Ich bin dann mal weg - Hape Kerkeling - E-Book

Ich bin dann mal weg E-Book

Hape Kerkeling

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Beschreibung

Juni 2001: Es ist ein nebelverhangener Morgen, als Hape Kerkeling, Deutschlands vielseitigster Entertainer und bekennende Couch potato, endgültig seinen inneren Schweinehund besiegt und in Saint-Jean-Pied-de-Port aufbricht. Sechs Wochen liegen vor ihm, allein mit sich und seinem elf Kilo schweren Rucksack: über die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen, durch das Baskenland, Navarra und Rioja bis nach Galicien zum Grab des heiligen Jakob, seit über 1000 Jahren Ziel für Gläubige aus der ganzen Welt. Mit Charme, Witz und Blick für das Besondere erschließt Kerkeling sich die fremden Regionen, lernt er die Einheimischen ebenso wie moderne Pilger und ihre Rituale kennen. Er erlebt Einsamkeit und Stille, Erschöpfung und Zweifel, aber auch Hilfsbereitschaft, Freundschaften und eine ganz eigene Nähe zu Gott. In seinem Buch über den Wert des Wanderns zeigt der beliebte Spaßmacher, wie er auch noch ist: abenteuerlustig, weltoffen, meditativ. 
2006 erscheint der Bericht seiner Pilgerreise, wird zum Kultbuch und Bestseller-Phänomen, der Titel zum geflügelten Wort. Bis heute ist die Faszination der Lektüre ungebrochen. Kerkeling beschert dem Jakobsweg einen neuen Boom und dem Tourismus in Nordspanien Rekordzahlen. Der TV-Star legt damit als Autor auch den Grundstein für seine berührende Kindheitsgeschichte »Der Junge muss an die frische Luft«.
In der Jubiläumsausgabe lässt Hape Kerkeling jetzt in einem neuen Bonus-Kapitel die Bedeutung dieser sechswöchigen Wanderung Revue passieren und blickt zwanzig Jahre danach auf den wichtigsten Weg seines Lebens zurück.

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Seitenzahl: 449

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Mit 35 Fotos und einer Karte

 

ISBN 978-3-492-95076-3 Mai 2017 © Piper Verlag GmbH, München 2006 erschienen im Verlagsprogramm Malik Fotos: Hape Kerkeling Karte: Eckehard Radehose, Schliersee Redaktion: Antje Steinhäuser Covergestaltung: semper smile, München Covermotiv: © 2015 UFA Cinema GmbH, Warner Bros. Entertainment GmbH Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

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Der Weg stellt jedem nur eine Frage:

»Wer bist du?«

 

 

 

 

 

Ich widme dieses Buch

meiner geliebten Großmutter Bertha.

 

Anne und Sheelagh danke ich für die gemeinsamen Erfahrungen.

9. Juni 2001 – Saint-Jean-Pied-de-Port

»Ich bin dann mal weg!« Viel mehr habe ich meinen Freunden eigentlich nicht gesagt, bevor ich gestartet bin. Ich wandere halt mal eben durch Spanien. Meine Freundin Isabel kommentierte das sehr lapidar mit: »Aha, jetzt bist du durchgeknallt!«

Was, um Himmels willen, hat mich eigentlich dazu getrieben, mich auf diese Pilgerreise zu begeben?

Meine Oma Bertha hat es schon immer gewusst: »Wenn wir nicht aufpassen, fliegt unser Hans Peter eines Tages noch weg!«

Wahrscheinlich hat sie mich deshalb auch immer so gut gefüttert.

Und so könnte ich jetzt bei einer heißen Tasse Kakao und einem saftigen Stück Käsekuchen gemütlich zu Hause auf meiner roten Lieblingscouch liegen. Stattdessen hocke ich bei erstaunlich kühlen Temperaturen in einem namenlosen Café am Fuß der französischen Pyrenäen in einem winzigen mittelalterlichen Städtchen namens Saint-Jean-Pied-de-Port. Einer malerischen Postkartenidylle ohne Sonne.

Von der Zivilisation kann ich mich dann doch noch nicht ganz lösen, deshalb sitze ich direkt an der Hauptstraße und stelle fest: dafür, dass ich vorher noch nie etwas von diesem Ort gehört habe, brettern hier unglaublich viele Autos durch.

Auf dem wackeligen Bistrotischchen vor mir liegt mein fast leeres Tagebuch, das anscheinend genauso einen Appetit hat wie ich. Eigentlich hatte ich bisher noch nie das Bedürfnis, mein Leben schriftlich festzuhalten – aber seit heute Morgen verspüre ich den Drang, jedes Detail meines beginnenden Abenteuers in meiner kleinen orangefarbenen Kladde aufzuzeichnen.

Hier also beginnt meine Pilgerreise nach Santiago de Compostela.

Die Wanderung wird mich über den Camino Francés, eine der Europäischen Kulturstraßen, über die Pyrenäen, quer durch das Baskenland, Navarra, die Rioja, Kastilien-León und Galicien nach etwa 800 Kilometern direkt vor die Kathedrale von Santiago de Compostela führen, in welcher sich, der Legende nach, das Grab des Apostels Jakob befindet, des großen Missionars der iberischen Völker.

Wenn ich nur an den langen Fußmarsch denke, könnte ich mich jetzt schon vierzehn Tage ausruhen.

Das Entscheidende ist: Ich werde laufen! Die ganze Strecke. Ich laufe! Ich muss es gerade selber noch einmal lesen, damit ich es glaube. Allerdings nicht alleine, sondern gemeinsam mit meinem elf Kilo schweren, knallroten Rucksack. Falls ich unterwegs tot umfalle, und die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, erkennt man mich mit dem wenigstens aus der Luft.

Zu Hause benutze ich nicht mal die Treppe, um in den ersten Stock zu kommen, und ab morgen müsste ich dann jeden Tag zwischen 20 und 30 Kilometern gehen, um in knapp 35 Tagen ans Ziel zu gelangen. Die bekennende Couch potato geht auf Wanderschaft! Gut, dass keiner meiner Freunde so genau weiß, was ich hier eigentlich vorhabe, dann ist es nicht ganz so peinlich, wenn ich wahrscheinlich schon morgen Nachmittag das ganze Unternehmen aus rein biologischen Gründen wieder abblasen muss.

Heute Morgen habe ich mal einen ersten vorsichtigen Blick auf den Anfangspunkt des offiziellen Jakobswegs geworfen. Er liegt oberhalb des Stadttores jenseits der Türmchen und Mauern von Saint Jean, dem Schlüssel zu den spanischen Pyrenäen, und läutet die erste Etappe auf dem Camino Francés mit einem recht steilen Aufstieg über einen Kopfsteinpflasterweg ein.

Mein Weg beginnt in Saint-Jean-Pied-de-Port

Dort begibt sich gerade ein etwa siebzig Jahre alter Herr mit einer starken Gehbehinderung sehr entschlossen auf den Pilgermarathon. Ich starre ihm bestimmt fünf Minuten ungläubig hinterher, bis er langsam im Morgennebel verschwunden ist. Ich bin mir sicher, der schafft das!

Die Pyrenäen sind ziemlich hoch und erinnern mich an das Allgäu.

In meinem hauchdünnen Reiseführer, den ich schließlich auch über die schneebedeckten Wipfel der Pyrenäen schleppen muss, steht, dass Menschen sich seit vielen Jahrhunderten auf die Reise zum heiligen Jakob machen, wenn sie, wörtlich und im übertragenen Sinn, keinen anderen Weg mehr gehen können.

Da ich gerade einen Hörsturz und die Entfernung meiner Gallenblase hinter mir habe, zwei Krankheiten, die meiner Einschätzung nach großartig zu einem Komiker passen, ist es für mich allerhöchste Zeit zum Umdenken – Zeit für eine Pilgerreise.

Über Monate nicht auf die innere Stimme zu hören, die einem das Wort »PAUSE!« förmlich in den Leib brüllt, sondern vermeintlich diszipliniert weiterzuarbeiten, rächt sich halt – indem man einfach gar nichts mehr hört. Eine gespenstische Erfahrung! Der Frust und die Wut über die eigene Unvernunft lassen dann auch noch die Galle überkochen und man findet sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses mit Verdacht auf Herzinfarkt wieder.

Wütend darüber, dass ich es so weit habe kommen lassen, bin ich immer noch! Aber ich habe auch endlich wieder meiner inneren Stimme Beachtung geschenkt und siehe da: Ich beschließe, während der diesjährigen Sommermonate keinerlei vertragliche Verpflichtungen einzugehen und mir eine Auszeit zu spendieren.

Bald finde ich mich in der Reiselektüreabteilung einer gut sortierten Düsseldorfer Buchhandlung wieder und suche – frei nach dem Motto: Ich will mal weg! – nach einem passenden Reiseziel.

Das erste Buch, das mir mehr oder weniger vor die Füße fällt, trägt den Titel Jakobsweg der Freude.

Was für eine Frechheit, einen Weg so zu nennen!, denke ich noch entrüstet. Schokolade macht nur bedingt froh und Whiskey wirklich nur in Ausnahmesituationen und jetzt soll also ein Weg Freude bringen? Dennoch packe ich das anmaßende Buch ein. Und verschlinge es in einer Nacht.

Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela gehört, neben der Via Francigena von Canterbury nach Rom und der Pilgerfahrt nach Jerusalem, zu den drei großen Pilgerwegen der Christenheit.

Der Legende nach gilt der Pfad bereits den Kelten in vorchristlicher Zeit als Initiationsweg. Kraftadern in der Erde und Energiebahnen, die so genannten Leylinien, ziehen sich angeblich über die gesamte Strecke parallel zur Milchstraße bis nach Santiago de Compostela (Sternenfeld); und sogar darüber hinaus bis nach Finisterre (Weltende) an der spanischen Atlantikküste, dem damaligen Ende der bekannten Welt. Bisher war ich immer davon ausgegangen, unser gesamter Planet befände sich irgendwie parallel zur Milchstraße. Aber bitte, man ist ja auch im Alter noch lernfähig!

Wer nach Santiago pilgert, dem vergibt die katholische Kirche freundlicherweise alle Sünden. Das ist für mich nun weniger Ansporn als die Verheißung, durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden. Das ist doch einen Versuch wert!

Wie hypnotisiert schaue ich mir in den folgenden Tagen dabei zu, wie ich fix die Reiseroute ausbaldowere und Rucksack, Schlafsack, Isomatte und Pilgerpass besorge, um auf dem Flug nach Bordeaux wieder zu mir zu kommen und mich laut sagen zu hören: »Bin ich eigentlich noch ganz dicht?«

Ich komme in Bordeaux an und es ist noch genauso hässlich und grau wie vor zwanzig Jahren, als ich hier als Sechzehnjähriger mal auf der Durchreise war. Ich steige im »Hotel Atlantic«, einem außerordentlich schönen klassizistischen Prachtbau gegenüber dem Hauptbahnhof, ab. Bevor ich die kommenden sechs Wochen nur noch in gammeligen Schlafsälen zwischen schnarchenden Amerikanern und rülpsenden Franzosen verbringe und ein Leben ohne ordentliche sanitäre Einrichtungen führe, tu ich mir noch mal was Gutes!

Aus dem Guten ist allerdings nicht viel geworden. Am Ende wäre es im Gemeinschaftssaal heimeliger gewesen. Mit einem bemerkenswert freundlichen Lächeln wird mir nämlich eine kahle Bruchbude ohne Fenster, dafür mit quietschblauer Neonbeleuchtung und zu einem Wucherpreis zugeteilt. Im Gegensatz zu mir rebelliert meine nicht mehr vorhandene Gallenblase umgehend.

Wäre Bordeaux netter gewesen, wäre ich womöglich gar nicht weitergefahren.

Zwischen der ersten und der heutigen Reise liegen zwanzig Jahre. Hab ich etwa seit zwanzig Jahren schlechte Laune? Ich gebe Bordeaux die Schuld. Das ist einfacher.

Im Zimmer hält mich nichts, denn mein Vormieter hat die Mini-Bar, schlau wie er war, schon leer gesoffen. Also raus und zwar direkt zum Bahnhof.

Als ich in der gigantischen Schalterhalle den Satz: »Mademoiselle, einmal Bordeaux – Saint-Jean-Pied-de-Port, einfache Fahrt, zweiter Klasse, bitte!«, in ordentlichem Schulfranzösisch über die Lippen bringe, schaut mich die afrikanischstämmige Charmeoffensive auf der anderen Seite der Scheibe mit einem strahlenden Lächeln an.

»A quelle heure, Monsieur?« – Wann? – Clever, die Frau!

»So um sieben Uhr morgen früh!«, entscheide ich spontan, wie ich nun mal bin.

Die für sie wesentliche Information hat die propere Schalterbeamtin offensichtlich schon wieder verdrängt: »Wie heißt der Ort noch mal?«

Prima! Auf keiner der Landkarten, die ich studiert habe, ist eine Eisenbahnverbindung nach Saint-Jean-Pied-de-Port eingezeichnet – ergo gibt es auch keine! Lustlos wiederhole ich den Namen des Ortes und das Frollein wälzt leicht verwirrt wuchtige Fahrpläne aus vergangenen Jahrhunderten, um zu der vollkommen überraschenden Erkenntnis zu gelangen: »Monsieur, diesen Ort gibt es nicht in Frankreich!«

Ich bin so perplex, als hätte sie gerade behauptet: Gott ist tot!

»Moooment«, sage ich, »den Ort gibt es schon, aber vielleicht fährt die Eisenbahn nicht dorthin. Aber dann doch bestimmt ein Überlandbus oder so was!« Die Dame bleibt zwar höflich, aber stur und lässt sich nicht beirren: »Nein, nein, der Ort existiert nicht! Glauben Sie mir.« Ich glaube ihr selbstverständlich nicht und bestehe darauf, dass es den Ort gibt. Hier geht es schließlich auch ums Prinzip!

Nach quälend langen Minuten stellt sich heraus: Der Ort existiert! Und was noch toller ist, es gibt sogar eine Verbindung mit Umsteigemöglichkeit dorthin. Ich vermute, dieser Ort existiert nur, weil ich so insistiert habe. Vielleicht habe ich Glück und mit Gott geht’s mir genauso?

Wer möchte ernsthaft die Existenz des Ortes Saint-Jean-Pied-de-Port bezweifeln?

Als ich mit meiner Fahrkarte den Bahnhof verlasse und mich gerade wieder frage, was ich hier eigentlich tue... ob das alles denn auch vernünftig ist... und überhaupt... sehe ich vor mir ein Riesenwerbeplakat für eine neue Telekommunikationserrungenschaft mit dem Slogan: »Wissen Sie, wer Sie wirklich sind?« Meine Antwort ist spontan und unumwunden: »Nein, pas-du-tout!«

Ich beschließe, im »Hotel Atlantic« mal einen Gedanken darauf zu verschwenden. Im Hotelzimmer liegt eine ziemlich verklebte Stadtinfo für Bordeaux, in der ich lustlos blättere, um zu erfahren, was ich während der letzten Woche so alles verpasst habe. Dabei stoße ich auf die Fortsetzung der Plakatwerbekampagne. Diesmal mit dem Slogan »Willkommen in der Wirklichkeit.« Das sitzt!

Mein Zimmer hat immer noch keine Fenster. Mein Handy-Akkuladegerät passt nicht in die französische Steckdose und eigentlich will ich jetzt schon wieder nach Hause – oder weg? Ich weiß es nicht. Ich entscheide mich für weg. Und schlafe.

Bei meiner Ankunft heute Morgen wimmelt es in Saint Jean bereits von Pilgern aller Altersklassen und Nationen. Die Stadt lebt wohl vom Geschäft mit den Wallfahrern. Dort werden rustikale Wanderstäbe und Muschelanhänger – sie sind das Erkennungszeichen der Pilger – verkauft. Hier werden kitschig bunte Heiligenfiguren, Pilgermenüs – sprich Pommes mit Fleisch – und Wanderführer in allen modernen Idiomen angeboten. Ich entscheide mich für einen einfachen Wanderstab, der mir jetzt schon viel zu lang, zu schwer und zudem unhandlich erscheint.

Auf dem Weg zur örtlichen Pilgerherberge überlege ich hin und her, was Stempel auf Französisch heißt. Auf Spanisch heißt es sello, das steht im Pilgerpass, dem credencial. In der Eingangstür fällt mir endlich das Wort ein. Timbre! naturellement. Perfekt habe ich meinen Satz schon im Kopf vorformuliert: »J’ai besoin d’un timbre.« Ich brauche einen Stempel. Da hör ich den älteren Herrn am Schreibtisch in Oxford-Englisch parlieren, da er gerade eine jugendliche Vier-Mann-Kapelle aus Idaho abstempelt und ihnen die Betten 1 bis 4 zuteilt. So bekomme ich mit, dass der Mann Engländer ist und seinen Jahresurlaub damit verbringt, hier in diesem kleinen Büro Pilgerpässe gegenzuzeichnen und Pilgerbettnummern zu vergeben! Und offensichtlich hat er Spaß. Mir vergeht der Spaß gerade, denn ich stelle fest, dass ich in einem nasskalten Zwanzig-Mann-Schlafsaal stehe, in dem ich nach Adam Riese Bett Nr. 5 bekomme, direkt neben dem gut gelaunten Country-Quartett aus Idaho. Die schleppen doch tatsächlich ihre mordsschweren Instrumente mit; drei Gitarren und eine Was-auch-immer-Flöte.

Als ich an der Reihe bin, fragt mich der nette Mensch: »What’s your profession, Sir?« Ich denke noch: »Mein Beruf? Was sage ich?« – »Artist!«, habe ich ihm da auch schon entgegenposaunt. Der Mann schaut mich zweifelnd an. Bei den Musikern stellte sich diese Frage gar nicht.

Auf dem Plakat stand: »Wissen Sie, wer Sie wirklich sind?« Ich weiß es offensichtlich nicht. Ich, mit meinem weißen Sonnenkäppi, sehe eher aus wie Elmar, die Cartoon-Figur, die Bugs Bunny hinterherjagt.

Bevor er mir Bett Nr.5 tatsächlich zuteilen kann, ziehe ich mit meinem ersten offiziellen Stempel – dabei bin ich noch keinen einzigen Meter gepilgert – von dannen.

So weiß die katholische Kirche offiziell darüber Bescheid, dass ich tatsächlich von hier gestartet bin. Am Schluss gibt’s dann vom Secretarius Capitularis in Santiago eine dolle Urkunde in lateinischer Sprache mit Goldrand, die compostela. Und mir werden alle Sünden erlassen und das sind nach Ansicht der katholischen Kirche einige! Komme mir vor wie in einer Klerikalkomödie.

Die Stempel werden nur in offiziellen Pilgerherbergen, Kirchen und Klöstern entlang des Weges ausgegeben. Der geneigte Autofahrer oder Bahnreisende hat allerdings keine Chance, eine Pilgerurkunde zu ergaunern, denn die entscheidenden Stempelstellen sind nur zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen. Und man darf auch nur dann von sich behaupten, ein echter Pilger gewesen zu sein, wenn man mindestens die letzten 100 Kilometer vor Santiago de Compostela per pedes oder die letzten 200 Kilometer auf dem Drahtesel oder zu Pferde hinter sich gebracht hat. Aber die meisten Menschen wollen den gesamten Camino Francés pilgern, denn das ist die alte Wallfahrerroute.

Um einen Pilgerpass, diese entscheidendste Requisite der Pilgerschaft, zu bekommen, muss man natürlich nicht zwingend katholisch sein. Ich würde mich selbst zum Beispiel als eine Art Buddhist mit christlichem Überbau bezeichnen! Klingt theoretisch komplizierter, als es in der Praxis ist!

Es ist ausreichend, auf der spirituellen Suche zu sein. Und das bin ich.

Als Wiedergutmachung für die gestrige Nacht in Bordeaux hab ich mich hier im »Hotel des Pyrenees« einquartiert. Die Adresse in der Stadt! Manchmal merk ich schon, dass ich aus Düsseldorf bin!

Die örtliche Pilgerherberge war mir für die erste Nacht dann doch etwas zu – na ja, sagen wir – gesellig.

Während ich hier in dem Bistro an meinem café au lait nuckele, frage ich mich, was ich mir von dieser Pilgerschaft denn eigentlich verspreche oder erwarte. Ich könnte losziehen mit der Frage im Kopf: Gibt es Gott? Oder Jahwe, Shiva, Ganesha, Brahma, Zeus, Ram, Vishnu, Wotan, Manitu, Buddha, Allah, Krishna, Jehowa? Da ließen sich noch viele Namen nennen...

Seit meiner frühesten Kindheit beschäftigt mich die Frage nach dem großen unbekannten Wesen. Als Achtjähriger habe ich es wirklich genossen, in den Kommunionsunterricht zu gehen, und ich erinnere mich bis heute noch genau an das, was dort gelehrt wurde. Ähnlich ging es mir später im Beicht-, Religions- und Firmunterricht. Mich musste niemand dorthin zerren; was im Übrigen auch keiner getan hätte, da ich keiner streng katholischen Familie entstamme. Mein Interesse an allen religiösen Themen war bis zu meinem Abitur ziemlich groß.

Während andere Kinder zähneknirschend in die Messe trotteten, hatte ich meine helle Freude daran, die ich natürlich tunlichst verbarg, um nicht als total uncool zu gelten. Klar, die Predigten unseres Gemeindepfarrers hauten mich natürlich auch nicht vom Hocker, aber sie konnten doch nicht verhindern, dass mein lebendiges Interesse bestehen blieb. Keine spirituelle Ausrichtung war vor mir sicher, alle Weltanschauungen faszinierten mich. Eine Zeit lang spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken zu konvertieren, um evangelischer Pfarrer oder wenigstens Religionswissenschaftler zu werden. Als Kind hatte ich nie den leisesten Zweifel an der Existenz Gottes, aber als vermeintlich aufgeklärter Erwachsener stelle ich mir heute durchaus die Frage: Gibt es Gott wirklich?

Was aber, wenn dann am Ende dieser Reise die Antwort lautet: Nein, tut mir sehr Leid. Der existiert nicht. Da gibt es NICHTS. Glauben Sie mir, Monsieur!

Könnte ich damit umgehen? Mit Nichts? Wäre dann nicht das gesamte Leben auf dieser ulkigen kleinen Kugel vollkommen sinnlos? Natürlich will jeder, mutmaße ich, Gott finden... oder zumindest wissen, ob er denn nun da ist... oder war... oder noch kommt... oder was?

Vielleicht wäre die Frage besser: Wer ist Gott?

Oder wo oder wie?

In der Wissenschaft wird das doch auch so ähnlich gemacht.

Also stelle ich die Hypothese auf: Es gibt Gott!

Es wäre doch sinnlos, meine wertvolle begrenzte Zeit damit zu verplempern, nach etwas zu suchen, was am Ende vielleicht gar nicht da ist.

Also sage ich, es ist da! Ich weiß nur nicht wo. Und für den Fall, dass es einen Schöpfer gibt, wird er restlos begeistert davon sein, dass ich nie an ihm-ihr-es gezweifelt habe.

Im schlimmsten Fall würde dann die Antwort lauten: »Es gibt Gott und gleichzeitig gibt es ihn nicht, das verstehen Sie zwar nicht, aber tut mir wieder Leid, so sind nun mal die Tatsachen, Monsieur!«

Damit könnte ich leben, denn das wäre eine Art Kompromiss! Einige Hindus vertreten übrigens diesen scheinbar absurden Standpunkt.

Nur: Wer sucht denn hier eigentlich nach Gott?

Ich! Hans Peter Wilhelm Kerkeling, 36 Jahre, Sternzeichen Schütze, Aszendent Stier, Deutscher, Europäer, Adoptiv-Rheinländer, Westfale, Künstler, Raucher, Drachen im chinesischen Sternkreis, Schwimmer, Autofahrer, GEZ-Gebührenzahler, Zuschauer, Komiker, Radfahrer, Autor, Kunde, Wähler, Mitbürger, Leser, Hörer und Monsieur.

Anscheinend weiß ich ja nicht mal so genau, wer ich selbst bin. Wie soll ich da herausfinden, wer Gott ist?

Meine Frage muss also erst mal ganz bescheiden lauten: Wer bin ich?

Damit wollte ich mich ursprünglich zwar nicht beschäftigen, aber da ich ständig von Werbeplakaten dazu aufgefordert werde, bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Also gut – als Erstes suche ich nach mir; dann sehe ich weiter. Vielleicht habe ich Glück und Gott wohnt gar nicht so weit weg von mir. Sollte er jedoch in Wattenscheid leben, wäre ich hier allerdings ganz falsch!

In meiner sauerstoffarmen französischen Zelle habe ich gestern Nacht höchstens drei Stunden geschlafen, daher wahrscheinlich auch dieses konfuse Gedankenkonstrukt. Aber vielleicht werde ich nur unter Druck nachgiebig? Heute gehe ich früh ins Bett, morgen will ich um sechs Uhr raus und los. Mann, bin ich müde!

Falls es Gott gibt, hat er zumindest ’ne Menge Humor. Sitze ich doch bei Milchkaffee auf einem kartoffelförmigen Planeten, der mit überhöhter Geschwindigkeit durchs Weltall rast. Davon merke ich zwar nichts, aber trotzdem entspricht es den Tatsachen.

Ich bin in Saint Jean! Ist Johannes, der Apostel, nicht der Bruder von Jakob?

Das könnte ein dezentes Indiz dafür sein, dass dies ein Weg der Brüderlichkeit ist. Aber vielleicht ist die Stadt ja nach Johannes dem Täufer benannt? Johannes im Plural gäb’s ja einige... Bin zu müde, um das heute zu recherchieren.

Erkenntnis des Tages:

Erst mal herausfinden, wer ich selbst bin.

10. Juni 2001 – Roncesvalles

Mann, bin ich gebeutelt! Kann kaum noch den Stift in der Hand halten.

Heute Morgen um kurz vor sieben verlasse ich mein Hotel mit dem Ziel Roncesvalles in Spanien. Frühstück gab’s keines. Das wird erst ab acht gereicht. Stattdessen hab ich mir einen Powermüsliriegel gegönnt. Davon habe ich mir drei Stück eigentlich nur für Notfälle aus Deutschland mitgenommen. Meine Ein-Liter-Plastikwasserflasche habe ich lediglich zur Hälfte gefüllt, denn jedes Milligramm mehr macht meinen Rucksack nur schwerer.

Gleich nachdem ich den offiziellen, zunächst gepflasterten Pilgerpfad betrete, fängt es an, wie aus Kübeln zu regnen, und die nassfeuchte Kälte macht mir schnell klar, dass meine überteuerte Regenjacke nicht nur kälte-, sondern auch wasserdurchlässig ist. Kein anderer Pilger ist unterwegs, soweit ich das in dem dichten Nebel beurteilen kann. Die Herrschaften baden offensichtlich gerne lau. Alles Weicheier und nicht so hart im Nehmen wie ich, so viel steht jetzt schon fest!

Eigentlich wollte ich heute schön langsam starten und mich an das Gewicht auf meinen Schultern und das Gehen mit dem Wanderstock gewöhnen. Pustekuchen! Bei dem Wetter will man nicht laufen, sondern bloß so schnell wie möglich irgendwo ankommen. Der doofe Pilgerstab gerät mir ständig zwischen die Füße und kleinste Stolperer führen dazu, dass mich der Rucksack, der Schwerkraft gehorchend, mit voller Wucht nach vorne drückt, sodass ich untrainierter Moppel mich nur mit Mühe wieder fange. Ein vernünftiges Lauftempo stellt sich so nicht ein. Entweder hetze ich atemlos vor mich hin oder ich krieche nur so voran.

Ob die Gegend hier schön ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vor lauter Regen und Nebel kann ich nichts, absolut nichts sehen. Das Foto in meinem farbigen Reiseführer zeigt eine märchenhaft verschneite Gebirgskulisse vor einem glühenden Sonnenuntergang und erklärt diese Region zu einer der magischsten Europas, die ich unbedingt mal gesehen haben sollte. Hier soll es üppige Weidematten mit Schafen, die unbedingte Vorfahrt genießen, egal wer des Weges kommt, unter schroffen Felsformationen geben. Mag sein.

Leider werde ich nie guten Gewissens behaupten können, hier gewesen zu sein!

So holpere ich dann in einem dreistündigen Gewaltmarsch immer nur steil bergauf, arbeite mich stoisch durch eine riesige Nebelwand auf die Passhöhe von Roncesvalles auf 1300 Höhenmetern zu, während mein Rucksack ganz eindeutig wieder nach Hause will, so wie der zieht.

Irgendwann, es war ja zu befürchten, kann ich nicht mehr weiter. Mir kommt der Gedanke, dass, wenn ich jetzt tot umfalle, mir auch mein knallroter Signalrucksack nichts nützt. Bei dem Bergnebel wäre ich auch von oben schier unauffindbar. Ich beschließe, dass das überaus tragisch ist, und so kann ich mich durch einen nervösen Lachanfall wenigstens entspannen. Lachen strengt mich aber noch mehr an. Die Vernunft obsiegt und so entscheide ich, dass hier und jetzt nichts mehr geht, dass ich das Heft nicht mehr in der Hand halte und mich demütig in mein Schicksal füge. Ich kann einfach nicht mehr weiter!

Bei strömendem Regen setze ich mich auf einen Stein am Wegesrand und genieße das nicht vorhandene Pyrenäenpanorama. Ein Blick nach rechts sagt mir, dass ich den steilen Aufstieg nicht mehr schaffen werde, da der Gipfel, wenn ich von meinem bisherigen Entenmarschtempo ausgehe, wahrscheinlich noch Stunden entfernt liegt. Ein Blick nach links verrät, dass ich den wahrscheinlich dreistündigen, nicht minder steilen Abstieg auch nicht mehr auf die Reihe bekomme. Dies ist also ein Notfall und so gönne ich mir einen Müsliriegel und eine klatschnasse Zigarette. Triefende Nässe verleiht dem Tabak eine besondere Note. Der Regen stört mich nicht mehr, es ist eh schon alles triefend nass, übrigens auch alle Dinge in meinem garantiert wasserundurchlässigen Rucksack! Qualmend sitze ich auf dem Stein und lache. Keine Ahnung wie lang; fünfzehn Minuten vielleicht? Auf dem gesamten mehrstündigen Marsch war ich nicht einem einzigen Menschen begegnet.

Plötzlich – ohne Vorwarnung – taucht links vor mir im Nebel ein kleiner blauer Transporter auf. Ich reagiere prompt und zwinge ihn, vor Freude mit meinem Wanderstab wedelnd, zu halten. An mir und meinem Warnrucksack kommt der auf dem schmalen Sträßchen sowieso nicht vorbei. Der uralte dreirädrige Wagen kommt zum Stehen. Von innen wird die Beifahrertür geöffnet und ein knallrotes Bauerngesicht strahlt mich derbe an.

»Na, wo wollen Sie denn bei dem Sauwetter hin?«, schallt es mir in einem urwüchsigen französischen Dialekt entgegen.

»Nach oben!«, sage ich, denn das französische Wort für Gipfel will mir gerade partout nicht einfallen. Mit einer knappen einladenden Geste und einem dahingebrummten Wort bittet der Bauer mich in den Wagen. Ohne den Rucksack vorher abzuschnallen, setze ich mich neben den Gauloise rauchenden Mann im Blaumann und klebe nur fast mit der Nase an der Scheibe. Den von hinten kommenden strengen Gestank kann ich allerdings noch deutlich riechen. Ich drehe mich um und ein gigantischer Widderkopf blökt mich von der Ladefläche an. Ein zweites Tier streckt mir seelenruhig sein Hinterteil entgegen. Mit Vollgas geht es jetzt Richtung Gipfel.

»Wie weit ist es denn noch bis... oben?«, frage ich, um eine Konversation zu beginnen.

»Nicht mehr weit. Zweieinhalb Kilometer vielleicht?«, entgegnet er, während er mir eine trockene Zigarette anbietet, welche ich mir rasch anzünde.

»Dann war ich ja doch schon fast oben«, entfährt es mir erleichtert.

»Sind Sie einer von den Pilgern?«

»Ja!«, antworte ich knapp und denke: »Jetzt habe ich es zum ersten Mal gesagt: Ich bin Pilger!«

»Meinen Sie nicht, dass Sie sich da ein bisschen zu viel aufhalsen?«, will er jetzt kritisch dreinschauend wissen.

Ja, ich mute mir allerdings zu viel zu, aber ich werde einen Teufel tun, das in Gegenwart zweier stinkender Schafe zuzugeben.

Der Wagen schlängelt sich flott nach oben und wie auf Kommando wird der blökende Widder von einem akuten Würgereiz, begleitet von grünem Auswurf, befallen. Kurz gesagt: Das riesige Schaf kotzt auf die Ladefläche. Als wäre das eine besondere Leistung, grinst der Landmann mich fröhlich an. Mir fällt nichts Originelleres ein als: »Ist ihm nicht gut?«

Der Bauer kann mich aber beruhigen: »Das macht er immer! Er fährt nicht gern Auto! Aber der Sommer kommt und dann müssen sie nun einmal wieder auf die Alm und das geht nur mit dem Auto.«

Auf einer Anhöhe setzt mich mein Fahrer dann im strömenden Regen und noch dichterem Nebel und bei subjektiv eindeutig gefühlten Minustemperaturen an einem total zermatschten Waldweg aus. Er beugt sich noch mal lächelnd mit der Kippe im Mund zu mir: »Das Schlimmste haben Sie geschafft! Der Gipfel ist nicht mehr weit.« Ich bedanke mich von Herzen und kann es mir nicht verkneifen, dem Widder gute Besserung zu wünschen. So braust das Auto weiter, während ich im Nebel erfolgreich nach Wegweisern fahnde. Durch die Verschnaufpause fühle ich mich wieder halbwegs gewappnet für den Weg nach Spanien und will mir daraufhin einen Schluck Wasser gönnen. Beim Griff nach meiner Wasserflasche muss ich jedoch feststellen, dass mir diese im Auto aus dem Rucksack gerutscht sein muss. Großartig! Es regnet in Strömen und ich hab das Gefühl zu verdursten.

Nach unzähligen weiteren kleinen Aufstiegen – die Luft wird da oben schon etwas dünner – komme ich an die berühmte Rolandsquelle, ganz in der Nähe der offenen spanischen Landesgrenze, dorthin, wo Ritter Roland sich so wacker, aber erfolglos gegen die Basken – oder waren es die Mauren? – geschlagen hat. Schon Karl der Große soll aus der Quelle getrunken haben. Für solche historischen Spitzfindigkeiten habe ich jetzt allerdings wenig Sinn – ich habe Durst. Frei nach Brecht kommt erst das Trinken, dann die Bildung. Im Lauftempo hoppele ich zu dem Brunnen, während mein Rucksack fröhlich auf und ab schunkelt und noch viel stärker an meinen armen Schultern zerrt. Schon sehe ich mich meinen Durst stillen und drücke beinahe feierlich den schicken goldenen Hahn der Rolandsquelle und – nichts passiert! Kein Wasser!

Ich versuche es mehrmals, aber die Quelle scheint versiegt.

Sturzbäche fließen links und rechts an mir vorbei. Rot, matschig und modderig. Aber kein Wasser in der Quelle.

Mein Reiseführer weiß indes zu berichten, dass dies die einzige Trinkwasserquelle auf der gesamten Etappe ist, dass Roland, der Paladin Karls des Großen, hier von den Sarazenen – ah, den Sarazenen! – brutal gemeuchelt wurde und dass mich auf Grund der schlechten Witterung noch mindestens viereinhalb Stunden Fußmarsch erwarten. Fantastisch! Heute ist definitiv mein Tag! Ich bin wütend. Kann mir nicht verdammt noch mal jemand ’n Klempner schicken?

Da höre ich plötzlich ein allmählich sich näherndes Motorengeräusch. Und aus dem Nebel taucht am Berghang oberhalb der Quelle ein kleines Feuerwehrauto auf. Keine Halluzination!

Zwei gut gelaunte Feuerwehrmänner steigen aus und tapern durch den Nebel langsam zu mir herunter. »C’est tout bien, monsieur?« Sie erkundigen sich netterweise nach meinem Befinden. Meine Antwort kommt prompt und wer so großen Durst hat, der kann auch gut Französisch: »Mir geht es bestens, aber der Wasserhahn der historisch bedeutsamen Rolandsquelle ist defekt. Sie werden es kaum glauben, aber da ist kein Wasser mehr drin!« In Nullkommanix, wie halt die Feuerwehr so ist, bringen sie zwar den Hahn nicht dazu, Wasser zu spucken, aber durch eine gemeinsame Kraftanstrengung gelingt es ihnen, hinter der Quelle einen Schlauch aus dem Erdboden zu reißen und ich kann endlich saufen!

Mindestens zwei Liter lasse ich in mich hineinlaufen. Danach reparieren die Jungs alles wieder beziehungsweise sie machen den Brunnen wieder funktionsuntüchtig; so wie er halt vorher war!

Heute war ich sicher der Einzige, der hier getränkt wurde. Und dann sprudelt die Frage förmlich aus mir heraus: »Was um Himmels willen machen Sie denn bei diesem Sauwetter hier oben?«

Der kräftigere der Feuerwehrmänner erklärt mir mit einem Lächeln: »Gar nichts. Meinem Kumpel ist bloß schlecht geworden. Gestern hatten wir den großen Feuerwehrball in Saint-Jean-Pied-de-Port und er hat zu viel getrunken und nun müssen wir alle zehn Minuten anhalten, weil der Kollege sich übergeben muss.« So schnell wie die Feuerwehr-Fata-Morgana gekommen ist, verschwindet sie auch wieder in der Nebelwand.

Mensch und Tier scheint es hier wohl öfter schlecht zu gehen und mir kommt es auf mysteriöse Art zugute. Zum zweiten Mal bin ich heute dankbar.

Die Feuerwehrmänner waren Franzosen, was bedeutet, dass ich also noch nicht mal in Spanien bin und der längste Teil des Wegs noch vor mir liegt. Beschwingt marschiere ich weiter durch den immer dichter werdenden Wald und über Berge, von denen ich nur vermuten kann, dass es sie gibt. Der Himmel will und will nicht aufreißen.

Nach drei weiteren quälenden Stunden Fußmarsch werde ich endgültig lauffaul, habe aber noch locker zwei Stunden auf den Beinen vor mir, denn der Regen wird immer stärker und ich immer schwächer. Mittlerweile bin ich so langsam geworden, dass mich innerhalb von einer halben Stunde ein Dutzend Pilger überholen. Wo kommen die auf einmal alle her? Seit Stunden habe ich niemanden gesehen und nun ziehen sie klitschnass und grußlos an mir vorüber!

Zum Glück geht es dann aber auch irgendwann wieder abwärts. Mein Herz schlägt höher. Der Abstieg auf dem höchstens zwanzig Zentimeter breiten Matsch- und Geröllpfad durch den Wald aus Buchen ist jedoch so steil, dass mein linkes Knie nach kurzer Zeit anfängt zu pochen und höllisch zu schmerzen. Dass Knieschmerzen sich so rasend steigern können, war mir bisher unbekannt. Es hilft nichts, ich muss laut vor mich hin stöhnen, um es auszuhalten, und es ist mir gleichgültig, ob das irgendjemand in dieser gottverlassenen Wildnis hört. Ich bin jetzt wehleidig!

Aus einem touristischen Kaufrausch heraus habe ich mir Gott sei Dank diesen Wanderstock gekauft. So sehr mich dieser Knüppel beim Aufstieg behindert hat, so sehr nützt mir dieser Zauberstab jetzt bei dieser Schlitterpartie nach unten. Ohne ihn könnte ich mich auf dieser Rutschbahn gar nicht mehr halten. Alle zehn Minuten muss ich eine Pause einlegen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Jetzt bloß kein Selbstmitleid. Ich hab mich hier hochgeschleppt und nun schleppe ich mich eben wieder runter. Allerdings muss ich vor Sonnenuntergang in Roncesvalles sein, sonst sehe ich tatsächlich schwarz. Bisher war immer noch kein Grenzstein zu sehen, also muss ich immer noch in Frankreich sein. Spanien, komm mir doch bitte ein Stückchen entgegen!

Die Schmerzen im Knie werden unerträglich und ich bin den Tränen nahe! In meinem hellsichtigen Reiseführer steht übrigens, dass jeder Pilger auf der Reise mindestens einmal weinen wird.

Aber doch bitte nicht gleich am ersten Tag! Noch zehn Minuten und ich falle um! Und oh Wunder, kurz bevor ich tatsächlich losheule, komme ich aus dem dichten Wald an eine Lichtung und sehe die Klostermauern von Roncesvalles. Ich fühle mich wie ein Aussätziger im Mittelalter, dem ein Barmherziger ein Stück Brot reicht. Ich hab’s geschafft. Sechsundzwanzig Kilometer zu Fuß über die Pyrenäen! Die kleine Spritztour mit dem Schafbauern mal nicht dazugerechnet.

Das wuchtige Kloster von Roncesvalles, die offizielle Pilgerherberge, sieht aus wie eine verschlafene Dornröschenburg und ist drei Nummern zu groß für den bescheidenen Flecken. Der Ort scheint quasi jeden Moment von dem Konvent erdrückt zu werden. Nach einem kleinen Rundgang durch das Kloster, bei dem ich mich auf das Erdgeschoss beschränke, da ich heute nicht mal mehr eine Bordsteinkante bewältigen könnte, stellt sich leider heraus, dass die Schlafsäle, die Toiletten und Duschen nicht halten, was das Kloster von außen verspricht. Es ist schrecklich kalt und schmutzig. In der Haupthalle lagern an die fünfzig Pilger. Ihre durchnässten Kleider haben sie auf dem feuchten Steinboden zum Trocknen ausgebreitet. In den Ecken kauern und liegen verschwitzte, überanstrengte Menschen mit erstaunlich zufriedenen Gesichtern. So sehe ich also auch aus.

Als ich mir meinen ersten richtigen Pilgerstempel im Kloster abhole, fragt mich der stämmige baskische Rentner hinter dem Schreibtisch:

»Wieso wollen Sie nur einen Pilgerstempel, brauchen Sie kein Bett?«

Mein Spanisch kann sich im Gegensatz zu meinem Französisch wirklich hören lassen. Spanisch war mein zweites Abiturfach und ich liebe diese Sprache nach wie vor. Also entgegne ich ihm: »Nein, ein Bett brauche ich nicht, ich werde im Hotel schlafen.« Der Mann erhebt sich wütend von seinem Schreibtisch, haut mit der Faust auf den Tisch und fährt mich an: »Was fällt Ihnen ein? Das sind ja ganz neue Moden! Als Pilger hat man in einer Pilgerherberge zu schlafen, um gemeinsame Erfahrungen mit anderen Pilgern auszutauschen, und sich nicht in einem Hotel abzusondern!«

Fassungslos schaue ich den Bettenwart an und sage: »Erfahrungen tausche ich gerne aus, an Fußpilzaustausch habe ich jedoch kein Interesse.« Ich drehe mich um und gehe. Anstatt hier rumzumaulen, könnte der Typ besser mal eben die Duschwannen durchfeudeln, schießt es mir wütend durch den Kopf. Beim besten Willen, in diesem Kloster werde ich nicht übernachten. Ich habe mir den Gewaltmarsch meines Lebens angetan und werde mich jetzt nicht dafür bestrafen, indem ich in diesem refugio schlafe. Gut, übersetzt bedeutet das nicht mehr und nicht weniger als »Zuflucht«, deswegen darf man auch nicht zu viel erwarten.

Ich humpele auf die andere Seite der einzigen Straße im Dorf.

Meine Wahl fällt auf die kleine Pension direkt gegenüber dem Konvent. Sie ist preisgünstig, gepflegt und im warmen Zimmer gibt es sogar eine Badewanne. In der guten Stube angekommen, breite ich zunächst mal meine nassen Habseligkeiten auf dem Boden und über der Heizung aus. Selbst das Geld und mein Reiseführer sind nass. Mein Knie tut jetzt bei jedem Schritt höllisch weh. Hoffentlich muss ich das Unternehmen nicht nach der ersten Etappe abbrechen. Kommt nicht in Frage! Im Ruhezustand merke ich ja nichts. Rauflaufen geht gerade noch, aber runter ist unmöglich und leider hat man mir das einzige freie Zimmer im ersten Stock gegeben. Ich habe ewig gebraucht, bis ich hier oben war, und hab vorsichtshalber unten gleich was gegessen; Calamares in der eigenen Tinte, so muss ich nachher nicht mehr runter und dann wieder rauf. In meinem desorientierten Reiseführer steht, es soll hier ein Lebensmittelgeschäft geben. Gibt es aber nicht. Mir ist ein Rätsel, wo ich morgen Verpflegung herbekommen soll. Und selbst wenn es irgendwo ein Lebensmittelgeschäft gäbe, würde ich morgen früh die Stufen runter ins Erdgeschoss womöglich ja gar nicht mehr schaffen.

Ich halte fest: Auf meine Weise habe ich heute einen Gipfel erklommen. Meine unteren Gliedmaßen sprechen eine eindeutige Sprache. Sie sind mittlerweile zu einem einzigen dumpfen Schmerz zusammengewachsen. Verhält es sich mit meiner Suche vielleicht so wie mit der Suche nach dem Gipfel im Nebel? Ich kann zwar nichts sehen, aber er ist da! Es wird ja wohl nicht an akutem Sauerstoffmangel liegen? Jedenfalls freue ich mich, in Spanien zu sein, und morgen geht’s weiter. Ich fühle mich so, als wäre ich heute durch einen nebeligen Geburtskanal auf den Weg geboren worden. Es war eine schwere Geburt, aber Mutter und Kind sind trotzdem wohlauf und die Nabelschnur ist durchtrennt! Von meinen orthopädischen Problemen sollte ich einmal absehen.

Erkenntnis des Tages:

Obwohl ich den Gipfel durch den Nebel nicht sehen kann, ist er doch da!

11. Juni 2001 – Zubiri

Heute Morgen sind meine Knieschmerzen so gut wie weggeblasen. Kann mein Knie fast schmerzfrei bewegen! Nach einem zünftigen Frühstück in der Gaststätte habe ich mich so gegen zehn Uhr auf den Weg gemacht, Richtung Zubiri, heute, laut meinem Kilometer zählenden Reiseführer, nur mal sechseinhalb Stunden Fußmarsch. Zur Abwechslung führt der Weg heute wieder über die Berge.

Da meine Wanderschuhe noch klitschnass sind, bleibt mir nichts anderes übrig, als in meinen Badelatschen loszulaufen, die ich mir auf Anraten meiner sehr deutschen Touristenlektüre ursprünglich gekauft habe, um direkten Fußkontakt mit unsauberen Duschwannen zu vermeiden. Die schweren kanadischen Boots habe ich zum Trocknen an meinen Rucksack gehängt.

Was wäre ich nur ohne meine kanadischen Boots geworden?

Der Anfang des Weges ist einfach und schön zu gehen. Hinzu kommt, dass heute der Hochsommer ausgebrochen ist. Habe das Gefühl, die nasse Kälte von gestern auszuschwitzen. Der Weg führt mich durch wunderschöne Wälder, in denen es nur so von Schmetterlingen und Eidechsen wimmelt und andere Pilger leider nicht auszumachen sind.

Endlich kann ich auch mal das alpenländisch anmutende Bergpanorama genießen. Nur die Beschilderung des Weges ist heute eher chaotisch und einfallsreich. Man muss schon sehr aufpassen, um die obligatorischen, von Hand gepinselten gelben Pfeile auf der Straße, an Bäumen, Zäunen oder auf Steinen wahrzunehmen, damit man auf dem rechten Weg bleibt. Trotzdem stellt sich bei mir das Gefühl ein, nicht ich laufe in Latschen nach Santiago, sondern Santiago kommt mir heute in Siebenmeilenstiefeln entgegen!

Die ersten baskischen Dörfer, durch die ich komme, sind traumhaft schön. Das ganze Baskenland kommt mir vor wie ein riesiger Märchenwald. Der Baustil der Häuser ist fantasievoll. Eine Architektur, die sich zwischen Cochem an der Mosel und Timmendorfer Strand bewegt. Und ich frage mich – wie kann die ETA nur Bomben im Märchenwald legen?

Auf einem wunderschönen Höhenweg sehe ich zwölf riesige Greifvögel, die ganz dicht über mir kreisen. Ich zähle mehrmals nach und kann es kaum glauben. Ein majestätischer Anblick, den ich natürlich mit meiner Wegwerfkamera verewige! Ich habe keine Ahnung, ob es Adler in den Pyrenäen gibt. Selbst mein besserwisserisches Vademekum schweigt sich darüber aus; aber so jedenfalls sehen diese Vögel aus. Ich hoffe nicht, dass es sich um Geier handelt, die in mir fette Beute sehen. Schön, dass ich ornithologisch nicht ganz auf der Höhe bin, so kriege ich auch mal zwölf Adler zu sehen!

Tja, und nach dem dritten Höhenweg mit schier unbeschreiblicher Fernsicht sind auch, grüß Gott, meine Knieschmerzen wieder da. Hölle! Tut das weh!

Ein Hauch von Mosel und Ostsee im Baskenland

Und mich befallen wieder Zweifel, ob ich als pummelige Couch potato wirklich gut daran tue, mal eben in Badelatschen die Pyrenäen zu überqueren. Dreißig Kilometer am Tag zu marschieren ist eben keine Kaffeefahrt. Mal geht’s besser mit dem Knie, dann wieder schlechter. Gepeinigt von stechenden Knieschmerzen muss ich mein Lauftempo notgedrungen drastisch reduzieren. Zumal ich statt in ordentlichem Schuhwerk in Gummipuschen herumlatsche. Da guckt dann schon mal der eine oder andere baskische Bauer belustigt aus der Wäsche, wohl wissend, dass das Meer schlappe zweihundert Kilometer entfernt liegt.

Irgendwann komme ich dann endlich wieder in ein Örtchen, dessen Herz aus einer kleinen Kneipe besteht. Ich genehmige mir Speis und Trank und kann ein paar Vorräte bunkern. Bananen, Wasser und Brot.

Gestärkt wandere ich weiter und wundere mich nach einer guten halben Stunde über die Leichtigkeit meines Schritts. Irgendetwas fehlt. Ein Geräusch! Das schürfende Klackern meines Pilgerstabes auf dem Asphalt ist verschwunden. Na prima. Ich habe ihn in der Kneipe stehen lassen. Sofort trabe ich im Eilschritt zurück, um ihn zu holen, denn ohne meinen Stock ist jeder Abstieg unmöglich und... irgendwie fehlt mir der Knüppel auch.

Unter sengender Hitze verlassen mich dann kurz darauf wieder die Kräfte und ich bin drauf und dran, den soeben wiedergefundenen Pilgerstab ins Korn zu werfen. Was tue ich hier? Bin ich noch gescheit? Wenn mein Hausarzt wüss te, wie ich mich vollends übernehme! Badelatschen habe ich schon an, also wieso fahr ich nicht ans Meer?

Aber ich zwinge mich, anders zu denken, und so rede ich mir gut zu: »Lauf einfach weiter, Dicker! Es wird schon gehen.«

Nach einiger Zeit erreiche ich einen alten Weiler mit einer riesigen hölzernen Viehtränke, die im Schatten eines großen Baumes vor sich hin plätschert. Ständig fließt frisches, eiskaltes Quellwasser nach. Ich stecke meinen Kopf in das Wasser und fühle mich um Jahrzehnte verjüngt. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass weit und breit niemand zu sehen ist, ziehe ich mich flott aus und nehme ein Ganzkörperwannenbad. Doch gut, dass ich Badelatschen dabei habe! Langsam schrumpfen meine geschwollenen Knöchel und Knie wieder auf Normalgröße zurück.

Natürlich kommen ausgerechnet jetzt doch Pilger vorbei. Zwei deutsche Damen im gesetzten Alter, ich vermute pensionierte Studienrätinnen, deren Wasserflaschen glücklicherweise noch bis zum Anschlag gefüllt sind, sodass sie nicht auf mein Badewasser angewiesen sind. Etwas pikiert setzen sie sich neben mich und können sich dann aber doch ein breites Grinsen nicht verkneifen. Ich tue so, als wäre ich Franzose, und hüpfe mit einem: »Ça va?« aus der Tränke. Die Damen ziehen weiter und ich gönne mir eine Zigarette und eine Banane mit Brot. Teile des Badewassers gieße ich in meine Wasserflasche, auf die ich jetzt besonders gut aufpasse. Die ist genau so wichtig wie der Wanderstab.

In dieser hölzernen Viehtränke saß der »Franzose« und rief den Damen »Ça va?« zu.

Meinen elf Kilo schweren Rucksack könnte ich eigentlich getrost mal vergessen! Elf Kilo!! Dabei ist gar nicht so viel drin. Eine lange Hose, die kurze trage ich heute, zwei Hemden, zwei T-Shirts, mein feucht-fröhliches Regencape, ein Pullover und je zwei Unterhosen und zwei Paar Socken, ein Reisenessesär, Rei in der Tube – denn ich habe ja jetzt täglich auch noch Waschtag –, Blasenpflaster,Wundspray, Sonnencreme, mein Handy, Geld, eine Isomatte, ein Schlafsack, ein Handtuch, ein etwas dickeres Buch, mein klammer Reiseführer und mein Powermüsliriegel für Notfälle. Und alles das wiegt zusammen mit dem Trinkwasser eben elf Kilo.

Meine Wanderschuhe sind inzwischen sonnengetrocknet, also bin ich bereit und mache mich auf zu dem auf über 800 Meter Höhe gelegenen Erro-Pass. Zweieinhalb Stunden geht es fast nur bergauf. Das findet mein Körper gar nicht witzig, aber die Schmerzen sind erträglich. Zwischendurch gönne ich mir immer wieder ein Päuschen und ein Zigarettchen.

Mein Wanderbuch hat eine deutliche Warnung ausgesprochen, was den Abstieg nach Zurbiri betrifft, er ist angeblich steil, sehr steil und nichts für Greenhorns. Da vor mir zwei deutsche Omas laufen, denke ich: Wenn die das schaffen, schaffe ich das auch. Ich bin halt simpel gestrickt.

Als ich die beiden dann kurz vor der Passhöhe einhole, halten sie sich vor Schmerzen stöhnend ihre Knie. Die paar Menschen, denen ich im Laufe des Tages noch begegne, ein mittelalter Holländer und eine durchtrainierte Französin, haben übrigens auch Knieschmerzen.

Ja, und so ist auch dieser Abstieg von weiteren zweieinhalb Stunden die reinste Wanderhölle! Schönes Wetter hin, schönes Wetter her. Der Weg nach unten durch den Wald hat’s faustdick hinter den Blättern. Ich knicke sechsmal um. Das sechste Mal so heftig, dass ich mir sicher bin, nicht ohne einen Bänderriss davonzukommen. Ohne den Pilgerstab geht hier gar nichts mehr, es sei denn im Sturzflug. Ich kann meine Knie kaum noch beugen. Eine einzige Quälerei! Ein Weg ist nicht mehr zu erkennen, alles sieht eher aus wie eine Art Schlucht durch das wilde Kurdistan. Mittlerweile bezweifle ich, dass es sich hierbei noch um den offiziellen Pilgerpfad handelt. Das ist doch eher ein ausgetrockneter Wasserfall. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Kletterei als Meditation zu nehmen. Immer nur auf den nächsten Schritt konzentrieren und bloß nicht weiter vorausschauen.

Solange ich noch ebenen Weges gehe, darf ich mir über den bevorstehenden Abstieg lieber keine Gedanken machen, sonst knalle ich auf dem ebenen Weg schon auf die Fresse!

Sich umzudrehen während des Laufens kann auf diesen Matschwegen, die gespickt sind mit wuchtigen Findlingen, halsbrecherisch sein. Während es vorangeht, also nicht umdrehen! Nur nach vorne schauen. Wenn man sich umdrehen will, kurz stehen bleiben, innehalten.

Ich lerne meinen Körper hier wirklich kennen und ich muss sagen, der macht schon – in zweierlei Hinsicht – eine ganze Menge mit. Wenn ich ihn nicht mit Gewalt zwinge, sondern auf ihn einrede wie auf ein krankes Pferd, und es langsam angehe, spielt er mit. So schaffe ich auch Zubiri wider Erwarten in einem Stück. Den Ort erreicht man über eine mittelalterliche Pilgerbrücke über den Rio Aga, die im Volksmund anheimelnderweise puente de la rabia, Brücke der Tollwut, heißt.

Bei meiner Ankunft an der Pilgerherberge werde ich musikalisch begrüßt durch die Vier-Mann-Kapelle aus Idaho. Sie hocken direkt unter der überladenen Wäschespinne auf dem Spielplatz. Frage mich wirklich, wozu eine Pilgerherberge einen Spielplatz braucht. Diese Strecke zu Fuß mit Kleinkindern zu bewältigen ist absolut undenkbar. Die Beschreibung des refugio lasse ich weg. Nur so viel, ich übernachte an diesem Ort wieder in einem netten, kleinen Hotel. Die Chefin ist praktischerweise die Cousine der Apothekerin, so werde ich umgehend mit Sportgel und elastischen Knieschonern versorgt. Wie der Zufall es will, habe ich heute ein Zimmer im dritten Stock, ohne Fahrstuhl. Irgendwer will mich offensichtlich gezielt kleinkriegen. Ich hoffe, ich kann morgen weiterlaufen nach Pamplona.

Heute Abend werde ich wieder Calamares in der eigenen Tinte essen. Sensationell! Sieht zwar etwas ekelig aus, aber das scheint hier das Nationalgericht zu sein, obwohl das Meer ein paar hundert Kilometer weit weg ist. Aber wenn ich in Badelatschen wandere, können die auch Tintenfische essen.

Erkenntnis des Tages:

Weiter! Nicht umdrehen!

12. Juni 2001 – Pamplona

Es war abzusehen: Nichts geht mehr, am wenigsten meine Beine. Gestern Nacht einzuschlafen war fast unmöglich, so sehr hat alles geschmerzt. Heute Morgen um neun Uhr versuche ich also aufzustehen und beide Beine von der Sohle bis rauf zum Oberschenkel sind steif und fast taub. Alles tut weh: die Sohlen, die Fersen, die Knie, die Schienbeine, die Muskeln.

Dennoch schaffe ich es, mich zum Frühstück ins Erdgeschoss zu hangeln.

Als ich mein Spiegelbild im Hotelflur betrachte, sehe ich schon deutlich weniger Speck, obwohl ich so viel futtere wie im Leben noch nicht.

Nach dem Frühstück schnüre ich mein schweres Bündel und ziehe los. Ich versuche tapfer den Pilgerweg weiterzugehen, welcher gleich mit einem herrlich steilen Anstieg aufwartet. Nach etwa einem Kilometer reicht es mir, es ist Schluss mit lustig!

Mein Körper braucht einen Ruhetag und zwar am besten gleich im dreißig Kilometer entfernten Pamplona. Eine Zug- oder Busverbindung dorthin gibt es nicht und so werde ich heute also vom Pilger zum Tramper!

Zunächst darf ich aber noch einige Kilometer auf der Landstraße in Richtung Pamplona wandern. Wenigstens ist die flach. Autos können hier allerdings unmöglich anhalten, ohne eine Massenkarambolage zu verursachen. So lasse ich den Daumen unten. Die Straße ist im Übrigen nicht für verirrte, hinkende Pilger gedacht und insofern lebensgefährlich! Als sie seitlich in einen breiten Schotterstreifen mündet, stelle ich mich mit erhobenem Daumen in Position. Ich spüre, wie ich mich kaum noch auf den Füßen halten kann. Auf der bisher verkehrsreichen Straße will auf einmal kein Wagen mehr fahren. Also richte ich mich innerlich schon mal auf die eine oder andere Stunde Wartezeit ein.

Ab und zu rasen Pkws in einem Affenzahn an mir vorbei. Die Insassen quittieren meinen Trampversuch meistens mit einem Kopfschütteln oder gar mit einem Stinkefinger. Die Sache scheint zum Scheitern verurteilt.

Ich stecke mir eine Zigarette an. Kaum ist die angezündet, sehe ich in der Ferne einen kleinen weißen Peugeot auf mich zukommen. Also Daumen raus, Sonnenbrille runter, lächeln! Das habe ich das letzte Mal mit achtzehn in Griechenland gemacht. Da hat es auch nicht geklappt.

Der Wagen kommt näher und ich erkenne mindestens drei Personen mit einem Haufen Gepäck darin. Also Daumen wieder runter, da hätte nicht mal mehr mein roter Rucksack Platz. Der Wagen wird langsamer und... er hält. Dem Nummernschild nach handelt es sich um Franzosen. Ein älterer Herr und zwei ältere Damen.

»Où est-ce-que vous allez, Monsieur?« – Wo wollen Sie hin?

»Nach Pamplona!«, sage ich und denke: Bitte lieber Gott, lass sie bloß nach Pamplona fahren!

»Montez – Steigen Sie ein. Sie können ja erst mal nicht weiterlaufen!«, überrascht mich der Herr und ich frage: »Woher wissen Sie das?«

Die Dame auf dem Rücksitz grinst mich an: »Sie tragen doch einen Knieschoner! Wenn ein Pilger aus eigener Kraft nicht weiterkann, muss man ihm helfen, finden Sie nicht? Das ist doch eine gute Tat.«

Ich finde, dass das sogar eine ausgesprochen gute Tat ist, und quetsche mich zu der Dame auf den Rücksitz. Mein Rucksack und ich passen tatsächlich noch in die nette Runde. Der distinguierte Herr setzt die Fahrt fort und wendet sich nach hinten: »Da haben Sie aber Glück, dass wir Franzosen sind!« Ich schaue ihn verblüfft an und frage natürlich warum, in der Hoffnung, jetzt nicht Zeuge rassistischer Ausbrüche seitens der sympathischen Rentner werden zu müssen. »Wissen Sie«, fährt er fort, »die Spanier nehmen grundsätzlich keine Pilger mit. Die sind da rigoros. Wer den Weg nicht aus eigener Kraft schafft, schafft ihn eben gar nicht.«

Sofort komme ich mir schuldig vor, aber mein Fuß tut weh und wer weiß, wofür diese Fahrt hier gut ist.

Die drei Herrschaften kommen aus Toulouse. Schnell entsteht eine angeregte Unterhaltung. Mein Französisch ist ganz passabel, was mir auch meine Mitreisenden bestätigen. Die Dame vorne macht einen etwas geknickten Eindruck, deshalb frage ich: »Wohin geht die Reise?« – »Nach Logroño«, bekomme ich von ihr eine knappe Antwort, »liegt auch auf dem Pilgerweg.« Die Dame neben mir – eine entschlossene Mittfünfzigerin – ist aufgeschlossener: »Der Mann unserer Freundin da vorne ist von Toulouse bis nach Logroño auf dem Jakobsweg gepilgert, so wie Sie. Kurz vor Logroño hat er dann aus einer Quelle Wasser getrunken und eine fürchterliche Vergiftung bekommen, an der er beinahe gestorben wäre. Nun fahren wir ihn in der Klinik besuchen und in einer Woche wird er dann hoffentlich entlassen.«

Für einen Moment bin ich sprachlos. Der Arme war schon fast fünfhundert Kilometer gelaufen und dann das! Mann, dieser Jakobsweg ist eine echte Herausforderung. Ich werde nur noch Mineralwasser aus der Flasche trinken.

Pamplona ist schnell erreicht. Die Herrschaften bringen mich freundlicherweise direkt ins Zentrum. Gegenseitig wünschen wir uns alles Gute und ich bedanke mich noch mal ausdrücklich fürs Mitnehmen.

In dem kleinen Hotel »San Nicolas« bekomme ich ein freies Bett. Das Fenster meines Zimmers im zweiten Stock öffnet sich direkt in einen dunklen Lichtschacht mit Kathedralenakustik... Irgendwo im Haus schreit sich prompt ein Baby die Seele aus dem Leib. Aber das Konzert gibt’s für nur siebzehn Mark die Nacht. Was soll’s? Es ist sauber, mitten in der Stadt und eine offizielle Pilgerherberge.

Später humpele ich dann tapfer los, um mir die grandiose und stolze Hauptstadt der Region Navarra anzusehen. Jeder Schritt schmerzt, sodass ich mich schnell für eine Sitzbesichtigung auf der Plaza del Castillo entscheide. Hier humpeln und hinken so einige Pilger durch die Stadt, die mal eine römische Siedlung war. Der Weg scheint allen zuzusetzen, erstaunlicherweise aber mehr den Jungen und vor allem den Deutschen. Immerhin ist es bis zu den Stierläufen noch Wochen hin, hier muss keiner um sein Leben rennen.

Da ich nicht so recht weiß, was ich mit meinem freien Tag und mir anfangen soll, sitze ich nur so da und beobachte das Treiben auf der Plaza. Und mit einer Sache kann man normalerweise nie etwas falsch machen: Essen! Also bestelle ich mir eine Portion Thunfisch mit Paprika und ein Mineralwasser. Als das Tablett sich nähert, stinkt es schon von weitem nach muffigem Öl. Die Bedienung platziert das Essen und ich stelle fest, dass das Gericht noch ekeliger aussieht, als der Geruch es vermuten ließ. Vor mir auf dem Tisch steht die Krönung der miesesten Kochkunst. Der Fisch ist grau, Paprika kann ich gar nicht erst entdecken und das Öl ist definitiv ranzig. Das rieche ich; dazu muss ich nicht erst probieren. Ich trinke fix das Mineralwasser aus, stehe auf und humpele zügig davon. Ohne zu zahlen! Habe ich vorher noch nie gemacht. Der Pilger als Zechpreller. Das Wasser habe ich selbstverständlich auf das Wohl des Hauses geleert. Das Letzte, was ich jetzt noch brauche, ist eine Gastritis.

Ich bin heute aber auch quengelig; ich führe das auf die Knieschmerzen zurück. Fühl mich heute auch ein bisschen alleine. Natürlich könnte ich mal zu Hause anrufen, aber wahrscheinlich breche ich die Reise dann sofort ab.

Pamplona, wo ich zum Zechpreller wurde

Hab aber auch überhaupt keine Lust, mich irgend welchen anderen Pilgern anzuschließen. Die meisten wirken erzkatholisch und scheinen sich ihrer Sache so sicher zu sein, dass ich mich frage, warum die überhaupt pilgern. Die werden als die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben; falls sie es denn bis nach Santiago schaffen.

Ich will mich von allen vorgefertigten Vorstellungen mal lösen und entspannt abwarten, was der nächste Tag an neuen Erfahrungen bringt. Irgendetwas sollte dieser Weg schon in mir verändern!

Seit dem Start treffe ich andauernd den mittelalten Holländer namens John und die französische Mittvierzigerin mit viel sportlichem Ehrgeiz wieder. Beide grüßen mich immer freundlich und geben mir zu verstehen, dass sie Lust hätten auf ein längeres Gespräch. Allerdings wechsele ich dann nur ein paar Worte mit ihnen und gewissermaßen reicht mir das dann auch. Es muss schon irgendwie... passen und das tut es eben nicht!

Seitdem ich losgelaufen bin, habe ich den Eindruck, dass sich starre, alte Muster in mir allmählich lösen. Ich werde durchlässiger – wie mein Rucksack. Und erlaube es meinen Gedanken, für die ich sonst gar keine Zeit habe, einfach mal aufzusteigen.

Immer wieder denke ich auf dem Weg auch an meine beruflichen Anfänge zurück und die glücklichen Fügungen, die zwischen meinem fünfzehnten und zwanzigsten Lebensjahr dazu geführt haben, dass mein Traum wahr wurde.

Schon als Kind hatte ich die unbegründete Gewissheit, einmal im Rampenlicht zu stehen. Richtig los ging’s eigentlich 1981. Da dachte ich mir: »Wenn du Komiker werden willst, brauchst du Material!« Also fing ich an, mir Notizen zu machen.

Ende der Leseprobe