Ich bin die Angst - Ethan Cross - E-Book
Beschreibung

Der "Anarchist", ein mysteriöser Killer, verbreitet in Chicago Angst und Schrecken. Er zwingt jedes seiner Opfer, ihm unentwegt in die Augen zu schauen. Sie sollen sein wahres Gesicht sehen. Nicht das Gesicht des liebevollen Ehemannes und Vaters, das er seit Jahren für seine Familie aufsetzt, sondern das Gesicht des absolut Bösen. Um ihn auszuschalten, ist Marcus Williams auf die Hilfe seines schlimmsten Feindes angewiesen: Francis Ackerman junior, der berüchtigste Serienkiller der Gegenwart ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:561


Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

1

2

Erster Tag - 15. Dezember, abends

3

4

Zweiter Tag - 16. Dezember, morgens

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6

Zweiter Tag - 16. Dezember, nachmittags

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8

Zweiter Tag - 16. Dezember, abends

9

10

Dritter Tag - 17. Dezember, morgens

11

Dritter Tag - 17. Dezember, abends

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17

Vierter Tag - 18. Dezember, morgens

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Vierter Tag - 18. Dezember, nachmittags

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Vierter Tag - 18. Dezember, abends

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Fünfter Tag - 19. Dezember, morgens

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Fünfter Tag - 19. Dezember, nachmittags

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Fünfter Tag - 19. Dezember, abends

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Sechster Tag - 20. Dezember, morgens

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Sechster Tag - 20. Dezember, nachmittags

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Sechster Tag - 20. Dezember, abends

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Siebter Tag - 21. Dezember, morgens

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Siebter Tag - 21. Dezember, Nachmittag

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Siebter Tag - 21. Dezember, abends

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Achter Tag - 22. Dezember, morgens

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Achter Tag - 22. Dezember, nachmittags

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Danksagung

Über den Autor

Ethan Cross ist das Pseudonym eines amerikanischen Thriller-Autors, der mit seiner Frau und zwei Töchtern in Illinois lebt. Nach einer Zeit als Musiker nahm Ethan Cross sich vor, die Welt fiktiver Serienkiller um ein besonderes Exemplar zu bereichern. Francis Ackerman junior bringt seitdem zahlreiche Leser um ihren Schlaf und bevölkert ihre Alpträume.

Ethan Cross

ICH BIN DIEANGST

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch vonDietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2011 by Aaron Brown

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »The Prophet«

Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, U.S.A.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-3-8387-5890-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Gina, meine wundervolle Frau,weil sie mit mir in Chicago zehn Meilendurch einen Schneesturm spaziert ist.

1

Francis Ackerman junior blickte aus dem Fenster des Bungalows auf den MacArthur Boulevard. Auf der anderen Straßenseite stand in gelber Schrift auf einem grünen Schild: Spielplatz Mosswood – Gartenamt Oakland. Kinder lachten und spielten, Mütter und Väter stießen Schaukeln an, saßen auf Bänken, Taschenbücher lesend, oder tippten auf Handys herum. Als Kind hatte Francis Ackerman so etwas nie erlebt. Wenn sein Vater mit ihm gespielt hatte, waren jedes Mal Narben an Körper und Seele zurückgeblieben. Nie war er verhätschelt worden, nie geliebt. Aber das hatte er mittlerweile akzeptiert. In Schmerz und Chaos, in denen sein Leben verglüht war, hatte er Sinn und Zweck seiner Existenz gefunden.

Nun beobachtete Ackerman, wie die Sonne auf den lächelnden Gesichtern leuchtete, und stellte sich vor, wie anders die Szene aussähe, wenn die Sonne plötzlich ausbrannte und vom Himmel fiel. Die reinigende Kälte eines immerwährenden Winters würde sich über das Land senken und es von allem Schmutz befreien. Ein Ausdruck ewiger Qual würde sich in die Gesichter der Menschen eingraben, während ihre Schreie gellten und ihre Augen wie Kristallkugeln widerspiegelten, was hinter dem Tod verborgen lag.

Ackerman stieß einen langgezogenen Seufzer aus. Wie wunderschön das wäre. Ob normale Menschen je solche Überlegungen anstellten? Ob sie jemals im Tod Schönheit entdeckten?

Er wandte sich den drei Personen im Zimmer zu, die an Stühle gefesselt waren. Zwei waren Männer – Kriminalbeamte, die das Haus beobachtet hatten. Der eine trug einen Bleistiftbart und besaß schütteres braunes Haar. Sein jüngerer Kollege hatte einen fettigen schwarzen Schopf, der wie ein Mopp aussah und von buschigen Brauen ergänzt wurde. Über den dünnen rosa Lippen und dem zurückweichenden Kinn reckte sich eine Hakennase. Der ältere Cop erschien Ackerman wie der typische Durchschnittspolizist, ehrlich und fleißig. Der Jüngere aber hatte etwas an sich, das Ackerman nicht gefiel. Es lag in seinem Blick. Und an seinem herablassenden Grinsen. Ackerman konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, ihm dieses Grinsen aus dem Frettchengesicht zu prügeln.

Statt den Kerl zu schlagen, lächelte Ackerman ihn an. Er brauchte ein Demonstrationsobjekt, um zu erfahren, was er wissen wollte, und dazu eignete das Frettchen sich ausgezeichnet. Er blickte ihm noch einen Moment in die Augen, dann blinzelte er und wandte sich Nummer drei unter seinen Gefangenen zu.

Rosemary Phillips trug ein ausgebleichtes Sweatshirt mit dem Emblem des örtlichen Footballteams, der Oakland Raiders. Sie hatte graumeliertes Haar. Pockennarben verunstalteten ihre schokoladenfarbene, glatte Haut. In ihren Augen lag eine innere Kraft, die Ackerman respektierte.

Unglücklicherweise musste er ihren Enkel Ty finden. Um dieses Ziel zu erreichen, würde er notfalls sie und die beiden Bullen töten.

Er zog der alten Frau den Knebel herunter. Sie schrie nicht. »Hallo, Rosemary. Ich bitte um Vergebung, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Francis Ackerman junior. Haben Sie schon mal von mir gehört?«

Rosemary blickte ihm fest in die Augen. »Ich kenne Sie aus dem Fernsehen. Sie sind dieser Serienmörder, mit dem sein Vater experimentiert hat, als Sie ein Kind waren, weil er beweisen wollte, dass er ein Monster erschaffen kann. Wie ich sehe, ist es ihm gelungen. Aber ich habe keine Angst vor Ihnen.«

Ackerman lächelte. »Das ist wunderbar. Da kann ich die Vorstellungsrunde ja überspringen und gleich zur Sache kommen. Wissen Sie, weshalb ich die beiden Gentlemen zu uns gebeten habe?«

Rosemary drehte den Kopf zu den Polizisten. Ihr Blick blieb auf dem Frettchen haften. Ackerman sah Abscheu in ihren Augen. Offenbar mochte sie den Kerl auch nicht. Schön. Dann wurden die Dinge umso interessanter, sobald er sich daranmachte, das Frettchen zu foltern.

»Ich hab die beiden schon gesehen«, sagte sie. »Dabei hatte ich den Cops gesagt, dass mein Enkel kein Volltrottel ist. Ty kommt nicht hierher. Ich hab nichts mehr von ihm gehört, seit dieser Schlamassel losgegangen ist, aber sie wollten mir nicht glauben. Offenbar halten sie es für eine gute Idee, das Haus einer alten Frau zu beobachten, statt das zu tun, wofür man sie bezahlt. Typisch Beamte.«

Ackerman lächelte. »Ich weiß, was Sie meinen. Auch ich hatte nie Respekt vor Leuten, die mir Vorschriften machen wollten. Die Sache ist nur die, dass auch ich Ihren Enkel suche. Und ich habe weder die Zeit noch die Geduld, hier zu sitzen und darauf zu warten, dass der unwahrscheinliche Fall eintritt und Ty bei Ihnen auftaucht. Da erkundige ich mich lieber direkt. Daher bitte ich Sie, offen zu mir zu sein. Wo finde ich Ty?«

»Das hab ich doch schon gesagt. Ich weiß es nicht!«

Ackerman ging zu einem hohen Mahagonischrank, alt und gut gezimmert, der an der Wand stand. Auf der Ablage und in den Regalfächern standen gerahmte Familienfotos. Er nahm das Bild eines lächelnden jungen Schwarzen, der den Arm um Rosemary gelegt hatte. Vor den beiden stand eine Geburtstagstorte in Blau und Gold. »Also schön, Rosemary. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und weiß, dass Ihr Enkel Sie für die Größte hält. Sie waren sein Anker auf stürmischer See. Vielleicht das einzige Gute in seinem Leben. Der einzige Mensch, der ihn liebgehabt hat. Sie wissen, wo er sich versteckt. Und Sie werden es mir sagen. So oder so.«

»Warum wollen Sie das überhaupt wissen? Was hat er mit Ihnen zu tun?«

»Nichts. Ty könnte mir nicht gleichgültiger sein. Aber jemand, der mir nicht gleichgültig ist, sucht ihn, und ich versuche zu helfen. Und wie Sie schon sagten, manchmal arbeiten die Bürokraten sehr umständlich. Also werden wir den Vorgang beschleunigen.«

Rosemary schüttelte den Kopf, zerrte an ihren Fesseln. »Ich weiß nicht, wo Ty steckt. Und wenn ich es wüsste, würde ich es einem Ungeheuer wie Ihnen niemals sagen!«

Die Worte seines Vaters schossen Ackerman durch den Kopf. Du bist ein Monster … Töte sie, und die Schmerzen hören auf … Niemand wird dich jemals lieb haben …

»Nicht doch, meine Liebe. Worte können verletzen. Aber Sie haben recht. Ich bin ein Ungeheuer.«

Ein Arzt aus dem psychiatrischen Krankenhaus von Cedar Mill hatte ihm einmal bescheinigt, in seinem Hirn sei ein Bereich geschädigt, der als paralimbisches System bezeichnet wird – eine Hirnregion, die an der Verarbeitung von Emotionen, dem Verfolgen von Zielen und der Fähigkeit zur Selbstbeherrschung beteiligt ist. Der Psychiater hatte Ackermans Gehirn mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht und obendrein Schädigungen an der Amygdala entdeckt, dem »Mandelkern« – jenem Bereich, in dem Emotionen wie Angst entstehen. In freier Wildbahn gehen Affen, deren Mandelkern geschädigt ist, auf Menschen los, sogar auf Raubtiere. Dies sei der Grund, hatte der Psychiater erklärt, weshalb Ackerman die Angst anders wahrnehme als andere Menschen.

Ackerman hob eine Reisetasche vom Boden auf und warf sie auf einen kleinen Beistelltisch. Während er den Reißverschluss der Tasche öffnete und im Inhalt wühlte, sagte er: »Ist Ihnen die spanische Inquisition ein Begriff? In letzter Zeit habe ich viel darüber gelesen. Eine faszinierende Epoche. Die Inquisition war ein Tribunal, das Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. von Kastilien, zwei katholische Monarchen, eingesetzt hatten, um innerhalb ihrer Königreiche den orthodoxen Katholizismus aufrechtzuerhalten und bei den neu bekehrten Juden und Muslimen durchzusetzen. Aber das ist es nicht, was mich daran fasziniert, sondern die unfassbare Barbarei und Folter, die im Namen Gottes an denen verübt wurde, die man als Ketzer betrachtete. Wir glauben, in brutalen Zeiten zu leben, aber jeder Historiker kann Ihnen sagen, dass wir ein Zeitalter der Milde und Aufklärung genießen, verglichen mit anderen Epochen. Was die Inquisitoren ihren Opfern angetan haben, um ihnen ein Geständnis abzupressen, ist unfassbar. Diese Leute hatten eine fabelhafte Erfindungsgabe.«

Ackerman holte ein merkwürdiges Gerät aus der Reisetasche. »Das ist eine Antiquität. Ihr Vorbesitzer hat mir geschworen, dass es die exakte Nachbildung eines Folterinstruments ist, das von der Inquisition benutzt wurde. Man muss eBay einfach lieben.«

Er hielt das Gerät in die Höhe. Es bestand aus zwei klobigen, mit Stacheln besetzten Holzblöcken, die durch zwei stählerne Gewindestangen verbunden waren. »Man nannte es die Knieschraube. Sie ließ sich allerdings an verschiedenen Körperteilen benutzen, nicht nur am Knie. Wenn der Inquisitor diese Schrauben drehte, zogen die beiden Blöcke sich zusammen, und die Stacheln drangen dem Opfer ins Fleisch. Der Inquisitor zog die Schrauben immer enger, bis er die Antwort bekam, die er hören wollte, oder bis der betroffene Körperteil zerquetscht war.«

Rosemary spuckte ihn an. Als sie sprach, klang ihre Stimme fest und selbstbewusst. Ackerman hörte den Hauch eines Südstaatenakzents heraus – Georgia vielleicht. Er vermutete, dass sie dort ihre Jugend verbracht hatte und der Einschlag sich nur zeigte, wenn sie extrem aufgeregt war. »Sie bringen uns ja doch um, egal was ich tue. Ich kann die beiden Kerle genauso wenig retten wie mich selbst. Bestimmen kann ich nur noch, wie ich abtrete. Und vor einem Irren wie Ihnen winsle ich nicht um Gnade. Die Genugtuung gönne ich Ihnen nicht.«

Ackerman nickte. »Das verdient meinen Respekt. Viele Leute geben der Welt oder anderen Menschen die Schuld daran, wie sie sind. Aber wir alle sind nur in gewissem Maße Opfer der Umstände. Wir reden uns gern ein, dass wir unser Schicksal beherrschen. In Wahrheit aber wird unser Leben von Kräften bestimmt, auf die wir keinen Einfluss haben. Die Fäden zieht jemand anders. Wahre Herrschaft üben wir nur hier drin aus.« Mit der Spitze seines unterarmlangen Survivalmessers tippte er sich gegen die Schläfe. »In unseren Köpfen. Die meisten Menschen wissen das nicht, aber Sie, Rosemary, nicht wahr? Ich bin nicht hier, um Sie zu töten. Es würde mir keine Befriedigung verschaffen. Nur ist es halt so, dass ich genau wie alle anderen Menschen an Fäden hänge, die jemand anders zieht. Und in diesem Fall lassen mir die Umstände keine andere Wahl, als Sie und diese beiden Männer zu foltern, um mein Ziel zu erreichen. Und glauben Sie mir, das ist mein Fachgebiet. Ich bin mein Leben lang in Schmerz und Leiden geschult worden. Aus Zeitmangel kann ich leider nur einen kleinen Teil meines Fachwissens bei Ihnen anwenden, aber ich versichere Ihnen, es wird ausreichen. Sie werden mir sagen, was ich wissen will. Sie können jedoch die Dauer der Qualen beeinflussen, die Sie erdulden müssen. Deshalb frage ich Sie noch einmal: Wo ist Ty?«

Rosemarys Lippen bebten, aber sie sagte kein Wort.

Zimtgeruch erfüllte die Luft, allerdings konnte er die Ausdünstungen, die nach Schweiß und Angst rochen, nicht überdecken. Diesen Geruch hatte Ackerman vermisst. Und das Gefühl der Macht. Doch er musste seine Erregung zügeln. Er durfte nicht die Beherrschung verlieren. Schließlich ging es um Informationen, nicht um die Befriedigung seiner Begierden.

Er schaute die Polizisten an.

»Es wird Zeit, einen von Ihnen unter Druck zu setzen. Mit dieser Formulierung wird die Funktion der Knieschraube sehr plastisch beschrieben, finden Sie nicht?«

***

Nachdem Ackerman sich eine Zeit lang mit seinem neuen Spielzeug beschäftigt hatte, schaute er Rosemary an, doch sie wich seinem Blick aus. Wieder drehte er an den Griffen. Der Mann schrie und wand sich wild in den Fesseln.

»Hören Sie auf! Ich sag es Ihnen!«, rief Rosemary. »Ty ist in Spokane, im Staat Washington! Sie haben sich da in einer verlassenen Werkstatt breitgemacht … Irgendein korrupter Makler hat sie ihnen beschafft. Ich wollte Ty dazu bringen, dass er sich stellt. Ich habe sogar überlegt, die Polizei zu verständigen, aber ich weiß, dass Ty und seine Freunde sich nicht lebend festnehmen lassen. Und mehr Familie als ihn habe ich nicht …« Tränen rannen ihr die Wangen hinunter.

Ackerman beugte sich vor und nahm den Druck von den Beinen des Polizisten. Der Mann ließ den Kopf gegen den Stuhl sinken. »Ich danke Ihnen, Rosemary. Mir ist bewusst, in welche Lage ich Sie bringe. Ihr Enkel ist ein schlimmer Finger, aber er ist Ihr eigen Fleisch und Blut, und Sie haben ihn trotzdem lieb, nicht wahr?«

Er zog einen Stuhl vom Tisch weg und stellte ihn vor Rosemary. Nachdem er sich gesetzt hatte, nahm er einen Notizblock mit Spiralbindung und blutrotem Deckblatt aus der Hosentasche. »Da Sie mir so sehr entgegengekommen sind, gebe ich Ihnen die Chance, Ihr Leben zu retten.« Ackerman klappte das Deckblatt nach hinten, zückte einen Stift und begann zu schreiben. Dabei fuhr er fort: »Ich lasse Sie das Ergebnis unseres kleinen Spielchens bestimmen. Auf diesem ersten Blatt habe ich ›Frettchen‹ notiert, was für unseren ersten Gesetzeshüter steht.« Er riss das Blatt ab, knüllte es zusammen und legte es zwischen seine Beine. »Auf das zweite schreiben wir ›Jackie Gleason‹ für Cop Nummer zwei. Auf das dritte Blatt kommt Ihr Namen, Rosemary. Dann gibt es noch ›alle überleben‹ und ›alle sterben‹.«

Er mischte die Papierkugeln und legte sie vor Rosemary auf den Boden. »Nun denn, meine Liebe: Sie suchen das Papier aus, und ich töte den, dessen Name darauf steht. Sie haben eine Chance von zwanzig Prozent, dass alle überleben. Falls Sie sich weigern oder zu lange zögern, töte ich Sie alle drei. Versuchen Sie daher nicht, gegen das Schicksal anzukämpfen. Also, entscheiden Sie sich.«

Rosemary blickte auf die Papierkugeln, dann schaute sie in die Augen ihres Peinigers. »Die dritte Kugel«, flüsterte sie. »Die in der Mitte.«

Ackerman hob die Kugel auf, entfaltete das kleine Blatt und lächelte. »Heute ist Ihr Glückstag. Sie alle überleben. Tut mir leid, dass Sie wegen der Taten eines anderen solche Unbilden erdulden mussten. Aber wie ich schon sagte, wir alle sind Opfer der Umstände.«

Er stand auf, suchte seine Sachen zusammen und trat hinaus auf den MacArthur Boulevard.

***

Ackerman warf die Reisetasche in den Kofferraum eines hellblauen Ford Focus. Er wäre gern stilvoller gereist, aber es war wichtiger, stets in der Menge verschwinden zu können, als seinem Hang zur Selbstdarstellung nachzugeben. Er öffnete die Fahrertür, glitt in den Wagen und warf den Schmuck, die Brieftaschen und die Geldbörsen seiner ehemaligen Gefangenen auf den Beifahrersitz. Er hasste es, sich auf das Niveau schäbigen Diebstahls herablassen zu müssen, aber bekanntlich gab es nichts umsonst, und irgendwoher musste das Geld ja kommen. Und mit seinen speziellen Fertigkeiten konnte er sich nirgendwo bewerben. Außerdem hatte er fürs Geldverdienen ohnehin keine Zeit.

Aus dem Handschuhfach nahm er ein Prepaid-Handy und schaltete es ein. Während er wählte und die Ruftaste drückte, schaute er auf das kleine Blatt Papier, das Rosemary ausgewählt hatte. Alle sterben, stand darauf.

Nach mehrmaligem Klingeln fragte die Stimme am anderen Ende: »Was willst du?« Ackerman lächelte. »Hallo, Marcus. Bitte vergib mir, denn ich habe gesündigt. Aber ich habe es nur für dich getan.«

2

Marcus Williams starrte auf die Leiche der misshandelten Frau. An den blauen Flecken und den Fesselspuren erkannte er, dass sie vor ihrer Ermordung vergewaltigt worden war.

Der kleine Anbau hinter der Fabrik befand sich im Zustand fortgeschrittenen Verfalls. Aufgrund von Wasserschäden fiel der Putz von den Wänden, und im Dach klafften Löcher, durch die man den klaren Nachthimmel sehen konnte. Schnee war durch die Öffnungen gerieselt; eine dünne weiße Schicht bedeckte alles im Raum. Ein Regal an der hinteren Wand war umgekippt und hatte seinen Inhalt über den Boden verstreut: rostige Rohrmuffen, Bindedraht, halb aufgelöste Pappschachteln, zerfledderte Handbücher.

Die Leiche war abgelegt worden wie Müll zur späteren Entsorgung. Nach der Starre der Toten zu urteilen, lag der Mord erst ein paar Stunden zurück. Sie war mit einem kleinen stumpfen Gegenstand, einem Hammer vielleicht, erschlagen worden.

Wäre er nur ein bisschen früher eingetroffen …

Marcus verdrängte Wut und Schuldgefühle. Beides nutzte ihm jetzt nichts. Er verließ den Anbau durch die Außentür, drückte sie zu und verkeilte sie mit einem Stein, damit sie nicht wieder aufschwingen konnte. Die Tür war mit einem Vorhängeschloss gesichert gewesen, das Marcus mit einem Halligan-Tool aufgebrochen hatte, einem Werkzeug, das einer Brechstange ähnelte, wie man sie bei Einbrüchen benutzte. Er musste verhindern, dass ein Windstoß die Tür aufriss und gegen den Rahmen knallte. Er wollte sich das Überraschungsmoment bewahren.

Marcus überquerte den Parkplatz, kletterte über einen Maschendrahtzaun und sprang auf einen Gehweg hinunter. In der Nähe befanden sich andere, modernere Fabriken, doch der Besitzer des Firmengebäudes, in dem die Leiche lag, war bankrott gegangen und hatte die Fabrik aufgegeben. Die Bank Crew, wie sie von der Presse getauft worden war, hatte dem Makler unter der Hand Geld hingeblättert, damit er ihr Zugang zu dem baufälligen Ziegelgebäude gewährte. Marcus hatte den Mann nicht lange in den Schwitzkasten nehmen müssen, um das zu erfahren. Ein paar Worte über eine Gefängnisstrafe wegen Beihilfe hatten gereicht, und der Makler war zusammengebrochen wie ein Kartenhaus.

Marcus verfolgte schon mehrere Wochen die Spur der Bank Crew, aber nach ihrem letzten Coup war sie untergetaucht. Erst vor zwei Tagen hatte sie wieder zugeschlagen und die Frau sowie die beiden Töchter eines Juweliers als Geiseln genommen. Es war die gewohnte Vorgehensweise der Crew, die Familie eines Opfers zu kidnappen, das Zugang zu Bargeld oder Wertsachen besaß. Die Bande zwang die Betreffenden, ihr das Geld zu bringen, indem sie drohte, ihre Familie zu ermorden. Im Grunde war es eine normale Lösegelderpressung, aber die Bank Crew stach durch extreme Brutalität hervor. Die Opfer erfüllten fast immer die Forderungen, doch die Crew mordete trotzdem. Sobald sie das Geld hatte, tötete sie als Erstes den Vater. Dann missbrauchten sie die weiblichen Familienangehörigen, ehe sie auch ihnen das Leben nahmen.

Die Polizei wusste, dass die Bande aus vier Komplizen bestand, aber mehr auch nicht, denn die Verbrecher hinterließen keinerlei Hinweise. Die einzige brauchbare Spur war ein Fingerabdruck, der an einem Tatort entdeckt worden war. Der Besitzer dieses Abdrucks, Ty Phillips, hatte ein ellenlanges Vorstrafenregister, war aber wie vom Erdboden verschwunden, seit die Bank Crew in Erscheinung getreten war.

Die Polizei in Oakland, die Tys Großmutter Rosemary vernommen hatte, war überzeugt, dass die Frau mehr wusste, als sie zu sagen bereit war, aber sie hatte nicht mehr tun können, als Rosemarys Haus rund um die Uhr zu überwachen. Marcus hatte die alte Frau persönlich aufsuchen wollen, doch Ackerman war ihm zuvorgekommen.

Marcus riss die Tür des schwarzen GMC Yukon auf, ließ sich hinters Lenkrad fallen, schaltete die Sitzheizung ein und pustete sich in die Hände. Ein paar Sekunden später öffnete sich die Beifahrertür, und Andrew Garrison stieg ein. Er riss sich die Mütze vom Kopf, sodass sein kurzes sandblondes Haar zum Vorschein kam. Im Unterschied zu Marcus, der einen dunklen Dreitagebart trug, war Andrew glatt rasiert und eine gepflegte Erscheinung.

»Irgendwas rausgefunden?«, fragte Marcus.

»Ja. Ich weiß, wo die Crew die Töchter festhält. Im Hauptgebäude habe ich einen von den Bastarden gesehen. Sie haben einen Klapptisch und ein paar Möbelstücke hergeschafft, um es sich gemütlich zu machen. Außerdem haben sie die Fenster der vorderen Büros vernagelt. Und was ist mit dir?«

»Ich habe die Mutter gefunden.«

Andrew schien auf nähere Erklärungen zu warten, doch als Marcus’ Schweigen anhielt, wusste Andrew, was Sache war. Er blickte durch die Windschutzscheibe. »Verflucht. Wie willst du es anpacken?«

»Wir gehen hinten rein und arbeiten uns durchs Gebäude vor.« Marcus seufzte. »Ich gebe es durch.«

Er zog ein Handy aus der Tasche und wählte. Der Director der Shepherd Organization antwortete nach dem ersten Klingeln. »Haben Sie sie?«, fragte er ohne Umschweife.

»Ja. Die Mutter ist tot.«

»Verdammt! Sind Sie bereit für den Zugriff?«

»Ja.«

»Gut. Der Beirat hat Ihnen volle Handlungsfreiheit garantiert. Seien Sie vorsichtig. Hals- und Beinbruch.« Ohne ein weiteres Wort legte der Director auf.

Marcus ließ das Handy sinken und starrte aus dem Wagenfenster auf den Schnee. Seit über einem Jahr war er nun »Shepherd«, ein Hirte, doch er war immer noch nicht sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die Shepherd Organization arbeitete innerhalb des Justizministeriums unter dem Deckmantel einer beratenden Abteilung im Kampf gegen Gewaltverbrechen, spezialisiert auf Serienmörder. Von ähnlichen Strafverfolgungsbehörden, beispielsweise der berühmten Verhaltensanalyseeinheit des FBI, unterschied sie sich durch ihr Hauptaufgabengebiet: Die Shepherds waren nicht allein mit der Festnahme von Mördern befasst, sondern versuchten, sie auf jede erdenkliche Weise aus der Welt zu schaffen. Um dies zu erreichen, beugten oder brachen sie notfalls die Gesetze. Die Shepherds waren als Sondereinheit konzipiert, der jedes Mittel erlaubt war, die sämtliche Vorschriften missachten durfte und ihre Aufgaben erledigen konnte, ohne sich Gedanken über Beweismaterial und Verfahrensregeln machen zu müssen. Was die Shepherds taten, unterschied sich nicht sonderlich von den Operationen, mit denen die CIA und das Militär seit Jahren feindliche Zielpersonen in Übersee ausschalteten. Der Unterschied bestand darin, dass die Shepherd Organization auf amerikanischem Boden gegen US-Bürger tätig wurde.

Die Organisation bestand aus kleinen Zellen. Aufgrund bestimmter Begabungen, die Marcus während seiner Zeit als Kriminalbeamter bei der New Yorker Mordkommission an den Tag gelegt hatte, war er als Leiter eines dieser Teams angeworben worden. Als Polizist hatte Marcus mit seinem Ermittlungsgeschick große Hoffnungen geweckt, hatte sich dann aber seine Zukunft zerstört, indem er das Recht selbst in die Hand nahm und einem Senator aus mächtiger Familie, der mit Vorliebe junge Mädchen misshandelte und ermordete, eine Kugel durch den Kopf jagte. Er war einer Mordanklage nur deshalb entgangen, weil das Vorleben des Senators nicht ans Tageslicht kommen sollte.

Marcus besaß die operative Befehlsgewalt über seine Einheit, war aber einem Mann verantwortlich, den er nur als »Director« kannte, sowie einem »Beirat« aus gesichtslosen Männern oder Frauen, über die er rein gar nichts wusste.

»Was ist los?«, riss Andrew ihn aus seinen Gedanken.

»Hast du jemals einen Vorgesetzten kennengelernt?«, fragte Marcus. »Ein Mitglied des Beirats?«

»Wo kommt das plötzliche Interesse her?«

»Das ist kein plötzliches Interesse. Es ist ein Verdacht, der mir zu schaffen macht. Hast du dich nie gefragt, weshalb wir mit allem davonkommen, was wir tun? Oder wer die Fäden in der Hand hält?«

Andrew zuckte mit den Schultern. »Sicher. Aber ich glaube an das, was wir tun. Ich glaube, die Welt wird ein besserer Ort, wenn wir unseren Job machen. Deshalb konzentriere ich mich darauf. Ich versuche, mit den Gedanken bei den Dingen zu bleiben, die ich beeinflussen kann.«

»Meinst du wirklich, dass wir das Richtige tun?«

»Wir beschützen die Leute vor Monstern, von deren Existenz sie am liebsten gar nichts wissen würden. Was kann falsch daran sein?«

»Gandhi hat mal gesagt: Ich lehne Gewalt ab, weil das Gute, das sie bewirkt, nicht anhält. Nur das Schlechte ist von Dauer.«

»Das mag ja stimmen, aber was hätte Gandhi gesagt, wenn jemand, den er liebte, tot da drüben in dem Haus läge?«, erwiderte Andrew. »Kann sein, dass wir genauso schlecht sind wie die Verbrecher, die wir jagen. Kann sein, dass wir die Menschenrechte der Täter verletzen. Aber wer so argumentiert, hat nie sein eigenes Kind beerdigen müssen, nachdem es von irgendwelchen Bestien abgeschlachtet wurde. Wer nie in eine solche Lage geraten ist, kann unmöglich begreifen, was wir tun.«

Marcus schwieg und rieb sich die Schläfen. Die Migräne war in letzter Zeit schlimmer geworden, und wenn er in einer Woche fünfzehn Stunden schlief, konnte er von Glück sagen. Und die Existenz Ackermans machte alles noch viel schlimmer. Der Killer war während Marcus’ Anwerbung eingesetzt worden, um ihm das wahre Gesicht jener Bestien zu zeigen, die die Shepherd Organization jagte. Doch diese Demonstration war nach hinten losgegangen. Der Killer war entkommen. Und was noch viel schlimmer war: Er war zu der Überzeugung gelangt, Marcus und er stünden in irgendeiner schicksalhaften Verbindung. Ackermans Fixierung auf Marcus führte zu regelmäßigen Anrufen und unerwünschten Versuchen, ihn bei seinen Ermittlungen zu unterstützen. Weder Marcus noch die anderen Teammitglieder wussten, woher Ackerman seine Informationen darüber bezog, an welchem Fall die Shepherds gerade arbeiteten. Und sämtliche Versuche, den Verrückten aufzustöbern, waren bisher fehlgeschlagen.

»Vielleicht sollten wir Ackerman dankbar sein«, meinte Andrew. »Er hat die Bank Crew für uns gefunden. Vielleicht rettet er den beiden Mädchen damit das Leben.«

Marcus’ Arm zuckte vor. Er packte Andrew beim Mantel und zerrte ihn zu sich heran. »Dieser wahnsinnige Hurensohn hat zwei Cops und eine alte Frau gefoltert! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zu töten beginnt, falls er nicht schon damit angefangen hat. Aber das ist okay, solange der Zweck die Mittel heiligt, was?«

Er stieß Andrew in den Sitz zurück und starrte hinüber zur stillgelegten Fabrik. Im Wagen dehnte sich das Schweigen.

»Wir kriegen ihn, Marcus«, sagte Andrew schließlich.

»Na klar.«

»Wenn es schiefgeht da drin und die Cops auftauchen, dann denk daran, dass du mir das Reden überlässt.«

Marcus starrte ihn an. »Was willst du damit sagen?«

»Du weißt schon, du kannst nicht so gut mit Menschen umgehen.«

»Was soll das heißen?«

»Man nennt so etwas einen Euphemismus oder eine beschönigende Art, zu sagen, dass du ein Arschloch sein kannst.«

»Danke. Ich bin wirklich froh, dass du mein Partner bist.«

Andrew hob die Hände. »Ich sag nur, wie ich es sehe.«

Marcus ignorierte den Kommentar und versuchte, sich auf das vorzubereiten, was vor ihnen lag. Er schaute zu dem Gebäude hinüber, das von Lichtmasten umgeben war, die den Großteil der Fassade erhellten. Das Gebäude war ein weißer Klotz mit Blechdach, das dringend einen neuen Anstrich benötigte. Vor den Büros ragte eine Stange aus der Wand, an der einst ein Schild gehangen hatte, das längst verschwunden war. Das Gebäude unterschied sich durch nichts von den anderen unauffälligen Bauten in dem Industriegebiet, nur stand es seit Jahren leer.

»Hast du deine Weste an, Andrew?«, fragte Marcus.

»Sicher. Ich schlafe in dem verdammten Ding.«

Marcus atmete tief durch, rollte den Kopf auf den Schultern, dass die Nackenwirbel knackten, und öffnete die Fahrertür. »An die Arbeit.«

***

Mit vorgehaltener Waffe, einer schallgedämpften SIG Sauer, drang Marcus als Erster ins Gebäude ein. Andrew folgte ihm, eine Glock in der rechten Hand; seine Linke berührte Marcus’ Rücken. Sie bewegten sich synchron vorwärts, als wären sie durch eine unsichtbare Leine verbunden. Auf diese Weise konnten sie alle Richtungen abdecken. In einer Umgebung wie dieser – große offene Räume und etliche Zugangspunkte – mussten sie ihren Rücken genauso sehr im Auge behalten wie das, was vor ihnen lag. Letzten Endes konnten sie noch so gut ausgebildet sein – ein Gegner, der Glück und ein paar Kugeln in der Waffe hatte, konnte ihr Leben genauso leicht beenden wie sie das seine.

Vom gegenüberliegenden Ende des Lagerhauses führte ein blassgrüner Gang weg, in dem sich zwei Wabentüren mit Holzfurnier befanden. Die eine Tür lag nach rechts, die andere nach links. Am Ende des Gangs befanden sich eine weitere Tür und eine Abzweigung nach rechts. Marcus und Andrew hatten vom Makler einen Grundriss erhalten; durch ein Fenster hatte Andrew beobachten können, wie eines der Mädchen in das große Büro auf der linken Seite geschafft worden war.

Die Mädchen hießen Paula und Kristy, sechzehn und zwölf Jahre alt.

Marcus machte eine Kopfbewegung zur zweiten Tür. Er und Andrew bezogen Stellung zu beiden Seiten des Durchgangs, wobei Andrew den Gang hinter ihnen im Auge behielt.

Marcus drehte den Knauf und drückte die Tür behutsam auf.

Der Raum war leer.

Sie wiederholten diese Vorgehensweise an der nächsten Tür. Eine Toilette. Leer.

Mit zwei Fingern wies Marcus auf die Tür links. Sie gingen in Stellung, und er drehte den Knauf. Die Tür war verschlossen. Andrew nickte und brachte sich in Position, um sie einzutreten. Marcus mochte den zusätzlichen Lärm nicht, doch ihr oberstes Ziel war, die Mädchen unverletzt zu befreien.

Sie tauschten einen raschen Blick. Dann trat Andrew mit Wucht gegen die Tür. Die Schlossfalle riss aus der Laibung, und die Tür flog nach innen. Marcus huschte durch die Öffnung.

Binnen einer Millisekunde verarbeitete er, was er vor sich sah. Auf dem Boden lag eine Matratze, vergilbt und fleckig. Im ganzen Raum roch es nach ungewaschenen Körpern und Urin. Das Mädchen saß auf der dreckigen Matratze, mit Klebeband an Händen und Füßen gefesselt und geknebelt. Ihr blondes Haar war fettig und verschwitzt, ihre Augen rot vom Weinen. An der Wange hatte sie eine große Prellung, die sich bereits dunkellila verfärbt hatte.

Rechts von ihr saß ein dunkelhäutiger Mann in einem ausgebleichten Sweatshirt auf einem schmutzigen alten Sessel vom Sperrmüll. Auf seinem Schoß lag eine Ithaca-Flinte mit Pistolengriff.

Der Mann riss die Augen auf. Seine Hände zuckten zur Schrotwaffe.

Marcus drückte ab. Die Waffe ruckte in seiner Hand. Der Mann wurde in den Sessel zurückgeschleudert. Um sicherzugehen, feuerte Marcus ihm zwei weitere Kugeln in die Brust.

Andrew war schon bei dem Mädchen und schnitt ihre Fesseln durch. Sie wich von ihm zurück wie ein verletztes Tier, das nicht begreift, dass ihm geholfen werden soll. Ihr Kopf zuckte hin und her, als suchte sie nach einem Fluchtweg. Ihre einst schönen blauen Augen zeigten einen Ausdruck animalischer Angst. Das Mädchen war Paula, die Sechzehnjährige. Andrew hielt ihr die Hand hin, und endlich begriff sie und begann zu schluchzen.

»Bring sie hier raus«, raunte Marcus. »Ich suche das andere Mädchen. Wir treffen uns am Wagen.«

»Du kannst nicht allein gegen diese Kerle antreten.«

»Sieh dir die Kleine an, Andrew. Wir können sie nicht einfach hierlassen. Außerdem weiß ich, was ich tue.« Marcus zog die Lederjacke aus und warf sie Andrew zu, der sie Paula um die bebenden Schultern legte. Ohne ein weiteres Wort hob er das Mädchen von der Matratze und machte sich auf den Rückweg zur Hintertür.

Der Anblick Paulas und der Gedanke an ihre Schwester Kristy, die irgendwo in diesem Gebäude in einer ähnlichen Lage sein konnte, trieb Marcus an. Zorn stieg in ihm auf, doch er versuchte, Ruhe zu bewahren. Er musste gelassen und zielorientiert bleiben. Doch der animalische Ausdruck in Paulas Augen ging ihm nicht aus dem Kopf. Körperlich würde das Mädchen wieder in Ordnung kommen, aber die Ereignisse der letzten beiden Tage würden sie für den Rest ihres Lebens begleiten. Sie würde sich nie wieder sicher fühlen. Ihr Körper würde genesen, doch ein Stück ihrer Seele blieb für immer verschwunden. Das wusste Marcus aus eigener Erfahrung.

Er gelangte in den Hauptteil des Lagerhauses und hörte Rapmusik, die aus kleinen, schwachen Lautsprechern schepperte. Die Decke aus nackten Betonstützen und Stahl hing zehn Meter über seinem Kopf. Hohe Regale voller Kästen für Kleinteile säumten die Wände und zerteilten die Halle. In der Luft hing der Geruch nach altem Öl und Rost. Am Ende einer Regalreihe vorbei sah Marcus staubbedeckte Tische und Maschinen. Schraubstöcke, Schleifmaschinen und andere Werkzeuge zur Metallbearbeitung lagen auf den Arbeitsbänken. Offenbar war versucht worden, die Ausstattung zusammen mit dem Gebäude zu verkaufen. Von einer freien Fläche innerhalb der Regalreihen kam das Dröhnen eines tragbaren Heizlüfters. Marcus entdeckte einen stämmigen Mann in einer geblähten roten Steppjacke, der an einem beigefarbenen Tisch neben dem Heizlüfter saß und Patiencen legte. Seine langen Beine hingen über die Armlehnen eines kleinen Sessels. Das dunkelbraune Haar des Mannes stand in merkwürdigen Winkeln ab, und eine Strickmütze lag neben den Kartenreihen auf dem Tisch.

Marcus schlich sich von hinten an den Mann heran und hob die Waffe.

Ein Schrei gellte, hoch und schrill: ein Mädchen, das vor Angst oder Schmerzen schrie.

Der Mann in der roten Jacke lachte bei dem Schrei stillvergnügt in sich hinein und legte eine Kreuzzehn auf einen Karobuben.

Zorn erfasste Marcus. Er richtete die Pistolenmündung aus zwei Handbreit Entfernung auf den Hinterkopf des Mannes, zielte auf die Medulla Oblongata, jene Stelle, wo das Rückenmark am Hinterhirn ausfächert, und drückte ab. Der scharfe Knall war ganz anders als das leise Plopp, das man normalerweise im Film hörte. Das Schussgeräusch beim Abfeuern einer Waffe mit einem Kaliber, das größer ist als .22, lässt sich nicht völlig dämpfen. Doch Marcus weigerte sich, ein kleineres Kaliber als neun Millimeter zu benutzen, und trug üblicherweise eine .45. Da es bei dieser Operation von größter Bedeutung war, unentdeckt zu bleiben, hatte er die SIG Sauer mit Unterschallmunition geladen und einen Schalldämpfer vom Fabrikat SWR Trident aufgesetzt.

Der stämmige Mann fiel nach vorn auf den Tisch, dessen Beine sich unter seiner Masse bogen. Der Tisch rutschte zur Seite, und der Tote prallte auf den Betonfußboden.

»Jeff?«, rief eine Stimme. »Alles okay da drüben?«

Marcus fluchte leise und rannte zur Regalreihe am anderen Ende der freien Fläche. Er kniete nieder, sodass niemand, der sich durch die benachbarten Gänge bewegte, ihn durch die Regale entdecken konnte. Schwere Schritte waren auf dem Beton zu hören. Sie näherten sich rasch. Wieder zielte Marcus auf den stämmigen Mann. Er hoffte, dass sein Komplize nach ihm sehen würde.

Aber der war zu schlau.

Die Muskeln in Marcus’ Unterarm begannen zu brennen, als die Zeit sich dehnte. Seine Beute wusste, dass er da war, und wartete nur darauf, dass er einen Fehler beging.

Er hörte ein Grunzen, dann das Klirren von Metall auf Beton. Zuerst begriff Marcus nicht, was geschehen war, dann erkannte er die Gefahr. Das Krachen und Scheppern wurde lauter und kam in seine Richtung. Marcus rollte sich ins Freie, als das Regal, hinter dem er sich versteckt hatte, zusammenbrach.

Sein Blick zuckte durch den Raum. Er entdeckte einen Schwarzen in Jeans und grauem Kapuzenshirt am anderen Ende der Regalreihen. Der Mann hob eine Maschinenpistole und jagte einen Hagel aus 9-mm-Kugeln in Marcus’ Richtung.

Marcus stürmte an dem Toten vorbei zum anderen Ende des Regals. Die Kugeln umschwirrten ihn jaulend und Funken schlagend, prallten vom Beton ab und rissen Löcher in die Kästen in den Regalen. Marcus gelangte bis an die Tür, die zu den Büros führte, und warf sich hinein, während Kugeln im Türrahmen einschlugen. Der Flur erstreckte sich vor ihm. Einem Instinkt gehorchend, rannte Marcus zu dem Raum, in dem sie Paula befreit hatten. Das Geräusch von Sportschuhen, die auf den Beton knallten, trieb ihn hinein.

Marcus riss die Flinte vom Schoß des Toten, zog den Unterschaft zurück und schob ihn wieder nach vorn, damit die Waffe geladen und schussbereit war. Dann packte er die schmutzige Matratze, stellte sie auf die Kante, stieß sie zum Eingang und huschte nach links. Flach blieb er auf dem Boden liegen, die Repetierflinte auf die Tür gerichtet.

Kugeln schlugen in die Tür und die Matratze ein. Marcus hörte, wie ein leeres Magazin über den Beton schepperte, dann das blecherne Geräusch, als ein neues eingesetzt wurde. Wieder schlugen Kugeln durch die Wand und hüllten den Raum in Mörtelstaub, der Marcus in die Augen und die Nasenlöcher drang.

Er wartete.

Die Sekunden dehnten sich.

Dann stieß der Mann im Hoody die Matratze aus dem Eingang und wollte darübersteigen. Er war noch keinen Schritt weit in den Raum vorgedrungen, als Marcus feuerte. Die Brust des Mannes zerbarst in einer roten Wolke. Er wurde durch den Eingang zurückgeschleudert und landete draußen im Gang.

Marcus ließ die Flinte fallen und rannte in den Korridor, die SIG Sauer im Anschlag. Die Augen des Mannes starrten ins Leere, und sein graues Kapuzenshirt war blutig.

Marcus stieg über den Leichnam hinweg und kehrte in den Haupttrakt des Gebäudes zurück, um nach Kristy zu suchen. Er ging an dem toten stämmigen Mann, dem zerbrochenen Tisch, dem umgestürzten Stahlregal und den verstreuten, rostigen Kleinteilen vorbei. Eine Treppe führte nach oben – vermutlich ging es dort zum Büro des Betriebsleiters neben einer weiteren Reihe von Arbeitsplätzen. Die gesamte Wand des erhöhten Bereichs war verglast.

Ob Ty Phillips auf ihn vorbereitet war? Rosemary hatte einen gerissenen, grausamen Enkel. Es konnte kein Zweifel bestehen, dass Ty das Zeug hatte, Anführer der Bank Crew zu sein.

Und nun hatte er sich im Büro des Betriebsleiters mit dem Mädchen seiner Wahl verschanzt.

Marcus stieg die Treppe hinauf, lauschte dabei auf Bewegungen von oben, hörte aber nur das Dröhnen des Heizlüfters und das Stampfen der Rapmusik. Ihm kam ein Verdacht, was er im Büro des Betriebsleiters vorfinden würde.

Wie konnte er mit der Situation am besten umgehen?

Er blieb auf der linken Hälfte der Treppe und hielt die Waffe bereit. Am oberen Ende der Stufen schob er sich durch eine Milchglastür in das Büro des Betriebsleiters. Ein leerer Schreibtisch stand an der Wand, darüber hingen mehrere Pinnwände aus Kork, ebenfalls leer. Der Raum hatte blassgelbe Wände und roch schimmlig.

Ty Phillips stand neben dem Schreibtisch. Den linken Arm hatte er fest um den Hals der weinenden Kristy geschlungen, mit der rechten Hand drückte er ihr eine Pistole an die Schläfe. Phillips, der kein Hemd trug, überragte das Mädchen um zwei Köpfe. Er war dünn. Knasttattoos schlängelten sich um die Arme und über die Brust. Kristy war noch angezogen, aber ihre Kleidung war zerfetzt, ihre Lippe blutete.

Phillips grinste und verstärkte den Griff um den Hals des Mädchens. »Dämlicher Bulle. Du hättest besser ein SWAT-Team mitgebracht, wenn du’s mit mir aufnehmen willst. Und jetzt lass die Knarre fallen, oder ich puste dir und der Kleinen den Schädel weg.«

Marcus hielt unbeirrt die Waffe auf ihn gerichtet. »Ich bin kein Cop. Ich bin ein Hirte. Ich halte Wölfe wie Sie davon ab, gute Menschen wie dieses Mädchen zu verletzen.«

Phillips lachte auf. »Ein Hirte? Du Schwachkopf. Das ist die irrste Scheiße, die ich je …«

Die SIG Sauer in Marcus’ Hand ruckte. Das Projektil riss Phillips’ Kopf nach hinten. Er stürzte auf den Boden des Büros. Kristy zuckte bei dem Knall zusammen, doch sonst reagierte sie kaum. Sie stand nur da, mit glasigen Augen, wie eine Statue.

Marcus ging näher. Mit dem Fuß schob er Phillips’ Waffe weg. Ty Phillips hatte ein sauberes kleines Loch über dem linken Auge. Eine Blutlache bildete sich unter seinem Kopf, wo der Leichenbeschauer eine große, gezackte Austrittswunde finden würde. Seine Augen waren leblos und leer.

Marcus legte die Arme um das Mädchen. Sie versuchte, sich von ihm zu lösen, doch er hielt sie fest. Schließlich sank sie gegen ihn und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Marcus legte ihr eine Hand auf den Hinterkopf. »Du bist in Sicherheit«, sagte er. »Wir bringen dich nach Hause.«

Noch während er sprach, fiel ihm ein, dass Kristy kein Zuhause mehr hatte. Ihre Eltern waren tot. Ihr altes Leben gab es nicht mehr. Der Mensch, der sie war und der sie werden würde, hatte sich verändert – unwiderruflich und für immer.

Marcus’ Blick fiel auf Phillips’ Leiche. Vielleicht verdienten Bestien wie er den Tod für das, was sie taten, aber hatte er das Recht, sie zu bestrafen? In einem der Fenster des Büros sah er sein Spiegelbild. Er blickte seinem Doppelgänger in die Augen und fragte sich, was aus ihm geworden war.

Die Antwort war einfach.

Er war ein Mörder. Ein Monster.

Marcus fragte sich, was ihn von Verbrechern wie der Bank Crew unterschied. War er besser als sie?

War er besser als Ackerman?

Erster Tag –15. Dezember, abends

3

Sandra Lutrell spürte, wie ihr in den Arm gestochen wurde, und erwachte aus einem schrecklichen Traum. Sie fühlte sich groggy, und der Kopf tat ihr weh. Sie wollte sich den Schlaf aus den Augen reiben, konnte die Arme aber nicht bewegen.

Ihre Lider flatterten, als sie versuchte, wieder ganz zu sich zu kommen. Zuerst erkannte sie nicht, wo sie war. Sie befand sich in einem kleinen, länglichen Raum mit grauen Blechwänden. Auf dem Boden stand eine Coleman-Benzinlampe und warf eine kleine, spärliche Lichtpfütze auf den kahlen Fußboden.

Mit einem Mal wusste Sandra wieder, wo sie war: im Innern eines Lagercontainers wie der, in dem sie überzählige Möbel untergebracht hatte, nachdem sie von Chicago nach Nebraska gezogen war. Der neue Job hatte eine Verbesserung bedeutet, das neue Apartment jedoch einen Abstieg. Sie hatte lange Zeit nichts gefunden, was ihr gefiel, deshalb war sie über Monate hinweg Kundin einer Einlagerungsfirma in der Nähe von Jackson’s Grove gewesen, bis sie endlich ihr Traumhaus entdeckt hatte – ein Terrassenhaus, unter dessen Dach sie am Abend eingeschlafen war.

Sandra versuchte, den Kopf zu drehen, doch er war ebenfalls fixiert. Ihr war kalt. Als sie an sich hinunterblickte, sah sie, dass sie noch immer ihren Schlafanzug trug. Sie öffnete den Mund, um nach Hilfe zu rufen. In diesem Moment entdeckte sie den Mann, der am anderen Ende des Containers im Dunkeln stand. Die Finsternis verdeckte sein Gesicht, doch sie konnte sehen, dass er ganz in Schwarz gekleidet war. Von seiner rechten Hand baumelte eine Injektionsspritze.

Sandra blieb vollkommen regungslos, die Augen weit aufgerissen, die Muskeln erstarrt vor Angst.

Die Stimme des Mannes drang durch die kalte, feuchte Luft. Es war eine leise Stimme, die Selbstsicherheit vermissen ließ. »Ich habe Ihnen gerade eine kleine Dosis Adrenalin injiziert«, sagte er, »um den anderen Substanzen entgegenzuwirken, die ich Ihnen verabreicht hatte, und Ihr Erwachen zu beschleunigen.«

Andere Substanzen? Nur langsam wurde Sandra bewusst, was diese Wörter bedeuteten. Drogen? Ihre Gedanken waren noch immer verworren und nebelhaft, doch als sie begriff, traf es sie mit der Wucht eines Güterzugs. Sie war entführt worden. Ein Mann war zu ihr ins Haus gekommen, während sie schlief, und hatte sie verschleppt.

Doch was geschah jetzt? Was hatte er mit ihr vor?

Sie öffnete den Mund, um den Fremden um Gnade anzuflehen, brachte aber kein Wort hervor. Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Der Mann trat vor ins Licht. Auf seiner Nase funkelte eine Nickelbrille mit ovalen Gläsern, und sein Gesicht war dünn und blass. Es war ein altersloses Gesicht; der Mann konnte ebenso Anfang zwanzig sein wie Ende dreißig. Er hatte kurzes braunes Haar, ordentlich gescheitelt. Er hätte wie ein Bücherwurm ausgesehen, wären da nicht die Muskelpakete gewesen, die unter seiner eng sitzenden schwarzen Kleidung zu sehen waren. Aber er wirkte in keiner Weise gefährlich oder gar verrückt. Wäre Sandra ihm auf einer dunklen Straße begegnet, hätte sie sich nicht bedroht gefühlt.

Sein stilles, ruhiges Auftreten ließ Hoffnung in Sandra aufkeimen. »Bitte, lassen Sie mich gehen«, sagte sie, »und wir vergessen, was geschehen ist. Es wurde kein Schaden angerichtet, und es gibt keine Vorwürfe. Oder wollen Sie einen Weg einschlagen, von dem es kein Zurück gibt?«

Der Mann wich ihrem Blick aus, als er antwortete: »Tut mir leid. Ich wünschte, es ginge anders.«

Er griff in eine kleine Ledertasche, die neben der Coleman-Lampe lag, und nahm zwei klammerartige Gegenstände heraus, die Sandra irgendwie bekannt vorkamen. Dann kam er auf sie zu.

»Was tun Sie da? Bitte, ich …«

Ihre Worte wurden von einem Schrei fortgerissen, als seine linke Hand mit brutaler Kraft ihr Gesicht packte. Mit Daumen und Zeigefinger hielt er ihre Lider offen. Sandra versuchte zu blinzeln und den Kopf zurückzuziehen, konnte ihn aber nicht bewegen. Mit der rechten Hand führte der Mann einen der Gegenstände an ihr rechtes Auge. In diesem Moment erinnerte sich Sandra, wo sie so etwas schon gesehen hatte: beim Augenarzt. Er hatte etwas Ähnliches benutzt, um ihre Augen bei einer Untersuchung offenzuhalten.

Sandra versuchte, den Kopf hin und her zu werfen, und schrie um Hilfe, konnte aber nicht verhindern, dass der Fremde die Prozedur an ihrem linken Auge wiederholte. Sie konnte nicht einmal die Tränen fortblinzeln, die ihr über das Gesicht liefen.

Der Mann griff wieder in die Ledertasche. Sandra sah, dass er etwas Glänzendes hervorholte, das im Licht der Benzinlampe aufblitzte.

»Bitte tun Sie mir nichts«, schluchzte sie. »Ich tue alles, was Sie verlangen.«

»Schreien hat keinen Zweck. Niemand hört dich. Ich weiß, dass du es trotzdem versuchen wirst, aber glaub mir, es ist besser, du nutzt deine letzten Atemzüge sinnvoller.«

Seine Hand bewegte sich auf ihr Bein zu. Sandra sah das Skalpell. Ihre schrillen Schreie hallten von den Blechwänden wider. Grauenhafter Schmerz durchraste die Innenseite ihres Oberschenkels. Dann beugte der Mann sich vor. Sein Blick bohrte sich in Sandras Augen.

»Ich habe gerade einen tiefen diagonalen Einschnitt an deiner Oberschenkelarterie durchgeführt. Wie du vielleicht weißt, ist sie eine der wichtigsten Blutbahnen unseres Körpers. Wenn ich die Wunde nicht verschließe, bist du in wenigen Augenblicken tot.«

Schluchzer schüttelten ihren Körper. »Bitte nicht. Ich …«

»Ich stoppe die Blutung und lasse dich frei, wenn du meine Fragen ehrlich beantwortest.«

»Ja! Ja! Nur lassen Sie mich gehen.«

»Okay, Sandra. Wieso bist du glücklich?«

»Was? Ich verstehe nicht …«

»Uns bleibt wenig Zeit, Sandra. Du hast nur eine Minute, dann stirbst du am Blutverlust. Sag es mir sofort. Was ist der Schlüssel zu deinem Glück?«

Ihr wurde schwindlig. Ihr Bein pochte und spritzte mit jedem Herzschlag einen Blutschwall aus. Der Raum drehte sich um sie, und Übelkeit kroch durch ihren Unterleib. Sie rang um eine Antwort. »Ich … weiß nicht. Ich versuche, mich auf die guten Dinge im Leben zu konzentrieren … und das Beste in anderen Menschen zu sehen …«

Er lächelte. »Das ist eine gute, schliche Antwort. Danke, Sandra. Vielleicht werde auch ich dazu imstande sein, wenn ich deine Seele aufgenommen habe.«

»Was? Aber Sie haben gesagt, Sie lassen mich gehen!« Ihr Bein pochte und schmerzte. »Sie müssen die Blutung stillen!«

»Ich muss mich noch einmal entschuldigen, denn ich habe gelogen. Selbst wenn wir jetzt in einem Krankenhaus wären, könnte man nur noch sehr wenig für dich tun.«

Erneut griff er in die Ledertasche, nahm eine kleine Tasse heraus und füllte sie mit Sandras Blut. Was sie dann sah, konnte sie nicht fassen. Voller Grauen beobachtete sie, wie er die Tasse an die Lippen setzte und ihr Blut trank.

Das Innere des Containers verschwamm vor ihren Augen, doch sie kämpfte gegen die aufziehende Finsternis an.

Der Mann zog einen Stuhl heran und setzte sich vor sie. Sekunden später spürte Sandra eine kühle Flüssigkeit auf ihrer bloßen Haut. Ein intensiver Geruch drang ihr in die Nase, doch sie erkannte ihn nicht.

Sein starrer Blick bohrte sich in ihre Augen. Sandra konnte nicht wegschauen. Zum ersten Mal fielen ihr seine grünen Augen auf. Es waren schöne Augen – und sie waren das Letzte, was Sandra sah, ehe er ein Streichholz anriss und Flammen sie einhüllten.

4

Als die junge Frau tot war, rezitierte Harrison Schofield die Worte und malte die Symbole auf die Wände des Lagercontainers, wobei er sich exakt an die Vorgaben des Propheten hielt. Dann verließ er das Gelände der Einlagerungsfirma. Er kam an dem beige-weißen Wachhäuschen vorbei, in dem der ermordete Nachtwächter lag, und ging die Straße entlang zu seinem Toyota Camry. Das ruhige Viertel bestand hauptsächlich aus einem Holzlager und einem Schuppen, knallgrün und rot gestrichen wie eine Wassermelone, in dem ein Obst- und Gemüselieferant untergebracht war. Die einzigen Wohnhäuser waren ein paar schäbige Bungalows am anderen Ende der Straße. Die Einlagerungsfirma besaß Videoüberwachung, doch Schofield hatte das Gerät außer Gefecht gesetzt. Er kannte das Modell, ein AVMS 2500: keine Fernsicherung, nur simple Digitalaufnahmen, die auf einer Festplatte gespeichert wurden.

Er ging an einer Reihe gusseiserner Straßenlaternen vorbei, die wie zornige Wächter auf ihn hinunterblickten, ihn beobachteten, ihn anklagten. Er öffnete die Autotür und schob sich hinters Lenkrad. Der Prophet saß auf dem Beifahrersitz.

»Was empfindest du?«, fragte der Prophet. Seine schleppende, träge Südstaatlerstimme war tief, beinahe hypnotisch.

Schofield wusste, was der Prophet hören wollte. »Ich fühle mich gekräftigt. Stärker«, sagte er. Und das stimmte.

»Das ist gut. Sehr gut. Hast du das Ritual genau so ausgeführt, wie ich es dich gelehrt habe?«

Respektlos entgegnete Schofield: »Ich weiß, was ich tue.«

Ehe er reagieren konnte, zuckte die Hand des Propheten vor und traf ihn mit lautem Knall auf die linke Wange. »Vergiss nie, wo du stehst, Junge. Sobald du aufsteigst, sitzt du zur rechten Hand des Vaters und herrschst über diese Welt. Aber bis es so weit ist, spreche ich für den Vater. Vergiss das nie. Du zeigst mir jederzeit Respekt.«

Wieder einmal kam Schofield sich wie ein kleiner dummer Junge vor. Bilder, auf denen der Prophet ihn mit einer stachelbewehrten Peitsche prügelte, standen ihm vor Augen. Er konnte beinahe spüren, wie sie ihm das Fleisch vom Rücken riss. Er ließ den Kopf hängen und murmelte eine leise Entschuldigung.

Der Prophet legte ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme wurde sanft. »Nur noch wenige Tage bis zur Dunkelsten Nacht. Dein Geist muss für den Aufstieg bereit sein. Hast du das Ritual ganz sicher korrekt ausgeführt?«

»Ich habe deine Anweisungen buchstabengetreu eingehalten.«

»Gut. Hast du das Opfer für morgen Nacht ausgewählt?«

Schofield nickte, und sein Puls beschleunigte sich vor Erwartung. »Alles ist bereit, Herr.«

Ein Laut der Freude drang aus der Kehle des Propheten. Der ältere Mann hob den Arm und schaltete das Radio des Camrys ein. Ein Song der Rolling Stones dröhnte aus den Lautsprechern: Sympathy for the Devil.

Schofield legte den Gang ein und fuhr los. Er fragte sich, was er am Morgen empfinden würde, wenn er seinen Kindern in die Augen blickte.

Zweiter Tag –16. Dezember, morgens

5

Elk Grove Village, dreißig Kilometer nordwestlich vom Chicagoer Stadtzentrum gelegen, galt als eine der handelsfreundlichsten Vorstädte im County und beherbergte eines der größten Gewerbegebiete in Nordamerika. Die Schulen der Ortschaft zählten zu den besten in Illinois, und die Stadtverwaltung hatte alles darangesetzt, um Elk Grove Village ein pittoreskes und zugleich modernes Äußeres zu verleihen.

Die friedliche Vorstadt war keine jener Örtlichkeiten, die man normalerweise mit einem Menschenhändlerring in Verbindung brachte, doch nicht selten trog der Schein, wie FBI Special Agent Victoria Vasques nur zu gut wusste. Genau wie jeder Mensch besaß jeder Ort zahlreiche komplexe Ebenen, die nie ans Tageslicht kamen. Vasques’ Partner, Troy LaPaglia, klapperte auf der Tastatur seines PC und rief den Videokanal des Starbright Motel ab – eine Absteige, wo man inoffiziell die Zimmer stundenweise mieten konnte und wo über jedem Bett ein Deckenspiegel hing.

Vasques rutschte auf ihrem Sitz nach vorn, lehnte sich zurück und versuchte, die Beine so gut es ging auszustrecken. Der Überwachungswagen – ein Kleinbus, auf dem außen der Schriftzug MASCONI HEIZUNG UND SANITÄR angebracht war – bot nicht viel Platz, und ihr schliefen allmählich die Beine ein. Die steinharten kleinen Hocker verbesserten die Lage auch nicht gerade. Vasques nahm sich vor, für den nächsten Einsatz ein Sitzkissen zu kaufen, wie alte Damen es zu Basketballspielen mitbrachten, damit sie es auf den Bänken halbwegs bequem hatten.

Der Geruch nach kaltem Kaffee und fettigem Fast Food trieb durch das Wageninnere und verursachte ihr Übelkeit. Sie musste hier raus. Und sie brauchte unbedingt eine Zigarette. Andererseits hatte sie es nun schon zwei Wochen ohne Kippe ausgehalten, da wäre es schön dumm, sich jetzt vom Verlangen übermannen zu lassen. Seufzend schob sie sich einen frischen Streifen Kaugummi in den Mund.

LaPaglia schien Vasques’ Gedanken gelesen zu haben. »Ich kriege so das Gefühl, dass wir nicht mehr lange in dieser Blechbüchse sitzen müssen. Sie dürften jeden Augenblick kommen.«

»Hoffentlich«, erwiderte sie. »Ich muss mal pissen.«

LaPaglia schüttelte den Kopf. »Du bist wirklich ein zartes Pflänzchen, Vasques. So schüchtern und zurückhaltend.«

»Ich bin bei einem alleinerziehenden Vater aufgewachsen, der noch dazu bei der Mordkommission war. Ich weiß überhaupt nicht, wovon du redest.«

LaPaglia beugte sich vor. Das Licht des Monitors ließ sein Gesicht weiß leuchten. Vasques hatte seinen Nachnamen immer irgendwie komisch gefunden, weil LaPaglia einen teigig-weißen Teint hatte, wie er schlimmer nicht sein konnte, und dazu kurzes blondes Haar. Er sah kein bisschen wie der dunkelhäutige, schwarzhaarige Südländer aus, worauf sein italienischer Nachname hindeutete. Vasques hingegen hatte von ihren brasilianisch-amerikanischen Eltern die bronzene Haut und das dunkle Haar geerbt, und ihr portugiesischer Nachname passte perfekt zu ihr.

Sie blickte auf einen anderen Monitor und sah die beiden Cops vom Sittendezernat der Cook County Police in einer zivilen beigefarbenen Limousine, wo sie auf das Stichwort warteten, um ihre Kollegen beim Zugriff zu unterstützen.

Das Motel stand seit mehreren Tagen unter Beobachtung, und jetzt würde ihre Arbeit Früchte tragen. Sie warteten auf die Ankunft eines Mannes namens Oscar Wilhelm. Sein Fahrgast würde ein großer Jamaikaner sein, der sich Mr Chains nannte. Vasques stellte immer wieder fest, dass Kotzbrocken wie Chains einen merkwürdigen Hang zum Dramatischen besaßen. Chains war der Drahtzieher eines Menschenhändler- und Zuhälterrings, der Mädchen aus Guatemala im Alter von zwölf bis Mitte zwanzig zur Prostitution in die USA verfrachtete und abkassierte. In ihren armen Heimatdörfern wurden diese Mädchen und jungen Frauen mit der Aussicht auf legale Arbeit in den Vereinigten Staaten angeworben, als Sexsklavinnen verkauft und gezwungen, jeden Tag zwischen fünf und fünfundzwanzig Freier zu bedienen.

Oscar Wilhelm, der Fahrer, war von Chains angestellt worden, um ihn diskret durchs Land zu transportieren und zu schützen. Doch Wilhelm hatte nicht damit gerechnet, in die Abgründe blicken zu müssen, die sich vor ihm auftaten. Voller Abscheu hatte er einer Gruppe namens CAST, die Sklaverei und Menschenhandel bekämpfte, einen Tipp gegeben. CAST hatte augenblicklich die zuständige Sonderkommission im Raum Chicago benachrichtigt – ein Team aus Angehörigen mehrerer Strafverfolgungsbehörden. Auf diese Weise waren Vasques und LaPaglia ins Spiel gekommen. Sie hatten Wilhelm überredet, ein Mikrofon zu tragen, Beweismaterial gegen Chains zu sammeln und den Harem dieses Mistkerls zu befreien.

»Da kommen sie«, sagte LaPaglia.

Vasques beobachtete, wie Wilhelm den Wagen parkte und Chains die Tür öffnete. Sie stiegen die Außentreppe zu der Zimmerreihe hinauf, die sie an Freier vermieteten und in der die Mädchen untergebracht waren. Vasques hätte zu gern gewusst, was es kostete, dass die Motelbesitzer ihre Seelen verkauften und wegschauten. Vor den Türen wachte ein großer, kahlköpfiger Bursche über jenen Bereich, den Chain als »Pferch« bezeichnete. Dort wurden normalerweise fünf bis zehn Mädchen in einem einzigen Zimmer festgehalten.

Die Stimme des hünenhaften Wächters drang aus den Mini-Lautsprechern im Kleinbus. Seine Worte waren undeutlich und ein wenig gedämpft, weil sie mit dem Mikrofon unter Wilhelms Hemd aufgenommen wurden. Vasques beugte sich näher heran, damit sie verstehen konnte.

»Eins von den Mädchen wollte heute Morgen abhauen«, sagte der Riese. »Sie ist nicht weit gekommen, aber sie hat ’ne richtige Szene gemacht. Zum Glück hat’s keiner gemeldet und die Bullen gerufen.«

Chains sprudelte irgendetwas in einer Sprache hervor, die Vasques nicht verstand, aber es handelte sich offenbar um Flüche. Wieder blickte sie auf den Monitor, als Chains die Tür des Motelzimmers schwungvoll öffnete und ins Zimmer dahinter stürmte, gefolgt von Wilhelm. Chains’ zorniges Gebrüll erfüllte knisternd den Überwachungswagen. Wieder stieß er wütende Phrasen in der fremden Sprache aus. Dann sagte er auf Spanisch: »Ich frage gar nicht erst, welche von euch es war, denn das ist scheißegal. Wenn eine mich verrät, verratet ihr mich alle. Und dann leidet ihr alle. Wenn ich andere Mädchen hätte, die euren Job machen könnten, würde ich euch umbringen, ihr Miststücke, und eure Leichen mit dem übrigen Abfall zur Müllkippe fahren. Nur habe ich leider keine Ersatzmädchen, und das Geschäft muss weitergehen. Trotzdem müsst ihr begreifen, was passiert, wenn ihr unsere kleine Familie verratet.«

Vasques beugte sich vor und übersetzte das Spanische, so gut sie konnte. In diesem Augenblick stieß eines der Mädchen einen schrillen Schrei aus. Wilhelm sagte laut und deutlich – wahrscheinlich nur, damit die Polizei wusste, was vor sich ging: »Verdammt, Chains, Sie müssen doch jetzt nicht mit dem Messer auf sie los, oder?«

Mehr brauchte Vasques nicht zu hören. Sie stürzte zu den Hecktüren des Vans und hielt bereits die SIG Sauer Kaliber .45 in der Hand, ehe ihre Füße den Asphalt berührten. Sie stolperte vor und wäre beinahe gestürzt, weil ihr nach so langem Sitzen auf engem Raum die Beine eingeschlafen waren.

»Vasques! Warte!«

Sie ignorierte ihren Partner, erlangte das Gleichgewicht wieder, sprintete über den Parkplatz des Starbrights und stürmte die Treppe hoch, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm. Ehe der kahlköpfige Wächter reagieren konnte, knallte sie ihm die Pistole gegen die linke Schläfe und rammte ihm ihr Knie in die Weichteile. Dann schob sie sich an dem halb bewusstlosen Mann vorbei. Sie hörte, wie hinter ihr LaPaglia dem Hünen befahl, sich auf den Boden zu legen.

Neben der Tür von Chains »Pferch« nahm Vasques Aufstellung. Bei einem Blick über die Schulter sah sie, wie LaPaglia dem Glatzkopf Handschellen anlegte, während die beiden Cook County Deputys bereits die Treppe hinaufgerannt kamen. Doch Vasques wartete gar nicht erst auf sie. Nur eine Sekunde Zögern konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod für eine der jungen Guatemaltekinnen bedeuten, die nichts anderes verbrochen hatten, als für sich und ihre Familien ein besseres Leben zu suchen.

Vasques’ Fuß traf die Tür. Zersplitternd flog sie nach innen. »FBI!«, rief sie in den Raum, glitt hinein und entdeckte Chains an der gegenüberliegenden Wand. Er hielt ein kleines Mädchen vor seinen fetten Leib, die Arme um die Taille der Kleinen geschlungen, deren Füße einen halben Meter über dem Boden baumelten. In der rechten Hand hielt er eine 9-mm-Glock. Bis auf die Mädchen, Wilhelm und ein paar Decken war der Raum leer. Das Bett, der Fernseher, der Tisch und die schäbigen Fotos, wie man sie in solchen Zimmern normalerweise fand, waren entfernt worden. Die Mädchen hatten nicht einmal Matratzen, auf denen sie schlafen konnten. Ein vertrauter Geruch nach Gewalt und Angst lag in der Luft.

»Mach nur einen Schritt näher, und sie stirbt.« Noch während Chains sprach, wich er nach links zum Bad zurück.

Vasques zielte auf ihn. Sie hätte zu gern abgedrückt, konnte es aber nicht riskieren. Chains hielt das Mädchen schützend vor seinen dicken Schädel, und alles außer einem Kopfschuss barg die Gefahr, dass die Geisel doch noch getötet wurde. Chains ging weiter rückwärts zur offenen Badezimmertür.

Vasques fluchte in sich hinein. Jetzt hatten sie es mit einer beschissenen Geiselnahme zu tun. Sie hatten Chains beim Verlassen des Motels festnehmen wollen, um genau diese Situation zu vermeiden. Vasques drehte sich der Magen um. Sie wusste, dass sie mit ihrer Aktion womöglich mehr Schaden als Gutes angerichtet hatte.

»Und jetzt raus mit dir, du Dreckstück, oder ich bringe sie um!«, rief Chains. »Ich rede nur mit jemandem, der meine Forderungen erfüllen kann. Bring mir jemanden, der was zu sagen hat!«

Vasques musste hilflos zuschauen, wie er die Badezimmertür zuwarf.

»Verdammt!«

LaPaglia erschien neben ihr, während die Cook County Deputys die Mädchen und Wilhelm aus dem Zimmer führten. »Das ist ja nicht so gelaufen wie geplant.«