Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vince Corso hat einen ungewöhnlichen Beruf – er ist Bibliotherapeut, leistet Lebenshilfe durch Buchempfehlungen, und das durchaus erfolgreich. Eines Tages findet er seine kleine Behausung in der römischen Via Merulana verwüstet vor, Bücher und Platten verstreut und zerstört, seinen Hund vergiftet. Gibt es da eine Verbindung zur grausamen Mordserie, die Rom erschüttert, Untaten, die immer dann geschehen, wenn Vince in der Nähe ist? Was hat es mit dem geheimnisvollen Blinden auf sich, der ihm immer wieder über den Weg läuft? Vince verfolgt seine Spur, und steht schon bald selbst unter Verdacht, während Realität und Fiktion zu verschwimmen scheinen. Großartig erzählte Höchstspannung, bei der auch Kenner einschlägiger Literatur von Gadda über Poe bis Chandler ganz auf ihre Kosten kommen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Fabio Stassi
Kriminalroman
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Für Gianni Mura, weildein Herz lauter warals eine Schreibmaschine
Mittwoch, 16. Dezember 1959
Epilog
Mittwoch, 29. Juni 2016
Z
Y
X
W
V
Donnerstag, 30. Juni 2016
U
T
S
R
Freitag, 1. Juli 2016
Q
P
O
Samstag, 2. Juli 2016
N
M
L
Sonntag, 3. Juli 2016
K
J
I
Montag, 4. Juli 2016
H
G
F
Dienstag, 5. Juli 2016
E
D
C
Mittwoch, 6. Juli 2016und die folgenden Tage
B
A
Zu Händen meines Vaters
Freitag, 15. Juli 2016
Nachtrag
Bücher, Lieder und andereliterarische Heilmittel
Die Straßenkarten von Vince Corso
Anmerkungen
Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man sich in einem Walde verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren.
WALTER BENJAMIN
Berliner Kindheitum Neunzehnhundert1
Er phantasierte, denn allzu verrückt war der Gedanke, sie hätten ihn mit einer Ermittlung beauftragt, die am Ende den Beweis lieferte, dass er selbst der Schuldige war. Erst musste er das Rätsel in Worte fassen und dann sehen, ob es zu lösen war.
RICARDO PIGLIA
I casi del commissario Croce2
Er sitzt in einem Sessel, mit Kissen an der Seite, wo man den Kopf aufstützen kann. Auf dem Nachttischchen stapeln sich viele Bücher. Überall liegen Bücher, auf den Regalen, auf dem Schreibtisch. Seine Mutter ist in der Küche oder an einer anderen Stelle in der Wohnung.
Manchmal meint er zu hören, wie sie durch den Flur geht, eine Tür schließt, doch weit weg, wie aus einer anderen Stadt. Er hat einen neuen Roman angefangen, es geht um den seltsamen Fall eines Arztes, und er unterstreicht die ersten Zeilen mit einem Bleistift, den er angespitzt hat:
Rechtsanwalt Utterson war ein Mann mit bärbeißigem Gesicht, das niemals von einem Lächeln erhellt wurde; kalt, wortkarg und verlegen im Gespräch; schwerfällig in seinen Gefühlen; hager, lang, ein verstaubter, trauriger Mensch, und dabei doch in gewisser Weise liebenswürdig.3
Die nächsten zwei, drei Stunden dieses Nachmittags wird er lesend verbringen, ohne sich zu rühren, wie immer. Wenn da nicht dieser Durst wäre. Wahrscheinlich ist der Ausflug ins Museum Schuld, all diese Gemälde und Statuen, dieses ständige Treppauf, Treppab in einem riesigen Gebäude. Noch immer tun ihm die Beine weh, und er fürchtet, der stechende Schmerz in der Wade werde zurückkommen, der ihn nachts im Bett derart quält, dass er sich zusammenkrümmt.
Der Arzt hat seiner Mutter gesagt, sie soll ihn viel trinken lassen, Kinder brauchen Flüssigkeit. Es wäre besser, er würde jetzt aufstehen, bevor einer dieser Krämpfe ihm wieder in die Muskeln beißt. Er braucht ja nur in die Küche zu gehen, sich ein Wasserglas zu füllen und es bis zum letzten Tropfen auszutrinken. Danach kann er wieder in Ruhe lesen.
Also überwindet der Junge die Trägheit, steckt sich den Bleistift in die Tasche, schlägt das Buch zu und legt es auf den Sessel. Er braucht kein Lesezeichen, denn er hat gerade erst mit dem Buch angefangen. Er öffnet die Tür des Zimmers und steht im Flur.
Den hat sein Vater erst vor kurzem neu streichen lassen, die Farbe haben sie zusammen ausgesucht, ein Hellblau wie das Blau des Zuckerpapiers. Er mag den Farbton, den der Flur annimmt, wenn man abends die Deckenlampen einschaltet. Doch jetzt ist Nachmittag, und aus dem Wohnzimmer kommt ein diffuser Lichtschimmer, der die Wände dunkler macht.
In der Küche ist niemand. Er öffnet den Kühlschrank. Gestern Abend hat er eine Flasche Cola offen gelassen, sicher ist die Kohlensäure entwichen. Er gießt den Inhalt in ein Glas, immer dasselbe.
In der Familie hat jeder sein eigenes Glas, das ist nicht schwierig, sie sind nur zu dritt. Das des Vaters ist das größte, auch die Form ist anders, darum hat er oft gedacht, dass sein Vater dem Glas ähnelt, aus dem er trinkt. Ein dummer Gedanke, das weiß er, aber wenn der Vater ein Glas wäre, würde der Junge ihn sich so vorstellen: breiter als die anderen, aus dickem, opaken Glas, so dass man nie sieht, was es enthält.
Auch seine Mutter gleicht ihrem Glas. Der Hals vor allem, so zart und lang, wie gläsern. Als er kleiner war, nannte er sie meine Giraffe.
Und er?
Ähnelt auch er seinem Glas?
Schwer zu sagen, es kommt ihm nämlich so vor, als hätte sein Körper sich in den letzten Monaten verändert. Er ist gewachsen, nicht viel, aber doch um so viele Zentimeter, dass er es selbst merkt. Seine glatten Haare kräuseln sich jetzt, wenn er sie kämmen will, genügt der Kamm nicht mehr. Am Handgelenk trägt er nun die Uhr, die seine Großeltern ihm zum Geburtstag geschenkt haben.
Vielleicht wird es jetzt Zeit, sich ein neues Glas auszusuchen, denkt er, aber noch gefällt ihm die Gravur. Immer muss er mit dem Finger darüber streichen. Sie stellt einen Vogel dar, eine große Eule mit angelegten Flügeln. In einem Handbuch hat er gelesen, dass Eulen im Dunkeln sehen können. Aus dem Glas zu trinken, wird auch ihm diese Kraft verleihen. Mit jedem Schluck wird seine Sehkraft besser, davon ist er überzeugt. Er trinkt das schale Getränk und stellt das Glas auf die Arbeitsfläche in der Küche. Im Wohnzimmer erwartet ihn ein Buch, und es verspricht, eine spannende Lektüre zu sein. Der Schmerz im Bein scheint verflogen. Vielleicht kann er ihm heute entgehen. Er ist schon im Flur, als er ein Geräusch hört, ein leises Geräusch, kaum vernehmlich. Wie eine Türangel, die knarrt. Es kommt aus einem der Zimmer. Das wird seine Mutter sein, die irgendwelche häuslichen Angelegenheiten erledigt. Da fällt ihm ein, er hat ihr gar nicht erzählt, dass da im Museum ein Gemälde war, das ihn zum Lachen brachte. Es ähnelte dem Gesicht, das der Vater manchmal beim Abendessen macht. In Wirklichkeit war es kein Portrait, es bildete keine menschliche Gestalt ab. Wenn jemand nachgefragt hätte, er hätte es nicht beschreiben können, es war nur eine chaotische Ansammlung von Linien und geometrischen Figuren, mehr nicht. Trotzdem war ihm das Gekritzel sofort vertraut vorgekommen. Er hatte eine Weile darüber nachdenken und das Bild von verschiedenen Punkten im Saal aus betrachten müssen. Dann hatte er verstanden: In einer Ecke tauchte dieser rundliche, fahle, ahnungslose Gesichtsausdruck auf, den auch seine Mutter so gut kannte.
Der Vater versteht nicht, was sie beide so amüsiert. Nie würde er vermuten, dass seine Frau und sein Sohn sich mit diesem Gekicher und den Blicken, die sie sich zuwerfen, ausgerechnet über ihn lustig machen. Aber schon seit einiger Zeit stört ihn das Einverständnis zwischen den beiden.
Anfangs machten ihn seine Wutanfälle noch komischer. Sein Blick verhärtete sich, die Kinnladen zitterten fast. Dann veränderte sich sein ganzes Verhalten. Er fing an, zu übertreiben. Sich mit beiden anzulegen. Der Mutter vorzuwerfen, dass er wie ein Ochse schuftete, während sie sich einen faulen Lenz machte, mit dieser Halbtagsarbeit bei der Stadtverwaltung, die sie ganz in der Nähe gefunden hatte, sie und all ihre Kolleginnen, die zu nichts anderem taugten, als auf dem Balkon zu rauchen und dummes Zeug zu quatschen. Von da an gab es nichts mehr zum Lachen.
Jetzt passiert es immer öfter. Wenn der Vater abends nach Hause kommt, hadert er mit der ganzen Welt. Die Abendessen enden in eisigem Schweigen, die Stille lastet so schwer, dass der Junge unwillkürlich langsamer isst, langsamer als eine Schnecke: er hat Angst, sogar eine Gabel, die gegen den Teller stößt, könnte den Vater aufregen.
Darum geht er hinterher immer in sein Zimmer, um zu lesen. Er liest alles, am liebsten aber Romane. Und das tut er mit der gleichen grimmigen Erbitterung, mit der sein Vater von der Arbeit heimkehrt. Die Lampe bleibt bis spät in der Nacht an, obwohl er am nächsten Morgen immer nur mit Mühe aus dem Bett kommt, um zur Schule zu gehen. Zum Glück hat er keine Probleme mit den Lehrerinnen, weil er sich gut ausdrücken kann und ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat und alle zufrieden mit ihm sind und er für sie einer der tüchtigsten Schüler an der Schule ist – sie verzeihen ihm sogar seine Zerstreutheit.
Nein, vielleicht war es besser, der Mutter nichts von dem Bild zu erzählen. Vor ein paar Wochen hat er sie mit den Händen vorm Gesicht auf dem Badewannenrand sitzend gefunden. Sie sagte, sie habe sich gerade gewaschen, aber es war klar, dass das nicht stimmte. Und am Tag darauf geisterte sie mit verstörten Augen und ihrem Glas mit dem langen Hals in der Hand unablässig durch die Wohnung.
Heute hingegen scheint sie wieder normal zu sein. Sie hat beim Mittagessen sogar Witze gemacht. Und sie hat ihm ein neues Buch geschenkt und gesagt, das habe sie in seinem Alter auch gelesen und in den Jahren danach noch viele Male. Der Junge kann es nicht erwarten, zu erfahren, was in diesem Roman passiert und warum er so berühmt ist. Ob es stimmt, was die Mutter behauptet, dass in allen Menschen etwas Gutes und etwas Böses steckt. Doch da ist wieder das Knarren. Es kommt nicht aus dem Wohnzimmer. Er trägt nur Strümpfe, und im Flur liegt Teppichboden. Er überlegt eine Weile, beschließt, zurückzugehen.
Er geht wieder an der Küche vorbei, lässt die Badezimmertür hinter sich. Die Tür zum Schlafzimmer der Eltern ist geschlossen. Er versucht, sie zu öffnen, doch sie ist von innen abgeschlossen. Er legt ein Ohr an das weiße Holz. Ja, das Knarren kommt von hier. Mama? ruft er, aber niemand antwortet. Das Schlüsselloch befindet sich genau auf seiner Höhe. Er könnte hindurchschauen. Er schließt ein Auge und nähert das andere dem Schlüsselloch: Im Zimmer ist kein Licht, das schwarze Dunkel ist undurchdringlich. Er will schon gehen, da fällt ihm ein, dass er keine Eile haben darf. So machen es die Eulen, sie hocken einfach da, auf einem Zweig, warten und starren im Dunkel der Nacht einen Wald an, bis ihre Augen leuchten und sich die Umrisse der Bäume vor ihnen abzeichnen, das Gewirr der Zweige, ein rasch vorüberlaufendes Tier.
Schon meint er Konturen zu erkennen. Er muss sich nur ein bisschen anstrengen, sich an die Dunkelheit gewöhnen, den Blick schärfen, all seine Sinne gebrauchen, wie vor diesem Gemälde. Und endlich erscheint das Zimmer, ein Möbel nach dem anderen.
Das Sesselchen beim Bett,
der Nachttisch,
das kleine Kruzifix aus Holz.
Es ist dasselbe Gefühl wie damals, als sie mit ihm im Zirkus waren und ein Zauberkünstler Gegenstände nach Belieben verschwinden und wieder auftauchen ließ. Er hat den Eindruck, dass das Licht sich im ganzen Zimmer verbreitet, wie Wasser aus einem Loch.
Da ist der Schrank,
der Spiegel neben dem Fenster,
und im Spiegel …
Jetzt spürt der Junge, wie ihm etwas Feuchtes über die Wangen rinnt. In dem Handbuch über Raubvögel hat er gelesen, dass Eulen drei Lider haben, die brauchen sie, um ihre beste Waffe zu schützen. Aber er hat nur zwei, und sie genügen nicht, um den Weinkrampf aufzuhalten, der ihn jetzt schüttelt.
Die erste Träne ist schon bis zum Mundwinkel geflossen. Er kann mit der Zunge das Salzige schmecken. Aber die zweite hat einen anderen Geschmack. Sie schmeckt nach Eisen, nach Graphit. Seine Arme zittern, den Bleistift hält er noch umklammert.
Er macht zwei Schritte zurück, bis er die Wand des Flurs im Rücken spürt.
Dann bricht er auf dem Boden zusammen.
Eine Stunde später fand der Vater ihn in dieser Position. Es war ein anstrengender Tag. Er hatte eine sehr komplizierte finanzielle Transaktion wagen müssen. Würde sie glücken, dann würden er und die anderen ein Vermögen machen. Aber er war nicht sicher, ob es gut ausginge. In den letzten Monaten war nichts mehr so gelaufen, wie es sollte, das Ansehen, das er sich in gewissen Kreisen erworben hatte, drohte zu verpuffen. Das Risiko war enorm, und er hatte den Einsatz erhöht. Er war erschöpft, fühlte sich bleischwer. Er hängte seine Jacke an den Haken im Eingang, dann ging er in Richtung Bad, um sich das Gesicht zu waschen.
Zuerst sah es nur aus wie ein Haufen Schmutzwäsche, den seine Frau dort in den Flur geworfen hatte. Er blieb in ein paar Metern Entfernung stehen und versuchte, klarer zu sehen. Es war, als würde sein Gehirn sich weigern, den Anblick zu benennen. Eine undefinierbare Masse aus Formen und Farben. Erst nach einem endlos langen Augenblick begriff er, dass diese reglose Marionette ohne Schuhe, die vergeblich auf die Wand starrte, die er vor kurzem hatte streichen lassen, sein Sohn war. Anstelle seiner Augen waren da zwei Löcher, und in den blutverschmierten Händen hielt er einen zerbrochenen Bleistift.
In jener Nacht Ende Juni, so sagte Vince Corso später aus, habe er geträumt, dass ein Schwarm Nachtfalter aus dem Portal der Basilika Santa Maria Maggiore strömte und die Straßen Roms heimsuchte. Ein unwichtiges Detail, aber es war das erste, was ihm einfiel, als er sämtliche Ereignisse jenes Tages nacheinander erzählen sollte. Er hätte damit beginnen müssen, dass die Diebe zwischen Mittag und zwei Uhr nachmittags in seine Wohnung eingedrungen waren, und dass die Tür auf den ersten Blick keine Spuren von Gewaltanwendung zeigte. Das Namensschild war an seinem Platz, die Tür nur angelehnt. Das Türschloss – eines von herkömmlicher Machart, das weder Signora Doliner noch die Vormieter je ersetzt hatten – war mit einem Multipick-Dietrich geöffnet worden, ein einfacher, lautloser Vorgang. In dem Mietshaus hielten sich um diese Zeit nur wenige Rentner und zwei Familien aus Bangladesch auf. Die Hausmeisterloge war geschlossen, das Treppenhaus menschenleer, alle Fenster lagen im Schatten der Mittagsruhe.
Das und nichts anderes hätte er sagen sollen: sich damit begnügen, das mutmaßliche Zeitfenster der strafbaren Handlung anzugeben, die Umstände darzulegen, unter denen er die Tat entdeckt hatte, den Zustand, in dem Unbekannte nach ihrem unerklärlichen Raubzug seine Wohnung hinterlassen hatten, präzise zu beschreiben. Doch statt sich strikt an die Tatsachen zu halten, sprach Corso von Träumen und Vorahnungen.
Für ihn hatte die Geschichte mit dem verstörenden Auftauchen dieser Myriade von Nachtfaltern eingesetzt, die seinen Schlaf empfindlich gestört hatte, bevor jemand ein paar Stunden später in seine Wohnung eingedrungen war, um sie zu verwüsten. Ihre Flügel waren aschgrau mit langen, messerförmigen Enden, und ihr Schlagen – das Schlagen Hunderter winziger, mit Zeichnungen geäderter, grauer Häute – hatte eine Welle aus Staub und Wind rings um den Schwarm aufgewirbelt. Sogar die Bäume am Ende der Via Merulana hatte sie erfasst, die Pflanzen auf den Fensterbrettern hatten sich gebogen, die Straßenlaternen entlang der Fußgängerwege waren erloschen.
Um der Genauigkeit willen hätte er hinzufügen müssen, dass die Stadt am Abend zuvor nach zwei Tagen drückender Hitze von einem tropischen Wolkenbruch verheert worden war: Die Fahrbahnen und Gehwege waren überschwemmt, Metrostationen, Unterführungen und Keller vollgelaufen, Bäume entwurzelt, Ampeln und die Straßenbeleuchtung lahmgelegt. Doch das hielt er für überflüssig, denn der Geruch des Regen hatte die Luft so intensiv erfüllt, dass er in die Träume vieler Menschen eingedrungen war. In seinem erschien der Asphalt noch nass und glänzend, das Licht schwach, wie auf manchen alten Schwarzweißfotos. In diesen verunstalteten Straßen hatte sich der Flug der Insekten ohne erkennbares Ziel fortgesetzt, hysterisch, aber als geschlossener Schwarm, und erst als auch der letzte Nachtfalter verschwunden war, hatte Corso endlich seine Schritte in den leeren Eingeweiden des Viertels widerhallen hören, aber es war ein hinkender Gang, der Gang eines Menschen, dem plötzlich etwas genommen war.
Beim Aufwachen hatte ihn die heftige Sehnsucht nach Feng wieder als physischer Schmerz erschüttert. Jede Einzelheit der letzten Nacht, in der sie bei ihm geschlafen hatte, bevor sie abreiste, hatte er tagelang immer wieder durchlebt: der Druck ihrer Hüften im rosigen Licht des Sonnenaufgangs, die Silhouette ihres Rückens, ihre Art zu küssen. Trotzdem hatte er sie dann gehen lassen.
Nichts von ihr war in dieser Wohnung geblieben. Kein Ring, kein Geschenk. Ihre Beziehung war von so kurzer Dauer, dass sie dafür keine Zeit gehabt hatten. Wenn er etwas, was ihnen gemeinsam gehörte, an dieses Museum in Zagreb hätte schicken wollen, wo unbedeutende Gegenstände und Spuren gesammelt werden, die ein Paar nach seiner Trennung zurückgelassen hat, hätte er nicht gewusst, was er schicken sollte. Wie viel Zeit war vergangen seit dem Sommer, als er dieses Museum besucht hatte? Er erinnerte sich nur, dass er bei der Gelegenheit ein neues Schreibheft eingeweiht hatte, das Notizbuch der abgebrochenen Beziehungen. Auf den ersten Seiten hatte er sorgfältig einige der Ausstellungsstücke in diesem seltsamen Ort vermerkt: die Beinprothese, die ein Kriegsveteran seiner Ex-Frau geschickt hatte; die Tischleraxt, mit der eine Frau aus Berlin die Möbel ihrer Wohnung in Stücke gehauen hatte; ein Brautkleid; ein Schiffsmodell; ein roter Slip; eine angeschlagene Tasse; ein Schlüssel. Dieses Museum war ein Tribut an die Ambivalenz jeder Erinnerung. Nein, es gab keine Spur von Feng in seiner Dachwohnung, kein vergessenes Kleid, kein Buch, kein Foto. Er hätte sie auch nie wiedersehen können, und nichts hätte ihren vorübergehenden Aufenthalt in seinem Leben bezeugt.
Er hatte sich mit fast tauben Gliedmaßen erhoben und überlegt, was er am Vorabend gegessen, wie sehr er sich den Mund und die Kehle mit Tabak vergiftet hatte. Doch sein Unwohlsein war anderer Art.
Einmal hatte seine Mutter ihn, er war noch klein, zu einer übergewichtigen, bizarren Dame gebracht, die die Zauberin genannt wurde und in der Nähe von Antibes wohnte. Sie hatten ein Zimmer betreten, in dem es nach Weihrauch roch. Mein Sohn erkrankt manchmal an Traurigkeit, hatte seine Mutter gesagt. Die Zauberin hatte seine Hände genommen, dann hatte sie ihn und seine Mutter angeschaut, den Mund zu einer mitleidigen Grimasse verzogen.
Er zündete das Gas unter der Espressokanne an. Doch weder ein doppelter Kaffee noch eine Schallplatte von Charles Trenet konnten seine Nervosität lindern. Er stellte sich unter die Dusche, dann lieferte er sich, zusammen mit Django, wieder dem Stadtviertel aus, in das es ihn verschlagen hatte und das er längst als eine Heimat und ein Versprechen empfand.
In der Hausmeisterloge ordnete Gabriel gerade die Post. Er öffnete die Fensterluke, um ihm einen Brief zu übergeben.
»Die Hausnummer ist falsch, aber jetzt wissen ja sogar die Boten wo du wohnst.«
Corso steckte ihn ungesehen ein und überflog die Schlagzeilen der Tageszeitung, die aufgeschlagen auf dem Tisch lag.
»Auch die Chinesen ziehen von hier weg«, sagte Gabriel mit seinem unverwechselbaren südamerikanischen Akzent.
Corso zog eins der letzten Päckchen Gitanes aus der Tasche, aber es war leer. Gabriel gab ihm ein bisschen Tabak und ein Zigarettenpapier. Bevor er ging, sagte er wie zur Warnung: »Der Brief da, der kommt aus einem Gefängnis.«
Die Eingangstür fiel mit einem Ruck zu, der ihn zusammenzucken ließ, Django schnüffelte an den Reifen eines Mofas, dann gingen sie langsam in Richtung Piazza Vittorio, mischten sich unter die vielen Passanten.
Das hier war ein Hafenviertel. Es hatte den typischen Geruch der Häfen, nach faulendem Obst, Bratküchen und orientalischen Gewürzen. Jeder Gehweg ein Marktstand: Hier verkaufte einer enorme Stoffbahnen, dort schnitt ein anderer Haare, wieder einer kämmte sie, manche spielten mit Würfeln auf der Straße, es war ein ständiges Kommen und Gehen samt Koffern und Stimmen. Ein Ort zum Ankern und zum Entladen, der sich am Morgen füllte und am frühen Nachmittag leerte. Viele standen untätig in merkwürdigen ethnischen Gewändern an der Straßenkreuzung, warteten, dass irgendein Kapitän ihnen eine Arbeit als Schiffsjunge oder Matrose auf dem nächsten Schiff anbot. Andere, in weißen Jacken mit orientalischem Schnitt, rauchten vor einem Kiosk, dann verschwanden sie in einer indischen oder chinesischen Spelunke oder tauchten in den Gängen der Metro unter. Den Neuankömmlingen wurden Legenden aufgetischt: Diese Stadt hätte sieben Könige gehabt, so viele wie ihre Hügel, und über dreihundert goldene Kuppeln, und abends würde sie mit bunten Lampen erleuchtet. Nur das Meer fehlte, sein salziger Vorbote hinter den Häusern, oder wenigstens das breite Delta eines Flusses, wenn nicht gar ein Ozean. Trotzdem ahnte man, dass ein ganz anderes Panorama in Reichweite war, man musste nur ein paar hundert Meter hinabgehen und die gewaltige weiße Zollstation des Bahnhofs durchqueren, um sich vor dem Horizont der Gleise und ihrem Netz aus Trossen, Stangen und Großmasten wiederzufinden. Dieses Viertel hätte Genua oder Lissabon oder Buenos Aires heißen können – mit seiner langen Reihe Landungsstege begrenzte Termini es wie eine Küste. Wie in den Häfen am Wasser war hier alles ein einziges Pulsieren zwischen dem, was abfährt, und dem, was zurückkehrt oder stillsteht; auch die Zeit staute sich, zusammen mit den Pfützen. Hierher kam man nicht, um zu entdecken, wer man geworden war, sondern wer man schon immer war.
Eine Frau mit einem Einkaufswagen ging um Geld bittend vor ihm vorbei, doch Corso hatte keine Münzen und entfernte sich, Entschuldigungen murmelnd. Er überquerte wieder die Straße und setzte sich auf eine Bank. Ohne Besatzung, allein war er hier angekommen, wie man an einer Anlegestelle oder an einer Bucht ankommt, und jetzt fühlte er sich müde, müde auch all dieser Einsamkeit. Doch dies war die Stadt des Vergessens, Leute frühstückten im Caffé del Portico, jemand holte Geld an einem Bankautomaten, das Neonschild der Apotheke blinkte.
Er bemerkte erst jetzt, dass er gegenüber dem Haus der alten Schwestern saß, die vor zwei Monaten niedergemetzelt worden waren. An die Hauswand hatte jemand mit weißer Farbe eine Ente gemalt, und auf der anderen Seite war das Graffiti eines Mädchens mit langen Wimpern. Alle Fenster des Hauses gingen auf den Park hinaus. Er betrachtete sie, während aus einem riesigen, quer geparkten Lastwagen eine automatische Leiter bis zum ersten Stock hinauffuhr. Es musste ein lang geplanter Umzug sein, doch das Auf und Ab der Möbel und Stühle auf einer mechanisch bewegten Plattform klang in seinen Ohren schaurig und endgültig wie die Räumung einer Wohnung, die ihre Besitzer verloren hat.
Wieder suchte er seine Taschen nach einer Zigarette ab, fand aber nur den Briefumschlag, den Gabriel ihm ausgehändigt hatte. Der Brief kam aus der Strafanstalt Regina Coeli, Via della Lungara 29. Er riss ihn mit den Zähnen an einer Ecke auf; der Umschlag enthielt einen handgeschriebenen Zettel.
Sehr geehrter Vince Corso, bitte entschuldigen Sie die Kürze dieser Nachricht, aber ich komme nicht gut zurecht mit dem Italienischen. Ich heiße Queequeg und habe meine Nachricht einer freiwilligen Sozialarbeiterin von L‘Aquilone überlassen, die mir geholfen hat, Ihnen zu schreiben, und die alle meine Fehler korrigiert hat. L‘Aquilone ist die Kooperative, die sich um unsere Freizeit kümmert, eines der wenigen Dinge, an denen es im Gefängnis ja nicht mangelt. Ich gestehe, dass ich mit Ihnen über viele und dringende Fragen sprechen muss. Fragen, die mit Büchern zu tun haben, aber nicht nur. Meine einzige Möglichkeit, dem Gefängnis zu entkommen, ist das Lesen, und vor kurzem habe ich von dem Beruf erfahren, dem sie nachgehen, und wie er in den Strafanstalten anderer Länder ausgeübt wird. Darum wollte ich Sie fragen, ob es möglich ist, dass wir uns in der kleinen Bibliothek meiner Abteilung treffen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie achtsam mit Ihrer Zeit umgehen. Kümmern Sie sich auch um sich, nicht nur um Ihre Patienten.Queequeg
Am unteren Rand des Zettels stand eine Telefonnummer. Corso faltete den Zettel zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Er wunderte sich. Wie hatte sein Name die Mauern eines Gefängnisses durchdringen können? Und dann diese Unterschrift … Was waren diese vielen und dringenden Fragen, über die der Unbekannte mit ihm sprechen wollte? Und was meinte er mit diesem Kümmern Sie sich auch um sich?
Ein Windstoß bewegte die Dattelpalmen und Granatapfelbäume im Park. Er hatte nicht die geringste Lust, einen Behandlungsraum in einem Gefängnis aufzumachen. Dieser Brief war eine Falle. Er steckte den Umschlag in die Hosentasche, löste die Hundeleine, und Django sprang auf, um sich an seinen Beinen zu reiben. Eine Gruppe indischer Frauen ging vorüber, musterte ihn neugierig. Hinter ihnen, unter den Arkaden, entfernte sich die magere, dunkle Gestalt eines Kommissars.
Nachdem er lange am Zeitungsstand vor der Endstation der Züge nach Centocelle gestanden hatte, war er in seine Dachwohnung zurückgekehrt, dann hatte er ein paar Stunden damit verbracht, die letzten Kapitel eines japanischen Krimis zu lesen, in dem ein alter Detektiv, dessen Jacketts noch zerschlissener waren als die seinen, im Fahrplan der Züge den Beweis für ein Verbrechen erkannte. Als er den Roman beendet hatte, hatte ihn ein Hungergefühl überkommen. Also war er, und diesmal allein, zum Gourmet-Markt am Bahnhof Termini hinuntergegangen.
Er hätte nicht sagen können, wie lange er außer Haus gewesen war, er erinnerte sich nur, dass auf den Bildschirmen über ihm zwei Videos von Nirvana liefen, während er langsam an einem eiskalten Stout nippte. Eins war The man who sold the world. In dem anderen, das er noch nie gesehen hatte, starrte Kurt Cobain mit fahlem, geistesabwesendem Blick in die Kamera. Er hätte wohl besser eine letzte Platte als verstimmter Sänger aufnehmen sollen, anstatt sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, hatte Corso gedacht und war mit diesem Solitär aus abstrusen Reuegefühlen nach Hause zurückgekehrt, doch seinem Abscheu hatte das nicht gutgetan. Bei den herrschenden Temperaturen schien der Asphalt sich aufzulösen und die Stadt, nach dem Regen am gestrigen Abend, zu verdunsten.
Vor seinem Haus angekommen, hatte er den Schlüssel umgedreht und die Eingangstür aufgedrückt.
Wie immer um diese Zeit war der Innenhof von Sonnenlicht überflutet, und er musste die Augen zukneifen. Er bemerkte kein besonderes Geräusch von den Fenstern der anderen Wohnungen, vielleicht nur Geschirrklappern, aber das konnte sowohl aus der Küche von Signora Manuela als auch von der Familie Malfenti kommen. Er öffnete die zweite Tür am Ende des Innenhofs und ging zum Aufzug, es war zu schwül, um zu Fuß hinaufzusteigen, und selbst die paar Stufen nach dem letzten Treppenabsatz kosteten ihn große Mühe.
Als er seine Wohnungstür angelehnt sah, dachte er an Gabriel, der eine Kopie des Schlüssels hatte. Schüchtern rief er ins Innere, dann stieß er die Tür auf. Der Fußboden war mit Büchern und zerbrochenen Schallplatten übersät, die Stühle umgeworfen, die Schubladen des Schreibtisches herausgezogen. Auch der Ventilator und die Sofakissen lagen auf dem Boden. Und ein Haufen ungeschriebener, zerrissener Postkarten.
Er ging einen Schritt vorwärts und hob das leere Cover eines alten Albums von Sylvie Vartan auf, dazu eine aus einem Buch herausgerissene Seite. Die Türen des Schranks auf dem Hängeboden standen offen, Häufchen von Unterwäsche lagen auf dem Bett.
Benommen blieb er stehen, betrachtete das unbegreifliche Chaos.
Kannten sie seine Uhrzeiten? Hatten sie ihn ausspioniert? Oder war das der Raubzug eines Diebs auf der Durchreise?
Er ging bis zur Mitte der Einzimmerwohnung. Der Ledersessel, auf dem seine Patienten Platz nahmen, stand mit dem Rücken zu ihm, und in dieser ungewöhnlichen Position inmitten des Raums kündete er weitere, noch furchterregendere Unsinnigkeiten an. Auch den Teppich hatten sie in die Mitte gezogen, doch an zwei Stellen bildete er eine Stolperfalle.
Django.
Wo war er?
Er rief ihn, ein, zwei, drei Mal, doch bevor er den Zipfel des Teppichs anhob, sah er eine graue Pfote hinter dem Sofa hervorschauen. Djangos Schnauze war voller Speichel, die Glieder steif, und der Bauch blähte sich immer wieder ruckartig auf. Als er ihm eine Hand unter den Hals schob, bewegte der Hund schwach den Schwanz. Einen Moment lang versuchte er, sich auf den Vorderbeinen aufzurichten, fiel aber sofort wieder um, und eine Art Niesen schüttelte seinen ganzen Leib. Corso hielt ihm den Kopf und stellte fest, dass er aus der Nase blutete. Er versuchte, das Blut mit einem Taschentuch zu stillen, doch große rote Flecken tränkten den Zellstoff, breiteten sich schnell aus. Corso zog sein Telefon aus der Hosentasche und rief Gabriel um Hilfe.
In den folgenden fünf Minuten drückte er unablässig Taschentücher auf Djangos Nase und streichelte ihm über die Brust. Außer dem Blut, das auf den Boden gespritzt war, gab es keine Flecken auf dem Parkett, und eine flüchtige Untersuchung ergab, dass der Hund keine Verletzungen an Bauch oder Kopf hatte. Wahrscheinlich hatte er etwas Giftiges verschluckt, denn in der Luft lag ein Geruch nach Gift, und in dem Fall blieb nur zu hoffen, dass es kein Strychnin war.
Gabriel bestätigte später, zu der Zeit, als Vince ihn anrief, sei im Fernsehen gemeldet worden, dass die Anzahl der Opfer des Attentats in dem türkischen Flughafen gestiegen war. Da habe er gerade sein Mittagessen beendet. Er habe seine Sandalen angezogen und sei sofort hinaufgegangen. Die Tür von Vinces Dachbodenwohnung sei offen gewesen. Er habe keine Erklärungen verlangt und auch keine Zeit damit verloren, sich umzublicken. Wenn der Hund vergiftet worden war, musste man ihm auf der Stelle Salzwasser zu trinken geben, damit er sich erbrach. Er ging zum Waschbecken, um ein Glas zu füllen, doch als er es ihm ins Maul gießen wollte, floss der größte Teil seitlich heraus auf den Fußboden. Sie hätten eine Spritze gebraucht, um ihm das Wasser in die Kehle zu spritzen, aber es gab keine Spritzen in der Wohnung, und Gabriel hatte den Eindruck, dass der Hund im nächsten Moment einen Krampfanfall bekommen würde. Also beschlossen sie, ihn zum nächsten Tierarzt zu bringen. Im Fahrstuhl lehnte Corso sich an eine Wand, Gabriel drückte den Knopf, die Stahlseile rollten von der Trommel, und der Spiegel hinter ihnen gab ein ungewöhnliche Bild wieder: ein Mann mit einem ohnmächtigen Hund auf dem Arm, der mühsam atmete, und ein anderer, der ihm Platz machte.
Im Hof trennten sie sich, Gabriel lief das Auto holen, Corso ging zum Ausgang. Kein Mieter zeigte sich am Fenster, niemand bemerkte sie. Vor der Eingangstür versperrten drei Scooter und ein schwergewichtiges Motorrad den Weg. Corso musste weiter vorne einen Durchschlupf suchen und besetzte die Fahrbahn mit ausgebreiteten Beinen, das Gewicht des Hundes auf den Armen. Kurz darauf kam Gabriel angefahren, er sprang aus dem Auto und riss die hintere Wagentür auf.
Viele Geschäfte hatten ihre Rollläden heruntergelassen. Die Wahrscheinlichkeit, mitten im Juni um zwei Uhr mittags eine geöffnete Tierarztpraxis zu finden, war gering, doch Gabriel fiel eine Spezialklinik in der Nähe der Basilika San Giovanni ein, in die er vor einem Monat seinen Dackel gebracht hatte. Auch während der Fahrt wechselten sie kein Wort, und schweigend stürzten sie wenige Minuten später in die Ambulanz.
Am Empfang telefonierte man sofort nach einem Arzt. Eine Ärztin mit roten Haaren erschien und half ihnen, Django im Raum gleich nebenan auf einen Untersuchungstisch zu legen. Sie holte ein Paar Einmalhandschuhe aus einem Metallschränkchen, kontrollierte rasch Djangos Pupillen und untersuchte Zunge und Zähne, indem sie sie mit einer weißlichen Substanz säuberte. Sodann versuchte sie beharrlich, ihn zum Erbrechen zu bringen, doch alles was er ausspuckte, war ein grünliches Gerinnsel aus Magensäften und Speichel zusammen mit ein paar Papierfetzen. Sie gab ihm eine Spritze in die Haut am Rücken, die sie mit zwei Fingern zusammenkniff. Mit einer anderen Spritze nahm sie ihm Blut ab und verließ kurz das Zimmer.
Die Wände waren vor nicht allzu langer Zeit weiß gestrichen worden, doch nicht nur das verlieh dem Raum ein aseptisches Aussehen. Neben dem Waschbecken standen aufgereiht auf einem langen Arbeitstisch chemische Produkte, Nahrungsmittel, physiologische Kochsalzlösungen, Sprühflaschen, Watte, Pflaster, Verbandmull. Während er mit der Hand über den Bauch des Hundes strich, seinen Kopf berührte und ihm die Ohren glättete, machte Corso eine alphabetisch geordnete Bestandsaufnahme sämtlicher Gegenstände in dem Raum: Fieberthermometer, Mikroskope, Mundsperreisen, Pinzetten, Scheren, Sonden, Sterilisatoren, Umschläge und Wundhaken. Auf einem Regal stand ein Ventilator, die Klimaanlage lief schon auf vollen Touren.
»Er wird jetzt eine Weile schlafen«, sagte die Ärztin, als sie wieder hereinkam.
Corso fragte, was sie sonst noch tun konnten.
Die Frau breitete die Arme aus.
»Wir müssen ihn hierbehalten und können nur hoffen, dass das Gift, das er geschluckt hat, nicht tödlich ist.«
Dann hatte ihn also jemand vergiftet?
»Kommen Sie mit mir und erklären Sie mir alles«.
Sie ließen Django allein, der auf dem Untersuchungstisch schlief, und gingen in ein kleineres Sprechzimmer.
»Hatte Ihr Hund bereits einmal eine Infektionskrankheit?«
»Soweit ich weiß, nein.«
»Ist er gegen etwas allergisch?«
»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ich glaube nicht, aber ich habe ihn erst seit wenigen Monaten.«
»Haben Sie ihn gekauft?«
»Er gehörte zwei älteren Leuten, meinen Nachbarn im Haus, sie sind umgezogen.«
»Dann wird er Papiere haben.«
»Da muss ich nachfragen.«
»Besteht bei ihm eine Lebensmittelunverträglichkeit?«
»Er hat immer mit gutem Appetit gefressen.«
»Wurde er schon einmal von einem anderen Hund gebissen?«
»Nein.«
»Irgendein anderes besonderes Kennzeichen?«
»Niemand hat ihn je bellen hören.«
»Auch kein Winseln oder Jaulen?«
»Niemals.«
»Ich kenne nur eine Hunderasse, die wirklich stumm ist, die Basenji, aber auch die stoßen von Zeit zu Zeit vereinzelte, leise Laute aus.«
»Meiner nicht, er ist tatsächlich stumm.«
Nachdem er diese ersten Fragen beantwortet hatte, ging Corso dazu über, ihr von der Rückkehr in seine Wohnung zu erzählen, dem verwüsteten Zimmer, Django hinter dem Sofa. Die Ärztin notierte sich jede Einzelheit und wollte wissen, ob er Essensreste in der Wohnung gefunden hätte. Corso hatte nur den Eindruck gehabt, dass ein merkwürdiger Geruch in der Luft lag.
»Ich nehme an, Sie werden Anzeige erstatten«, sagte die Ärztin und legte den Stift weg.
Corso nickte.
»Werde ich lange warten müssen?«
»Schwer zu sagen, einige Stunden, vielleicht sogar mehrere Tage.«
Er hätte gerne noch länger mit dieser Frau geredet, doch sie sagte, er und sein Freund möchten bitte im Wartezimmer Platz nehmen, dann übergab sie die Papiere, die sie ausgefüllt hatte, der Sekretärin und verschwand in dem Zimmer, wo sie Django zurückgelassen hatten. Gabriel bestand darauf, bei ihm zu bleiben, aber Corso wollte, dass er zurückfuhr, er erinnerte sich nicht einmal mehr, ob er seine Wohnungstür abgeschlossen hatte oder nicht.
