Ich, Caesar, und die Bande vom Kapitol, Live aus dem alten Rom - Frank Schwieger - E-Book

Ich, Caesar, und die Bande vom Kapitol, Live aus dem alten Rom E-Book

Frank Schwieger

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Beschreibung

Altes Rom mal ganz anders Im Hades ist die Hölle los. Die alten Römer sind empört über die Menschen und deren langweilige, halbwahre Geschichten über ihre glorreiche Zeit. In diesem Buch kommen Romulus, Caesar und Nero, ihre vielen Freunde und Feinde nun endlich selbst zu Wort. Live und unverblümt berichten sie ihre Version der Geschichte. So erfahren die Leser, warum sich zwei beste Freunde in einem Gladiatorenkampf gegenüberstehen müssen, warum Kleopatra sich freiwillig in einen Teppich wickeln lässt und man Gänse lieber nicht essen sollte. Sie sind dabei, wenn Verschwörungen geplant und Geheimnisse belauscht werden. Wenn die Römer kämpfen und feiern, ist das Chaos nicht weit ...

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Seitenzahl: 168

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Aufgepasst, die Römer kommen!

Warum ist Romulus immer so unglaublich wütend? Wie kommt es, dass ein paar schnatternde Gänse das Kapitol retten? Wieso lässt sich Kleopatra freiwillig in einen staubigen Teppich wickeln? Und warum müssen zwei beste Freunde in einem Gladiatorenkampf gegeneinander antreten?

Das Freundschaftsbuch aus dem alten Rom: Hier berichten Caesar & Co. live und unverblümt von ihren Abenteuern.

Mit Illustrationen von Ramona Wultschner

OMNIBUS DISCIPULIS

PRISTINIS PRAESENTIBUS FUTURIS

ROMANOS AMANTIBUS

Hier in der Unterwelt kann es ganz schön langweilig werden: Es gibt keine Schlachten, die ich schlagen kann. Und meine Lieblingsägypterin ist zwar hier, aber leider auch meine letzte Ehefrau, Calpurnia. Da kann ich mich nicht so oft mit Kleo treffen, sonst gibt’s richtig Ärger.

Ich krieg deshalb manchmal ziemlich schlechte Laune. Und noch viel mehr, wenn mir zu Ohren kommt, was die Menschen deiner Zeit so alles über uns Römer erzählen. Viele scheinen gar nichts zu wissen, und wenn, dann nur totalen Unsinn: »Da gab’s mal so einen, der hieß Caesar. Meistens wurden sie von den Galliern verkloppt. Und dann haben sie dauernd Latein gesprochen.« Mehr fällt ihnen nicht ein.

Bei allen Göttern – da rutscht mir doch glatt der Lorbeerkranz von der Glatze! Das kann so nicht weitergehen, hab ich mir eines Tages gedacht. Das muss ich ändern. Hab ja schon ganz andere Sachen geschafft, zum Beispiel erst ganz Gallien und dann Kleopatra erobert, danach das Römische Reich beherrscht und sogar einen Monat nach mir benennen lassen! Also habe ich ein paar Römer zusammengerufen und ihnen befohlen (befehlen kann ich gut!), ihre Geschichten aufzuschreiben. Natürlich auf Latein. Die Schreibtafeln hat uns Pluto besorgt, der Gott der Unterwelt. Er war ganz froh darüber, dass wir etwas Sinnvolles zu tun hatten und nicht mehr mit grimmigen Gesichtern herumliefen. Der Götterbote Merkur hat unsere Tafeln dann nach oben gebracht.

Wenn du diese Zeilen liest, hat mein Plan funktioniert. Irgendwer hat die Tafeln gefunden und übersetzt. Opfere den Göttern zum Dank einen fetten Stier, wenn du gerade einen zur Hand hast. Oder eine Tüte Gummibärchen. Denn du bist einer der Glücklichen, die aus ALLERERSTER HAND erfahren, was damals im alten Rom so alles los war.

Das ist meine Geschichte

Ich will dir von mir und meinem Bruder Remus erzählen. Von den vielen Abenteuern, die wir zusammen erlebt haben, und von unseren ewigen Streitereien, die schließlich dazu führten … Doch der Reihe nach.

Als wir gerade einmal ein paar Tage alt waren, da befahl unser Großonkel, der böse König Amulius, uns in den Fluss Tiber werfen zu lassen. Vielleicht wurden Remus und ich deshalb so reizbar und aufbrausend, ich weiß es nicht, war ja kein besonders guter Start ins Leben.

Warum der König uns loswerden wollte? Er befürchtete, dass wir ihm einmal seinen Thron streitig machen könnten. Denn er war gar nicht der rechtmäßige Herrscher von Alba Longa. So hieß die kleine Stadt, in der er regierte. Wie Remus und ich waren er und sein Bruder, unser lieber Opa Numitor, nicht unbedingt die besten Freunde gewesen. Und so hatte er ihn, den eigentlichen König, mithilfe einiger Verschwörer aus der Stadt gejagt, um die Macht an sich zu reißen.

Opa Numitor wurde zu einem Bauernhaus geschleppt, irgendwo auf dem Land. Amulius stellte ihn vor die Wahl: als König sterben oder als einfacher Bauer leben? Er verstand die Drohung und entschied sich weise, wie es sich für einen Opa gehört, für das Leben auf dem Land. Und sein kleiner Bruder lachte sich ins Fäustchen und machte es sich auf dem Thron in Alba Longa gemütlich. Danach nahm er sich Rhea Silvia vor, Numitors Tochter: Er sorgte dafür, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Denn er befahl ihr, Priesterin zu werden. Als Priesterin durfte sie keinem Mann schöne Augen machen und erst recht nicht heiraten und Kinder bekommen – andernfalls drohte ihr die schlimmste aller Strafen! Doch dann machte Rhea Silvia eines schönen Tages diesen folgenschweren Spaziergang …

Sie ging ganz allein am Ufer eines kleinen Sees entlang, wo zufällig der Kriegsgott Mars abhing und sich gerade von einem seiner unzähligen Kriegsabenteuer erholte. Mars sah die junge Priesterin – und verliebte sich augenblicklich in sie. Götter fackeln meist nicht lange, wenn sie es auf eine schöne Sterbliche abgesehen haben. Schwuppdiwupp war Rhea Silvia schwanger, und zwar gleich doppelt. Mars scherte sich nicht darum, dass seiner neuesten Eroberung jetzt die allergrößten Probleme drohten. Er zog weiter, es gab ja immer irgendwo irgendwelche Kriege, um die er sich kümmern musste. Sie hingegen merkte bald, dass sie schwanger war, und fürchtete um ihr Leben – ihr böser Onkel Amulius hatte sie gewarnt!

Am Anfang konnte sie ihre Schwangerschaft noch mit weiten Gewändern verbergen. In den letzten zwei oder drei Monaten zog sich Rhea Silvia ganz in den Tempel zurück, damit Amulius nichts mitbekam. Doch dann war es so weit: Ihre Wehen setzten ein und kurz darauf war sie Mutter zweier quietschlebendiger Babys. Eine völlig unglückliche Mutter, denn sie hatte zwei gesunde, fröhliche Jungs auf die Welt gebracht und wusste im selben Moment, dass sie in größter Gefahr schweben würden, wenn ihr gemeiner Onkel sie entdecken würde.

Natürlich ließen sich zwei schreiende Babys im Tempel nicht lange verheimlichen. Schon nach wenigen Tagen hatte sich die Neuigkeit bis zum König herumgesprochen. Er schäumte vor Wut. Als Erstes ließ er unsere Mutter aus dem Tempel zerren und sie in den Tiber werfen. Sie wäre ganz sicher ertrunken, wenn der Flussgott Tiberinus das grausige Spektakel nicht beobachtet hätte. Er rettete unsere Mutter und war schon der zweite Gott, der sich in sie verliebte. Also verlieh er ihr die Unsterblichkeit und machte sie zu seiner Frau. Klasse, oder? Amulius bekam davon natürlich nichts mit, er dachte, seine Nichte sei in den Strömen des Flusses umgekommen.

Schließlich wollte er Remus und mich beseitigen – zwei süße Babys, stell dir vor! – und befahl einem Sklaven, auch uns in den Fluss zu werfen. Zum Glück war der ein anständiger Kerl und hatte Mitleid mit uns. Er warf uns nicht in den Fluss, wie der König es befohlen hatte, sondern legte uns in ein Körbchen und setzte es ganz vorsichtig ins Wasser. So konnte er behaupten: »Klar habe ich sie in den Fluss geworfen, gleich darauf waren sie nicht mehr zu sehen.« Das war nicht mal richtig gelogen. Aber er hoffte, dass wir irgendwo antreiben und gütige Menschen sich um uns kümmern würden.

Doch es war zunächst kein Mensch, der uns bei sich aufnahm. Es war eine Wölfin, die das Körbchen am Ufer fand und in ihre Höhle trug. Unser Vater Mars hatte diese Wölfin geschickt und ihr befohlen, uns aufzunehmen – und uns auf keinen Fall zu fressen! Er hatte nämlich von der ganzen Sache mitbekommen und beschlossen, uns zu beschützen. Wenigstens dieses eine Mal hat er sich um uns gekümmert …

Die Wölfin gab uns ihre Milch und behütete uns genauso gut wie ihre eigenen Welpen. Doch nach einigen Wochen fand uns ein Hirte namens Faustulus. Er kam zufällig vorbei, hörte unser Gebrabbel und stellte überrascht fest, dass zwischen den Wolfswelpen zwei muntere Menschenkinder herumkrabbelten. Zu seinem Glück war unsere Wolfsmutter gerade nicht da! Faustulus nahm uns mit in seine Hütte und zeigte uns seiner Frau Acca. Die war überglücklich. Denn sie und Faustulus hatten sich schon lange eigene Kinder gewünscht, konnten aber keine bekommen. Und so adoptierten sie uns beide, ohne zu wissen, wer wir waren.

Wir wuchsen als Hirtenjungen auf und halfen unserem Stiefvater bei der Aufzucht seiner Schafe. Dabei gerieten wir uns immer wieder in die Haare, wir stritten und prügelten uns beinahe jeden Tag. Bei den kleinsten Anlässen flogen die Fäuste. Wenn wir uns nicht gerade prügelten, hüteten wir die Schafe oder stromerten mit unseren Freunden in der Gegend herum. Wahrscheinlich wäre ich als unbedeutender Hirte alt geworden, gestorben und schon bald in Vergessenheit geraten – wären da nicht mein Jähzorn und meine Prügellust gewesen. Eines Tages nämlich, Remus und ich waren schon junge Männer, schlugen wir uns ausnahmsweise einmal nicht gegenseitig die Köpfe ein, sondern legten uns mit zwei anderen Hirten an, die wir zufällig auf einer Weide getroffen hatten. Die Beleidigungen flogen hin und her und schnell war eine heftige Prügelei im Gange, bei der Remus und ich natürlich siegten. Wir hatten ja viel Übung …

Die beiden anderen Hirten hatten wir übel zugerichtet, sie stürmten schließlich mit unzähligen blauen Flecken und weniger Zähnen als zuvor davon. Remus und ich ahnten nicht, dass diese Prügelei unser ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte.

Wenige Tage später nämlich lauerten die beiden Männer, die wir verprügelt hatten, uns in einem Hinterhalt auf. Sie hatten Verstärkung mitgebracht, diesmal hatten wir keine Chance. Ich konnte noch zwei Typen k.o. schlagen, doch dann nahmen mich drei andere in den Schwitzkasten und ich musste mit ansehen, wie einige Kerle Remus packten und fortschleppten.

Sie brachten ihn zu ihrem Herrn, weil sie wollten, dass er über Remus’ Bestrafung entschied. Doch als mein Bruder vor dem alten Mann stand, fiel diesem auf, dass Remus fast die gleiche Nase hatte wie er. Auch die Augen, das Kinn und die Haare sahen verblüffend ähnlich aus … Der Herr der Prügelbande konnte es nicht fassen: Wieso war dieser junge Mann, den seine Sklaven da angeschleppt hatten, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten? Er fragte Remus nach seiner Herkunft. Nach einigem Hin und Her wurde es beiden langsam klar: Der alte Mann war niemand anders als der abgesetzte Bruder von König Amulius. Verstehst du, unser Großvater!

Schließlich lagen sich Remus und Numitor weinend und lachend in den Armen. Gleich darauf kamen sie zu uns, in unsere kleine Hirtenhütte. Was war das für eine Freude! Endlich wussten wir, woher wir kamen. Auch Faustulus und Acca waren glücklich. Sie hatten uns nie verheimlicht, dass wir Findelkinder waren, und uns trotzdem – oder gerade deswegen – mit großer Liebe aufgezogen.

Ja, und dann beschlossen wir, unseren Opa Numitor wieder zum König zu machen. Dafür musste natürlich Amulius beseitigt werden. Ich will dich nicht mit den unschönen Details dieser Geschichte langweilen. Wir überlegten uns einen guten Plan, lockten Amulius in einen Hinterhalt und … Nun ja, ich hatte dir ja erzählt, dass ich sehr wütend werden kann. Außerdem hatte ich gelernt, mit scharfen Messern umzugehen. Das bleibt nicht aus, wenn man hin und wieder mal ein Schaf schlachten muss. Auf jeden Fall war der böse König Amulius schon bald Geschichte und unser Opa Numitor konnte wieder seinen Thron besteigen.

Remus und ich beschlossen nach diesem Erfolg, eine eigene Stadt zu gründen. Und zwar genau an der Stelle, an der der Tiber unser Körbchen damals an Land getrieben hatte. Das war bei einem Hügel, den die Menschen in der Gegend Palatin nannten. Wir trommelten einige Männer zusammen, Hirten und Bauern, und erzählten ihnen von unserem Plan. Sie waren begeistert und wollten gemeinsam mit uns die neue Stadt aufbauen.

Doch ein Problem mussten wir vorher lösen: Wer sollte der König dieser Stadt werden, wer ihr den Namen geben? Remus oder ich? Natürlich wollten wir nicht teilen und konnten uns erst recht nicht einigen, wie du dir vielleicht schon denken kannst. Und wenn die anderen Männer nicht dazwischengegangen wären, hätten wir wieder aufeinander eingeprügelt. Wir kamen schließlich auf die Idee, die Götter entscheiden zu lassen. Und wir beide schworen einen heiligen Eid, dass wir ihr Urteil akzeptieren würden. Dann stellten wir uns auf zwei verschiedene Hügel und beobachteten den Flug der Vögel. Wir Römer nennen so etwas eine Vogelschau: Wir glauben, dass die Götter uns Menschen durch den Flug der Vögel die Zukunft verraten können. Ein bisschen verrückt, oder? War aber so. Remus sah als Erster sechs Adler, ich kurz darauf zwölf. Wir kletterten wieder hinab – und gerieten uns erneut in die Haare.

»Ich habe als Erster sechs Vögel gesehen«, rief Remus. »Das ist ein eindeutiges Zeichen. Die Stadt soll meinen Namen tragen. Ich nenne sie Rema.«

»Aber ich habe zwölf gesehen«, schrie ich meinen Bruder an. Ich merkte, wie mir das heiße Blut durch die Adern rauschte. »Doppelt so viele. Damit haben sich die Götter für mich entschieden. Sie soll Roma heißen. Oder was meint ihr, Männer?«

Die meisten Männer zuckten mit den Schultern. Einige nickten zustimmend, andere murrten. Damit war die Sache entschieden. Jedenfalls für mich.

Remus ballte die Fäuste. »Ich habe die Adler zuerst gesehen!«, stieß er hervor.

Ich hätte ihm am liebsten eine gescheuert, doch ich konnte mich gerade noch zurückhalten. »Los, Männer!«, rief ich. »Wir bauen eine Mauer, eine Mauer um MEINE Stadt.«

Ich besorgte mir einen Pflug und einen Ochsen und zog eine Furche, die die Grenze der neuen Stadt markieren sollte. In den folgenden Tagen beschafften wir uns Steine und Mörtel und fingen an zu bauen. Die Arbeiten zogen sich hin, die Mauer wuchs nur langsam, wir hatten zu wenig Baumaterial, waren zu wenige Männer. Und dann geschah es.

Remus hatte seine Enttäuschung die ganze Zeit heruntergeschluckt, doch an diesem Abend platzte es aus ihm heraus.

»Wollen wir doch mal sehen, was diese lächerliche Mauer taugt«, rief er plötzlich und sprang direkt neben mir über die gerade mal kniehohe Mauer.

»Gar nichts taugt sie!«, rief er triumphierend und grinste mich hämisch an. »Was für eine lächerliche Stadtmauer ist das denn? Jeder Idiot kann über sie hinüberspringen.«

In diesem Moment sah ich total rot. Ich nahm einen Stein, der vor mir auf der Erde lag, und schleuderte ihn in Richtung Remus. Ich traf meinen Bruder direkt an der Stirn. Er brach zusammen und war augenblicklich tot.

»So soll es jedem ergehen«, schrie ich wie von Sinnen, »der es wagt, über meine Stadtmauer zu springen!«

Die Männer sahen mich entsetzt an, trauten sich aber nicht, mir zu widersprechen. Ganz langsam kam ich wieder zur Besinnung. Erst konnte ich gar nicht begreifen, was ich da angerichtet hatte. Ich atmete schwer, das weiß ich noch genau. Es fühlte sich so an, als würde sich eine eiserne Klaue um meinen Hals legen. Am liebsten wäre ich schreiend davongerannt, doch ich wollte vor meinen Männern keine Schwäche zeigen, verstehst du? Aber in mir drin brach irgendwie alles zusammen, nur ein furchtbares Gefühl der Leere blieb, das mir viele Jahre lang schwer zu schaffen machte.

Ja, so begann sie, die Geschichte unserer Stadt, die Jahrhunderte später die halbe Welt beherrschen sollte – mit einem traurigen Brudermord. Ich habe es zutiefst bereut und Remus hier in der Unterwelt tausendmal um Verzeihung gebeten. Aber ich konnte meine grausige Tat nicht mehr rückgängig machen. Dabei hätte ich alles dafür gegeben: Er war doch mein Bruder, mein einziger Bruder!

Remus hat mir mittlerweile verziehen und wir haben uns gegenseitig geschworen, uns nie mehr zu prügeln (als Schatten ist das auch gar nicht so einfach). Und wenn wir doch einmal schwach werden – was hin und wieder geschieht –, dann ist Pluto, der König der Unterwelt, schnell zur Stelle und schimpft mit uns. Wir machen dann beide ein zerknirschtes Gesicht und versprechen ihm, dass das nie wieder vorkommt. Ganz bestimmt nicht!

Dies ist meine Geschichte

Ich habe Romulus geheiratet, den ersten römischen König. Diesen wutkranken Typen, der seinen eigenen Bruder erschlagen hat? Ja, genau den. Vielleicht fragst du dich jetzt, ob ich verrückt bin oder so. Aber unsere Hochzeit fand nicht ganz freiwillig statt, um ehrlich zu sein.

Ich bin eine Sabinerin. Die Sabiner waren ein kleiner Stamm, der ganz in der Nähe von Rom siedelte. Mein Vater gehörte zu den angesehensten Männern unseres Stammes, er war ein geschickter Tischler, der hin und wieder sogar von unserem König gerufen wurde, wenn dieser mal eine schöne Truhe oder einen neuen Schrank brauchte. Von unserem ehemaligen König, müsste ich wohl besser sagen. Denn Tatius ist kein König mehr und den Stamm der Sabiner gibt es auch nicht mehr. Doch der Reihe nach.

Romulus hatte zwar eine neue Stadt gegründet, aber er hatte ein großes Problem: Rom war eine reine Männerstadt. Und du kannst dir sicherlich vorstellen, dass es in einer solchen Stadt erstens mit dem guten Benehmen nicht weit her ist und dass sie zweitens nach nicht allzu langer Zeit ausstirbt. Von wegen Hauptstadt der Welt, wie mein Ehemann manchmal in verrückten Träumen fantasierte – ohne Frauen und Kinder ist jede Stadt und jedes Land ganz schnell menschenleer. Das war auch Romulus klar.

Kaum hatte er seinen Bruder in die Unterwelt geschickt, da schickte er auch schon Boten zu den benachbarten Stämmen, um ihnen ein Bündnis anzubieten. Diese sollten heiratsfähige Frauen nach Rom schicken. Aber es war ja klar, dass die Fürsten der Stämme sich alle an die Stirn tippten und die römischen Boten mit einem deutlichen NEIN wieder nach Hause schickten. Als ob sie auf ein Bündnis mit dieser Männerstadt angewiesen wären! Und als ob sie ihre unverheirateten Töchter in eine Stadt schicken wollten, deren König seinen eigenen Bruder umgebracht hatte.

Die Römer fanden sich mit dem Nein ihrer Nachbarn ab. Das dachten wir zumindest. Doch wir hatten Angst, dass sie uns mit einem Krieg überziehen würden. Dass Romulus und seine Männer nicht besonders friedlich waren, das hatte sich schnell in der Gegend herumgesprochen. Doch es kam anders.

Eines Tages erhielt unser König nämlich eine Einladung. In Rom sollten Sportwettkämpfe zu Ehren des Gottes Neptun stattfinden. König Romulus lud den Stamm der Sabiner ein, in seine Stadt zu kommen und an den Wettkämpfen teilzunehmen. Auch für das leibliche Wohl wollten die Römer sorgen, ihre Gäste sollten essen, trinken, tanzen und feiern – so viel und so lange sie wollten. Wirklich alle sollten kommen, so hieß es in der Einladung, nicht nur die jungen Männer, sondern auch die Frauen, die Kinder und die Alten. Das war eine ungewöhnliche Einladung, aber wir freuten uns über das nette Angebot.

Also legten wir Sabiner am Festtag unsere schönsten Kleider an und gingen nach Rom. Natürlich ohne Waffen, das hätte sich für ein Götterfest nicht geschickt. Wir wurden freundlich empfangen, Romulus selbst führte seine Gäste durch die junge Stadt und zeigte uns ihre Häuser und Straßen, ihre Tempel und Plätze. War ja alles noch ziemlich klein und bescheiden, die Häuser und Tempel aus Holz und Stroh, die Straßen und Plätze unbefestigt – wirklich nicht der Rede wert. Gerade fiel mir auf, dass weit und breit kein Sportplatz zu sehen war, doch da war es schon zu spät.

Romulus pfiff mit den Fingern und die römischen Kerle stürzten sich auf uns Frauen, packten und schleppten uns in ihre Häuser. Wir kreischten, schlugen um uns, bissen und kratzten, doch es nützte alles nichts. Die ungehobelten Kerle hatten uns einfach geraubt. Als unsere Väter und Brüder, unsere Onkel und Großväter etwas unternehmen wollten, zückten die Römer ihre Schwerter und trieben sie aus der Stadt.

Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, rief Romulus uns auf einer sumpfigen Grasfläche zusammen, die er großspurig Forum nannte.

»Hört zu, Mädels«, sagte er. »Es tut mir leid, aber wir hatten keine Wahl. Eure Väter hätten euch ja auch freiwillig herausgeben können. Aber da sie das nicht wollten, mussten wir zu diesem Trick greifen. Wir werden euch anständig behandeln, ihr müsst euch keine Sorgen machen. Wir werden euch ganz friedlich unter uns aufteilen.«

Was hatte er da gesagt? Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört.

»Wenn die ersten Kinder da sind«, fuhr Romulus fort, »kommt ihr ganz schnell auf andere Gedanken und vergesst den Ärger.«

Mir rauschte das Blut in den Ohren, ich platzte fast vor Wut. Den anderen Geraubten, die um mich herumstanden, erging es ähnlich. Ich ballte die Fäuste. Doch ich konnte rein gar nichts machen. Es dauerte nicht lange, da hatten die Römer uns unter sich verteilt. Ich selbst landete in Romulus’ Haus und musste ihn am nächsten Tag heiraten. Schönen Dank auch!

Inzwischen organisierte unser König Tatius den Widerstand. Er wollte uns geraubte Frauen durch einen Kriegszug befreien. Schon nach wenigen Tagen rückten die Sabiner mit einer großen Heeresmacht an und schlugen ihr Lager vor der jungen Stadt Rom auf. Diese römischen Grobiane um Romulus haben keine Chance, dachten wir Frauen. Sie waren in der Unterzahl, ihre Stadt kaum befestigt. Und einen Krieg hatten sie auch noch nicht geführt. Es würde nicht lange dauern und wir wären wieder zu Hause im Sabinerland.