrem Gesicht lag eine gelassene Heiterkeit, noch ohne jenen fernen, unendlichen Ernst.

Ursina nimmt die Gartenschere vom Kellerfenstersims, geht zum Aprikosenbaum. Welchen Zweig kann sie abschneiden, ohne das Gesamtbild zu beschädigen? Sie setzt die Schere an einen, der noch nicht ganz aufgeblüht ist; sie will damit hinüber zur Kirche.

Nicht dass sie regelmäßig zur Messe ginge; zur Beichte geht sie seit Jahren nicht mehr. Sie geht hin, um in der Marien-Kapelle den Altar mit Blumen zu schmücken. Eine Tradition, die sie von ihrer Mutter übernommen hat, die ihrerseits von Großmutter Irene. Anschließend dann zündet sie Kerzen an, eine an der anderen, eine lange Lichterkette, für alle, die ihr nah sind, die Gestorbenen und die Lebenden; je eine für Mutter und Vater und die davor; auch für ihre drei Kinder; und bittet die Himmlische Mutter um Schutz für sie alle und Hilfe, dass sie ihre je eigenen Wege finden mögen, im Diesseits und im Jenseits, so wie das Wasser seinen Weg zum Meer findet, das Anfang und Ende allen Lebens ist – wie Großmutter Irene zu sagen pflegte.

Ursina geht, mit dem abgeschnittenen Blütenzweig in der Hand, zurück zum Haus, legt die Gartenschere beim Kellerfenster ab, und sieht, der Päonienstrauch beginnt schon, Blätter zu zeigen, feinst gefältelt noch, und auch die Blütenknospen setzen bereits an.

Ja, der Frühling ist da, die Saison beginnt!

Ursina blickt noch einmal zurück in den Garten – im Schatten unter dem Lorbeer-Busch, dort liegt etwas, dicht an der Gartenmauer, etwas graubraun Felliges. Es bewegt sich nicht, liegt nur einfach da. Was kann es sein?

Ursina geht hinüber und sieht: es ist ein Hase. Er ist tot. Ein toter Hase. Die Augen sind offen. Noch sitzen keine Fliegen drauf. Sein Leib scheint unversehrt, kein Biss, keine Blutspur, keine Verletzung ist zu sehen; als ob er sich grad eben hier unter den Busch gelegt hätte.

Wie schön er ist! Sein Fell, graubraun gesprenkelt auf dem Rücken, weiß an Läufen und Bauch, weiß gerändert auch die Ohren, innen samtig schwarz, schwarz auch um die Augen; und unter den Nüstern, wie zart und fein es ist.

So wenige Hasen, wie es nur noch gibt hierherum – dass der sich so nah herantraute! Wie hat er es in den Garten geschafft? Ist er über die hohe Mauer gesprungen? Oder vom Dorfplatz her durch den Spalt zwischen Tor und Pfosten hereingeschlüpft? Nie vorher hatte sie Hasen im Garten, keinen Fraß je an den Pflanzen – was trieb ihn her? War er verfolgt? Oder trug er den Tod bereits in sich und kam zum Sterben hierher?

Ursina geht ums Haus herum zurück. Später, wenn sie aus der Kirche kommt, wird sie den Hasen begraben. Beim Eingang nimmt sie das wollene Tuch, das sie dort auf den Stufen bereitgelegt hat, und wirft es sich um die Schultern. Noch sind die Tage kurz, abends wird es kühl, aber wenn sie jetzt gleich hinüber zur Kirche geht, scheint die Sonne, bevor sie hinter dem Monte Pénice verschwindet, noch durch die Fensterrosette herein und zaubert jenen Goldglanz ins Innere, den sie so sehr liebt und der ihr, trotz allem, wie ein Versprechen ist.

Sie nimmt den Blütenzweig wieder auf, tritt ans Gartentor, bleibt stehen, schaut über den Dorfplatz; sie schaut zur Straße hinüber, die vom Platz abgeht und hinaufführt, und über die Berge.

Dort, oberhalb von Collalta, liegt Linos Gehöft, jenseits vom schattigen Tobel. Rechts ab von der Passstraße geht der Schotterweg durchs Gehölz zu dem Weiler hin.

Ein einziges Mal ist sie dort gewesen. Letztes Jahr im September. Ja, sie hatte Lino besuchen wollen, an seinem Namenstag – aber: Lino war nicht zu finden.

Sie ging herum zwischen den Häusern dort, um ihn zu suchen, und sah: Ein einziges Haus nur ist noch bewohnt. Es muss Linos sein. Alle Häuser sonst sind längst verlassen. Beim einen hingen die Fensterflügel lose in den Rahmen, die Haustür stand offen, gähnende Schwärze darin, die Schwelle grasbewachsen; bei einem anderen fehlten so viele Ziegel auf dem Dach, dass das Gebälk aussah wie ein ausgeweidetes Gerippe. Und all die hohen Nussbäume und Akazien, die so dicht an den Häusern stehen; und die wuchernde Brennnesselwildnis, wo einstmals Gärten waren. Was für ein schattiger, einsamer Ort!

Nur Lino wohnt noch dort, mutterseelenallein. Und sein Riesenhund.

Wild bellend sprang er, als sie zwischen den Häusern umherging, gegen die Brettertür des Schuppens, in den er gesperrt war, so dass sie fürchtete, die fiele mitsamt den Angeln heraus und der Hund über sie her.

Aber an der Westseite des Hauses, das Linos sein muss, der Rosenbusch, üppig und feuerrot blühend, als ob Frühsommer sei. Und daneben die Steinbank – ob Lino manchmal dort, an diesem wohl einzigen sonnigen Plätzchen, sitzt?

Ursina, am Gartentor stehend, spürt, wieder holpert und stolpert ihr Herz so, dass sie es fast tasten kann. Wenn sie von der Kirche zurück ist, wird sie sich einen Herztee aufbrühen; und dann den Hasen begraben.

Damals hat sie Lino zum letzten Mal gesehen. Hier mitten auf dem Platz. An jenem Sonntag im Spätherbst. Mit den letzten Astern aus dem Garten wollte sie zur Kirche hinüber. Lino, in Arbeitskleidung trotz Sonntag, war vermutlich unterwegs zu jenem aus der Fremde Zugezogenen, von dem es heißt, er sei Filmemacher, weil er zwei linke Hände habe; wahrscheinlich sollte Lino ihm bei etwas helfen.

Sicher ist der Linos einziger Freund. Dass Lino mit anderen hier Umgang pflegt, hat sie nie gehört. Jedenfalls sitzt Lino nie im Café.

Der Filmemacher hingegen oft. Fast immer, wenn sie am Café vorbeigeht, sitzt der dort und quatscht mit den Alten. Seit zwanzig Jahren schon, hörte sie, verbringe er die Sommer in Collalta; um Ostern herum komme er und bleibe bis in den Oktober. Unten an der Straße, die über Marsaglia ins Tal hinabführt, hat er sich eingenistet, in jenem großen Gebäude, in dem früher die Landwirtschaftliche Kooperative war. Immer sei er mit einer Frau gekommen, die den Sommer über bei ihm blieb, alle paar Jahre mit einer anderen. Oft habe er auch Besuch gehabt, aus jenem Land, in dem er den Winter verbringt – war’s Schweden, Slowenien, die Slowakei?

Sie jedenfalls, seit sie ganz nach Collalta zurückgekehrt ist, hat ihn immer allein gesehen, ohne Frau, meistens im Café. Mit ihm gesprochen hat sie nur einmal. Das eine Mal hatte ihr gereicht!

Aber Lino, scheint es, mag den seltsamen Vogel. Nächtelang führten sie Gespräche, heißt es, oft sei dort Licht bis in die Morgenstunden.

Dass Lino viel sprechen würde – sie kennt ihn anders! Was nur zieht Lino zu dem hin?

Nein, sie mag den Kerl nicht.

Aber: sie mag Lino –

Dass sie Lino je mögen würde!

Früher, in ihrer Jugend, empfand sie wenig für ihn. Was sollte sie mit einem, der kaum ein Wort über die Lippen brachte; und wenn, dann sprach er nur von seinem Pferd. Aber gefallen hatte ihr, dass sie ihm gefiel, das schon. Wenn er sich in den Schulpausen zu ihrer Gruppe stellte und sie einfach nur anschaute – auch wenn sie nie hinschaute, seinen Blick sah sie natürlich.

Und später: manchmal stand er drüben bei den Platanen vor der Casa del Comune und schaute ihnen zu, wie sie, die paar wenigen, die unten in Bòbbio das Gymnasium besuchten, aus dem Schulbus stiegen, der sie nachmittags zurück nach Collalta brachte, und wie sie schwatzend dann im Dorf sich verteilten.

Einmal, sie war eben aus dem Bus gestiegen, stand er plötzlich ganz dicht vor ihr und streckte ihr seine Faust entgegen. Erschrocken zuckte sie zusammen; worauf er sie mit einem kurzen verschmitzten Blick anblitzte und seine Hand öffnete: darin lagen rotbackige, dunkelgesprenkelte Aprikosen jener halbwilden, zuckersüßen Sorte, die es heute kaum noch gibt. Die sind für dich, sagte er, ließ die Früchte in ihre Hände gleiten und war verschwunden.

Ein anderes Mal hatte er ihr, im Vorbeigehen und ohne ein Wort, jenen klein gefalteten Zettel zugesteckt, den sie, als sie nach dem Tod der Mutter das Haus räumte, wiederfand. In der Schuhschachtel, zwischen all den Briefen aus ihrer Jungmädchenzeit, lag er, ein schlichtes Stück Papier, beidseitig mit großen runden Lettern vollgeschrieben. Und als sie es wiederlas, war sie überrascht, wie zärtlich er schrieb, von der unverfälschten, fraglosen Schönheit der Natur, von den Tieren, die ohne Tücke und Ränkeschmieden ihr Leben leben, wie Menschen zu leben nicht verstünden. Und von seinem Pferd, von den sanften Augen, den zarten Nüstern, vom Glanz des Fells; und die Frage dann: ob sie mitaufsitze und mitreite zur Passhöhe hinauf; dort oben werde er ihr einen Ausblick zeigen, wie sie ihn nicht kenne, weit über die Poebene bis hin zu den Alpen.

Ja, gefallen hatte ihr damals, oder eigentlich geschmeichelt, dass er ihr schrieb. Alle Mädchen schwärmten von ihm; besonders von seinen Augen: die Bläue darin – hell um die Pupillen, dunkel nach außen – die sei langobardisch. Auch sein Vater habe solche Augen gehabt, wurde erzählt, und dass der Familienname Bellocchio nicht zufällig sei.

Trotzdem, keine wollte ihn haben – nein, auch sie nicht –, Sohn einer Bäuerin, mit wenig Land, nur magere Böden weit oberhalb von Collalta.

Sie mochte die Jungen, die eine Lambretta hatten; und liebte es, mit ihnen, angelehnt an einen Rücken, die Arme um einen Bauch geschlungen, straßauf straßab zu sausen, jede Kurve geschnitten, rasendes Risiko, purer Rausch.

Lino hatte nur sein Pferd.

Nein, auch mitgeritten zur Passhöhe hinauf ist sie nicht. Noch nicht einmal seinen Brief hatte sie beantwortet.

Hätte sie es doch getan!