SEQUENZER - Kalmond Kess - E-Book

SEQUENZER E-Book

KALMOND KESS

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Beschreibung

Die Welt im Jahr 2035 … Mikel Scott Miller ist ›der‹ Star. Ein »gemachter« Mann, denn er ist einmalig für seine Macht über das Genom. Er hat eine Maschine entwickelt, die es der MESINA AG erlaubt, die menschlichen Gene beliebig zu manipulieren. Er wird zum Herrn über Gesundheit und Krankheit. Sogar über Jugend, Schönheit, Leben und Tod. Er könnte sich seine Traumfrau im Reagenzglas erschaffen: Aber es gibt sie schon und sie will ihn – Gute Mächte bewundern ihn – Böse Mächte wollen ihn – den Sequenzer Ein Muss für jeden, der wissen will, was vor uns liegt. Ein Roman, ein Krimi in einer neuen Zeit? Realistisch, präzise und zugleich abenteuerlich und unvorhersehbar. Der Autor: Kalmond Kess ist Ingenieur, Autor und lebt abwechselnd in München und in Pula am Meer. Nach seinem Debütroman – Die Spur im Fluss I – Sakai – Die Spur im Fluss II – Judas – folgt nun der Zukunftsroman – Sequenzer. Der Sequenzer – lässt einen teilhaben an der abenteuerlichen Jagd nach Geld und Genen – in einer Welt von Morgen. "...Er zog die mittlere Schublade des Gefrierschrankes heraus. Reflexartig wich er zurück, wie durch einen elektrischen Schlag getroffen, stolperte rückwärts, fiel zu Boden. Konnte sich dabei noch mit den Händen hinter dem Rücken fangen. Was war das? Es dauerte einen Moment, ehe er einen neuen Versuch wagte. Er schaute über den Rand der Schublade. Mit Raureif wie ein Leichentuch darübergelegt, erkannte er die Kontur eines blutigen Kopfes. Mikel sah dunkle Hautstellen. Kalten Eisschnee wischte er in seinen Händen zusammen, wie wenn man einen Schneeball formte. Er musste die Schublade gegen einen Widerstand weiter herausziehen. Etwas klemmte im Inneren des Gefrierfaches. War festgefroren, klebte am Kittel des Toten. Mikel zitterte am ganzen Körper, als er die harte, eiskalte Hand soweit zur Seite drücken konnte, dass die Schublade sich ganz herausziehen ließ. Er steckte im Schrank, wie in der Pathologie der Rechtsmedizin. Der weiße Laborkittel ist durchstochen. Steif gefrorenes Blut war aus dem Stich in seiner Brust herausgequollen, hatte den Kittel stellenweise tiefrot durchtränkt. Dunkelbraune Kruste bedeckte den Boden. Ein Sarg aus Edelstahl. Das Entsetzen, der letzte Schrei, der Blick der blutunterlaufenen Augen, die letzte Sekunde war eingefroren im Gesicht des Toten..."

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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IMPRESSUM
DAS BUCH
EISKALT
PROLOG
VERKEHRTE WELT
VORSTELLUNG
LABOR DER STARS
YEAREND PARTY
ROLLKOMMANDO
AUFSICHTSRAT
MAINHATTAN
BIG APPLE
DIE MOUNTIES
DAS DENKMAL WANKT
PANIK
SYDNEY
GEFEUERT
DAHEIM?
HILFE
DIE EIGENE FIRMA
ENTDECKUNG
ZELLSTOFF
DIE WARNUNG
GEFAHR
SEQUE 3001
EISKALT
VERSUCHSKANINCHEN?
JUNGBRUNNEN
VORHANG AUF
GEWITTER ÜBER UNS
KANADA
INTRIGE
VERMISST
LIEBE KOMMT – LIEBE GEHT
GEFANGENER
DIE GESUCHTE
GEMACHTE SACHE
LICHT IM TUNNEL
DIE FLUCHT
BEFREIUNG
RUSSLAND
SCHACHMATT?
GEWISSEN?
GEHEIME STAATSSACHE
TRANSPORT
SCHWERLAST
GESCHLAGEN?
ANHALTER?
GIBT ES NOCH JEMANDEN?
JAGDSAISON
URALCHEMICAL
DIE FREIHEIT?
KOMPLIZENSCHAFT
SCHWARZE SCHAFE
PEACEMAKER
HIMMEL
ENDSTATION
ÜBER DEN AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

KALMOND KESS

SEQUENZER

 

… ein gemachter Mann …

… ein Roman im Jahr 2035 …

 

IMPRESSUM

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2020 Kalmond Kess

Lektorat: Casa Ceslerus

Korrektorat: Casa Ceslerus

Umschlaggestaltung: selfpubbookcover.com, Casa Ceslerus

Herstellung und Verlag: Casa Ceslerus,

Echardinger Straße 9, 81673 München

Anfragen über: [email protected]

 

ISBN: 9798613068715

ISBN: 9798490355298

 

weitere Mitwirkende:

 

DAS BUCH

 

Die Welt im Jahr 2035 …

Mikel Scott Miller ist ›der‹ Star. Ein »gemachter« Mann, denn er ist einmalig für seine Macht über das Genom. Er hat eine Maschine entwickelt, die es der MESINA AG erlaubt, die menschlichen Gene beliebig zu manipulieren. Er wird zum Herrn über Gesundheit und Krankheit. Sogar über Jugend, Schönheit, Leben und Tod. Er könnte sich seine Traumfrau im Reagenzglas erschaffen:

Aber es gibt sie schon und sie will ihn –

Gute Mächte bewundern ihn –

Böse Mächte wollen ihn – den Sequenzer

Ein Muss für jeden, der wissen will, was vor uns liegt. Ein Roman, ein Krimi in einer neuen Zeit? Realistisch, präzise und zugleich abenteuerlich und unvorhersehbar.

 

Der Autor: Kalmond Kess ist Ingenieur, Autor und lebt abwechselnd in München und in Pula am Meer. Nach seinem Debütroman –

Die Spur im Fluss I – Sakai –

Die Spur im Fluss II – Judas –

folgt nun der Zukunftsroman – Sequenzer. Der Sequenzer – lässt einen teilhaben an der abenteuerlichen Jagd nach Geld und Genen – in einer Welt von Morgen.

 

MEIN DANK

Mein Dank geht unter anderem auch an meine Freunde und Probeleser, Kornelia Ziegler, Sabine Gansner, Petra Sinuraya, Alexandra Stanimirovic, Ulrike Weber, Charlotte Villinger, Dietmar Pfaff, Bibliothekar und eifriger Leser.

 

Die handelnden Personen, – die Unternehmen sind einer zukünftigen Epoche zuzuordnen und entspringen der Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt.

Die beschriebenen Verfahren und Technologien sind Gegenstand von gewerblichen Schutzrechten, Marken und Patenten und deshalb urheberrechtlich geschützt.

Der Inhalt dieses Buches (eBook und Taschenbuch) unterliegt dem Copyright. Die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

 

EISKALT

Martinsried, Montag, 24 September 2035

 

Er zog die mittlere Schublade des Gefrierschrankes heraus. Reflexartig wich er zurück, wie durch einen elektrischen Schlag getroffen, stolperte rückwärts, fiel zu Boden. Konnte sich dabei noch mit den Händen hinter dem Rücken fangen. Was war das?

Es dauerte einen Moment, ehe er einen neuen Versuch wagte. Er schaute über den Rand der Schublade. Mit Raureif wie ein Leichentuch darübergelegt, erkannte er die Kontur eines blutigen Kopfes. Mikel sah dunkle Hautstellen. Kalten Eisschnee wischte er in seinen Händen zusammen, wie wenn man einen Schneeball formte. Er musste die Schublade gegen einen Widerstand weiter herausziehen.

Etwas klemmte im Inneren des Gefrierfaches. War festgefroren, klebte am Kittel des Toten. Mikel zitterte am ganzen Körper, als er die harte, eiskalte Hand soweit zur Seite drücken konnte, dass die Schublade sich ganz herausziehen ließ. Er steckte im Schrank, wie in der Pathologie der Rechtsmedizin. Der weiße Laborkittel ist durchstochen. Steif gefrorenes Blut war aus dem Stich in seiner Brust herausgequollen, hatte den Kittel stellenweise tiefrot durchtränkt. Dunkelbraune Kruste bedeckte den Boden. Ein Sarg aus Edelstahl. Das Entsetzen, der letzte Schrei, der Blick der blutunterlaufenen Augen, die letzte Sekunde war eingefroren im Gesicht dieses Toten.

Wer war das?Das Muttermal an der rechten Wange. Ja, das ist er. Das ist Robi, schoss ihm durch den Kopf. 

Bewegte sich da gerade etwas? Die blau gefrorenen Lippen eines Robi Zhang wollten ihm zurufen:

»Ich habe euch doch gewarnt. Warum glaubt ihr mir nicht?«

 

PROLOG

Was war …

 

Ende der Zwanziger gelangen bahnbrechende Erfindungen. Das Umsteuern in der Klimapolitik zeigte erste Erfolge. Fossile Energieträger wurden durch Regenerative ersetzt. Das Artensterben wurde durch Klone und Rückzüchtungen umgekehrt. Im westlichen Europa und in den Vereinigten Staaten etablierten sich ökologische Strömungen der politischen Parteien.

 

In der Viruspandemie 2020 forschten junge Unternehmen an Impfstoffen und antiviralen Medikamenten. Neue Pharmaka, Start-ups suchten weltweit nach Antibiotika gegen resistente Keime. Sie züchteten künstliche Organe, Implantate. Organoide ersetzten zerstörte Bauspeicheldrüsen und geschädigte Netzhaut bei Blinden. Querschnittslähmungen, welche durch Unfallverletzungen der Wirbelsäule verursacht sind, kann man erfolgreich kurieren. Es gab Behandlungsmöglichkeiten für unheilbar geltende Krankheiten. Man fand wirksame Gentherapien, um das Altern zu verlangsamen und genetische Defekte zu beheben. Neueste Computer arbeiteten längst mit dem Quantenprozessor, einer Recheneinheit, die den Gesetzen der Quantenphysik entspricht. Eine Aufbruchstimmung entstand in der jungen Generation. Eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft ohne Kriege, Armut und Krankheit.

 

Aber die Lasten der Vergangenheit holten die westlichen und fernöstlichen Nationen ein. Die Verschuldung war ins Astronomische gestiegen. Im Jahr 2027 drohte den führenden Industrienationen der Staatsbankrott. Gleichzeitig brachen weltweit alle Kryptowährungen zusammen. In einer gemeinsamen Nacht-und-Nebel-Aktion beschloss man den Dollar, den Euro, den Yen, das britische Pfund und den chinesischen Yuan im Verhältnis 4 zu 3 abzuwerten und dem Währungskürzel jeweils ein N für N$ und N€ usw. voranzustellen. Verbindlichkeiten, Guthaben, Löhne und Gehälter wurden ebenfalls im Ratio 4 zu 3 umgestellt. Aktien und Wertpapiere und das INCA-Pound behielten ihren Wert.

INCA bedeutet InvestmentCovered Asset. Das INCA Pound ist durch seinen Anteil an Sachwerten wie Industrien, Häfen, Autobahnen, Rohstoffe, Edelmetalle, Grund und Boden, welche über den gesamten Globus verteilt sind, gedeckt. Der INCA wurde aus der Taufe gehoben, um ein neutrales, wertstabiles Gegengewicht zu den dem Verfall preisgegebenen Papiergeldwährungen der westlichen Welt zu schaffen. Kleinere Länder brachten teilweise ihre Infrastruktur als Assets ein und haben mit dem INCA Pound eine neue Währung eingeführt. Größere geben ihre Wechselkursparität zum INCA, dem I£ an.

Kurz nach dem Währungsschnitt kam es zu einem gewaltigen Crash an den Börsen. Es drohte eine neue Wirtschaftskrise. Und die in den Zwanzigern gebannt scheinende Inflation war wieder ein Thema. Zwar wurden die immensen Staatsschulden auf Kosten der Allgemeinheit reduziert, aber die Leute hatten mit einem Schlag weniger Geld für den Lebensunterhalt und den Konsum, weil die Preise rasant stiegen.

Europa, welches gerade den Ausstieg Großbritanniens verkraftet hatte, drohte der Zerfall. Eine Art New Deal wie in der Weltwirtschaftskrise Anfang der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts konnte Aufbruchstimmung in den Industrienationen erzeugen. Da hatte der österreichische Kanzler Florian Kurz die Idee einer Ausschreibung für ein neuartiges Verkehrsmittel. Es sollte die Europas Städte mit einer neuen Generation einer Magnetschwebebahn verbinden. Die MAGLEV-HYPERFAST erfüllte die hohen Erwartungen. Ende 2028 verbanden Schnellbahnen die Metropolen auf dem Kontinent. Zwei von Nord nach Süd und zwei von Ost nach West – quer durch Europa.

Die MAGLEV erreichte Durchschnittsgeschwindigkeiten von mehr als 900 km pro Stunde. Die großen Airlines waren am Aufbau und Infrastruktur der Hyperschallbahn, HELITAXIS und MOBCARS beteiligt. MAGLEV und HELITAXIS ersetzten teilweise die Schnellbahnen – MOBCARS die Regionalzüge, Busse und Straßenbahnen. Aber viele kleinere Airlines verschwanden vom Himmel.

 

 

 

 

 

 

VERKEHRTE WELT

Martinsried bei München, 18. Dezember 2034

 

Die Landschaft am oberen Panoramafenster wischte mit fast neunhundert Kilometern pro Stunde vorbei. Lange konnte man nicht hinaussehen, ohne dass einem übel wurde. Der untere Rand der Fenster im MAGLEV wurde während der Fahrt durch ein Infotainment mit Werbetafeln belegt. Es waren gerade einmal drei Minuten von Milbertshofen nach Martinsried vergangen. Mikel Scott Miller hatte es sich im Loungesessel bequem gemacht. Vor ihm saßen zwei Herren im Maßanzug. Die unterhielten sich über Börse, Politik, Familie. Elegant gekleidete Damen im Businesskostüm und NOTEFLAT-Tasche auf dem Schoß hatten die Reihe vor ihm. Rechts beanspruchte ein Mann mit Aktentasche zwei Sitze für sich allein. Beide Sicherheitsbügel waren halb offen. Der Einzelplatz war zu eng für ihn. Er sah aus wie ein Boxer der Schwergewichtsklasse, – der runde Kopf mit den stecknadelkurzen dunklen Haaren schien übergangslos auf den breiten Schultern zu ruhen. Er trug eine Nickel-Sonnenbrille und einen dunkelblauen Anzug. Dem grauen Ansatz an den Schläfen nach, ist er Anfang vierzig. Die Damen interessierten ihn, denn er schaute durch die Lücke zwischen den Kopfstützen.

 

MARTINSRIED/MUNIC WEST erschien auf der Anzeige am Fensterrand. Die Sicht nach draußen, welche im unteren Teil matt abgedunkelt war, wurde jetzt automatisch voll transparent. Stechend hell blendete die Morgensonne aus Richtung Osten herein. Der MAGLEV verringerte die Geschwindigkeit und bremste stark ab. Die Druckwelle wirbelte Staub auf.

Mikel wurde in den Sicherungsbügel gepresst. Auf dem Dach des Bahnsteigs landete ein HELITAX. Der Taxi-Helikopter brachte einen Fahrgast aus der City hierher. Von hier aus kam man im MAGLEV in knapp einer Stunde nach Paris.

 

»Martinsried München West – bitte rechts aussteigen – Martinsried Munic West – right door please«. Mikel Scott Miller betätigte die Entriegelung am Bügel, der ihn am Aufstehen hinderte. Eine Reihe Fahrgäste formierte sich vor der rechten Wagentür. Auch der Boxer musste hier raus. Martinsried liegt im Speckgürtel der zwei Millionenstadt. Vor zwanzig Jahren noch ein kleiner Vorort ist er heute ein Stadtteil mit 60.000 Einwohnern.

Jetzt wartete er links hinter ihm, der Boxer mit der Sonnenbrille im blauen Anzug. Mikel ging einen Schritt zur Seite, drehte sich nach um, fühlte sich beobachtet.

 

Der Mann ist einen halben Kopf kleiner als er. Aber er ist gefühlt doppelt so breit und hundert Kilogramm schwerer. Auffallend die daumenbreite Narbe am Hals, wie von einem Würgemal oder einer misslungenen OP.

 

Mikel rückte instinktiv etwas von ihm ab und kam so den Damen vor der Tür näher. Jetzt wohl etwas zu nahe, denn die eine bedeutete es ihm mit einem Lächeln. Die hellblonden, mittellangen Haare fallen ihm in die graublauen Augen. Er pustete sie aus dem Gesicht, während er sich mit der rechten Hand am Deckengriff festhielt. In der Linken hatte er die NOTEFLAT-Tasche.

 

Mikel ist Ende dreißig, sportlich lässig trägt er Turnschuhe, eine beige Leinenhose und eine gelbe Regenjacke, – ist braun gebrannt. Ähnlich einem Tennislehrer, schlaksig, mit seinen eins fünfundneunzig. Nur um die Hüften und am Bauch ist ein leichter Ansatz von Wohlstand und Bewegungsmangel zu erkennen.

Martinsried, westlich von München, war seine Station. Hier sind die hightech Giganten Deutschlands im beginnenden neuen Jahrzehnt angesiedelt. Auch die MESINA AG – Medicine Science Innovation AG. Er schwang sich mit einem Satz hinaus auf den Bahnsteig in den Vorstadtmorgen. Eine frische Brise empfing den Harvard Master of Science der Medizinischen Mikrobiologie.

Sein Blick glitt hinaus zum südlichen Horizont. Er sah vor ihm das vom Föhn aufgeheiterte Voralpenpanorama und links die Silhouette der City Münchens.

Am Wochenende war er das erste Mal seit Jahren wieder beim Skifahren. Seine Knie schmerzten noch davon. Wie viele seiner Forscher-Kollegen war auch er schon lange nicht mehr einen ganzen Tag an der frischen Luft. Sonst war da nur das Labor, ein Clean Room mit konstanter Temperatur, Druck und Luftfeuchtigkeit. Anna Maria sagte immer:

»Unser Sterile Prison – unser Steril-Gefängnis«

 

Und dann das? Überraschend steht sie vor ihm, – reißt ihn heraus aus seinen Gedanken.

»Hallo Anna Maria. Ich habe Dich gar nicht gesehen. Bist du mit mir zugestiegen?«, fragte er die junge Frau, die ihn wie eine Hostess, direkt vor ihm stehend, in Empfang nahm.

»Mikel, ich dachte schon, du hast Angst vor mir. Oder bist du mental schon wieder im Labor?«, strahlte ihn die dralle, junge Dame im dunkelblauen Wollkleid und weißen Schafwollmantel einladend an. Den Kopf lachend zur Seite gelegt, fallen ihr die langen, hellblonden Haare über die Schulter. Dabei zeigen sich ihre Grübchen um die Mundwinkel. Der Blick ihrer wasserblauen Augen schien ihn irritiert zu haben. Klar, sie schaute wie immer. Aber heute fiel ihm etwas Neues auf. Optimismus und Selbstsicherheit lassen keinen Zweifel aufkommen – sie wusste genau, was sie wollte. Und was sie wollte, stand nun direkt vor ihr. Für ein Model hätte sie zwar die Größe, aber nicht ganz die Maße. Eine Diät könnte nicht schaden. Dennoch hatte sie das, was Männer anziehend fanden. Ein Vollweib eben.

 

Auch Mikel fand einen gewissen lasziven, animalischen Sex an ihr, dachte aber, dass etwas fehlte. So genau weiß er das selbst nicht. Dabei hatte er sich schon öfter dabei ertappt, wie er daran dachte, ihr in den Ausschnitt zu langen. Denn diese wunderbaren Dinger wollte er einmal zu fassen bekommen. Aber so unter Kollegen, Mitarbeitern, Sex? Das kann er sich verkneifen. Und außerdem kann sie nicht mithalten mit seinem Model, mit der Assistentin im Vorstandsbüro. Katrin war eine Frau von Welt. Für Höheres geboren. Sie sprach fünf Sprachen. Und dazu noch die Traummaße.

 

Die MOB-App auf dem ARMFONE zeigte ihm das nächstgelegene freie Sammeltaxi mit laufenden CODE: MC4ROQZP an, welches direkt die MESINA AG zum Ziel hatte. Zufall? Anscheinend warteten wieder einmal Kollegen im hinteren Wagen der Schnellbahn auch auf eines dieser fahrerlosen Vans. Die Route wird auf dem WEARABLE-ARMFONE angezeigt. Das Handy in Form eines Bandes klebt an seinem Unterarm. Mit einem Wisch hatte Mikel seinen Bedarf angemeldet. Die Route wurde jetzt so geändert, dass ihr Standort dazu gehörte.

»Hab uns ein MOBCAR geholt.«

»Toller Service«, lächelte sie. Am Boden des Bahnsteigs führte sie der Laserstrahl der Laufanzeige mit ihrem Trackingcode zum Ziel. Jeder, der die MOBAPP benutzte, wurde durch die Etagen, bis hinunter geleitet. Sie folgten diesem Code auf dem Boden.

 

Beide standen nebeneinander im Aufzug, während Mikel den Ärmel über sein ARMFONE zog.

Der Fahrstuhl hielt auf der MOBCAR-Plattform. Als sich die Aufzugtür öffnete, wartete ihr Sammeltaxi-Van bereits. Der CODE auf der hinteren Seitenscheibe sagt ihnen, dass es ihr Wagen ist. Die rechten Türen öffnen automatisch. Anna Maria Schmidt und Mikel Scott Miller bestiegen das achtsitzige MOBCAR. Die Sitzreihe hinter dem Fahrer war schon mit zwei Damen und einem Herrn besetzt. Die beiden Frauen lästerten bei einem Becher Kaffee über das Management in ihrem Haus. Schwaden von Wasserdampf lagen über der stark befahrenen Werner von Siemens Allee, als der Servicemitarbeiter das Fahrzeug durch einen Tipp auf dem Touchscreen in Bewegung versetzte. Mehr brauchte er nicht zu tun, denn der Van steuerte automatisch die nächste Haltestelle an. Vor dem MESINA AG Headquarter machte die Straße eine leichte Rechtskurve.

Auf dem Display wurde dem Fahrer der Stopp MESINA AG angezeigt. Das mit Wasserstoff betriebene Fahrzeug stoppte sanft, ohne Eingriff des Servicemitarbeiters. Der drehte mit dem Sitz herum und hielt den beiden den Scanner hin. Mikel quittierte mit dem ARMFONE zweimal den Fahrpreis beim Fahrer. Anna Maria lachte ihn an:

»Ah – war das eine Einladung zu einer Spritztour, was kommt als Nächstes? Liebesurlaub auf den Malediven?«, lächelte sie ihn an.

 

»Gern geschehen. Wann ist dein Termin beim Vorstand Anna?«

»Gleich in der Früh. Bist du auch dabei?«, gab sie zurück.

»Ja leider, der fragt immer so bescheuert«, verdrehte er die Augen.

Mikel stieg mit Anna Maria die Stufen des MESINA-Headquarters hinauf. Das Gebäude hatte seinerzeit der italienische Stararchitekt Santo Merani entworfen. Der Grundriss des Gebäudekomplexes war ein Doppeloktagon. Die beiden achteckig facettierten Türme klebten wie siamesische Zwillinge aneinander. Die Twin-Tower waren komplett mit einer Fotovoltaik Hülle verkleidet. Das Bauwerk ist autark, was die Versorgung mit Heizenergie und Strom anbelangte. Das Klima wird durch die Lichtdurchlässigkeit der Solarfassade gesteuert. Auf dem Dach ist eine Gartenanlage mit einem Sonnensegel aus Solarpaneelen und eine Windkraftanlage installiert.

Ein großer, schlanker Mann, Doktor Rudolf Steiger, kommt ihnen entgegen und rief ihnen hastig im Vorbeigehen zu:

»Morgen Anna Maria, hallo Mikel. Mikel, ich brauche Informationen für den Aufsichtsrat! Anna Maria, wir sehen uns gleich!« Mikel blieb einen Augenblick auf den Stufen stehen und schaute dem Steiger hinterher, der schnell weiter die Siemensallee hinunterging.

Ein weiteres MOBCAR hielt vor dem Headquarter und die Türen gingen auf. Martin Klose-Hilger, der Chef der Marketingabteilung, stieg aus dem Wagen. Es saß noch ein Fahrgast im MOBCAR. Es war der Boxer mit der Narbe am Hals.

VORSTELLUNG

Martinsried bei München, 18. Dezember 2034

Im Café RELAX in der Fraunhoferstraße nehmen die Angestellten noch schnell ein Frühstück, eine Tasse Kaffee, ein Croissant. Doktor Rudolf Steiger duckte sich beim Eintreten. Der Hüne, mit deutlich mehr als zwei Metern, wartete nach vorn gebeugt und steif im Eingang. Mit rotblonden Haaren und Sommersprossen im blassen Gesicht wirkte er streng und selbstsicher. Die junge Bedienung erkannte ihn und nahm ihm den kakifarbenen Trenchcoat ab. Sie zeigte mit der freien Hand ins Innere des modernen Lokals.

»Ihr Tisch ist hinten, Herr Doktor Steiger. Sie werden erwartet.«

Der CEO der MESINA AG, Doktor der Philosophie, durchquerte das ganze Lokal mit wenigen schnellen Schritten und gelangte schließlich in ein ruhiges Nebenzimmer. Die hübsche Bedienung folgte ihm zum Ecktisch mit dem Faltschild: Reserviert für: Doktor Steiger – stand mit grünem Filzstift geschrieben.

Dort saß er bereits und wartete.

»Grüß Gott, herzlich willkommen, Mr. Summers.«

»Hello Herr Doktor Steiger«, erhob sich der schwere Mann von Anfang vierzig, wie ein Türsteher aus einem der Klubs der Vorstadt, in der sich die Angestellten nach Feierabend einer After-Work-Party hingeben. Der Oberkörper dieses Mittelgewichtsboxers schien nur aus Muskel bepackten Schultern zu bestehen und er hatte Arme wie Baumstämme. Wäre der Mensch ein Fahrzeug, er wäre ein Panzer. Er reichte dem Steiger die Hand hinüber.

Die tellergroße Handfläche lässt die Hand von Steiger darin verschwinden.

Was macht ein Mann mit derartig großen Händen mit einem Computer, dachte sich Steiger in diesem Moment. Im Setzen hielt sich der Amerikaner die Hand am Kragen und rückte ihn zurecht. Fast hätte man seine Narbe am Hals entdeckt.

Steiger erkannte etwas, als er vor ihm saß. Etwas, was seinen ersten Eindruck zu bestätigen schien. Der Blick war der eines Leoparden, der hellwach auf der Lauer liegt, auf Beute wartet. Die weit geöffneten, graubraunen Augen zeigen Verbissenheit und Brutalität. Selbst Steiger schien verunsichert.

»Konnte Sie nicht in der AG empfangen, Sie verstehen?«

»Ist Okay for mich. Sie sagten schon am Telefon. Hier die Documents und eine Resume. Zeugnis von Yale University sind in hinteren Teil«, kommt eilfertig die Antwort. Sein holpriges Deutsch versuchte sich in Sachen Seriosität. Die umfangreichen Dokumente in der dicken Bewerbungsmappe machten einen ordentlichen Eindruck.

»Will mich nicht lange mit Zeugnissen aufhalten«, unterbrach ihn Steiger.

»Dafür ist bei uns die Human Resources Department zuständig. Sie sind hier, weil ich einen Mann für die IT suche. Der Jetzige ist ungeeignet. Wurde von meinem Vorgänger engagiert. Können Sie IT-Sicherheit, Datenbanken? Müssen alles neu aufsetzen. Ich brauche die vollständige Kontrolle. Ich will es vorwegnehmen. Die werden blockieren. Machen was sie wollen. ›Out of control‹. Teure Labors. Teure Mitarbeiter. Sie verstehen?«

»Verstehen, Mr. Steiger. Ich habe Diplom in IT-Management. Und ich habe HANSON&HANSON dort Department geleitet. Mit einhundert Leuten. Ich habe auch SQL-Datenbanken, Multi-dimensional Arrays entwickelt. Ist Standard in der Welt.«

»Mr. Summers. Ich muss mich kurzfassen. Was ich suche, ist Durchsetzungskraft und Willensstärke. Unterordnung unter allen Umständen. Haben Sie das verstanden?«

»Ja!«, kam die unmissverständliche Antwort. Dies war genau die Antwort, die er hören wollte. Rudolf Steiger wusste in diesem Moment, dass dies sein Mann war.

»Würden Sie bereit sein, für Ihren Vorgesetzten zu töten?«, schaute Steiger ihm, kaum zwei handbreit gegenüber, in die Augen. Summers stechender Blick zeigte bei der provokanten Frage keinerlei Regung.

»Ja, Herr Doktor Steiger!«

Kannte er die Frage aus vorangegangenen Assessments? Oder war er so abgebrüht, wie es sein Gegenüber erwartet hatte? Denn er wusste sofort die Antwort, die Steiger hören wollte.

Steiger fröstelte es dann doch etwas bei dieser Kaltblütigkeit. So zögerte er einen Moment, ehe er wieder die Worte fand.

»Schön. Schaue noch andere Bewerber an. Sie hören von uns. Ich muss weiter. Morgen ist Aufsichtsratssitzung. Sie verstehen. Danke für Ihren Besuch! Rechnung geht auf mich. Auf Wiedersehen!«

 

»At Your Service! Danke Mr. Doktor Steiger. Auf Wiedersehen!«, rückte Vane Summers die Sonnenbrille mit dem Mittelfinger an die richtige Stelle im Gesicht, auf der breiten Nase.

Steiger verschwand schnell in Richtung Eingang, wo er der Dame Geld in die Hand drückte. Mit dem Mantel trat er hinaus auf die Fraunhoferstraße. Er wusste bereits, wie er sich entscheiden würde.

 

 

Anna Maria Schmidt war auf dem Weg ins Vorstandsbüro. Sie passierte die Marketingabteilung und das Büro des Finanzvorstandes im obersten Stockwerk des MESINA-Headquarters. Vorbei an den neidischen Blicken der Sekretärinnen der Sachbearbeiterinnen, die in der Teeküche mit Kaffee und Snacks beschäftigt waren. Leises Getuschel drang an ihr Ohr, so wie,

»Die Gratifikation ist heuer sensationell … wird vom Steiger bekannt gegeben.«

Jetzt klappte sie im Gehen den DATASCREEN links hinters Ohr. An einem Plexiglasbügel am Ohr, wirkte das wie die Pokerkarte eines Zockers. Der Befestigungsbügel war praktisch unsichtbar. Anders als die frühen Datenbrillen von Google. Sie nutzt seit einiger Zeit die EMOTCO, die Emotion Control App der DATASCREEN. Diese sensationelle Software gleicht die Mimik des Gesprächspartners und dessen Aussagen miteinander ab. Der Gesichtsausdruck – ein Teil der Körpersprache, sagt viel über die wahren Absichten des Gesprächspartners. So hat sie neulich einen langjährigen Lieferanten überführt, der ihr überteuertes Labormaterial verkaufen wollte. Die Aussage, es sei beim Preis nichts mehr zu machen, beantwortete die EMOTCO mit einer deutlichen Warnung. Die Verbindung der wörtlichen Aussage mit der Mimik passte nicht zusammen, was die Warnung ausgelöst hatte. Eine Warnung, die berechtigt war. Schließlich hat sie die gesamte Lieferung dann noch einmal 30 % billiger bekommen. Die neueste App von COMDROL war die TOGMAP. Eine Anwendung für die DATASCREEN, die es schaffte, Gedanken, Mimik und Gesten zu lesen. Die eigentlich viel zu geringen Hirnströme des Gegners oder Partners können mittels Nanoverstärker teilweise ausgelesen werden. So nach der Devise: Zeige mir dein Gesicht, schau mir in die Augen, und ich weiß, was du denkst. Das klappte zwar zu Anfang kaum. Wurde aber im Laufe der Zeit durch die Anbindung von Datenbanken und KI immer besser. So was wie ein Lügendetektor, nur halt tausendmal genauer. Beim Militär und vor Gericht war diese App als Beweismittel zugelassen.

Gern hätte sie Mikel mit der Frage aller Fragen konfrontiert, – dabei ging es nicht um die Arbeit. Hatte sich das aber verkniffen, weil der Schuss unter Umständen nach hinten losgegangen wäre. Aber nun war sie gleich beim Vorstand und deshalb galt – keine E-Mails während einer Besprechung – keine Anrufe über DATASCREEN, hatte sie sich vorgenommen. Eigentlich wartete sie dringend auf Nachricht aus Stanford. Die dortige Universität wollte ein antivirales Mittel bei ihnen testen lassen. Eine der renommiertesten medizinischen Forschungsanstalten der Welt bat sie um Hilfe.

Sie hat es geschafft, dachte sie und blickte voller Stolz geradeaus, als sie den Gang entlang schritt, ohne die Damen in der Teeküche auch nur eines Blickes zu würdigen, denn sie stand an der Seite des aktuell wichtigsten Mannes in diesem Unternehmen, dieses Mikel Scott Miller aus Massachusetts. Alle nennen ihn nur den SEQUENZER. Nicht, weil er etwas mit einem Bauteil eines Synthesizers, der Tonfolgen speichern und beliebig oft wiedergeben kann, zu tun hat. Nein, weil er gefühlt noch nie was anderes tat, als DNA zu sequenzieren. Seit der Entdeckung des dynamischen Genom-Analyse-Verfahrens an der noch intakten Zelle war MESINA ein echter Bluechip im Bereich der Biotech-Industrie. Die Aktie des Unternehmens war an der NOVITEC in Frankfurt innerhalb eines Jahres von 5,16 N€ auf 21,09 N€ gestiegen – um mehr als 300 Prozent.

Nur eines hatte sie noch nicht erreicht. Ihre Konkurrentin in Sachen Liebe auszustechen. Aber gleich würde sie ihr in die Augen schauen, denn sie klopfte an die Tür des Vorstandsbüros.

»Herein!«, klang es leicht gedämpft durch die schwere schalldichte Glastür.

»Guten Morgen Frau Geis«, stand Anna Maria mit heuchlerischem Lächeln vor der hübschen Brünetten, der jungen Katrin Geis.

Da war sie also, ihre Erzrivalin. Schlau war sie, dieser hauchdünne Hungerhaken. Wenig Busen. Was fand Mikel bloß an der? Okay, sie selbst könnte schon etwas abnehmen, dachte sie beim Anblick der hübschen Chefsekretärin. Die begrüßte sie dann auch förmlich.

»Ja, guten Morgen, Frau Schmidt, hallo Anna Maria. Ich gebe Bescheid, dass du da bist. Einen Moment!« Ein Touch oben rechts im COMMDATA-Terminal und sie war mit der Kamera von Doktor Rudolf Steiger verbunden:

»Rudi, die Frau Schmidt ist da.«

»Schick sie rein!«, klang eine stählerne, tiefe Stimme.

»Du darfst gleich rein, er wartet schon«, lächelte Katrin Geis ebenso scheinheilig überlegen zurück. Sie dachte dabei:

Du kriegst ihn nicht. Du Schlange – darfst zwar mit ihm arbeiten. Aber zu ihm ins Bett darf nur ich.

Den NOTEFLAT-PC in der Hand drehte sich Anna Maria auf der Stelle und lächelte stolz: »Danke Katrin, sehen uns heute Nachmittag, oder?« Dabei flogen ihr die schönen, naturblonden Haare um den Nacken.

 

Anna Maria drückte die Edelstahlklinke der schweren, hellen Pinientür herunter. Das grelle Licht der oberen Etage des zwölfstöckigen Hochhauses schien sie beim Hineingehen zu blenden. Die fotoelektrischen Fensterelemente lassen morgens das volle Sonnenlicht herein. Das reduziert den Heizenergieverbrauch auf null.

»Ah, Frau Schmidt, hallo Anna Maria. Kommen Sie rein! Setzen Sie sich zu mir an den Konferenztisch!«, empfing sie ein smarter Rudolf Steiger – CEO, Vorstand der MESINA AG.

»Guten Morgen, Herr Doktor Steiger. Ich denke, ich habe alles dabei.«

»Anna Maria, ich habe nicht viel Zeit. Die Aufsichtsratssitzung beginnt in zwei Stunden und ich muss noch ein Gespräch mit einem Bewerber führen. Und dann noch mit Mikel, du weißt? Wie kommt Ihr voran, Anna?«, wollte Steiger von ihr wissen. Sie zog den schweren Edelstahl-Ledersessel über den weißen Velour-Teppich nach hinten und nahm vor der Pinien Büroschrankwand Platz.

»Doktor Steiger. Wir kommen voran. Haben aber noch Probleme. Der automatisierte DNA-Scan funktioniert schon. Aber es gibt immer wieder Lesefehler. Wir machen aber enorme Fortschritte. Die Sequenzierung mittels Teststrängen funktioniert fast fehlerfrei, wir erreichen sehr schnell richtige Ergebnisse. Sehen Sie bitte!«

Sie klappte den NOTEFLAT-Computer auf und die MIRROFEED-Software zog ihre Dokumentation auf den Glasbildschirm in der Tischplatte des Konferenztisches. Hier wischte sie über die vor ihr liegende, Glasplatte und öffnete verschiedene Grafiken und Tabellen. Mit einem Fingerzeig war das Video vom NOTEFLAT auf die Platte gezogen.

»Es ist erstaunlich, zu was unser Sequenzierverfahren in der Lage ist. Das ist einmalig. Selbst kleinste Veränderungen in der DNA sind sichtbar – Reaktionen laufen in Echtzeit vor deinen Augen ab. Schauen Sie einmal dieses Video. Hier hatte Zhang die falschen Trägerröhrchen geladen, aber das System hat das sofort gecheckt. Die ersten Tests liefern schon fundamentale Ergebnisse. Wir haben beispielsweise herausgefunden, dass in den Wirkstoffen GENICAGE in unserer DIAMANTSILK-Kosmetika wirkliche Zeitbomben drinstecken. Die ruinieren die Haut, statt sie zu erhalten. Wenn das rauskommt! Und unser Wirkstoff DARAZERON hilft bestenfalls bei entarteten Leukozyten im frühen Anfangsstadium. Also nur bei leichten Fällen einer Leukämie. Ein Wunder, dass wir dafür überhaupt die Zulassung bekommen haben.«

Steiger wechselte auf die gegenüberliegende Seite der Tischplatte. Genauso wie die Seite, wechselte er das Thema. Er schien Anna Maria bei dem, was jetzt folgte, in die Augen sehen zu wollen.

 

Interessierten ihn die Ergebnisse nicht? Immerhin verhießen die Forschungsergebnisse nichts Gutes für die Company. DARAZERON und GENICAGE waren die umsatzstärksten Wirkstoffe, dachte sich Anna Maria.

 

»Schön Anna. Wie archiviert Ihr eure Ergebnisse? Diese gewaltigen Datenmengen. Was ist euer Sicherheitskonzept?«

»Herr Doktor Steiger. Das System hat der Sicherheitsdienst der IT-Abteilung von Pascall Engelhardt völlig neu aufgesetzt. Unser Netzwerk ist das einzige im Haus, welches komplett von der Außenwelt isoliert ist. Aus Angst vor Hackern. Und die Authentifizierung erfolgt doppelt, mittels Iris-Face-Detection IFD und Passwort, in unserer Abteilung. Jeff Dole und Robi Zhang haben eine Zweifach-Authentifizierung, IFD plus jeweils ein Passwort, kommen nur gemeinsam rein, ins System. Mikel Scott Miller und ich haben jeweils eine eigene IFD und das Passwort. Wir vier sind die Einzigen, die überhaupt Zugang haben, Herr Doktor…«.

 

»Schön Frau Schmidt, Anna Maria«, jetzt blickte er ihr, auf kurze Distanz, in die Augen.

»Das ist gut so. Haben Sie Ihr Passwort bei Pascal hinterlegt? Nur für den Fall, dass was schiefläuft und Sie und Mikel und gleichzeitig einer der beiden ausfallen?« Anna richtete sich auf und schien überrascht. »Herr Doktor Steiger. Das muss ich erst mit Mikel absprechen. Aber ich gebe Ihnen Bescheid.«

»Gut, Anna, schick mir Mikel gleich mal rüber. Ich muss mich kundig machen für die Pressekonferenz im Januar und falls der Aufsichtsrat fragt, mit was wir uns die Zeit vertreiben! Also, soweit, so gut. Wir sehen uns heute Nachmittag auf der Weihnachtsfeier!«

 

Er schob Anna Maria aus dem Büro. An die Vorstandssekretärin gewandt, rief er aus der offenen Tür: »Katrin, morgen kommen die Chinesen. Hast du das Besuchsprogramm fertig? Du weißt. Das Übliche: Büros, Fertigung, großer Saal mit Präsentation unserer Neuigkeiten in der Pipeline. Das haben wir besprochen. Du begleitest die danach ins Hotel. Du bist die Einzige, die Mandarin kann. Und lege mir Deinen Plan auf den Desktop. Geh`ich morgen mit dem Aufsichtsrat durch. Die sind unser größter Shareholder.«

LABOR DER STARS

Martinsried bei München, 18. Dezember 2034

 

 

Anna Maria betrat gerade das Labor durch die Sicherheitsschleuse und baute sich vor Mikel auf.

»Du sollst zum Steiger kommen! Er will mit dir reden, wegen der Pressekonferenz, nächstes Jahr im Januar!«, dabei stützte sich die pralle Schönheit, dem Mikel zugewandt, auf die Laborbank auf die Ellenbogen herunter und schmachtete ihn an. Die oberen beiden Knöpfe standen plötzlich offen.

Gleich musste die üppige Oberweite herausfallen. Die verbliebenen vier Knöpfe – jedenfalls konnten der Last kaum standhalten, dachte er.

Dabei schaute Anna Maria den Mikel wieder einmal mit einem Blick an, der an Eindeutigkeit nicht zu überbieten war. Er war mitten in der Fehlersuche und schien genervt.

»Anna, bitte schließ die Knöpfe, wenn das jemand sieht? Wir sind hier am Arbeiten!«

 

Sie verzog enttäuscht die Miene, als wolle sie sagen: Na dann eben nicht, du Langweiler, hast deine Chance gehabt. Um dann die Botschaft zu überbringen.

»Und noch was, Mikel, er will, dass ich mein Passwort bei Pascall hinterlege.«

Mit einem Satz sprang Robi Zhang auf und stellte sich ihnen in den Weg:

»Was will der? Das lässt die Sicherheitsprozedur nicht zu. Nur wir vier haben Zugang. Mikel, das kannst du nicht zulassen! Du bist der Chef dieser Abteilung!«

 

Doch ihn beschäftigten im Moment andere Themen.

»Das ist seltsam. Warum verlangt Steiger das? Robi, ich weiß auch nicht, was der will?«, grübelte der Sequenzer, während Robi Zhang sich die Hände in die kurzen, schwarzen Haare grub.

Der mittelgroße Amerikaner mit chinesischen Wurzeln wurde vor Aufregung blass. Was verwunderte, hatte seine Haut doch eher einen bräunlichen Ton. So wie nach einem langen Sommer- urlaub. Er nahm die Brille mit dem schwarzen Kunststoffgestell ab und der Blick seiner dunkelbraunen Augen wechselte hastig zwischen beiden hin und her.

»Es reicht schon, wenn er in unser Labor kann. Er hat den Code für die Schleuse. Und was soll der Chef der IT-Abteilung damit? Damit kommt er an all unsere Unterlagen ran. An alle Versuchsergebnisse. An die Messungen und an die Rezepturen. Dem Pascall traue ich nicht!«

»Zhang, rege Dich nicht auf. Ich rede mit ihm. Ich will wissen, was das soll! Also an die Arbeit Ihr zwei. Und sage Jeff, wenn er von der Kantine zurück ist, dass er sich um die Trägerlösung kümmern soll. Die ist hochtransparent, aber instabil. So kann man nicht fehlerfrei auszählen! Der muss sich Gedanken machen!«

 

In dem Moment passierte Jeff Dole die Schleuse und baute sich vor den dreien auf.

»Hab` ich was verpasst? In der Kantine gibt es noch Schokoweihnachtsmänner.« Anna Maria erhob sich von der Laborbank, schloss einen der oberen Knöpfe des Kittels und informierte den Kollegen:

»Steiger will das Passwort und die ID. Oder besser, er will, dass ich das an Pascall weiterreiche. Was hat das zu bedeuten? Jeff, was meinst du?«

 

Jeff Dole sah aus, wie der kleine Bruder von Rudolf Steiger. Die rotblonden Haare, die Sommersprossen. Die blasse Haut. Genauso schlank, aber einen halben Kopf kleiner. Dennoch hatten die beiden nichts gemein. Jeff kleidete sich freizeitmäßig – eher lässig bis schlampig. Steiger trug schon von Berufswegen immer einen maßgeschneiderte Businessanzug mit Krawatte. Jeff war eher introvertiert, so wie Mikel. Detailversessen bis hin zur sinnlosen Erbsenzählerei. Nur die Wissenschaft fand er spannend. Das ganze Gerede, Gerüchte und Tratsch. Dafür hatte er keinen Sinn. Und so verstand er zunächst überhaupt nicht, was Robi von ihm wollte.

Der Chinese führte noch einmal aufgeregt seinen Tanz auf. Er faste Jeff mit der rechten Hand auf dessen Schulter, schüttelte ihn und schaute ernst in dessen blaue Augen. Vor Schreck ließ Jeff die beiden Schokofiguren in der rechten Hand zu Boden fallen.

»Jeff pass auf! Von mir erfährt er das Passwort nicht. Und von euch auch nicht, hoffe ich? Ich traue dem nicht. Und dem Pascall Engelhardt auch nicht. Es geht um unser Know-how, das Know-how von MESINA!« Jeff schob die Hand des Chinesen Robi Zhang herunter und bückte sich, um die Weihnachtsmänner aufzuheben.

»Meinst du … meinst du wirklich? Ist unser Chef. Das darf der nicht – das Sicherheitskonzept!« Robi ist immer noch völlig entrückt und dreht sich herum, schaut aus dem Fenster des zehnten Stockwerks.

»Unser Sicherheitskonzept ist eh löchrig wie ein Schweizer Käse. Die sind eh an uns dran. Jeder will uns ausspionieren. Aber wenn wir nicht aufpassen, ist alles weg!« Mikel drehte sich auf dem Stuhl herum und schaut zu ihm hinauf.

»Robi, wie kommst du darauf? Du siehst Gespenster. Wer will uns ausspionieren? Wer ist an uns dran?Steiger? Selbst wenn der an die Unterlagen rankommt. Glaubst du, der versteht was? Verstehen wir ja selbst nicht«, grinste er und zog ratlos die Augenbrauen nach oben. »Schau dir die letzten Ergebnisse an. Immer wieder Fehler drunter. Ich muss zu ihm, bin gleich wieder da!«

 

Mikel geht durchs Treppenhaus hinauf ins obere Stockwerk. Den Fahrstühlen traute er nicht mehr, seit dem letzten Laborbrand. Da waren die stecken geblieben. Er hatte Zeit zum Nachdenken.

Anna Maria lag wohl richtig? Es liegt an der Fixierung der Helix, dachte Mikel. Im Nanostepper verändert sich die Struktur und der DNA-Strang gerät in Schwingungen. Und das Fluoreszenzmikroskop kann sie nicht auflösen. Wenn sich die Helix verdreht, ist das Sequenzing fehlerhaft. Aber was passiert da? Warum werden manche Basenpaare doppelt oder gar nicht gelesen?

So schnell der DYNO3000 ist, so fehlerhaft sind die Ergebnisse. Was wäre, wenn man die DNA im Zellkern belässt und direkt reinschaut? Bei Unregelmäßigkeiten durchläuft man die Schleife so lange, bis die Ergebnisse stimmen. Das kann man machen, da das System eh Hunderttausend Mal schneller ist. Dank der CPU, des Quantenprozessors. Eine Sensation wäre das. Muss ich mit Jeff und Robi nachher besprechen. Oder besser nicht? Wem kann ich vertrauen hier? Wie? Was hatte Robi gemeint, mit »jeder will uns ausspionieren«? Hatte der einen konkreten Verdacht? Dann musste er das melden. Er würde ihn zur Rede stellen.

 

Durch die Vorstandsetage am Ende des dunklen Ganges, rechts hinein, ohne Anklopfen, er steht vor Katrin. Ihm gehen die Hiobsbotschaften von Anna Maria durch den Kopf.

 

»Hallo Katrin, wie gehts? Ist dein Handicap immer noch nicht besser? Ich muss auch mal wieder was tun. Ich glaub, fürs Golfen bin ich noch zu jung«, hörte er sich schmunzeln und wandte sich an die Tür zum Vorstand, als Katrin Geis ihm hinterher flüstert:

»Stimmt, horizontal arbeitest du besser«, und kicherte listig.

 

Beim Joggen hatte er Mühe mitzuhalten. Sie war einen Kopf kleiner als er und trotzdem rannte sie ihm mühelos davon.

Und dann dieses smarte, überlegene Lächeln. Jeder Vorstandschef will sie. Auch Ende der Zwanziger waren die Vorstandschefs der DAX-Konzerne meist Männer. Trotzdem rannten ihr Headhunter die Bude ein. Klose-Hilger schien damals das Rennen zu machen. Aber der junge Rudolf Steiger hatte ihm nicht nur den CEO-Chefsessel vor der Nase weggeschnappt, sondern die Assistentin auch noch mit dazu. Sie war die Stellvertreterin mit der Lizenz zum Mitdenken und Mitmanagen. Nicht aufdringlich, nicht geschwätzig, sondern immer die angemessene Antwort, höfliches Benehmen, blitzschnell die richtige Entscheidung. Leicht hätte sie den Job von Rudi Steiger übernehmen können, – das wusste jeder, der die beiden kannte. Nur sie war zu jung und auch etwas zu hübsch dafür. Denn immer rief ihr Handeln auch die Neider auf den Plan.

 

Er klopfte an die Tür zum Steiger-Büro.

»Herein!«, klang es gedämpft von innen heraus. Er öffnete die Tür und sah Steiger, der am Tisch mit einem jungen Mann saß.

»Komm rein, Mikel. Wir sind eh gleich fertig. Darf ich Ihnen vorstellen? Das ist Doktor Mikel Scott Miller, Herr Doktor Sharon. Sie kennen ihn?«, sagte er zu dem jungen Mann. Der reichte Mikel die Hand. Steiger stand dazwischen und machte beide miteinander bekannt.

»Mikel ist unser Shooting-Star. Er liest das Genom in einer Schnelligkeit, wie andere einen Blog auf FACETAGG. Eine echte Sensation. Ist eben Teil der Miller-Dynastie. Die haben vor 200 Jahren die Bavaria auf die Theresienwiese gestellt. Also Herr Doktor Sharon. Wir sind uns einig? Sie hören von uns in spätestens zwei Wochen! Bis dann!«, verabschiedete Steiger den jungen Nachwuchswissenschaftler und erhob sich vom Tisch. Er reichte ihm die Hand zum Abschied, schob ihn zur Tür und rief Katrin zu.

»Kannst du den Herren bitte hinausbegleiten und dann bring uns eine Tasse Tee? Nun zu dir Mikel, oder trinkst du Kaffee?«, begrüßte er den SEQUENZER, der in der Tür wartete.

»Lieber einen Kaffee mit etwas Milch! Hallo, Herr Doktor Steiger.« Er ging hinüber und setzte sich vor Kopf an den langen Konferenztisch. Er hörte noch, wie seine hübsche Katrin sich des jungen Mannes annahm und ihn vor sich herschob, aus dem Vorstandsbüro hinausbugsierte.

»Kommen Sie mit hinüber. Ich bringe Sie in die Kantine. Da gibt es Schokoweihnachtsmänner«, lachte sie ihn an.

 

Steiger wandte sich an den Sequenzer.

»Mikel, das war ein neuer Bewerber. Ein Israeli. Der ist von der State-University of Haifa. Ist als Verstärkung für die Analyse und Anwendung gedacht. Wir brauchen dringend neue Produkte. Die Pipeline ist leer und der Aufsichtsrat wird langsam ungeduldig. Morgen kommen die. Dann muss ich die Hosen runterlassen. Was machen die neuen Analyseverfahren. Wie sicher sind die Ergebnisse? Kann ich denen verraten, dass wir am Ziel sind? Nur noch halb so viele Tierversuche, geeignet für Tests aller genomrelevanten Substanzen? Enorme Kostenersparnis? Zeitersparnis? Oder was meinst du? Bereite mir eine Unterlage vor. Eine für Intern, für den Aufsichtsrat und eine für Extern, die Pressekonferenz im nächsten Januar. Übrigens, du sitzt mit mir auf dem Podium im FCC – Frankfurt Congress Center, dass du Bescheid weißt! Übrigens, wieso hat Zhang Zugang zu euren Daten? Traust du ihm? Der ist Chinese. Muss ich Dir sagen, was das bedeutet?«

Mikel fragte sich, was Steiger damit meinte:

»Herr Doktor Steiger. Zhang ist Exil-Chinese. Dessen Eltern sind vor dem Regime geflohen, hat panische Angst vor diesem System. Gerade eben …«

Der CEO unterbricht ihn streng:

»Ist alles nur Tarnung, Mikel. Wieso hat der einen Zugang, frage ich Dich?« Mikel ist geschockt. Ausgerechnet dem Zhang misstraut er.

»Aber Herr Doktor Steiger. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer. Der war mit mir in Harvard. Ich kenne ihn seit 15 Jahren. Völlig integer, der Robi Zhang! Außerdem kommt er nicht allein rein. Braucht dazu immer einen von uns.«

»Du Mikel, wir sehen uns in einer halben Stunde. Auf der Yearendparty. Also bis gleich.«

YEAREND PARTY

Martinsried bei München, 18. Dezember 2034

 

Der späte Nachmittag kam und brachte alle Mitarbeiter zusammen. Auf der großen YEAREND-Party der MESINA AG. Weihnachtsfeier sagte man früher. Das missbilligten die Befürworter einer ethnischen, neutralen Sprache. Und so führte man diese englische Vokabel für eine gesellige Jahresabschlussfeier ein. Die Feier im Saal im dritten Stockwerk des MERANI-Hochhauses war gut besucht. Der CEO, Doktor Rudolf Steiger, trat ans Rednerpult. Mit einem erhabenen, zuversichtlichen Lächeln sprach er ins Mikrofon.

»Sehr verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich darf Sie herzlich willkommen heißen zur YEAREND-Feier der MESINA AG. Hinter uns liegt ein sehr erfolgreiches Jahr 2034. Und so blicken wir auch auf das neue Jahr vor uns. Die Grafiken, auf dem Bildschirm, vor uns, zeigen unseren Erfolg. Der Umsatz an Wirkstoffen für Pharmaka und Health Care ist um sagenhafte neunzig Prozent gestiegen. Der Absatz der neuen Zytostatika stieg von 450 Millionen N€ auf über 800 Millionen. Die Antikrebstherapien trugen mit neunundzwanzig Prozent zum Gesamtumsatz bei. Nach einem Verlust von 21 und 11 Million im ersten und zweiten Quartal, haben wir einen rasanten Gewinnanstieg von 31 Millionen im dritten Quartal, und auf 63 Millionen N€ in diesem Quartal zu verzeichnen gehabt.

Für das abgelaufene Jahr zahlt die AG jedem Mitarbeiter, der seit Jahresanfang an Bord dieses Think-Tanks ist, eine Prämie in Höhe von zweieinhalb Monatsgehältern.«

 

Alle applaudierten, genauso wie Mikel, der neben seiner Katrin auf der Bühne stand. Beide in der ersten Reihe neben ihrem CEO Rudolf Steiger im großen Veranstaltungssaal des Merani-Towers der MESINA AG.

 

»Meine lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Lassen Sie uns auf den Erfolg anstoßen und uns anschließend bei einem Snack, dem Buffet, zusammenfinden, oder wie der Norddeutsche sagt, miteinander schnacken.«

Der Applaus und das müde Gelächter über diesen Kalauer gingen im Trinkspruch unter.

»Zum Wohl, liebe MESINA-Indianer! Auf die Gesundheit! Auf ein erfolgreiches neues Jahr, das Buffet ist eröffnet!« Er hob ein Glas Sekt, welches vor ihm auf einem Tablett gereicht wurde, in die Höhe und hielt es in alle Richtungen nach oben.

 

Katrin zog ihren Mikel aus dem Rampenlicht. Sie war nicht bereit, ihren ›Helden‹ mit den anderen Weibern im Saal zu teilen. Am Stehtisch bei den Damen und Herren der Vorstandsetage waren sie unter sich. Aber bald wurde Katrin klar, dass sie hier wegmusste. Nicht nur, dass sich die Gespräche immer um Klatsch und Tratsch drehten, was sie langweilte. Es war alles Wesentliche gesagt, alle Ansichten und Meinungen geteilt. Außer seichter Hintergrundmusik und banaler Unterhaltung war da nichts? Was Neues würde nicht mehr kommen, darüber war sie sich im Klaren. Ihr neues, dunkelrotes Samtkleid, welches ihre nicht allzu große Oberweite besser zur Geltung brachte, hatte sie zur Genüge ausgeführt und dafür die neidischen Blicke der Damen und die schlüpfrigen Bemerkungen der Herren erleben können.

Das erste MOBCAR vor MESINA hatte Katrin für sich und Mikel bestellt. Gerade noch rechtzeitig, um ihren ehemaligen Kurzzeitchef, dem schmierigen Klose-Hilger aus dem Weg zu gehen. Der nutzte einen Moment der Abwesenheit von Rudolf Steiger, um an ihren Tisch zu gelangen. Geistesgegenwärtig gab sie dem SEQUENZER das Zeichen zum Aufbruch und verabschiedete sich von der Runde am Stehtisch. Hilger bemerkte das und wechselte, auf halben Wege, zum Tisch der Personalabteilung.

Katrin hatte Besseres vor, als die Alkoholleichen aus dem großen Saal heraustragen zu lassen. So wie im letzten Jahr. Da hatte ihr die Rieger vom Personalbüro aufgetragen, drei MOBCARS für die Betrunkenen für den Abtransport kommen zu lassen.

Außerdem schielte Anna Maria den ganzen Abend herüber zu ihrem Mikel, das Luder hatte es auf ihn abgesehen, das wusste sie genau. Ist schon länger scharf auf ihn. Die anderen Weiber genauso, die hatten aber keine Chance bei ihm. Oft genug spottete er über die Blödheit und Fettleibigkeit der Vorstandstussen.

 

Noch vor 23:00 setzte das MOBCAR beide vor Mikels Tür, in Milbertshofen ab. Sie waren auch nicht mehr nüchtern. Mikel hatte Mühe, die DOORLOGG zu seiner Wohnung in Gang zu setzen.

 

Bald stand der Campagna im Kühler und Mikel lag nackt neben ›seinem Model‹ im Bett vor dem nächtlich beleuchteten Panorama Münchens. Mikels Penthouse Wohnung im sechzehnten Stockwerkbot einen traumhaften Blick auf die Alpenkette durch die vollflächigen Glasfenster zur Terrasse.

 

Für das Jacuzzi Bad draußen war es jetzt eindeutig zu kalt. Das hätte man früher anheizen müssen, dachte sie. Aber ihren Mikel hatte sie nur für sich. Oder doch nicht? Jedenfalls wartete sie schon viel zu lange auf das Schächtelchen mit dem Brilli darinnen und dem passenden Spruch dazu. Ob sie ihm heute wieder mal einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl geben musste? Ihre weniger intelligenten Freundinnen hatten sich längst einen gut situierten Chefarzt oder hohen Beamten geangelt. Er ist doch des Deutschen mächtig – klar? Bloß wie ist das bei den Amis? Konnte sie über so was mit ihrer Kollegin, Simone Reiter reden? Die hat doch ein paar Jahre drüben gelebt?

Eine Galgenfrist bis Heiligabend? Abwarten!

 

»Du Mikel«, sie stellte das geleerte Glas auf die Bettkonsole und kroch zu ihm hinüber.

»Robi scheint ein Auge auf ›Deine‹ Anna Maria geworfen zu haben. Hast du das heute Abend gesehen? Hat etwas getrunken, Robi, der kleine Schlingel«, lästerte sie.

»Meine Anna Maria?« Was soll das heißen? Bitte Katrin komm mir nicht schon wieder damit, ›Meine Anna Maria‹ und so!

Und noch was: Soviel ich weiß, hat Robi eine Japanerin? Irgendwo auf so einem Dating Portal hat der die kennengelernt. Er wollte sie mir mal vorstellen. War aber schnell wieder Schluss mit der.«

 

 

 

 

 

 

ROLLKOMMANDO

München, 18. Dezember 2034

 

 

Robi Zhang folgte ihr mit dem QUADMO. Heute auf der Weihnachtsfeier kam sie auf ihn zu, um mit ihm anzustoßen.

Der Alkohol verlieh ihm die Kraft, die ihm bei anderen Gelegenheiten fehlte. Jedenfalls war ihm das zuletzt bei seiner Japanerin so gegangen. Die hatte ihn angehimmelt, fand ihn aufregend, hatte alles mitgemacht, was er wollte. Nur halt geredet hatte er nicht viel mit ihr. Die wollte immer alles so genau wissen. Über seine Vorlieben, seine Hobbys, seinen Beruf. Ja, in seinem Job konnte er glänzen. Keiner war so gut wie er. Er hatte sie einfach mitgenommen, ins Labor. Nur er konnte und wollte nicht über sich erzählen. Zu viele Traumata in seinem Leben. Dann war sie plötzlich weg. Hatte sich auch nicht mehr bei ihm gemeldet. Sicher war er nicht der Womanizer wie Mikel. Er überlegte, wie er jetzt rein zufällig vor ihr stehen konnte, am besten so, dass es ihr nicht auffiel. Wie hatte Anna Maria heute Abend zu ihm gesagt?

»Auf unseren Erfolg, lieber Robi, hatte sie ihm zugeprostet. Auf den Erfolg von MESINA! Auf gute Zusammenarbeit!«, hatte sie ihn so süß angesehen. Es waren dann noch ein – zwei Gläser mehr und Robi musste herausfinden, ob sie mehr von ihm wollte.

Er beschloss ihr Bodyguard, für diesen Abend zu sein, auf dem Nachhauseweg. Und er liebte es mit dem QUADMO durch die Großstadt zu ›surfen‹, wie er es nannte. Vor allem, weil das zweispurige Bike viel wendiger und weniger als halb so breit war wie ein normaler Pkw. Er legte sich damit seitlich in die Kurve, als reite er auf einem Motorbike und überholte rechts wie links gleichermaßen halsbrecherisch. Robi fühlte sich dabei wie in einem Kampfjet. Einmal war Mikel der Copilot, der hinter ihm saß, – so wie der Bombenschütze hinter dem Piloten. Robi hatte ihn nach Hause nach Milbertshofen gefahren. Dort, wo Mikel eine Luxuswohnung im obersten Stockwerk bewohnt.

Anna Maria war in der Sonnenstraße in das MOBCAR gestiegen. Sie hatte sich früher als die Kollegen nach Hause verabschiedet, weil sie müde war. Warum war sie dann noch in dem Klub in der Sonnenstraße? Für Robi konnte das nur bedeuten, dass sie nach einem Lover Ausschau hielt. Sie war dann aber wohl nicht erfolgreich gewesen, weil sie schon kurz nach Mitternacht das MOBCAR nahm. Sie nahm meist ein MOBCAR, weil es für sie als Frau sicherer ist und sie hatte, wie viele Kollegen die MOBCARD-Mobilitätskarte. Jederzeit kann sie sich damit von Tür zu Tür fahren lassen. In der Elisabethstraße 21, vor ihrer Wohnung stieg Anna Maria aus dem Van.

»Hier die MOBAPP zum Abbuchen. Guten Abend«, hielt sie dem Servicemann ihr ARMFONE hin. Sie ging über die Straße, war auf der anderen Straßenseite angelangt und startete vor dem Eingang zu ihrem Apartmenthaus die Zutritts DOORLOGG-App. Schwankte dabei aber sichtlich hin und her, fand den Türknauf nicht sofort.

Robi hielt vor ihrem Haus und bemerkte einen Wagen, der über den Bürgersteig auf sie zuraste. Gerade als Anna an der Haustür angelangt war und das ARMFONE am Unterarm an den Türknauf halten wollte, stürzten sich zwei Maskierte auf die junge Frau. Zhang sah die beiden Gestalten und eilte ihr zu Hilfe. Ein großer dunkler Typ wie ein Sumo Ringer drehte ihr den Arm auf den Rücken und hielt ihr die Hand vor dem Mund, damit sie nicht schreien konnte. Der kleinere, schlanke Angreifer mit schwarzer Strumpfmaske zog ihr die Füße nach vorn weg. Blitzschnell wurde sie flach auf den Boden gelegt. Normalerweise wäre es nicht so einfach gewesen, sie zu Fall zu bringen. Anna Maria traf zweimal die Woche ihren Personaltrainer in ihrem Schwabinger Studio, einen Block weiter. Eigentlich war sie sehr kräftig und flink. Unter normalen Umständen wäre sie auf und davon gewesen, würde schreien. Oder sie hätte die Schläger davon gekickt. So, wie sie es in den letzten Lektionen in Schwabing gelernt hatte. Aber Anna Maria Schmidt war nicht mehr nüchtern. Und ehe sie merkte, was mit ihr geschah, lag sie schon mit dem Rücken auf dem Bürgersteig. Die Hand um ihren Mund löste sich kurz. Sie wollte gerade Luft holen, als Kamerablitze ihr Gesicht erhellten. Sie war so überrascht, beinahe ohnmächtig, brachte keinen Laut hervor.

Zhang sprang aus dem QUADMO. Er warf sich auf den Kleineren, der Anna Maria die Füße hielt und riss ihn zu Boden. Er zog eine VOLTGUN, den Elektroschocker aus der Jackentasche und stach damit auf ihn ein. Der Schwere mit der Kamera rannte zum Wagen, rief dem Fahrer etwas zu. In einer Sprache, die asiatisch klang. Die junge Frau konnte sich aufrappeln. Zu ihren Füssen zitterte der Maskierte. Nachdem der Ringer die Kamera durch das Seitenfenster gereicht hatte, kam er zurück. Er warf Robi aufs Pflaster und drückte ihn mit den Knien auf den Unterarmen nieder und begann ihn zu würgen. Robi hatte noch die VOLTGAN in der Hand – konnte den Oberarm beugen. Immer weiter beugen, bis er mit der Waffe in der Hand die Schulter des Maskierten erreichte. Ein Zucken durchfuhr dessen Körper. Krumm vor Schmerz brach der auf Robi Zhang zusammen. Er wälzte den schweren Körper zur Seite und sprang auf die Haustür zu. Der Fahrer blieb im abfahrbereiten Wagen zurück. Er war unmaskiert, hatte ein kantiges Gesicht mit schmalen Augen. Und er schaute nervös in eine andere Richtung, als er Anna Maria bemerkte. Ein dunkelhaariger Asiate, Fassonschnitt im schwarzen Kendo Anzug? Da waren Ähnlichkeiten mit den Kämpfern aus alten Kung-Fu Karate Filmen, vielleicht Anfang dreißig. Nur für den Fall, dass die Polizei eine Personenbeschreibung verlangte. Obwohl sie wie paralysiert vor Schreck am Boden verharrte, versuchte sie sich möglichst viele Details einzuprägen.

 

Ein Adrenalinschub, Zhang wirkte jetzt nüchtern, unglaublicher Zorn verwandelte sich in unbändige Kraft.

Er war sein ganzes Leben auf der Lauer. Hatte mit ihnen gerechnet. Jetzt waren sie da und wollten ihn holen. Er hatte es immer gewusst.

Es gab Leute, die behaupteten, er leide unter Verfolgungswahn. Auch die Kollegen in MESINA dachten so. Das hatte er erst heute wieder erfahren. Ja, jetzt würden sie ihm glauben müssen. Und er war gewappnet. Er hatte den Elektroschocker – ein Teufelsding. Die zwei Verfolger waren erst einmal außer Gefecht.

 

Sie stiegen über die unter ihnen liegenden, zuckenden Körper drüber. Robi zog die betrunkene Anna Maria hinter sich her. Gemeinsam erreichten sie den Hauseingang.

»Anna Maria, her mit deinem Arm – das ARMFONE!«, schrie er und hielt sich die VOLTGUN schützend hinter den Rücken. Anna drückte wieder und wieder auf der DOORLOGG-App – den START Button. Die Eingangstür blieb verschlossen. Panisch rüttelte sie den Türknauf. Robi riss sie am Arm, bis ihr ARMFONE in der Nähe des Türknaufs war. Inzwischen bewegte sich der Sumo-Typ wieder – zog eine WALTER P68 aus der Jackentasche. Ein Schrei auf ihren Lippen: »Robi, pass auf hinter …« Hastig haute Robi auf die DOORLOGG Anwendung ein. Noch mal auf ›OPEN‹. Jetzt, die LED im Türknauf blinkte grün. Sie rissen gemeinsam die Tür auf und sprangen hinein. Zwei Boliden stürzten auf den Eingang zu. Gemeinsam drückten Anna Maria und Robi die Tür zu. Zhang warf sich von innen dagegen, als der Zweite eine Hand und einen Fuß in die sich schließende Tür quetschte. Gemeinsam stemmten sie sich dagegen, bis der bärenstarke Koloss schreiend, schmerzverzerrt den Fuß und die Hand herauszog. Anna Maria war ganz außer Atem:

»Das ist …ist grad noch einmal gut gegangen«.

 

»Robi, was machst du hier? Wo kommst du denn so plötzlich her?«

»Sei froh. Ich sag euch doch. Die sind hinter uns her. Ich wusste es. Das waren Chinesen. Habe einen Teil verstanden, was die sich zugerufen haben. So was wie:

»Das ist sie! Mach endlich das Foto! Warte, bis sie ruhig ist! Mach noch eins usw.«

»Deine IFD haben die fotografiert! Das ist es. Die haben sie jetzt. Du musst morgen gleich dein Passwort ändern! Ich rufe Pascall an. Der muss die Terminals sperren!«

»Aber Robi – Polizei? Hol die Polizei!«

»Was soll ich mit den Bullen jetzt? Die kriegen sie nicht, sitzen längst im Taxi zum Flughafen. Die kennen die Typen. Die stecken mit denen unter einer Decke. Vergiss es!«

»Robi, komm mit! Auf den Schreck. Lass uns einen Drink nehmen. Komm mit hoch!« Der Fahrstuhl hielt. Sie stiegen ein und wählten die Nummer acht.

»Was wolltest du hier? Das ist doch kein Zufall! Spionierst du mir nach, oder hast du was geahnt?«

»Ich sage doch. Ich habe die beobachtet. Zuerst vor der MESINA, wie sie hinter dir her sind. Da wusste ich Bescheid.«

 

Robi log. Es war nicht sicher, ob ihm Anna Maria diese Story abkaufen würde. Egal, er hatte sein Ziel erreicht und er war bei ihr.

Seiner Traumfrau. Der hübschen Anna Maria. Seine Japanerin war vergessen.

Der Fahrstuhl brachte sie hinauf in Anna Marias Dachwohnung im achten Stockwerk. Sie war immer noch unter Schock, als sie ihr WEARABLE-ARMFONE an die Wohnungstür hielt. Wenigstens blockierte diesmal nicht das elektronische Türschloss. In der Wohnung warf sie die Tür hinter Robi zu und schoss die High Heels mitten in den Flur, warf ihren Mantel aufs Bett im Schlafzimmer.

»Was willst du trinken, Robi. Mein Retter«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Lieber wäre ihr, er wäre heute Nacht bei ihr, der Held ihrer Träume. Stattdessen war da jetzt Robi.

»Nenn Dich jetzt immer mein Retter. Du bist ein richtiger Held«, schmunzelte sie, ohne ihn dabei auch nur eine Sekunde anzusehen. »Und ich bin betrunken. Willst du einen Bourbon oder einen Wein – hab noch einen von gestern? Einen Chianti, nix Dolles, aber wir sind eh schon betrunken! Schmecken eh nix mehr. Mensch Robi, ist mir schlecht.«

Sie warf sich der Länge nach auf das Sofa, sodass Robi nur noch auf dem Sessel Platz nehmen konnte.

 

»Im Kühlschrank. Im Türfach ist der Wein. Die Gläser hier in der Vitrine! Bediene Dich!«

 

Robi stellte ihr ein volles Glas auf den Couchtisch und schob den Sessel näher zu ihr heran, damit er ihr besser in die Augen sehen konnte.

»Prost, Anna Maria! My Belle! Noch mal auf gute Zusammenarbeit«, hob der Exilchinese das Glas.

 

Er war jetzt am Ziel. Oder doch nicht. So betrunken, wie die heute war, ging eh nichts, dachte er sich in diesem Moment.

 

Zehn Minuten später war sie eingeschlafen.

AUFSICHTSRAT

Martinsried bei München, 19. Dezember 2034

 

Selbstsicher, wie immer, hatte der CEO Rudolf Steiger an der Längsseite des Tisches Platz genommen. Gegenüber, vor Kopf, saßen die Mitglieder des Aufsichtsrates. Fast wie bei einer Gerichtsverhandlung. Die Richter vor dem Angeklagten, die Geschworenen rechts und links von ihm:

»Verehrte Damen und Herren im Aufsichtsrat. Dies ist die letzte Sitzung in diesem Jahr. Frau Doktor Remington, hallo Marion, Mr. Elton Stone, Herr Doktor Stinner, Herr Doktor Roloff, hallo Katrin Geis.

Die Themen heute:

TOP 1: Vorbereitung auf die Pressekonferenz am 22. Januar in Frankfurt.

TOP 2: Entwicklung der Geschäftstätigkeit, Umsätze, Erlöse usw.

TOP 3: Risiken in der aktuellen politischen Landschaft.

TOP 4: Wettbewerber

TOP 5: Ausblick auf die Produkte in der Pipeline, die neuen Wirkstoffe.

»Zum TOP 1: Hier werden wir zu Beginn der Präsentation in Frankfurt die Zahlen veröffentlichen, welche wir gleich noch einmal detailliert durchgehen werden. Katrin bitte die Folie mit den Zahlen der Geschäftstätigkeit!«

Die hatte neben Rudolf Steiger den NOTEFLAT offen vor sich auf dem Konferenztisch liegen und drei Diagramme auf den großen Bildschirm gezogen, sodass Steiger gleich Stellung nehmen konnte:

»Im ersten Diagramm sehen sie die Umsatzentwicklung bei unseren Wirkstoffen. Hier haben wir im ersten Quartal 2034 einen leichten Rückgang zu verzeichnen gehabt. Das neue Breitbandantibiotika ZEROSTILLIN, ist erst im dritten Quartal zugelassen worden. Und die Produktion der Zytostatika kam erst im zweiten Quartal dazu, nachdem die Zulassung Phase 3 erfolgte. Der Umsatz der Hautpflegeserie, DIAMANTSILK, GENICAGE, ist ab dem ersten Quartal kontinuierlich gesunken.«

 

Katrin wusste genau, wann die richtigen Themen aufgezogen sein sollten. Die Folien mit den unschönen Zahlen der vorläufigen Bilanz wischte sie etwas schneller durch.

»Bloß keine schlafenden Hunde wecken«, meinte Steiger in der Vorbesprechung.

»Es würde noch schnell genug unangenehm.«

»Danke Katrin! Lassen Sie mich nun die Erlösentwicklung anhand des zweiten Diagramms erklären. Hier ist im ersten Quartal ein operativer Verlust von 21 Millionen zu verzeichnen. Die alten Wirkstoffe laufen nicht mehr so gut im Vertrieb und die neuen kamen etwas zu spät. Der Wirkstoff DARAZERON im DARAZYTAN hat sich bei einer Vorstufe von Leukämie bewährt. Die Wirksamkeit in der Krebstherapie konnte noch nicht dauerhaft nachgewiesen werden. Im zweiten Quartal sind es nur noch 11 Millionen N€ Verlust. Im dritten Quartal haben wir, dank der von Katrin angesprochenen Neuentwicklungen, einen starken Gewinnanstieg auf 31 Millionen und in diesem Quartal auf 63 Millionen N€ im vierten Quartal zu verzeichnen gehabt. Zum TOP 3 haben wir die politische Diskussion anzusprechen. Hier tangieren uns die ethischen Fragen rund um die Erforschung des humanen Genoms. Es geht um die Veränderungen im und am Genom und die Vertretbarkeit von Reparaturen an Mutanten und gezielten Eingriffen am menschlichen Erbgut. Hier lehnen die ökologischen und christlichen Verbände in unserem Lande jegliche Forschung ab, während im Ausland munter weiter geforscht wird. Ich bitte Sie ihren Einfluss und ihre Lobbyarbeit einzubringen, damit diese selbstauferlegten Fesseln unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht noch weiter beeinträchtigen. Marion, hier bitte ich Dich, die Vertretungen in Übersee einzubinden. Drohungen mit Standortverlagerung nach USA, Kanada oder sogar China und Arbeitsplatzabbau im Inland et cetera pp.«

 

Marion Remington hatte bisher still zugehört. Jetzt fand sie sich angesprochen.

»Rudi, wie stellst du dir das vor? Mit was soll ich drohen? Wenn ich zum Beispiel mit Standortverlagerung drohe? Das kann man als Erpressung verstehen. Was, wenn sie sagen, »Dann tun Sie das, wenn Sie das für richtig halten!«

Was soll ich dann antworten? Und wenn die Subventionen zurückverlangen? Oder hast du heute ein fertiges Konzept in der Schublade? So sind das nur leere Drohungen. Die lachen mich aus, Rudi! Da erwarte ich von dir jetzt etwas Konkretes, bitte. Diese Politiker sitzen alle mit ihren dicken Hintern in ihren dicken Dienstwagen und vögeln ihre hübschen, dünnen Sekretärinnen. Mit was willst du denen drohen, frage ich Dich?«

 

Rudolf Steiger hatte diese harsche Kritik nicht erwartet und antwortete eingeschüchtert.

»Marion. Ich … ich habe verstanden. Ich werde da bis zur nächsten Sitzung im kommenden Frühjahr nachbessern. Lasst uns zum Thema, TOP 4 Wettbewerb gehen. Hier sind vor allem die Chinesen aktiv auf der Weltbühne angetreten. Wir haben in Peking Genomic Institute PGI von Anfang der Zwanziger einen echten Konkurrenten auf dem Gebiet der Mikrobiologie. Das ist unser Zukunftsthema. Ich komme gleich in TOP 5 drauf. Wettbewerber sind vor allem junge Spin Offs der US-Pharmariesen mit Unterstützung aus Stanford und Harvard. Die mit Venture-Capital Geld zugeschissen werden.

Nun kommen wir zum TOP 5, Bericht über die Entwicklungen in der Pipeline. Nehmen wir unter anderem die DYNO3000. Die letzten Ergebnisse sind vielversprechend. Vielleicht sogar eine Sensation. Können Zellveränderungen anhand der DNA gewissermaßen live mitverfolgen. Aber wir haben noch eine erhebliche Fehlerquote bei Vergleichsmessungen. Deshalb absolutes Stillschweigen. Wir müssen auf der Hut sein. Unsere Wettbewerber warten nur auf Fehler. Wenn denen sonst nichts einfällt, dreschen die auf uns ein.«

Marion hob die linke Hand, den warnenden Zeigefinger.

»Marion, du hast eine Frage? Was willst du wissen?« Marion Remington reckte sich aus ihrem Sessel hervor und wies auf den 160 Zoll, den schmalen 32 zu 9 Bildschirm in der Wand, die Folie mit der Vorstellung des DYNO3000 mit Quantenprozessor. Sie war dafür bekannt, dass sie je nach Laune, ihre männlichen Kollegen auf offener Bühne ›zerlegte‹. Wen wunderte es da, dass ihre erste Ehe nur vier Monate dauerte?