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Leser-Stimmen: "Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Es beschreibt die Depression ganz genau. Selbst Nicht-Betroffene bekommen dadurch ein wunderbares und beeindruckendes Gefühl dafür." - S. "Es ist extrem authentisch und beschreibt die Depression so genau, dass der Leser sich völlig hineinversetzen kann, egal ob es ein Betroffener oder Angehöriger ist." - D. Als Martinas Leben in Scherben liegt, entdeckt sie in einem Berliner Antiquitätenladen einen rätselhaften Spiegel - und mit ihm ihre dunkelsten Schatten. Nach dem Verlust ihres Partners und im Kampf gegen ihre Depression übernimmt die Deutschlehrerin spontan einen verlassenen Laden. Doch zwischen den verstaubten Büchern wartet etwas auf sie: ein antiker Spiegel, der ihre Selbstzweifel zu tödlichen Gewissheiten verstärkt. Als auch ihr Schüler Tom in die Fänge des mysteriösen Schattenspiegel gerät, wird Martina klar: Sie kämpft nicht nur um ihr eigenes Leben, sondern um das ihrer Schutzbefohlenen. Gemeinsam mit der mutigen Lisa muss sie lernen, dass wahre Heilung nicht durch Perfektion entsteht - sondern durch die Kraft der Gemeinschaft. Ein bewegender psychologischer Thriller über Depression, Hoffnung und die heilende Macht menschlicher Verbindungen. "Ich will leben" zeigt einfühlsam und ohne Romantisierung, wie Dunkelheit durch Licht überwunden werden kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Dieses Buch behandelt die Themen Depression, Suizidgedanken, Selbstverletzung und psychische Krisen. Es enthält detaillierte Darstellungen von Suizidversuchen und depressiven Episoden.
Falls Sie gerade selbst kämpfen, empfehlen wir Ihnen dringend, professionelle Hilfe zu suchen:
Deutschland:
Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenfrei, 24h)
Österreich:
Telefonseelsorge 142 (kostenfrei, 24h)
Schweiz:
Die Dargebotene Hand 143 (kostenfrei, 24h)
Oder wenden Sie sich an:
Ihren Hausarzt oder Psychiater
Die nächste psychiatrische Klinik
Den Notruf 112 (bei akuter Gefahr)
Dieses Buch ist mit grosser Sorgfalt geschrieben, um Hoffnung zu vermitteln und niemals zu glorifizieren.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel 1: Der Riss im Spiegel
Kapitel 2: Das Erbe der Schatten
Kapitel 3: Doppelleben
Kapitel 4: Wachsende Schatten
Kapitel 5: Die Legende erwacht
Kapitel 6: Gestohlene Reflexionen
Kapitel 7: Der Sog verstärkt sich
Kapitel 8: Nächtliche Jagd
Kapitel 9: Verzerrte Wahrheit
Kapitel 10: Misstrauische Blicke
Kapitel 11: Toms Rückkehr
Kapitel 12: Der Spiegel verstärkt sich
Kapitel 13: Konfrontation der Schüler
Kapitel 14: Flucht in die Dunkelheit
Kapitel 15: Die Umarmung der Wahrheit
Nachwort
Mirco Deflorin lebt und arbeitet in den Schweizer Alpen. Als Recovery- und Peerberater bei einer Sozialversicherung kennt er die Realität psychischer Kämpfe aus professioneller wie persönlicher Erfahrung.
Mit "Ich will leben" legt er einen besonderen psychologischen Thriller vor – eine Geschichte, die Spannung mit authentischen Einblicken in die menschliche Psyche verbindet. Weitere Werke sind in Planung.
Wenn er nicht schreibt, findet man ihn in Sargans oder beim Arbeiten mit Menschen, die ihre eigenen dunklen Täler durchqueren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Manchmal sind die dunkelsten Geschichten die wichtigsten.
"Ich will leben" erzählt von Menschen, die kämpfen – nicht gegen Monster oder Verbrecher, sondern gegen etwas viel Realeres: die Stimmen in ihren eigenen Köpfen, die ihnen einreden, sie seien wertlos.
Diese Geschichte bewegt sich zwischen Realität und dem Unerklärlichen, zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Sie zeigt, dass selbst in den finstersten Momenten Licht möglich ist – oft dort, wo wir es am wenigsten erwarten.
Triggerwarnung: Dieses Buch behandelt Themen wie Depression, Suizidgedanken und emotionale Krisen. Bitte seien Sie achtsam mit sich.
Falls Sie selbst schwere Zeiten durchleben: Sie sind nicht allein. Hilfe zu suchen ist mutig, nicht schwach.
Ich wünsche Ihnen eine berührende Lektüre.
Mirco Deflorin
Der Streit am Morgen
Die Kaffeetasse zerbrach auf dem Küchenboden. Scherben spritzten über die kalten Fliesen. Wie Martinas Herz. Wie ihre Hoffnung. Wie ihr Leben. Wie ihre Zukunft.
„Siehst du?", sagte Marcus und deutete auf das Chaos zu ihren Füssen. „Genau das meine ich. Du kriegst nichts mehr hin. Gar nichts."
Martina blickte auf die braunen Flecken. Der Kaffee sickerte in die Fugen. Würde Flecken hinterlassen. Wie alles in letzter Zeit.
„Das war ein Versehen." Ihre Stimme war kaum ein Flüstern.
„Ein Versehen?" Marcus lachte bitter. „Martina, dein ganzes Leben ist ein Versehen geworden. Du stehst morgens nicht auf. Du vergisst Termine. Du starrst mich an, als wärst du gar nicht da."
Sie kniete sich hin. Sammelte die grösseren Scherben auf. Eine schnitt in ihren Finger. Ein dünner roter Strich. Sie spürte es kaum. Der physische Schmerz war nichts gegen das, was in ihrer Brust wütete. Blut tropfte auf die weissen Fliesen.
Ich bin da, dachte sie. Ich bin hier. Ich versuche es.
Aber die Worte blieben stecken, erstickten, bevor sie auch nur ein Laut werden konnten. Es war kein klarer Gedanke, den sie hätte aussprechen können. Nur ein chaotischer Schwall in ihrem Kopf, ein Knäuel aus Angst, Scham und einer unendlichen Traurigkeit. Wie sollte sie ihm das erklären? Wie sollte er es annehmen, wenn sie es selbst kaum fassen konnte?
Jedes mögliche Wort fühlte sich bereits im Ansatz wie eine Lüge an, zu klein für die Wucht dessen, was in ihr tobte. Eine leere Hülse, die an seinem kalten, fremden Blick einfach zerschellen würde. Also schwieg sie. Und dieses Schweigen war ihre Resignation.
Marcus seufzte. „Ich kann nicht mehr, Martina. Ich kann dich nicht mehr retten."
Er ging zum Küchentisch. Nahm seine Jacke. „Die Miete für nächsten Monat ist überwiesen. Danach... danach musst du allein klarkommen."
Er zog seinen Koffer hinter sich her. Den blauen Samsonite, den sie ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Als noch alles anders war. Als sie noch gelacht hatten.
„Wo willst du hin?" Die Frage rutschte aus ihr heraus. Obwohl sie die Antwort kannte.
„Weg von hier. Weg von dir."
Er stellte den Koffer neben die Tür und wandte sich ihr zu. Seine braunen Augen waren kalt geworden. Fremd.
„Du bist nicht mehr die Frau, in die ich mich verliebt habe."
Die Scherbe in ihrer Hand wurde warm. Feucht vom Blut.
„Ich bin immer noch ich."
„Nein. Bist du nicht." Marcus nahm seinen Mantel vom Haken. „Die Martina, die ich kannte, war stark. Lustig. Lebensfroh. Diese Frau hier..." Er machte eine vage Handbewegung. „Diese Frau kenne ich nicht."
Diese Frau bin aber immer noch ich.
Die Worte blieben stumm. Wie ein Schrei unter Wasser.
„Es ist nur eine schwere Phase, Marcus. Das geht vorbei."
„Schwere Phase?" Er drehte sich scharf um. „Martina, das dauert schon Monate! Du schleppst dich durch den Tag. Du redest kaum noch. Du weinst grundlos."
„Und diese Antidepressiva... Sertralin, oder? Wie lange nimmst du die schon?"
„Seit einem Jahr."
„Helfen sie?"
„Manchmal. An guten Tagen."
„Und an schlechten?"
„Ich kann nicht mehr."
Die Scherbe bohrte sich tiefer. Der Schmerz war scharf. Real. Anders als die Taubheit in ihrer Brust.
„Ich nehme die Tabletten, damit es mir besser geht."
„Tut es das? Geht es dir besser?"
Martina schwieg. Weil sie nicht lügen wollte. Weil die Wahrheit zu weh tat.
Marcus öffnete die Tür. Kalte Oktoberluft strömte in die Küche. Berlin roch nach Herbst und Einsamkeit.
„Marcus, bitte—"
„Reiss dich zusammen, Martina. Andere Leute haben auch Probleme und jammern nicht ständig."
Die Tür fiel ins Schloss.
Martina lehnte sich gegen die Küchenwand. Glitt langsam daran hinunter, bis sie auf dem kalten Fliesenboden sass. Umgeben von Scherben und Kaffeeflecken, während das Blut von ihrem verletzten Finger auf die weissen Fliesen tropfte.
Reiss dich zusammen. Andere Leute haben auch Probleme. Du bist nicht mehr die Frau, in die ich mich verliebt habe.
Die Stimmen in ihrem Kopf wurden lauter. Immer lauter.
Er hat recht, flüsterte eine davon. Du bist kaputt. Wertlos. Eine Belastung.
Martina schloss die Augen. Spürte die Kälte der Fliesen an ihren Knien. Hörte das Ticken der Wanduhr. Draussen hupte ein Auto. Die Welt drehte sich weiter. Ohne Marcus. Ohne Hoffnung.
Sie sass auf dem kalten Küchenboden, eine Insel der Stille inmitten eines kleinen Chaos aus Kaffeeflecken. Sie spürte die Kälte der Fliesen, wie sie langsam durch den Stoff ihrer Hose kroch, eine Gleichgültigkeit, die zu der Leere in ihr passte. Sie registrierte es, aber sie fühlte es nicht.
Dann das Hupen von der Strasse. Schrill, fordernd, brutal real.
Der Lärm riss ein Loch in ihren Nebel. Ein Gedanke, dünn und brüchig: Marcus.
Mühsam, als würde sie gegen eine unsichtbare Schwerkraft ankämpfen, die sie am Boden festnageln wollte, stemmte sie die Hände auf die Fliesen und erhob sich. Jeder Muskel ein Protest. Jeder Atemzug eine Anstrengung.
Sie stolperte zum Fenster, die Handflächen flach gegen die kalte Scheibe gepresst. Ein letzter Funke Hoffnung trieb sie an, ein verzweifeltes Suchen nach einem Anker in der Aussenwelt.
Die Strasse war leer. Kein Auto. Kein Marcus. Nichts. Nur die nasse, graue Leere des Asphalts, die ihre eigene innere Leere widerspiegelte.
Und in diesem Moment, als auch der letzte, winzige Halt im Aussen zerbrach, löste sich die Träne. Nicht heiss und wütend, sondern kalt. Eine einzelne, schwere Perle der endgültigen Erkenntnis. Sie kroch langsam ihre Wange hinab, ein winziger, stiller Bote aus einem Ozean der Empfindungslosigkeit.
Ihre Beine schwer wie Blei. Martina taumelte zum Waschbecken. Liess kaltes Wasser über den verletzten Finger laufen. Rosa Tropfen spiralten ins Abflussrohr.
Du musst in die Schule, dachte sie mechanisch. Die Schüler warten.
Mit einem Pflaster verband sie den Finger. Versteckte das Blut. Wie sie alles versteckte.
Im Spiegel über dem Waschbecken sah sie ihr Gesicht. Blass. Hohle Wangen. Dunkle Ringe unter den Augen.
Das ist nicht die Frau, in die ich mich verliebt habe.
Marcus' Worte hallten nach.
Rasch wandte sie den Blick ab. Konnte sich selbst nicht mehr ansehen.
Martina blieb allein in der Küche zurück. Mit den Scherben. Mit dem Blut. Mit der Stille, die lauter war als jeder Schrei.
Draussen regnete es. Die Tropfen liefen die Fensterscheibe hinunter. Wie die Tränen, die sie nicht weinen konnte.
Sie konnte sich nicht einmal im Spiegelschrank ansehen. Aus Angst vor dem, was sie dort finden würde. Oder noch schlimmer - aus Angst, dass sie dort gar nichts finden würde.
Unterricht mit Maske
Der Flur des Emanuel-Lasker-Gymnasiums hallte.
Montag, 30. September. Schritte auf Linoleum. Stimmen junger Menschen. Leben, das vorwärts drängte.
Martina ging durch die Menge wie durch Wasser. Langsam. Gegen einen unsichtbaren Widerstand.
Lächeln, dachte sie. Du musst lächeln.
"Guten Morgen, Frau Holm!" Kevin winkte ihr zu. Sechzehn Jahre alt, immer gut gelaunt, Kapitän der Fussballmannschaft.
"Morgen, Kevin." Ihre Stimme klang normal. Fast normal.
Die Maske sass fest.
Raum 204. Zweiter Stock. Blick auf den Schulhof. Hier war sie sicher. Hier kannte sie die Regeln.
Zwanzig Teenager warteten. Plapperten. Lachten. Lebten.
Lisa Kowalski sass in der ersten Reihe. Sechzehn, neugierig, immer eine Meinung parat. Sie musterte Martina mit scharfen Augen.
"Sie sehen müde aus, Frau Holm."
Müde. Ein harmloses Wort für das, was in ihr tobte.
"Bin ich auch. Langer Abend mit Klassenarbeiten korrigieren."
Tom Brenner sass hinten am Fenster. Sechzehn, still, nachdenklich. Er nickte ihr zu. Ein kleines Lächeln.
Tom verstand Stille. Tom stellte keine Fragen.
"Heute sprechen wir über Kafka", sagte Martina und schrieb den Namen an die Tafel.
Die Kreide quietschte. Wie Fingernägel auf Glas. Wie ihre Nerven.
"Die Verwandlung. Wer kann mir sagen, worum es geht?"
Hanna meldete sich. Die Streberin. Immer vorbereitet.
"Gregor Samsa wacht als Käfer auf. Er wird zum Ungeziefer."
"Richtig. Und warum passiert das?"
Schweigen.
Martina wandte sich zur Klasse. Zwanzig junge Gesichter. Erwartungsvoll. Vertrauensvoll.
Sie vertrauten ihr. Glaubten, sie hätte Antworten.
Wenn ihr wüsstet, dachte sie. Wenn ihr wüsstet, wie ich mich fühle.
"Kafka zeigt uns, wie es ist, wenn man sich fremd wird. Wenn man sich selbst nicht mehr erkennt."
Die Worte kamen automatisch. Nach acht Jahren Unterricht konnte sie das im Schlaf.
"Gregor wird zum Ungeziefer, aber eigentlich ist er immer noch derselbe Mensch. Seine Familie sieht nur noch den Käfer."
Lisa hob die Hand. "Aber warum verwandelt er sich? Es muss einen Grund geben."
Martina zögerte. Die Frage war zu nah. Zu real.
"Manchmal passieren Dinge ohne Grund, Lisa. Manchmal wird man krank. Manchmal verändert sich das Leben einfach."
"Das ist deprimierend", murmelte Max aus der dritten Reihe.
Deprimierend. Er hatte keine Ahnung.
"Literatur soll uns zum Nachdenken bringen", erklärte Martina. "Auch über unangenehme Wahrheiten."
Tom meldete sich. Selten, dass er sprach.
"Vielleicht war Gregor schon vorher ein Käfer. Nur hat es niemand gemerkt."
Die Klasse wurde still. Tom hatte etwas Besonderes gesagt. Etwas Tiefes.
Martina blickte ihn an. Sah in seinen Augen eine Traurigkeit, die zu alt war für sechzehn Jahre.
"Erklär das mal genauer, Tom."
"Na ja..." Er suchte nach Worten. "Vielleicht hat er sich schon lange so gefühlt. Wertlos. Ekelig. Die Verwandlung macht nur sichtbar, was schon da war."
Ein Schauer lief Martina über den Rücken.
Wertlos. Ekelig.
Kannte Tom dieses Gefühl?
Die Schulglocke läutete. Die Stunde war vorbei.
"Hausaufgabe: Lest Kapitel zwei und drei. Achtet darauf, wie die Familie reagiert."
Stühle schrappten. Stimmen wurden lauter. Die Klasse strömte hinaus.
Tom blieb sitzen. Packte langsam seine Sachen.
"Tom? Alles in Ordnung?"
Er blickte auf. Lächelte müde.
"Klar, Frau Holm. Alles bestens."
Lügner, dachte sie. Genau wie ich.
Aber sie nickte nur. Lächelte zurück.
Die Maske blieb an ihrem Platz.
Als Tom gegangen war, sank Martina auf ihren Stuhl. Die Erschöpfung war bleischwer.
Eine Stunde gespielt. Neunundvierzig Minuten gelächelt und erklärt und getan, als wäre alles normal.
Als wäre sie nicht zerbrochen.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht.
Bin im Büro. Hole heute Abend meine restlichen Sachen. Marcus.
Kalt. Geschäftsmässig. Wie ein Termin beim Zahnarzt.
Martina legte das Handy weg. Starrte aus dem Fenster.
Auf dem Schulhof spielten Kinder. Liefen. Lachten. Lebten.
Sie beneidete sie um ihre Leichtigkeit.
Du musst funktionieren, sagte die Stimme in ihrem Kopf. Noch vier Stunden. Dann kannst du zusammenbrechen.
Sie stand auf. Richtete ihre Bluse. Setzte die Maske wieder auf.
Die nächste Klasse wartete bereits.
Der Antiquitätenladen
Um halb vier war der Schultag vorbei.
Martina packte ihre Tasche. Langsam. Jede Bewegung kostete Kraft.
Nach Hause gehen, dachte sie. Marcus' Sachen zusammenpacken. Warten, bis er kommt.
Der Gedanke war unerträglich.
Sie verliess das Schulgebäude. Ging zum Bahnhof. Aber statt in die U-Bahn zu steigen, lief sie einfach weiter.
Durch Prenzlauer Berg. Vorbei an Cafés und Buchläden. Menschen eilten nach Hause. Zu ihren Familien. Zu ihrem Leben.
Martina hatte keine Eile.
Die Strassen wurden enger. Älter. Sie war schon oft hier gewesen. Suchte Bücher in den kleinen Läden. Alte Gedichtbände, deutsche Klassiker. Billiger als in den grossen Buchhandlungen.
In der Rosenthaler Strasse blieb sie stehen.
Das Schaufenster war leer.
Ein Zettel klebte an der Tür: Geschäft zu verkaufen. Bei Interesse: 030-4471892.
Alte Schätze stand in verschnörkelten Buchstaben über dem Eingang.
Martina kannte den Laden. Herr Baum hatte ihn geführt. Ein freundlicher alter Mann mit müden Augen. Sie hatte oft Bücher bei ihm gekauft. Erstausgaben von Rilke, vergilbte Romane.
Seit Wochen war der Laden geschlossen gewesen.
Sie drückte ihr Gesicht an die Scheibe. Spähte ins Innere.
Bücherregale. Überall Bücher. Alte Möbel, verstaubt und vergessen. In der hinteren Ecke stand etwas Grosses unter einem weissen Laken.
Ein Spiegel. Sie sah den Rahmen hervorblitzen. Schwarz und verziert.
Warum nicht?, dachte sie plötzlich.
Der Gedanke kam aus dem Nichts, ein flüchtiger Funke in der Dunkelheit ihres Kopfes. Verrückt. Irrational. Und doch…
Warum nicht einen Laden übernehmen? Warum nicht etwas Neues beginnen?
Die Stimme der Vernunft, die eigentlich ihre Depression war, meldete sich sofort. Das ist absurd. Du schaffst es kaum, morgens aufzustehen. Wie willst du einen Laden führen?
Aber der Funke war noch nicht erloschen. Er glühte schwach weiter, genährt von der Erinnerung an den Geruch alter Bücher, an das gedämpfte Licht und die Stille zwischen den Regalen. Ein Ort, der nicht urteilte. Ein Ort, an dem die Geschichten anderer Menschen schwerer wogen als ihre eigene lähmende Leere.
Vielleicht wäre es kein Geschäft.
Vielleicht nur ein Hobby.
Ein Zufluchtsort. Ein Grund, das Haus zu verlassen, der nichts mit der lauten, fordernden Welt der Schule zu tun hatte. Etwas, das nur ihr gehörte. Ein winziger Anker in der stürmischen See.
Bevor der Zweifel wieder die Oberhand gewinnen konnte, bevor sie es zerdenken konnte, zog sie ihr Handy heraus. Ihre Finger bewegten sich wie von selbst. Sie wählte die Nummer.
"Gerber Immobilien, Katrin Müller."
"Hallo, ich... ich rufe wegen des Antiquitätenladens in der Rosenthaler Strasse an."
"Ach, die Alten Schätze! Sind Sie interessiert?"
Bin ich das? fragte sich Martina. Bin ich verrückt geworden?
"Ich... vielleicht. Können Sie mir Details nennen?"
"Natürlich! Das ist eine besondere Situation. Der Besitzer, Herr Baum, ist vor zwei Monaten verstorben. Herzinfarkt, ganz plötzlich. Er hatte keine Familie."
Martina schluckte. Herr Baum war tot.
"In seinem Testament hat er verfügt, dass der Laden an jemanden gehen soll, der 'die Schatten kennt'. Seine Worte. Sehr mysteriös, nicht wahr?"
Die Schatten kennt.
Ein Schauer lief Martina über den Rücken.
"Die Miete ist sehr günstig", fuhr Frau Müller fort. "Achthundert Euro im Monat. Das Inventar geht kostenlos mit. Herr Baum wollte, dass seine Bücher einen neuen Besitzer finden."
Achthundert Euro. Das konnte sie schaffen. Gerade so. Eigentlich ist das viel zu günstig. Aber ich frage nicht nach.
"Kann ich... kann ich ihn mir ansehen?"
"Natürlich! Ich bin in zehn Minuten da. Rosenthaler Strasse 47, richtig?"
Martina lehnte sich gegen die Schaufensterscheibe. Wartete.
Was machst du da?, fragte die Stimme in ihrem Kopf. Du bist Lehrerin. Du weisst nichts über Antiquitäten.
Aber eine andere Stimme meldete sich. Leiser, aber beharrlicher:
Du brauchst einen Ort. Einen Ort, der nur dir gehört.
Frau Müller war eine energische Frau um die fünfzig. Kurze graue Haare, scharfer Blick.
"Sie sind Lehrerin?"
"Ja. Deutsch und Geschichte."
"Perfekt! Herr Baum liebte Bücher über alles." Sie schloss die Tür auf. "Er sagte immer, nur jemand, der selbst leidet, kann die Geschichten der Dinge verstehen."
Sie betraten den Laden.
Der Geruch schlug Martina entgegen. Altes Papier. Staub. Zeit.
Und etwas anderes. Etwas Schwermütiges.
"Hier sind die Bücher", sagte Frau Müller und deutete auf die Regale. "Hauptsächlich deutsche Literatur. Philosophie. Einige sehr wertvolle Stücke."
Martina ging zwischen den Regalen umher. Strich mit den Fingern über die Buchrücken. Schopenhauer. Nietzsche. Heine.
"Und das da hinten?"
Sie deutete auf das verhüllte Objekt.
"Ach das." Frau Müller zuckte mit den Schultern. "Ein alter Spiegel. Sehr schwer. Herr Baum meinte, er gehöre zum Laden. Wer den Laden übernimmt, übernimmt auch den Spiegel."
Martina ging näher heran. Zog das Laken weg.
Ein Spiegel. Anderthalb Meter hoch. Der Rahmen war aus schwarzem Holz, kunstvoll geschnitzt. Seltsame Symbole. Runen vielleicht.
Sie blickte hinein.
Sah sich selbst. Aber anders. Das Spiegelbild wirkte... dünner. Trauriger. Gebrochener.
Das bist du, flüsterte etwas in ihrem Kopf. Das bist du wirklich.
"Interessanter Spiegel", murmelte sie.
"Ja, nicht wahr? Herr Baum sagte, er sei sehr alt. Aus dem siebzehnten Jahrhundert. Familienerbstück oder so."
Martina konnte den Blick nicht abwenden. Das Spiegelbild starrte zurück. Anklagend.
Du bist allein, schien es zu sagen. Du wirst immer allein sein.
"Ich nehme ihn."
Die Worte kamen automatisch. Ohne Nachdenken.
"Den Spiegel?"
"Den ganzen Laden."
Frau Müller blinzelte überrascht. "Sind Sie sicher?
Wollen Sie nicht erst—"
"Ich bin sicher."
Bin ich das? fragte sich Martina. Oder bin ich verrückt geworden?
Aber es fühlte sich richtig an. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich etwas richtig an.
"Wunderbar! Ich bereite die Papiere vor. Sie können morgen einziehen."
Martina nickte. Blickte noch einmal in den Spiegel.
Diesmal lächelte das Spiegelbild.
Kalt und wissend.
Als hätte es nur auf sie gewartet.
Zwischen alten Büchern
Der Schlüssel war schwerer als erwartet.
Martina stand vor der Tür von Alte Schätze. Ihr Laden. Noch immer unwirklich.
Es war Samstag. Keine Schule. Keine Verpflichtungen. Nur sie und die Stille der leeren Strasse.
Sie schloss auf. Die Tür quietschte in den Angeln.
Der Geruch empfing sie wieder. Vertraut und fremd zugleich. Als würde sie ein Haus betreten, in dem sie schon einmal gelebt hatte. In einem anderen Leben.
Sonnenlicht fiel schräg durch die staubigen Fenster. Beleuchtete tanzende Partikel in der Luft. Wie kleine Geister.
Martina stellte ihre Tasche ab. Zog die Jacke aus. Krempelte die Ärmel hoch.
Wo fange ich an?
Überall lagen Bücher. Auf Tischen, in Kisten, gestapelt auf dem Boden. Herr Baum war ein Sammler gewesen.
Sie begann systematisch. Nahm jeden Stapel, sortierte nach Themen. Deutsche Literatur. Philosophie. Geschichte. Biographien.
Die Arbeit beruhigte sie. Jedes Buch hatte seinen Platz. Klare Regeln. Anders als ihr Leben. Goethe, Faust I. Erstausgabe von 1808. Wertvoll.
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. Ledereinband, goldgeprägt.
Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Die Seiten waren vergilbt, mit handschriftlichen Notizen am Rand.
Nach zwei Stunden hatte sie drei Regale gefüllt. Ihre Hände waren staubig. Ihr Rücken schmerzte. Aber endlich fühlte sie sich... nützlich.
Sie machte eine Pause. Setzte sich auf einen alten Holzstuhl. Betrachtete ihr Werk.
Der Laden nahm Gestalt an. Wurde zu ihrem Raum.
Ihr Blick fiel auf eine kleine Holzkiste in der Ecke. Unscheinbar zwischen grösseren Kisten versteckt.
Sie öffnete sie.
Darin lagen persönliche Gegenstände. Herr Baums Leben in Fragmenten.
Eine Brille mit dicken Gläsern. Ein Foto von einem jungen Soldaten in Uniform. Wehrmacht. Vermutlich Herr Baums Vater.
Und ganz unten: ein kleines Notizbuch. Ledereinband, abgewetzt von vielen Händen.
Martina zögerte. Das waren private Sachen. Ging sie das etwas an?
Aber Neugier siegte. Sie schlug das Notizbuch auf.
Die erste Seite war leer. Die zweite auch.
Dann, auf Seite drei, in zittriger Handschrift:
Der Spiegel wartet. Er wartet immer.
Seit 1952 hüte ich ihn. Wie mein Vater vor mir. Wie sein Vater vor ihm.
Es ist eine schwere Last. Aber jemand muss es tun.
Martina runzelte die Stirn. Blätterte weiter.
Die Menschen kommen zu mir. Die gebrochenen. Die suchenden. Sie spüren den Spiegel, auch wenn sie ihn nicht sehen.
Manche kaufen nur Bücher und gehen wieder. Die Glücklichen.
Andere... andere blicken hinein.
Ein Schauer lief Martina über den Rücken. Sie blickte zum verhüllten Spiegel hinüber. Das weisse Laken lag noch darüber.
Herr Weber, Oktober 1987. Ingenieur, geschieden, drei Kinder. Er sah sich als Monster. Sprang eine Woche später von der Oberbaumbrücke.
Frau Kleist, März 1993. Lehrerin, wie Sie. Depression nach dem Mauerfall. Der Spiegel zeigte ihr ihre 'Wertlosigkeit'. Überdosis Schlaftabletten.
Herr Novak, Juni 2003. Künstler, sensibel, suchend. Der Spiegel machte aus seinen Selbstzweifeln Gewissheiten. Erhängt in seinem Atelier.
Martinas Hände zitterten. Die Namen. Die Daten. Die Todesarten.
Alles dokumentiert. Kalt und präzise.
Ich verstehe nicht, warum der Spiegel tötet. Aber ich weiss, wie.
Er verstärkt das Dunkel in den Menschen. Macht aus Zweifeln Gewissheiten. Aus Trauer Verzweiflung. Aus Verzweiflung... den Tod.
Sie blätterte hastig weiter.
Ich habe versucht, ihn zu zerstören. Hammer, Säge, sogar Feuer. Nichts funktioniert. Er ist unzerstörbar.
Also hüte ich ihn. Warne die Menschen. Verstecke ihn.
Aber manchmal... manchmal ist die Versuchung zu gross. Manchmal blicken sie hinein, bevor ich sie warnen kann.
Die nächsten Seiten waren Zeichnungen. Skizzen des Spiegels aus verschiedenen Winkeln. Die Runen am Rahmen, sorgfältig nachgezeichnet.
Und darunter, in einer anderen Handschrift:
Johannus Eisenhut, Alchemicus. Anno Domini 1647. Speculum Umbrae - Der Schattenspiegel.
"Qui in speculum aspicit, veritatem de se ipso videt. Sed veritas interdum mortem adfert."
Wer in den Spiegel blickt, sieht die Wahrheit über sich selbst. Aber die Wahrheit bringt manchmal den Tod.
Martina klappte das Notizbuch zu. Ihre Hände zitterten.
Das ist verrückt, dachte sie. Alter Mann, gebrochener Verstand. Fantasien.
Aber da war etwas anderes. Eine Kälte in ihrem Bauch. Eine Gewissheit.
Sie erinnerte sich an ihren ersten Blick in den Spiegel. Wie anders sie ausgesehen hatte. Dünner. Trauriger. Gebrochener.
Das bist du wirklich, hatte etwas geflüstert.
Sie stand auf. Ging zu dem verhüllten Spiegel. Die Hand schwebte über dem weissen Laken.
Nicht, warnte eine Stimme in ihrem Kopf. Nicht heute. Nicht allein.
Sie liess die Hand sinken.
Stattdessen nahm sie das Notizbuch mit an die Kasse. Setzte sich. Las weiter.
Die Runen sind germanisch. Sehr alt. Sie bedeuten: Wahrheit, Schatten, Tod.
Der Alchemist Eisenhut war besessen von der Wahrheit. Er wollte die Seelen der Menschen sehen. Ihre dunklen Geheimnisse.
Er schuf den Spiegel während des Dreissigjährigen Krieges. Berlin war zerstört, die Menschen verzweifelt. Perfekte Bedingungen für seine Experimente.
Der erste, der hineinblickte, war er selbst.
Sie fanden ihn drei Tage später. Erhängt in seinem Labor. Ein Lächeln auf dem Gesicht.
Das Lächeln eines Mannes, der endlich die Wahrheit gesehen hatte.
Martina schauderte. Klappte das Buch wieder zu.
Draussen wurde es dämmrig. Die Strasse lag verlassen da.
Martina verliess den Laden mit einem seltsamen Gefühl der Zugehörigkeit. Als würde sie endlich etwas besitzen, das nur ihr gehörte. Etwas, das Marcus nie berührt hatte.
Die U-Bahn brachte sie nach Prenzlauer Berg. Ihre Strasse. Ihr Zuhause. Noch.
Sie schloss die Wohnungstür auf und erstarrte.
Leere.
Die Garderobe war kahl. Marcus' Jacken verschwunden. Seine Schuhe weg. Im Flur klafften helle Rechtecke an der Wand - dort, wo seine gerahmten Konzertplakate gehangen hatten.
Martina ging langsam durch die Wohnung. Jeder Schritt ein kleiner Schock.
Das Wohnzimmer sah aus wie nach einem chirurgischen Eingriff. Die Couch stand noch da - sie gehörte ihr. Aber der Sessel war verschwunden. Der kleine Beistelltisch. Die Lampe mit dem roten Schirm, die er aus Italien mitgebracht hatte.
Sogar die Bücher. Seine Bücher aus dem gemeinsamen Regal. Einfach weg.
Halb leer, dachte sie. Wie ich.
In der Küche fehlten die Hälfte der Tassen. Die gute Kaffeemaschine. Die Pfannen, die er zur Beziehung mitgebracht hatte.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Seine Handschrift.
"Schlüssel liegt unter der Matte. Muss nicht noch einmal kommen. Marcus."
Kein "Danke". Kein "Es tut mir leid". Nicht einmal sein voller Name.
Nur: Marcus.
Als wäre sie eine Fremde geworden.
Martina liess sich auf die Couch fallen - die einzige Couch, die noch da war, weil sie ihr gehörte. Der Stoff war an den Armlehnen abgewetzt. Marcus hatte sie immer hässlich gefunden.
"Diese alte Kiste", hatte er gesagt. "Wann kaufen wir endlich was Ordentliches?"
Jetzt war sie das Einzige, was noch da war.
Sie und die hässliche Couch.
Die Tränen kamen ohne Vorwarnung. Erst einzeln, dann in Strömen. Ein Schluchzen, das aus einem Ort tief in ihr aufstieg, den sie seit Wochen betäubt hatte.
Acht Jahre.
Acht Jahre Leben in dieser Wohnung. Und jetzt sah es aus, als wäre er nie da gewesen.
Als wäre sie nie da gewesen.
Martina krümmte sich zusammen, das Gesicht in den Couchkissen vergraben. Der Stoff roch nach Erinnerungen. Nach dem Leben, das sie einmal gelebt hatte.
Du bist nicht mehr die Frau, in die ich mich verliebt habe.
Die Worte schossen durch ihren Kopf wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Hier, in der Stille der halb leeren Räume, trafen sie sie mit voller Wucht. Keine Ablenkung. Keine Flucht. Nur sie und die Wahrheit, die in der Luft hing wie Staub.
Die Wohnung selbst schien seine Worte zu bestätigen. Jede fehlende Tasse war ein stummes Urteil. Jeder leere Platz an der Wand ein Beweis dafür, dass sie nicht mehr genug war. Nicht mehr liebenswert. Nicht mehr sie.
Vielleicht hatte er recht. Vielleicht war sie wirklich gestorben, irgendwann in den letzten Monaten. Und das hier - diese weinende, zitternde Hülle - war nur das, was übrig geblieben war.
Die Dämmerung kroch durchs Fenster. Berlin glitzerte draussen, millionenfach belebt.
Aber hier drinnen war nur Stille.
Und Martina.
Allein mit ihren Tränen und der Erkenntnis, dass manche Abschiede endgültiger sind als der Tod.
Die erste Recherche
Die Staatsbibliothek Berlin war ein Ort der Klarheit.
Montag, früh am Morgen. Martina hatte sich krank gemeldet. Zum ersten Mal in drei Jahren. Aber sie musste Antworten finden.
Das Gebäude am Potsdamer Platz ragte vor ihr auf. Glas und Stahl. Modern und imposant.
Von ihrer Schule in Prenzlauer Berg war sie eine halbe Stunde gefahren.
Mit der U2 durch das Herz der Stadt.
Das Gegenteil von Herr Baums mysteriösem Laden.
Hier fühlte sich Martina sicher. Hier gab es für alles eine Erklärung.
Sie zeigte ihren Bibliotheksausweis vor. Ging direkt zur historischen Abteilung.
"Guten Morgen, ich suche Informationen über einen Alchemisten namens Johannus Eisenhut. Siebzehntes Jahrhundert, Berlin."
Die Bibliothekarin, eine ältere Dame mit freundlichen Augen, tippte in ihren Computer.
"Eisenhut... Eisenhut... Ah, hier. Ein paar Treffer. Hauptsächlich in Dokumenten über Berliner Stadtgeschichte."
Sie notierte Signatur-Nummern auf einen Zettel.
"Saal 3, Regal 47. Brauchen Sie Hilfe beim Finden?"
"Nein, danke. Ich kenne mich aus."
Martina war oft hier gewesen. Für Unterrichtsvorbereitungen. Für ihre eigene Weiterbildung. Bücher waren ihre Zuflucht. Schon immer.
Im dritten Stock war es still. Nur das leise Rascheln von Seiten, das Kratzen von Stiften. Studierende beugten sich über dicke Wälzer.
Chronik der Stadt Berlin, Band IV: 1640-1680.
Der erste Treffer. Ein schweres Buch mit brüchigem Einband.
Martina schlug den Index auf. Suchte unter 'E'.
Eisenhut, Johannus: S. 234, 267, 401.
Sie blätterte zu Seite 234.
Anno 1647. In den Wirren des Krieges siedelten sich in Berlin allerlei zwielichtige Gestalten an. Unter ihnen auch der Alchemist Johannus Eisenhut, welcher in einem Keller nahe der Fischerinsel sein Unwesen trieb.
Die Bürger berichteten von seltsamen Lichtern und fauligen Gerüchen, die aus seinem Laboratorium drangen. Eisenhut behauptete, er könne die wahre Natur der menschlichen Seele sichtbar machen.
Am 15. November des Jahres wurde er tot aufgefunden. Erhängt an einem selbstgefertigten Strick. Neben ihm ein grosser Spiegel, den niemand zu deuten vermochte.
Martina machte sich Notizen. Ihre Hand zitterte leicht.
15. November 1647. Tod durch Erhängung. Spiegel gefunden.
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Der Nachlass des Alchemisten wurde von der Kirche beschlagnahmt. Unter den Gegenständen befand sich ein Spiegel von ungewöhnlicher Machart. Der Rahmen war mit heidnischen Symbolen verziert.
Pfarrer Matthias Grundmann berichtete, dass alle, die in den Spiegel blickten, von "dunklen Visionen" heimgesucht wurden. Der Spiegel wurde in die Kellergewölbe der Nikolaikirche verbracht.
1650 starb der Küster Johann Weiss durch eigene Hand, nachdem er den Spiegel heimlich betrachtet hatte.
1651 nahm sich die Witwe Agnes Müller das Leben. Auch sie war in den Kirchenkeller eingedrungen.
1652 wurde der Spiegel an einen Sammler in Hamburg verkauft.
Ein Muster. Schon damals. Schon vor vierhundert Jahren.
Martina suchte weiter. Fand Bruchstücke der Geschichte in verschiedenen Büchern.
Hamburger Stadtchronik, 1672:
Der Kaufmann Dietrich Brahms erwarb einen "verfluchten Spiegel" aus Berlin. Binnen eines Jahres verlor er Verstand und Vermögen. Starb 1673 in einer Irrenanstalt.
Lübecker Archive, 1701:
Ein Spiegel von "teuflischer Machart" wechselte mehrfach den Besitzer. Jeder neue Eigentümer verfiel dem Wahnsinn oder dem Freitod.
Die Spur verlor sich im achtzehnten Jahrhundert. Tauchte wieder auf in den Zwanzigern.
Berliner Tageblatt, 12. März 1923:
MYSTERIÖSER SELBSTMORD IN CHARLOTTENBURG
Der Antiquitätenhändler Friedrich Sommer wurde gestern tot in seinem Geschäft aufgefunden. Todesursache: Vergiftung mit Blausäure. In seinem Abschiedsbrief schrieb Sommer: "Der Spiegel zeigt die Wahrheit. Ich kann sie nicht ertragen."
Die Polizei fand in Sommers Laden einen antiken Spiegel, der bereits seit Jahrhunderten als "verflucht" galt.
Martina lehnte sich zurück. Starrte an die Decke.
Vierhundert Jahre. Dutzende von Toten. Immer das gleiche Muster.
Menschen blickten in den Spiegel. Sahen etwas. Töteten sich.
Was sehen sie?, fragte sie sich. Was ist so schrecklich, dass sie sterben wollen?
Sie dachte an Herr Baums Notizen. An die Namen. Weber, Kleist, Novak.
An sich selbst. Wie sie am Samstag vor dem verhüllten Spiegel gestanden hatte. Die Hand über dem Laken.
Du willst hineinblicken, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Du willst die Wahrheit sehen.
Nein, dachte sie. Ich will verstehen. Das ist etwas anderes.
Aber war es das wirklich?
Sie suchte weiter. Fand schliesslich einen entscheidenden Hinweis in einem okkulten Lexikon von 1897.
Speculum Umbrae (Schattenspiegel):
Ein alchemistisches Artefakt, geschaffen von Johannus Eisenhut um 1647. Der Spiegel soll die Fähigkeit besitzen, die verborgenen Aspekte der menschlichen Psyche sichtbar zu machen.
Eisenhut glaubte, dass jeder Mensch ein "Schatten-Ich" in sich trägt - die Summe aller verdrängten Ängste, Schwächen und dunklen Impulse. Der Spiegel macht dieses Schatten-Ich sichtbar.
Für psychisch stabile Personen ist die Konfrontation mit dem Schatten-Ich verstörend, aber nicht tödlich. Für Menschen mit bestehenden psychischen Leiden kann die Erfahrung jedoch fatale Folgen haben.
Der Spiegel verstärkt negative Selbstwahrnehmung und kann bestehende Depressionen oder Angstzustände dramatisch verschlimmern.
Martina hielt inne. Las den Absatz noch einmal.
Für Menschen mit bestehenden psychischen Leiden...
Bestehende Depressionen...
Sie dachte an Marcus' Worte. An die Tabletten auf ihrem Nachttisch. An die schwarzen Tage, an denen sie kaum aufstehen konnte.
Sie war genau die Art von Person, die der Spiegel anzog.
Die Art von Person, die er tötete.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von Lisa aus ihrer Klasse:
Frau Holm, ich hoffe, Sie werden schnell wieder gesund! Tom fragt, ob Sie unsere Kafka-Referate trotzdem korrigieren. Er macht sich Sorgen wegen der Note.
Martina lächelte unwillkürlich. Ihre Schüler. Ihr Leben. Ihr Grund zu kämpfen.
Sie packte ihre Notizen zusammen. Stand auf.
Der Spiegel wartete auf sie. Das wusste sie. Aber sie hatte eine Wahl.
Sie konnte wegbleiben. Den Laden verkaufen. Vergessen, was sie gelesen hatte.
Oder sie konnte mehr erfahren. Die Wahrheit über den Spiegel. Über sich selbst.
Warum habe ich den Laden wirklich gekauft?, fragte sie sich auf dem Weg nach draussen.
Die Antwort kam leise und ehrlich:
Weil ich wissen will, was Marcus in mir gesehen hat. Weil ich wissen will, wer ich wirklich bin.
Auch wenn es mich umbringt.
Berlin lag grau und kalt vor ihr. Die Stadt der Schatten und Geheimnisse.
Ihre Stadt. Eisenhuts Stadt.
Die Stadt des Spiegels.
Der bewusste Blick
Martina stand vor der Tür ihres Ladens.
Der Schlüssel in ihrer Hand fühlte sich anders an als noch am Samstag. Damals war er ein Versprechen auf eine Zukunft gewesen, leicht und voller Möglichkeiten. Heute war er eine Last aus Blei, der Zugang zu einem Mausoleum, das nur auf sie wartete.
Es war halb sechs. Die Strasse lag beinahe verlassen da, nur ein paar letzte Touristen verirrten sich durch die Gassen. Berlin im Oktober. Kalt und grau.
Sie schloss auf. Trat ein.
Der Laden empfing sie nicht mehr als Zufluchtsort. Die Luft war dicker, schwerer. Als würde etwas in der Stille lauern und den Atem anhalten.
«Einbildung», dachte sie, während ihre zitternden Hände nach dem Lichtschalter tasteten. Du weisst jetzt zu viel. Das macht dich paranoid.
Die Bücher standen ordentlich in ihren Regalen. Unberührt. Genau so, wie sie sie am Samstag sortiert hatte, in einer Welt, die noch unschuldig gewirkt hatte.
Goethe, Schopenhauer, Nietzsche. Die grossen deutschen Denker.
Männer, die alle über die dunklen Seiten der menschlichen Seele geschrieben hatten.
In der hinteren Ecke lag das weisse Laken über dem Spiegel. Reglos. Unschuldig.
Aber Martina spürte seine Präsenz. Wie einen kalten Hauch im Nacken.
Sie ging zur Kasse. Setzte sich. Holte ihre Notizen heraus.
400 Jahre. Dutzende von Toten. Immer das gleiche Muster.
Speculum Umbrae. Der Schattenspiegel.
Zeigt das Schatten-Ich. Verstärkt Depression.
Sie las ihre eigenen Worte. Sauber und wissenschaftlich. Fakten ohne Emotionen.
Warum bin ich hier?, fragte sie sich zum wiederholten Male.
Die Antwort war einfach. Und erschreckend.
Weil ich wissen will, wer ich wirklich bin.
Weil Marcus vielleicht recht hatte.
Weil ich vielleicht wirklich nicht mehr die Frau bin, die ich einmal war.
Sie stand auf. Ging langsam zum verhüllten Spiegel.
Tu es nicht, warnte eine Stimme in ihrem Kopf. Du weisst, was passiert.
Herr Weber. Frau Kleist. Herr Novak. Alle tot.
Aber eine andere Stimme war stärker. Hungrig. Neugierig.
Du bist Lehrerin. Du suchst Wahrheit. Das hier ist nur eine andere Art von Wahrheit.
Sie griff nach dem Laken.
Du bist stärker als die anderen, flüsterte die Stimme. Du wirst überleben.
Du WILLST die Wahrheit sehen.
Ihre Finger berührten den Stoff. Weich und kühl.
Letzte Chance, dachte sie. Du kannst noch gehen.
Den Laden verkaufen. Vergessen.
Aber sie wusste bereits, dass sie das nicht tun würde.
Sie zog das Laken weg.
Der Spiegel stand da. Schwarz und imposant. Die Runen am Rahmen schienen im Lampenlicht zu flackern.
Martina blickte hinein.
Zuerst sah sie nur sich selbst. Blass, müde, mit zerzausten Haaren. Genau wie jeden Morgen im Badezimmerspiegel.
Aber dann begann sich etwas zu verändern.
Das Spiegelbild bewegte sich anders. Langsamer.
Bewusster.
Die Augen wurden kälter. Der Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.
Hallo, Martina, sagte das Spiegelbild.
Martina wich zurück. Das war unmöglich. Spiegel sprechen nicht.
Doch, sagte das Spiegelbild. Ich spreche. Weil ich du bin. Der Teil von dir, den du versteckst.
Die Stimme klang wie ihre eigene. Aber anders. Schärfer. Grausamer.
Das ist nicht real, flüsterte Martina. Das sind
Halluzinationen. Suggestion.
Das Spiegelbild lachte.
Real? Was ist schon real? Ist deine Depression real? Ist deine Einsamkeit real? Ist die Tatsache real, dass jeder, der dir nahe kommt, dich früher oder später verlässt?
Hör auf.
Marcus hat dich verlassen. Deine Eltern sind tot. Du hast keine echten Freunde. Nur Schüler, die dich respektieren müssen, weil du ihre Lehrerin bist.
Das Spiegelbild kam näher. Als würde es durch das Glas treten.
Aber auch die werden dich verlassen. Wenn sie sehen, wer du wirklich bist.
Ich bin Lehrerin. Ich helfe Menschen.
Du spielst Lehrerin. Du versteckst dich hinter deinem Beruf. Aber innerlich bist du leer. Kaputt. Wertlos.
Die Worte trafen wie Schläge. Jeder Satz war ein Stoss mit einem Messer in ihre Brust.
Weisst du, was Marcus wirklich gedacht hat, als er dich verlassen hat?
Nein. Sag es nicht.
Er war erleichtert. Endlich musste er nicht mehr so tun, als würde er dich lieben. Endlich war er frei von der Last, die du für ihn warst.
Tränen liefen über Martinas Wangen. Sie wollte wegschauen, aber konnte nicht.
Der Spiegel hielt sie fest. Wie eine Spinne ihre Beute.
Und deine Schüler? Die denken, du bist stark. Inspirierend. Aber was würden sie sagen, wenn sie wüssten, dass du morgens nicht aufstehen kannst? Dass du Tabletten schluckst, um durch den Tag zu kommen?
Sie würden dich verachten. Wie alle anderen.
Das stimmt nicht.
Doch. Tut es. Schau mich an, Martina. Schau mich richtig an.
Das Spiegelbild veränderte sich wieder. Wurde dünner. Hässlicher. Die Haut bekam eine gräuliche Färbung. Die Augen wurden hohl.
Das bist du. Das ist deine Wahrheit. Ein leerer, kranker, erbärmlicher Mensch. Eine Lehrerin, die ihre Schüler belügt. Eine Frau, die nicht einmal ihren eigenen Partner bei sich halten konnte.
Ein Mensch, der besser nicht existieren würde.
Die Kälte in Martinas Brust breitete sich aus.
Erreichte ihr Herz. Ihre Gedanken.
Vielleicht, dachte sie. Vielleicht hat das Spiegelbild
recht.
Vielleicht wäre die Welt ohne mich besser.
Das Spiegelbild lächelte triumphierend.
Endlich. Endlich siehst du die Wahrheit.
Es gibt einen einfachen Weg, Martina. Ein Ende für all den Schmerz. All die Lügen. All die Einsamkeit.
Nein. Der Gedanke kam schwach. Verzweifelt.
Doch. Du weisst es. Herr Weber wusste es auch. Frau Kleist. Herr Novak. Sie alle haben die Wahrheit gesehen und die richtige Entscheidung getroffen.
Ich... ich will nicht sterben, ruft sie laut und erschrocken. Sie spürt, dass ihre Augen feucht sind.
Willst du leben? Wirklich leben? Mit dieser Krankheit? Mit dieser Einsamkeit? Mit dem Wissen, dass du eine Belastung für jeden bist, der dir nahe kommt?
Das Spiegelbild lehnte sich vor. Das Gesicht war jetzt ganz nah am Glas.
Tu es, Martina. Beende es. Heute Nacht. Niemand wird dich vermissen. Höchstens ein paar Tage.
Martina stand wie paralysiert. Die Kälte hatte ihren ganzen Körper erfasst.
Das Spiegelbild hatte recht. In allem.
Sie war wertlos. Krank. Eine Belastung.
Tu es.
Aber dann, plötzlich, klingelte ihr Handy.
Der Ton riss sie aus der Trance. Sie blinzelte.
Schaute weg vom Spiegel.
Eine SMS. Von Tom.
Frau Holm, ich hoffe, es geht Ihnen besser. Falls Sie jemanden zum Reden brauchen - ich bin da. Sie sind eine gute Lehrerin. Und ein guter Mensch. Tom.
