Hüter der Erinnerung - Lois Lowry - E-Book

Hüter der Erinnerung E-Book

Lois Lowry

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Beschreibung

"Stark und provokativ!" New York Times Jonas lebt in einer Welt ohne Not, Schmerz und Risiko. Alles ist perfekt organisiert, niemand muss sich über irgendetwas Sorgen machen, sogar die Berufe werden zugeteilt. Als Jonas Nachfolger des "Hüters der Erinnerung" werden soll, beginnt er eine Ausbildung beim alten Hüter. Und hier erfährt er, welch hohen Preis sie alle für dieses scheinbar problemlose Leben zu zahlen haben. Jonas' Bild von der Gesellschaft, in der er lebt, bekommt immer mehr Risse, bis ihm klar wird, dass er seinen kleinen Pflegebruder Gabriel diesem unmenschlichen System keinesfalls ausliefern möchte. Es bleibt ihm nur die Flucht - ein lebensgefährliches Unterfangen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 237




Jonas lebt in einer Welt ohne Not, Schmerz und Risiko, aber auch ohne Musik, Gefühle und Farben. Sein ganzes Leben ist perfekt organisiert und verplant. Doch mit zwölf Jahren wird Jonas zum Nachfolger des ›Hüters der Erinnerung‹ bestimmt und erfährt von ihm, welch hohen Preis sie alle für dieses Leben zu zahlen haben. Und Jonas erkennt, dass es seine Aufgabe sein wird, sich gegen dieses unmenschliche System aufzulehnen ...

Internationaler Bestseller

Lois Lowry

Hüter der Erinnerung

Roman

Aus dem Amerikanischen von Anne Braun

Für all die Kinder, denen wir

unsere Zukunft anvertrauen

1

Der Dezember stand vor der Tür und Jonas bekam es allmählich mit der Angst zu tun. Nein, Angst war das falsche Wort, dachte Jonas. Angst war dieses tiefe, grässliche Gefühl, das einen überfiel, wenn man wusste, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde. Angst hatte er damals verspürt, vor einem Jahr, als ein nicht identifiziertes Flugzeug zweimal über die Gemeinschaft geflogen war. Er hatte ihn beide Male gesehen, den schimmernden Düsenjet, fast nur ein Strich am Himmel, der unglaublich schnell vorwärtsschoss, und eine Sekunde später war das laute Dröhnen zu hören gewesen. Kurze Zeit danach dasselbe Flugzeug, dieses Mal aus der anderen Richtung.

Zuerst hatte er nur fasziniert nach oben geblickt. Noch nie hatte er ein Flugzeug aus dieser Nähe gesehen, denn es verstieß gegen die Regeln, dass Piloten so dicht über das Gebiet der Gemeinschaft flogen. Gelegentlich, wenn Transportflugzeuge Lebensmittel anlieferten und auf der Landepiste jenseits des Flusses landeten, fuhren die Kinder mit ihren Fahrrädern zum Ufer und verfolgten neugierig das Entladen und später den Start in Richtung Westen, stets von der Gemeinschaft weg.

Doch das Flugzeug letztes Jahr hatte anders ausgesehen. Es war kein untersetztes, dickbäuchiges Transportflugzeug, sondern ein vorne spitz zulaufender, einsitziger Düsenjet gewesen. Als Jonas sich verwundert umblickte, sah er die anderen – Erwachsene ebenso wie Kinder – reglos und verwirrt dastehen und auf eine Erklärung für das seltsame, ungewohnte Geschehen warten.

Wenig später wurden alle Bürger aufgefordert, sich sofort in das nächste erreichbare Gebäude zu begeben und sich nicht zu rühren. SOFORT, hatte die schnarrende Stimme aus den Lautsprechern gedröhnt. FAHRRÄDER STEHEN UND LIEGEN LASSEN.

Wie angeordnet hatte Jonas sein Rad auf dem Weg hinter dem Reihenhaus seiner Familie fallen lassen. Er war ins Haus gerannt und hatte gewartet, allein. Seine Eltern waren beide bei der Arbeit und Lily, seine kleine Schwester, war im Kinderzentrum, wo sie die Stunden nach dem Schulunterricht zubrachte.

Als er durch ein Fenster auf die Straße spähte, hatte er niemanden gesehen: keinen aus der fleißigen Nachmittagsschicht der Straßenreiniger, Landschaftspfleger oder Essensverteiler, die um diese Tageszeit normalerweise die Straßen bevölkerten. Er sah nur hie und da ein achtlos im Stich gelassenes und auf der Seite liegendes Fahrrad; eines der Räder drehte sich noch immer ganz langsam.

Damals hatte er Angst gehabt. Seine Gemeinschaft so unnatürlich ruhig und ohnmächtig warten zu sehen drehte ihm schier den Magen um. Er zitterte am ganzen Körper.

Doch es war blinder Alarm gewesen. Nach einigen Minuten hatten die Lautsprecher erneut geknistert und die Stimme erklärte ruhig und gelassen, dass ein auszubildender Pilot seine Fluganweisungen missverstanden und sich verflogen hatte. In seiner Verzweiflung hatte der Pilot versucht, schnell wieder die richtige Route einzuschlagen, ehe sein Irrtum bemerkt wurde.

NATÜRLICH WIRD ER FREIGEGEBEN WERDEN MÜSSEN, hatte die Stimme verkündet. Dann folgte eine kurze Pause. In dieser letzten Bemerkung hatte ein ironischer Unterton mitgeschwungen, so als würde der Sprecher es komisch finden. Auch Jonas hatte geschmunzelt, obwohl er wusste, dass es ein hartes Urteil war. Freigegeben zu werden war für einen aktiven Bürger eine endgültige Sache, eine schreckliche Strafe, ein niederschmetternder Beweis menschlichen Versagens.

Kinder wurden ausgeschimpft, wenn sie den Begriff »freigeben« leichtfertig beim Spielen verwendeten. Jonas war es einmal passiert. »Das reicht, Asher, du wirst freigegeben!«, hatte er seinem besten Freund zugerufen, weil seine Mannschaft wegen Ashers Ungeschicklichkeit einen Punkt verloren hatte. Der Trainer hatte ihn daraufhin zur Seite genommen und ihm die Leviten gelesen, und Jonas hatte verlegen und schuldbewusst den Kopf hängen lassen und sich nach dem Spiel bei Asher entschuldigt.

Als er nun über das Gefühl der Furcht nachdachte, während er am Fluss entlang nach Hause radelte, erinnerte er sich an diesen Augenblick der fast greifbaren, ihm den Magen umdrehenden Angst, als das Flugzeug blitzschnell am Himmel entlanggerast war. Das mit Dezember war eine andere Sache. Jonas suchte nach dem passenden Wort, um seine Gefühle zu beschreiben.

Er selbst ging immer sehr sorgfältig mit der Sprache um. Ganz im Gegensatz zu seinem Freund Asher, der sich oft verhaspelte und Wörter verwechselte, sodass seine Sätze sich manchmal unverständlich und komisch anhörten.

Jonas grinste, als er an jenen Morgen zurückdachte, an dem Asher wie üblich zu spät und keuchend in die Klasse gerannt kam, als die anderen bereits die Morgenregel sprachen. Als sich die Schüler wieder auf ihre Plätze setzten, blieb Asher stehen, um seine in solchen Fällen vorgeschriebene öffentliche Entschuldigung vorzubringen.

»Ich entschuldige mich dafür, dass ich meine Lerngruppe gestört habe.« Nach seiner Standard-Entschuldigungsfloskel musste Asher erst noch einmal tief Luft holen, während der Lehrer und die Klasse geduldig auf seine Erklärung warteten. Die Schüler grinsten bereits, denn sie hatten sich Ashers Erklärungen schon oft genug angehört.

»Ich bin rechtzeitig von zu Hause fortgegangen, aber als ich an der Fischbrutanstalt vorbeikam, haben sie dort gerade Lachse zerlegt. Wie gespannt blieb ich stehen und schaute ihnen zu.« Mit den Worten: »Ich bitte meine Klassenkameraden um Entschuldigung«, schloss Asher seine Schilderung. Er strich seine zerknitterte Tunika glatt und setzte sich.

»Wir nehmen deine Entschuldigung an, Asher.« Einstimmig leierte die Klasse die Standardantwort herunter. Viele mussten sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszukichern.

»Ich nehme deine Entschuldigung an, Asher«, sagte auch der Lehrer. Er lächelte. »Und ich danke dir, weil du uns wieder einmal den Anstoß zu einer Sprachübung gegeben hast. Du kannst nicht ›wie gespannt‹ etwas betrachten und dabei die Zeit vergessen, sondern ›wie gebannt‹. Allerdings wäre auch dieser Begriff etwas zu stark, um die Neugier zu beschreiben, die einen veranlasst, beim Lachszerlegen zuzuschauen. Besser wäre es, du würdest einfach sagen: Ich ließ mich ablenken.«

Jonas, der schon beinahe zu Hause angekommen war, lächelte, als er daran zurückdachte. Er grübelte noch immer darüber nach, als er sein Rad im Fahrradständer neben der Haustür abstellte. Er kam zu dem Schluss, dass Angst wirklich nicht das richtige Wort für die Gefühle war, die der kommende Dezember in ihm hervorrief. Angst war ein zu starkes Wort.

Er hatte lange auf diesen besonderen Dezember gewartet. Jetzt, da es beinahe so weit war, hatte er nicht etwa Angst, nein, das nicht, aber er … er war ungeduldig und gespannt, entschied er. Er konnte es kaum noch erwarten. Und er war zweifellos auch aufgeregt. Alle Elfer waren aufgeregt wegen des Ereignisses, das schon so nah war.

Aber er spürte einen kleinen, nervösen Schauder, als er daran dachte, was passieren konnte.

Besorgt, entschied Jonas, das bin ich.

»Wer möchte heute Abend mit seinen Gefühlen anfangen?«, fragte Jonas’ Vater nach dem Abendessen.

Die allabendliche Gefühlsaussprache gehörte zu den üblichen Ritualen. Manchmal stritten sich Jonas und seine Schwester Lily, wer als Erster an die Reihe kam. Auch die Eltern nahmen selbstverständlich an diesem Ritual teil. Auch sie schilderten jedes Mal ihre Gefühle. Aber wie alle Eltern – alle Erwachsenen – zankten sie sich nicht wegen der Reihenfolge oder versuchten, sich vorzudrängeln.

Das tat auch Jonas heute Abend nicht. Seine Gefühle waren an diesem Abend einfach zu verworren. Er wollte sie den anderen zwar mitteilen, aber er war nicht darauf erpicht, als Erster seine komplizierte Gefühlswelt zu erforschen, obwohl er wusste, dass seine Eltern ihm dabei helfen würden.

»Fang du an, Lily«, sagte er großzügig, als er sah, wie Lily, die sehr viel jünger war als er – sie war erst ein Siebener –, ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte.

»Ich war sehr wütend heute Nachmittag«, begann Lily. »Meine Kindergruppe hatte Besuch von Siebenern einer anderen Gemeinschaft. Wir waren auf dem Spielplatz und diese anderen haben sich einfach nicht an die Regeln gehalten. Einer von ihnen – ein Junge, ich weiß nicht mehr, wie er hieß – drängelte sich an der Rutsche ständig vor, obwohl wir anderen dort warteten. Ich war sehr wütend auf ihn und habe eine Faust geballt – so!« Sie hielt ihre kleine, geballte Hand hoch und die anderen schmunzelten über diese kindlich-trotzige Geste.

»Warum, glaubst du, hielten sich die Besucher nicht an die Regeln?«, fragte Mutter.

Lily überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. »Ich weiß nicht. Sie benahmen sich wie … wie …«

»Tiere?«, schlug Jonas lachend vor.

»Richtig«, sagte Lily und musste ebenfalls lachen. »Wie Tiere.« Keines der Kinder hatte eine Ahnung, was dieser Begriff genau bedeutete, aber er wurde oft verwendet, um jemanden zu beschreiben, der unhöflich oder taktlos war, jemanden, der sich nicht in die Gemeinschaft einfügte.

»Woher kamen diese Besucher?«, erkundigte sich Vater.

Lily runzelte die Stirn und überlegte. »Unser Lehrer hat es in seiner Begrüßungsansprache gesagt, aber ich weiß es nicht mehr. Ich habe wahrscheinlich nicht aufgepasst. Es war eine andere Gemeinschaft. Sie mussten sehr früh wieder wegfahren und im Bus zu Mittag essen.«

Mutter nickte. »Ist es vielleicht möglich, dass sie in ihrer Gemeinschaft andere Regeln haben und deshalb einfach nicht wussten, welche Regeln auf eurem Spielplatz gelten?«

Lily zuckte mit den Schultern und nickte dann. »Mag sein.«

»Ihr habt doch auch schon einmal eine andere Gemeinschaft besucht, nicht wahr?«, fragte Jonas. »Meine Gruppe hat das oft getan.«

Lily nickte erneut. »Als wir noch Sechser waren, verbrachten wir einmal einen ganzen Tag mit den Sechsern ihrer Gemeinschaft.«

»Und wie hast du dich gefühlt, als ihr dort gewesen seid?«

Lily überlegte stirnrunzelnd. »Komisch, weil es dort anders zuging. Sie hatten Dinge gelernt, die meine Gruppe nicht kannte, und deshalb kamen wir uns dumm vor.«

Vater hatte interessiert zugehört.

»Lily, ich denke gerade an den Jungen, der heute gegen die Regeln verstoßen hat«, sagte er. »Wäre es nicht möglich, dass er sich komisch und dumm vorkam, weil er an einem fremden Ort war, dessen Regeln er nicht kannte?«

Lily überlegte lange. »Ja«, sagte sie schließlich.

»Mir tut er ein bisschen leid«, sagte Jonas, »obwohl ich ihn gar nicht kenne. Mir tut jeder leid, der an einem Ort ist, an dem er sich komisch und dumm vorkommt.«

»Wie fühlst du dich jetzt, Lily?«, fragte Vater. »Immer noch verärgert?«

»Ich glaube nicht«, erklärte Lily. »Jetzt tut er mir auch ein bisschen leid.« Sie grinste verlegen. »Mir tut auch leid, dass ich eine Faust gemacht habe.«

Jonas lächelte seiner Schwester zu. Lilys Gefühle waren immer so direkt, geradlinig und normalerweise leicht zu erklären. Er vermutete, dass auch seine so gewesen waren, als er noch ein Siebener gewesen war.

Höflich, wenn auch nicht sehr aufmerksam, hörte er zu, als sein Vater an der Reihe war und schilderte, was ihm heute während der Arbeit zu schaffen gemacht hatte. Es ging um ein Kleinkind, das Schwierigkeiten machte. Jonas’ Vater war Säuglingspfleger. Er und die anderen Pfleger waren für die körperlichen und seelischen Bedürfnisse der Neugeborenen zuständig. Es war ein sehr wichtiger Beruf, das wusste Jonas, allerdings keiner, der ihn besonders fasziniert hätte.

»Welches Geschlecht hat das Kind?«, wollte Lily wissen.

»Es ist ein Junge«, sagte Vater. »Ein süßer kleiner Junge mit besten Anlagen. Aber er entwickelt sich körperlich nicht so, wie er sollte, und schläft auch noch nicht durch. Seit einiger Zeit geben wir ihm eine Spezialnahrung, aber das Komitee überlegt sich allmählich, ob er vielleicht freigegeben werden sollte.«

»O nein!«, rief Mutter mitfühlend. »Ich verstehe, wie traurig dich das machen muss.«

Auch Jonas und Lily konnten Vaters Gefühle nachvollziehen. Es war immer traurig, wenn ein Neugeborenes von der Gemeinschaft freigegeben werden musste, weil es das Leben in ihrer Mitte noch nicht hatte genießen können. Und es hatte auch nichts falsch gemacht. Es gab nur zwei Arten des Freigebens, die keine Strafmaßnahme darstellten. Das betraf zum einen die Alten, für die bei diesem Anlass eine Abschiedsfeier stattfand, bei der ihr gutes und erfülltes Leben gewürdigt wurde; zum anderen die Säuglinge, deren Abschied mit einem Gefühl des Bedauerns einherging, weil ihnen so vieles entgehen würde. Besonders traurig war dies für die Pfleger wie Vater, die bei einem solchen Anlass das Gefühl hatten, sie hätten versagt. Aber zum Glück kam das nur selten vor.

»Nun«, sagte Vater, »ich versuche es weiter. Ich könnte das Komitee um die Erlaubnis bitten, ihn nachts hierherbringen zu dürfen, falls ihr nichts dagegen habt. Ihr wisst ja, wie die Pfleger der Nachtschicht sind. Ich glaube, der kleine Kerl braucht einfach etwas mehr Zuwendung.«

»Aber natürlich«, sagte Mutter und Jonas und Lily nickten zustimmend. Ihr Vater hatte sich schon oft über die Pfleger der Nachtschicht beschwert. Denn dort arbeiteten Pfleger, denen das Interesse, das Geschick oder das Verständnis für die wichtigeren Aufgaben der Tagesarbeit fehlten, und die Arbeit in der Nachtschicht war auch weniger angesehen. Den meisten Pflegern in der Nachtschicht war nicht einmal ein Ehepartner zugeteilt worden, weil ihnen die wichtige Fähigkeit fehlte, Beziehungen aufbauen zu können, was für die Gründung einer Familie als unerlässlich galt.

»Vielleicht können wir ihn sogar behalten«, schlug Lily mit unschuldigem Augenaufschlag vor. Aber sie meinte es nicht ernst. Das wusste Jonas und das wussten alle.

»Lily«, ermahnte Mutter sie mit einem Lächeln, »du kennst die Regeln!«

Zwei Kinder – ein männliches und ein weibliches – für jede Familieneinheit, so stand es klar und deutlich in den Regeln.

Lily kicherte. »Na ja«, sagte sie, »ich dachte, man könnte vielleicht einmal eine Ausnahme machen.«

Als Nächste sprach Mutter, die eine führende Stellung bei Gericht bekleidete, über ihre Gefühle. Heute war ihr ein Wiederholungstäter vorgeführt worden, jemand, der bereits einmal gegen die Regeln verstoßen hatte. Jemand, von dem sie geglaubt hatte, ihn angemessen und gerecht bestraft zu haben, und der seinen Platz in der Gesellschaft wieder eingenommen hatte: bei seiner Arbeit und in seiner Familie. Ihn ein zweites Mal vorgeführt zu bekommen war eine herbe Enttäuschung für sie gewesen und machte sie jetzt noch wütend. Sie hatte auch Schuldgefühle, weil es ihr offensichtlich nicht gelungen war, nachhaltig auf seinen Lebenswandel einzuwirken.

»Ich habe auch Angst um ihn«, gestand Mutter. »Ihr wisst ja, dass er keine dritte Chance hat. Die Regeln besagen, dass er im Falle eines dritten Vergehens freigegeben wird.«

Jonas schauderte. Er wusste, dass so etwas geschah. Auch der Vater eines Jungen aus seiner Elfergruppe war vor Jahren freigegeben worden. Darüber wurde nie gesprochen, die Schande war grenzenlos. Das Ganze war einfach unvorstellbar.

Lily stand auf, ging zu ihrer Mutter hinüber und streichelte ihren Arm.

Vater blieb auf seinem Platz sitzen und nahm Mutters Hand. Jonas ergriff die andere.

Einer nach dem anderen versuchte, sie zu trösten. Nach einigen Minuten lächelte sie wieder und dankte ihnen mit belegter Stimme.

Die Aussprache wurde fortgesetzt. »Jonas?«, fragte Vater. »Du bist heute der Letzte.«

Jonas seufzte. Heute Abend hätte er es fast vorgezogen, seine Gefühle für sich zu behalten. Aber das widersprach natürlich den Regeln.

»Ich bin irgendwie besorgt«, gestand er schließlich, froh darüber, dass ihm der richtige Ausdruck doch noch eingefallen war.

»Worüber, mein Sohn?«, fragte Vater fürsorglich.

»Ich weiß, dass ich mir keine Sorgen machen müsste«, erklärte Jonas, »und dass jeder Erwachsene das mitgemacht hat. Du, Vater, und auch du, Mutter. Es geht um die große alljährliche Zeremonie. Bald ist Dezember.«

Mit großen Augen blickte Lily auf. »Die Zwölfer-Zeremonie«, flüsterte sie ehrfürchtig. Schon die Kleinsten – in Lilys Alter und noch jünger – wussten, dass sich da die Zukunft eines jeden entscheiden würde.

»Ich bin froh, dass du uns von deinen Gefühlen erzählt hast«, sagte Vater.

»Lily«, sagte Mutter und gab dem Mädchen ein Zeichen. »Zieh dir schon mal dein Nachthemd an. Vater und ich unterhalten uns noch ein Weilchen mit Jonas.«

Lily seufzte zwar, aber gehorsam glitt sie von ihrem Stuhl. »Vertraulich?«, fragte sie.

Mutter nickte. »Ja, ein vertrauliches Gespräch mit Jonas.«

2

Jonas beobachtete seinen Vater, als dieser sich eine Tasse Kaffee nachschenkte. Er wartete.

»Weißt du«, sagte sein Vater schließlich, »als ich noch klein war, fand ich jeden Dezember aufregend, genau wie du und Lily sicherlich auch. Jeder Dezember bringt Veränderungen mit sich.«

Jonas nickte. Er konnte sich an alle vergangenen Dezember erinnern, bis damals, als er vermutlich ein Vierer gewesen war. An die früheren nicht. Aber er verfolgte sie jedes Jahr sehr aufmerksam und er erinnerte sich noch gut an Lilys erste Dezember-Zeremonien. Besonders an ihren ersten Dezember, als Lily einen Namen bekommen hatte und seiner Familie zugeteilt worden war – am Tag, als sie ein Einser geworden war.

Die Zeremonie für die Einser war immer recht laut und lustig. Jedes Jahr im Dezember wurden die im Laufe des Jahres geborenen Kinder zu Einsern ernannt. Nacheinander wurden sie – es waren immer fünfzig Kinder pro Gruppe, falls keines freigegeben worden war – von den Pflegern, die sie seit ihrer Geburt betreut hatten, auf die Bühne gebracht. Manche, die bereits gehen konnten, tapsten unsicher auf ihren stämmigen Beinchen herein. Andere waren erst wenige Wochen oder Monate alt und wurden, in Decken gewickelt, von ihren Pflegern hereingetragen.

»Mir gefällt die Namensgebung«, sagte Jonas.

Seine Mutter nickte lächelnd. »In dem Jahr, als wir Lily bekamen, wussten wir natürlich, dass wir unser Mädchen bekommen würden, denn wir hatten einen Antrag gestellt, der genehmigt worden war. Aber ich habe mich ständig gefragt, wie es wohl heißen würde.«

»Ich hätte vor der Zeremonie heimlich einen Blick auf die Liste werfen können«, gestand Vater. »Das Komitee erstellt immer im Voraus eine Liste, die dann ein paar Tage im Büro des Säuglingszentrums liegt. Ich muss euch jetzt etwas gestehen«, fuhr er fort, »ich habe zwar ein etwas schlechtes Gewissen, aber heute Nachmittag bin ich tatsächlich ins Büro gegangen, um zu sehen, ob die neue Liste bereits vorliegt. Sie liegt auch schon da und ich sah schnell nach Nummer sechsunddreißig – das ist der kleine Kerl, der mir Sorgen macht –, denn mir kam der Gedanke, dass es vielleicht gut für ihn wäre, wenn ich ihn bei seinem Namen nennen würde. Natürlich nur, wenn niemand in der Nähe ist.«

»Hast du den Namen entdeckt?«, fragte Jonas ganz fasziniert.

Es war zwar keine schrecklich bedeutende Regel, aber die Tatsache, dass sein Vater gegen eine Regel verstoßen hatte, überraschte ihn. Er warf einen raschen Blick auf seine Mutter, die für die Einhaltung der Regeln zuständig war, und sah zu seiner Erleichterung, dass sie schmunzelte.

Sein Vater nickte.

»Er wird – falls er nicht vorher freigegeben wird – Gabriel heißen. Diesen Namen werde ich ihm jetzt zuflüstern, wenn ich ihn alle vier Stunden füttere und während der Gymnastik und beim Spielen. Wenn mich niemand hören kann. Eigentlich nenne ich ihn Eli«, gestand er mit einem schelmischen Grinsen.

»Eli«, wiederholte Jonas versuchsweise. Ein schöner Name, wie er fand.

Obwohl Jonas erst ein Fünfer gewesen war, als sie Lily zugeteilt bekommen und ihren Namen erfahren hatten, erinnerte er sich noch gut an die Aufregung und die langen Gespräche, in denen es um das erwartete Mädchen ging: wie es aussehen und sein und wie es sich in ihre Familie einfügen würde. Er erinnerte sich auch daran, wie er mit seinen Eltern die Stufen zur Bühne hochgeklettert war. In jenem Jahr war Vater bei ihnen und nicht bei den Pflegern gewesen, weil er ja selbst ein neues Kind zugeteilt bekommen hatte.

Er erinnerte sich, wie Mutter das Kind, seine neue Schwester, in die Arme genommen hatte, während der Namensgeber den versammelten Mitgliedern der Gemeinschaft vorgelesen hatte: »Kind Nummer dreiundzwanzig: Lily.«

Er erinnerte sich noch gut, wie Vater sich gefreut und ihm zugeflüstert hatte: »Sie ist einer meiner Lieblinge. Ich hatte gehofft, dass sie es sein würde.«

Die Menschenmenge hatte applaudiert und Jonas hatte vor Freude gestrahlt. Ihm gefiel der Name seiner neuen Schwester. Lily ballte im Halbschlaf ihre kleinen Fäuste. Dann gingen sie wieder von der Bühne, um dem nächsten Elternpaar Platz zu machen.

»Als ich wie du ein Elfer war«, sagte sein Vater nun, »konnte ich die Zwölfer-Zeremonie kaum erwarten. Es waren zwei harte Tage. Ich weiß noch, dass mir die Einser-Zeremonie gefiel, wie immer, aber bei den anderen Zeremonien passte ich kaum auf, außer bei der meiner Schwester. Sie wurde ein Neuner damals und bekam ihr Fahrrad. Ich hatte ihr das Fahren auf meinem Rad bereits beigebracht, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist.«

Jonas lachte. Das war eine der wenigen Regeln, die nicht sehr ernst genommen und fast immer gebrochen wurden. Erst als Neuner bekamen die Kinder ihre Fahrräder. Vorher durften sie nicht fahren. Aber fast immer brachten der ältere Bruder, die ältere Schwester oder ältere Freunde es ihnen vorher heimlich bei. Auch Jonas hatte sich bereits überlegt, wann er Lily zum ersten Mal auf seinem Rad fahren lassen würde.

Es war im Gespräch, diese Regel abzuändern und die Fahrräder in einem früheren Alter zuzuteilen. Ein Komitee beriet über diesen Vorschlag. Wenn ein Komitee über einen Vorschlag beriet, machten die Leute immer ihre Witze darüber. Sie behaupteten, dass die Mitglieder des Komitees sicher längst im Altenzentrum sein würden, ehe über die Änderung beschlossen werden würde.

Eine Regel zu ändern war sehr schwierig. Manchmal, wenn es eine sehr wichtige Regel war – nicht etwa eine, die das Alter für das Radfahren betraf –, wurde sie nach der Beratungs- und Abstimmungsphase auch noch dem Hüter der Erinnerungen vorgelegt. Der Hüter der Erinnerungen war der wichtigste Älteste der Gemeinschaft. Soweit er sich erinnerte, hatte Jonas ihn noch niemals gesehen. Jemand in dieser wichtigen Position lebte und arbeitete allein. Aber mit Kleinigkeiten wie der Fahrradfrage würde das Komitee den Hüter der Erinnerungen niemals belästigen. Sie würden nur jahrelang darüber diskutieren, bis die Bürger schließlich vergessen haben würden, dass jemals ein diesbezüglicher Vorschlag eingereicht worden war.

Sein Vater fuhr fort. »Ich applaudierte begeistert, als meine Schwester Katja ein Neuner wurde, ihr Haarband ablegen durfte und ihr Rad bekam«, sagte Vater. »Den Zehnern und Elfern habe ich keine große Beachtung geschenkt. Doch schließlich, am Ende des zweiten Tages, der kein Ende zu nehmen schien, war ich an der Reihe. Endlich fand die Zwölfer-Zeremonie statt.«

Jonas bekam eine Gänsehaut. Er stellte sich vor, wie sein Vater – der bestimmt ein schüchterner, ruhiger Junge gewesen war, denn er war jetzt ein schüchterner, ruhiger Mann – bei seiner Gruppe saß und darauf wartete, auf die Bühne gerufen zu werden. Die Zwölfer-Zeremonie war die letzte Zeremonie. Und die wichtigste.

»Ich weiß noch, wie stolz meine Eltern und auch meine Schwester waren. Obwohl sie es kaum erwarten konnte, endlich nach draußen zu gehen, um eine Probefahrt auf ihrem neuen Rad zu machen, hörte sie auf herumzuzappeln und saß mucksmäuschenstill auf ihrem Stuhl, als ich an die Reihe kam. Doch um ehrlich zu sein, Jonas«, sagte sein Vater, »ich hatte nicht diese Ungewissheit wie du. In meinem Fall war es so gut wie sicher, welche zukünftige Aufgabe mir zugeteilt werden würde.«

Jonas war überrascht. Es gab wirklich keine Möglichkeit, das im Voraus zu wissen. Es war eine geheime Abstimmung unter den Führern der Gemeinschaft, dem Komitee der Ältesten, die ihre Verantwortung so ernst nahmen, dass über die Berufsvergabe niemals auch nur der kleinste Witz gemacht wurde.

Auch seine Mutter schien überrascht. »Wie konntest du das wissen?«, fragte sie.

Vater lächelte geheimnisvoll. »Nun, es war mir klar – und meine Eltern gestanden mir später, dass es auch ihnen klar war –, auf welchem Gebiet meine Fähigkeiten und Neigungen lagen. Ich habe Säuglinge schon immer über alles gemocht. Während die Freunde in meinem Alter Radrennen veranstalteten, mit Bauklötzen Autos oder Türme bauten oder …«

»All das, was ich mit meinen Freunden auch mache«, sagte Jonas und seine Mutter nickte zustimmend.

»Daran habe ich natürlich immer teilgenommen, weil man als Kind alle diese Dinge ausprobieren muss. Und genau wie du, Jonas, habe ich in der Schule immer fleißig gelernt. Aber immer wieder habe ich meine Freizeit bei den Säuglingen verbracht. Fast alle meine Praktikumsstunden habe ich im Säuglingszentrum zugebracht, was die Ältesten natürlich wussten.«

Jonas nickte. Im Laufe des vergangenen Jahres war es ihm nicht entgangen, dass er intensiv beobachtet wurde. In der Schule, während der Freizeit und bei seinen Praktikumsstunden hatte er bemerkt, dass die Ältesten ihn und die anderen Elfer beobachteten. Er hatte gesehen, dass sie sich Notizen machten. Er wusste auch, dass die Ältesten sich mit allen Lehrern besprochen hatten, die er und die anderen Elfer im Laufe der letzten Schuljahre gehabt hatten.

»Deshalb hatte ich damit gerechnet und freute mich, aber ich war kein bisschen überrascht, als mir eröffnet wurde, dass ich Säuglingspfleger werden würde«, erklärte Vater.

»Haben alle applaudiert, obwohl es für niemanden eine Überraschung war?«, wollte Jonas wissen.

»Oh, natürlich. Sie freuten sich für mich, weil es genau die Aufgabe war, die ich mir gewünscht hatte«, erklärte Vater lächelnd.

»Gab es damals in jenem Jahr auch Elfer, die enttäuscht waren?«, erkundigte sich Jonas. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte er nicht die leiseste Ahnung, welche Aufgabe ihm zugeteilt werden würde. Aber er wusste, dass er bei einigen enttäuscht sein würde. Obwohl er die Arbeit seines Vaters achtete, entsprach sie nicht seinen Vorstellungen. Körperliche Arbeiten lagen ihm auch nicht.

Sein Vater überlegte. »Nein, ich glaube nicht. Die Ältesten treffen ihre Entscheidungen erst nach langer Beobachtung und reiflicher Überlegung.«

»Ich finde, dass deine Arbeit wahrscheinlich die wichtigste in unserer Gemeinschaft ist«, sagte Mutter.

»Meine Freundin Yoshiko war überrascht über ihre Bestimmung zur Ärztin«, sagte Vater, »aber sie war begeistert. Und, lass mich überlegen, da war noch Andrei. Ich erinnere mich, dass er, als wir noch Kinder waren, eine Abneigung gegen körperliche Betätigungen hatte. Er verbrachte seine ganze Freizeit mit seinem Baukasten und seine Praktikumsstunden verbrachte er immer dort, wo etwas gebaut wurde. Das wussten die Ältesten natürlich. Andrei durfte Ingenieur werden und er war überglücklich.«

»Später hat Andrei die Brücke entworfen, die im Westen der Stadt über den Fluss führt«, ergänzte Jonas’ Mutter. »Als wir klein waren, gab es sie noch nicht.«

»Es kommt sehr selten vor, dass jemand enttäuscht ist, Jonas. Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst«, versicherte ihm sein Vater. »Und falls doch, gibt es immer noch die Möglichkeit, Einspruch zu erheben.« Über diese Bemerkung lachten alle, denn ein Einspruch würde einem Komitee zur Überprüfung vorgelegt werden.

»Ashers Bestimmung macht mir etwas Kopfzerbrechen«, gab Jonas zu. »Er ist ein richtiger Kindskopf. Aber er hat keine ernsthaften Interessen. Für ihn ist alles ein Spiel.«

Sein Vater schmunzelte. »Oh, ich erinnere mich noch gut an Asher als Säugling bei uns im Zentrum, als er noch keinen Namen hatte. Er weinte nie. Ständig kicherte und lachte er. Das Personal hat sich darum gerissen, ihn füttern zu dürfen.«

»Die Ältesten kennen Asher«, sagte Mutter. »Sie werden ihm die richtige Aufgabe zuteilen. Ich glaube nicht, dass du dir seinetwegen Sorgen machen musst. Aber, Jonas, ich muss dir etwas sagen, was dir vielleicht noch gar nicht in den Sinn gekommen ist. Ich weiß noch, dass es mir erst nach meiner Zwölfer-Zeremonie klar geworden ist.«

»Was?«

»Nun, wie du weißt, wird es deine letzte Zeremonie sein. Nach zwölf ist das Alter nicht mehr wichtig. Mit den Jahren vergessen die meisten von uns, wie alt sie inzwischen sind, obwohl wir es natürlich im Saal der offenen Bücher nachschauen könnten, wenn wir das wollten. Was wichtig ist, ist die Vorbereitung auf das Erwachsenenleben und die Ausbildung, die dir für deinen späteren Beruf zuteilwird.«

»Ich weiß«, sagte Jonas. »Das weiß jeder.«

»Aber es bedeutet«, fuhr seine Mutter fort, »dass du in eine neue Gruppe kommst. Das gilt auch für deine Freunde. Du wirst deine Zeit nicht mehr mit den jetzigen Elfern verbringen. Nach der Zwölfer-Zeremonie wirst du in eine neue Gruppe kommen, zu denen, die dieselbe Ausbildung erhalten. Es gibt keine Praktikumsstunden mehr, keine Spielstunden. Deshalb wirst du deine bisherigen Freunde etwas aus den Augen verlieren.«

Jonas schüttelte den Kopf. »Asher und ich werden Freunde bleiben«, sagte er im Brustton der Überzeugung. »Außerdem gibt es ja noch die Schule.«

»Das stimmt natürlich«, bestätigte sein Vater. »Aber auch das, was deine Mutter sagte, trifft zu. Manches wird sich ändern.«

»Allerdings zum Guten«, bestätigte Mutter. »Nach der Zwölfer-Zeremonie habe ich anfangs die Spielstunden vermisst. Doch als ich dann meine Studien der Rechtswissenschaft aufnahm, kam ich mit Menschen zusammen, die meine Interessen teilten. Ich schloss Freundschaften auf einer neuen Ebene, fand Freunde in jedem Alter.«

»Hast du nach zwölf überhaupt nicht mehr gespielt?«, fragte Jonas.

»Gelegentlich«, antwortete seine Mutter. »Aber es war mir nicht mehr so wichtig.«

»Mir schon«, erklärte sein Vater lachend. »Mir ist es heute noch sehr wichtig. Jeden Tag, im Säuglingszentrum, spiele ich – Hoppe, hoppe, Reiter, Armkitzeln und so fort.« Er streckte den Arm aus und strich Jonas über das kurz geschnittene Haar. »Man kann auch mit zwölf und danach noch Spaß haben.«