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Paul Samba, der Ich-Erzähler, will mit seinen Freunden Manuel und Carl eigentlich nur ein geruhsames Stammtisch-Wochenende in Limone am Gardasee verbringen. Aber die drei Freunde werden von Manuels Frau Selma davon abgehalten. Sie vergönnt ihnen nämlich nicht, dass sie sich in Italien amüsieren. Stattdessen sollen sie Selmas Almhütte nach dem langen Winter wieder auf Vordermann bringen. Mit dabei ist Manuels Hund namens Hundsvieh, ein massiger, sympathischer Kerl, der sich im Verlauf der Ereignisse für ein anderes Herrchen entscheidet: für Paul Samba. Noch bevor sie sich in der Hütte gemütlich einrichten können, passiert das Ungeheuerliche: Die Wand schlägt abermals zu, diesmal in den Tiroler Bergen. Hundsvieh spielt dabei eine entscheidende Rolle...
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Heinz Schöpf
Hundswand
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum
1
Erster Juli und Wettersturz: ein kongeniales Paar. Pünktlich zu Beginn des Sommers macht sich das Wetter lustig über ihn und über uns, die wir hier unser Dasein fristen in dieser kargen Landschaft. Berge, wohin man schaut. Alles so steil hier. Da stürzt sogar das Wetter.
So schickt das AtlantiktiefJosefineseinen ersten Regengruß konsequent in dem Moment los, als meine beiden Freunde und ich aus dem Kino ins Freie treten.
„Also ich nehm mir ein Taxi. Das ist kein Wetter für meine Flipflops. Außerdem hab ich keine Lust auf eine Sommergrippe. Wer kommt mit?“, sage ich.
„Sei gescheit, Paul. Mein Wagen steht gleich hinterm
Hofgarten, bloß fünf Minuten von hier“, sagt Carl.
„Wer als Letzter beim Auto ist, zahlt die Grappas bei Ernesto“,sagt Manuel, während er auch schon schnellen Schrittes losmarschiert.
Er hat leicht reden, schließlich ist er als Einziger von uns mit wetterfesten Wanderschuhen ausgestattet.
„Nicht die Grappas, sondern die Obstler“,flüstert Carl und zwinkert mir zu, während er die Schnallen seiner Sandalen löst. Er zieht sie aus, nimmt sie in die Hände und läuft Manuel barfuß hinterher.
„Obstler gibt es nur bei uns, nicht in Limone!“, schreie ich ihm nach.
Ich vermeine ein„Eben darum!“zu hören, weiß jedoch nichts mit seiner Antwort anzufangen.
Manuels schweres Schuhwerk, das überhaupt nicht zum Rest seiner übrigen Erscheinung - Polohemd, Bermudas und Strohhut - passt, hätte mich sofort stutzig machen müssen.
2
Auf das diesjährige Stammtischwochenende habe ich mich ganz besonders gefreut. Ein äußerst anstrengendes Schuljahr neigt sich dem Ende zu. In acht Tagen beginnen die verdienten Sommerferien. Zuvor jedoch werde ich die zwei schönsten Tage des Jahres genießen: in Limone, meinem Lieblingsort, in Italien, meinem Lieblingsland, angefüllt mit leichten Gesprächen und schwerem Wein, nur wir drei Freunde, die beiden ohne Ehefrauen, ohne pubertierenden Anhang (ich bin ledig und kinderlos, Gott sei Dank), befreiendes Gelächter über dies und das, einfach ein bisschen die Zeit tot schlagen mit Polenta und Kaninchen, meinem Lieblingstier, vorzugsweise medium, in leichter Rotweinsoße, im Schatten der Zitronenbäume unserer Stamm-Trattoria, anschließend ein, zwei, vielleicht auch sechs oder sieben Grappas auf der Terrasse von Ernestos Bar und als krönender Abschluss die Zeremonie des Entkleidens und Nacktbadens im kühlen Gardasee, um einigermaßen wieder zur Besinnung zu kommen und halbtot zum Hotel Santa Maria zu wanken, wo wir uns mit schweren Zungen und leichten Herzen, sorglos wie die 14-jährigen Jungs meiner 4b auf Klassenfahrt, bei Sonnenaufgang in die Betten unserer gemütlichen Einzelzimmer fallen lassen, gerade einmal drei Stunden von hier entfernt.
Zwei Jahre ist`s nun her, dass wir dort gewesen sind.
Aber ich erinnere mich noch genau an jedes Detail, jeden Duft, jeden Gedanken, jedes Kaninchen.
Heute Abend ist es endlich wieder so weit.
3
Der Taxifahrer, beim Einstieg eben noch überschwänglich freundlich, bestraft mich für die zweiminütige Fahrt mit Schweigen sowie einer kleinen Reise durch Sackgassen und Baustellen, bis er mit elfminütiger Verspätung und um zwölf Euro reicher endlich in die Schillerstraße einbiegt.
Carl und Manuel sitzen längst im Wagen, damit beschäftigt, mit den Unterarmen die beschlagenen Scheiben trocken zu wischen.
Ich steige hinten ein und lasse mich erschöpft auf die Rückbank fallen, völlig durchnässt, weil mich der Taxifahrer nach Erhalt des Fahrgelds, begleitet von einer zaghaften Beschwerde meinerseits, ziemlich grob ins Freie befördert hat, grußlos, mit der fadenscheinigen Ausrede, er dürfe weder da noch dort anhalten, sondern ausschließlich hier. Und dieses Hier heißt ungefähr zweihundert Meter Entfernung zu Carls Wagen, heißt demnach zweihundert Meter Fußmarsch durch orkanartige Gewitterböen, sodass sich meine Flipflops wie zwei Stangen Zuckerwatte nahezu in Nichts auflösen, heißt: Ich hätte gleich mit meinen Freunden mitlaufen können, barfuß, gratis.
Carl dreht mit der rechten Hand den Zündschlüssel und schmiert mit dem Rücken der linken über die Seitenscheibe. Manuel niest.
„Noch ein zweites Mal Die Wand angesehen, was?“, fragt Carl.
„Und, wie ich sehe, endlich ohne Genierer die Kleider vollgeweint,
weil Carl und ich nicht mehr zugegen waren?“,fragt Manuel.
„Der Hund hat sehr gut gespielt“, sage ich, gleichsam als Entschuldigung für mein Zuspätkommen, bemüht, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen, die Schwermut aus dem Film zu nehmen und Manuel daran zu erinnern, Carl daran zu erinnern, Manuels Hundsvieh abzuholen.
Manuel, der wie immer sofort versteht, was ich meine, sagt:
„Apropos Hund, Carl, vergiss nicht, Hundsvieh abzuholen, du weißt, ich hab`s meiner Frau versprochenund, an mich gewandt:
„Paul, drehst du mir eine Zigarette?“
„Gern“, lüge ich.
„Das Hundsvieh hätt ich jetzt glatt vergessen“, sagt Carl genau in dem Moment, als Manuels Handy läutet. Manuel schaut auf das Display, lässt betont langsam den Blick zuerst in die Nebellandschaft schweifen, dann zu Carl und schließlich zu mir, zündet sich die von mir gedrehte, von ihm geleckte Zigarette an, die gesenkten Augenbrauen und die fächelnde Handbewegung von Carl ignorierend, drückt die grüne Taste, hält das Handy dicht an sein Ohr, meldet sich mit„Hallo, Schatz“und hört eine Weile still zu.
Carl dreht seinen Kopf zu mir her, schüttelt ihn, gibt im Rhythmus des Kopfschüttelns ruckartig Gas, was wohl daran liegt, dass er barfuß ist, und formuliert mit den Lippen:
„Siehst du. Ich hab`s doch gleich geahnt.“
Manuel scheint die aufkeimende Unruhe zu spüren, drückt das Handy noch näher an sein Ohr und flüstert hinein:
„Ja. - Ja. – Ja. Toller Film – Ja. – Ja. War erst kurz nach vier zu Ende. – Ja. - Nein. – Weiß ich. - Mach ich. – Ja. Jaja. – Ja, ja gut. – Ja. – Jaja. – Ja klar. – Ja. – Ja, seh ich ein. – Jaja. Natürlich. – Ja, ich auch. – Ja, du dir auch. - Ja, richt ich den beiden aus. – Ja. Ich dich auch.“
Carl dreht sich erneut zu mir und sagt halblaut:
„Übrigens, Paul: Ich darf dich jetzt schon höflich daran erinnern, dass du, als Verlierer der Wette, heute Abend mit der Bezahlung der Obstler an der Reihe bist.“
Manuel massiert mit beiden Zeigefingern seine Augenlider, das Handy in der rechten Hand festhaltend.
„Grappas, nicht Obstler“,antworte ich arglos.
Manuel klappt sein Handy zu und blickt versonnen zum Plafond, setzt sich seine Kopfhörer auf, atmet ein paarmal tief durch, drückt an seinem iPad herum, schließt die Augen, zupft an einer imaginären Gitarre und summt eine dissonante Melodie.
Carl hebt die Brauen, massiert mit zehn Fingern das Lenkrad, zwinkert mir über den Rückspiegel zu, wirft Manuel einen kurzen Blick zu, stellt fest, dass wir unter uns sind, und beginnt, Manuels Sprechpausen von vorhin mit Sinn und der Stimme von Manuels Frau zu füllen:
„Und? Wie war der Film? Ergreifend, was? Hat er den beiden auch gefallen?“
Ich lache in meine Hand, gebe ihm aber augenblicklich mit meinem Zeigefinger an den Lippen zu verstehen, er müsse aufpassen, dass Manuel nichts mitbekomme. Carl nimmt die Hände vom Steuer, lenkt mit den Oberschenkeln weiter, gibt Gas und bedeutet mir mit gefalteten Händen, die er an seine Wange schmiegt, dass Manuel nichts mitbekommen könne, weil er über seiner Luftgitarre eingeschlafen sei. Ich grinse und äffe Selmas Stimme nach:
„Schatz, du hast das Buch von Marlen Haushofer doch hoffentlich eingepackt? Jetzt hast du ja zwei ganze Tage und Nächte Zeit zum Lesen! Noch dazu im sonnigen Süden, während wir hier schon wieder die Wintersocken auspacken müssen. Ich Berg-Schi, du Wasser-Schi.“
Carl schlägt mit beiden Händen aufs Lenkrad und setzt noch eins drauf:
„Und, Schatz, du vergisst wirklich nicht auf Hundsvieh? Ihr müsstet doch eigentlich schon längst hier sein. Hundsvieh furzt in einer Natur.Das zeigt mir, wie es sich auf die Almhütte freut. Es braucht wirklich mal wieder ausgiebig Frischluft und ordentlich Auslauf.Und sag bitte Carl, er soll vorsichtig fahren.“
Was sollte das jetzt heißen? Warum erwähnte Carl die Almhütte?
In der Hoffnung, Carl mit Hilfe einer weiteren Frage von Selma die Antwort zu entlocken, gebe ich ihm mit ihrer Stimme einen kleinen Impuls:
„Wie ich das mit der Almhütte meinte, Schatz?“
„Äh, Schatz, das wollte ich dir ja gerade vorschlagen: Wenn ihr drei schon mal dabei seid, euch zu amüsieren, schaut doch bitte vor Limone noch auf einen Abstecher in Almdorf vorbei, um in der Hütte nach dem Rechten zu sehen“, antwortet Carl mit einem sarkastischen Unterton, den ich an ihm nicht kenne.
Jetzt habe ich Blödmann es endlich kapiert: Manuels Frau will uns auch heuer wieder von Limone fernhalten - wie schon letztes Jahr. Die will sich das Geld für die teure Sanierung dieser Almbruchbude auf unsere Kosten sparen.
Ich bin gleichermaßen irritiert wie verärgert, dass ich lauter als zuvor in Richtung Manuels Ohr spreche:
„Lass mich bitte ausreden, Schatz, meine hübsche Almhütte liegt ja in etwa auf eurem Weg.Und nur so ganz nebenbei: Müsst ihr überhaupt nach Limone? Almdorf ist doch genauso schön! Und noch dazu viel näher!“
Manuel hört und sieht nichts, er summt mit geschlossenen Augen unverdrossen vor sich hin, Carl hebt den Daumen, wohl als Zeichen dafür, dass ich endlich begriffen und mit meiner Antwort den Nagel auf den Kopf getroffen habe, und sagt, jedes Wort nach allen Seiten hin mit einem Nicken untermauernd:
„Ihr spart Benzin und könntet dort oben gleich ein bisschen nach dem Rechten sehen, was meinst du? Und wenn ihr alles erledigt habt, könnt ihr ja, wenn`s denn sein muss, eventuell immer noch nach Italien aufbrechen.“
Ich (stinksauer):„Ihr habt doch euren Spaß da wie dort, oder? Und Hundsvieh befände sich noch dazu auf vertrautem Terrain. In Limone langweilt es sich vielleicht zu sehr. Da fehlen ihm die Berge.“
Carl (feierlich): „Ich bin schon so gespannt auf deine Interpretation des Romans! Mensch, Manuel, zwei Tage und Nächte Zeit zum Lesen – wenn ich die bloß einmal für mich zur Verfügung hätte.“
Ich (getragen):„Und Paul und Carl sollen dir bitte während deiner Lesepausen bei den Ausbesserungs- und Aufräumarbeiten ordentlich zur Hand gehen!“
Carl (gönnerhaft):„Meinetwegen kannst du ihnen ja dafür ein Stamperl Obstler servieren. In der Kredenz müsste sich noch eine angebrochene Flasche vom letzten Jahr befinden. Aber vergiss nicht, die Flasche wieder gut zu verschließen! Dann müsste der Schnaps für Juli nächsten Jahres reichen!“
Ich (sehr ernst, lange nicht so feierlich wie vorhin Carl):
„Pass auf!“
Carl, eben im Begriff, gleichzeitig das Fenster und die Augen trockenzuwischen und einen neuen positiven Satz für Manuels Frau zu formulieren, legt eine Vollbremsung hin, um einer Fichtenkrone auszuweichen, die quer in die Fahrbahn herein ragt. Mir ist nicht entgangen, dass Manuel inzwischen die Kopfhörer abgenommen und sich meine Zigarette erneut angezündet hat, nachdem er sie zuvor am Haltegriff des Seitenfensters ausgelöscht hat. Carl spricht nach seinem gewagten Bremsmanöver munter weiter, ohne zu registrieren, dass Manuel uns inzwischen aufmerksam zuhört:
„Ach, übrigens: weil wir uns ja heute gerade so intensiv mit dem Thema Wand befassen: Ich glaube, die Wand hinter dem Ofen gehört wieder einmal frisch geweißelt, Schatz. Da müsste noch genug Dispersionsfarbe in der Speisekammer sein, in einem der Marmeladengläser von Oma! Nicht dass ihr sie aus Versehen zum Frühstück aufs Brot streicht! Und vergiss bitte nicht, die Hortensien unterm Nordfenster zu gießen und die Engelstrompeten hinterm Haus!“
Ich sage, nun ziemlich laut:
„Ich glaube, es beginnt bald zu schneien.“
Carl vermag meinen Wink nicht richtig zu deuten:
„Ich geh jetzt übrigens mit Hundsvieh schon mal vor die Tür. Bis dann! Ich liebe dich! Genießt die Zeit! Hast du mich auch lieb?“
Er blökt drauflos. Mir ist längst nicht mehr zum Lachen zumute, ich schwitze trotz der Kälte und verdrehe meine Augen zum Plafond wie Manuel vorhin.
Manuel kratzt mit seinem vom Tschick geschwärzten Daumennagel einen Totenkopf in das Sitzpolster und schnäuzt in sein weinrotes Stofftaschentuch.
Das weinrote Tuch hat er bisher nur einmal verwendet. Beim Begräbnis seiner Mutter.
Schon wieder Almdorf. Wieder nicht Limone. Wieder nur Nebel. Nässe. Kälte. Enge. Und Arbeit.
„Carl, müsstest du jetzt nicht eigentlich dort drüben fahren?“, frage ich scheinheilig.
Carl, eben im Begriff, den Wagen in die Spur Richtung Autobahn Brenner, Richtung Limone zu lenken, tritt aufs Bremspedal, ohne in den Rückspiegel zu blicken und das Gehupe hinter uns zu registrieren, erwidert nüchtern, als ob wir nie anders miteinander geredet hätten:
„Scheiße, natürlich falsche Richtung, diesmal geht`s ja wieder nach Dings. – Und, Scheiße, ja, das Dings.“
Seit ich Carl kenne, verwendet erDingsimmer dann, wenn es ihm die Sprache verschlägt: aus Verlegenheit oder vor Wut.Scheißeist ihm noch kein einziges Mal über die Lippen gekommen und nun gleich zweimal hintereinander. Das verheißt nichts Gutes. Manuel reibt sich mit seinem braun-gelb kariertenStofftaschentuch über die Augenlider.
Die Stimmung im Inneren des Autos hat sich schlagartig der kühlen Außentemperatur angepasst.
Wäre ich nur annähernd Herr über meine Gefühle, würde ich jetzt zwei Dinge tun: aus dem fahrenden Auto springen und die vierzig Kilometer barfuß nach Hause laufen.
Mein Instinkt lässt mich völlig im Stich.
4
Magdalena. Deine schwarzen Zöpfe. Diese schmalen, weißen Hände, mit den angeknabberten, schwarz lackierten Nägeln, wie die von Hannah in der 4a, so unvollkommen unregelmäßig und gerade deshalb so reizend, deine Zunge, wie sie zwischen deinen lustigen Sommersprossenwangengrübchen zuerst über die Unter- und dann über die Oberlippe gleitet, immer gegen den Uhrzeigersinn, das hab ich genau beobachtet, und zwar immer dann, wenn du deinen Mann anlächelst, während du deine schwarze Pupille verstohlen zu mir her drehst wie die Linse einer Camera obscura. Und wie du dir jedes Mal ein Zopfende in den Mund steckst, wenn du nervös bist. Wie mir das gefällt. Wie ich es schon dreimal darauf angelegt habe, dass du nervös wirst, nur um dir dabei zuzusehen, wie du an einem Zopf lutschst, und dreimal hast du es tatsächlich getan, zweimal am linken, einmal am rechten. Ich habe genau mitgezählt. Und wie ich mir dann jedes Mal vorgestellt habe, dein Zopf … ach, Magdalena. Du. Hier. Jetzt. Auf dieser Rückbank. Während meine beiden Freunde da vorne mit Schweigen und Scheibenwischen beschäftigt sind. Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen. Morgen Abend müsste nach meiner Berechnung der rechte Zopf an der Reihe sein. Hoffentlich wartest du nicht in Limone auf mich.
5
Statt Magdalena mindestens 80 Kilogramm Hundsvieh neben mir, die rechte Vorderpfote auf meinem linken Oberschenkel ruhend, sein Arsch dicht an meinem, mich immer weiter gegen die Schiebetür quetschend, sabbernd, hechelnd, furzend sich räkelnd, hektisch um sich blickend, als befänden wir uns auf der Flucht.
Carl betätigt abwechselnd Hupe und Lichtsignal und zeigt jedem Fahrzeug, das uns rechts überholt, den Mittelfinger. (Er fährt konsequent mit 100 Stundenkilometern auf der Überholspur –„Ich fahre die Höchstgeschwindigkeit.“) Als Mensch ist Carl der beste Kumpel, als Autofahrer eine Sau. Unentwegt verreißt er das Lenkrad, weil er für jedes obszöne Handzeichen das rechte Seitenfenster hinunter und sofort wieder hinauf kurbelt und sich währenddessen ständig über Manuels Oberkörper beugen muss. Manuel ächzt und hustet. Hundsvieh beginnt sich an mir festzuklammern.
Die Wischer kämpfen gegen die Wasserströme. Unsere Körper dampfen wie Monets Misthaufen in der Morgensonne, Hundsvieh stinkt nach nassem Hund. Aus seinem Maul steigen Schwaden wie aus einem Weihrauchfass, eine feinherbe Note von Myrrhe und roher Kalbsleber verströmend, es fletscht die Zähne und sieht dabei so gutmütig und fromm aus wie der neue Papst. Als hätte es Gras geraucht.
6
Carl ist von der Autobahn abgefahren. Nun lenkt er den Wagen über die Landstraße, taucht ihn, wie mir scheint, absichtlich in jedes Schlagloch, um Manuel wachzurütteln, das schmutzige Wasser spritzt gegen die Scheiben, die Wischer verschmieren es zusammen mit den zahllosen Leichen von Mücken und Schmeißfliegen zu gelb-grauen Schlieren, der Auspuff gurgelt wie ein verstopfter Darm, Manuel gähnt unverfroren in seinen Ellbogen, anstatt Carl ins Lenkrad zu greifen und ehrlich zu sagen:„Andere Seite! Dort drüben geht’s lang! Und, Selma, dass du`s nur weißt, lass uns jetzt einfach mal zwei Tage und zwei Nächte in Ruhe! Bring deine Hütte gefälligst selber auf Vordermann, nein, Verzeihung, Frau Gender, auf Vorderfrau, fleißig und stark, wie du bist, was du ja bei jeder Gelegenheit betonst.“
Hundsviehs rechte Pfote liegt zufrieden auf meiner rechten Schulter, die linke auf meinem linken Oberschenkel, sodass der Fahrer hinter uns wohl nur an das eine denken wird:Du meine Güte, da vorne geht hinten die Post ab.
Der Unterboden schleift und reibt über Schutt und Geröll, so vollgepackt ist der Kofferraum mit unseren Rucksäcken, mit Wolldecken, Putzmitteln, Geschirr und Paletten mit Hundewurst, Konservendosen sowie Plastiktaschen verschiedenster Inhalte: gefüllte Paprika in Tomatensoße, gefüllte Tomaten in Paprikasoße, acht Schätze süß-sauer, Kalbsgulasch Jägerart, Hundekuchen Großmutterart, Naturschnitzel Zigeunerart, Mohr im Hemd, diverse Leckerlis für den Hund, zwanzig Liter Grauvernatsch im Tetrapak für die Jäger und Förster (von Selma zuvor in eine noble Karaffe umgefüllt), die zu früher Morgenstunde mit ihrem Restalkohol vom Vorabend an der Hütte vorbei kommen, um nach ein paar Begrüßungsgläschen beschwingt zu ihren Hochständen aufzubrechen – insgesamt also weit über 100 Kilogramm Proviant an Bord, ausreichend für eine dreiwöchige Europatournee des Städtischen Sinfonieorchesters. Plus 80 Kilogramm Übergepäck. Hundsvieh.
Das Bepacken des Kofferraums hat 40 Minuten in Anspruch genommen, was genau der Wegstrecke von hier bis nach Brixen entspricht. Wir könnten also längst in Italien sein.
Drei vorgebackene Wiener Schnitzel vom Almschwein und ein Kilo gekochte Petersilienkartoffeln, die uns Selma für den morgigen Abend portioniert hat (heute sollen wir laut ihrer Anweisung beim Almwirt in Almdorf zu Abend essen), befinden sich eingeschweißt in einer Frischhaltefolie in der Auftauphase auf der Rückbank links von Hundsvieh, dessen Nase merkwürdigerweise mir zugewandt ist, das auftauende Schwein konsequent ignorierend. Irgendetwas ist da faul. Entweder hat das Schwein sein Ablaufdatum überdauert, oder Hundsviehs feine Nase wittert etwas anderes, weit Wichtigeres, eine Aura, zu der wir Menschen keinen Zugang finden. Kein Hund der Welt beschäftigt sich mit einem Menschen rechts von ihm, wenn links drei Wiener Schnitzel vom rosa Almschwein im Begriff sind, ihr zartes Aroma zu entfalten. Oder ist Hundsvieh schlichtweg Vegetarier?
Jetzt legt es seine Schnauze auf meinen Oberschenkel und beginnt, in meinen Schoß zu weinen, nicht etwa zu winseln wie normale Hunde, nein, es weint und wimmert wie ein Mann, der sich für seine Schwäche schämt, ganz leise, damit es nur ja niemand merkt. Ich streiche ihm sanft über den Hinterkopf, schiebe seinen Ohrlappen zur Seite und raune ihm ebenso leise in seinen empfindlichen Gehörgang:
„Reiß dich zusammen, alter Junge. Sei ein Mann.“
Meine Oberschenkel sind derart vollgesabbert, dass ich Hundsvieh an den Schlappohren hochziehe und seinen Kopf ziemlich grob mit beiden Händen zuerst in die Höhe und dann ein Stück von mir weg stemme. Viel zu unfreundlich sage ich: „Halt endlich die Fresse. Ich wär ja auch lieber nach Limone gefahren und weine dir deshalb nicht das Fell voll.“
Nun endlich winselt es, wie es sich für einen richtigen Hund gehört.
Der Rückspiegel starrt mich mitManuels Augen finster an.
Ob er für Hundsvieh und dessen labile Gemütslagen auch verschiedenfarbige und -gemusterte Taschentücher eingepackt hat?
7
Wasser und Nebel, wohin man schaut. Aus dem Autoradio töntDon`t look to the eyes of a strangervonIron Maiden, Hundsvieh blickt kurz zu den Schweinsschnitzeln, rückt aber noch näher an mich heran, dreht den Kopf zu mir her, schaut mir in die Augen, verrenkt seinen Körper, blinzelt und hechelt, als singe es playback. Seine Zungensäfte tropfen auf meine Schultern und besudeln die Polsterung.
Das Thermometer sinkt binnen Minuten von 11 auf 2 Grad.
Nun setzt Schneeregen ein, und wir vier sitzen im Jeep fest, drei in Sommeradjustierung, einer nackt, einer mit warmen Füßen.
Carl schaltet die Heizung auf Hochtouren, sie kann aber nichts gegen die Ausdünstungen im Wageninnern ausrichten, die Fensterscheiben verweigern die Sicht nach draußen, es riecht nach kaltem Schweiß und schlechtem Atem.
„Die Frau da im Film, die ist doch innerhalb dieser Wand eingeschlossen. Gefangen. Alles, was sich von ihr aus gesehen hinter der Wand befindet, ist offenbar tot. Ausgelöscht. Rings um sie nur diese paar Tiere. Der Hund. Die Kuh. Die Katze. Die Gedanken der Frau kreisen eigentlich nur ums Durchfüttern dieser Tiere. Oder habe ich den Film gänzlich falsch verstanden? Was meint ihr dazu?“
Es ist Carls Stimme, die das so monoton vor sich hin sagt, als wolle sie die Nebelwand verscheuchen.
Manuel und ich meinen gar nichts dazu. Manuel, weil er wegen der Kopfhörer nichts hört, und ich, weil ich mich auf keine Diskussion einlassen möchte, ich will einfach nur raus hier, raus aus diesem stinkenden Gefängnis, raus aus dem Nebel. Verzeih, Carl, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Filmkritik.
Carl lenkt den Wagen zielstrebig und routiniert durch die Unbilden dieser unwirtlichen Landschaft, sämtlichen Schlaglöchern nun wie ferngesteuert trotzend, als habe er auf unserer Fahrt vor einem Jahr sämtliche Besonderheiten dieses Wegs detailgetreu auswendig gelernt und bis zum heutigen Tag verinnerlicht.
Dann überschlagen sich die Ereignisse. Carl vollführt eine Vollbremsung, es kracht, wir werden durchgebeutelt, ich stoße mit der Stirn an den Haltegriff des Seitenfensters, Carl ruft:„Limone! Endstation! Aua! Alles aussteigen!“, ich registriere, wie Manuel in ein braun-gelb kariertes Stofftaschentuch prustet, wie er Carl mit einem strafenden Blick versieht, wie er ein zweites, weiß-blau gestreiftes, aus dem Hosensack zieht und sich damit über die Wangen wischt, und während ich noch überlege, wie seltsam das aussieht, so als wolle er uns einen Zaubertrick vorführen, werde ich ohnmächtig, wache aber gleich wieder auf, weil Hundsvieh seinen Körper an mich presst, zitternd auf mir zu liegen kommt, ich schnappe nach Luft, eine Pfote streicht über meine Stirn, ich bin irritiert, frage mich, ob womöglich auch Hunde zu Homophilie neigen können, sein linkes Auge tränt, das rechte zwinkert mich an, seine Zunge leckt mir über die Stirn, rau, dennoch tröstend, mit der freien Hand öffne ich die Schiebetüre und schubse Hundsvieh ins Freie, jaulend vollführt es eine Körperdrehung, kommt auf allen vier Beinen zu stehen, schüttelt sich, wendet den Kopf zu mir, warum hast du das getan, sagt sein Blick, es springt mit einem Satz zu Hermann, dem Alm-Wirt, der unmittelbar nach dem Aufprall herbei geeilt ist und vor ihm zurückweicht, weil es ihn anknurrt, Manuel pfeift es zurück, worauf es sofort kehrt macht, Hermann begrüßt uns mit einem brummenden„Guten Abend zusammen! Also derart spektakulär hat noch keiner hier eingeparkt“,sobald er jedoch bemerkt, dass wir nahezu unverletzt aus dem Wagen steigen, schwingt ein unfreundlicher Ton mit:
„Der neue Hausbrunnen hat übrigens 900 gekostet und hätte mich und eigentlich auch meine Urenkel überdauern sollen.“
Manuel lacht ihm direkt ins Gesicht und sagt:
„Ich bin schon gespannt, was es heute Gutes zum Abendessen gibt.“
Das Gesicht des Wirts zeigt keinerlei Regung, aber ich spüre, dass auch er Manuels Reaktion unpassend findet.
„Wiener Schnitzel vom Schwein, mit Petersilkartoffeln und Salat“,sagtder Wirt ruhig, ebenso ruhig wendet er sich ab. Er würdigt uns keines Blickes mehr. Manuel geht ihm nach, er redet auf ihn ein, erkennt nun offensichtlich selber, dass er einen Fehler gemacht hat, versucht, ihn wiedergutzumachen, mit Lobhudeleien, die der Nebel nicht verschlingt, sondern verstärkt zu mir herüber trägt: wie er sich auf das Wiener Schnitzel freue, wie sehr sich die Fassade des Hauses seit unserem letzten Besuch zum Positiven verändert habe und ähnliches Zeug. Mir ist die Situation peinlich. Ich schäme mich für ihn. Derart servil hat Manuel sich in meiner Gegenwart noch nie geäußert. Meine Verstimmung hat sich in Verwunderung verwandelt.
Ich überlege, dem Wirt nachzurennen und ihm die 900 aus meiner Brieftasche zu bezahlen, damit Manuel endlich den Mund hält. Und Carl wäre damit auch geholfen, denn der Kotflügel muss sicherlich ersetzt werden.
Manuel folgt dem Wirt bis zum Eingang, ohne meine Ratlosigkeit und Carls Kopfschütteln in seinem Rücken zu spüren, ohne sich um mich und Carl zu kümmern. Sein Strohhut leuchtet im Schein der Laterne. Der Nebel trägt ein Bild zu mir her, das aussieht, als befinde sich dort vorne der Heilige Josef wieder einmal auf Herbergssuche.
Hundsvieh bleibt auf halbem Weg unentschlossen stehen. Ein kurzer Pfiff von Manuel. Es läuft los, auffallend zögerlich, nicht wie ein Hund, der seinem Herrn gerne gehorcht, eher wie einer, der nicht bei ihm ankommen will.
„Ich glaube, Manuel macht sich über den Wirt lustig“,sagt Carl.
„Schwein!“, murmle ich.
„Wer? Ich? Das Hundsvieh? Oder Manuel?“,fragt mich Carl.
Ich muss lachen.
„He,Manuel meint das nicht so“,sagt Carl.
„Darum geht es nicht.“
„Manuel kann auch nichts dafür, dass wir erneut hier gelandet sind.“
„MitSchweinhabe ich doch nicht ihn gemeint. Ich habe nur halblaut mein Bedauern ausgedrückt, dass es Wiener Schnitzel zum Essen gibt. Statt coniglio alla cacciatora. Und was auf dem Speisezettel für morgen steht, brauche ich einem Feinspitz wie dir wohl nicht näher zu erläutern.“
„Du musst das positiv sehen: Dafür hat das Kaninchen in Limone heute Schwein gehabt.“
„Tja, wie es scheint, muss es sich bis nächstes Jahr gedulden.“
„Bis dahin setzt es noch ein paar Muskeln an.“
„Und es ist gut abgelegen.“
„Na also.“
„Daran, dass an dem für uns reservierten Tisch in Limone jetzt, in diesem Augenblick, gerade andere Leute Kaninchen Jägerart bestellen, während wir zwei uns über das Almschweinwiener Gedanken machen, wollen wir nicht denken.“
„Richtig.“
Wir lächeln beide.
„Trotzdem: Deine Erklärung betreffend das Schwein nehme ich dir nicht ab. Sei vorsichtig, Paul.“
Wer hat schon einen Freund wie Carl, der einen wieder aufrichtet, wenn man bedrückt ist, und genau versteht, wie man etwas meint.
„Und was ist mit dem eingedrückten Kotflügel?“, frage ich ihn.
„Ach, um den mach dir keine Sorgen. Er hat uns zwar vor ärgeren Verletzungen geschützt, aber leid muss er dir trotzdem nicht tun.“
„Und wie wird deine Frau reagieren?“
„Der macht das sicher nichts aus. Im Gegenteil: Die wird sich freuen, dass uns nichts passiert ist.“
„Weiß sie überhaupt, dass wir schon wieder hier gelandet sind?“
„Nein. Ich habe mein Handy auf unseren Fahrten doch nie dabei.“
„Sie meint also, du wärst in Limone, und in Wirklichkeit …“
„…bin ich schon wieder hier in Almdorf. Genau. Aber was tut das schon zur Sache?“
„Kommt sie da nicht auf abwegige Gedanken?“
„Ich habe nichts zu verbergen, das weißt du so gut wie ich. Außerdem bin ja nicht ich für unseren neuerlichen Umweg verantwortlich, sondern Manuels Frau.“
„Ist mir schon klar, aber nimmt deine Frau dir das ab?“
„Wir kennen uns jetzt seit…warte mal…seit über elf Jahren.“
„Du vertraust ihr so wie sie dir?“
„Darüber denke ich eigentlich nicht nach.“
Solltest du aber, liegt mir auf der Zunge, stattdessen frage ich:
„Aber wie kommuniziert ihr, wenn, sagen wir … ein Notfall eintritt?“
„Erinnerst du dich noch, wie unproblematisch das Leben ohne Handy funktioniert hat?“
„Du wirst älter.“
„Du etwa nicht? Wie meinst du das?“
„Auf mich wartet zu Hause niemand, dem ich Auskunft über meinen aktuellen Standort geben muss. Wenn ich wo krepiere, interessiert das niemanden sonderlich.“
„Du Armer. Oder soll ich Glückspilz sagen?“
„Gute Frage.“
„Schlechte Antwort. - Also, wie hast du das mit dem Älterwerden gemeint?“
„Herzinfarkt. Unfall. Schlaganfall. Zum Beispiel.“
„Dann umso besser ohne Handy: So treffen die Schreckensmeldungen eben wie anno dazumal ein, nämlich mit Verspätung, und das Glück kann sich noch ein bisschen Zeit lassen. – Los, komm, lass uns essen gehen. Das Schwein wartet!“
„Das erzähl ich ihm.“
„Wem: Dem Schwein oder Manuel?“
„Macht das etwa einen …“
Carl lässt mich nicht zu Ende reden, schlägt mir lachend auf die Schulter und schiebt mich ziemlich grob ins Gasthaus.
Ach, Magdalena. Es gibt Momente, da möchte ich dich lieber nicht sehen. Jetzt ist so ein Moment.
8
Als Carl und ich die Gaststube betreten, werden wir erneut in Nebel getaucht. Carl fächert mit seiner Hand vor seiner Nase herum, während ich die Luft anhalte.
Meine Augen tränen, mein Atem geht flach. Ich ziehe meinen Tabakbeutel und die Papiere aus der Hosentasche, drehe mir eine Zigarette und zünde sie an. Den Inhalt des ersten Zugs blase ich Carl direkt ins Gesicht, weil er mich so vorwurfsvoll anblickt.
„Wenn du selber rauchst, spürst du den Rauch der anderen nicht so sehr“,rechtfertige ich mich.
„Aha. Woher der Spruch? Aus einer dieser Gesundheitsfibeln?“
„Nein. Von mir. – Aber viele Raucher denken sicher ebenso.“
„Vielleicht wird bei uns deshalb so viel geraucht.“
„Möglich.“
„Dreh mir auch eine.“
„Scherz.“
„Ernst.“
Mehr aus Neugier als zum Vergnügen drehe ich ihm die Zigarette.
„Feuer.“
Er, der militante Nichtraucher, nimmt einen tiefen Zug, schaut nicht anders drein als sonst, hustet nicht, wankt nicht, inspiziert seelenruhig das Lokal.
Die Jäger und Förster sitzen auf sechs Tische verteilt und sind mit Rauchen, Gesprächen und Wiener Schnitzeln beschäftigt. Niemand scheint sich für uns zu interessieren.
Ganz hinten, am Ende der Nebelwand, sitzt Manuel. Er hat neben Gottfried Schleinzer Platz genommen, dem Almdorfer Pfarrer, einem friedfertigen, gottesfürchtigen Feinspitz Ende fünfzig. Dieser spießt gerade mit der Gabel eine Petersilienkartoffel auf und führt sie zum Mund. Manuel hat uns entdeckt und winkt uns herbei. Der Pfarrer schaut in unsere Richtung, lächelt uns freundlich zu, steckt die Kartoffel in den Mund, legt die leere Gabel auf dem Tellerrand ab und hält seine Arme leicht abgewinkelt in die Höhe. Er beginnt zu sprechen, und das klingt, als wolle er uns mit einer kleinen Predigt auf Arabisch willkommen heißen.
„Ischhod! Ischhwadschohead, dadeheea echwowaschiim awaad haad.“
Er kaut, lacht, blickt zu Manuel, Manuel lacht mit, wir lachen nicht.
Dann schluckt er die Kartoffelreste hinunter und sagt, nun verständlich:
„Grüß Gott! Ich habe schon gehört, dass der Herr euch vor Schlimmerem bewahrt hat!“
Manuel lacht erneut.
„Allwissend, wie unser Herr nun mal ist, hat er in seiner grenzenlosen Güte dafür gesorgt, dass mir heute Abend drei unversehrte Partner zur Verfügung stehen. Kurz und gut: Ich freue mich auf einen zünftigen Vierer-Watter!“
Manuel lacht nicht mehr. Er tupft sich mit seinem grün-karierten Taschentuch die Stirn trocken.
Ich trete einen Schritt näher an den Tisch, um ihm die Hand zu geben, steige auf etwas Weiches, das Weiche jault auf, ich bücke mich und entdecke unterm Tisch Hundsvieh. Carl, der sich zeitgleich hinunter gebeugt hat, flüstert mir ins Ohr:
„Die Schau mit der Kartoffel hat er letztes Jahr doch auch schon abgezogen. Hör zu, Paul, ich brauch heut Abend kein Dauerdéjà-vu. Statt mir kann diesmal der Almwirt oder meinetwegen auch das Hundsvieh hier mit ihm Karten spielen, ich geh nach dem Abendessen lieber voraus zur Hütte und warte dort auf euch.“
(Carl wurde letzten Juli vom Herrn Pfarrer beim mitternächtlichen Zweierschnapser in Grund und Boden besiegt, während Manuel und ich die Hütte auf Vordermann brachten.)
Ich höre ihm nur mit einem Ohr zu, weil ich mich um Hundsvieh kümmern möchte, das wie ein Bärenfell vor mir liegt und mich mit derart traurigen Augen ansieht, dass ich lachen muss. Ich streiche ihm über den Kopf, es zeigt keinerlei Reaktion, ich kitzle es am Bauch, es legt sich zur Seite, hebt eine Pfote, unterdrückt ein Lachen, leckt mir die Finger ab, ich packe seinen Kopf mit beiden Händen, kraule es von der Stirn bis hinter die Ohren, massiere mit den Daumen seine Wangen, führe seine Schnauze an meine Nase und schaue ihm direkt in die Augen.
„He, Hundsvieh, was ist los? Beleidigt? Verzeih mir! Ich wollte dir nicht weh tun.“
Hundsvieh schließt die Augen, dreht seinen Kopf von mir weg, leckt seine Pfote und winselt dabei leise vor sich hin.
Einige Zeit später sollte ich erfahren, was es mir an jenem denkwürdigen Abend mitteilen wollte:
„Du scheinst aber auch gar nichts zu kapieren. Jetzt hast du mir schon zum zweiten Mal weh getan. Aber pass mal auf: Wegen so einer Kleinigkeit soll ich beleidigt sein? Angesichts dessen, was auf uns, was auf dich und mich zukommt, war das ein kleines Häufchen.“
Über mir vernehme ich Tellergeklapper und Stimmengewirr, höre den Wirt „Guten Appetit!“ sagen und den Pfarrer „Gott sei Dank!“, nehme Manuels Gestammel wahr: „Äh, nicht böse sein, Herr Pfarrer, wenn ich heute Abend nicht beim Watten dabei sein kann, aber in der Hütte gibt es diesmal ziemlich viel zu erledigen“,grinse über Carls Fluch,der sich nach„Au-verdammt-ist-das-heiß“anhört, grinse nicht mehr, als er ein„Und ich muss Manuel leider chauffieren, aber ich denke, Paul hat sicher genügend Zeit für Sie“nachlegt, trete ihm ans Schienbein und registriere zufrieden ein„Au-verdammt-tut-das-weh“.Hundsvieh stupst mich mit der Pfote an. Heißt das nun„Gut gemacht! Weiter so!“oder„Hör auf! Halt dich doch nicht mit solchen Kleinigkeiten auf!“?
Andrerseits, mir soll´s recht sein, wenn die beiden gleich nach dem Essen Richtung Hütte verschwinden, so spare ich mir sowohl das viele Geld für die vielen Obstler als auch die Schinderei mit Auspacken, Schleppen und Einsortieren des Zeugs aus dem Kofferraum. Und außerdem: einmal den Abend allein mit dem Pfarrer zu verbringen – wer weiß, ob das nicht Spannung verspricht.
„Hör zu, Hundsvieh, du hast zwar den mit Abstand gemütlichsten Platz in dieser Stube, und am liebsten würde ich ja hier bei dir unterm Tisch sitzen bleiben, aber ich hab Hunger und muss mich auch ein wenig mit meinen Freunden und dem Pfarrer unterhalten, einverstanden? Also, bis später! – Hat Manuel dir überhaupt etwas zum Fressen und Saufen besorgt?“
Hundsvieh knurrt leise. „Was ist? Habe ich mich etwa im Ton vergriffen, oder bist du böse auf dein Herrchen, weil es auf dich vergessen hat?“
Sein Brummeln klingt irgendwie nachDasistnichtmeinherrchen.
9
Der Almwirt ist mürrisch und wortkarg geblieben, er hat uns zwar während des Essens ein Glas Rotwein nach dem anderen nachgeschenkt, aber ohne zu fragen, ob uns das recht sei, und sich jedes Mal sofort zurückgezogen, ohne sich länger als nötig bei uns aufzuhalten.
Manuel hat mich gebeten, sich um Hundsvieh zu kümmern (der Wirt verlangt einen Fünfer pro gefüllten Fressnapf, und es verzehrt vier Portionen), da es in der Hütte nur im Weg sei, und ist sofort nach dem Essen gemeinsam mit Carl aufgebrochen, ohne zu bezahlen, mit den üblichen Worten „Also dann! Bis später!“. Er wird mir die Zeche schuldig bleiben (mit dem Argument, dass ich dafür ja gratis in der Hütte nächtigen dürfe, sollte ich ihn daran erinnern, was ich nicht zu tun beabsichtige, was er bestens weiß), Carl wird einfach darauf vergessen. Ich werde es wie immer hinnehmen, werde wie immer keinem der beiden böse sein, werde die Rechnung ohne zu murren für uns vier begleichen.
Der Pfarrer hat Manuels Platz eingenommen und sitzt nun mir gegenüber, der Kartenstapel liegt auf dem Tisch, zum Mischen bereit, Hundsvieh hat seinen Platz unterm Tisch zeitgleich mit Manuels Rückzug verlassen, hat ihm ohne Wehmut hinterher geschaut, ich habe auf den leeren Stuhl von Carl gedeutet und „Sitz!“ zu ihm gesagt, worauf es auf Anhieb hinauf gesprungen ist und eine Pfote auf das Tischtuch gelegt hat und die andere in die Luft geschwenkt, als wolle es Blutwurst mit Kraut bestellen oder den Wirt zum Zahlen herbei winken.
Was die banalen Dinge des Lebens betrifft, gibt sich der Pfarrer im Verlauf unseres langen Gesprächs während des Schnapsens unprätentiös und pragmatisch (Ich bin nicht mehr in der Lage, den gesamten Wortlaut wiederzugeben.):
„Sag ehrlich, Paul, wie lang ist es bei dir her, seit du das letzte Mal hrrmm hast? – Ich für meine Person lebe seit nunmehr sage und schreibe fünfzehntausendsiebenhundertdreiundzwanzig Tagen in Keuschheit, sprich: über dreiundvierzig Jahre Entsagung. – Erraten. Ja, ich führe tatsächlich eine Strichliste, und zwar an der Nordwand meines Arbeitszimmers, ein Sträfling mit gespitztem Bleistift in der Arrestzelle seines Glaubens. So Gott will, ist in zirka zwei Wochen die Südwand mit dem ersten Strich an der Reihe. – Jetzt weißt du wenigstens, wie man die Floskel „Auf den Strich gehen“ noch interpretieren kann. Ha.“
„
