Ich bin nicht Sherlock Holmes - M.J. Eden - E-Book

Ich bin nicht Sherlock Holmes E-Book

M. J. Eden

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Beschreibung

Nach dem tragischen Tod von Victor geraten die Ereignisse völlig außer Kontrolle und Margaret steht plötzlich im Zentrum eines dunklen Netzwerks aus Verrat, Intrigen und Machtspielen. In einer Welt, in der Loyalität zur gefährlichsten Waffe wird, sieht sie sich gezwungen, unaussprechliche Dinge zu tun, um zu überleben. Doch nun drohen ihre Taten sie einzuholen, und die Gerechtigkeit, der sie so lange entkommen konnte, scheint endlich auf sie aufmerksam geworden zu sein. Als lang gehütete Geheimnisse ans Licht kommen und sich alte Verbündete in erbitterte Feinde verwandeln, kämpft Margaret darum, ihre Freiheit zu bewahren. Die Grenze zwischen Schuld und Unschuld verschwimmt, während die Machenschaften der Vergangenheit ihre Zukunft bedrohen. Wem kann sie noch vertrauen, wenn selbst diejenigen, die ihr am nächsten stehen, ihre eigenen Pläne verfolgen?

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Seitenzahl: 639

Veröffentlichungsjahr: 2024

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»Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere; aber wir sehen meist so lange mit Bedauern auf die geschlossene Tür, dass wir die, die sich für uns geöffnet hat, nicht sehen.«

Alexander Graham Bell

(03.03.1847 – 02.08.1922)

Inhaltsverzeichnis

Motto

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

I.

Der kleine, würfelförmige Raum, in grelles Weiß getaucht, wirkte klinisch, beinahe steril, doch das intensive Aroma von Lavendel lag schwer in der Luft. Es schien, als habe der Duft den Raum vollständig durchdrungen, obwohl das Fenster einen Spalt breit geöffnet worden war, um ihn abzumildern. Die frischen Holzstäbchen, die aus dem gläsernen Fläschchen ragten, waren tief in violettem Öl getränkt und verströmten beständig den beruhigenden, doch auf eine seltsame Weise auch bedrückenden Duft. Lavendel, so angenehm er auch sein mochte, hatte eine merkwürdige Spannung im Raum erzeugt, als ob er etwas verbergen sollte.

»Wussten Sie, dass Lavendelöl als Abwehr gegen Spinnen verwendet wird?« Margaret Trevor sprach beinahe beiläufig, doch ihr Blick war unverwandt auf das Fläschchen gerichtet, das in perfekter Symmetrie in der Mitte des ovalen Beistelltisches stand. Es war, als sei das gläserne Gefäß der Mittelpunkt ihrer Gedanken, ein sicherer Anker inmitten ihrer unsteten Emotionen. »Fürchten Sie sich vor Spinnen, Dr. Brennan?«, fragte sie mit einer merkwürdigen Mischung aus Neugier und Provokation.

Dr. Jacob Brennan, der ihr gegenüber saß, trug einen makellos sitzenden hellbraunen Anzug. Sein kurz geschnittenes, dunkelblondes Haar war ebenso sorgfältig gestylt, als sollte kein einziges Haar von seinem Platz weichen. Doch als sie die Frage stellte, verdrehte er leicht genervt die Augen und ließ ein leises Stöhnen hören. Er schlug sein linkes Bein über das rechte und verschränkte die Arme, während er sich langsam zurücklehnte, stets darauf bedacht, dass das Klemmbrett auf seinem Schoß nicht ins Rutschen geriet. Seine Haltung blieb formvollendet, gerade genug, um seine Autorität zu wahren, doch der Hauch von Ironie in seiner Gestik war nicht zu übersehen. »Margaret, sind nicht hier, um über meine Ängste zu sprechen.«

»Schade,« murmelte sie, ihre Stimme kaum hörbar, während sie sich bemühte, seine Körperhaltung auf fast schon mechanische Art zu imitieren, als würde sie hoffen, auf diese Weise Zugang zu seiner inneren Welt zu finden.

Brennan ließ seinen Blick über sie gleiten, und obwohl seine Augen kalt und durchdringend waren, lag in ihnen auch eine seltsame Freundlichkeit, fast wie die eines Arztes, der weiß, dass er dem Patienten die unangenehme Wahrheit sagen muss. »Also, was ist vor vier Monaten geschehen?«

Die Wirkung seiner Worte war unmittelbar. Ohne Vorwarnung zuckte Margarets Körper unwillkürlich zusammen, als hätte er sie mit einer unsichtbaren Nadel gestochen. Die Emotionen, die sie so verzweifelt zu verbergen versucht hatte, stürmten ungebeten an die Oberfläche, und die Verachtung, die sie in diesem Moment für sich selbst empfand, war in ihrem angespannten Gesicht deutlich zu erkennen. »Darüber möchte ich nicht sprechen.«

»Das sehe ich«, entgegnete er mit sanfter Stimme, die einen unerwarteten Hauch von Verständnis vermittelte. »Natürlich verstehe ich, dass Sie nicht freiwillig hier sind und daher nicht mit mir kooperieren möchten. Das Verhalten meines ehemaligen Kollegen Dr. Chinnery ist unentschuldbar, das gestehe ich ein.« Seine Worte waren leise, doch sein Blick blieb fest auf sie gerichtet, wie der eines Jägers, der seine Beute nicht aus den Augen lassen darf. »Aber wie Sie selbst festgestellt haben, sind wir nicht alle gleich.«

Die Bedeutung seiner Worte hing wie eine unausgesprochene Herausforderung im Raum, während das Lavendelaroma weiter schwer in der Luft lag, als würde es jeden Atemzug, den sie machten, begleiten.

»Dann lassen Sie mich mit Regina Wilson sprechen!« Margaret funkelte ihn mit bitterer Entschlossenheit an. »Sie war seither meine Therapeutin.«

Dr. Brennan hob kaum merklich eine Augenbraue. »Und allem Anschein nach hat sie keinerlei Fortschritte mit Ihnen erzielt«, entgegnete er kühl, ohne auch nur den Hauch einer Emotion in seiner Stimme zu zeigen.

Diese Worte trafen Margaret wie ein Peitschenhieb. Mit einem Ruck sprang sie vom Sessel auf, ihre Bewegung plötzlich und unkontrolliert, doch dann blieb sie wie versteinert stehen. Ihr Körper bebte vor Zorn, während ihre Augen in einem glühenden, hasserfüllten Blick auf den Mann fixiert waren. »Halten Sie Ihren Mund, Dr. Schlauberger!« Ihre Stimme bebte, doch sie war scharf wie ein Messer. »Regina Wilson ist eine ausgezeichnete Ärztin! Sie besitzt Qualitäten, von denen Sie und Ihre gesamte Kollegschaft nur träumen können.«

Für einen Moment blieb der Raum still, nur das leise Surren der Klimaanlage unterbrach die angespannte Stille. Dr. Brennan atmete tief durch, seine Gesichtszüge ruhig und gelassen, als versuche er, diese Ruhe auf Margaret zu übertragen. Doch die Wut in der Luft blieb spürbar. »Verzeihen Sie«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »es war nicht meine Absicht, Sie oder Dr. Wilson zu verletzen.« Seine Worte waren sorgfältig gewählt, doch seine Augen blieben wachsam. »Dennoch steht außer Frage, dass Dr. Wilson – aufgrund ihres persönlichen Naheverhältnisses zu Ihnen – nicht objektiv wirken kann.« Langsam lehnte er sich nach vorne, seine Haltung vermittelte einen Hauch von Dringlichkeit, während sein Blick fest auf Margaret gerichtet blieb. »Bitte, setzen Sie sich wieder. Wir haben noch knapp vierzig Minuten.« Mit einer ruhigen, fast mechanischen Bewegung griff er nach seinem Kugelschreiber und richtete das Klemmbrett auf seinem Schoß, die darauf befindlichen Seiten waren bereits zur Hälfte mit seinen Notizen vollgekritzelt. »Wenn Sie nicht darüber sprechen möchten, was vor vier Monaten passiert ist, dann akzeptiere ich das. Ich bin nicht hier, um Sie zu zwingen. Sie müssen nichts erzählen, was Sie nicht teilen wollen.« Seine Stimme klang fast sanft, doch hinter seinen Worten lag eine kaum spürbare Herausforderung. »Worüber möchten Sie stattdessen sprechen? Sie können mir alles erzählen. Jedes noch so dunkle Geheimnis, das Sie in sich tragen.«

Margaret blieb für einen Moment stehen, ihr Körper noch immer angespannt, als müsse sie gegen die Welle der Emotionen in sich ankämpfen. Langsam neigte sie den Kopf zur Seite und sah ihn nachdenklich an. Es war ein eigenartiger Moment – einerseits misstraute sie ihm zutiefst, nicht nur aufgrund seiner Position als Therapeut, sondern auch wegen seiner unerschütterlichen Ruhe, die ihr Unbehagen bereitete. Andererseits gab es da etwas in seiner Stimme, in seinen Augen, das eine seltsame Art von Vertrauen ausstrahlte, als könne sie sich ihm öffnen, wenn sie es nur wagte.

Wie Lavendel.

Ein beruhigender, traumhafter Duft, der jedoch für die Abschreckung einer der grausigsten Kreaturen überhaupt verwendet wird.

Gut und Böse zugleich.

Die Spannung zwischen ihnen blieb in der Luft hängen, ein unausgesprochenes Versprechen und eine Herausforderung, die nur sie allein entschlüsseln konnte.

Sie seufzte.

Wie passend!

Zaghaft ließ sich Margaret wieder in den Sessel hinter ihr sinken, ihre Bewegungen waren kontrolliert, doch die Anspannung blieb sichtbar. Sie verschränkte ihre Beine und stützte ihre Ellbogen auf den gepolsterten Armlehnen ab, ihre Finger unruhig ineinander verschlungen. »Jedes Geheimnis?« Ihre Stimme war leise, beinahe zögerlich.

Dr. Brennan nickte langsam, seine tiefbraunen Augen glühten für einen flüchtigen Moment auf, als hätte ihre Frage etwas in ihm geweckt, eine Art fiebrige Neugier, die er kaum verbergen konnte. »Wirklich jedes«, bekräftigte er mit einem Ton, der eine unterschwellige Einladung enthielt, fast so, als ob er insgeheim auf etwas Bestimmtes wartete.

Margaret, die das seltsame Funkeln in seinen Augen nicht wahrzunehmen schien, lehnte sich sichtlich erleichtert zurück. Es war, als hätte sich eine Last von ihren Schultern gehoben, auch wenn nur vorübergehend. »Gut. Ich werde Ihnen erzählen, was damals geschehen ist«, begann sie, wobei ihre Stimme etwas an Klarheit gewann, »aber zuerst möchte ich über meinen Bruder reden.« Sie hielt kurz inne, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsste, bevor sie weitersprach. »Ich habe so lange mit einer Lüge gelebt... oder eigentlich mit mehreren Lügen. All die Jahre habe ich verzweifelt nach dem wahren Grund für den Tod von Victor gesucht, ohne zu erkennen, dass er die ganze Zeit über noch am Leben war.« Ihre Augen trafen die von Dr. Brennan, scharf und durchdringend. »Wieso habe ich das übersehen?«

Dr. Brennan zuckte leicht zusammen, überrascht von der Frage. Offensichtlich hatte er nicht mit diesem plötzlichen Umschwung gerechnet. Er räusperte sich, suchte nach den richtigen Worten. »Nun, wenn uns etwas derart belastet, trübt das oft unseren Blick. Es ist, als ob wir die Welt durch einen Schleier sehen, Grau in Grau.«

Margarets Augen blitzten auf, ein Hauch von Verachtung mischte sich in ihren Blick. »Wir?« Sie spuckte das Wort beinahe aus. »Hören Sie auf, von sich selbst auf andere zu schließen. Das, was Ihnen widerfahren ist, hat nichts, gar nichts, mit meinen Problemen zu tun.«

Dr. Brennan nickte, ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. »Da wären wir bei einem weiteren Phänomen«, sagte er ruhig, während er sich eine kurze Notiz auf seinem Klemmbrett machte, ohne den Blick von ihr abzuwenden. »Dem Gedanken, dass man mit seinen Problemen allein ist.« Er sah wieder auf, seine Augen hatten nun eine sanfte, fast belehrende Note. »Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Zum Glück.« Er hielt einen Moment inne, als wolle er die Schwere seiner Worte betonen. »Selbstverständlich sind psychische Traumata von Person zu Person verschieden, doch niemand – wirklich niemand – ist mit seinen Problemen vollkommen allein. Auch Sie nicht, Margaret.« Er blickte auf seine Notizen, suchte nach etwas, und als er es gefunden hatte, kringelte er ein unleserliches Wort mehrmals ein. »Panikattacken.« Ein Hauch von Theatralik schwang in seiner Stimme mit. »Obwohl eine Panikattacke eine natürliche Reaktion des Körpers auf Stress und Angst ist, wirkt sie oft lebensbedrohlich und unkontrollierbar. Aber warum ist das so?« Er hielt kurz inne, als wolle er die Spannung in der Luft verstärken. »Ihr Körper versucht, Sie zu schützen, Margaret. In einer Situation, die emotional zu überwältigend ist, setzt Ihr Überlebensinstinkt ein. Ich weiß, wie sich eine solche Attacke anfühlt, glauben Sie mir. Sie ergreift einen genau dann, wenn man sie am allerwenigsten gebrauchen kann.« Ein leises Seufzen entkam ihm, als ob er das Gewicht dieser Erkenntnis selbst trug. »Denken Sie darüber nach. Erinnern Sie sich an die Momente, in denen Sie von einer Panikattacke heimgesucht wurden. Es ist bloß eine Schutzreaktion. Wann haben Sie sich zuletzt diesem Phänomen ausgesetzt gefühlt? Können Sie sich daran erinnern?«

Margaret zögerte, ihre Finger spielten nervös mit der Kante ihrer Armlehne. Ihre Erinnerungen waren vage, wie durch Nebel verhüllt, doch etwas blieb. »Ich weiß nicht, wann das letzte Mal war, aber ich erinnere mich an einen Moment, als die Panik so stark war, dass ich das Bewusstsein verlor.«

»Bitte sprechen Sie weiter.« Dr. Brennan beugte sich leicht nach vorn, seine Stimme klang eindringlich, fast flehend, während seine Augen erneut dieses unheimliche Glitzern zeigten, als wäre er kurz davor, ein lange gesuchtes Geheimnis zu entschlüsseln.

Margaret zögerte, doch ihre Worte kamen schließlich langsam, wie aus einer tiefen Quelle der Erinnerung gezwungen. »In Sevenoaks. Kurz nachdem ich das Gebäude der West Health Central School betrat.«

Dr. Brennan fixierte sie, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Was geschah dort?«

»Ich habe nach meiner Großmutter gesucht.« Margarets Augen blickten ins Leere, als wären sie bereits nicht mehr im Raum. »Ich glaubte, sie sei seit fast vierzig Jahren tot, doch irgendetwas… irgendetwas hat mich dorthin geführt. Aber ich fand sie nicht.« Ihre Stimme wurde mit jedem Wort leiser, und ihr Blick verdunkelte sich, als ob sie unbewusst tiefer in die Schatten ihrer Erinnerungen eintauchte. Das Leuchten des Raums schien für sie zu verblassen, und sie entfernte sich mit jedem Gedanken weiter von ihrer Umgebung, die nun bedeutungslos erschien. Sie war wieder in Sevenoaks, in jenem unheimlichen, verlassenen Anwesen, das in ihren Gedanken zu neuem Leben erwachte.

Dr. Brennan schwieg, seine Finger spielten nervös und völlig lautlos mit dem Klemmbrett auf seinem Schoß, während er ungeduldig darauf wartete, dass sie weiter sprach.

Ein dumpfes Hämmern setzte in Margarets Kopf ein, als sie sich daran erinnerte, den düsteren Flur entlangzugehen. Der Weg, den sie damals in das verlassene Gebäude genommen hatte, war klar und doch schien er sich jetzt vor ihren Augen zu verzerren, wie ein Alptraum, der sich unaufhaltsam in ihr Bewusstsein drängte. Der steinerne Boden knarrte unter ihren Schritten, und das feuchte, modrige Aroma der verlassenen Räume drang ihr wieder in die Nase. Dann kam sie zum Keller, dem Ort, an dem sie zum ersten Mal die unheimliche Stille durchbrochen hatte. Und in diesem Moment erstarrte sie vor Schock. Ihre Lippen zitterten leicht, als sie sich an diesen Augenblick erinnerte, doch die Worte wollten nicht kommen. Die Stille, die folgte, war bedrückend, als ob sie sich zwischen sie und Dr. Brennan legte, wie ein unsichtbarer Vorhang.

Victor…

»Sie sahen Ihren Bruder, nicht wahr?«

Oh, er ist gut.

Verdammt gut!

»Und nun wundern Sie sich, dass Sie ihn überhaupt sehen konnten. Richtig? Da es jemand anderes war?«

»Ja.« Margaret nickte. »Es war ein Kind.«

»Daran ist nichts Verwerfliches«, sagte Dr. Brennan ruhig, seine Stimme sanft, aber eindringlich. »Als Sie Ihren Bruder das letzte Mal sahen, war er ein Kind. Dass er all die Zeit am Leben war, konnten Sie nicht wissen. Ihr Unterbewusstsein war nie in der Lage, das zu verarbeiten.«

»Wie zum Teufel soll mir das helfen?«, fauchte Margaret.

Dr. Brennan legte den Kopf leicht schief, als würde er eine verborgene Bedeutung in ihren Worten suchen. »Das hängt ganz davon ab, warum Sie ausgerechnet an dieser Stelle Ihrer Geschichte begonnen haben.«

Margaret runzelte die Stirn, ihre Verärgerung verstärkte sich. »Was meinen Sie damit?«

»Dass es nicht um Ihre Panikattacken im Allgemeinen geht.« Sein Blick bohrte sich in ihren, durchdringend und scharf, als wollte er sie direkt ins Herz sehen. »Es geht um das größere Ganze.«

Margaret verdrehte die Augen, genervt und erschöpft. Ihre Geduld schwand schnell, und sie ließ ihren Blick zur Uhr über der Tür schweifen. »Wir haben nicht ewig Zeit, Doc. Also hören Sie bitte mit Ihrem Geschwafel auf und kommen Sie endlich zum Punkt!«

Ein leichtes Kichern entwich Dr. Brennan, als hätte er ihren Unmut erwartet. »Ihre Großmutter,« sagte er fast beiläufig, »sie ist einer der Hauptgründe für Ihr jetziges Empfinden.«

»Was?« Margaret riss die Augen weit auf, Verwirrung und Ärger mischten sich in ihrem Blick. »Meine verfluchte Großmutter hat sicher nichts damit zu tun, dass ich hier sitze.«

»Was ist es dann?« Dr. Brennan lehnte sich vor. »Wieso haben Sie das alles getan?«

Margarets Schultern sanken. Sie senkte ihren Kopf, ihre Stimme wurde leiser, fast brüchig. »Ich…« Sie hielt inne, als suchte sie nach den richtigen Worten. »Ich wollte das nicht.«

»Was? Was wollten Sie nicht, Margaret?«, Dr. Brennan beugte sich noch näher zu ihr, seine Augen forschend. »Sagen Sie es mir.«

»Ich wollte ihm helfen. Mycroft. Und Sherlock auch.« Ihre Stimme zitterte vor Verzweiflung. »Ich wollte das wirklich nicht. Das müssen Sie mir glauben.«

Dr. Brennan nickte langsam, seine Stimme wurde noch sanfter, beruhigender. »Margaret, ich bin kein Richter. Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Ich bitte Sie nur um die Wahrheit.« Auch er warf einen kurzen Blick zur Uhr. »Noch bleibt genügend Zeit dafür.«

»Aber…« Sie zögerte. Die Worte blieben ihr im Hals stecken.

»Ich verurteile Sie nicht. Keineswegs. Ich bin auf Ihrer Seite. Also bitte! Lassen Sie mich verstehen, wieso zwei augenscheinlich unschuldige alte Menschen sterben mussten.«

Margaret lachte bitter, ein fahriges, raues Geräusch, das die Anspannung im Raum nur noch verstärkte. Sie rümpfte die Nase. »Meine Großmutter und James Mortimer waren alles andere als unschuldig.«

Dr. Brennan hob leicht eine Augenbraue. »Wirklich? Bitte, klären Sie mich auf.«

Margaret sah ihn mit einer Mischung aus Müdigkeit und Misstrauen an. »Sie wissen doch bereits, was die beiden getan haben, oder nicht? Mortimer war fast sein ganzes Leben ein grausamer Krimineller. Es gibt nichts, worüber ich Sie aufklären müsste.«

»Fürchten Sie etwa, dass Psychopathie vererbbar ist?«, fragte er mit einem fast klinischen Tonfall, doch seine Augen verrieten eine tiefere Neugier. »Ich kann Sie – zumindest teilweise – beruhigen. Es ist nicht vollständig nachgewiesen. Gene allein reichen nicht aus, um so etwas zu verursachen. Die Entwicklung wird von neurobiologischen, Umwelt- und sozialen Faktoren beeinflusst. Da Sie den Großteil Ihres Lebens kaum Kontakt mit Ihren Großeltern hatten, schätze ich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dieselbe Erkrankung haben, für eher gering ein.«

Margaret starrte ihn an, ihre Lippen waren schmal, ihre Augen voll von aufgestauter Anspannung. »Aber Sie können es nicht ausschließen, richtig?« Ihre Stimme war eine Mischung aus Zorn und Verzweiflung, als ob sie eine unausweichliche Wahrheit suchte, aber zugleich fürchtete. »Bin ich deshalb hier? Ich bin keine verdammte Gefahr für die Allgemeinheit! Ich kann mich selbst sehr gut unter Kontrolle halten.«

Dr. Brennan ließ einen Moment vergehen, bevor er seine nächste Frage stellte, die ruhig und beinahe beiläufig kam. »Und was ist mit Mycroft Holmes?«

Der Effekt seiner Worte war sofort spürbar. Margaret erstarrte, als hätte er sie mit einem Messer gestochen. Ihr Puls schoss in die Höhe, und sie zog sich so weit wie möglich in den Sessel zurück, als würde die Distanz sie vor der Konfrontation schützen. Ihre Augen weiteten sich, ihre Atmung beschleunigte sich.

»Wissen Sie, wo er ist? Was mit ihm geschehen ist? Ist er überhaupt noch am Leben?« Seine Stimme blieb ruhig, aber die Spannung in der Luft wuchs spürbar.

Margaret reagierte plötzlich, als hätte seine Frage etwas in ihr entfesselt. Mit einem heftigen Stoß schob sie den Sessel zurück, ihre Atmung wütend und unkontrolliert. Dann sprang sie in einer einzigen, fließenden Bewegung auf. »Mycroft ist tot!«, rief sie, ihre Stimme brach vor Schmerz und Wut.

Dr. Brennan fühlte einen eisigen Schauer seinen Rücken hinablaufen, eine unangenehme Kälte, die er krampfhaft abzuschütteln versuchte. Doch die Worte der Frau schienen wie eine unausweichliche Wahrheit durch den Raum zu hallen, schwer und bedrohlich.

Margaret, deren Ausbruch kurz und heftig gewesen war, sank plötzlich kraftlos zurück in den Sessel. Ihre Schultern sackten ein, und Tränen, dick und heiß, begannen wie ein Bersten aus ihren geröteten, müden Augen zu fließen. Es war, als hätte die letzte Reserve ihrer Kontrolle nachgegeben, und nun gab es kein Zurück mehr. »Ich wollte das alles nicht«, flüsterte sie, die Worte kaum noch zu verstehen. »Ich habe nur versucht, ihm zu helfen… ihn zu retten, aber er…«

Dr. Brennan lehnte sich vor. »Was ist geschehen?«

»Er… Mycroft hat sich für ihn geopfert…« Margaret schnappte nach Luft, als ob ihr die Worte den Atem raubten. »Er hat sein Leben für seinen Bruder aufgegeben. Für Sherlock.« Ihre Stimme triefte vor Bitterkeit. »Dieser undankbare Mistkerl.« Sie seufzte schwer und begann, sich mit beiden Händen energisch die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, doch die Tränenflut wollte nicht enden. »Er hat ihm immer mehr bedeutet als ich. Ich… ich habe ihn geliebt, verdammt! Ich liebe ihn immer noch. Aber ich war ihm egal. Mycroft hat sich für Sherlock geopfert, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an mich zu verschwenden.« Margarets Stimme zitterte, als sie verzweifelt weitersprach. »Was zur Hölle soll ich jetzt ohne ihn machen? Ich brauche ihn! Mycroft war der Einzige, der mich je verstanden hat.« Sie legte ihre Hand auf ihre Brust, als würde sie versuchen, das Leid in ihrem Inneren zu halten. »Mein Herz…« Ihre Stimme brach endgültig. »Es ist gebrochen…« Dann konnte sie den Schmerz nicht mehr zurückhalten. Ihre Schultern bebten, und ohne jegliche Kontrolle über sich selbst begann sie bitterlich zu weinen, die Tränen rannen unaufhörlich über ihr Gesicht, während sie unter der Last ihrer Trauer zusammenbrach.

Dr. Brennan saß einen Moment lang reglos, als würde er die Schwere der Situation vollständig begreifen müssen, bevor er sich dazu entschloss, zu handeln. Mit leisen Bewegungen stand er auf und holte eine Box mit Taschentüchern von der Seite. Ohne Hast kniete er sich direkt vor Margaret, die immer noch in ihren Sessel gesunken war, und hielt ihr die Box unter die Nase, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. »Ihr Schmerz«, begann er leise, »Ihr grenzenloses Leid – allein das beweist, dass Sie keinerlei psychopathische Tendenzen besitzen.« Sein Blick, tief und unergründlich, suchte den ihren. Die Augen des Therapeuten, die funkelten wie Feuer in der Dunkelheit, trafen auf ihren verwundeten, tränenverschleierten Blick und hielten sie in einem Moment sonderbarer Intimität gefangen. Er nahm sanft ihre zitternde rechte Hand in seine, sein Griff war fest, aber beruhigend. »Ich glaube nicht daran, dass er wirklich tot ist.«

Margaret riss die Augen auf, ihr Herzschlag stockte. Doch anstatt sich von seinem Griff zu lösen, wie es ihre instinktive Reaktion gewesen wäre, blieb sie reglos. »Was?«, flüsterte sie, ihre Stimme ein schmaler Faden zwischen Unglauben und Hoffnung.

»Sein Leichnam wurde nie gefunden, richtig?« Er ließ die Frage im Raum schweben, als würde sie die ganze Luft um sie herum verdichten. »Kein Leichnam, kein Mord, oder?« Seine Stimme klang wie ein Echo ihrer eigenen Gedanken.

Margaret blinzelte, und ein schwaches Lächeln, halb verwundert, halb skeptisch, spielte um ihre Lippen. »Sie sind wirklich ein ungewöhnlicher Psychotherapeut.«

Dr. Brennan hob die Schultern in einer leichten, beinahe ironischen Geste. »Wie kommen Sie darauf? Weil ich meinen Patienten die Worte sage, die ohnehin schon in ihren Köpfen herumspuken?« Sein Blick blieb fest auf sie gerichtet. »Sie denken das Gleiche, nicht wahr? Oder zumindest hoffen Sie es.« Er seufzte, eine Spur Wehmut schwang in seinem Ton mit. »Ach, wahre Liebe ist etwas Wunderschönes. Vergessen Sie das niemals.«

Margaret biss sich leicht auf die Lippe, der Schmerz in ihrem Inneren war wie eine brennende Wunde, die nie heilt. »Wie könnte ich?« Ihre Stimme war rau, von Tränen und Erschöpfung zerrissen. »Der Schmerz… er zerstört mich. Es fühlt sich an, als würde er meinen ganzen Körper zerfressen, wie Säure.«

Dr. Brennan beugte sich weiter vor und ergriff nun beide ihrer Hände, die noch immer unkontrolliert zitterten. »Bitte, verzagen Sie nicht. Der Weg, der vor Ihnen liegt, ist steinig, das gebe ich zu. Aber ich werde Sie auf jedem einzelnen Schritt begleiten, bis Sie zu Ihrem Glück zurückgefunden haben.«

Margaret sah ihn mit einem Anflug von Verwirrung und Misstrauen an. »Warum?«

Er lächelte warm, das Lächeln eines Mannes, der tiefen Kummer kennt, aber auch den Wert der Hoffnung. »Weil Sie mich an meine Mutter erinnern. Sie hat fast ihr ganzes Leben unter schrecklichem Schmerz gelitten, bis sie schließlich wieder mit meinem Vater vereint war. Auch Sie sind unglaublich stark, Margaret. Sie müssen nur beginnen, daran zu glauben.«

Margaret schüttelte leicht den Kopf, ein bitteres Lächeln verzog ihre Lippen. »Ich glaube nur daran, dass, egal was wir tun, wir alle irgendwann sterben werden.«

Dr. Brennan nickte, als ob er diese Wahrheit lange akzeptiert hatte. »Das ist richtig. Eines Tages werden wir sterben. Aber an allen anderen Tagen nicht.«

Das Lachen kam unerwartet, ein rauer, fast überraschter Ton, der aus Margarets Brust brach. »Ist das aus den Peanuts?« Ihre Augen glänzten, wenn auch nur für einen Moment.

Er nickte und ließ sanft ihre Hände los, bevor er sich wieder erhob und in seinen Sessel zurückkehrte. »Nur weil diese Geschichten durch Kinder erzählt werden, bedeutet das nicht, dass sie nur für Kinder gedacht sind.« Er griff erneut nach seinem Klemmbrett und dem Kugelschreiber, als würde er den Faden ihrer Unterhaltung mühelos wieder aufnehmen. »Auch Erwachsene können so einiges daraus lernen.«

Margaret lehnte sich zurück, ihr Atem ging ruhiger, und der heftige Schmerz, der sie so lange geplagt hatte, schien für den Moment etwas nachzulassen. »Was war mit Ihrer Mutter?«

Dr. Brennan lächelte schmal, ein wissendes Lächeln, als wäre dies eine vertraute Frage, die er erwartet hatte. Mit einer beiläufigen Bewegung tippte er das hintere Ende seines Kugelschreibers auf das Klemmbrett, ein rhythmisches Klopfen, das den Raum füllte. »Wir sind bereits an diesem Punkt vorbeigekommen, Margaret. Es geht hier nicht um mich.«

»Ich habe nach Ihrer Mutter gefragt, nicht…« Doch plötzlich verstummte sie, ihr Blick glasig, als ob etwas Unsichtbares ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung gezogen hätte. Ihre Augen weiteten sich, als wäre sie von einem unheimlichen Gedanken erfasst worden, der sie aus der Bahn warf, bevor sie den Satz beenden konnte. Ein schweres Schweigen legte sich über den Raum. Margaret saß wie erstarrt, ihre Finger krallten sich in die gepolsterten Armlehnen ihres Sessels, während ihr Blick ins Leere starrte. Die leise, aber allgegenwärtige Spannung im Raum war mit einem Mal greifbar, als hätte ein unhörbares Geräusch alles erstickt.

Es geht hier nicht um mich!

Verdammt!

Sie hatte tatsächlich recht.

Es geht um Mycroft!

Aber, da er nicht mehr hier ist, wieso hat das alles dann noch immer kein Ende?

Ging es wirklich um ihn?

Das kann nicht sein.

Dr. Brennan beugte sich erneut leicht vor, seine Augen auf sie gerichtet, wachsam, aber nicht drängend. »Margaret?« Seine Stimme war ruhig, fast flüsternd, als ob er einen unsichtbaren Faden nicht zerreißen wollte. »Was haben Sie eben gedacht?«

Doch sie antwortete nicht. Es war, als sei sie tief in einen Abgrund ihrer Erinnerungen gefallen, ein Ort, den sie lange Zeit zu vermeiden versucht hatte. Ihr Atem wurde flach, und ihre Hände zitterten leicht, als sie sich mühsam wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren versuchte.

»Margaret,« wiederholte Dr. Brennan, nun ein wenig drängender, »was ist es?«

Langsam hob sie den Kopf, ihre Augen nun erfüllt von einer Mischung aus Verwirrung und Furcht. »Es... es war nur ein Gedanke. Ein schrecklicher Gedanke«, flüsterte sie schließlich, als ob die Worte selbst etwas Dunkles in ihr berührten, das sie am liebsten verbergen wollte.

»Ist alles in Ordnung?« Er beobachtete Margaret genau. Sie rang sichtbar mit sich selbst, ihre Gesichtszüge waren eine Maske aus angespannten Emotionen. »Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie nicht mit mir reden.«

Margarets Blick verhärtete sich, ihre Augen verengten sich misstrauisch. »Warum behaupten Sie, dass Mycroft noch am Leben ist?« Ihre Stimme war kalt. »Wissen Sie mehr darüber?« Ihre Emotionen überwältigten sie und ihre Kontrolle bröckelte. »Wie können Sie sagen, dass er nicht tot ist, wenn ich weiß, dass das nicht wahr sein kann?«

»Margaret, bitte…« Dr. Brennan streckte eine Hand aus, doch seine Stimme verlor sich gegen die aufkeimende Wut.

»Nein!« Mit einem heftigen Ruck sprang sie wiederum vom Sessel, ihre Haltung angespannt, beinahe bedrohlich, während sie ihn von oben herab anstarrte. »Sie wissen mehr, richtig? Sie wissen, was passiert ist! Geben Sie es zu!« Ihre Worte hallten im Raum wider, als würde sie die Mauern selbst herausfordern.

Dr. Brennan blieb ruhig, doch auch er erhob sich langsam. Vorsichtig legte er das Klemmbrett und den Kugelschreiber behutsam auf das kleine, ovale Tischchen neben ihm, als ob jede Bewegung von Bedeutung wäre. Seine Augen, voller Mitgefühl und Besorgnis, suchten den Blick der jungen Frau. »Ich wünschte, ich wüsste mehr. Glauben Sie mir, Margaret, ich würde alles tun, um Ihnen diesen Schmerz zu nehmen. Aber ich kann es nicht.«

»Warum?« Etwas Dunkles blitzte in ihren Augen auf, eine gefährliche Mischung aus Verzweiflung und Misstrauen. Sie wich instinktiv einen Schritt zurück, ihre Bewegungen ungewiss, beinahe taumelnd, als sie an ihrem Sessel vorbeistapfte. Ihre Gedanken schienen in alle Richtungen zu stürzen, kaum in der Lage, einen klaren Faden zu fassen.

Dr. Brennan blieb stehen, seine Haltung ruhig und gütig, doch er hielt absichtlich Abstand zu ihr. »Ich bin nicht Ihr Feind.« Vorsichtig hob er beide Hände langsam empor, als wolle er zeigen, dass er keine Bedrohung darstellte. »Falls ich Sie in irgendeiner Weise verletzt habe, entschuldige ich mich dafür.«

»Hören Sie auf mit Ihren Spielchen!«, fuhr Margaret ihn an, ihre Stimme bebend vor Wut und Angst.

Dr. Brennan erblasste leicht, trat unwillkürlich einen Schritt zurück, doch er hielt ihre Augen fest im Blick.

»Ich weiß genau, was Sie versuchen! Sie wollen mein Vertrauen gewinnen, nur um mich zu manipulieren, damit ich Ihnen alles erzähle, was Sie wissen wollen. Aber das werde ich nicht tun! Ich habe nichts getan, nichts, hören Sie?«

Dr. Brennan blieb ruhig, doch seine nächste Aussage traf Margaret wie ein Schlag. »Die beiden leblosen Körper in der Gerichtsmedizin erzählen eine andere Geschichte.«

Margaret erstarrte, ihre Stimme versagte, und sie starrte ihn fassungslos an. »Ich…« Ein verzweifeltes Flackern ging durch ihre Augen, und in diesem Moment schien sie alle Kraft zu verlieren.

»Bitte.« Dr. Brennan trat nun bedachtsam einen Schritt auf sie zu. »Erzählen Sie mir, was wirklich geschehen ist. Nur dann kann ich Ihnen helfen.«

Margarets Schultern sanken, ihr Kopf fiel nach vorne, als ob die Last ihrer Gedanken zu schwer geworden wäre. Ohne weiteren Widerstand ließ sie sich in den Sessel zurückfallen, geschlagen und erschöpft. Die Spannung, die sie zuvor aufrecht gehalten hatte, brach in sich zusammen.

II.

»Sehen Sie genauer hin!« Rebecca Clarks Stimme schnitt durch die düstere Stille des Kellers von Abbey House. Sie stellte sich direkt an Margarets Seite, und ihr verzweifelter Blick bohrte sich wie ein Dolch in die Augen der Anwesenden. »Sie kennen die Wahrheit bereits.«

»Halten Sie den Mund!«, schrie Sherlock aufgebracht, seine Selbstbeherrschung war sichtlich am Rande des Zusammenbruchs. Hastig tapste er einen Schritt nach vorne, seine Augen funkelten vor ungebändigtem Zorn. »Was wissen Sie schon?« Seine Worte waren wie ein Knurren, scharf und voller Verachtung.

Rebecca ließ sich nicht beirren, auch wenn ihre Lippen zitterten, ihre Entschlossenheit war unerschütterlich. »Mehr als ihr alle«, antwortete sie vor unterdrücktem Schmerz, während sie ihren zitternden Finger in Richtung Moriarty hob, der abseits vor ihnen stand, seine Präsenz schwer und unheilvoll. »Er ist nicht Moriarty.«

»Sind Sie jetzt völlig verrückt geworden?« Sherlock explodierte beinahe vor Wut, seine Hände ballten sich zu Fäusten, während er auf sie zueilte. Der Wahnsinn in seinen Augen war deutlich zu sehen, und in diesem Moment sah es so aus, als könnte er sie mit bloßen Händen erwürgen. Doch bevor er näherkommen konnte, schob sich Inspector William Doyle dazwischen und hielt ihn mit aller verbliebenen Kraft zurück. Seine Hände klammerten sich fest an Sherlocks Schultern, als kämpfte er nicht nur gegen den Mann, sondern auch gegen den Sturm, der in ihm tobte.

Rebecca ließ sich nicht einschüchtern. Ihre Stimme war zwar leise, aber klar und deutlich. »James Moriarty ist tot. Seit beinahe dreißig Jahren.«

Sherlock, der bis dahin noch mit aller Kraft Widerstand geleistet hatte, erstarrte. Der Zorn in seinen Augen wich einer plötzlichen Verwirrung, einem Schock, der tief in seine Seele drang. »Aber...« Seine Stimme brach, und er wich zurück, als hätte ihr Satz ihn körperlich getroffen.

Margaret stand wie versteinert da, ihre Augen unsicher auf Moriarty gerichtet. Ein Flackern von Zweifel und Angst ging durch ihren Blick, als ob sie versuchte, den Mann vor ihr zu durchleuchten. »Wer bist du?«

Rebecca trat näher an sie heran, ihre Schritte bedächtig, doch ihr Blick war fest und sicher. »Haben Sie nie all die widersprüchlichen Geschichten über den Tod Ihres Bruders hinterfragt? Jedes Mal haben Sie eine neue Version der Wahrheit gehört, nur um am Ende festzustellen, dass es wieder nur eine weitere Lüge war.« Sie seufzte schwer, als ob die Last ihrer eigenen Erkenntnisse sie fast erdrückte. »Ich habe in den letzten Jahren vieles gelernt, ohne dass ich es wollte. Und Sie, Margaret, waren das beste Beispiel dafür. Sie galten als tot, ebenso wie Ihre Großmutter... und Ihr Bruder.« Rebecca machte eine kurze Pause, bevor sie zur Seite trat, sodass Margaret Moriarty direkt gegenüberstand. »Aber so wie Sie nicht tot sind, ist auch Victor nicht tot.« Ihr zitternder Zeigefinger deutete direkt auf Moriarty. »Er steht gerade vor Ihnen.«

Die Worte trafen Margaret wie ein Schock, doch sie schien sie nicht sofort zu begreifen. Ihr Blick wanderte verloren umher, als ob sie in eine andere Welt entglitten wäre, unfähig, sich der Realität um sie herum zu stellen. Es war, als würde sie langsam in einen Abgrund aus Verwirrung und Entsetzen stürzen.

Rebecca sprach weiter, ihre Stimme fester, als hätte sie ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet, um die Wahrheit auszusprechen, die nicht nur Margaret, sondern auch sie selbst befreien sollte. »Es war nicht Victor, der damals dieses Stofftier gestohlen hat – Hippo oder wie auch immer es hieß. Er hätte es niemals einfach so finden können. Es war der echte Jim Moriarty, der gegen den Willen seines verhassten Vaters handelte.«

Margarets Augen begannen sich zu weiten, als die Bedeutung von Rebeccas Worten langsam in ihr Bewusstsein sickerte. Die Schichten von Lügen, die sie jahrelang umhüllt hatten, lösten sich plötzlich auf, und die Wahrheit, so schmerzhaft und brutal, stand nackt vor ihr.

»Sebastian und Julian Moran«, fuhr Rebecca mit unnachgiebiger Stimme fort, »haben den Sohn ihres eigenen Auftraggebers bei diesem Brand getötet, ohne es zu wissen. Moriarty hatte sich damals verkleidet, und außer den roten Haaren hatte er bereits als Kind eine auffallende Ähnlichkeit mit Ihrem Bruder.« Rebecca hielt inne, ihre Stimme war nun weicher, mitfühlender. »Der Rest... ist Geschichte.« Sie richtete ihren Blick auf Victor – auf Moriarty – in der Hoffnung, dass er endlich etwas sagen würde, eine Erklärung abgeben würde, die diese schmerzhafte Enthüllung bestätigen oder widerlegen könnte. Doch er schwieg. Das Schweigen war ohrenbetäubend.

Margaret stand da, wie gelähmt. Ihre Finger zuckten leicht, und es schien, als ob ihre gesamte innere Welt zusammenbrach. Der Moment, in dem die Wahrheit sie traf, war wie eine Welle, die alles mit sich riss. Plötzlich brach sie aus, wild um sich schlagend, ihre Fäuste flogen in blinder Panik durch die Luft. »Nein, nein, nein! Das kann nicht sein!«, schrie sie verzweifelt, ihre Stimme brach zwischen Wut und Entsetzen, als könnte sie mit bloßer Verleugnung die unerträgliche Wahrheit auslöschen.

Aber die Wahrheit war wie ein Schatten, der sich tief in ihre Seele gegraben hatte. Unausweichlich. Unwiderruflich.

Doyle und Sherlock ergriffen Margaret jeweils an einem Arm, bemüht, sie im Zaum zu halten, was sich jedoch als alles andere als einfach herausstellte. Ihre Wut schien sie unbändig und unkontrollierbar zu machen, und die plötzliche Gewalt in ihrem Verhalten war selbst für die beiden Männer schwer zu bewältigen. Besonders Sherlock, der sonst so kühl und logisch agierte, wirkte in diesem Augenblick, als würde er selbst an allem zweifeln, was er jemals für wahr und unverrückbar gehalten hatte. Sein Verstand, der ihm bisher immer so zuverlässig gedient hatte, schien ihm nun kaum noch Halt zu geben.

Margaret nutzte den Moment der Unsicherheit, um sich aus ihrem Griff zu befreien. Mit wütenden Schritten stürmte sie auf Moriarty zu, ihre Augen funkelten vor Zorn und Schmerz. »Du hast versucht, uns alle umzubringen!«, schrie sie und bebte vor unterdrücktem Schmerz.

Moriarty, oder vielmehr Victor, lachte leise, fast belustigt, als hätte sie etwas höchst Amüsantes gesagt. »Bitte«, sagte er mit einem leichten Spott in der Stimme. »Hätte ich wirklich auch nur einen von euch töten wollen, wärt ihr alle schon seit Jahren nicht mehr am Leben.«

Sherlock, der noch immer in einem seltsamen Schwebezustand zwischen Verwirrung und logischem Denken gefangen war, sprach mit einer ungewöhnlicher Zögerlichkeit. »Ich glaube das nicht.« Es war, als kämpfe er gegen seinen eigenen Verstand, der verzweifelt versuchte, die Bruchstücke der Realität zusammenzuhalten, während er zugleich von der Wahrheit, die sich ihm aufdrängte, überwältigt wurde.

Victor sah ihn mit einer Mischung aus Enttäuschung und Überlegenheit an, ein kaltes, fast eisiges Lächeln auf seinen Lippen. »Ihr enttäuscht mich. Beide.« Er ließ die Worte langsam auf der Zunge zergehen, als würde er sie genießen. »Mein bester und einziger wirklicher Freund und meine eigene kleine Schwester – zwei der cleversten Menschen auf der Welt – haben versagt. Und wer hat mein Geheimnis aufgedeckt? Die wohl unscheinbarste Person von allen.« Er kicherte leise, ein Geräusch, das in der beklemmenden Stille des Raumes hallte. »Stille Wasser sind tief, so sagt man. Aber du, Rebecca, du hast sogar mich beeindruckt.«

Becky stolperte beunruhigt ein paar Schritte zurück. Ihre Augen waren weit aufgerissen und in ihrem Gesicht lag eine Mischung aus Angst und Erschöpfung. Sie spürte die Bedrohung, die von Victor ausging, wie eine unsichtbare Hand, die sich langsam um ihren Hals legte. »Bitte... hören Sie damit auf!« Ihre Stimme zitterte und ihr Körper bebte vor Anspannung.

Victor lachte erneut, ein dunkles, kaltes Lachen, das keinerlei Wärme besaß. Sein Blick, voller diabolischer Bosheit, ruhte nun fest auf ihr. »Womit denn?«, fragte er mit einer trügerischen Sanftheit, als hätte er nicht die geringste Ahnung, was sie meinte.

»Mit Ihrem Spiel«, flüsterte Rebecca. Ihre Augen flehten ihn beinahe an, die grausame Maskerade endlich fallen zu lassen.

O

Margaret zuckte unwillkürlich zusammen, als hätte eine unsichtbare Hand sie gepackt und mit einem einzigen Griff in sich selbst zurückgezogen. Es war, als würde ihr ganzer Körper um die Hälfte zusammenschrumpfen, ihre Schultern sanken, und ihre ganze Haltung wirkte plötzlich kleiner, verletzlicher. Der Raum um sie herum schien sich zu verdunkeln, als ob die Luft schwerer geworden wäre, erdrückender.

»Ist alles in Ordnung?« Dr. Brennans Stimme war leise, aber voller Besorgnis, während seine Finger sich verkrampft um das Klemmbrett und den Kugelschreiber klammerten, als wären sie seine einzige Verbindung zur Realität in diesem Moment. Er musste nicht besonders scharfsichtig sein, um zu erkennen, dass seine Patientin von einem tiefen, quälenden Schmerz heimgesucht wurde. Ihre zitternden Hände und der fahle Ausdruck in ihren Augen verrieten ihm mehr, als Worte es je könnten. »Bitte... erzählen Sie weiter«, drängte er sanft, seine Augen fest auf sie gerichtet, bereit, sie aufzufangen, wenn sie fallen sollte.

Margaret hob nur langsam den Kopf. Ihr Blick war leer, als ob sie in die Zeit selbst fliehen wollte, um dem unausweichlichen Druck, der auf ihr lastete, zu entkommen. »Das war alles«, murmelte sie schließlich, ihre Stimme tonlos, fast wie ein Echo ihrer selbst.

Doch sowohl Dr. Brennan als auch sie wussten, dass dies nicht alles war. Da lag mehr in der Stille, in den unerzählten Worten, die zwischen ihnen hingen wie ein dichter Nebel.

Sie blickte auf die Uhr an der Wand.

Zum Glück.

Bald ist es vorbei.

»Hm…« Dr. Brennan lehnte sich leicht zurück, den Kugelschreiber zwischen den Fingern drehend, während er kurz nachdachte. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten, als er seine nächste Frage formulierte. »Was haben Sie gefühlt, als Sie erfuhren, dass dieser Mann, den Sie für Ihren Feind hielten, in Wahrheit Ihr totgeglaubter Bruder war? Was ging in Ihnen vor?«

Margaret starrte für einen Moment in die Leere, ihre Augen suchten nach einem Ankerpunkt, bevor sie zu sprechen begann. »Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es nicht.« Ihre Stimme klang hohl, fast als würde sie die Worte nicht wirklich fühlen, sondern sie nur mechanisch wiederholen. »Noch immer ist es schwer. Es war, als wäre ich in einem schlechten Film gefangen, einem Film, der so absurd und unwirklich war, dass ich jederzeit dachte, er müsse enden. Aber…« Sie zögerte, ihre Worte wurden leiser. »Jetzt ist es vorbei.«

Ihre Augen wanderten zur Seite, als suche sie Halt in der Umgebung, die ihr doch so fremd und unpassend erschien. Sie ließ ihren Blick durch das Behandlungszimmer schweifen, als könnte sie darin eine Antwort auf die inneren Fragen finden, die sie verfolgten.

Das Zimmer strahlte eine zurückhaltende, beruhigende Atmosphäre aus, die wie ein sanfter Schleier über allem lag. Die Wände waren in einem dezenten Pastellton gehalten, der das matte Sonnenlicht, das durch die halb geöffneten Vorhänge fiel, sanft aufnahm und den Raum in einen warmen Dämmerzustand tauchte. Der große, abgenutzte Ledersessel, in dem Margaret saß, stand in einer Ecke des Raumes, gegenüber einem kleineren Ledersessel, in dem Dr. Brennan Platz genommen hatte, seine Haltung ruhig, aber wachsam. Auf einem schlichten Beistelltisch, der in Margarets Reichweite stand, befand sich das Duftfläschchen mit violett getränkten Holzstäbchen, deren Lavendelduft fast gänzlich verflogen war – ein schwacher Hauch von etwas Vertrautem, das längst vergangen war.

Die Bücherregale an der Wand neben dem Fenster waren penibel geordnet, die Einbände der Fachbücher in unterschiedlichen, verblassten Farben, die von jahrelanger Nutzung erzählten. Ein einfaches, abstraktes Bild hing an der gegenüberliegenden Wand – sanfte Blau- und Grautöne, die kaum auffielen, aber dennoch eine stille Präsenz hatten. Unter Margarets Füßen lag ein grauer Teppich, der dem Raum eine subtile Wärme verlieh.

Doch trotz der scheinbar sorgfältig gewählten Einrichtung, die Ruhe und Sicherheit vermitteln sollte, fühlte Margaret alles andere als Wohlbehagen. Der Raum schien sie zu erdrücken, statt sie zu beruhigen. Jede Ecke war für sie voller Bedrohung und Unruhe, als hätte das Schicksal selbst sie in eine Falle gelockt, aus der es keinen Ausweg gab.

Es mag hier friedlich aussehen, aber in mir ist nichts ruhig.

Ich muss hier raus.

Sofort.

»Margaret?« Dr. Brennan beugte sich ein wenig nach vorne und sah sie wissbegierig an. »Ich habe Sie etwas gefragt.«

»Wie bitte?«

Verdammt.

Wieso habe ich seine Worte nicht gehört?

So abwesend war ich noch nie.

Aber nach allem, was passiert ist, ist das auch kein Wunder…

»Ich habe Sie gefragt, wie Ihre Beziehung zu Mycroft Holmes war«, wiederholte Dr. Brennan, seine Stimme ruhig, aber fest. »Sie standen sich doch sehr nahe, nicht wahr?«

Margaret spürte, wie eine bittere Wut in ihrer Brust aufstieg, heiß und unterdrückt. »Worauf wollen Sie hinaus? Dass Menschen wie er und ich nicht fähig sind, so etwas wie Liebe zu empfinden?«

Dr. Brennan hob die Hand, als wolle er die Situation entschärfen. »Das habe ich damit nicht ge-.«

»Hören Sie auf!«, fauchte Margaret und unterbrach ihn flink. »Wir wissen beide, was Sie von mir denken.« Ihre Augen glühten vor Zorn, und sie wirkte, als stünde sie kurz davor, völlig die Fassung zu verlieren. Mit einem heftigen Ruck sprang sie abermals vom Sessel auf, und der Raum schien plötzlich kleiner zu werden, als sie sich bedrohlich über ihn beugte. »Sie werden hierfür bezahlt. Es ist Ihnen vollkommen gleichgültig, was ich Ihnen erzähle oder wie es mir geht.«

Dr. Brennan hielt ihrem Blick stand, sein Gesicht eine Maske aus professioneller Ruhe, auch wenn sich seine Hände leicht um das Klemmbrett spannten, das noch auf seinem Schoß lag. »Das ist nicht richtig, Margaret.« Er legte sein Klemmbrett und den Kugelschreiber behutsam auf den Beistelltisch, bevor er langsam aufstand, sodass sie sich nun beinahe auf Augenhöhe gegenüberstanden. »Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.«

»Ich brauche Ihre Hilfe nicht«, erwiderte Margaret scharf und voller Trotz.

Der Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder, diesmal ruhig und methodisch, ohne ein weiteres Wort. Er schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme, sein Blick fest auf sie gerichtet, doch ohne Vorwurf. »Schön«, sagte er schließlich. »Sie dürfen erst in zwanzig Minuten gehen. Wie Sie diese Zeit nutzen wollen, überlasse ich ganz allein Ihnen.«

Die Stille, die folgte, war erdrückend. Margaret atmete schwer durch, ihre Brust hob und senkte sich rasch, als kämpfte sie darum, ihre aufgestauten Emotionen im Zaum zu halten. Der Raum, der zuvor so kontrolliert und ruhig gewirkt hatte, war nun erfüllt von der Spannung ihrer unausgesprochenen Wut, und doch blieb Dr. Brennan ungerührt. Seine Worte hatten die Macht auf sie übergehen lassen, und diese plötzliche Freiheit schien Margaret mehr zu belasten, als sie es erwartet hatte. Sie warf ihm einen letzten, wütenden Blick zu, doch in ihren Augen lag auch ein Hauch von Verwirrung, als ob sie selbst nicht genau wusste, was sie von ihm erwarten sollte.

Was soll das?

Dieser… Scharlatan.

Sie sind doch alle gleich.

Wo ist Regina, wenn man sie braucht?

Mit ihr wäre das alles anders.

Ach, … Mist.

Widerwillig ließ sich Margaret wieder in den Sessel fallen, ihre Augen verengten sich, als sie ihren Therapeuten scharf musterte. Ihr Blick war starr, fast herausfordernd.

»Also?« Dr. Brennan lehnte sich leicht vor. »Worüber möchten Sie sprechen?«

»Darüber, wie ich das hier so schnell wie möglich hinter mich bringe«, knurrte sie, ihre Worte kalt und unnachgiebig.

»Ihnen ist doch wohl klar, dass Ihre wöchentlichen Therapieeinheiten die Voraussetzung für Ihre baldige Freilassung sind. Es gibt keinen Weg daran vorbei. Auch nicht für Sie.«

Margaret ließ ein bitteres Lachen erklingen, das mehr Verachtung als Belustigung ausdrückte. »Wie Sie selbst sehen können, bin ich alles andere als frei.«

»Das kann sich schnell ändern. Sie müssen sich nur auf den Heilungsprozess einlassen.«

»Darauf können Sie lange warten«, erwiderte sie bissig.

»Dann«, sagte Dr. Brennan gelassen, ohne seine Haltung zu verändern, »werden Sie auch noch etwas länger auf Ihre Freilassung warten müssen.«

Margaret lehnte sich im Sessel zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn mit einer Mischung aus Starrsinn und Gleichgültigkeit. »Damit kann ich leben.«

Dr. Brennan ließ sich nicht beirren. »Tatsächlich? Und was ist mit Ihren Freunden? Sherlock Holmes zum Beispiel.« Er beobachtete sie genau, während er sprach. »Er hat gerade seinen einzigen Bruder verloren. Ändert das überhaupt nichts an Ihrer Einstellung?«

Margaret rümpfte die Nase, als wollte sie das Thema beiseiteschieben. »Nicht im Geringsten. Sherlock und Mycroft waren nicht gerade die besten Freunde.«

»Dennoch wird es Sherlock nicht kaltlassen, dass sein Bruder ermordet wurde. Ebenso wenig, wie es Ihnen egal ist.« Ein leises Seufzen entkam ihm, als er ihre verschlossene Haltung betrachtete. »Margaret«, fuhr er fort, »Sie können sich verstellen, so viel Sie wollen. Aber ich kann sehen, dass es Sie innerlich zerreißt. Die Ungewissheit, was letztendlich mit Mycroft Holmes geschehen ist. Ob er wirklich tot ist. Wer hinter all den vergangenen Geschehnissen steckt.«

Sie blieb stumm, doch ihr Blick wanderte unruhig durch den Raum.

»Wollen Sie wirklich weiter hier sitzen, eingesperrt, ohne die Wahrheit zu kennen?« Dr. Brennans Stimme wurde eindringlicher. »Das passt nicht zu Ihnen. Wenn es nach Ihnen ginge, wären Sie schon längst dort draußen und würden sich wie besessen auf die Suche nach Antworten machen. Und nach der Wahrheit.«

Für einen Moment herrschte Stille, während Margarets Atem schwer ging. Die Worte drangen tief in sie ein und rüttelten an ihrer Fassade.

Wahrheit.

Dieses verdammte Wort…

Ich kann es nicht mehr hören, aber…

Er hat recht.

Verdammt

Ich kann das nicht…

»Na gut«, sagte sie schließlich und schaute erneut zur Uhr. »Lassen Sie uns die letzten fünfzehn Minuten sinnvoll nutzen.«

O

Bereits zum vierten Mal musste Lucas Abbot operiert werden. Es stand schlecht um ihn, ganz gleich, wie unermüdlich die Ärzte auch kämpften. Die Verzweiflung schien sich in jedem Winkel des kalten Krankenhauses zu verdichten, wie eine unsichtbare Last, die Rebecca Clark fast zu Boden drückte.

Sie saß erschöpft auf dem harten, kalten Stuhl im Flur, die Hände verschränkt, die Augen starr auf das gesprenkelte Muster der Fliesen gerichtet. Die Farben der Wände schienen sich in ihrer Wahrnehmung zu verzerren, als wären auch sie müde von den endlosen, hoffnungslosen Stunden. Gerade erst hatte der Chirurg sie über eine weitere Operation informiert, über die Notwendigkeit einer Bluttransfusion – als wäre dies alles ein makabrer Tanz, der niemals enden würde.

Es fühlte sich an, als hätte sie die letzten sechs Jahre in diesem klinischen Korridor verbracht, in diesem Raum, der wie ein Gefängnis erschien, doch in Wahrheit waren es nur knapp vier Monate. Der Gedanke, dass es Lucas endlich besser gehen könnte, schien mit jedem verstrichenen Tag weiter in die Ferne zu rücken. Stattdessen klammerten sich die Schatten an seine Gesundheit, ließen sie schwinden wie ein Licht, das allmählich in der Dunkelheit verblasste.

Rebecca war kurz davor, völlig den Verstand zu verlieren. Innerhalb eines Wimpernschlags schien sie alles verloren zu haben, was ihr einst so kostbar gewesen war. Das Leben von Lucas hing an einem seidenen Faden, ihr Vater hatte sie hintergangen – und dann war da noch Mycroft. Mycroft, der tot sein sollte. Doch die Wahrheit nagte an ihr, zersetzte ihre Gewissheiten wie ein Gift.

»Keine Leiche – kein Mord«, flüsterte eine leise Stimme in ihrem Kopf. »Solange er nicht gefunden wird, ist er noch am Leben.« Es war ein verzweifeltes Mantra, das sich in ihren Gedanken festgesetzt hatte. Die Vorstellung, dass Mycroft Holmes tatsächlich tot sein könnte, widersprach jeder Logik. Welchen Sinn hätte es, ihn umzubringen? Er war zu wichtig, zu bedeutsam in einem Spiel, dessen Regeln sie noch nicht verstand.

Ein schwerer Atemzug durchbrach die Stille des Flurs. Irgendetwas stimmte hier nicht. Alles war falsch. Sie spürte es tief in ihren Knochen, in den müden Fasern ihres Seins. Mit einem stummen Aufschrei vergrub sie ihr Gesicht in den Händen, als ob sie dadurch die schreckliche Realität ausblenden könnte, die sie zu verschlingen drohte. Ihre Augen, rot und trocken von den unzähligen Nächten ohne Schlaf, schlossen sich schwer. Die Welt um sie herum verschwamm, doch ihre Gedanken wirbelten weiter, wie Geister, die keine Ruhe finden konnten.

Dennis Reed kam den langen, tristen Flur entlang, seine Schritte schwer und von einer Wehmut durchzogen, die sich in jeder Faser seines Körpers manifestierte. Sein helles Haar schien in den letzten Tagen noch mehr ergraut zu sein, als hätten die Schatten der vergangenen Wochen ihm den letzten Rest an Jugend geraubt. Die Ereignisse, die sie alle aufzehrten, hatten auch bei ihm ihre Spuren hinterlassen – tiefe Furchen der Sorge und Trauer, die sein Gesicht wie unsichtbare Narben zierten.

Als er Rebecca dort sitzen sah, zusammengekauert und verloren in ihrer eigenen Verzweiflung, schmerzte es ihn tief. Ohne ein Wort setzte er sich neben sie, die Stille zwischen ihnen schwer wie Blei, und legte seinen Arm behutsam um ihre Schultern. Es war eine schlichte, fast zaghaft ausgeführte Geste, doch sie bedeutete ihm alles. Denn Rebecca war mehr als nur eine Vertraute – sie war das Letzte, was ihm von seiner geliebten Luise geblieben war. Das Mädchen, das nun neben ihm saß, mit gebrochenem Herzen und gesenktem Kopf, glich ihrer Mutter in einer Weise, die ihm schier den Atem raubte. Dieselben sanften Gesichtszüge, derselbe feine Ausdruck von Anmut – und jetzt derselbe bittere Schmerz.

»Es wird alles gut«, flüsterte er schließlich, obwohl er selbst kaum an seine Worte glauben konnte. Doch die Zuversicht in seiner Stimme war echt – wenn auch brüchig, als würde sie bei der kleinsten Erschütterung zerfallen. Er konnte nicht anders, als die junge Frau zu trösten und sie aus diesem Strudel der Verzweiflung, der sie mit jeder Sekunde tiefer hinabzog, reißen zu wollen.

Rebecca hob ihren Kopf, ihre Augen rot und glasig, die Lider geschwollen von zu vielen vergossenen Tränen. Sie sah ihn an, als hätte sie ihn gerade erst bemerkt, und in diesem Moment schien alles in ihr zusammenzubrechen. Sie zögerte nicht, sich in seine Arme zu werfen, ihre Tränen jetzt ungehemmt fließend, während ihr ganzer Körper von purer Angst und Verzweiflung aufgeschüttelt wurde.

Dennis hielt sie fest, seine Hand strich sanft über ihr Haar, doch in seinem Inneren wütete ein Sturm. Es brach ihm das Herz, sie so zu sehen – jung, stark und doch so zerbrochen von den unerbittlichen Schlägen des Schicksals. Während sie an seiner Brust weinte, kämpfte er selbst gegen das Gefühl der Hilflosigkeit an, das ihn zu überwältigen drohte. Er musste stark für sie sein – für Rebecca, für das Andenken an Luise, für all das, was sie durchgemacht hatten. Doch die Last der Vergangenheit wog schwer, und in diesem Moment schien sie beide zu erdrücken.

Plötzlich, völlig unerwartet, löste sich Rebecca aus der Umarmung und sah Dennis mit müden, erschöpften Augen an. Ihr Blick war eine Mischung aus Angst, Hoffnung und einem Hauch verzweifelter Erwartung. »Was Moriarty... ähm, was Victor gesagt hat... ist es wahr? Bist du...?« Ihre Stimme brach ab, kaum mehr als ein Flüstern. Die Worte schienen ihr die Luft zu nehmen. Sie wünschte sich so sehr, dass seine Antwort ihr die Last von den Schultern nehmen würde, dass allein die Ungewissheit sie beinahe in Stücke riss.

Sein Gesicht zeigte ein sanftes Lächeln, und für einen flüchtigen Moment schien sich Wärme in seinen ausgelaugten, grau gewordenen Augen zu spiegeln. Doch dann wurde sein Blick hart, versteinert, als ob die Realität wie eine kalte Faust zuschlug. »Es tut mir leid«, sagte er leise, und in seiner Stimme lag eine tiefe Trauer. »Ich wünschte, es wäre so.«

Rebecca zuckte zusammen, als hätte er sie körperlich getroffen. Die Enttäuschung und der Schmerz, die in ihr aufwallten, waren beinahe greifbar. Sie wich zurück, als wollte sie dem unausweichlichen Leid entkommen, doch Dennis, schnell und bestimmt, griff ihre zitternden Hände, bevor sie sich ihm völlig entziehen konnte. »Rebecca, es kümmert mich nicht, wer dein richtiger Vater ist. Du bist wie eine Tochter für mich, und das allein zählt. Das allein.« Seine Worte waren voller Überzeugung, doch sie konnten den Sturm in ihr nicht aufhalten.

»Aber...« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und sie sah ihn an, als wäre die Welt plötzlich in ein Chaos aus Unsicherheit gestürzt. »Dann bin ich tatsächlich seine Tochter?« Ihre Augen weiteten sich, als die schreckliche Wahrheit allmählich Gestalt annahm. Ein Gefühl des Ekels durchfuhr sie wie eine Klinge, tief und grausam. Es war, als ob ihr Körper sich gegen die Erkenntnis sträubte. »Dieser Mistkerl«, zischte sie plötzlich, ihre Stimme scharf vor Wut. »Dieses verfluchte Monster.« Wie ein Damm, der plötzlich nachgab, brachen die Tränen hervor, und sie konnte sich nicht länger zurückhalten. Ihr Körper bebte unter der Last ihrer Gefühle, während die Wut und der Schmerz, die sie so lange zurückgehalten hatte, sich nun mit unbändiger Kraft Bahn brachen.

Dennis zog sie ohne ein weiteres Wort zu sich, seine Arme umschlangen sie mit einer Fürsorge, die tief aus seiner Seele kam. Er hielt sie fest, als ob er sie damit vor all dem Unheil schützen könnte, das über sie hereingebrochen war.

Beide waren so tief in ihren eigenen Gedanken und Emotionen gefangen, dass sie den Arzt, der still aus dem Operationssaal herausgetreten war, nicht bemerkten. Er stand vor ihnen, die Arme vor der Brust verschränkt, sein weißer Kittel befleckt mit Blut, die Spuren einer langen und zermürbenden Operation. Seine Schultern hingen erschöpft herab, und ein Ausdruck des Bedauerns lag auf seinem Gesicht. Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, räusperte er sich leise, doch selbst das fiel ihm schwer. Als er schließlich in Rebeccas Augen blickte, erstarrte er für einen Moment. Die Worte, die er sprechen musste, schienen ihm auf den Lippen zu verharren, als würde allein ihr Aussprechen die Situation unwiderruflich machen.

Rebecca sah das Blut auf seiner Kleidung, und in diesem Moment weiteten sich ihre Augen, das Entsetzen nahm überhand. Sie wusste es bereits, ohne dass er ein Wort sagen musste. In seinem Blick lag all das, was sie fürchtete. Eine grausame Bestätigung der schlimmsten Möglichkeiten. Sie spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog, wie der Boden unter ihren Füßen zu schwanken begann. Sie wollte nicht hören, was er zu sagen hatte, konnte es nicht hören.

Der Arzt holte tief Luft, seine eigene Qual war in jedem Atemzug spürbar. »Miss Clark«, begann er, doch seine Stimme war leise und zittrig, als kämpfte er darum, die Worte herauszubringen. »Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, aber...« Er hielt kurz inne, seine Augen fest auf den Boden gerichtet, bevor er mit schwerem Herzen weitersprach. »Wir konnten nichts mehr für ihn tun.«

Rebecca starrte ihn an, sprachlos. Fassungslos. In ihrem Kopf war es, als würde alles um sie herum zerbrechen, Stück für Stück, wie Glas, das in tausend Scherben zerspringt. Die Welt, wie sie sie kannte, fiel in sich zusammen. »Nein«, flüsterte sie, ihre Stimme ein erstickter Laut des Schmerzes. »Das... das kann nicht sein.« Ihre Worte kamen wie ein wimmernder Protest, als könnte allein das Aussprechen sie vor der grausamen Realität bewahren.

»Es tut mir schrecklich leid«, sagte der Arzt noch einmal, mit einem tiefen Seufzen, das die Last seiner eigenen Ohnmacht trug. Dann drehte er sich um, seine Schultern noch schwerer als zuvor, und ließ Rebecca und Dennis in einem Meer aus Trauer zurück, das unerbittlich über ihnen zusammenschlug.

Rebecca saß da, in einem stummen, alles verschlingenden Schmerz. Ihr Geist war leer, und doch tobte in ihrem Inneren ein Sturm. Alles, was sie geliebt hatte, alles, woran sie geglaubt hatte, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Nur die Kälte und die unausweichliche Wahrheit blieben zurück.

Lucas Abbot war tot.

Diese schlichte, gezwungene Wahrheit lastete schwer auf Rebecca, als hätte ihr jemand einen brutalen Schlag ins Gesicht versetzt. Der Schmerz war nicht körperlich, aber er war schneidend und durchdringend, wie eine Klinge, die sich tief in ihr Herz bohrte. Und während diese schreckliche Realität in ihr widerhallte, wurde ihr bewusst, dass sein Vater – der irgendwo im Nirgendwo war, völlig ahnungslos und verzweifelt versuchend, die Geschehnisse der letzten Wochen zu verstehen – noch nichts davon wusste. Er wusste nichts.

Diese Erkenntnis traf Rebecca härter, als sie erwartet hatte. Sie fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog, und ihr Atem stockte. Es war ihre Aufgabe, ihm diese Nachricht zu überbringen. Sie allein musste ihm sagen, dass sein einziger Sohn für immer fort war. Doch wie sollte sie das tun? Wie konnte sie diesen Mann, der bereits von Ungewissheit und Verzweiflung verzehrt war, mit der endgültigen Wahrheit konfrontieren?

Rebecca fühlte sich überwältigt von der bloßen Vorstellung. Die Worte, die sie finden müsste, schienen zu schwer, zu unaussprechlich. Sie wollte sich nicht dieser Aufgabe stellen, sie wollte nicht diejenige sein, die ihm alles nehmen würde, was ihm noch geblieben war. Sie spürte, wie ihr Herz raste, ihre Hände zitterten. Die Verantwortung war erdrückend, und sie fühlte sich plötzlich so klein, so schwach inmitten dieser alles verzehrenden Dunkelheit.

»Ich bin nicht stark genug«, dachte sie, während der Raum um sie herum still und trostlos blieb.

III.

Es war ein ungewohntes, fast fremdes Gefühl für den sonst so scharfsinnigen Sherlock Holmes. Schmerz, in dieser Form, hatte er nie zuvor erlebt – nicht in einer Weise, die ihn so tief traf, so nachhaltig lähmte. Der Verlust wog schwer auf ihm, wie eine unsichtbare Last, die er nicht abschütteln konnte. Dennoch fiel es ihm nicht leicht, das Geschehene vollständig zu begreifen. Es war, als wäre die Wahrheit in den Schatten der letzten Monate verschwunden, nur bruchstückhaft präsent, wie ein undeutlicher Traum. Er erinnerte sich nur vage an das Opfer, das sein Bruder gebracht hatte, an die stille Tragik dieses Moments. Doch die Erinnerung an Margarets Taten – die kalte Präzision ihrer Entscheidungen, die entsetzlichen Konsequenzen – hatten sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt, als wären sie in Stein gemeißelt.

»Die beiden hätten nicht sterben müssen«, murmelte er leise zu sich selbst, während sein Blick träge an die Decke seines dunklen Apartments wanderte. Halb liegend in seinem abgenutzten Lesesessel, seine Beine entspannt übereinandergeschlagen, wirkte er fast verloren in seinen eigenen Gedanken, ein Schatten seiner üblichen Selbstsicherheit. »Wir hätten noch so viel von ihnen erfahren können«, fügte er nachdenklich hinzu, die Worte schwer vor unausgesprochenem Bedauern. »Und Margaret...« Sein Ton veränderte sich, wurde leiser, melancholischer. »Sie hat letztlich tatsächlich den Verstand verloren. Wie bedauerlich.« Seine Stimme trug eine Mischung aus kühler Analyse und einem Hauch von etwas, das fast wie Mitleid klang – ein Gefühl, das Sherlock selten zugab.

Doch trotz dieser Worte war es der tiefe, nagende Gedanke, der ihn nicht losließ: die Ungewissheit, die ungelösten Rätsel. Hätten all die Tode verhindert werden können? Hätte er mehr tun können? Diese Fragen kreisten in seinem Kopf, während die Zeit stillstand, und die Leere des Raumes ihn mit einer Einsamkeit umhüllte, die er kaum ertragen konnte.

»Warum musste es bloß soweit kommen?« Sherlock Stimme klang hohl, fast tonlos, während er erneut zur Decke starrte. In seinen Augen spiegelte sich eine Mischung aus Verzweiflung und analytischem Eifer, als wäre er gefangen zwischen diesen beiden Polen, unfähig, die Grenze zwischen ihnen zu überwinden.

Vor seinem geistigen Auge formte sich ein Bild, das so vertraut und doch so beunruhigend war: Zwischen den alten, abgenutzten Dielen seiner Zimmerdecke begann eine Landkarte von London Gestalt anzunehmen. Linien, Straßen und Brücken, pulsierend wie die Adern einer lebenden Stadt, breiteten sich aus. Die schattenhaften Umrisse der Gebäude wirkten beinahe greifbar, als hätte sich das Zentrum seiner Gedanken in das Holz über ihm eingebrannt.

Doch es blieb nicht bei der stummen Karte. Ein chaotischer Strudel begann sich um sie zu drehen – eine wütende Wolke aus unzähligen Namen, jeder einzelne davon wie ein Phantom, das durch die Luft wirbelte. Die Namen schossen auf ihn zu, geisterhaft und flüchtig, zu schnell, um sie vollständig zu erfassen. Sie umkreisten die Karte, als wären sie Teil einer grausamen Statistik, einer Bilanz des Leids und der Verluste, die sich über die Stadt gelegt hatte.

Schicksale. Opfer. Versäumnisse.

Sherlock konnte fast fühlen, wie die Namen ihn berührten, wie sie an seinem Verstand zerrten, fordernd, unbarmherzig. Jeder Name war eine Geschichte, eine Entscheidung, ein Rätsel, das er nicht vollständig lösen konnte – oder vielleicht nicht wollte. Sein Verstand suchte nach Mustern, nach einem Sinn in diesem Chaos, doch die Wirbelstürme der Schuld und des Versagens umkreisten ihn, ließen keine klare Antwort zu. Er atmete tief ein, doch es brachte ihm keine Erleichterung. Stattdessen wuchs die Beklommenheit in seiner Brust, während er das sich drehende Karussell der Namen beobachtete, unfähig, es aufzuhalten.

Die gleichmäßigen, herannahenden Schritte von John Watson rissen Sherlock jäh aus den verworrenen Tiefen seiner Gedankenwelt. Wie ein plötzlicher Ruck, der ihn aus einem ungreifbaren Traum zurück in die scharfe Realität katapultierte. Sherlock setzte sich aufrecht hin, seine zuvor entspannt wirkende Haltung verschwand in einem Augenblick, als er seinen Freund nachdenklich betrachtete.

John blieb vor ihm stehen, die neueste Ausgabe der