Ich bin Charlotte Simmons - Tom Wolfe - E-Book

Ich bin Charlotte Simmons E-Book

Tom Wolfe

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Beschreibung

„Eine Satire voller Verve, Witz und Wut.“ Daniel Kehlmann

Applaus erfüllt den Saal, als Charlotte zum Podium hochsteigt. Gerade wurde verkündet, dass sie als Erste aus ihrem 900-Seelen-Dorf ein Stipendium für die Dupont University erhält. Endlich wird das hoch begabte Mädchen in den Olymp des Wissens aufgenommen. Doch statt des ersehnten Lebens in einer Welt des Geistes findet sie sich in einem Mahlstrom aus Saufgelagen und sexuellen Ausschweifungen.
Ich bin Charlotte Simmons ist ein brillanter Campusroman voller polemischer Spannung, Witz und Verve – und eine aktuelle Bestandsaufnahme des janusköpfigen Amerika, in dem die konservativen Kräfte gegen die liberalen antreten.

„Charlotte, du bist dazu bestimmt, Großes zu tun“, prophezeit ihr die Lehrerin. Und das hübsche Mädchen vollbringt Großes: Sie schließt die Highschool in ihrem winzigen Nest in den Blue Ridge Mountains als Beste ab und erhält ein Stipendium für Dupont in Pennsylvania. Charlotte ist überglücklich, endlich darf sie in das Paradies der Gelehrsamkeit ziehen. An dieser bedeutendsten Universität des Landes wird sie erstmals auf Gleichgesinnte treffen, die wie sie die Welt zu durchdringen suchen. Doch kaum hat sie voller Idealismus ihr Studium begonnen, wird ihr klar, was an diesem Olymp des Wissens wirklich zählt: schicke Klamotten, sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen und natürlich Sex. In ihrer Naivität hätte Charlotte das nie für möglich gehalten, denn sie – ganz die Tochter ihrer religiösen Mutter – ist selbstverständlich noch Jungfrau. Doch schon bald umwerben sie drei Männer: ein verkopfter „Nerd“, der die Welt revolutionieren möchte; ein „Anabolika-Trottel“, der einzige weiße Basketballspieler im Uni-Team; und ein auf seinen Vorteil bedachter Schönling. Charlotte erwählt den Falschen – und braucht lange, um wie ein Phönix aus der Asche ihres Selbstverlusts aufzusteigen.

Tom Wolfe, Amerikas Mr. Zeitgeist, legt in diesem rasanten und überaus amüsanten Campusroman den gegenwärtig in den USA tobenden Kulturkampf zwischen dem Konservatismus im Süden und dem Liberalismus an der Ost- und Westküste bloß, präzise , schonungslos und voller Allgemeingültigkeit. Ich bin Charlotte Simmons ist nichts weniger als eine „Great American Novel“, verfasst in einer atemlos genialischen Sprache.

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Seitenzahl: 1456

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Das Buch

Tosender Applaus erfüllt den Saal, als Charlotte Simmons die Stufen zum Podium emporsteigt. Gerade wurde verkündet, dass sie als Erste aus ihrem 900-Seelen-Dorf in North Carolina ein Stipendium für die traditionsreiche Dupont University in Pennsylvania erhält. Charlotte ist überglücklich, endlich darf sie in das Paradies der Gelehrsamkeit ziehen. Doch kaum hat sie ihr Studium begonnen, wird ihr klar, was an diesem Olymp des Wissens wirklich zählt: schicke Klamotten, besinnungsloses Saufen und natürlich Sex, Sex, Sex. In ihrer Naivität hätte Charlotte das nie für möglich gehalten, denn sie – ganz die Tochter ihrer religiösen Mutter – ist selbstverständlich noch Jungfrau. Schon bald umwerben sie drei Männer: der »Anabolika-Trottel« Jojo, einer der wenigen weißen Basketballspieler im Uni-Team, Hoyt, der coolste der coolen »Frat-Boys«, und Adam, ein verkopfter »Spak«, der glaubt, einer der letzten Intellektuellen an diesem vom Stumpfsinn beherrschten Campus zu sein. Charlotte erwählt den Falschen – und braucht lange, um wieder wie ein Phönix aus der Asche ihres Selbstverlusts aufzusteigen.

Mit Ich bin Charlotte Simmons beweist Tom Wolfe aufs Neue, dass er das heutige Amerika zu durchdringen vermag wie kaum ein anderer Schriftsteller. Schonungslos demaskiert er die Jugendkultur und zugleich auch den gegenwärtig in den USA tobenden Kulturkampf zwischen dem Konservatismus im so genannten Bible-Belt und dem Liberalismus an der Ost- und Westküste. Ein meisterhafter Roman, provokant, rasant und überaus witzig.

Der Autor

Tom Wolfe, 1931 in Richmond, Virginia, geboren, lebt in New York. Nach seiner Promotion in Amerikanistik an der Yale University arbeitete er als Reporter unter anderem für The Washington Post, Herald Tribune, Esquire und Harper’s. In den Sechzigerjahren gehörte er mit Truman Capote, Norman Mailer und Gay Talese zu den Gründern des »New Journalism«, eines Reportagestils, der mit literarischen Stilmitteln arbeitet. Der vielfach preisgekrönte Schriftsteller (unter anderem American Book Award) war international längst als Sachbuchautor berühmt, bevor er 1987 seinen ersten Roman herausgab.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorProlog - Der Dupont-Mann1 - Dieses eine Versprechen2 - Dieser ganze Zirkus mit den schwarzen Spielern3 - Errötende Seejungfrau4 - Der Dummy5 - You the Man!6 - Ein ganz normales ProzedereZwischenakt7 - Seine Majestät, das Baby8 - Ein Blick auf den Parnass9 - Sokrates10 - Heiße Typen11 - Auf der Bühne: ein Star12 - Das H-Wort13 - Der Weg der Schande14 - Millenniumsmutanten15 - Die Parkplatz-Party16 - Die Erfüllung17 - Der bewusste kleine Stein18 - Der Lebensretter19 - Die Hand20 - Cool21 - In im Inn!22 - Dem Glück die Hand reichen23 - Mädchen auf dem Laufsteg24 - Auf…uns!25 - Alles okay?26 - Wie war’s?27 - In der Schwärze der Nacht28 - Das selbst gewählte Dilemma29 - Gerade stehen für Schwule und Lesben30 - Die falsche Präposition31 - Ein Mann sein32 - Das Haar aus Lenins Ziegenbart33 - Die Seele ohne Anführungszeichen34 - Der Geist in der Maschine
Meinen zwei HochschülernVos salutoCopyright

Victor Ransome Starling (U.S.), Träger des Nobelpreises in den Biologischen Wissenschaften 1997. Als achtundzwanzigjähriger Assistenzprofessor der Psychologie an der Dupont University führte Starling 1983 ein Experiment durch, bei dem er zusammen mit einem Mitarbeiter dreißig Katzen die Amygdala entfernte, eine mandelförmige Struktur in der grauen Substanz des Großhirns, die bei höheren Säugetieren Gefühle steuert. Es war bekannt, dass die Tiere nach einem solchen Eingriff hilflos von einem unangemessenen Affekt in den nächsten fallen, in Lethargie, wo Angst am Platze wäre, Unterwürfigkeit, wo Imponiergehabe geboten wäre, sexuelle Erregung, wo es nichts gibt, was ein gesundes Tier stimulieren könnte. Starlings amygdalektomierte Katzen dagegen verfielen in einen hypermanischen Zustand extremer sexueller Erregung. Sie versuchten ekstatisch zu kopulieren, eine besprang die andere und wurde ihrerseits besprungen, wodurch sich Ketten (ugs. »Gänseblümchenketten«) von bis zu drei Metern Länge bildeten.

Starling zog einen Kollegen als Berater hinzu. Die dreißig präparierten Katzen waren mit dreißig normalen Tieren einer Kontrollgruppe im selben Raum untergebracht, jede Katze in einem Käfig für sich. Starling öffnete ein paar Käfige, damit die amygdalektomierten Katzen zusammenkommen konnten. Die erste freigelassene Katze stürzte aus dem Käfig direkt auf den Besucher, umklammerte sein Fußgelenk mit den Vorderpfoten und rieb ihm das Becken in konvulsiven Zuckungen über den Schuh. Starling mutmaßte, der Ledergeruch könnte das erregte Tier verleitet haben, den Schuh mit einem Artgenossen zu verwechseln. Woraufhin der Assistent sagte: »Aber Professor Starling, das ist ein Tier aus der Kontrollgruppe.«

Auf diesen Augenblick geht eine Entdeckung zurück, die das Verständnis tierischen und menschlichen Verhaltens radikal veränderte: die Existenz – ja, die Allgegenwart – »kultureller Parastimuli«. Die Katzen der Kontrollgruppe hatten den ektomierten Katzen von ihren Käfigen aus zusehen können. Über Wochen hinweg waren sie dieser Atmosphäre hypermanischer sexueller Obsession so intensiv ausgesetzt gewesen, dass ein Verhalten, das man bei den Katzen der Versuchsgruppe durch den Eingriff bewirkt hatte, bei der Kontrollgruppe ohne jede äußere Einwirkung hervorgerufen worden war. Starling hatte entdeckt, dass ein intensiver sozialer oder »kultureller« Einfluss von außen, und sei er noch so abnorm, nach gewisser Zeit die genetisch determinierten Reaktionen absolut normaler, gesunder Tiere außer Kraft setzen konnte. Vierzehn Jahre später bekam Starling als zwanzigstes Mitglied des Dupont-Kollegiums den Nobelpreis verliehen.

Simon McGough und Sebastian J.R. Sloane (Hrsg.): Lexikon derNobelpreisträger. 3. Aufl. Oxford und New York: Oxford University Press, 2001, S. 512.

Prolog

Der Dupont-Mann

Sobald die Tür aufging, brandete das Getöse von Swarm, der Band, die oben im Saal ihr Konzert gab, in die Herrentoilette, brach sich auf Spiegeln und keramischen Oberflächen zu doppelter Lautstärke. Dann zog ein hydraulisches Scharnier die Tür zu, und man hörte wieder die Studenten an den Urinalen, die, berauscht von Bier und ihrer eigenen Jugend, Witze machten oder zumindest Lärm.

Zwei von ihnen fanden es wahnsinnig lustig, mit den Händen vor den Fotozellen herumzuwedeln, um die Spülung der Urinale am Laufen zu halten. Der eine rief dem anderen zu: »Wieso Nutte? Mir hat sie gesagt, sie ist refloriert worden!« Sie prusteten beide los.

»Das hat sie gesagt? Re-floriert?«

»Ja! Re-florierte Jungfrau oder unbefleckte Wiedergeburt oder irgend so ’n Scheiß!«

»Vielleicht meint sie, so was kommt von der Pille danach!« Wieder prusteten sie los. Sie hatten jenes Stadium an einem studentischen Abend erreicht, in dem alles umso witziger erscheint, je lauter man es herausbrüllt.

Die Urinale spülten, die Jungen kriegten sich nicht ein über ihren geistreichen Humor, und irgendwo in der langen Reihe der WC-Kabinen übergab sich jemand. Dann flog die Tür auf, und Swarm kam wieder hereingedonnert.

Der Student, der in diesem Augenblick als Einziger an den Waschbecken stand, ließ sich durch nichts stören. Er war gebannt von dem Anblick, den der Spiegel ihm von seinem eigenen Gesicht bot, hell und weiß. Ein Sturm rauschte ihm durch den Kopf. Ein gutes Gefühl. Er fletschte die Zähne. So deutlich hatte er es noch nie gesehen. Wie ebenmäßig! Wie weiß! Es vibrierte vor Vollkommenheit. Und sein kantiger Unterkiefer… das Kinn mit dem perfekten Grübchen genau in der Mitte … der dichte Schopf hellbrauner Haare… die leuchtenden Haselnussaugen … seine Augen! Direkt vor ihm im Spiegel – er! Plötzlich meinte er, eine zweite Person zu sein, die ihm über die Schulter blickte. Sein erstes Ich war überwältigt von seinem fantastischen Aussehen. Sein zweites Ich dagegen betrachtete das Gesicht im Spiegel objektiver, mit größerer Distanz, nur um zum selben Ergebnis zu kommen: Er sah fantastisch aus. Jetzt nahmen sie beide seine Oberarme in Augenschein, die aus den Ärmeln des Polohemds herausschauten. Er drehte sich zur Seite und streckte einen Arm, ließ den Trizeps hervorstehen. Phänomenal, waren beide Ichs sich einig. Er hatte sich noch nie so gut gefühlt.

Und nicht nur das, er stand kurz vor einer großen Erkenntnis. Irgendetwas mit einem Menschen, der die Welt durch zwei Paar Augen betrachtet. Wenn er diesen Moment bloß in seinem Kopf einfrieren könnte, um sich morgen früh daran zu erinnern und ihn aufzuschreiben. Heute Nacht war das unmöglich, bei dem Höllenlärm in seinem Schädel.

»Yo, Hoyt! Wie schaut’s aus?«

Er riss den Blick vom Spiegel los und sah Vance, das blonde Haar zerzaust wie immer. Sie waren in derselben Studentenverbindung, das hieß, Vance war sogar Vorsitzender. Hoyt verspürte einen überwältigenden Drang, ihm von seiner großen Entdeckung zu erzählen. Er öffnete den Mund, aber er fand keine Worte, es kam gar nichts heraus. Also drehte er nur die Handflächen nach oben und zuckte die Achseln.

»Klasse siehst du aus, Hoyt«, sagte Vance, bereits auf dem Weg zu den Urinalen. »Richtig klasse!«

Hoyt wusste, in Wirklichkeit bedeutete das, dass er ziemlich besoffen aussah. Aber was konnte ihm das in seiner momentanen Größe schon ausmachen?

»He, Hoyt«, sagte Vance, der jetzt vor einem der Urinale stand. »Hab gesehen, wie du die kleine Tusse da oben angegraben hast. Jetzt mal ehrlich: Stehst du auf die?«

»Hauppsacheäährschteed«, nuschelte Hoyt, der eigentlich sagen wollte: »Hauptsache er steht«, und eine vage Ahnung hatte, dass es nicht ganz hinhaute.

»Klingst auch klasse!«, sagte Vance. Er war auf seine Verrichtung am Urinal konzentriert, aber dann sah er noch einmal zu Hoyt hinüber und sagte, ernsthafter jetzt: »Weißt du, was ich glaube, Alter? Ich glaube, du bist ziemlich am Arsch. Machen wir lieber, dass wir nach Hause kommen, bevor’s mit dir ganz aus ist?«

Hoyt brabbelte ein paar unverständliche Gegenargumente, aber nur schwach, und nicht viel später verließen sie das Gebäude.

Es war eine milde Mainacht mit einer angenehmen Brise und einem Vollmond, dessen Licht gerade hell genug war, dass man das einzigartige, wie eine Welle geformte Dach des Theaters erkennen konnte, das hier an der Universität offiziell Phipps Opera House hieß, eine der avantgardistischen Fünfzigerjahre-Kreationen des berühmten Architekten Eero Saarinen. Das grelle Foyerlicht des Theaters warf eine feurige Bahn quer über den Vorplatz bis zu der Reihe von Platanen am Rand einer weiteren berühmten Zierde des Campus – des Hains. Dem Färbemittelkönig und Kunstmäzen Charles Dupont, nicht verwandt oder verschwägert mit den Du Ponts aus Delaware, hatte bei der Gründung der Dupont University vor hundertfünfzehn Jahren die Vision eines Arkadien des Geistes vorgeschwebt, in dem junge und alte Gelehrte lustwandeln und sinnen konnten. Und so hatte er den legendären Landschaftsarchitekten Charles Gillette beauftragt. Proben von Gillettes Genie fand man zuhauf auf dem Campus. Da war der Great Yard in seiner Mitte, die Karrees der älteren Wohncolleges, der botanische Garten, zwei Blumenwiesen mit Pavillons, die von Bäumen beschatteten Parkplätze und ebendieses meisterhafte Arboretum, der Hain, so kunstvoll ersonnen, dass es kaum vorstellbar schien, dass Dupont praktisch eingeschlossen war von den schwarzen Slums einer so großen Stadt wie Chester, Pennsylvania. Gillette hatte jeden Baum, jeden Bodendecker, jeden Busch und jede Ranke, jede grasige Lichtung und jede immergrüne Pflanze mit der größten Akribie setzen lassen, und bis zum heutigen Tag, ein gutes Jahrhundert später, war all dies genauso erhalten. Für die kontemplativen Spaziergänge hatte Gillette gewundene Pfade durch den Hain legen lassen. Aber die Studenten von heute durchquerten diesen Triumph amerikanischer Landschaftsarchitektur  – auch wenn es nicht gestattet war – am liebsten auf dem direkten Weg, wie eben jetzt Hoyt und Vance, vom Licht eines großen kugelrunden Mondes begleitet.

Die frische Luft und die Stille unter den hohen Bäumen reinigten Hoyts Kopf, ein wenig zumindest. Er fühlte sich erneut wie an jenem Punkt der Verlaufskurve des Rausches, wo das Hochgefühl seinen Zenit erreicht, bevor die Kräfte der Logik und der Vernunft es an der Rückseite der Kurve herabrutschen und am Boden zerschellen lassen … am herrlichen Punkt der vollkommenen toxischen Balance. Er war überzeugt, jetzt wieder einen zusammenhängenden Satz zu Stande bringen und sich verständlich machen zu können, und immer noch tobte ihm der Sturm der Glückseligkeit durch den Kopf.

Zuerst sagte er nicht viel, während er mit Vance zwischen den Bäumen hindurch auf den Ladding Walk im Herzen des Campus zusteuerte, weil er nach wie vor jenen Moment vor dem Spiegel zu fassen versuchte. Aber dieser Moment entglitt ihm immer wieder, und ehe er sich versah, hatte sein Hirn einen ganz anderen Gedanken an die Oberfläche gespült. Es war der Hain … der berühmte Hain … der ihm zuflüsterte … Dupont… und es ihn bis ins Mark seiner Knochen spüren ließ … Dupont … was besagte Knochen sogleich dazu bewegte, sich den Knochen all der anderen Amerikaner, die nicht in Dupont studierten, unendlich überlegen zu fühlen. Ich bin ein Dupont-Mann, sagte er sich. Wo war der Schriftsteller, der dieses Gefühl unsterblich machte – diese Begeisterung, die sein ganzes Zentralnervensystem entflammte, wenn er im Gespräch mit einem neuen Bekannten sehr bald und scheinbar beiläufig einfließen ließ, dass er aufs College ging, und auf die unvermeidliche Frage »Wo denn?« so gleichmütig und unbetont wie möglich antwortete: »Dupont«, um dann die Reaktion zu beobachten. Manche, vor allem Frauen, zeigten sich beeindruckt. Sie lächelten, ihre Gesichter hellten sich auf, und sie sagten: »Oh, Dupont!« Andere dagegen, besonders Männer, versuchten krampfhaft, sich nicht anmerken zu lassen, wie beeindruckt sie waren, und sagten nur »aha« oder »verstehe« oder gar nichts. Er wusste nicht, was er mehr genoss. Jeder, Mann oder Frau, der gerade wie er in Dupont studierte oder hier seinen Abschluss gemacht hatte, kannte dieses Gefühl, liebte dieses Gefühl, tat alles dafür, dieses Gefühl nach Möglichkeit Tag für Tag neu auszukosten, jetzt und bis zum Ende seines Lebens – aber noch hatte niemand dieses Gefühl in Worte gekleidet, und ganz gewiss hatte niemand hier, kein Dupont-Mann und keine Dupont-Frau, jemals versucht, es einer lebenden Seele zu beschreiben, nicht einmal in diesem erlauchten Kreis der Auserlesenen. Man war ja kein Idiot.

Er ließ den Blick durch den Hain schweifen. Die Bäume waren verzauberte Silhouetten unter einem goldenen Vollmond. Fröhlich, fröhlich brauste der Wind ihm durch den Kopf, und – eine Inspiration wie ein Blitz – er, Hoyt, würde derjenige sein, der all dies in Worte kleidete! Er würde der Barde sein! In ihm steckte ein Schriftsteller, er wusste es genau. Zwar war er bisher nicht dazu gekommen, etwas anderes zu schreiben als Seminararbeiten, aber jetzt, in diesem Augenblick, wusste er, dass er das Zeug dazu hatte. Er konnte es kaum erwarten, morgen früh aufzuwachen und dieses Gefühl auf den Bildschirm seines Mac zu bannen. Oder sollte er jetzt gleich Vance davon erzählen? Der ging nur ein paar Schritte vor ihm durch den verzauberten Hain. Mit ihm konnte man über so etwas reden …

Plötzlich drehte sich Vance zu Hoyt um und hob die Hand, damit er stehen blieb, er legte den Zeigefinger an die Lippen und presste sich dicht an einen Baumstamm. Hoyt machte es ihm nach. Dann gab Vance ihm ein Zeichen, um den Baum herumzuschauen. Zwei Gestalten waren da im Mondlicht zu erkennen, keine fünf Meter entfernt. Die eine war ein Mann mit mächtigem weißen Haarschopf, am Fuß eines Baumstamms im Gras sitzend, die Hosen und Boxershorts bis zu den Knöcheln heruntergeschoben, die schweren weißen Oberschenkel weit gespreizt. Die andere Gestalt war ein Mädchen in Shorts und T-Shirt, das zwischen seinen Schenkeln kniete. Ihre buschige Haarmähne wirkte sehr blass im Mondlicht, während sie sich über dem Schoß des Mannes auf und ab bewegte.

Vance zog den Kopf zurück hinter den Baum und flüsterte: »Du heilige Scheiße, Hoyt, weißt du, wer das ist? Das ist Gouverneur Dingsda, der aus Kalifornien, der Typ, der auf der Gründungsfeier die Rede halten soll.« Die Gründungsfeier war am Samstag. Heute war Donnerstag.

»Und was macht er dann jetzt schon hier?«, fragte Hoyt ein bisschen zu laut, sodass Vance rasch wieder den Finger vor den Mund legte.

Vance gluckste ganz tief in der Kehle und flüsterte: »Das sieht ja wohl ’n Blinder, oder?«

Sie spähten erneut hinter dem Baum hervor. Der Mann und das Mädchen mussten sie gehört haben, denn sie schauten beide in ihre Richtung.

»Die kenn ich«, sagte Hoyt. »Die war in meinem …«

»Scheiße, Hoyt! Psssst!«

Bamm! Von hinten schloss sich eine eiserne Pranke um Hoyts rechte Schulter, und eine Tough-Guy-Stimme sagte: »Was glaubt ihr Wichser, was ihr hier tut?«

Hoyt fuhr herum und sah sich einem kleinen, aber muskelbepackten Mann in dunklem Anzug gegenüber. Schlips und Kragen reichten kaum um den Hals herum, der breiter war als der Kopf. Hinter dem linken Ohr lugte ein kleines, durchsichtiges Spiralkabel hervor.

Adrenalin und Alkohol überschwemmten Hoyts Stammhirn. Er war ein Dupont-Mann, und vor ihm stand ein präpotenter Halbaffe der niedersten Sorte. »Was wir tun?«, bellte er, wobei er dem Mann unbeabsichtigt eine Speicheldusche verabreichte, »einem Anthropoiden in die Affenvisage glotzen, das tun wir!«

Der Mann packte Hoyt an beiden Schultern und stieß ihn rücklings gegen den Baumstamm, dass ihm die Luft wegblieb. Während der kleine Gorilla noch mit der Faust ausholte, ließ sich Vance hinter ihm auf Knie und Hände nieder. Hoyt wich der Faust aus, die gegen den Baumstamm krachte, und rammte dem Angreifer – der gerade begonnen hatte, ein schmerzerfülltes »Shiiiiit« herauszujaulen – mit aller Kraft den Unterarm in den Leib. Der Mann taumelte rückwärts, stolperte über Vance und schlug mit einem ekelhaft dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. Er wollte sich aufrappeln, sank aber wieder zu Boden. Da lag er, neben einer riesigen, hervorstehenden Ahornwurzel, das Gesicht verzerrt, und hielt sich die Schulter mit einer Hand, deren blutige Knöchel bis auf den nackten Knochen aufgeplatzt waren. Der Arm, der eigentlich in das Schultergelenk gehörte, stand in einem grotesken Winkel ab.

Hoyt und Vance, immer noch auf allen vieren, starrten fassungslos auf dieses Bild der Pein. Der Mann schlug die Augen auf, sah, dass seine Gegner keinen neuen Angriff starteten, und stöhnte: »Scheiße …« Dann, übermannt von weiß der Himmel was, verzog er das Gesicht zur nächsten Schmerzensgrimasse – lag nur da und ächzte: »Ihr Dreckschweine … ihr Schweine…«

Die beiden blickten sich an und drehten sich – zwei Seelen, ein Gedanke – nach dem Mann und dem Mädchen um; aber die waren verschwunden.

Vance flüsterte: »Und was machen wir jetzt?«

»Dass wir wegkommen«, sagte Hoyt.

Und das taten sie. Baumstämme, Büsche und Blumen und Blätter flogen nur so an ihnen vorbei, als sie durch das dunkle Arboretum hetzten, und Vance murmelte in einem fort Dinge wie: »Notwehr, Notwehr … reine… Notwehr«, bis er zu ausgepumpt war, um beim Rennen auch noch zu reden.

Sie erreichten das Ende des Hains, der hier an den offenen Campus grenzte, und Vance keuchte: »Nicht so … schnell …« Er war so außer Atem, dass er nicht mehr als ein oder zwei Silben zwischen zwei Japsern hervorbrachte. »Einfach … ganz … normal … und … natürlich … gehen.«

Und so kamen sie ganz normal und natürlich aus dem Hain geschlendert, zwei nächtliche Spaziergänger, nur ihr Atem klang wie zwei Baumsägen, und sie waren klatschnass geschwitzt.

Vance sagte: »Kein« – japs – »Wort darüber« – japs – »zu keinem.« – japs – »Hast du« – japs – »gehört?« – japs – »Hörst du, Hoyt?« – japs – »Hörst du?« – japs – »Scheiße, Hoyt!« – japs – »Hörst du mich?«

Aber Hoyt schaute ihn nicht einmal an, von zuhören ganz zu schweigen. Sein Herz pumpte nicht weniger Adrenalin als das von Vance. Aber in Hoyts Fall diente das Hormon dazu, den fröhlichen Wind anzufachen, der jetzt noch heftiger blies. Er hatte den Drecksack platt gemacht! Wie er diesen muskelverschnürten Schwachkopf über Vances Rücken geschleudert hatte – Wahnsinn! Er konnte es kaum erwarten, ins Saint Ray House zu kommen und allen davon zu erzählen. Er! Eine Legende war geboren! Er hob den Kopf und blickte auf das Bild, das vor ihnen lag, überwältigt von dem Hochgefühl der – Ekstase! – eines Mannes nach der gewonnenen Schlacht.

»Schau doch hin, Vance«, sagte er. »Da ist es.«

»Was ist da, um Himmels willen?«, sagte Vance, der so schnell wie möglich weiterwollte.

Hoyt wies nur stumm mit der Hand.

Der Campus von Dupont… Das Mondlicht verwandelte die Universitätsgebäude in ein großflächiges Chiaroscuro aus dunklen Formen, von einer Lasur aus blässlich-weißem Gold in ihrer ganzen Opulenz hervorgehoben. Die Türme und Türmchen, die Spitzen und die schweren Schieferdächer – so unsagbar schön, unsagbar großartig. Wände so dick wie Schlossmauern! Es war eine Festung. Und er, Hoyt, gehörte zu einem erlesenen Kreis, zu den wenigen Glücklichen, die diese Festung nach Belieben betreten… ihrer Uneinnehmbarkeit teilhaftig werden durften. Und mehr noch, er gehörte zum innersten Kern dieses Kreises, den Saint-Rays, der Korporation derer, die auserwählt waren zu herrschen über … ja, über all die anderen.

Er wollte Vance an dieser tiefen Einsicht teilhaben lassen, aber Shit! … es überforderte ihn. Deshalb sagte er nur: »Vance, weißt du, was Saint Ray ist?«

Die Frage war von so grandioser Unerheblichkeit, dass Vance ihn mit offenem Mund anstarrte. Dann, in der Hoffnung, seinen Kameraden damit wieder auf Trab zu bringen, sagte er: »Nein, was denn?«

»Ein Blankoscheck … mit dem du alles machen kannst, was du nur willst … absolut alles.« Es schwang nicht eine Spur von Ironie in seiner Stimme mit. Nur Ergriffenheit. Er hätte nicht ehrlicher sein können.

»Hör auf damit, Hoyt! Fang gar nicht erst damit an! Wir wissen nichts von dem, was da eben im Hain passiert ist. Gar nichts! Okay?«

»Nur keine Panik«, sagte Hoyt und schwenkte die Hand in einem weiten Bogen, der die gesamte Szenerie einschloss. »Innerster Kern… erlesener Kreis.«

Wieder beschlich ihn so eine Ahnung, dass er sich nicht richtig verständlich machen konnte. Den ängstlichen Ausdruck auf Vances mondbeschienenem Gesicht registrierte er eher gelassen. Warum war Vance so nervös? Er war doch auch ein Dupont-Mann. Hoyt ließ einen letzten liebevollen Blick über das mondbeglänzte Königreich schweifen, das da vor ihnen lag. Der gewaltige Turm der Bibliothek … die berühmten Wasserspeier an den Ecken des Lapham College, deren Silhouetten sich deutlich abzeichneten … und weiter hinten die Kuppel der Basketballhalle … die Glas-und-Stahlkonstruktion des neu erbauten Zentrums für Neurobiologie oder was auch immer das war – selbst dieses sonderbare Bauwerk erschien nun wunderschön – Dupont! Naturwissenschaften – reihenweise Nobelpreisträger – auch wenn die Namen ihm jetzt gerade nicht einfielen … Sportler  – Giganten des Sports! Nationaler Basketballmeister! Top Five im Football und Lacrosse! Obwohl er persönlich es ja hirnverbrannt fand, zu den Spielen zu gehen und irgendwelchen Sportlern zuzujubeln … Geistesgrößen – legendäre Geistesgrößen! – auch wenn die meisten von ihnen bleiche, am Rande des Collegelebens herumgeisternde Außenseiter waren … Traditionen  – die großartigsten Traditionen! – Marotten, Verschrobenheiten, von einer Generation der Besten an die nächste weitergegeben. Gut, ein paar Wölkchen waren aufgezogen – die steigende Zahl von akademischen Sonderlingen, Bücherwürmern, Homosexuellen, Flötenwunderkindern und anderen Randgestalten, die heutzutage aufgenommen wurden … egal! Die haben ihr Dupont, das letztlich nichts anderes ist als ein Diplom mit dem Briefkopf von Dupont … und wir haben unseres, das wahre Dupont!

Sein Herz war so voll, er hätte es vor Vance ausschütten mögen. Aber das Problem mit der Verständlichkeit meldete sich wieder, und so brachte er nur heraus: »Es ist unseres, Vance, unseres!«

Vance schlug die Hand vors Gesicht und stöhnte beinahe so jämmerlich wie der kleine Muskelprotz auf dem Rasen des Hains. »Hoyt, du bist so was von hackevoll.«

1

Dieses eine Versprechen

Alleghany County liegt so hoch in den Bergen des westlichen North Carolina, dass die unerschrockenen Golfspieler, die ihrem Sport in solcher Höhe nachgehen, von Hochgebirgsgolf sprechen. Der einzig lukrative Anbau in diesem Landkreis ist der von Weihnachtsbäumen, meist Fraser-Tannen, der wichtigste Produktionszweig der Bau von Ferienhäusern. In Alleghany County gibt es auch nur eine Stadt, und die heißt Sparta.

Die Sommergäste werden durch die urtümliche Schönheit des New River hierher gelockt, der den Landkreis nach Westen begrenzt. Urtümlich trifft die Sache im Kern. Paläontologen vermuten, dass der New River zu den zwei oder drei ältesten Flüssen der Welt gehört. Im Volksmund heißt es, der Name käme daher, dass der erste Weiße, der den Fluss entdeckt hatte, Thomas Jeffersons Cousin Peter war, und zumindest ihm war die Existenz des Flusses neu. Er war mit einer Gruppe von Landvermessern zum Kamm der Blue Ridge Mountains hinaufgestiegen, die einen Teil der Kontinentalscheide bilden. Auf dem Grat angekommen, hatte sich ihm derselbe atemberaubende Ausblick auf die andere Seite geboten, der auch heute noch wanderfreudige Sommerfrischler entzückt: ein breiter, kristallklarer Gebirgsbach, gesäumt von dichten, dunkelgrünen Flächen unberührten Waldes vor der gewaltigen aschfarbenen Kulisse der Blue Ridge, die aus der Ferne tatsächlich blau aussehen.

Bis vor gar nicht so langer Zeit waren die Berge ein Wall, der Alleghany County so gründlich vom Rest North Carolinas abschnitt, dass die Menschen dort – wenn sie überhaupt einen Gedanken daran verschwendeten – von der Lost Province, der Verlorenen Provinz, sprachen. Moderne Schnellstraßen haben das Gebiet inzwischen erschlossen, aber die Atmosphäre von Entlegenheit und Urtümlichkeit ist ihm geblieben, und genau das ist es, was all die Sommertouristen, die Campingfreunde, Kanufahrer, Angler, Jäger, Golfer und Liebhaber von Kunsthandwerk an diesem Landstrich so schätzen. Es gibt kein Einkaufszentrum in Alleghany County, kein Kino und nicht einen einzigen Börsenmakler. Bei den Bewohnern von Sparta ließ das Wort Ehrgeiz keine Bilder von abgehetzten, beinharten Geschäftsleuten mit langweiligen Anzügen und »interessanten« Krawatten entstehen wie bei den Leuten aus Charlotte oder Raleigh. Familien mit Kindern an der einzigen höheren Schule in der Region, der Alleghany High School, litten noch nicht unter dem Collegefieber, das unter den Familien in den urbaneren Regionen grassierte – diesem grimmigen, alles verzehrenden Drang, seine Sprösslinge auf renommierten Hochschulen unterzubringen. Welchem Elternpaar in Sparta fiele es auch nur im Traume ein, seinen Sohn oder seine Tochter auf eine Universität wie Dupont schicken zu wollen? Keinem vermutlich. Weshalb die Nachricht, dass eine Absolventin der hiesigen High School, eine Schülerin namens Charlotte Simmons, im Herbst nach Dupont gehen würde, in der wöchentlich erscheinenden Alleghany News für eine Schlagzeile sorgte.

Und etwa einen Monat später, an einem Samstagvormittag Ende Mai, war ebendieses Mädchen, Charlotte Simmons, auf der Abschlussfeier in der Turnhalle so etwas wie ein kleiner Star. Der Direktor, Mr. Thoms, stand auf der Bühne am Ende des Basketballfelds. Bei der Verlesung der Auszeichnungen für herausragende Leistungen hatte er bereits verkündet, dass Charlotte Simmons die Preise für Französisch, Englisch und kreatives Schreiben gewonnen hatte. Und jetzt stellte er sie als die Schülerin vor, die dieses Jahr die Abschlussrede halten würde.

»… eine junge Dame, die – nun, normalerweise veröffentlichen wir an dieser Schule keine SAT-Ergebnisse, erstens, weil es vertrauliche Informationen sind, und zweitens, weil wir die Bedeutung des SAT lieber nicht überbetonen wollen.« Er machte eine Pause, ließ ein breites Lächeln über das ganze Publikum strahlen. »Aber dieses eine Mal muss ich eine Ausnahme machen. Ich kann nicht anders. Sie sehen hier eine junge Dame, die bei der Hochschulzulassungsprüfung die Höchstpunktzahl sechzehnhundert erreicht hat und die Idealnote Fünf bei vier verschiedenen Einstufungstests, eine junge Dame, die sich für eins der beiden an North Carolina vergebenen Präsidial-Stipendien qualifiziert hat und ins Weiße Haus nach Washington fahren durfte – zusammen mit Martha Pennington, unserer Englischlehrerin, die als ihre Mentorin geehrt wurde –, um dort mit den achtundneunzig Schülern und ihren Mentoren zusammenzutreffen, die die restlichen neunundvierzig Staaten unserer Nation repräsentieren, eine junge Dame, die mit dem Präsidenten zu Abend gegessen hat und ihm die Hand geschüttelt hat, eine junge Dame, die ganz nebenbei auch noch einer der Stars unserer Cross-Country-Mannschaft war, eine junge Dame, die…«

Das Objekt all dieser Aufmerksamkeit saß auf einem hölzernen Klappstuhl in der ersten Reihe zusammen mit ihrer Abschlussklasse, und ihr Herz schlug so schnell wie das eines Vogels. Nicht weil sie gleich eine Rede halten musste. Die hatte sie so oft durchgelesen, dass sie sie Zeile für Zeile auswendig kannte, wie den vielen Text, den sie damals in der Schulaufführung von Gaslight sprechen musste, als sie die Bella spielte. Ihr machten zwei völlig andere Dinge zu schaffen: ihr Aussehen und ihre Klassenkameraden. Außer dem Gesicht und den Haaren sah nichts unter dem irischgrünen Talar mit dem weißen Kragen und dem irischgrünen Barett mit der goldenen Quaste hervor; beides stellte die Schulverwaltung für solche Anlässe zur Verfügung. Immerhin, das Gesicht und die Haare – sie hatte heute Morgen Stunden, , damit verbracht, ihr langes, glattes braunes Haar, das ihr bis über die Schultern herabfiel, zu waschen, es in der Sonne zu trocknen, zu bürsten, zu kämmen, aufzufönen, sich Gedanken darum zu machen, weil sie es für ihren größten Aktivposten hielt. Eigentlich fand sie auch ihr Gesicht ganz hübsch, aber es machte sie zu kindlich, unschuldig, verletzlich, jungfräulich – . Das beschämende Wort schoss ihr wie von selbst durch den Kopf … und das Mädchen neben ihr, Regina Cox, stöhnte jedes Mal unterdrückt, wenn Mr. Thoms »eine junge Dame, die« sagte. Wie groß war Reginas Groll auf sie? Wie viele der anderen, die in grünen Talaren neben und hinter ihr saßen, grollten ihr heimlich? Warum fand Mr. Thoms kein Ende mit seinem ? In diesem Augenblick des Ruhms, unter den Blicken praktisch aller Menschen, die sie kannte, hatte sie beinahe so viele Schuld- wie Triumphgefühle. Aber der Triumph ließ sich nicht verleugnen, und jemand hat Schuldgefühle einmal als die Angst vor dem Neid der anderen definiert.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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