HuntersClub - Kalmond Kess - E-Book

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KALMOND KESS

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Beschreibung

Das Leben des Dr. Richard Meier scheint zu Ende. Eine hinterhältige Intrige kostet ihn den Job. Seine Frau ist tot, er sei schuld, meinen alle. Der beste Freund und Geschäftspartner betrügt ihn um sein gesamtes Vermögen. Seine Tochter wendet sich von ihm ab. Dabei ist er sich sicher. Er will Rache! Er schreibt eine Liste. Das tut er immer, wenn die Probleme überhandnehmen. Nur drei Namen stehen auf dem Zettel, der auf seinem Nachttisch klebt. Es ist sein Testament - die Namen der Todgeweihten stehen darauf. Hilfe verspricht ein Computerprogramm, ein Helfer im Darknet. Via Zufallsgenerator verknüpft es Täter und Opfer! Alles bleibt verborgen im Nebel aus Bits und Bytes! Wirklich alles? WARNUNG! Es geht an die Grenzen! Sie, als Leser, brauchen Nerven, Geduld, unendlich viel Geduld! Das Buch: New-York E 61th Street… "...DUTY5: Du bist deinem Opfer nie zuvor begegnet. Du wirst auch deinem Widersacher nie mehr begegnen, wenn wir fertig sind. Dafür sorgen der HuntersClub und ein Computerprogramm. Verschwende keine Zeit mit Nachforschungen über dein anonymes Opfer! Alles, was du brauchst, steht in deiner ›DUTY‹! Gehe zu ihm! Rhodes erwartet dich. Du musst ihn bitten, etwas aus der Küche zu holen, was mindestens zwei bis drei Minuten dauert, Mineralwasser mit Eis und einer Scheibe Zitrone oder einen Kaffee. Nutze diesen unbemerkten Augenblick! Du gibst den kompletten Inhalt der Plastikflasche, eine geruch- und geschmacklose Flüssigkeit, in sein Getränk (kräftig zusammendrücken, umrühren). Es gibt eine zweite Flasche. Eine ist zum Ausprobieren (an einem Tier mit dem Gewicht deines Opfers). Oben waren zwei Penthouse-Wohnungen – mitten in einem großen Dachgarten. An der nördlichen Eingangstür fand er, was er suchte. ›Jeffrey Rhodes‹ stand auf dem blank polierten Schild. Daneben der Messingknopf für die Klingel. In einer grünen Oase empfing ihn ein schwindelerregend schöner Panoramablick auf das New York seiner Jugend. Es erinnerte ihn an eine Fototapete. Vom dichten Verkehr drang nur ein leichtes Summen wie Meeresrauschen herauf. Eine Klingel wie ›die Glocken von Notre Dame‹ tönte durch die massive Teakholztür – nur die Tonlage war höher. Dann stand er vor ihm, der Hüne, den er umbringen würde. Sein virtuelles Opfer, welches ein Computerprogramm für ihn ausgewählt hatte, dieser Jeffrey Rhodes im hellblauen Morgenmantel, und schaute aus ebenso blauen Augen auf ihn herab ..." Willkommen im HuntersClub! Die ›DUTY‹ beginnt!…

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Prolog
Personenverzeichnis
Abschuss
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Hatz
Treibjagd
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HuntersClub Jägerverein
Die Pirsch
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Diana
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Der Riss
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Schrot und Korn
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Die Fährte
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Steinbock
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Die Strecke
Tanuki
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Jägermeister
Yamaneko
Jagdgenossen
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Das Kitz
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Hunting and Fishing
Hege
Büchse
Jagdglück
Seeadler
Im Netz
Flinte
Beizjagd
Jagdhunde
Jagdversammlung
Muttertier
Schwimmblase
Großes Halali
Fangschuss
Epilog
Dank
Auch vom Autor Kalmond Kess
Mehr vom Autor Kalmond Kess

 

Dr. Richard Meier hat alles verloren. Eine hinterhältige Intrige kostete ihn den Job. Seine Frau ist tot, und er sei schuld, behaupten alle. Seine Tochter wendet sich von ihm ab. Der Freund und Geschäftspartner betrügt ihn um sein gesamtes Vermögen. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Ja, er ist sich sicher! Er muss es tun! Er schreibt eine Liste. Das tut er immer, wenn die Probleme überhandnehmen. Nur drei Namen waren auf dem kleinen Post-it-Zettel, der auf seinem Nachttisch klebte, zu lesen. Es ist sein Testament. Die Namen der Todgeweihten …

 

 

 

HuntersClub

Jagdverein

 

Mord auf Gegenseitigkeit

 

 

Der Autor: Kalmond Kess lebt in München und in Pula am Meer. Bekannt wurde er durch sein Debüt und die Fortsetzung:

Die Spur im Fluss Teil I – Sakai –

Die Spur im Fluss Teil II – Judas –

Nach dem Zukunftsroman

Sequenzer – Ein gemachter Mann, folgt der Krimi:

HuntersClub

 

 

HuntersClub

Jagdverein

Mord auf Gegenseitigkeit

 

 

 

Von

Kalmond Kess

 

 

Casa Ceslerus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krimi

 

Herausgeber: Casa Ceslerus

Echardinger Straße 9

81673 München

Bibliografische Information:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation: Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

© 2023 Kalmond Kess 2. Auflage

 

Erstveröffentlichung 2023

ISBN: 9798399121741

ISBN: 9798863040998

Lektorat: Elisabeth Neumann, Casa Ceslerus

Weitere Mitwirkende: Satz & Layout: Casa Ceslerus

Umschlaggestaltung: Casa Ceslerus

Herstellung, Verlag: Casa Ceslerus, Echardinger Straße 9 81673 München

Anfragen über: [email protected]

Umschlag:Casa Ceslerus selfbookcover

Deposit photos+

 

 

Copyright 2023 Kalmond Kess

Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

New York E 61st Street

DUTY5: Du bist deinem Opfer nie zuvor begegnet. Du wirst auch deinem Widersacher nie mehr begegnen, wenn wir fertig sind. Dafür sorgen der HuntersClub und ein Computerprogramm. Verschwende keine Zeit mit Nachforschungen! Alles, was du brauchst, steht in deiner ›DUTY‹!

Gehe zu ihm! Rhodes erwartet dich. Du musst ihn bitten, etwas aus der Küche zu holen, was mindestens zwei bis drei Minuten dauert, Mineralwasser mit Eis und einer Scheibe Zitrone oder einen Kaffee. Nutze diesen unbemerkten Augenblick! Du gibst den kompletten Inhalt der Plastikflasche, eine geruch- und geschmacklose Flüssigkeit, in sein Getränk (kräftig zusammendrücken, umrühren). Es gibt eine zweite Flasche. Eine ist zum Ausprobieren (an einem Tier mit dem Gewicht deines Opfers).

Oben waren zwei Penthouse-Wohnungen – mitten in einem großen Dachgarten. An der nördlichen Eingangstür fand er, was er suchte. ›Jeffrey Rhodes‹ stand auf dem blank polierten Schild. Daneben der Messingknopf für die Klingel.

In einer grünen Oase empfing ihn ein schwindelerregend schöner Panoramablick auf das New York seiner Jugend. Es erinnerte ihn an eine Fototapete. Vom dichten Verkehr drang nur ein leichtes Summen wie Meeresrauschen herauf. Eine Klingel wie ›die Glocken von Notre Dame‹ tönte durch die massive Teakholztür – nur die Tonlage war höher.

Dann stand er vor ihm, der Hüne, den er umbringen würde. Sein virtuelles Opfer, welches ein Computerprogramm für ihn ausgewählt hatte, dieser Jeffrey Rhodes im hellblauen Morgenmantel, und schaute aus ebenso blauen Augen auf ihn herab. Etwas zerzaust wirkte er, fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen graublonden Haare.

 

Willkommen im HuntersClub! Die ›DUTY‹ beginnt!

Personenverzeichnis

Dr. Richard Meier, Abteilungsleiter BRONSON AG

Susanne Meier, Tochter von Dr. Richard Meier

Ingrid Meier, v. Rannstedt, Ehefrau v. Dr. Richard M.

Dr. Erika Solman v. Rannstedt, Schwester v. Ingrid

Josef Solman, Ehemann von Dr. Erika Solman

Franz Solman, Bruder von Josef Solman, Bergamo

Dr. Friedrich Sommer, Vorstand BRONSON AG

Dr. Ingo Strachmann, Vertrieb BRONSON AG

Sabine Fey, Assistentin Richard Meier, BRONSON AG

Alfred Richter, Dipl.-Ing., BRONSON AG

Michael Straubinger, Stellvertr. Richard Meier, BRONS.

Jeffrey Rhodes, Börsenmakler, New York

Arthur Kinley, New York

Xaver Hintermeier, Hauptkommissar, BLKA München

Rudolf Steiger, BLKA München,

Maria Stadler, Polizeikommissar-Anwärterin, BLKA M.

Albo Cavaro, Taxi-Unternehmer, Sao Paulo

Antonio Servante, Commissario Capo Bergamo

Emilio Marelli, Commissario Bergamo

Gina Scoloppa, Assistentin von Antonio Servante

Charly Hammani, Tunesier

Roberto Stellone, Chef STELLONE Farmacia Bergamo

Silvio Franconi, STELLONE Farmacia Bergamo

Jolly Carnegy, Bikeshop in Ottawa

Stevio Cassetta, Chef, Erbe der Famiglia

Raphaele Solano, Chef der New Yorker Famiglia

Walter Stevenson, FBI New York, Special Crime Unit

Laster Jones, FBI, Stellvertreter v. Walter Stevenson

Samuel Andersen, FBI New York, Assistent Walter S.

Percy Roberts, Mitarbeiter NSA

Michael Brisinsky, Mitarbeiter 24 LUGGAGE STORE

Arial Hofman, Mitarbeiter 24 LUGGAGE STORE

Jason Takashi, Unterweltgröße in Tokio

Eric Stoltenberg, Göteborg

Joe Vickers, Tauchbasis, BLUE LAGUNA DIVING

Walter Brunswick, AT&T Manager, Programmierer

Colder Smile, der Unbekannte

Abschuss

München, BRONSON AG, Keltenring, Oberhaching

Dr. Richard Meier stieg die Treppen hinauf, bis in den zweiten Stock. Er geriet außer Atem, hatte Schweiß auf der Stirn. Den Aufzug vermied er, weil er dort keine Luft bekam. Lange vorbei war die Zeit, in der er die hundert Meter in unter elf Sekunden lief. Vor der Tür hielt er inne, atmete noch einmal tief durch.

Was will Dr. Seifarth? »Die Untersuchungsergebnisse, wir müssen reden!«

Meine Leberwerte? Liegt es an der Gelbsucht, die ich mir im Oman zugezogen habe, an der Flasche Beaujolais, die ich allabendlich brauche, um zu vergessen, um einzuschlafen? Egal, ich muss da jetzt rein …

Mit letzter Kraft drückte er sich gegen die Tür zum Großraumbüro – seiner Abteilung. Den Hut feuerte er in Richtung Regal, traf nicht. Was solls? Dabei fuhr er sich durch das dünne angegraute Haupthaar. Vorn ragten die Geheimratsecken bis zur Scheitelmitte, hinten hingen ihm die Haare über den Hemdkragen. Sabine Fey sah ihm direkt in die Augen und lächelte erst sanft, dann aber besorgt, als er vor seinem Schreibtisch stand und sie gegenüber wartete.

»Guten Morgen, Dr. Meier, Richard, wie gehts dir?« Das klang nach Mitgefühl. Sie bückte sich, klopfte den Staub von seinem Hut und legte ihn ins Garderoben-Fach. Sie freute sich, ihn zu sehen. Ein nervöser Schulterblick – darf sie ihre Freude nicht zeigen?

»Morgen, Sabine, danke«, antwortete er mit einem freundlichen Lächeln im früh gealterten Gesicht. Wer es ehrlich meinte, schätzte ihn älter als er eigentlich war. Ungepflegt und unausgeschlafen kam er heute wieder daher. Kein Wunder, er ließ sich etwas gehen. Seine Frau, Ingrid, hatte immer nach ihm geschaut.»Wie läufst du wieder rum, schau mal in den Spiegel!«

Was war heute wieder mit ihm los? Anzugjacke und Hose hatten Knitterfalten vom Autofahren. Krawatte trug er schon lange keine mehr. Immer wenn seine Assistentin ihn so ansah, war klar, dass ›die Hütte brannte‹.

Die sonst so offenherzig gekleidete Schönheit mit dem prallen Birnenarsch trug heute Trauer statt Make-up. Ihre langen, dunklen Haare fielen ihr auf eine schwarze, hochgeschlossene Taftbluse und der graue Rock reichte bis zu den Knöcheln. Passend dazu trug sie schwarze Wildledermokassins statt High Heels. Die brauchte sie ohnehin nicht, bei ihrer Modelgröße. Heute hatte sie nichts von diesem animalischen Sex, der allen Männern, die sie umschwärmten, den Verstand raubte. Er stand einen Augenblick vor seinem Schreibtisch, in der Büromitte, suchte seine Gleitsichtbrille und den Überblick, fand erstere in der Manteltasche und rückte sie sich im Gesicht zurecht, aber klarer sah er damit nicht.

Dr. Richard Meier zog den Bürostuhl unter der Tischplatte hervor. Seine persönlichen Sachen lagen dort, jemand hatte aufgeräumt. Keine Akten, keine Aufträge. Er schielte aus seinen graublauen Augen über den Brillenrand. Dennoch hätte er ihn beinahe übersehen.

Still und leise, wie ein Gespenst, schlich er sich heran, stand dann plötzlich vor ihm, dort wo eben noch die Fey gestanden war. Richters stählern hypnotischer Blick drang durch ihn hindurch, wie ein Röntgenstrahl durch seine Weichteile. Heute nicht mit dem üblichen, für ihn typischen heuchlerischen, Lächeln im kahl rasierten Schädel. Da war nichts mehr dahinter, nur Hohn und Verachtung. Früher war das mal anders. Aber seit den Rückschlägen der vergangenen Monate verfolgte er seinen Chef wie ein Wolf einen angeschossenen Hirsch.Dieser Halunke – er hat wieder was ausgeheckt. Warum habe ich ihn nicht längst gefeuert? Diese Drecksau. Das muss ich machen, bevor es zu spät ist, wie in aller Welt werde ich ihn los? Da steht dieser Mistkerl vor mir ... Richter quälte eine Begrüßung hervor:

»Morgen, Herr Dr. Meier, wie gehts?« Die rhetorische Frage kam kalt und beiläufig. Der Mittvierziger, schlank, überdurchschnittlich groß, schaute angewidert zu ihm hinunter. Sonst war da wenigstens noch eine scheinheilige Art von Loyalität gepaart mit angedienter Eilfertigkeit. Der Thüringer wirkte selbstsicher und glaubwürdig, wenn er die Leute anlog und dabei keine Miene verzog. Heute schaute er ihm nicht einmal in die Augen.

Der will deinen Job. Der Rest der Firma deinen Kopf. Wen wundert es?

Nach den Fehlkalkulationen des Vertriebs hatte es seinem Freund, Dr. Ingo Strachmann, Chef der BRONSON CORPORATION US, schon vor Monaten den Job gekostet. Neu war nur, dass jetzt auch die Techniker dran waren. Und ›die Techniker‹ – das war er! Richard war für alles verantwortlich, was nicht funktionierte.

 

Sabine Fey verdrehte die rehbraunen Augen, ohne dass es Richter, dem sie demonstrativ den Rücken zukehrte, bemerken konnte. Sie hasste ihn – genauso wie Richards Freund, Michael Straubinger, ihn hasste. Aus diesem Grund war Straubinger auch sein Stellvertreter in der Abteilung ›Drug Filling Systems‹, der BRONSON AG. Eigentlich hatten alle erwartet, dass Richter sein Vize werden würde. Aber wenigstens in diesem Punkt hatte Richard Meier einmal Menschenkenntnis bewiesen und Richter ziemlich schnell durchschaut. Darin war er sich einig mit seinem Freund. Straubinger hatte Richter einmal ›ein verlogenes Stück Scheiße‹ genannt. Der durchtrainierte Nachwuchs-Ingenieur stand jetzt auf hellen NIKE AIR Turnschuhen vor ihm. Auch er klang nervös. Wieder jemand, der etwas mehr wusste als er.

»Hey, Richard! Gesund und munter? Du wirst es brauchen, denke ich!« Jetzt war Richard klar, ein ›Gewitter lag in der Luft‹. Der junge Straubinger war, ebenso wie die Fey, eine Seele von Mensch und dabei grenzenlos loyal. Und vom schwarz gelockten Kopf bis zum Fuß ein leidenschaftlicher Forscher. Nur leider allzu introvertiert und eher bescheiden im Auftreten. Damit war das Nachwuchstalent nicht geeignet, um inmitten eines Haifischbeckens zu schwimmen. Bei der Fey war es umgekehrt. Die Technik lag ihr weniger, das Durchboxen in der Männerwelt dafür umso mehr. Wie sagte ihr Ingenieur Kollege Straubinger?

Mit ›Arsch und Schnauze‹ erreicht die Fey mehr als ich mit meinem Fleiß. Womit sein Stellvertreter zweifellos recht hatte.

Sein einziger Freund in der Firma schaute resigniert aus einer schwarzen dickwandigen Brille, durch große Gläser, auf ihn herunter. Alle wussten was. Nur er selbst wusste nichts Genaues. Richard fühlte sich heute merkwürdig fremd hier – in seiner Abteilung, wie eine Art Kater ohne Alkohol. Er hatte die Kontrolle verloren. Im Privaten sowieso, aber nun auch beruflich.

Er strich sich den Schweiß von der Stirn. Das Telefon summte. Auf dem Display stand Thea Sturm, die Chefsekretärin. Es ging los.

»Guten Morgen, Herr Dr. Meier, Sie sollen sofort zum Chef, Sommer wartet!« Das klang noch strenger, als er es von der spröden, albino-artig blutleeren Bürochefin gewohnt war. Wenig später klopfte er an die Milchglastür zum Vorstandsbüro.

Die Vorahnung, die ausweichenden Gesichter im Backoffice der Vorstandsetage, alles deutet auf einen ›perfekten Sturm‹ hin.

»Nomen est omen«,prustete er leise. Er erkannte Thea Sturm von draußen an der hohen Fistelstimme.

»Ja bitte!« Drinnen an der Empfangstheke, im Vorzimmer des Vorstands, wartete er vergeblich auf die üblichen Nettigkeiten. Theas Begrüßung war nüchtern und verbindlich:

»Gehen Sie gleich rein! Der Chef wartet schon auf Sie!« Ihr Gesichtsausdruck zeigte keinen Hauch von Zuwendung, sie hatte nicht einmal ein Lächeln übrig. Obwohl sie vor fünfundzwanzig Jahren am selben Tag bei BRONSON angefangen hatten. Sie als Lehrling in der Personalabteilung und er als Jungingenieur. Die silberne, mittellange Hochsteckfrisur und der Dresscode der Mittfünfzigerin sollten zur allgemeinen Stimmung passen. Statt einem bunten Rock und Schuhen mit hohen Absätzen trug sie ein mausgraues Flanellkostüm und flache Lederschnürschuhe. Mit ihren graublauen Augen schaute sie nicht mal zu ihm auf. Ihr war der Aktenordner in ihrer Hand wichtiger. Steffi, der pummelige rothaarige Lehrling mit dem gepiercten Streuselkuchengesicht, sah ihn nicht an, sprach nur:

»Hi, Herr Dr. Meier, wir warten schon alle auf Sie. Wo treiben Sie sich denn rum? Wollen Sie einen Kaffee?«

Vorlautes, dummes Küken strafte sie der tadelnde Blick der Bürochefin. Richard hatte es überhört – klopfte an die Tür zum Chefbüro und trat hinein, ohne auf das ›Herein‹ zu warten. »Hallo, Herr Dr. Sommer. Was gibt es denn so Wichtiges? Ist doch eh gleich Jour fixe, oder? Breslau war anstrengend, wie immer. Keine positiven Nachrichten. Die können nicht liefern. Komponenten und Teile fehlen. Die Zulieferer kommen nicht rechtzeitig. Das Übliche halt.«

 

Der schlanke CEO mit noch nicht einmal zehn Jahren Berufserfahrung mied den Blickkontakt. Wo war das freundliche Lächeln, das Händeschütteln früherer Tage? Die Gesichter, die Stimmung – bemühte angespannte Kälte. Unheil lag in der Luft.

Die Zeiten sind vorbei, in denen ihn Dr. Sommer »den besten Ingenieur der ganzen Firma« nannte.

»Die anderen kannst du alle in der Pfeife rauchen«,urteilte er damals.

Die Karriere war ›verblüht‹ wie eine Sommerblume im Herbst.

Braun gebrannt, erholt, wie immer nach dem Wochenende, ließ sich der 39-jährige Topmanager auf den Bürostuhl fallen.

»Eine typische Managerkarriere – von wegen ackern, kämpfen. Wenn man die Tochter des Mehrheitsaktionärs ehelicht, geht alles leichter«, dachte Richard.

»Herr Dr. Meier, Sie fragen sich sicher, was ich von Ihnen will, wenn wir eh gleich die Abteilungsleiter beieinanderhaben? Wie gehts? Wie lang ist es her, das mit Ihrer Frau Ingrid?«

»Drei Jahre, interessiert Sie das wirklich? Was glauben Sie, wie es einem geht, wenn man keine Frau, keine Tochter mehr hat. Jedenfalls will die Kleine mich zurzeit nicht sehen. Liegt nicht nur an der Pubertät. Da macht man sich Gedanken, Vorwürfe.«

»Haben Sie Hilfe? Ich meine, wie kommen Sie klar? Bitte nehmen Sie doch einen Augenblick Platz.« Die dürren, langen Arme des Vorstandsvorsitzenden wiesen in Richtung Sessel, ihm gegenüber, am Besprechungstisch.

Richard zog den Stuhl ein Stück hervor, antwortete beim Hinsetzen mit bebender Stimme, wie das Brüllen eines Vulkans vor dem Ausbruch:

»Hilfe? Meinen Sie eine Therapie, oder was, wie …? Ja, Freizeit mit meiner Tochter – das wäre Therapie. Aber machen Sie sich bitte darüber keine Gedanken. Manchmal mache ich mir Vorwürfe. Statt mir den Arsch für die Firma aufzureißen – ich hätte besser auf meine Frau, auf meine Ingrid aufpassen sollen.«

Dr. Sommer räusperte sich – rang nach passenden Worten:

»Ja, Herr Dr. Meier, wenn wir nun schon mal bei Vorwürfen sind. Wie soll ich es sagen? Ja, ich glaub, Sie haben es geahnt, oder?«

»Was habe ich geahnt? Was wollen Sie von mir? Was soll das Ganze?« Richard wurde zornig. Die Eruption seines Gefühlslebens, jetzt quoll es hervor wie ein Lavastrom. Bisher hatte er dem Druck im Inneren standgehalten. Respekt und Beherrschung bestimmten sein Handeln. Etwas zögerlich, fast schon ungewohnt nachdenklich antwortete Sommer. Auch ihm war die Situation unangenehm.

»Der Auftrag im letzten Monat SECUREVAC Amsterdam – das hätte nicht passieren dürfen! Über 50 Millionen einfach futsch! Storniert wegen ›Nichteinhaltung zugesicherter Eigenschaften und Terminverzug‹. Wir bekommen alle Anlagen zurück. Konventionalstrafe und das ›volle Programm‹. Ich habe mich umgehört bei Ihren Mitarbeitern. Der Richter hat alles versucht, was möglich war – versucht zu retten, was zu retten war. Vergeblich!« »Was? Wie? Der Richter hat doch erst mit der letzten Änderung ›diesen Scheiß‹ gebaut! Das war sein Fehler, einzig und allein sein Fehler! Da können Sie meine Mitarbeiter, die Fey und den Straubinger befragen.«

»Nein, Herr Dr. Meier. Auch das habe ich mir zeigen lassen. Zusammen mit Ihrer Assistentin, der Fey und der IT, haben wir das nachvollziehen können. Laut Zeitstempel erfolgte die Freigabe am 30. Oktober. Und raten Sie mal durch wen, Sie erinnern sich? Sie sind erst am 31. nach Amsterdam gefahren. Vorher haben Sie die Freigabe über das System bestätigt.«

 

»Nein, habe ich nicht! Ich kann mich genau erinnern. Ich hatte die Fey gebeten, das für mich zu erledigen, zusammen mit dem Straubinger.«

»Nein, haben Sie nicht. Die Freigabe erfolgte nicht durch sie und auch nicht von Straubingers Account.«

»Von wessen denn sonst? «

»Von Ihrem! «

»Das ist nicht möglich. Mein Passwort haben beide nicht.«

 

»Sehen Sie. Damit ist bewiesen, dass Sie es waren!

Das hat Konsequenzen! Ob ich will oder nicht, dass ich Sie schätze, spielt keine Rolle. Als Geschäftsführer bin ich verpflichtet, Sie in Regress zu nehmen! Halt’ doch nicht meinen Kopf dafür hin, für den Scheiß! Bin meinen Job los – meine Management-Haftpflicht-Versicherung verlangt das von mir.«

Richard Meier sank in sich zusammen. So einen frontal auf die Zwölf, das hatte er nicht erwartet. Jetzt war es mit der vornehm jovial gehaltenen Rede des Jungmanagers vorbei.

Der erhob sich, ging zum Gegenangriff über. »Wollen Sie behaupten, Richter sei schuld? Hat versucht, das Beste draus zu machen. Ist ihm leider nicht ganz gelungen. Apropos Mitarbeiter, der Richter ist mittlerweile zum Leader geworden. Und seine Patentanmeldung, die flexible Dosieranlage, ist ein Hit.«

 

»Wie kommen Sie bitte auf das Wort ›Leader‹ im Kontext mit Richter? Meinten wohl ›Loser‹, oder? Und was für eine flexible Dosieranlage?«

 

»Die MULTISELECT-Dosieranlage, eine geniale Idee! Der Richter ist klasse. Musste schnell gehen. Ist schon zum Patent angemeldet.«

»Doch nicht etwa die flexible Mehrfach-Dosiereinheit? Die habe ich dem Richter zur Überarbeitung gegeben, wegen der Patentzeichnungen. Meine Erfindung? Sie glauben doch nicht etwa, dass der … dass das seine Idee ist, oder?«

»Eine großartige Truppe haben Sie da. Der Richter hat sie alle dabeigehabt. Die waren bei mir im Büro. Der hat sie alle vorgestellt. Und gleich diese Idee mit der MULTISELECT-Einheit.«

»Ich verstehe gar nichts? Was hat Richter mit meinen Leuten in Ihrem Büro zu suchen – mit meiner Idee? Mein Mitarbeiter macht etwas hinter meinem Rücken, baut nur Mist und Sie tragen das alles mit, verstehe ich da was nicht? Ist das die Rückendeckung, die man nach so einer anstrengenden Woche erwarten kann?«, bellte er den jungen Emporkömmling an. Und doch schien es ihm egal zu sein.

Langsam begriff er … Die Begrüßung der Mitarbeiter, der Leute da draußen. Alle ›sind im Bilde‹. Sie haben mich fallen lassen. Ich bin der Sündenbock … das Bauernopfer.

»Der Richter hat mir das erklärt. Klasse Präsentation. Ich habe darauf bestanden, dass das sofort zum Patent angemeldet wird. Ich muss Ihnen nicht erklären, wie wichtig es ist, da schnell zu sein. Die Konkurrenz ist allgegenwärtig. So war das. Das habe ich veranlasst. Das war meine Entscheidung. Übrigens, alle Ihre Mitarbeiter sind der Meinung, dass der Richter Ihre Abteilung übernehmen sollte. Er ist einfach der Beliebtere. Der hat auch eine breite Lobby in der Firma und im Betriebsrat. Alle sind für ihn.«

»Sommer, was ist das jetzt? Die ›Meuterei auf der Bounty‹, was soll dieses Theater? Veranstalten Sie neuerdings die Wahl zum Mr. Universum, oder was? Ich dachte, hier arbeiten Techniker?«

»Na, mal langsam! ›Meier‹«, dabei ließ er jetzt ebenso den Titel weg, »sie haben es verbockt, nicht ich!«

 

Richard Meier stand wie gelähmt und war nicht in der Lage etwas zu sagen. Er blickte zu Boden. Wollte er ihn eben noch feuern, so schwor er sich jetzt:

Ich bring ihn um! Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

 

Dr. Sommer schien den Moment der Geistesabwesenheit seines Abteilungsleiters bemerkt zu haben. Er sah es aber wohl eher als erste Zeichen einer beginnenden Demenz an. Hatte die geballte Faust bemerkt, die er aus der rechten Hosentasche zog. »Dr. Meier, alles in Ordnung?«, fragte er nach, um im selben Moment die volle Breitseite nachzuschieben:

»Also – um es kurz zu machen. Wir stehen am Abgrund. Und es ist Ihre Schuld! Sie sind der Chef. Für den Schaden, der entstanden ist, tritt unsere Managementhaftungs-Police nicht ein. Sie haben sich darauf einzustellen, dass Sie in Regress genommen werden. Ich will Ihnen sagen, ich kann nicht anders.« Jetzt folgte eine Pause. Der CEO räusperte sich und versuchte Luft zu holen: »Oder besser, Sie waren der Chef.« Richards stierer Blick glich einem Gast im Publikum, bei dem die Hypnose zu wirken schien. Er stand wie unter dem Einfluss von Valium da, die Fessel einer drückenden Verantwortung wurde ihm gerade abgenommen. Und er spürte, dass das keine Erleichterung brachte, denn man hatte ihm einen Strick um seinen Hals gelegt und zur Schlachtbank geführt.

Sommer erlöste ihn aus der Schockstarre:

»Wir hatten am Freitagabend Aufsichtsratssitzung. Man fordert Konsequenzen. Die fordern Köpfe. Oder glauben Sie, ich halte meinen dafür hin? Für den Mist, den Sie gebaut haben? Also schauen Sie mal hier! Hier ist der Auflösungsvertrag. Lesen Sie ihn gut durch. Sie haben jetzt eine Stunde Zeit, Ihren Schreibtisch zu räumen. Was machen Sie gerade? Übergeben Sie alle Unterlagen an Ihre Assistentin und an Ihre Mitarbeiter! Wenn Sie den Richter nicht mögen, dann halt an die Fey. Von mir aus. Haben Sie jemanden, mit dem Sie reden können? Ihre persönlichen Sachen werden Sie im Beisein der Security einpacken. Keine Angst, die können Sie in Ihren Dienstwagen packen und danach können Sie den noch eine Weile weiterfahren. Der Leasingvertrag läuft Ende des Quartals aus. Zeugnis und Papiere sind bereits fertig gestellt und werden Ihnen in den kommenden Tagen per Post zugestellt. So, jetzt ist Abteilungsbesprechung. Alles Gute und auf Wiedersehen, Herr Dr. Meier!«

 

»Was ist das hier? Sind Sie etwa diesem Schauspieler aufgesessen, Sommer? Sind Sie wirklich so bescheuert, wie man sich in der Firma erzählt? Bald werden Sie merken, dass Sie auf dem Holzweg sind. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät! Mir gehts da weniger um mich – schon eher um meine Mitarbeiter und Kollegen. Und sagen Sie mir hinterher bloß nicht, ich hätte Sie nicht vor diesem Blender gewarnt, vor der Drecksau!«

»Nun mal sachte, Herr Dr. Meier!« Richard riss sich hoch, warf im Aufstehen den Stuhl um, er hastete zur Tür hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen und sprach im Gehen:

»Leckt mich am Arsch!«

 

Der Richter, ich hätte es wissen müssen. Ich hab´ mich verarschen lassen – bin auf ihn reingefallen. Alle sind sie reingefallen …

Wilderer

München, Theodolindenstraße

Er ist verschwunden. Seit Tagen kam keine Nachricht von ihm. Dr. Ingo Strachmann, der smarte Freund aus der Zeit an der TU München. Groß, schlank mit einem Hang zur Lässigkeit, der bei den Weibern saugut ankam. Er hatte sie alle flachgelegt, der blonde Schönling. Und ja, manchmal hat er ihm eine übrig gelassen – gnädig, wie er war. Halt ein richtiger Freund.

Jetzt ›jagte‹ er eine Firma in den Staaten. Die war ein Konkurrent von BRONSON und, genau wie die, in der Verpackungsmaschinen-Branche tätig. Während Richard sich noch ›den Arsch‹ für BRONSON ›aufriss‹, war Ingo schon lange vorher gefeuert worden und damit ›vogelfrei‹. Er hatte Zeit zum Nachdenken. Ihm kam die Idee mit der DRUGPAC-Corporation in Florida. Das war ihre Chance, endlich mal das zu machen, wovon sie glaubten, dass sie es besser konnten. ›Das große Rad drehen‹. Die Ideen, die Richard noch mit sich herumtrug und für die er Ingo gewinnen konnte. Der würde das vor Ort organisieren, verfügte über jede Menge Kontakte und kannte die Kunden seit Jahren. Es war sein Vertriebsgebiet – dort in den Staaten. Für den Verpackungsmaschinen-Hersteller fiel in der Krise der Investor aus. Jede Menge Aufträge, die über 24 Monate im Voraus finanziert waren, ehe auch nur ein Dollar erlöst werden konnte, wurden ihnen zum Verhängnis. Es war der Hedgefonds SIGNUVEST, Nassau Bahamas, der in der Rezession alles um jeden Preis liquidieren musste – und das so schnell wie möglich. Darunter die DRUGPAC, in der Old Cutler Road in Miami. Keine Zeit, um sich lange Gedanken zu machen. Die Company im Sunshine State war mit sämtlichen Grundstücken, Gebäuden, Fertigung und Patenten mindestens 100 Millionen Dollar wert. Sie wollten den Arschlöchern in der Branche endlich mal zeigen, wie ›der Hase läuft‹.

Aber vorher musste Richard erst einmal seiner Tochter zeigen, was ein Vater ist. Jedenfalls hatte er sich vorgenommen, einer zu werden. Die vergangenen 15 Jahre hatte er dies seiner Ingrid überlassen. Richard hing noch an der altväterlichen Einstellung, dass Erziehung ›Frauensache‹ sei. Heute stand er den ganzen Vormittag in der Küche. Nach mehrmaligem Klopfen an ihrer Tür kam sie mit Kopfhörern an den Esstisch. Hatte nicht einmal ein ›Hallo‹ für ihren Papa übrig. Er merkte, dass seine Tochter nicht mehr die kleine süße Susanne war, die er hin und wieder in den Kindergarten gefahren hatte. Er räusperte sich noch einmal, bevor er es versuchte.

»Guten Tag, Susanne. Wie gehts? Wie war es in der Schule?« Er wartete vergeblich.

»Hast du mich verstanden?« Er streckte sich zu ihr hinüber und schob ihr einen Kopfhörer zur Seite.

»Hallo, Erde an Susanne. Wie war es in der Schule? Kannst du nicht wenigstens am Tisch die Dinger runternehmen, – wenn Papa mit dir redet?«

»Wieso sollte ich?«, antwortete sie in ihre Spaghetti Bolognese.

»Weil es ein Gebot der Höflichkeit ist.«

»Höflichkeit wird stark überbewertet«, kam die prompte Antwort. Sie schien ihn zu übersehen.

»Finde ich nicht.«

»So findest du nicht? Und warum schreist du dann so rum mit Tante Erika?«

»Meine liebe Susanne. Lass uns mal wieder etwas zusammen unternehmen ...« Jetzt sah sie ihn an.

»Papa, was mit ›dir‹ unternehmen? Was soll denn das sein? Willst du mit mir in den Zoo, oder was? Uncool so was. Ich treffe mich mit meinen Freunden.«

Wie darauf reagieren? Er dachte nach. Über vertane Jahre, mangelnde Erziehung, Fürsorge und alles Mögliche. Wann sprach er das letzte Mal vertraulich mit seiner Tochter? Das war schon eine Weile her. Damals, als Ingrid gerade wieder mit der Arbeit begonnen und er sich eine Woche freigenommen hatte. Seine Susanne hatte geweint, weil die Mama nicht zuhause gewesen war, ihn mit einer Fünf in Mathe überrascht hatte. Wie sie so dasaß, selbst mit ihrem verweinten Gesicht war sie ein so hübsches Kind, mit ihren blonden Zöpfen, die ihre Mama anfangs immer täglich vor der Schule geflochten hatte. Er hatte sich einfach einmal die Zeit, genommen, hatte mit ihr am Küchentisch gesessen und versuchte ihr Algebra beizubringen. Der Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium war ihr nicht leicht gefallen. Aber sie war damals wesentlich zugänglicher und hatte sich ihrem Papa anvertraut. Heute vertraute ihm niemand mehr sein Innerstes an. Nicht einmal der beste Freund.

Ingo meldete sich nicht. Seit Tagen schon ist da nur die Mailbox. Richard wartete wie ›auf glühenden Kohlen‹ und hatte schlaflose Nächte. Sein ›Freund‹ verfügte über die uneingeschränkte Vollmacht auf die Konten in den Staaten. Dorthin hatte er beinahe sein ganzes Vermögen transferiert – den Erlös seiner BRONSON-Anteile, seiner Patente, seiner Optionsscheine auf die BRONSON-Aktie, die er erst nach dem Ausscheiden zu Geld machen konnte. Jedenfalls lag das Geld noch bis Anfang des Monats dort. Jetzt fehlten seine zwei Millionen Dollar – bei einem Kontostand von 0,01 Dollar. Inklusive einer Hypothek auf das gemeinsame Reihenhaus in der Theodolindenstraße. Das war seit zwanzig Jahren ihr Familiendomizil. Es lag günstig für beide. Ingrid Meier hatte es nicht weit ins Harlachinger-Krankenhaus, wo sie als Krankenschwester arbeitete. Und er war in dreißig Minuten bei BRONSON in Oberhaching. Sie hatten sich ein Nest gebaut. Ein kleiner Vorstadttraum – für Münchener Verhältnisse, sagte man. Aber inzwischen war dieser Traum aus Glas und Ziegel in die Jahre gekommen. Genau wie sein Besitzer. Wie hatte die Bank beim Darlehensantrag erklärt? Ihr Häuschen ist zwar hübsch, aber nicht mehr ganz jung. Dabei kam ihm der dürre Lackaffe von Kreditsachbearbeiter frech – verkniff sich aber zu ergänzen:»Genau wie Sie?« Sein Glück, dass der ›Hypothekendrücker‹ sich beherrschen konnte – es nicht gesagt hatte. In diesem Fall hätte er ›eins auf die Fresse‹ bekommen. Die Folgen wären ihm inzwischen egal. Was sollte schon Schlimmeres passieren?

Eine Einlage von einer Million Dollar hätte von Ingo kommen und längst auf dieses gemeinsame Konto transferiert sein sollen. Zuerst waren es Ausflüchte, warum sein Geld fehlte. Das Aktienpaket, welches der ›Verräter‹ auf seine Frau überschrieben hatte, ließ sich angeblich nicht so einfach zurückholen, weil es nur mit großem Verlust zu liquidieren war. Richard hielt sich an die Absprache und hatte alles, was ging, flüssig gemacht und auf das Konto bei CHASE Miami eingezahlt. Der Deal konnte nur klappen, weil alles blitzschnell ging. Die 8,5 Millionen Dollar waren ein echtes Schnäppchen. Rund eine halbe Million waren sofort für Gehälter und offene Rechnungen fällig. Die fehlenden sechs Millionen überwies die CHASE-Bank. Aber jetzt plagten ihn Selbstzweifel. Sein Geld war weg und mit ihm der Freund. Die flapsige Ansage auf der Mailbox klang alarmierend:

»Hier ist Ingo, Bingo! Ich bin dann mal weg. Ich rufe zurück, wenn ich Lust dazu habe«, endete der Brüller in einem Hustenanfall. Oder war er zu lange beim Tauchen in Key West? Das NITROX-Gemisch wirkte wie Lachgas bei ihm.

Ist das wieder einer seiner Gags? Ingo war schon immer ein Spaßvogel. Wie oft waren sie gemeinsam ›um die Häuser gezogen‹, in München? Hatten rauschende Partys geschmissen. In den Semesterferien jeden Abend Mädels und Alkohol ohne Ende. Aber nüchtern war er ein Verkaufsgenie. Kann dem Eskimo einen Kühlschrank und dem Senegalesen einen Pelzmantel verkaufen. Richard verlor 1987 den Studentenjob in einem Handwerksbetrieb. Ingo half ihm mit Geld aus. Von irgendwo her bekam er es immer wieder. Ihm reichte es für das Nötigste – die Miete und das Benzin, um mit seinem Golf zum Vorstellungsgespräch bei HEXAPAC zu kommen. Bis zum Tag, an dem sein Vater starb und ihm einen Haufen Schulden hinterlassen hatte. Aber selbst das hatte er hinter sich gelassen – hatte das Erbe des Wilhelm Strachmann nicht angetreten. Auf Ingo war eigentlich immer Verlass, er war sein bester Freund. Wenngleich er manchmal gewaltig übers Ziel hinausschoss.

 

Richard sprach ihm auf die Mailbox:

»Ingo, wie weit bist du – du bist weg? Genau wie mein Geld? Die zwei Millionen Dollar. Was hast du damit angestellt? Und wo überhaupt ist deines? Ich mache mir Sorgen. Melde dich, verdammt noch mal!«

Damwild

München, Theodolindenstraße

Sie fehlte ihm, seine Ingrid. Es war schon wieder so ein Tag, an dem er sich den Kopf malträtierte. Mit 56 stand er vor einem Scherbenhaufen. Sie war die Jüngere, die Hübschere, fand Richard von Anfang an. Sie war fraulicher, etwas kleiner wie die Schwester, mit ausgeprägten Kurven und hatte dieses gewisse Lächeln, welches jeden sofort für sie einnahm. Und sie lachte gern – mit und über ihn. Dabei zog sie Grübchen, dazu ihre blond gelockten Haare, Kopf leicht zur Seite geneigt. Es war Liebe auf den ersten Blick, damals. Der Gleichklang der Seelen, die Lebenseinstellung, die Vorlieben und Neigungen, die Reisen, Frankreich. Anfangs noch mit Zelt. Einfach losgefahren waren sie. Bei Kehl am Rhein über die Grenze, ins Elsass, weiter nach Paris. Die französische Lebensart, Land, Leute, gutes Essen. An Wochenenden lange ausschlafen, im Bett frühstücken, mit Freunden an der Isar grillen. Es war eine unbeschwerte Zeit voller Lachen, guter Laune und blindem Verstehen. Er war für ›sie‹ da und sie für ›ihn‹. Richard empfand das zufällige Zusammentreffen damals wie ›einen Sechser im Lotto‹.

Ingo hatte, wie immer in der Disko, zwei, drei Mädels im Schlepptau. Der Freund hielt eine rassige Mulattin eng umschlungen und dahinter kamen die beiden Schwestern, Erika und Ingrid von Rannstedt. Kaum hatte sein bester Kumpel die drei vorgestellt, war er alleine mit den Fräulein. Schon damals merkte er, dass Erika eifersüchtig war, wenn Ingrid einen abbekam und sie nicht. Die ›Große‹ war ein Hungerhaken, dünn, fast ohne Oberweite, knapp unter eins achtzig, burschikos, kam mehr nach der von Rannstedt-Oma. Ihr gebildetes selbstbewusstes Auftreten, mit ihrem Ponyhaarschnitt machte sie kaum weiblicher – verschreckte manch einfach gestrickten Macho. Aber dann hatte Erika diesen Loser geheiratet. Sie war inzwischen Ärztin in Großhadern, hatte sich in diesen gutaussehenden Südtiroler Dressman verliebt. Hatte es ihnen, vor allem ihrer Schwester gezeigt. Josef Solman war ein Mann, wie man sich einen Tennislehrer für Reiche vorstellt. Groß gewachsen, blonde Haare dunkler Teint, immer passend gekleidet. Der es ihr anfangs zweimal am Tag besorgte. Eine Erscheinung, mit dem sich die Ärztin in der Schicki-Micki-Gesellschaft Münchens gern zeigte. Der Neid ihrer Freundinnen war unübersehbar. Aus Gerüchten wurden Geschichten, die man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte. Der feine Herr hatte sich alle der Reihe nach geschnappt und durchgevögelt. Aus Neid wurde Mitleid. Erika suchte verzweifelt einen Job für ihren ›Naturburschen‹, der ihn mental nicht überforderte und ihm noch etwas Kraft für die ›häuslichen Pflichten‹ lies. Die beste Freundin und Patientin war Chefsekretärin bei einem Chemiegroßhändler. Sie vermittelte ihm die Stelle. Die geringe Höhe des Lohnes war kein Problem, denn sie verdiente genug für ein komfortables Leben. Das Vermittlungshonorar hatte die Gespielin des Nachts auf einem Feldweg bei Gauting höchstpersönlich empfangen. Nach der dritten ›Rate‹ hatte sie genug von ihm, denn eine Libido, die man dem auffallenden italienischen Schönling zumaß, besaß er in Wirklichkeit nicht. Der Rest von Erikas Freundinnen hatte mindestens einmal Gelegenheit am Nektar ihres 4L zu kosten – wobei 4L spöttisch für ›L‹enden- ›L‹ahmen- ›L‹atin- ›L‹over gestanden hatte. Den Job, den sie ihm fürs Besorgen besorgte, war eher anspruchslos. Und selbst dazu war er noch zu blöd. Oft genug ist etwas schiefgelaufen. Da waren einmal nicht deklarierte Fässer. Die CHEMACOM hatte Trouble mit dem Zoll, weil er die Etiketten vertauschte. Sie bekamen Ärger mit der Polizei. Ohne die Intervention bei seinem Arbeitgeber wäre er den Job längst wieder los. Erika Solman, aus ›dem Diplomaten-Haushalt derer von Rannstedt‹, war bald nicht mehr glücklich, weil ihr feiner Herr und Ehemann ein notorischer Fremdgänger war. Zumindest eines hatte das ungleiche Paar gemeinsam. Beide hatten ein Idealbild voneinander, welches in der Realität zum Scheitern verurteilt war. Sie suchte den Traummann, der allzeit bereit war, sie auf Händen zu tragen. Und er die wohlhabende Frau mit Ansehen, um Armut und Entbehrung hinter sich lassen zu können. Klar, sie verdiente mittlerweile glänzend mit ihrer Praxis. Aber ebenso schlecht konnte er mit Geld umgehen. Sie vermutete immer, dass er es mit seinen Weibern durchbrachte. Er machte Schulden und dafür musste sie geradestehen und eine Hypothek auf das gemeinsame Haus aufnehmen. Und so war sie eifersüchtig auf ihre Schwester – hatte allen Grund dazu. Zwischen Ingrid und dem jungen Dr. Richard Meier entbrannte eine stürmische Affäre. Auf einer Fahrradtour zum Thanninger Weiher, einem einsamen Bergsee bei Bad Tölz, sprang der Funke der Leidenschaft über. Sie musste unbedingt baden – bei geschätzten zwölf Grad Wassertemperatur und einem bedeckten Himmel. Keiner hatte Badesachen dabei. Ohne eine Vorwarnung riss sie sich die Kleider vom Leib und stand splitternackt vor ihm und er war so überrascht, dass er noch mehr zitterte, als die ursächliche Kälte vermuten ließ. Von dem feuchten Moos am Ufer hatte er einen nassen Hintern. Er, nicht prüde oder feige, riss sich die Klamotten vom Leib. Sie zog ihn hinter sich her, in den moorgrünen See. Er war der Ohnmacht nahe, als beide bis zur Hüfte im Wasser standen. Sie bemerkte es und leitete sofort eine ›Notfall-Mund-zu-Mund-Beatmung‹ ein. Verbunden war es mit der Kontrolle von Atmung und Puls, letzteres unter der Wasseroberfläche und der Gürtellinie, so wie es eine gelernte Krankenschwester in Richards Fantasie erlernt haben musste. In der Folge wurde sich im Schilf bei 19 Grad Lufttemperatur ›trocken geliebt‹. Dies war ihr ›erstes Mal‹. So ging es munter weiter – gar nicht prüde – in seinem Schwabinger Apartment und unter Gottes freiem Himmel. Sie mochte es im Freien, gern schnell und gern versaut. Nie zuvor hatte er eine Affäre gehabt, die körperliche und seelische Leidenschaft derart ›vereinte‹.

Die Schwestern erzählten sich alles. So wie es meist nur Geschwister tun. Aber anstatt sich zu freuen, besann sich Erika ihres treulosen Ehemannes und war eifersüchtig auf Ingrid. Denn die lebte ein sorgloses Leben.

Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem man ihr die Diagnose eröffnete. Da brach für die Familie Meier eine Welt zusammen. Eine seltene Art von Leukämie – praktisch unheilbar. Nur den einen letzten Hoffnungsschimmer sahen sie noch. Eine neuartige Therapie mit gentechnisch veränderten Immunzellen.

Für die Behandlung in der MAYO-Klinik in Minnesota musste Geld her. Die Reserven schmolzen wie Schnee in der Frühlingssonne. Ihr Elternhaus war eine Jugendstilvilla, die Urgroßvater Siegfried Freiherr von Rannstedt, ein angesehener Notar und preußischer Diplomat, 1914 im Münchener Nobelvorort Grünwald hat errichten lassen. Die Lage mit Blick auf die Voralpen, 10.000 Quatdratmeter Grund, taxierte ein Makler auf zwölf Millionen Euro. Nach dem Tod der Mutter stellte sich die Frage, was damit geschehen sollte. Erika kannte die Zwickmühle, in der sich die Meiers befanden, rechnete akribisch vor, was die angeblich dringend erforderlichen Reparaturen kosten würden. Das würde nach der Überschreibung alles an ihr ›hängen bleiben‹, deshalb müsse das vom Anteil abgezogen werden. Nur 90.000 Euro war sie bereit auf den Tisch zu legen. Nicht einmal zwei Prozent des Wertes ihres Erbteils nach Abzug der ›unvermeidlichen‹ Renovierungskosten. Die größte Hürde sei der Denkmalschutz, wie sie glaubhaft versicherte. Erika zauberte dubiose Angebote eines Heizungs- und Sanitärfachbetriebs sowie eines willfährigen, auf historische Gebäudesanierung spezialisierten Unternehmens aus der Schublade.

Richard war im Krankenhaus bei Ingrid, hatte sich die Aufstellung angesehen. Sie flehte ihn an, sich auf nichts einzulassen. Nach Abzug der Kosten hätte Erika mindestens zwei Millionen auf den Tisch legen müssen. Aber da waren die Schmerzen, die Depressionen, die wenige gemeinsame Zeit, die ihnen noch bleiben würde. Wenigstens den Kurzurlaub im französichen Villefranche wollte er nicht mit Feilschen vergeuden. Eine Pause nach der Chemo gönnte er ihr. Inzwischen stapelten sich die Rechnungen aus Rochester. Niemand hatte ihnen geglaubt, wie teuer die Behandlung seiner Ingrid war. Keine Krankenkasse der Welt kam hierfür auf. Er nahm ihr Angebot an, obwohl er angesichts dieser Summe innerlich vor Wut kochte. Schon damals überkamen ihn Mordfantasien. Zu allem Übel geriet auch noch sein Arbeitgeber, die BRONSON AG, in eine Schieflage. Die drohende Pleite hätte ihn, den Ernährer der Familie, noch mehr in Bedrängnis gebracht.

Nach ihrem frühen Tod hatte er keine ernsthafte Beziehung mehr. Selbst auf seinen langen Dienstreisen fand er sie nicht. Erika hatte sicher recht, wenn sie die Abwesenheit mit Ehebruch in Verbindung brachte. Gelegenheit dazu hatte er genügend. Die Art von innerster Liebe, Verlangen, Verständnis und Vertrautheit wollte sich nie mehr einstellen. Einmal war er nahe daran, seiner Ingrid ›postum untreu‹ zu werden. Damals hatte ihn seine Assistentin Sabine Fey zum Essen zu sich nach Hause eingeladen. Sie mochte ihn, das war von Beginn an klar, an dem Tag, an dem sie sich bei BRONSON vorgestellt hatte. Es war eine Art väterlicher Verbundenheit, die sie sofort spürte. Allein Richard war es, der sich ein ›leichtes Abenteuer‹ verkniff, einmal, weil es seine Mitarbeiterin war und er ihr Vater sein konnte, mit einem Vierteljahrhundert Altersunterschied. Dennoch hatte Richard in der Anwesenheit dieses ›jungen Dings‹ das einzigartige Gefühl und ebendiesen animalischen Sex empfunden – da war es wieder für einen Moment, diese Empfindung, welche er nur einmal zuvor im Leben mit seiner Ingrid geteilt hatte. Sabine Fey hatte es verstanden, dass er keine Affäre mit ihr wünschte. Traurig hatte sie es hingenommen. An diesem Abend hatte er geglaubt, im Kerzenlicht eine kleine Träne erkannt zu haben. Was blieb, war eine innige Freundschaft, die er täglich genoss und die ihn weiter brav zur Arbeit gehen ließ.

 

Inzwischen waren drei Jahre vergangen und er hatte wieder Angst um seine Existenz. Gestern stellte sich heraus, dass Ingo weg war – mit seinem Geld. Die Kreditverträge in den Staaten liefen – mussten rückabgewickelt werden. Der Offenbarungseid drohte. Eine Pleite läuft dort anders ab. Eine Insolvenz nach Chapter 11 würde es werden. Ingos Anwalt in Miami wollte Vorauskasse.

Wie in einer Lostrommel drehten sich seine Gedanken im Kreis. Wie viel Zeit habe ich noch? Wenn's gut läuft, noch vielleicht zehn Jahre? Die Uhr läuft ab. Ich spüre es. Wie meinte Dr. Seifarth?»Die Biopsie, Herr Dr. Meier! Ihre Leber. Das Ergebnis ist da! Alle Werte!« Es war klar, was er damit gemeint hatte! Die Enttäuschungen in seinem Leben. Die Intrige um einen wichtigen Mitarbeiters in der BRONSON AG. Hinterhältig und verlogen. Ingrid Meier hatte ihn immer gewarnt, kannte Richter vom Betriebsausflug, erkannte sofort, dass sein Ingenieur es nicht ehrlich meinte.

»Ich sehe es in seinen Augen, wie der schaut, wie der redet«,so hatte sie sich damals ausgedrückt. Sollten alle davonkommen, die ihn reingelegt hatten? Heute kamen die Bilder wieder, die ihn in den letzten drei Jahren begleiteten. Er war davongejagt worden. Wie ein räudiger Hund, dem man den Knüppel nachgeworfen hat.

Und Erika hatte nach dem Tod ihrer Schwester, seiner Ingrid, alles noch schlimmer gemacht. Wie sie sagte zu ihm:

»Ich muss dir sagen, ich habe mir das alles überlegt. Du bist auf Dienstreise gegangen und hast deine Frau im Stich gelassen. Deine Freunde sind derselben Meinung.«

Richard wollte von ihr wissen, welche Freunde sie gemeint habe?

Wer hatte sich von ihr aufhetzen lassen? Es gab viele, die gern dabei waren, wenn es was zu feiern gab – als das Glück im Hause Meier Stammgast war. Die mangelnde Distanz zu den Menschen, die in ihr Leben drängten, wie ungebetene Gäste auf der Gartenparty, störte Ingrid. Das hatte sie ihm oft genug erklärt:

»Halte Abstand. Du musst Privates und Geschäftliches voneinander trennen.«

Seine Frau, mit ihrer Menschenkenntnis, fühlte sofort, wer es ehrlich meinte und wer nur auf den eigenen Vorteil bedacht war. Aber ihm fehlte dieses Gen.

Warum tut ein Mensch so etwas? Klar, Erika liebt ihre Schwester. Trotzdem ist sie bissig wie eine Stute auf der Pferdekoppel. Aber ich habe Ingrid mit Haut und Haaren geliebt, warum gibt es Leute, die das nicht sehen wollen?

Was tat er nicht alles? Tausendmal hatte er Erika erklärt:

»Du weißt genau. Sie ist zur Arbeit gefahren, wie immer. Ich bin auf Dienstreise gegangen, wie immer. Wie hätte ich ahnen können, dass ihr etwas passiert? Als ich bemerkt habe, dass etwas nicht stimmt, bin ich sofort zurückgefahren, ins Auto gestiegen und aus Amsterdam zurückgerast. Wer hat gewusst, dass sie stirbt? Nicht einmal die Ärzte ...«

Aber ihre Vorwürfe wurden schlimmer – immer hysterischer:

»Du wusstest, dass Ingrid schwer krank war. Jeder andere Ehemann hätte sich freigenommen, um sich um seine Frau zu kümmern. Das hast du jetzt davon! Aber dir sind Geld und Karriere wichtiger als deine Familie, als Ingrid. Und du hast seit Jahren eine andere. Du gehst fremd! Gib es doch zu. Oder wo treibst du dich denn herum, wenn du fast jede Woche mehrere Tage fort bist?«

Dann kam der Anruf von Isolde. Die beste Freundin seiner Frau. Wie hatte sie gesagt?

»Du, Richard, ich wollte dir sagen, dass uns deine Schwägerin in der Gruppe zu einem Treffen eingeladen hat. Die Gruppe war eigentlich dazu da, dass wir euch beiden helfen, dass Susanne geholfen wird. Der Verlust der Mama. Aber jetzt geht mir das Ganze zu weit. Die bläst regelrecht zum Sturm auf dich. Ich wollte dir nur sagen, da mache ich jetzt nicht mit. Nur, dass du es weißt!« Und er hatte geantwortet: »Danke Isolde! Ich weiß das zu schätzen. Verstehe das nicht, warum tut die so was? Ich habe doch sowieso schon zu leiden unter dem Verlust. Warum hasst die mich so?«

Die unbekannte unfreundliche Seite einer Isolde hatte geantwortet:

»Richard, im Ernst – das fragst du noch? Sie war ihre Lieblingsschwester. Und um ehrlich zu sein, sie hat irgendwie recht. Du hättest dich einfach mehr um deine Familie kümmern sollen. Schau mal Susanne, wie die rumläuft. Und Manieren hat sie auch keine. Du weißt doch neulich, als wir uns draußen mit ihr getroffen haben, die ganze Gruppe, alle, die Erika eingeladen hat. Da hat sie mir alles erzählt. Mein lieber Richard, du bist wirklich ein schlechter Mensch.«

»Isolde, das ist doch nicht dein Ernst? Du hast erst vor kurzem noch gesagt, dass ich, dass wir das alles ganz gut hinbekommen haben, nach dem Tod von Ingrid. Ich habe doch alles getan – die besten Ärzte und Medikamente aus den Staaten – der neueste Stand der Wissenschaft. Hat mich ein Vermögen gekostet. Du weißt es. Wir haben hundertmal darüber geredet. Susanne ist in der Pubertät, die lässt sich von mir nichts mehr sagen. Ich hatte gehofft, dass ihr, dass du mir wenigstens hilfst – so moralisch, verstehst du?« »Das ist jetzt nicht wahr? Was du da von mir verlangst. Ich habe drei Kinder und einen Beruf. Was bildest du dir ein? Hältst du dich für was Besseres? Weißt du was? Ich will nichts mehr von dir hören. Wünsch dir viel Glück, Richard!« Ein hartes Klacken, und weg war sie, die letzte in einer langen Reihe ehemaliger Freundinnen seiner Frau, des Hauses Meier.Da war sie wieder, die Gehirnwäsche nach Art einer Erika Solman. Ihre Propaganda zeigte Wirkung. Joseph Goebbels hätte es nicht besser gekonnt.Er hatte keine Freunde mehr. Blanke Wut, purer Hass auf Erika! Kaum hatte Isolde aufgelegt, fegte er die halbvolle Kaffeetasse vom Couchtisch. Braun tropfte es von der Raufasertapete. Die Tasse zerschellte auf dem Mosaikparkett in einem kleinen See aus Milchkaffee.

Weidgerechtigkeit

München, Theodolindenstraße

Das Handy auf dem Nachttisch hämmerte ihn aus dem dämmrigen Schlaf. Der Name ›Dr. jur. Achim Stielke‹ erschien auf dem Display.

Das kann nichts Gutes bedeuten, das wusste Richard und streckte sich nach seinem iPhone. Im Spiegel der Frisierkommode seiner Ingrid, gegenüber, sah er einen Penner mit zerzaustem Haar, tief eingefallenen Wangen.

Was für ein Glück, dass der Stielke mich nicht so sieht.

Er meldete sich:

»Herr Dr. Stielke, was gibts denn so früh?« Das Display zeigte 11:45 Uhr an.

Wieder so lang geschlafen. Der gute Beaujolais hat ihn dahingerafft. Eine der letzten Flaschen von einem Weingut bei Villefranche. Damals in Frankreich war es seiner Ingrid schon so schlecht gegangen. Etwas Erholung nach der langen Chemo würde ihr guttun, hatte er gedacht. Besorgniserregend hatte sie ausgesehen, zehn Kilo abgenommen – dabei hatte sie schon vorher kaum sechzig Kilo gewogen. Aber Ingrid Meier war schon so schwach, hatte keine Haare mehr und alles war für sie eine Qual. Sie hatte all die Jahre die gute französische Küche, guten Wein genossen. Während der Chemo dann konnte sie nichts essen, nichts behalten, musste sich laufend übergeben.

 

»Herr Dr. Meier, ich rufe Sie an, weil die Firma BRONSON heute die Regressforderung eingereicht hat. Als Ihr Anwalt kann ich Ihnen nur empfehlen, sofort Einspruch einzulegen. Das kann ich für Sie übernehmen. Aber Sie müssen mir Fakten, um nicht zu sagen, Belege dafür liefern, dass Sie die, Ihnen zur Last gelegten, Vergehen nicht zu verantworten haben. Was ich Ihnen jetzt eröffne, klingt hart – und ist es auch. Sitzen Sie?« »Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Das ist eine Intrige! Um wie viel geht es?«

»BRONSON legt Ihnen offiziell zur Last, für einen Schaden von 50 Millionen Euro verantwortlich zu sein.«

Hatz

München, Theodolindenstraße

Der Klingelton seines iPhones beendete sein Dahindämmern auf der Couch. Er las den Namen ›Erika Solman‹ auf dem Display. Das allein genügte, um ihm einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Dazu kam der Klang ihrer Stimme, der wie eine Kreissäge durch seinen erstarrten Körper fuhr und ihn gleichsam durchtrennte:

»Richard, ich sage dir noch einmal. Ich weiß, du willst das nicht hören. Keine Ausreden! Du bist schuld! Du Dreckskerl allein hast sie auf dem Gewissen! Du hast dich nicht um sie gekümmert. Einfach auf Dienstreise. Deine eigene Frau im Stich gelassen wegen einer Anderen – das weiß inzwischen jeder, mit dem ich gesprochen habe. Auch deine Freunde – oder das, was man so Freunde nennt, sind derselben Meinung wie ich.« Er sah sie vor sich, wie eine Speikobra, die Gift versprüht. Richard holte tief Luft, wollte nicht drauflosschreien oder Susanne wecken.

»Erika, ich weiß nicht, was in dir vorgeht? Du bist nicht normal. Das ist krank! Ingrid war meine große Liebe – da ist keine ›andere‹. Was erzählst du da? Nehm dich in Acht! Lass das!«

»Du willst mich warnen? Du willst mir drohen? Jetzt pass mal auf, du alter Drecksack! Das Jugendamt schick ich dir auf den Hals! Höchste Zeit, dass die sich um deine Tochter kümmern ...«

Weiter kam sie nicht. Das Handy knallte auf die Couchtischplatte.

Will Sie mir Susanne wegnehmen? Klar! Das ist der Grund. Ja, und sie ist clever genug, es richtig anzustellen.

Er ballte die Fäuste. Biss sich die Lippe blutig.

Wie, um alles in der Welt, kann sie so einen tiefen Hass auf mich haben? Weil sie keine Kinder hat und keine mehr bekommen kann? Ist es schon so weit bei ihr? Vom Alter her ist es möglich. Und ihr feiner Herr Josef Solman begattet eher hundert andere, als dass er ihr eines macht. Das ist der Grund. Ja, darum geht es ihr ... Naiv nennt Ingrid mich – einen Fachidioten. Mir sind grobe Schnitzer unterlaufen. Ich war zu vertrauensselig. Aber bin ich ein schlechter Mensch? Ist es wichtig, was die anderen von mir denken?

Anfangs hatte er sich verstanden mit Erika. Aber mit dem Tag der Diagnose änderte sich alles. Die stets gepriesene Freundschaft, die Erika Solman und ihr Mann Josef Solman ihnen entgegenbrachten, fand Ingrid übertrieben. Sie misstraute ihrer Schwester schon immer. Sie nannte sie eine ›Schlange‹ und hatte ihn oft genug vor ihr gewarnt. Ja, sie hatte ihm nach einem Streit mit ihr den Kontakt verboten – auch zu Josef, der ein leutseliger Schürzenjäger, aber vollständig von seiner Ehefrau Erika abhängig war. Nach dem Tod von Ingrid, hatten sie ihm die Tür buchstäblich vor der Nase zugeschlagen.

Richard schaute aus dem Fenster, brüllte in das gleißende Sonnenlicht hinaus. Hielt sich beide Hände vor das Gesicht. Schrie laut – aus einer Mischung aus Wut und Verzweiflung:

»Ingrid, was machen die mit mir? Was soll ich tun?« Da stand sie im Wohnzimmer.

»Papa? Hallo, Hal ... lo, Papa?«, trat vor ihn, zog ihm die rechte Hand aus dem Gesicht, damit sie ihm direkt in die Augen sehen konnte. In dem Moment, als er die blonden Haare, die roten Lippen wie durch einen Schleier hindurch sah, hielt er sie plötzlich in den Armen, ›seine Ingrid‹. »Ingrid, ja! Da bist du endlich wieder.«

»Papa, was ist mit dir los? Soll ich einen Arzt rufen?« Augenblicklich, beim Stichwort ›Arzt‹, erwachte er aus seinem Tagtraum. Susanne, die inzwischen fast genauso groß war wie er, wehrte ihn kalt ab.

Ja, sie hat recht! Ich bin verrückt!

»Vater, so geht es nicht weiter mit dir, mit uns. Ich wollte dir sagen, dass ich ausziehe – ich ziehe mit Tobias zusammen«, wandte sie sich von ihm ab und verließ das Wohnzimmer.

 

Die Selbstgespräche nahmen zu.

»Was soll ich machen, Ingrid? Warum lässt du mich hier allein zurück ...«

Er hörte seine Frau aus dem Orbit rufen:

»Siehst du, ich habe es dir doch gleich gesagt! Warum hörst du denn nicht auf mich. Ich habe dich vor Erika gewarnt!«Nur allzu leicht fiel er auf verlogene Ja-Sager herein. Straubinger rief ihn an, hatte ihm mehr als eine Stunde aus der Firma berichtet, hatte ihm mitgeteilt, dass er hinter vorgehaltener Hand immer noch geschätzt war – bei den Abteilungsleitern, den Meistern in der Fertigung und der Montage. Man merkte schnell, dass es überhaupt nicht mehr lief, seit er weg war. Bloß zugegeben hätte es niemand im Vorstand der BRONSON AG. Wer gibt schon gern zu, dass er den Falschen gefeuert hat? Und der Richter hatte die Intrige absolut perfekt arrangiert, das musste er ihm lassen. Fast alle waren auf ihn hereingefallen oder hatten mitgemacht. Dass das Pendel wieder zu seinen Gunsten ausschlug, half ihm nicht mehr. Er war draußen. Mit der Zeit wurden die Anrufe aus der Firma seltener. Seine Verdienste, seine Patente. Schnell war er vergessen. Es gab Warnungen. Seine Assistentin, die Fey, verabscheute Richter, behielt es aber für sich. Es musste doch so etwas wie Gerechtigkeit geben – eine göttliche Rache. Da waren sie wieder, die Fantasien von Blut und Gewalt. Aber außerhalb der BRONSON AG konnte er nicht mehr eingreifen. Noch vor Wochen hätte er seine ›Truppen wie ein General in die Schlacht geführt‹. Kontakt mit den Meistern, den Abteilungsleitern, dem Aufsichtsrat, dem Betriebsrat aufgenommen. Er hätte versucht diesen Laiendarsteller, Dr. Sommer, als Geschäftsführer abzusetzen und sich als Ersatz ins Spiel zu bringen. Er sah seine Widersacher, wie ein Stier das rote Tuch. Jeden, der ihm im Weg stand, würde er feuern ... Aber jetzt besann er sich:

Seine Kräfte schwanden, er sah sein Ende, Blutdruck, Zucker, Leber ... Der jahrelange Raubbau an seinem Körper. Ja, er war sich sicher! Er muss es tun! Er schrieb eine Liste. Das tat er immer, wenn die Probleme überhandnahmen. Nur drei Namen waren auf dem kleinen Post-it-Zettel, der auf seinem Nachttisch klebte, zu lesen. Es war wie ein Testament. Die Namen der Todgeweihten:

 

1.Alfred Richter

2.Erika Solman

3.Ingo Strachmann

Treibjagd

München, Theodolindenstraße

Mal fühlte er Leere. Ein anderes Mal Trauer. Dann wieder Wut. Auf sich – auf andere. Im DOMOPAC-Journal suchte er nach einer Antwort. Er blätterte das Fachblatt geistesabwesend von vorn bis hinten durch und fand keine. Nicht die, die er suchte. Hatte auch nicht erwartet, die Antwort ausgerechnet hier zu finden. Der knappe Bericht über eine gescheiterte Übernahme der DRUGPAC Corporation in Florida war dem Blatt nicht mehr als einen Dreizeiler wert. Ihm hatte die Unterschlagung sein ganzes Vermögen gekostet.

 

Zu groß war der Zorn. Seine Leichtgläubigkeit und grenzenlose Naivität sind schamlos ausgenutzt worden. Ihm ging es immer nur darum, gute Arbeit abzuliefern. Von Lobbyarbeit und Kumpanei hielt er nichts. Als sein Chef ihm das ›Du‹ anbot, hatte er abgelehnt. Er suchte nach ›dem Guten im Menschen‹, war nicht dazu in der Lage, wohlwollende Kritik und Heuchelei zu unterscheiden. Ja, fachlich war er brillant, aber in Sachen Menschenkenntnis ein Krüppel.

 

Ingrid Meier hatte geahnt, dass der Abschiedskuss, vor der Dienstreise nach Amsterdam, der letzte sein würde. Deshalb klangen ihre Worte wie ein Vermächtnis:

»Richard, ich mache mir Sorgen um euch. Pass mir gut auf Susanne auf. Ich habe dich immer geliebt. Vergiss mich nicht!«

Reue und Selbstzweifel schienen ihn innerlich zu zerreißen:Warum, um alles in der Welt, habe ich sie nicht verstanden, habe ich mir den letzten klinischen Bericht nicht erklären lassen? Da stand es doch drin. Vielleicht stimmt es, was Erika sagte? »Du kümmerst dich zu wenig um deine Frau! Siehst du nicht, wie schlecht sie ausschaut ...«

Hundertmal hatte er ihr erklärt, dass Ingrid ihm die letzte Diagnose, die von einer drastischen Verschlechterung ausging, bis zuletzt vorenthalten hatte.

Er schaute aus dem Fenster. Blickte zum Horizont, dorthin, wo er den Himmel sah:

»Ingrid, wo bist du? Warum lässt du mich mit deiner Tochter hier allein zurück? Allein mit diesen selbstgerechten Arschlöchern.«

Dann schlug er mit der Faust auf die massive, hölzerne Couchtischplatte, sodass es im ganzen Haus zu hören war. So laut, dass Susanne hereinstürmte und fragte, was wieder mit ihm los ist sei. Nicht einmal seine eigene Tochter verstand ihn.

Wo waren all die guten Freunde seiner Frau, die seinem einzigen Kind die Fragen beantworteten, die ein junges Mädchen zu stellen pflegt, wenn es zum ersten Mal seine Tage bekommt. Nur die Schulfreundinnen, die sie mit Horrorgeschichten vom Verbluten, von Vampiren erschreckten, waren bei ihr. Der Schulhof war am Ende ihre einzige Hilfe.

Still und heimlich ist sie, ohne sein Zutun, eine junge Frau geworden, die mit ihren 15 Jahren erkannte, dass etwas nicht stimmte – dass er sich verändert hatte, seit seinem Rausschmiss bei BRONSON. Susanne entdeckte eine Seite an ihrem Papa, die ihr bisher verborgen war. Alpträume plagten ihn zuweilen – ließen ihn Phasen seines Lebens, seiner Jugend immer wieder neu durchleben. Einmal schrie er im Traum: »Nein, Vater, nicht … nicht in den Keller. Ich habe Angst. … Angst … nein Vater. Nein, ich will da nicht rein! Bitte, Vater.« Er schrie so laut, dass Susanne aufwachte und ihn wecken musste.

Während der Ehe mit Ingrid ließ der Dämon von ihm ab. Ihr Leiden, ihr Tod brachten die Alpträume zurück. Nachts schrie er:

»Vater, nicht! Strafe muss sein! Warum hast du dein Fahrrad draußen stehen lassen? Geklaut, das neue Rad. Den ganzen Tag auf dem Bolzplatz und dann schlechte Noten nach Hause bringen, ab in den Keller.«

Im Hause Meier gab es einen Strafkatalog für derartige Vergehen. Für ein geklautes Fahrrad gab es die Höchststrafe: einen Tag Keller-Kerker. Das Verlies lag abgeschieden neben dem Heizungsraum. Der Lichtschalter war außen. Für Stunden in einem stockfinsteren Raum zu sitzen, war für ihn die grausamste Folter, die er bis dato kennengelernt hatte. Mama kam dann immer herunter und brachte ihm die Mahlzeiten.

»Es geht alles vorbei. Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Du kennst ihn ja!«

Seine Eltern kamen ihm vor wie protestantische Pfarrer und Erzieher in der wilhelminischen Zeit. Nur eben ohne den obligatorischen Rohrstock und den Katechismus. Mama Meier erklärte Vaters Jähzorn, verzog dabei keine Miene. Später versuchte sie, Papa Meiers Strenge damit zu entschuldigen, dass Richard Senior mit ›der Knute‹ groß geworden sei und dass sein Sohn dafür Verständnis aufbringen müsse. Gefühle hatte seine Mama nie gezeigt. Ja, in den Arm nehmen, ihn trösten, das hätte er gebraucht. Erst kurz vor ihrem Tod hatte er bemerkt, wie sie heimlich in der Küche weinte. Als er hereinstürmte, wischte sie hastig ihre Tränen mit der Küchenschürze weg. Zum ersten Mal sah er die unbekannte, verletzliche Seite an ihr. Hinter der streng protestantischen Fassade brach ›der Mensch‹ hervor. Hatte er sie bis dato gehasst, so tat sie ihm von diesem Tag an nur noch leid. Es ging sogar so weit, dass er sich für seinen Hass schämte.

In stundenlangen Sitzungen, im stillen finsteren Keller, hatte er von der ›Knute‹ geträumt. Von Schmerz und Tadel, der ein paar Tage später schon wieder vergessen war. Bei seinen Schulkameraden wurden Verfehlungen damals mit Schlägen geahndet. Vorzugsweise mit ›des Vaters Ledergürtel‹. Je älter er wurde, umso unerträglicher empfand er Stille und Finsternis. Nach Ingrids Tod kamen die Kerkerbilder wieder hoch, er konnte nicht einschlafen und wenn, dann nur mit Licht. Manchmal half ihm Rotwein. Aber wie bei einer Droge ließ die Wirkung nach und er begann die ›Dosis‹ anzupassen. Bis er am nächsten Morgen beim Aufstehen über zwei leere Rotweinflaschen stolperte und mit dem Kopf gegen Ingrids Frisierkommode knallte. Die Platzwunde am Schädel verheilte schnell, die Erinnerung an Ingrid wollte nie abheilen – wie eine Wunde, die immer von Neuen eitert und sich entzündet.

Seine Mutter hatte ein ähnliches Schicksal erlitten. Im Alter von 43 Jahren erkrankte sie an Brustkrebs. Das war einen Monat vor seinem neunten Geburtstag. Es schien lange Zeit so, als sei er für den frühen Tod der Mutter verantwortlich. Jedenfalls gab ihm sein Vater dieses Gefühl. Seine Stiefmutter kam, ausgerechnet die Tante, die Schwester seiner Mama. Die hatte er zuerst abgewiesen. Vielleicht war das auch der Grund, warum er in Erika immer wieder die verhasste Stiefmutter sah. Erst als Heinrich zur Welt kam, besserte sich ihr Verhältnis allmählich. Tante Hilde gab sich alle Mühe. Richard wurde friedfertiger. Nur konnte der Älteste es dem Vater wieder nicht recht machen. Fortan war das Nesthäkchen der Star. Er kam in den Kerker, wenn er mal nicht auf ihn aufgepasst hatte und der ›kleine Scheißer‹ auf die Fresse gefallen war. Sein Therapeut bescheinigte ihm, dass diese traumatischen Kindheitserlebnisse für seine latenten Aggressionen und für seine – eher seltenen – für seine Gewaltausbrüche verantwortlich sein mussten.

In dem Moment, als man ihn bei BRONSON entließ, als er ohne Beruf und Beschäftigung war, fiel er wieder in diesen labilen Zustand zurück. Stress und Druck hielten ihn im Gleichgewicht, auf dem schmalen Grat zwischen Euphorie und Zusammenbruch. Und jetzt, manchmal, wenn Aggression und Paranoia die Oberhand gewannen, malte er sich aus, wie er es anstellen würde. Ja, Rache! Das war es, was ihn am Leben hielt. Tötungsfantasien waren es. Er sah Richter, Erika, sah Ingo Strachmann. Eigenhändig erwürgt, sah er sie erschlagen vor sich liegen. Dafür würde er mehrfach lebenslänglich bekommen. Das war ihm egal. Wenn er schon seinen Peinigern nicht weh tun konnte, dann fügte er sich selbst Schmerzen zu.

Er schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Oder dachte an Selbstmord. Aber da war immer der Gedanke an seine Tochter, für die er verantwortlich war.

Was wird aus ihr, wenn sie ihn wegsperren? In die Klapse stecken? Beschützen will er sie. Er wird weiterleben, um das wiedergutzumachen, was er an seiner Frau, an seiner Tochter vernachlässigt hat.Da waren die vielen Feierabende, an denen er die beiden allein gelassen hatte. Er war für alle da, nur nicht für seine Familie. ›Gerecht zu jedermann‹ so wird es auf dem Grabstein gemeißelt stehen. Das muss er aufschreiben und in den Nachtkasten legen – für alle Fälle.