Hurenleben - Monika Rudolph - E-Book

Hurenleben E-Book

Monika Rudolph

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Beschreibung

Als Seelsorgerin begegnet Monika Rudolph Prostituierten. Die, die sonst auf ihre Weise Gehör schenken, finden bei ihr selbst einmal Gehör. In sechs Geschichten erzählen vier Frauen und ein Callboy, warum sie sich für diesen Weg entschieden haben. Oft sind es zerplatzte Träume oder Sehnsüchte, die ihnen keine Wahl ließen, manchmal ist es aber auch eine bewusste Entscheidung zu diesem Lebensweg. Doch welche Wünsche haben sie? Welche Sehnsüchte erhalten sie aufrecht, die selbst als Projektionsfläche anderer dienen? Monika Rudolph gelingt es, hinter die Fassade zu schauen und in eine Welt vorzustoßen, die immer noch der Mantel der tabubeladenen Verschwiegenheit umgibt. Offen und wahrhaftig erzählen die Prostituierten, wie es ihnen mit ihrem Beruf ergeht und wie sie das Leben meistern. Häufig besitzen sie ein großzügiges, warmes Herz mit einem feinen Gespür für die Nöte der anderen. Eine Einladung, diese Menschen einen Herzschlag lang auf ungewohnten Lebenspfaden zu begleiten und sich von ihrer Lebensklugheit anrühren zu lassen.

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Monika Rudolph

HURENLEBEN

Prostituierte erzählen von Wünschen und Träumen, Sehnsucht und Hoffnung

Impressum

Die Namen der im Text vorkommenden Personen und Orte wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung von BookaBook, der Literarischen Agentur Elmar Klupsch, Stuttgart.

Eine ungekürzte Buchgemeinschaftsausgabe dieses Textes ist erschienen bei der RM Buch und Medien Vertrieb GmbH und der angeschlossenen Buchgemeinschaften unter dem Titel Die gestohlene Sonne. Als Seelsorgerin im Gespräch mit Prostituierten.

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: Getty Images

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80074-0

ISBN (Buch) 978-3-451-30902-1

Für Renate, Kiki, Ewald, Elmar, Hans und Michael.Ihr habt mir Mut gemacht. Danke!

Inhalt

Ein paar persönliche Worte vorab

SCHWARZE LISAIch sehe was, das du nicht siehst

ILANAAls Kind war ich glücklich und habe es nicht bemerkt

NORAIch sende einen Engel vor dir her

BENNIWas ist es, was Liebe leiden macht?

LIOBASie besaß eine grausame Zunge

ILSE UND PAULATausende von Kleeblättern vor mir –doch kein einziges für mich

BRENDANWir wissen zu wenig von der Stille

Weiterführende Literatur

»Das Leben ist kein Weg im Flachland.

Wir sollten einander daran teilhaben lassen,

was uns auf unseren Wegen führt und leitet.«

MARTIN SCHLESKE

EIN PAAR PERSÖNLICHE WORTE VORAB

Welch ein Augenblick! Zwei Frauen stehen auf dem Gang der Notfallaufnahme, auf der auch ich in dieser Nacht meinen Dienst versehe. In ihrem Äußeren wirken sie so grotesk, als seien sie einer Filmszene entflohen. Da hält eine große, schlanke Frau eine verängstigte, gespenstig wirkende Gestalt an der Hand – eine verwirrte alte Dame.

Die attraktive Helferin fesselt durch ihre aufreizende Erscheinung: Lederbekleidung, Netzstümpfe, hohe metallene Stahlabstätze und ein von Nieten gesäumtes Lederband um den Hals. Sie möchte die alte Dame versorgt wissen, die nichts als ein Nachthemd trägt.

Ich muss sofort an eine Prostituierte denken. Viel später erzählt sie mir, dass sie als Domina arbeitet.

Die Frau bietet mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich mag ihr Angebot nicht ablehnen. Es erstaunt mich, wie gut wir uns unterhalten. Mich verwundert ihre warme und melodiöse Stimme. Der Klang einer Stimme kann nicht lügen.

»Ich fänd’s schön, Sie wiederzusehen«, sagt sie spontan. So lernen wir einander kennen und schätzen. Tabea ist nicht das, was ich mir unter einer Domina vorstelle. Sie ist eine rätselhafte Frau.

Die Begegnung mit ihr ruft ein längst versunkenes Erinnerungsbild meiner Kindheit wach. Es gibt ein Foto, das meine Tante im Fenster ihres Tanzlokals Isabella zeigt.

In der restlichen Familie war man sich einig, dass sie sich ihren Reichtum zusammengehurt hatte. Deshalb wird sie totgeschwiegen. Und ist von ihr die Rede, dann nur als »Schwarze Lisa«. Eine Hure!

Was versteht ein Kind davon? Für mich war Tante Lisa ein Engel, liebevoll, fröhlich und unglaublich hilfsbereit. Ich verbrachte oft meine Ferien bei ihr. Mir fällt sofort unser Ratespiel ein, das wir so gern miteinander spielten: Es sei gar kein Spiel, meinte die Tante, sondern Wirklichkeit.

»Du kannst dabei lernen, tiefer zu blicken und das Gute im Menschen zu sehen«, sagte sie einmal zu mir. Unvoreingenommenes Hinsehen war ihre Stärke. Sie hütete sich davor, Menschen zu verurteilen.

Vielleicht war das der Grund, warum ich die Einladung Tabeas annahm. Ich entdeckte an ihr Wesenzüge meiner Tante: Großzügigkeit und Wärme. Was würde mich in dieser so anderen Lebenswelt erwarten? Orgien, sexbesessene Männer und Frauen?

Nichts von alledem traf zu. Mir begegneten aber auch keine heilen Verhältnisse. Zaghafte und vorsichtige Verbindungen wurden geknüpft. Die Frauen und ein Callboy erzählten mir ihre Lebensgeschichten. Ihre Wahrhaftigkeit berührte mich zutiefst. Ilse und Brendan beschenkten mich mit ihrer Lebensklugheit.

Auf einem längst vergilbten Foto winkt meine Tante jemandem zu. Nie ließ mich die Frage los, wem ihr heiteres Lächeln galt. Seltsam, heute habe ich das Gefühl, es galt mir. Wollte sie mich grüßen und ermutigen? Und wenn ja, zu was? Vielleicht dazu, die Idee zu diesem Buch in die Tat umzusetzen.

Ob ich eine so kluge und aufmerksame Gesprächspartnerin und Beobachterin der Seele bin wie sie, bezweifele ich. Aber es ist einen Versuch wert.

Ich möchte von meinen Begegnungen erzählen. Es ereigneten sich darin Wunder, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Die Geschichten werden in mir noch lange nachhallen. Ob Sie sich davon ebenfalls anrühren lassen?

SCHWARZE LISAIch sehe was, das du nicht siehst

Die Stimme. Fasziniert lausche ich. Jedes Mal beginnt es mit der Stimme. Noch nie war es anders. Es ist gar nicht anders denkbar. Kein Ton darf meinen Ohren entgleiten. Mein Herz pocht wild vor Glück. Sie ist wieder da. Wie habe ich mich nach ihrer Nähe gesehnt. Jetzt ist es gut, denn sie ist zurückgekommen. Das Glück macht mich mutig. Vorsichtig öffne ich die Augen und schaue sie an.

Sie lehnt an einem schwarzen Flügel. Lässig legt sie einen Ellenbogen auf das glänzend lackierte Holz. Ihr Parfüm kommt mir in die Nase. Sie riecht nach frischem Wind, der über Gras und Meer weht.

Die schlanke Frau mit dem tief ausgeschnittenen Rückendekolleté hält den Kopf leicht nach vorn geneigt. Fließend fällt das dichte, dunkle Haar über ihre Schultern. Es glänzt herrlich. Ich möchte hineingreifen und es durch meine Finger gleiten lassen. Die Frau sieht wunderschön aus. Jeder, der ihr zuhört, empfindet das. Deshalb ist es so still, so andächtig still im Raum. Sie trägt ein Kleid aus rubinrotem Samtbrokat. Lange, schwarze Spitzenhandschuhe bedecken Hände und Arme. Mit leichter Hand umfasst sie ein Mikrofon. Fast schaut es aus, als wolle sie damit spielen.

Die Frau steht im Lichtkegel eines Scheinwerfers, der einen Hauch von Goldglanz auf ihren wohlgeformten Rücken wirft. Es hat den Anschein, als nehme die Schönheit niemanden um sich herum wahr, als sänge sie nur für sich allein. Nur ich weiß, wer sie ist. Die Menschen um sie herum sind Gäste, Fremde. Ich aber bin ihr »süßes Mädchen«. Ich will ihren Namen rufen und in ihre Arme laufen.

Etwas kippt und entgleitet mir. Ein bedrohliches Gefühl gewinnt die Oberhand und greift mit kalter Hand nach mir. Irgendetwas weiß ich, und doch habe ich es vergessen! Es macht Angst und schnürt die Luft ab. Brutal überfällt mich die Gewissheit: Nichts ist gut! Die schöne Frau ist gar nicht zurückgekommen. »Tante Lisa!«, rufe ich voller Panik. Wie kalter Nebel quellen die Laute aus meinem Mund. »Tante Lisa!«

Keuchend erwache ich. Mein Gesicht ist tränenüberströmt. Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe: Sie kann nicht zurückkommen, sie ist tot. Tante Lisa ist tot!

Der Traum ist grauenvoll. Er drängt sich in meinen Schlaf und rüttelt mich wach. Zitternd liege ich unter der Bettdecke, die mich nicht zu wärmen vermag. Nicht vor dieser Kälte! Dem Tod bin ich in meinem jungen Leben noch nicht begegnet. Ein »Sensenmann«, wie Mutter ihn nennt, kann er nicht sein. Ihn hätte Tante Lisa gesehen und schnell vor ihm weglaufen können. Der Tod musste wohl unsichtbar sein, sich wie eine heimtückische Krankheit anschleichen.

Ich fühle mich erschöpft, möchte zu meiner Mutter laufen und zu ihr ins Bett kriechen. Doch Mama ist wie eine Eisblume. Sie kann mich nicht wärmen. Sie lebt in einem Land, in dem ewiger Winter herrscht. Es ist auf keiner Landkarte eingezeichnet, und dennoch ist es real. Es heißt Sorgenland, und das Dasein dort ist freudlos und düster. Mit ihrer Kälte macht Mama mir Angst. Was weiß ein Kind schon von Depressionen.

Resigniert bleibe ich im Bett. Es hätte sowieso keinen Zweck, vor Papa und Mama um Tante Lisa zu weinen. Sie mochten sie nicht. »Das Weibsbild hat sich das Geld für ihr feines Tanzlokal zusammengehurt«, sagen sie verächtlich.

Dass es in unserer Familie eine Prostituierte gibt, ist eine Schande. Deshalb wird eisern über Tante Lisa geschwiegen. Nach ihrem Tod erst recht. »Lisa hat ausgetanzt!«, tuscheln sie, und Genugtuung ist ihren Gesichtern abzulesen.

Ihr Name wird einfach nicht mehr erwähnt. Und wenn, heißt sie nur die »schwarze Lisa«. Papa sieht es gelassener. Er meint, sie sei das schwarze Schaf der Familie gewesen. Aber eines, das sich in seiner Haut verdammt wohlfühlte. Für Papa muss eine Frau keusch und rein sein, darauf weist er mich schon als Mädchen hin. »Was deine Tante tut, ist mir egal, aber meine Frau dürfte sie nicht sein. Ein Mann heiratet so eine nicht!«

Ich wende das Kopfkissen. Es ist nass vor Tränen. Bedrückende Gedanken rauben mir den Schlaf. Es schmerzt mich, dass Mama mir oft böse war, weil ich so überschwänglich von meiner Tante schwärmte.

»Werd ja nicht wie die Lisa!«, ermahnte sie mich.

»Was ist Herumhuren?«, fragte ich sie verunsichert.

»Wenn man mit Männern rummacht. Für Geld! Aber das verstehst du noch nicht. Die schwarze Lisa war den Männern äußerst zugetan. Von Treue hielt sie nicht viel. Sie nahm sich, was ihr gefiel. Selbst verheiratete Männer schreckten sie nicht ab.«

Ich möchte meinem Kummer Luft machen und laut weinen. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Schreckliche Bilder von der Beerdigung wirbeln mir durch den Kopf. Ich sehe meine Eltern, die Onkel und Tanten vor mir stehen. Sie sind sich einig, Tante Lisa muss im Fegefeuer darben, ehe ihre verdorbene Seele Gott schauen darf. Wie sonst sollte es einer Frau ergehen, die nicht einmal weiß, wer der Vater ihres Sohnes war? Gezeugt in einer feuchtfröhlichen Nacht. Aber sie musste ihr Kind hergeben. Gott strafte sie und ersparte dem armen Balg ein verabscheuungswürdiges Leben.

Meine armen Ohren! Ich möchte sie zuhalten. Was reden sie da? Sie haben keine Ahnung. Was wissen sie schon von der Tante? Was von ihrem Geheimnis? Ich wage es nicht, die Tote anzuschauen. Liegt sie vielleicht schon ganz schwarz in ihrem Sarg? Vorsichtig blinzele ich durch die Augenlider. Meine Tante Lisa soll ins Fegefeuer?

Was ich sehe, lässt mich aufatmen. In großer Gelassenheit ruht sie inmitten der aufgeregten Trauergemeinde. Auf dem Gesicht ein wunderschönes Lächeln. Sie ist so seltsam eingepackt. Die Rüschendecke hätte ihr nicht gefallen. Wer hat ihr nur diese hässliche Bluse angezogen? Sie passt nicht zu meiner Tante. Meine Lehrerin trägt eine ähnliche. Den breiten Schleifenkragen hat sie fest um ihren Hals gebunden.

Ich finde, die Tante hatte etwas von einem roten Plüschsofa. Eines, das einlud, sich voll Behaglichkeit und Wonne hineinfallen zu lassen. Ich bemühe mich, genau hinzusehen. Es ist nichts Schwarzes an der Tante zu entdecken. Sieht denn niemand ihr »goldenes Herz«? Gibt es denn keinen aus der Familie, der ihr etwas schuldig geblieben war?

Für mich ist das kaum vorstellbar, denn Tante Lisa besaß ein großzügiges Herz. Jedem half sie in der Not, und niemals tat sie es mit Herablassung. Mama und Papa schenkte sie Geld und Lebensmittel, wenn Vaters Verdienst weder hinten noch vorn reichte. Für mich war sie wie ein Engel.

Ich schaue in die versteinerten Gesichter rings um mich. Hier hat niemand etwas von einem Plüschsofa an sich, nicht einmal von einem bequemen Sofakissen. Am wenigsten der Pastor, der mit ernster Miene seine Gebete herunterspult, so, als ginge ihn die Verstorbene nichts an.

Warum hat ihr niemand den roten Hut mit dem schwarzen Netztüllschleier aufgesetzt, den sie so liebte? Sie lächelte hinter diesem Schleier immer so geheimnisvoll. Dann sprühte Lebensfreude aus ihren strahlenden, nussbraunen Augen, und ihr Gesicht wurde noch schöner.

Wie sehr werde ich ihre heitere Zärtlichkeit vermissen. Selbst Rolf, ihren treuesten Verehrer, eroberte sie damit. Zwischen den beiden entwickelte sich eine stürmische Liebe, obwohl Rolf schon ein hochbetagter, altersschwacher Hund war. In einer eisigen Winternacht schleppte er sich vor ihr Fenster und jaulte erbärmlich. Meine Tante stand auf, holte das kranke, herrenlose Tier zu sich ins Haus und versorgte es mit Futter und einer warmen Decke. Sie gab dem Tier einen Namen und den Platz hinter der Theke ihres Lokals. Rolf wich nicht mehr von ihrer Seite. Überhaupt drückte sie jedes Lebewesen, das einsam und hilflos vor ihr stand, an ihren üppigen Busen.

Und auf einmal bin ich zuversichtlich: Meine Tante wird nicht ins Fegefeuer kommen. Das ist kein Ort für goldene Herzen. Lächelnd sehe ich die tote Tante an. Ich würde für sie gern ein Lied singen. Das Schlaflied, das sie abends oft für mich sang, bevor ich in ihr großes Bett krabbelte.

Es laut zu singen traue ich mich nicht, aber leise, ganz leise im Herzen will ich singen, dass nur sie es hören kann. »Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn.«

Die traurigen Gedanken wühlen mich auf, und ich beginne zu weinen. Wie schön wäre es, wenn Mama mich tröstete. Vergeblich lausche ich ihren Schritten. Ich verspüre Durst. Auf leisen Sohlen schleiche ich mich in die Küche und halte meinen Mund direkt unter den Wasserhahn. Durch das kalte Wasser friert es mich noch mehr.

Ich muss an den heißen Kakao denken, den mir die Tante vor dem Schlafengehen kochte. Er schmeckte köstlich, und während ich das süße Getränk schluckweise trank, blieb sie auf meiner Bettkante sitzen. Ich genoss es, wenn sie mich umsorgte und bemutterte. Zärtlichkeit und Liebe zu bekommen war etwas Großartiges.

In den ersten Momenten schluchzte ich, weil mir solche Gefühle fremd waren und mich verunsicherten. Wie nur war das Geheimnis ihrer Hände zu begreifen? Sie fühlten sich immer so an, wie ich es mir gerade wünschte. War mir heiß, dann waren sie kühl und erfrischend. Fror ich, dann streichelten sie mich sanft und fühlten sich weich und warm an. Ihre Hände waren einfach wunderbar. »Wunderbar«, es gab kein Wort, das besser zu Tante Lisa passte.

Ich liebte sie sehr. Sie sollte eine Hure sein? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Hure-Sein etwas Schlimmes bedeutete.

Manchmal erlaubte es Mutter, dass ich meine Ferientage bei ihr verleben durfte. Meine Tante ließ es sich nicht nehmen, mich abzuholen. Mama hätte sowieso keinen Fuß in ihr Tanzlokal gesetzt. Sie nannte es Lasterhöhle.

Sah ich meine Tante die Straße hochkommen, winkte ich ihr und rief aufgeregt: »Tante Lisa kommt!« Vor Freude bekam ich rote Wangen.

Bei uns zu Hause fühlte sie sich nicht willkommen, weil Mama sie die ganze Zeit strafend anschaute. Eilig packte ich meine Sachen, um schnell mit ihr fortzugehen. Ich hörte, wie sie zu Mama sagte: »Elisabeth, mach doch mal Erholung von der Sorge.« Aber Mutter lebte Millionen von Lichtjahren von der Sorglosigkeit entfernt. Sie war nicht fähig, die Früchte des Augenblicks zu genießen.

Der einzige Lichtblick in Mamas trauriger Welt war der kleine Marienaltar im elterlichen Schlafzimmer. Dort stand die Mutter Gottes, eingehüllt in einen nachtblauen, sternenübersäten Mantel. Freundlich lächelnd schaute sie jedem entgegen, der sie besuchte. Sie trug den Kopf leicht zur Seite geneigt, damit sie besser zuhören konnte. Sie war atemberaubend schön, und ich beneidete sie um ihre rosenumkränzten Schuhe. Es waren die Schuhe einer Königin.

Mutter ging oft zu ihr und brachte Blumen. Auch uns ermutigte sie, zu Füßen der Himmelsfrau Blumen sowie unsere Freude und unser Leid zu tragen. Es gab wenig Freudvolles, um es auf den Altar zu legen, Kummer und Schmerz hingegen reichlich. In der Nähe der himmlischen Frau war Mama weicher und lächelte sogar. Deshalb war es wichtig, dass die Mutter Gottes für immer bei uns wohnte. Dass sie blieb, war überlebenswichtig!

Wie anders sah dagegen die Welt von Tante Lisa aus. In ihrem Schlafzimmer stand eine Schneiderbüste. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam, trug die Büste andere Garderobe, aufregende Kleidungsstücke, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Die Wäsche war aus feinstem Satin und Brokat gearbeitet und duftete herrlich. Die Düfte luden zum Träumen ein. Tante Lisa sagte, es seien Korsagen aus Paris. Frau zu sein fühle sich darin so bezaubernd an.

Ich wünschte mir so sehr, für immer hierbleiben zu dürfen. Manchmal verbrachte ich Stunden damit, still durch die Räume der Wohnung zu gehen und die Kostbarkeiten um mich herum zu bestaunen. Ich verliebte mich in die kleine Tänzerin, die in einem roten, lederbezogenen Etui wohnte, das die Form eines Herzens hatte. Hob sich der Deckel, begann die bezaubernde Ballerina zu tanzen. Anmutig drehte sie sich auf winzigen Spiegelscherben zu wunderschönen Klängen. Bald konnte ich die Melodie mitsummen.

»Gefällt es dir?«, flüsterte mir die Tante ins Ohr. »Das kleine Musikstück heißt ›Barcarole‹. Ob du dir das wohl merken kannst?« Mit tiefer, warmer Stimme sang sie: »Fern von dieses Ortes Pracht entflieht die Zeit mit Macht.«

Bewundernd blickte ich zu ihr hoch, dachte aber an mein karges Elternhaus. Mir war, als ob etwas in mir die Eltern verriet. Von unten hörte ich das Lachen der Gäste. Dann war es still. Für den Bruchteil eines Augenblicks schämte ich mich für Mama und Papa. Es fühlte sich bedrückend an und schmerzte im Bauch.

Während meiner Besuche schenkte mir meine Tante viel Zeit. Gemeinsam sangen und spielten wir. Zu einer unserer Lieblingsbeschäftigungen gehörte das Ratespiel »Ich sehe was, was du nicht siehst«. Dazu setzten wir uns auf die Couch oder ans Fenster ihres Wohnzimmers. Jeder suchte sich in Gedanken einen Gegenstand aus, den der andere erraten musste. Aufmerksame Fragen, und ein wenig »um die Ecke gedacht«, wie die Tante es nannte, brachten einen dem Ziel näher.

Doch eines Tages geschah etwas völlig Unerwartetes. Es sollte sie und mich für immer verbinden. Sie weihte mich in ein Geheimnis ein, das sie mit noch keinem geteilt hatte. Die Tür dazu öffnete sich rein zufällig.

Ich hatte mir ein Vögelhäuschen in einer der mächtigen Pappeln im Hof ausgeguckt, das Tante Lisa erraten sollte. Konzentriert schauten wir aus dem Fenster. Ein junges Paar kam die Straße herauf. Der Mann schaute die Frau neben sich verliebt an. Sein Arm lag beschützend um ihre Taille. Die Frau schob einen Kinderwagen. Immer wieder blieben die beiden stehen, um sich zu umarmen und zu küssen.

Ich kicherte albern, aber Tante Lisa traf der Anblick wie ein Nadelstich. Ruckartig riss sie den Kopf zur Seite, sprang auf und rannte aus dem Zimmer. Erschrocken schaute ich ihr nach und hörte sie weinen. Ihr Schluchzen traf mich bis ins Mark. Niemals hatte ich meine Tante weinen sehen. Unsicher erhob ich mich vom Stuhl und ging ihr nach. Ich fand sie im Schlafzimmer. Sie weinte so bitterlich, dass ihr ganzer Körper bebte. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante und streichelte ihr zaghaft über den Rücken.

»Warum weinst du?«, frage ich verunsichert. Unsere Blicke trafen sich.

»Ach Kind, ich vermisse meinen Jungen so.«

»Dein Baby?«, frage ich erstaunt und sah verlegen zu Boden.

»Ja, mein Baby. Ich denke oft an den kleinen Florian. Heute wäre er groß, ein erwachsener Mann. Wie schön muss es sein, einen Sohn zu haben. Ich wäre nicht so allein.«

»Das bist du doch nicht, Tante Lisa«, rief ich erschrocken. »Ich bin da. Du bist doch nicht allein.« Leise murmelte ich: »Ich hab dich lieb«.

Sie nahm mich in den Arm. »Ich Dumme, wie konnte ich das nur vergessen? Natürlich bin ich nicht allein. Du bist mein süßes Mädchen. Florian hätte dich auch lieb gehabt.«

Sie schnäuzte sich ins Taschentuch. Mit der Zungenspitze benetzte sie ihre trockenen Lippen.

»Weißt du, manchmal stelle ich mir vor, wie er heute wohl aussähe. Wäre er nach seinem Vater oder mehr nach mir geraten? Aber ich bekomme darauf keine Antwort. Immer lächelt mich nur das entzückende Baby an, das er einmal war. Ich wünschte, der liebe Gott würde mir für einen Moment gestatten, ihn anzuschauen. So, wie er heute ist. Ich würde alles dafür geben. Es gibt Momente, da fühle ich intensiv seine Nähe.«

»An was ist dein Baby gestorben?«

»Eines Morgens lag es tot in seinem Bettchen«, antwortete sie mit zittriger Stimme. »Mein kleiner Florian starb an Kindstod. Er wurde nur drei Monate und vier Tage alt. Kein Arzt konnte mir eine Erklärung für seinen plötzlichen Tod geben. Kindstod bleibt bis heute ein Rätsel.« Sie schaute mich aus verweinten Augen an. Ich nahm ihre Hand und sah sie mitfühlend an. Eine Strähne hatte sich aus ihrem aufgesteckten Haar gelöst. Wie fein ihre Gesichtszüge waren. Ich kämpfte mit den Tränen, so aufgewühlt war ich. Noch niemals hatte ich meine Tante von ihrem Kind reden hören. »Ich sehe was, was du nicht siehst« war in diesem Augenblick kein Spiel mehr, sondern Wirklichkeit. Ich spürte ihr verletzliches Herz. Warum nur dachten Mama, Papa und die anderen so schlecht von ihr? Vielleicht sollte ich ihnen von dem Baby erzählen, aber das war keine gute Idee. Wie sagte Mama immer? »Geh mir doch mit deiner Tante!«

Ich ahnte, es würde unser Geheimnis bleiben. Die Wahrheit über Tante Lisa wollte niemand hören.

»Und Florians Papa? Alle sagen, du wüsstest nicht, wer der Papa von deinem Baby ist.« Ich lief feuerrot an, weil ich Schelte erwartete.

»Ach Kind, hältst du deine Tante für so dumm?«

Ich schüttelte den Kopf und schaute sie aufrichtig an.

»Florians Papa hieß Lajos. Schon an seinem Namen hörst du, dass er kein Deutscher war. Er kam aus Ungarn.« Sie lachte erheitert. »Er trug das feurige Temperament der Puszta im Herzen. Wenn er sang und tanzte, sprühte ein ganzes Feuerwerk aus seinen Augen. Ich lernte ihn in Wien kennen. Er spielte in einer Hotelbar am Flügel. Als sich unsere Blicke trafen, war es sofort Liebe. Ach, Moni, du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich wir waren. Und dann geschah es, dass ein wohlhabender Amerikaner ihn spielen und singen hörte. Der Mann war vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen und drückte Lajos einen Musikvertrag für Amerika in die Hand. Wir konnten unser Glück kaum fassen und freuten uns auf ein gemeinsames Leben in der Neuen Welt.

Es war abgemacht, dass er mich rasch nachholte. Nach seiner Abreise spürte ich, dass ich ein Kind von ihm erwartete. Vor Freude ging ich wie auf Wolken. Doch die Zeit verging, und ich hörte nichts von ihm. Es waren furchtbare Tage. Ich verstand die Welt nicht mehr. Mir kam ein böser Verdacht. Mit den ersten Erfolgen war ich ihm ein Klotz am Bein. Er wollte frei sein. Ich schimpfte und verfluchte ihn. Die Ungewissheit brachte mich fast um. Bis dann die schlimme Nachricht zu mir drang.« Tante Lisa schloss gequält die Augen. Leise flüsterte sie: »Er war im Auto eines Kollegen tödlich verunglückt. Der Fahrer überlebte schwer verletzt, für Lajos kam aber jede Hilfe zu spät. Sie waren auf Wohnungssuche für uns unterwegs.

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich schämte mich meiner bösen Gedanken. Ich schämte mich ganz entsetzlich.«

Bedrückende Stille senkte sich auf das Zimmer. Ich schob meine Hand in ihre. Lange saßen wir dicht gedrängt und schweigend beieinander.

Ich hörte meine Tante seufzen. »Mein kleiner Florian ist sicherlich gegangen, weil er bei seinem Papa sein wollte. Du glaubst nicht, welch wunderbarer Mensch Lajos war. Obendrein war er ein hoch talentierter Künstler. Beim Tanzen, Steppen, Singen, an Klavier und Geige brillierte er wie kaum ein anderer. Du hättest einen wunderbaren Onkel gehabt, wäre er am Leben geblieben. Ich nehme es Gott übel, dass er mir das angetan hat. Er hat mir die Menschen genommen, die ich über alles liebte.«

Traurig rieb sie sich die verweinten Augen. »Monika, vergiss eines nicht, verurteile nie leichtfertig einen Menschen. Bemüh dich, das Gute in ihm zu sehen. Was ich mit Florians Papa tat, ist eigentlich unverzeihlich. Ich vergebe mir das nie.«

Bekräftigend drückte sie meine Hand.

»Eigentlich ist der ganze Kummer nichts für ein kleines Mädchen. Geh jetzt zu Bett. Es ist spät geworden. Ich muss mich fertig machen.«

Bevor sie runter ins Lokal ging, wünschte sie mir eine gute Nacht. Behutsam stülpte sie über die Nachttischlampe einen riesigen, nachtblauen Mond, auf dem Sonnen und Sterne glänzten. Die Sonnen trugen heitere Gesichter und lächelten mich an. Aber ich konnte ihr Lächeln nicht erwidern. Nachdenklich lauschte ich der Musik aus dem Lokal, die leicht und beschwingt zu mir hoch drang. Die heiteren Töne passten nicht zu meinen traurigen Gedanken. Ich dachte an das Gehörte, und mein Herz zog sich vor Mitleid zusammen.

Leise stieg ich aus dem Bett und setzte mich ans Fenster. Die Leuchtreklame Isabella – meine Tante hatte ihr Lokal nach dem Schlager »Schöne Isabella aus Kastilien« der Comedian Harmonists benannt – erhellte den Platz vor dem Lokal. Eng umschlungene Paare kamen und gingen. Vorsichtig öffnete ich das Fenster. Die hohen Pappeln im Hof rauschten leise im Wind. Die Zweige wiegten sich, als tanzten sie zu den Klängen der Musik. Ein junges Pärchen winkte mir lachend zu. Rasch zog ich die Gardine vor und schlich mich ins Wohnzimmer. Bewundernd betrachtete ich das große Porträt über der Couch: »Lisa während eines Auftritts«. Versunken steht sie am Flügel und singt für ihr Publikum.

Von dem Bild ging eine große Faszination aus. In jener Nacht betrachtete ich es aufmerksam und prägte mir jedes Detail ein. Es erinnerte mich an die letzte Silvesternacht, in der ich aufbleiben und sie ins Lokal begleiten durfte. Auch das musste unser Geheimnis bleiben.

Sie sang das Gondellied aus der »Barcarole«. Sie wusste, wie sehr ich es mochte. Voller Bewunderung starrte ich sie an und konnte nicht fassen, was für eine hinreißend schöne Frau sie war.

Wie Staub auf alten Möbeln wirbeln meine Gedanken im Kopf herum.

»Tante Lisa«, schluchze ich traurig. »Du sollst nicht tot sein!«

Ich fürchtete mich, einzuschlafen. Fürchtete den immer wiederkehrenden Albtraum. Er machte den Verlust unerträglich. Einst beruhigte mich die wiegende Melodie der Spieluhr, doch nun schreckte sie mich aus meinen Träumen. Ich dachte an Tante Lisas großzügiges Herz. Wie gern hätte sie mir das Lederherz mit der kleinen Ballerina geschenkt. Aber ich lehnte ab. Damit nach Hause zu kommen erschien mir unmöglich, denn der Inhalt vertrug sich nicht mit der Weltanschauung meiner Mutter. Und die schöne Himmelsfrau wollte diese Art Musik gewiss auch nicht hören: »Schöne Nacht, du Liebesnacht, o stille mein Verlangen, süßer als der Tag uns lacht die schöne Liebesnacht.«

Nach dem Tod meiner Tante ging das Lederherz in meinen Besitz über. Doch die kleine Ballerina darin tanzt nicht mehr. Sie ist in die Jahre gekommen und stellt sich schlafend, wenn ich den Deckel anhebe. Als Zeichen ihrer Verbundenheit recken sich mir ihre Arme noch immer entgegen, als wolle sie zum Tanzen und Träumen einladen. Das Ballettröckchen ist ein wenig zerknittert und vergilbt, aber sonst hat sich die kleine »Barcarole« gut gehalten. Ich lächele das alte Mädchen an.

Fünfzig Jahre sind seit Tante Lisas Tod vergangen. Was tut sich nicht alles in einem halben Jahrhundert. Ich habe Familie, Mann, Tochter und Sohn und sehe drei aufgeweckte Enkelinnen heranwachsen. Tante Lisa hätte gern eine Familie gehabt. Aber sie gönnt mir das Glück. Dessen bin ich gewiss. Was sie wohl zu meiner Berufswahl als Seelsorgerin gesagt hätte? Ich glaube, sie wäre stolz auf mich gewesen. Hier eine Seelsorgerin – dort eine Hure.

Zwei grundverschiedene Lebenswege innerhalb einer Familie.

Gewiss bleibt: Die Suche nach dem Geheimnis, das Tante Lisa umgab, wird mich wohl immer beschäftigen.

ILANAAls Kind war ich glücklich und habe es nicht bemerkt

Von Minute zu Minute wurde ich aufgeregter. Ich wollte Ilana in ihrem Wohnwagen besuchen. Dieses Treffen war längst überfällig, aber immer wieder tat ich mich schwer damit, mein Versprechen einzulösen.

Ich fürchtete das ganze Drumherum: die Dunkelheit, den Wald, die Peinlichkeit, eventuell auf Freier zu treffen. Mir graute vor den Gerüchen, die aus dem muffig-warmen Wohnwagen quollen: kalter Zigarettenrauch, Alkohol, Schweiß und, wie mir schien, ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Sperma. Ich konnte nicht sagen, ob diese Wahrnehmung nur meiner Fantasie und Abneigung gegen diesen Ort entsprang.

Beim letzten Besuch warf mich ein schlampig angezogener Typ aus der Bahn. Wir trafen an der Tür des Wohnwagens aufeinander. Irritiert taxierte er mich und griff unverhofft nach meiner Hand. Kalt, von nervösem Schweiß überzogen, lag sie in meiner. Ein unsicheres Grinsen huschte über sein Gesicht. Ich spürte seine dicken Wurstfinger in meiner Hand, und plötzlich würgte mich Ekel.

Dieser Kerl, dachte ich, was grapscht der an dem Mädel herum? Angewidert wollte ich die Hand von mir stoßen und auf dem Absatz kehrtmachen. Ilana stand auf der obersten Stufe des Wagens und starrte auf die Szene. Flehentlich schaute sie mich an. In ihren Augen las ich die Bitte, es nicht zu tun und zu bleiben. Sie hatte meine Gedanken erraten.

Ich schüttelte die Erinnerung ab und ging ein paar Schritte auf und ab, bemüht, die Straße, Ilanas Wagen und mein Auto nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Abend war kalt, obwohl erst Oktober war. In meinen leichten Ballerinaschuhen würde ich mich nicht auf den Weg in den Wald machen. Die Redewendung »kalte Füße bekommen« traf in diesem Augenblick ganz und gar zu.

Wir hatten uns für acht Uhr abends verabredet. Am Klang der Stimme am Telefon hörte ich, wie sehr sich die junge Frau auf die gemeinsame Stunde freute. Ehe ich ihr noch mitteilen konnte, dass ich für Abendbrot gesorgt hatte, klickte es in meinem Handy. Das Gespräch war beendet. Sie mochte nicht zurückgerufen werden. Niemals! Ich hielt mich an ihre Bitte und wartete bis acht Uhr.

Die schmale Straße, die durch das Waldgebiet führte, lag verlassen vor mir. Um diese Zeit gab es kaum noch Autos hier. Höchstens Freier, die ich an ihrem Fahrstil erkannte. Ihre Wagen rollten langsam die Straße mit Abblendlicht dahin, um die Wegabzweigungen nicht zu verpassen, an denen die elf Wohnwagen der Frauen standen, die sich prostituierten.

Ilana hatte ich im Krankenhaus kennengelernt. Nach einer Fehlgeburt lag sie wochenlang auf der Frauenstation. Sie verlor ihr Baby im siebten Monat. Es war ein sehnsüchtig erwartetes Wunschkind. Mit der Wölbung des Bauches sollte auch ihre Welt eine neue Form bekommen. Für die junge Frau war die Schwangerschaft ein unverhofftes Geschenk. Die Zeit mit dem Kind im Bauch war Ilana heilig. Selbstlose und unbelastete Liebe wollte sie sich und ihrem Kind schenken und ein geborgenes Zuhause.

Ihre tiefen Depressionen und das verzweifelte Weinen über den Verlust des Kindes bleiben mir unvergesslich. Ilana fiel in ein schwarzes Loch und war lange Zeit nicht bereit, sich nach dem Licht zu strecken. Ich besuchte sie so oft wie möglich, aber die dumpfe Hoffnungslosigkeit wollte so gar nicht weichen. Bis sie mir erzählte, dass sie als Prostituierte arbeitet. Eine weitere Schwangerschaft ließ sich für sie wegen ihres »Dienstes« nicht beliebig planen.

»Wir bleiben in Kontakt, nicht wahr? Unbedingt! Wir müssen uns wiedersehen. Das musst du mir versprechen« waren ihre Worte bei der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Ich blickte auf zu den Sternen, die sich wie funkelnde Lichterketten über die schwarzen Baumkronen legten. Ihr Licht tröstete mich in meiner Ängstlichkeit.

Die Wohnwagentür öffnete sich, und ein junger Mann erschien. Übermütig sprang er auf den Waldboden. Laub raschelte. Ich hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Ein Motor sprang an. Der junge Mann fuhr mit seinem Motorroller schwungvoll an mir vorüber. Kurz darauf erschien Ilanas Kopf im Türrahmen.

»Monika, bist du da?« Ihre Augen spähten in die Dunkelheit.

»Ja, hier bin ich!«, rief ich verhalten und winkte.

»So komm doch! Ich freue mich riesig. Komm nur!«, hörte ich ihre aufgeregte Stimme.

Ich ging zum Auto und holte den Korb mit dem Abendbrot. Ilana kam mir entgegengelaufen und umarmte mich herzlich.

»Schön, schön, schön«, jubilierte sie und hopste umher wie ein verzücktes Kind. Ihr durchsichtiges Negligé öffnete sich im kalten Wind und gab viel nackte Haut preis.

»Die ganzen letzten Tage habe ich mich auf diesen Augenblick gefreut. Du auch?« Sie schaute mich fragend an. Ich lächelte und hoffte, dass sie von meiner Befangenheit nichts spürte, die mir stets in den ersten Momenten unserer Begegnung die Brust zuschnürte. Als mein Blick durch das Innere des Wohnwagens streifte, zog Ilana einen Trennvorhang zur Seite, und ein schön gedeckter Tisch kam zum Vorschein. Die flammendroten Dahlien in der Vase gaben ihm das i-Tüpfelchen.

»Dass du es hier aushältst«, sagte ich vorwurfsvoll und hätte mir am liebsten im selben Moment auf den Mund geschlagen.

»Wie meinst du das?«, fragte sie mich.

»Ich würde vor Furcht sterben. Keine Stunde könnte ich hier allein sein. Hast du keine Angst, dass dir jemand etwas antut oder dich beraubt?«

»Nein, überhaupt nicht! Ich bin daran gewöhnt, für mich zu sein«, bekam ich zur Antwort. Ihr Gesichtsausdruck sagte etwas anderes. Meine Gastgeberin zündete ein rotes Teelicht an und schaute mich enttäuscht an. Sofort wurde mir mein Fauxpas bewusst.

»Entschuldige«, sagte ich hastig, »wie dumm von mir, den geschmackvoll gedeckten Tisch nicht zu würdigen. Was hast du da Schönes gezaubert?«

»Gefällt es dir?«, fragte sie erleichtert. »Die Blumen sind frisch vom Markt. Dahlien gehören zu meinen Lieblingsblumen. Bei uns zu Hause war der Garten im September und Oktober ein einziger Herbstzauber blühender Dahlien. Die Vorliebe für die prachtvollen Blüten habe ich von meiner Mutter. Diese Sorte passt zu meinem Heimweh. Ich werde es wohl nie überwinden. ›Bergfeuer‹ heißt die Sorte. Sind sie nicht wunderschön?«

Ich stellte den Couscous-Salat und die pikant gewürzten Lammkoteletts auf den Tisch. Ilana schenkte uns heißen Tee ein, und auf einmal befanden wir uns mitten im Schweigen. Ich suchte nach Worten, um das Gespräch in Fluss zu halten. Außer banalen Dingen fiel mir aber nichts ein. Ich spürte, der jungen Frau ging es ähnlich.

Wenn Schweigen, dann eben Schweigen, dachte ich und aß langsam und genussvoll von den Speisen. Im Krankenhaus hatte ich gelernt, schweigsame Momente nicht mit leeren Worthülsen zu füllen.

»Du darfst den Strauß nachher mitnehmen. Ich habe ihn extra für dich gekauft«, sagte sie lachend, und ich hörte Dankbarkeit aus ihren Worten.

»Soll ich mich denn schon verabschieden?«, fragte ich sie schmunzelnd.

Ilana errötete und rutschte verlegen auf ihrem Hocker hin und her.

»Oh, so war das nicht gemeint. Auf keinen Fall! Aber es ist schon eigenartig. Jedes Mal fiebere ich deinem Besuch entgegen. Wie ein kleines Kind freue ich mich darauf. Und wenn du dann vor mir stehst, schäme ich mich und weiß auf einmal nichts zu sagen. Vielleicht liegt das daran, dass du Damenbesuch bist. Frauen kommen nicht hierher, nur die Mädchen von nebenan, wenn Flaute ist und die Kunden ausbleiben.«

Verlegen kaute sie an ihren langen, roten Fingernägeln. Plötzlich erschien sie mir sehr verletzlich inmitten dieser Welt.

Sie schaute mich aus wachsamen Augen an. »Ich habe vorhin gespürt, wie sehr du dich überwinden musstest, in meinen Wagen zu steigen. Du findest es hier widerlich, nicht wahr?«

Ihre Offenheit trieb mir die Röte ins Gesicht. Vorsichtig suchte ich nach Worten. Ich mochte die junge Frau nicht verletzen und auf keinen Fall den mahnenden Finger erheben. Urteile zu fällen stand mir nicht zu.

»Widerlich ist nicht das richtige Wort. Fremd! Ja, das trifft es besser«, entgegne ich. »Diese Welt ist mir fremd. Aber ich komme deinetwegen, und dazu gehört, dich und deine Welt kennenzulernen.«

Ilana lächelte verunsichert. Nervös suchten ihre Hände die Taschen ihres Morgenmantels. »Der Gedanke, deine Zuneigung zu verlieren«, sagte sie, »versetzt mich in Panik. Nicht die Angst, hier im dunklen Wald auf Kunden zu warten. Die meisten sind sehr nett. Philipp, mein letzter Kunde, ist ein lustiger Bursche. Manchmal albern wir nur herum. Nicht immer will er Sex. Wenn er Stress im Beruf hat, sehnt er sich nach Kuscheln. ›Schätzchen‹, sagt er, ›ich spendiere dir hier noch einmal einen Whirlpool.‹

Ich muss gestehen, ein bisschen verliebt in ihn zu sein. So einen hätte ich gern als Mann. Mein Mann ist einfach nur ein Arschloch, dem ich die ganze Scheiße zu verdanken habe. Er kriegt vom Geld den Hals nicht voll. ›Geh doch anschaffen!‹ Tag und Nacht lag er mir damit in den Ohren. Was hat er mir nicht alles versprochen.

Fünf Jahre Strich würden reichen, um ein gutes Leben zu führen, so war es abgemacht. Nun sind es sieben – sieben endlose Jahre. Ein eigenes Haus mit Pool, einen schicken Wagen, Motorräder, kostspielige Reisen, das waren die Traumschlösser, von denen er gesponnen hat. Nichts davon ist Wirklichkeit geworden. Irgendwie zerrinnt einem der ganze Zaster zwischen den Fingern. Es ist wie verhext. Weder haben wir es zu einem Eigenheim gebracht noch zu einer Eigentumswohnung.«

Hastig steckte sie sich eine Zigarette an und nahm ein paar gierige Züge.

»Entschuldige. Stört dich der Qualm? Bitte gestatte mir die eine. Tabak und Süßigkeiten machen mich einfach schwach. Wenn ich auf Kunden warte, nasche oder rauche ich.« Sie blickte verächtlich zu den vielen Tüten mit Süßigkeiten, die auf einem Hocker neben dem Tisch standen.

Ilana lehnte sich zurück und kippelte mit ihrem Stuhl. Gedankenverloren sah sie dem aufsteigenden Rauch nach. Ich erschrak, als sie sich ruckartig nach vorn beugte und wütend die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte.

»Das mit dem Baby hätte einfach nicht passieren dürfen. Die Schwangerschaft war eine Chance für mich. Verstehst du? Eine Weiche, die mein Leben noch einmal in eine andere Bahn hätte lenken können. Niemals hätte ich das hier als Mutter gemacht. Damit wäre Schluss gewesen, ein für alle Mal. Mutter zu werden war meine Chance, aus dieser Nummer rauszukommen.

Nun aber sitze ich im siebten Jahr hier. Das ist doch ein einziger Albtraum. Weißt du, was ich meinem Mann im Streit an den Kopf werfe? ›Du hast mir die Sonne gestohlen, die Sonne!‹, brüllte ich ihn an.«

Ihre Erregung mühsam beherrschend, schaute sie mich an. »Das hat er! … Das hat er … Mein Gott, das hat er!«