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F wie Freundschaft Es gibt zu Hause mächtig Ärger, als der 14-jährige Lennox wegen Sachbeschädigung von der Polizeiwache abgeholt werden muss. Dass er deswegen zu Sozialstunden verurteilt wird, reicht dem Vater allerdings nicht als »pädagogische Maßnahme«. Daher heißt es für Lennox: Handyverbot für zwei Monate, kein Handballtraining, Nachhilfe statt Sardinien in den Ferien und nebst den Sozialstunden noch ein weiteres »freiwilliges soziales Projekt« obendrauf. Schöne Sch… Die 16-jährige Rollstuhlfahrerin Grit, deren Eltern eine Assistenz für die Tochter suchen, möchte allerdings kein »Projekt« sein und macht es Lennox alles andere als leicht. Doch nützlich könnte er für ihren geheimen Plan durchaus sein … Am Ende entsteht aus dem unfreiwilligen Projekt eine ungewöhnliche Freundschaft. Judith Mohr gelingt es mit Sprachwitz und einem fantastischen Gespür für die Jugendlichen und ihre Wünsche, Sorgen und Hoffnungen, eine Freundschaftsgeschichte zu erzählen, die man selbst gerne erlebt hätte.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2025
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JUDITH MOHR
VERLAG FREIES GEISTESLEBEN
FÜR LALA AUCH EIN EINHORN UNTER DEN TANTEN
Ä WIE ÄRGER
B WIE BESTRAFUNG
E WIE ENGEL
R WIE RICHTER
F WIE FREIWILLIG
M WIE MIEKE
H WIE HILFE
E WIE EINHORN
W WIE WAFFENSTILLSTAND
P WIE PLAN
A WIE ABC
M WIE MÄDCHEN
Z WIE ZUHAUSE
P WIE PARK
G WIE GEIGE
S WIE SHOPPING
P WIE PFERD
K WIE KARAOKE
V WIE VERGEBUNG
H WIE HEILE WELT
L WIE LERNEN
H WIE HANDBALL
S WIE SCHILD
G WIE GEBRAUCHSANWEISUNG
Z WIE ZORRO
P WIE PRINZIP
B WIE BASKETBALL
K WIE KRANKENHAUS
S WIE SCHULE
G WIE GESPRÄCH
S WIE STREIT
O WIE OHNE
R WIE RADIO
T WIE TÜRSPALT
S WIE SCHLITTSCHUHLAUFEN
D WIE DANKSAGUNG
Der jüngere Polizist macht ein Foto von meinen Fingern. Mehrere, um genau zu sein. Ich soll die Hand ein Stück drehen, damit die rote Sprühfarbe auf meinen Fingern gut zu sehen ist. Ein Beweis!
Der alte Polizist stopft schnaufend das Telefon zurück in die Ladestation. «So, dein Vater ist unterwegs, Junge!» Er starrt mich missgelaunt an und schüttelt den Kopf. «Der ist aber kein Anwalt oder so etwas? Hä?»
«Nein, er arbeitet in einer Bank.» Meine Stimme klingt ganz schön dünn.
«Wenigstens was! Weißt du, was mein Vater mit mir gemacht hat, wenn ich solchen Mist gebaut habe?» Er wartet nicht auf meine Antwort. «Ich musste mich über einen Stuhl legen und er hat mir mit seinem Gürtel den Hintern versohlt, bis ich nicht mehr ‹piep› sagen konnte. Aber heutzutage!» Er schnauft unzufrieden. «Da bringen die Papis gleich ihre Anwälte mit und wehe wir haben die kleinen Unschuldslämmer auch nur schief angesehen!»
«Keine Sorge, er wird stocksauer auf mich sein», murmele ich. Mein Vater wird mich ganz gewiss nicht schlagen, aber ich werde mich für die nächsten fünf Jahre wahrscheinlich von meinem Handy und allem anderen, was Spaß macht, verabschieden können.
«Na wenigstens was», brummt der ältere Polizist undeutlich, aber doch sichtlich zufrieden.
Mein Vater ist wie erwartet das komplette Gegenteil von zufrieden. «Wie kann man nur so dumm sein?», faucht er mich an. «Hast du auch nur einen Moment lang darüber nachgedacht, was du da für einen Mist verzapfst?»
Ich glaube nicht, dass er wirklich eine Antwort hören will. Schnaufend lässt er sich auf einen Stuhl fallen.
Der ältere Polizist leiert eine ziemlich auswendig gelernt klingende Ansprache über mein Recht zu schweigen herunter. «Möchten Sie und Ihr Sohn davon Gebrauch machen?», fragt er und sieht meinen Vater halb fragend, halb abschätzig an. Doch der winkt nur ab. Dann faucht er mich an: «Du redest besser!»
Zuerst aber redet der Polizist noch einmal und erzählt meinem Vater haarklein, wie sie mich geschnappt haben. «Wir waren auch schon so frei und haben ein paar Beweisfotos gemacht, während wir auf Sie gewartet haben. Hätten wir eh gemacht, wissen Sie. Egal ob mit oder ohne Anwalt. Mein Kollege zeigt sie Ihnen natürlich.»
Der jüngere Polizist tippt noch konzentriert etwas in seinen Computer, dann dreht er den Bildschirm und zeigt uns die Fotos von meinen rot besprühten Fingern. Mein Vater nickt nur.
«So, Lennox», sagt der Polizist schließlich gedehnt und schaut mich kalt wie eine Schlange an, «jetzt mal raus mit der Sprache: Wer waren die zwei anderen Spezialisten? Ich will Namen!»
Einen Teufel werde ich tun! Thorge ist größer als ich und Arne kompromissloser. Ich schüttele stumm den Kopf.
Der Polizist blickt mich immer noch starr an, ohne zu blinzeln. «Wir bekommen es sowieso heraus, der Spaziergänger, der uns angerufen hat, kann sie bestimmt beschreiben. Du würdest das Ganze lediglich beschleunigen.» Er sagt das ganz ernsthaft. Ich glaube ihm sogar schon halb.
Er versucht es jetzt anders. «Sind das gute Kumpel von dir?»
Ich zucke mit den Schultern. Eigentlich nicht besonders. Zumindest Arne nicht. Er war auch als Erster wieder über den Zaun, ohne sich nach Thorge und mir auch nur umzusehen, als die Polizisten kamen.
Mein Vater holt gereizt Luft, doch der Polizist winkt ihm zu, sich zurückzuhalten.
«Glaubst du, sie würden auch für dich dichthalten, wenn sie hier säßen?»
Keine Ahnung. Thorge vielleicht. Arne? Ich zucke wieder mit den Schultern.
Eine Weile mustert er mich stumm. Schließlich weiche ich seinem Blick aus. «Schau mich mal an!», befiehlt er prompt.
Da ich weder abgebrüht noch sonst etwas bin, gehorche ich.
Er lehnt sich jetzt weit über den Tisch und schaut mir direkt in die Augen. «Du hast Angst, dass sie sich an dir rächen, wenn du sie verrätst, stimmt’s?»
Mein Zusammenzucken beantwortet seine Frage. Zufrieden nickt er und lässt sich wieder in seinen Schreibtischstuhl sinken. «Hab ich mir schon gedacht.» Immer noch fixiert er mich. Mein Shirt klebt mir unangenehm am Rücken und mir wird langsam, aber sicher schlecht.
Ich halte seinen Blick einfach nicht mehr aus. «Dürften Sie denen denn sagen, dass ich ihre Namen genannt habe?»
Er beantwortet diese Frage nicht, sondern sagt stattdessen: «Für dich sähe das etwas besser aus, wenn du mit der Polizei kooperieren würdest. Richter sehen so etwas äußerst gern.»
Richter? Was für Richter? Muss ich etwa vor Gericht? Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Mein Vater wird einen Riesenanfall bekommen! Sein Sohn muss vor Gericht!
Der Anfall meines Vaters scheint aber noch auf sich warten zu lassen, er starrt gerade wie in Schockstarre vor sich hin. Hat er das Wort ‹Richter› überhaupt mitbekommen?
«Fragen Sie doch mal meinen Vater, mit wem ich vorhin weggefahren bin.»
Der Polizist grinst breit. «Na, also! Gar nicht so dumm für jemanden, der so einen Mist anstellt!»
Mein Vater ist da offensichtlich anderer Meinung. Jetzt kann er nicht mehr an sich halten.
«Nicht dumm?! Was soll dieser Affenzirkus! Das wird ernste Konsequenzen haben, Freundchen!»
«Jawohl!», pflichtet ihm der alte Polizist bei. «Zumindest wenn die Jugendstaatsanwaltschaft Anklage erhebt, wovon Sie lieber mal ausgehen sollten. Vandalismus schätzen die nicht. In dem Fall wird Ihr Sohn eine schriftliche Anklage wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch erhalten.»
«Anklage?» Mein Vater schaut verwirrt drein und streicht sich unbewusst über die kurzen, grauen Haare an seiner Schläfe. Ansonsten sind seine Haare noch ziemlich dunkel, aber dort über dem Ohr sammeln sich die hellen Haare. Er hat das also tatsächlich eben nicht richtig mitgeschnitten.
«Wegen der Gerichtsverhandlung», erklärt der Beamte knapp.
Mein Vater killt mich gerade mit Blicken. «Eine Gerichtsverhandlung? Braucht er einen Anwalt?»
«Nein, nein», meint der jüngere Polizist, «Jugendstrafsache, da brauchen Sie keinen Anwalt. Können Sie aber natürlich machen, steht Ihnen frei. Allerdings ist die Sachlage eh eindeutig.» Er zeigt auf meine Finger, auf denen noch deutlich die Spuren der roten Sprühfarbe zu sehen sind.
Schuldbewusst schiebe ich meine Hände in die Bauchtasche meines orangefarbenen Lieblingshoodies.
Es war natürlich Arnes Idee, das Ding anzusprühen. Aber ich habe es gemacht.
«Wir wüssten nur gern noch die Sache mit den Mittätern: Als Ihr Sohn vorhin das Haus verlassen hat, mit wem hat er sich getroffen?»
Wieder wirft mir mein Vater einen bitterbösen Blick zu. «Thorge irgendwas und der andere heißt … heißt …» Er überlegt. «Das war dieser Fiese mit der schlimmen Frisur, den Bengel konnte ich noch nie leiden.» Der Polizist schreibt eifrig mit. Ob er auch ‹schlimme Frisur› mitgeschrieben hat?
Arne hat einen Undercut. Den hat im Moment jeder Dritte. Aber für meinen Vater ist es natürlich eine ‹ schlimme Frisur›.
«Vielleicht sagst du auch mal was!», ranzt er mich an und verpasst mir einen Knuff gegen die Schulter.
Ich starre auf meine Schuhe und schweige.
Mein Vater seufzt genervt. «Darf ich eben meine Frau anrufen? Die weiß die Namen bestimmt.»
Das Telefonat ist kurz, mein Vater spricht laut und abgehackt. Seine linke Hand zerknittert derweil genervt sein Sakko, das er unter der offenen Jacke trägt. Das muss er extra angezogen haben, bevor er mich abholen gekommen ist. Normalerweise trägt er um diese Zeit bereits einen Pullover. Meine Mutter antwortet kurz, dann sagt er noch «Aha. Bis gleich» und legt auf.
Er lässt das Handy wieder in seine Jackentasche gleiten. «Golecka. Thorge Golecka. Und Arne Täufer heißt der andere Knabe. Der wohnt im Albertring.»
Noch ein paar Unterschriften auf irgendwelchen Formularen, dann können wir gehen.
Das Auto meines Vaters steht auf dem Parkplatz vor der Polizeiwache. Die beiden Polizisten begleiten uns nach draußen, sie sind wahrscheinlich schon auf dem Weg zu den Goleckas und den Täufers.
«Einsteigen!», kommandiert mein Vater.
Ich steige ein, ziehe die Tür zu und schnalle mich an. Am liebsten würde ich im Sitz versinken. Das Auto riecht nach Erfolg und gutem Ruf. Alles, was meinem Vater wichtig ist. Das habe ich jetzt wohl vermasselt.
«So etwas Dämliches wie dich gibt es auch nicht noch mal!», schimpft mein Vater. Sein Gesicht ist unnatürlich rot. Spuckeschaum hat sich in seinen Mundwinkeln gesammelt. Sieht aus wie Tollwut, ist aber leider nur Letzteres ohne jegliches ‹toll›. «Was hast du dir dabei nur gedacht?!»
«Gar nichts», murmele ich.
«Gar nichts? Was soll das denn bitte für eine Antwort sein?»
Ich schweige.
«Und was sollte dieser Zirkus, dass ich deine Mutter anrufen musste, um die Namen von diesen zwei anderen Idioten herauszubekommen?»
Ich schweige immer noch.
Mein Vater haut so kräftig aufs Armaturenbrett, dass ich von dem Knall zusammenzucke. «Jetzt antworte gefälligst, sonst vergesse ich mich noch!»
«Hast du eine Ahnung, was die mit mir anstellen, wenn die herausfänden, dass ich sie verpfiffen hätte?»
Mein Vater schnaubt unwillig. «Was macht das bitte für einen Unterschied? Jetzt hat die Polizei doch ihre Namen.»
«Schon, aber jetzt kann ich sagen, dass meine Eltern uns gemeinsam weggehen gesehen haben und der Polizei die Namen genannt haben.»
Sein Blick durchbohrt mich wieder. «Ach, und du hättest ihnen diese Geschichte nicht einfach auftischen können ohne das Brimborium vorweg?»
«Du sagst doch immer, man darf nicht lügen», wende ich ein.
«Halt bloß den Mund, du … Glaub ja nicht, dass ich mir von dir irgendwelche Frechheiten gefallen lassen werde!»
Er hat sich weit zu mir herüber gebeugt und Spucketröpfchen sprühen mir beim Reden aus seinem Mund ins Gesicht. So sauer habe ich ihn noch nie gesehen, ich sage aber lieber nichts.
Während mein Vater auch zu Hause noch vor Zorn bebt, schaut mich meine Mutter zutiefst enttäuscht an.
«Lenny, was ist denn nur in dich gefahren?» Selbst ihre Stimme klingt enttäuscht. Mit den Händen streicht sie unruhig ihr langes, blondiertes Haar hinters Ohr.
Ich zucke mit den Schultern.
«Was hat er denn jetzt genau angestellt?», fragt sie meinen Vater.
«Was dein Sohn angestellt hat?» Er springt aus dem Sessel auf, in den er sich eben gerade erst hat fallen lassen. Unruhig geht er vor dem Sofa auf und ab, auf dem meine Mutter und ich sitzen. Jedes seiner Worte unterstreicht er mit ausladenden Gesten.
«Dieser kleine Idiot ist mit seinen mindestens ebenso idiotischen Freunden beim Regenbogenkindergarten über den Zaun gestiegen, Alexandra, und hat dort ein Spielgerät zerstört! Einfach so, weil dem hochwohlgeborenen Söhnchen langweilig war.»
Das stimmt so nicht. Erstens sind Thorge, Arne und ich keine Freunde. Zweitens haben wir das Holzflugzeug gar nicht zerstört. Arne hat lediglich den Propeller abgerissen und ich habe was auf die Windschutzscheibe gesprüht. Ein vergessener Eimer ist noch zu Bruch gegangen, als Arne draufgesprungen ist. Drittens war mir nicht langweilig, sondern ich war einfach nur genervt. Es waren ein paar zu viele Dinge für meinen Geschmack schiefgelaufen. Beim Frühstück hatten mir meine Eltern eröffnet, dass ich in den Herbstferien für eine Woche in die Englisch-Nachhilfe müsste. Kompaktkurs. Jeden Nachmittag zwei Stunden.
«Wie kann man nur in Englisch eine Vier schreiben!», hatte sich mein Vater ereifert. «Englisch ist die wichtigste Wirtschaftssprache! Das kann man nicht einfach so schleifen lassen! Glaubst du, ich käme ohne Englisch in meinem Job weiter?» Meine Mutter hatte ihm zugestimmt und den Kompaktkurs gebucht. An diesem Morgen hatte sie per E-Mail die Zusage erhalten.
In der Schule hatten wir in drei Fächern mündliche Noten besprochen und in keinem davon sah es gut für mich aus, zumindest nicht nach den Maßstäben meines Vaters. Dann war auch noch Maxim krank gewesen und ich hatte das Referat in Politik allein halten müssen. Da Marc auch schon die ganze Woche fehlte, war ich in den Pausen allein herumgezogen und hatte mich selbst bemitleidet. Deshalb hatte ich gleich ‹Ja› gesagt, als Arne aus der Parallelklasse mich gefragt hatte, ob wir abends noch was machen wollen. In der Grundschule haben wir öfter zusammen gespielt, aber dann hat sich das irgendwie verlaufen.
Habe ich schon erwähnt, dass Hannah Schreiber aus meiner Klasse jetzt mit einem aus der Zehnten geht? Ich bin auf dem Pausenhof fast über sie gestolpert, als sie beim Knutschen waren. Noch schlimmer geht es ja wohl nicht! Hannah mit der Zunge von jemand anderem in ihrem Hals …
«Was genau hast du denn kaputt gemacht?», unterbricht meine Mutter meine Gedanken. Mit den Händen fährt sie sich unablässig über ihre schmalen Beine, die in einer engen beigen Hose stecken. Bis zu den Knien und zurück. Als würde sie extra versuchen, Flecken hineinzureiben.
«Ich habe gar nichts kaputt gemacht, das war Arne. Ich habe nur was auf die Scheibe von diesem Flugzeug gesprüht.»
«Und was?» Jetzt ist ihr Blick auf einmal undurchdringlich.
«Fickt euch alle», murmele ich.
«Wie bitte?»
«Fickt euch alle», wiederhole ich etwas lauter.
«Oh!», stöhnt meine Mutter. «Auch noch so was Ordinäres!»
Als wäre es besser gewesen, wenn ich was von Schiller gesprüht hätte.
«Morgen nach der Schule gehen wir zu diesem Kindergarten. Du wirst dich bei der Leiterin entschuldigen und diese Schmiererei wieder beseitigen», erklärt mein Vater.
Fassungslos starre ich ihn an, aber seine Miene verrät, dass es hierbei null Verhandlungsspielraum gibt. In dem Moment piept auch noch mein Handy. Wortlos streckt mein Vater die Hand danach aus, ich ziehe es aus der Tasche und reiche es ihm.
«Das Modell wird schon reichlich veraltet sein, bis du es wiederbekommst», prophezeit er düster. Das war zu erwarten gewesen.
«Ansonsten gehst du jetzt auf dein Zimmer, während deine Mutter und ich überlegen, wie lange du Hausarrest hast und was sonst noch als Strafe für diesen Mist ansteht.»
Am nächsten Morgen wanke ich wie ein Schlafwandler nach unten in die Küche. Ich habe hundsmiserabel geschlafen. Kein Wunder. Meine kleine Schwester Luana sitzt schon am Frühstückstisch und verschanzt sich hinter ihren langen braunen Haaren.
Ernsthaft! Lennox und Luana! Wem zum Kuckuck wollten meine Eltern was beweisen? Oh, unsere Kinder sind ja so außergewöhnlich, normale Namen sind nicht gut genug, oder was?
«Mama, was hat Lennox denn angestellt?», fragt sie gerade, als ich reinkomme. Ihre Stupsnase schiebt sich vorsichtig aus dem Vorhang aus Haar hervor.
Meine Mutter sieht mich düster an. «Etwas sehr, sehr Dummes, mein Kleines.» Sie zupft ihre Bluse zurecht.
«Er hat ein Spielgerät des Kindergartens verschandelt», erklärt mein Vater, und auch er durchbohrt mich mit seinem Blick.
«Aber warum?» Sein kleines, süßes, unschuldiges Töchterlein schaut ihn mit großen Rehaugen an.
Mein Vater sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. «Vielleicht will Lennox uns das ja selbst erklären.»
Nein, will er nicht. Er weiß es ja selbst nicht einmal. Aber er hat keine Wahl.
«Ich war sauer und habe nicht nachgedacht», murmele ich. Das wollen Eltern doch hören, oder?
«Nun, du wirst demnächst viel Zeit zum Nachdenken haben», meint mein Vater und schiebt mir eine Liste hinüber. Der Zettel stammt aus dem Notizblock meiner Mutter und wurde ganz sauber herausgetrennt. Oben drüber steht in ihrer ordentlichen Handschrift: Strafen für Lennox. Da geht einem doch so richtig das Herz auf! Dann sind darunter sechs Punkte aufgelistet.
Handyverbot für zwei Monate.
Hausarrest für einen Monat. Das betrifft auch Handballtraining. Ausnahme: Gitarrenunterricht.
Entschuldigung und Wiedergutmachung im Kindergarten.
Kein Sardinien.
Weitere Nachhilfekurse in den Ferien.
Ein freiwilliges, soziales Projekt.
Mir bleibt die Spucke weg. Die ersten drei Punkte sind nicht so schlimm. Also schon schlimm, aber das wusste ich quasi schon vorher. In den vier Wochen Hausarrest liegen die zwei Wochen Herbstferien, da wäre sowieso kein Training gewesen. Aber der Rest …
«Kein Sardinien?», japse ich. «Was soll das heißen?»
«Wir müssen das noch mit Tante Mieke klären, aber du bleibst in den Ferien hier. Ich werde versuchen, dir noch einen weiteren Nachhilfekurs zu buchen.»
«Das könnt ihr nicht machen!» Meine Stimme überschlägt sich. Sardinien war der einzige Lichtblick in der letzten Zeit.
«Oh, doch! Wir können!» Die Stimme meines Vaters lässt keinen Zweifel zu.
«Es wird auch deinen Noten sehr guttun», bekräftigt meine Mutter.
«Oh ja!», setzt mein Vater noch einen obendrauf. «Jetzt ist Schluss mit Hängenlassen in der Schule! Aus dir soll nicht so ein fauler Versager werden! Dafür wirst du dich endlich mal mehr anstrengen!»
Oh Mann! Mir schwant Übles.
«Und was ist Punkt sechs?» Ich kann mir unter ‹soziales Projekt› nicht so recht etwas vorstellen, davon abgesehen, dass hierbei von ‹freiwillig› echt nicht die Rede sein kann.
«Da sprechen wir nach der Schule noch genauer drüber», sagt meine Mutter und schiebt mir den Brotkorb hin, als wäre nichts gewesen.
Ich kann jetzt nichts essen, ich bin noch in Schockstarre.
«Dazu kommen noch die Sozialstunden. Ich habe gestern mit Frank telefoniert», erklärt mein Vater. Frank ist ein ehemaliger Schulfreund von ihm und Staatsanwalt. «Er meinte, dass für so eine Sache Sozialstunden sozusagen vorprogrammiert seien. Wenn wir Glück hätten, wird deine Verhandlung schon bald stattfinden. Diese einfacheren Sitzungen gehen wohl oft recht schnell. Vielleicht kannst du die Sozialstunden dann auch gleich in den Herbstferien ableisten.»
Dann trinkt er schwungvoll seinen Kaffee aus, küsst Frau und Tochter, ignoriert den missratenen Sohn und stürmt mit langen, energischen Schritten aus dem Haus.
Stöhnend lasse ich meinen Kopf auf meinen leeren Teller sinken. Das werden die grauenhaftesten Herbstferien von allen werden. Mit Abstand.
Der Blick meiner Mutter sagt: ‹Selbst schuld›.
Ich stehe neben dem Flugzeug und schrubbe die Scheibe. Das ‹F› und das ‹i› habe ich schon ab, fehlen nur noch elf weitere Buchstaben. Das Scheuermittel riecht eklig nach Apfel, aber ich werde mich hüten, mich zu beschweren. Zwei Schritt hinter mir steht nämlich eine der Kindergärtnerinnen mit vor dem gewaltigen Busen verschränkten Armen und starrt mich finster an. Um sie herum stehen etwa fünfzehn Kinder und starren mich auch an. Die allerdings eher neugierig.
«Was macht der Mann da?», will ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen wissen und popelt, während sie fragt, ausgiebig in der Nase.
«Seinen Dreck weg!», sagt die Kindergärtnerin bissig.
«Was steht denn da?», will ein Junge mit rötlichen Locken wissen und starrt mich mit offenem Mund an. Intelligent sieht das nicht aus.
«Lasst mich alle in Ruhe, steht da. Aber ich mache es gerade weg, damit ihr beim Fliegen wieder was sehen könnt», sage ich so kinderlieb, wie ich nur irgendwie kann.
«Der Propeller ist aber noch ab!», beschwert sich ein weiterer Junge. «Dann kann das Flugzeug gar nicht fliegen!»
«Das war ich nicht!», stelle ich klar.
Die Kindergärtnerin schnaubt skeptisch.
Sie war auch dabei, als ich mich, eskortiert von meiner Mutter, bei der Leiterin des Kindergartens entschuldigt habe. Das war ziemlich peinlich. Ich habe irgendetwas vor mich hingestammelt und dreimal ‹es tut mir leid› gesagt. Zumindest hat sie mir einen Schwamm und das Scheuermittel in die Hand gedrückt.
«Warum willst du, dass dich alle in Ruhe lassen?» Der Zwerg mit den roten Locken ist ganz schön hartnäckig.
«Weil ich mich geärgert habe.»
«Hast du deshalb das Flugzeug kaputt gemacht?»
«Hab ich gar nicht. Das war jemand anderes.»
«Warum hast du dich so sehr geärgert?»
Super! Meine Eltern haben mich das nicht gefragt. Nicht einmal ansatzweise. Aber für einen etwa fünfjährigen Zwerg ist das eine völlig legitime Frage.
«Es ist gerade ganz viel schiefgelaufen, darum.»
«Nur weil man sich mal ärgert, darf man aber nicht anderer Leute Sachen kaputt machen! Stimmt’s?», mischt sich die Kindergärtnerin pädagogisch wertvoll in unser Gespräch ein und betrachtet mich mit herausfordernd gehobenen Brauen.
«Nein, darf man nicht, tut mir ja auch leid», brumme ich.
Der kleine Rotschopf tätschelt mein Bein. «Wenn du Entschuldigung gesagt hast und es dir leidtut, dann ist doch alles wieder gut», versucht er mich zu trösten.
Ich lasse vor Überraschung den Schwamm fallen und starre das Kind an. Meine Kehle brennt bittersüß. In meinem Kopf taucht die endlose Strafliste meiner Eltern auf. Gar nichts ist gut. Schade, dass ich nicht mehr fünf bin.
«Danke, ist echt nett von dir», sage ich zu ihm und er lächelt mich an. «Ich bin auch gleich fertig.» Es fehlt inzwischen tatsächlich nur noch das ‹alle›.
Als die Scheibe wieder sauber ist, helfe ich noch dem Hausmeister, den Propeller wieder anzuschrauben. Die Kinder klatschen, sobald wir fertig sind. Der Hausmeister sieht mich prüfend an. «Machste aber nicht noch mal, Kollege, was?»
Ich schüttele den Kopf. «Nein, versprochen.»
Er klopft mir auf die Schulter. «Dann is ja gut! War wenigstens anständig, dass de geholfen hast. Die anderen haben sich nich blicken lassen, weißte.» Nein, wusste ich nicht, habe ich mir aber denken können.
Den anderen war ich an dem Tag in der Schule erfolgreich aus dem Weg gegangen. Am nächsten Tag gelingt mir das nicht. Sie stellen mich auf dem Pausenhof an der Wand vom Fahrradschuppen. Thorge links, Arne rechts. Beide rücken so dicht an mich heran, dass ich regelrecht eingequetscht werde.
«Lenny, du Sau! Haste uns verpfiffen?», zischt Arne. Er schubst mich einmal kräftig gegen die Mauer hinter mir.
«Nein! Habe ich nicht! Ich habe keinen Ton gesagt, ehrlich! Meine Mutter hat der Polizei erzählt, dass ich abends mit euch unterwegs war.»
Thorge packt meinen Arm, zieht mich ein Stück nach vorn, um mich dann noch einmal gegen die Mauer zu schubsen. Immerhin stoße ich diesmal nicht mit dem Hinterkopf an, sondern nur mit dem Rücken. Tut aber trotzdem weh.
«Wir haben jetzt Höllenärger an der Backe!», murrt Thorge.
«Meinst du etwa ich nicht?»
Frau Engel macht ihrem Namen alle Ehre und rettet mich in diesem Moment. «Jungs, was ist denn hier los?» Ihre dunklen Augen hinter der eckigen Brille sehen scharf von Thorge zu Arne.
«Nix!», sagen beide und lassen mich stehen.
«Alles in Ordnung?», fragt sie skeptisch.
«Ja, klar! War nur Spaß!», lächele ich sie an. Gut, dass morgen Wochenende ist. Und nächste Woche sind Maxim und Marc hoffentlich gesund, dann kann ich mich auch wieder auf den Pausenhof trauen.
Nach der Schule muss ich meine Mutter begleiten, während sie Tante Mieke überreden will, dass ich die erste Ferienwoche bei ihr verbringe.
Marieke Westerhoff ist die kleine Schwester von meinem Vater, was man aber auf den ersten Blick nicht sieht. Sie ist kleiner und rundlicher als er. Nicht richtig dick, aber doch irgendwie gemütlicher. Selbst das Gesicht ist nicht so schmal und die Haare sind zwar auch dunkel, aber wellig und nicht so akkurat geschnitten. Sie wohnt nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt. Eigentlich könnte man auch mit dem Fahrrad fahren, aber meine Mutter lehnt Fahrradfahren ab. Na ja, bei dem matschigen Wetter und ihren hellen Hosen …
Tante Mieke fährt gern Fahrrad. Sie ist Lehrerin (Deutsch und Kunst), aber ansonsten ganz in Ordnung. Sie hat zwei kleine Kinder: Anna und Maja. Einmal dritte Klasse und einmal erste. Eigentlich ganz süß die beiden, nur etwas pferdeverrückt und viel zu rosa. Tante Mieke ist geschieden seit letztem Jahr. Meine Mutter war in der Zeit ganz häufig bei ihr. Vielleicht will sie das als Bonus einbringen, damit sie mich in den Ferien nimmt. Tante Mieke ist mäßig begeistert von der Idee.
«Die Kinder sind in der Woche bei Philipp und ich muss korrigieren. Außerdem habe ich ein paar Verabredungen getroffen!»
«Lennox ist ja nicht mehr so klein, du kannst ihn ruhig mal einen Abend allein lassen, Mieke, und tagsüber hat er eh genug zu tun», versucht meine Mutter, sie zu überzeugen.
Tante Mieke gibt sich sichtbar einen Ruck. «Lenn, hast du vor, ‹Fickt euch alle› an meine Fenster oder die Backofentür zu sprühen, wenn ich Mittwoch meinen Mädelsabend habe?» Natürlich hat ihr meine Mutter gleich am Tag nach der Sache alles haarklein am Telefon erzählt. Zum einen mag sie Mieke, zum anderen ist die ja Pädagogin. Vielleicht hat sie sich einen Rat erhofft, wie sie mit mir umgehen soll, damit ich nicht auf die schiefe Bahn gerate oder so etwas und wieder in der Spur laufe.
«Nein, Tante Mieke. Wenn, dann an den Fernseher und da wir nur zu zweit sind, würde ich ‹Fick dich› schreiben», antworte ich meiner Tante.
Meine Mutter holt empört Luft und grillt mich mit einem bitterbösen Blick. Tante Mieke lacht. «Ist gut, er kann kommen.»
«Das ist nicht komisch!», faucht meine Mutter mich an, sobald wir wieder im Auto sitzen.
Ich zucke mit den Schultern. «Sie hat angefangen!»
«Komm mir nicht so! Wenn du das Ganze nicht ernst nimmst und noch einmal Mist baust …», droht sie mir und lässt den Wagen so schwungvoll anfahren, dass es einen ordentlichen Ruck gibt, «Papa und mir fallen sicher noch ein paar äußerst unangenehme Dinge für dich ein, junger Mann!»
Ich halte jetzt lieber meinen Mund und seufze nur innerlich. Wenn sie ‹junger Mann› sagt, hat sie richtig schlechte Laune. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis ich nichts mehr abbüßen muss und mich endlich nicht mehr alle so strafend ansehen. Dabei haben die Herbstferien noch nicht einmal begonnen.
Die größte Sache steht mir noch bevor, gleich am Dienstag vor den Ferien ist der Termin beim Richter. Wir haben wohl Glück gehabt, dass es tatsächlich so schnell ging. Ist auch gar kein richtig großer Gerichtstermin, weil es eine Jugendstrafsache ist. Keine Zuschauer. Nur der Richter, ein Schreiber, der Staatsanwalt und noch die Frau von der Jugendgerichtshilfe, die ich schon kenne. Die war bei uns zu Hause und hat mich noch einmal alles erzählen lassen, Fragen gestellt, viel genickt und noch mehr notiert. Allerdings werden Thorge und Arne auch dabei sein. Ganz so kuschelig wird es also nicht werden.
«Keine Witzchen oder schlauen Sprüche!», warnt mich mein Vater, als wir uns dem Amtsgericht pünktlich eine Viertelstunde vor dem Termin nähern. «Sonst siehst du in diesem Leben kein technisches Gerät mehr!»
Als wäre mir in dieser Situation nach Witzen!
Mein Vater hat darauf bestanden, dass er mich begleitet. Er habe mehr Erfahrung mit offiziellen Terminen als meine Mutter, hat er behauptet. Ich weiß nicht, inwieweit Erfahrungen mit Geschäftsmeetings und Kundenberatung in einem Gerichtsgebäude hilfreich sein sollen. Aber natürlich habe ich nichts dazu gesagt. Ich bekomme derzeit schon mehr als genug strafende Blicke ab. Am schlimmsten ist jedoch, dass mein Vater beschlossen hat, schon mal damit zu beginnen, mir als Englisch-Nachhilfelehrer das Leben zusätzlich zu versauern, bis der Kurs in den Ferien endlich startet. Meine Mutter hat es tatsächlich geschafft, einen zweiten Crashkurs für die erste Ferienwoche zu buchen. Jeden Morgen um acht geht es los. Eine Stunde lang. Kotz-würg!
Mein Vater findet trotzdem, dass die Zeit davor noch sinnvoll genutzt werden muss. Jeden Abend kontrolliert er lang und breit meine Hausaufgaben und ‹übt› mit mir Englisch. Meistens läuft es darauf hinaus, dass er mich früher oder später beschimpft oder mir zumindest sagt, wie dumm ich doch sei. Er sollte echt Motivationscoach werden! Riesennummer!
Ich soll eine Strichliste führen, wie oft ich mich melde. Er will das wissen. Zum Glück konnte ich ihm das ausreden. Ich muss mich schließlich auf den Stoff konzentrieren, nicht auf das Strichemachen!
Ich werde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als wir aufgerufen werden. Thorge, Arne und ihre Familien stehen etwas von uns entfernt. Im Gänsemarsch trotten wir jetzt alle für die Verhandlung in den Sitzungssaal, wie er genannt wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sitzen dürfen, aber auch, dass es für mich gar keinen Verhandlungsspielraum geben wird. Sie konnten es wohl aber schlecht ‹So isses›-Veranstaltung nennen.
Der Richter ist dünn, schon etwas älter, trägt eine Brille auf der schmalen Nase, sieht aber ziemlich nett aus. Er fragt zunächst ein bisschen was Persönliches. Er will sich wohl ein Bild davon machen, wie das bei uns zu Hause so läuft. Dann lässt er die Anklage vorlesen und erzählt noch einmal etwas zum Thema ‹Aussage verweigern›. Mein Vater wirft mir bei diesem Teil einen Blick zu, der deutlich sagt: ‹Keine Mätzchen!› Danach lässt der Richter uns noch einmal selbst erzählen, was vorgefallen ist.
Ich schnappe deutlich nach Luft, als Arne behauptet, dass alles meine Idee gewesen sei.
Der Richter hat es wohl bemerkt, denn er wirft mir einen fragenden Blick zu.
«Hier scheinen die Meinungen auseinander zu gehen», sagt er trocken. «Letztendlich ist es aber auch egal, wessen Idee es war. Es scheint auf jeden Fall unstrittig zu sein, was ihr gemacht habt. Wichtiger ist nun, wie ihr das wieder gutmachen könnt.»
Mein Vater berichtet von meiner Arbeit im Kindergarten. Der Richter betrachtet mich eine Weile.
«War das deine Idee?»
«Nein, die von meinen Eltern.»
«Aber du hast es ordentlich gemacht?»
«Ja, ich habe mich entschuldigt und das Flugzeug ist wieder einsatzbereit. Scheibe sauber, Propeller startklar.» Mein Vater wirft mir einen mahnenden Blick zu, hüte deine Zunge, sagt der, aber der Richter lächelt kurz.
«Das ist schon mal gut.» Er wendet sich an Thorge und Arne. «Was ist mit euch?»
Die beiden sehen sich an und zucken mit den Schultern. «Von euch erwarte ich auch eine Entschuldigung.»
«Entschuldigung», murmelt Thorge.
Man sieht dem Richter an, dass er am liebsten mit den Augen gerollt hätte. «Nicht mir gegenüber. Entschuldigt euch bei den Kindern und Erzieherinnen und Erziehern.» Jetzt kann er sich doch ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen.
Als Nächstes machen die Frau von der Jugendgerichtshilfe und der Staatsanwalt Vorschläge, was für Strafen verhängt werden könnten. Mir schwirrt inzwischen der Kopf und ich verstehe maximal die Hälfte. Der Richter hört sich das Ganze recht entspannt an, dann fragt er, ob wir noch etwas sagen wollen. Nein, wollen wir nicht. Ich will eigentlich nur noch hier raus. Der Richter nickt. «Ich werde die folgende Erziehungsmaßregel erlassen: Lennox Berger leistet zehn Sozialstunden in den nächsten sechs Monaten ab. Thorge Golecka und Arne Täufer je zwanzig.»
«Was?», Arne wirft mir einen bitterbösen Blick zu. «Das ist voll unfair! Der hat doch nie zehn Stunden für das blöde Flugzeug gebraucht! Wieso müssen wir dann doppelt so viel machen wie er?» Sein Vater setzt ebenfalls eine empörte Miene auf und holt schon Luft, aber der Richter bringt beide mit einem scharfen Blick zum Schweigen.
«Bei Lennox erkenne ich den Willen zur Wiedergutmachung, deshalb genügen dort weniger Stunden. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe!»
Er leiert noch ein paar Standardsätze mit den Worten ‹Rechtsmittel› und ‹Berufung› herunter, denen ich gar nicht mehr zuhöre. Ich bin ziemlich erleichtert. War vielleicht doch eine echt gute Idee von meinen Eltern, mich schon einmal zum Kindergarten zu schicken.
Auf dem Flur vor dem Verhandlungszimmer wendet sich mein Vater an die Eltern von Thorge und Arne. «Es wäre vielleicht besser, wenn unsere Söhne sich in Zukunft aus dem Weg gehen würden, damit sie sich nicht gegenseitig auf dumme Ideen bringen können. Ich denke, eine Anzeige genügt doch.»
Die anderen Erwachsenen stimmen zu und ich bin noch erleichterter.
«Das ist doch ganz gut gelaufen. Und danke, Papa. Vielleicht lassen sie mich jetzt tatsächlich in Ruhe», sage ich im Auto.
Mein Vater wirft mir einen scharfen Blick zu. «Denk bloß nicht, dass das hier irgendetwas an der Liste ändert! Du wirst das nicht auf die leichte Schulter nehmen! Oder glaubst du, ich will noch einmal wegen dir eine Anzeige oder so etwas im Briefkasten finden?!» Schweigend fahren wir nach Hause.
Zuhause hat meine Mutter in der Zwischenzeit recherchiert. Nach dem Abendessen muss ich am Tisch sitzen bleiben, während sie Luana rausschickt. Sie legt mir eine Liste hin. Meine Mutter liebt Listen.
«Punkt sechs!», verkündet sie. «Ich habe einige Dinge gefunden, die ein lohnendes soziales Projekt wären und gleichzeitig als Sozialstunden angerechnet werden können.» Sie wedelt mit der Liste, die wir von der Jugendgerichtshilfe bekommen haben.
Immerhin eine Zwei-in-eins-Lösung. Manchmal ist ihr Pragmatismus doch was Feines.
Sie stellt mir die Möglichkeiten auf ihrer Liste vor. Bei dreien davon handelt es sich um Seniorenwohnheime. Auf gar keinen Fall! Ich kann den Geruch so gar nicht leiden. Und noch weniger die Blicke der traurigen Alten. Erinnern mich zu sehr an Omi. Eins ist eine Sozialstation, die sich um Obdachlose kümmert, allerdings so weit am anderen Ende der Stadt liegt, dass ich täglich zwei Stunden allein für Hin- und Rückfahrt brauchen würde. Das Behindertenwohnheim braucht erst in vier Wochen jemanden, dann wären die Herbstferien schon längst vorbei. Bleibt nur noch der letzte Punkt auf Mutters Liste. Es geht um die Begleitung eines Mädchens mit Behinderung. Na prima. Das steht aber nicht auf der Jugendgerichtshilfenliste. Verdammt!
«Du entscheidest dich für etwas davon!», beharrt meine Mutter.
Ich seufze, was mir einen strafenden Blick meines Vaters einbringt. «Es geht hier nicht um ein Ferienlager, Lennox! Es geht um eine pädagogische Maßnahme!»
Was soll ich darauf nun sagen? Ein pädagogisches ‹Danke›?
«Dann nehme ich die Behinderte», murmele ich.
«Und für die Sozialstunden?»
Ich komme offenbar um das Seniorenheim nicht herum. Ich meine jetzt schon den Kohlgeruch in der Nase zu haben.
«Gut. Also zehn Stunden Seniorenheim und Betreuung des Mädchens. Das Mädchen heißt Grit Petersen und ihre Eltern suchen für vier Stunden am Tag eine Begleitung für sie, die ihr unterwegs mit ihrem Rollstuhl hilft. Das bekommst du doch hin, oder?»
Moment mal! Vier Stunden am Tag? «Für wie lange wäre das?»
«Die Herbstferien über, also zwei Wochen. Am Wochenende natürlich nicht.»
In Mathe habe ich keine vier, also komme ich recht schnell auf das Ergebnis. «Aber das wären vierzig Stunden! Das ist ja noch mal das Vierfache von den Sozialstunden!»
Meine Mutter funkelt mich an. «Du willst das jetzt nicht ernsthaft mit mir diskutieren, oder?»
«Aber …» Tja was? Meine Eltern werden sich ganz sicher nicht erweichen lassen.
«Das oder ganze zwei Wochen Seniorenheim. Entscheide dich, Lennox!»
«Tut deinem vergoldeten Hintern vielleicht mal ganz gut, etwas zu arbeiten», gibt mein Vater ziemlich scharf seinen Senf dazu.
Seit wann ist mein Hintern bitte vergoldet? Wenn es so wäre, dann wäre das Gold in den letzten Tagen aber rasant abgeblättert.
Ich stöhne. «Ich nehme die vierzig Stunden Rollstuhlschieben und zehn Stunden Seniorenheim.»
«Gut», sagt meine Mutter trocken, «dann fahren wir morgen zu Familie Petersen und stellen dich vor.»
Juhu! Kann es kaum erwarten.
Am Mittwochnachmittag lerne ich Grit kennen. Sie wirkt ungefähr ebenso begeistert wie ich. Zumindest betrachtet sie mich mürrisch von unten, als meine Mutter mich in den Hausflur der Familie Petersen schiebt.
«Ah, du bist also die Grit», sagt meine Mutter überdeutlich, als wäre das Mädchen im Rollstuhl taub und nicht gehbehindert, und lächelt breit. Sie schütteln Hände.
«Das ist Lennox», stellt meine Mutter mich vor. Grit und ich nicken uns ernst zu. Es erinnert mich irgendwie an die Kampfsportturniere im Fernsehen. Die Kontrahenten begrüßen sich höflich, bevor es Dresche gibt.
Grit ist eigentlich nicht hässlich. Langes rotbraunes Haar, zierliche Nase, blaue Augen, schlank. Nur ihre mürrische Miene trübt diesen Eindruck. Sie ist ein bisschen älter als ich. Vielleicht ein Jahr oder so.
Frau Petersen sieht ihrer Tochter ziemlich ähnlich. Die gleiche Haarfarbe, die gleiche Nase.
«Lennox, wie kommt es denn, dass du ein Sozialprojekt suchst?», will sie von mir wissen. Sie wirft meiner Mutter einen entschuldigenden Blick zu. «Ich will nur sichergehen, dass das mit Grit funktionieren wird.»
«Keine Sorge!», lacht meine Mutter affektiert. «Lenny hat nur einen Dummejungenstreich gemacht! Hatte wohl auch was mit einer Art Mutprobe unter Jungs zu tun. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass er mal mehr soziale Erfahrungen sammeln sollte.»
Ihr Ernst? Geeinigt?!
Frau Petersen wirft mir einen fragenden Blick zu.
«Graffiti», sage ich. Das klingt dumm, aber zumindest harmlos.
Meine Mutter hört schlagartig auf zu lachen. «Aber wir nehmen das natürlich total ernst! Deshalb hat sich Lenny auch für ein freiwilliges, soziales Projekt in den Ferien entschieden.»
«Ich bin kein Projekt!», murmelt Grit. Ihre Augenbrauen schieben sich verärgert zusammen und sie wirft ihrer Mutter einen wütenden Blick zu.
Und ich bin so was von nicht freiwillig!
Frau Petersen lächelt zaghaft. «Na, das klingt doch vielversprechend. Grit, vielleicht willst du die Details oben mit Lennox besprechen, während wir das Formale klären?» Meine Mutter hat erzählt, dass Frau Petersen eine Art offizielle Vereinbarung aufsetzen will. Sie will etwas in der Hand haben. Im Gegenzug will meine Mutter auch etwas in der Hand haben. Eine Art Bestätigung, dass ich hier was gemacht habe.
