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Ein Kloster. Eine verschwundene Novizin. Ein Gesang, der nicht von Menschen stammt. Kommissarin Hannah Kronauer wird mitten in der Nacht zum Kloster Säben gerufen. Schwester Marie ist verschwunden - spurlos nach der Abendandacht. Die Nonnen schweigen. Doch Hannah hört etwas in den alten Mauern: ein tiefes, vibrierendes Summen, das sich wie ein lebendiges Wesen durch das jahrhundertealte Gemäuer zieht. Das Tonum. Was als routinemäßige Vermisstenermittlung beginnt, entwickelt sich zu einem alptraumhaften Wettlauf gegen die Zeit. In den verborgenen Archiven des Klosters entdeckt Hannah Aufzeichnungen über akustische Experimente, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Mönche, die mysteriöse Frequenzen erforschten. Rituale, die niemals hätten durchgeführt werden dürfen. Und dann sind da noch die anderen Verschwundenen. Drei Jugendliche. Alle innerhalb weniger Monate. Alle spurlos. Als moderne Wissenschaft auf uralte Geheimnisse trifft, muss Hannah erkennen: Manche Türen sollten für immer verschlossen bleiben. Doch das Tonum ist bereits erwacht - und es hungert. Ein atmosphärischer Mystery-Thriller, der die Grenzen zwischen Wissenschaft und Übernatürlichem verwischen lässt.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Prolog: Anno Domini 1142
Kapitel 1: Nächtliche Schatten
Kapitel 2: Hannahs Geschichte
Kapitel 3: Maries Weg
Kapitel 4: Wissenschaft und Glaube
Kapitel 5: Geheimnisse der Bibliothek
Kapitel 6: Das Tonum
Kapitel 7: Dunkle Verbindungen
Kapitel 8: Unterirdische Gänge
Kapitel 9: Verrat im Konvent
Kapitel 10: Schwester Claras Tod
Kapitel 11: Die Experimente
Kapitel 12: Der Schneesturm
Kapitel 13: Verbündete und Feinde
Kapitel 14: Das alte Wissen
Kapitel 15: Maries Entdeckung
Kapitel 16: Die Vorbereitungen
Kapitel 17: In den Höhlen
Kapitel 18: Der Showdown
Kapitel 19: Entscheidungen
Kapitel 20: Nachklang
Mirco Deflorin, wohnhaft in den Schweizer Alpen, schöpft für seine spannungsgeladenen Romane aus einem reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit menschlichen Grenzerfahrungen und einem anhaltenden Interesse an den Tiefen der Psyche. Er verwebt psychologische Raffinesse mit dichter Atmosphäre zu Geschichten, die unter die Haut gehen.
Die Berge singen.
Bruder Johannes steht am Rand der Klippe, sein Habit weht im eisigen Wind. Unter ihm erstreckt sich das Tal wie eine steinerne Schale, gefüllt mit den ersten Schneeflocken des Winters. Die anderen Mönche sind längst im behelfsmässigen Lager, schützen sich vor der beissenden Kälte. Aber Johannes kann nicht schlafen. Nicht während die Berge singen.
Er ist der Einzige, der es so deutlich hört. Die Anderen spüren nur ein unterschwelliges Summen, ein Vibrieren in ihren Knochen. Aber für Johannes ist es Musik - fremd und vertraut zugleich, komplex wie die grössten Werke der Meister und doch älter als jede menschliche Komposition.
Mit zitternden Fingern zieht er sein Notizbuch hervor, das kostbare Pergament steif von der Kälte. Seine Tinte ist längst gefroren, aber er hat Holzkohle dabei. Mit schnellen Strichen zeichnet er die Muster auf, die er in den Tönen erkennt. Keine gewöhnlichen Noten - diese Musik folgt anderen Gesetzen.
"Bruder Johannes." Die Stimme des Abtes durchdringt die Dunkelheit. "Es ist nicht sicher hier oben."
Johannes dreht sich nicht um. Seine Hand zeichnet weiter, besessen von einer fiebrigen Energie. "Hört Ihr es nicht, Vater? Die Harmonie... sie ist perfekt. Mathematisch perfekt."
Der alte Abt tritt neben ihn, sein Gesicht im Mondlicht wie aus Stein gemeisselt. "Ich höre es. Und ich fürchte es."
Endlich hält Johannes inne. Seine Zeichnungen bedecken mehrere Seiten - geometrische Formen, die sich zu albtraumhaften Mustern verflechten. "Warum Furcht? Dies könnte ein Zeichen sein. Eine göttliche Offenbarung."
"Göttlich?" Der Abt schüttelt langsam den Kopf. "Diese Töne sind älter als unsere Kirchen, älter als unsere Gebete. Die Einheimischen meiden diese Berge seit Generationen. Sie sprechen von Stimmen in der Tiefe, von Wesen, die in den Höhlen hausen."
Ein besonders tiefer Ton lässt den Felsen unter ihren Füssen vibrieren. Johannes spürt, wie sein Bewusstsein sich zu verändern beginnt, wie die Musik in seinem Kopf Muster formt.
"Wir müssen es verstehen", flüstert er. "Diese Harmonien... sie könnten die Grundlage für eine neue Art von Musik sein. Eine Musik, die direkt zur Seele spricht."
"Oder sie verdammt." Der Abt greift nach Johannes' Arm. "Kommt. Der Sturm zieht auf."
Aber Johannes kann sich nicht losreissen. Die Musik wird stärker, komplexer. In den Tiefen der verschneiten Täler beginnen Lichter zu tanzen, dimensionsverzerrende Formen zeigten sich in der Luft.
"Seht Ihr?" Seine Stimme überschlägt sich. "Es zeigt sich uns! Es will kommunizieren!"
Der Abt macht das Kreuzzeichen. "Gott steh uns bei", murmelt er. "Es beginnt bereits."
In dieser Nacht trifft der Abt eine Entscheidung. Hier, an diesem Ort der singenden Berge, wird ein Kloster errichtet werden. Nicht zur Ehre Gottes - oder zumindest nicht nur dafür. Sondern als Wächter. Als Gefängnis.
Die nächsten Monate vergehen wie im Fieber. Bruder Johannes leitet den Bau, getrieben von einer manischen Energie. Die Architektur folgt seinen seltsamen Zeichnungen - präzise und perfekte Winkel, alles berechnet, um mit den Tönen aus dem Berg zu harmonieren.
Die anderen Mönche tuscheln. Sie sehen die Veränderung in ihm, die wachsende Besessenheit. Nachts hören sie ihn in seiner Zelle singen - keine heiligen Choräle, sondern fremdartige Melodien, die ihre Träume mit verstörenden Visionen füllen.
An einem kalten Dezembermorgen ist seine Zelle leer. Sie finden sein letztes Notizbuch, die Seiten gefüllt mit fieberhaften Berechnungen und einer letzten Warnung:
"Was wir für Musik hielten, ist ein Ruf. Was wir für Harmonien hielten, ist eine Sprache. Sie warten in den Räumen zwischen den Tönen, in den Frequenzen jenseits menschlichen Verstehens. Und sie hungern. Gott vergebe mir - ich habe ihnen eine Tür geöffnet."
Der Abt lässt die Aufzeichnungen nicht vernichten. Stattdessen werden sie tief in den Archiven des Klosters auf dem Heiligen Berg verwahrt, zusammen mit den architektonischen Plänen und den seltsamen Notationen. Die Benediktinerinnen entwickeln neue Gesänge - nicht zur Anbetung, sondern zur Abwehr. Gregorianische Choräle, deren wahre Bedeutung nur den Eingeweihten bekannt ist.
Das Kloster Säben wird zu einem Bollwerk gegen das, was in den Bergen lauert. Seine Mauern, seine Gesänge, seine heiligen Rituale - alles dient nur einem Zweck: Das Tor geschlossen zu halten, das Bruder Johannes versehentlich öffnete.
Jahrhunderte vergehen. Die wahre Geschichte wird zu Legende, die Legende zu Gerüchten. Nur wenige
Auserwählte kennen noch die Wahrheit über die singenden Berge und das, was jenseits der Töne wartet.
Aber in den tiefsten Gewölben des Klosters, wo die Stille am dichtesten ist, kann man es manchmal noch hören: Ein unterschwelliges Summen, ein Vibrieren in den Knochen. Die Berge singen noch immer.
Und sie werden gehört.
Der Hilferuf
Hannah Kronauer steht am Fenster ihrer Münchner Wohnung und beobachtet den fallenden Schnee. Es ist die Art von Stille, die nur ein Winterabend bringen kann - weich, dämpfend, fast greifbar. Die Flocken tanzen im Licht der Strassenlaternen wie leuchtende Konfetti, während die Stadt unter einer weissen Decke verschwindet. Ihr Spiegelbild im Fensterglas zeigt eine hochgewachsene Frau Anfang vierzig, das dunkle Haar kürzer als früher, neue Falten um ihre Augen. Zwanzig Jahre bei der Kripo haben ihre Spuren hinterlassen.
Eine unberührte Tasse Tee dampft auf ihrem Schreibtisch - der dritte heute, den sie kalt werden liess. Daneben stapeln sich die Akten des aktuellen Falls, jede Seite durchgearbeitet, mit Notizen übersät. Hannah lebt diese Fälle, anstatt sie nur zu bearbeiten. Drei vermisste Jugendliche in den letzten zwei Monaten, keine erkennbaren Verbindungen, keine Spuren. Die Fotos der Vermissten starren sie an - junge Gesichter voller Hoffnung und Zukunftspläne. Hannah reibt sich die müden Augen. Vermisste Personen sind ihre Spezialität, ihr persönlicher Kreuzzug. Sie weiss warum, auch wenn sie es in ihren Berichten nie erwähnt. Die alte Narbe in ihrer Handfläche juckt bei der Erinnerung.
Ihr Diensthandy zerreisst die Stille mit schrillem Klingeln. Ihre Hand tastet automatisch nach der Waffe auf dem Schreibtisch – alte Gewohnheiten sterben langsam. Das Display durchbricht die Dunkelheit mit seinem kalten Licht: 3:24 Uhr. Der Name auf dem Display lässt ihr Herz für einen Moment aussetzen: "Kloster Säben".
Die Erinnerungen überfluten sie wie eine dunkle Welle. "Warum ausgerechnet ich?", fragte sie sich verzweifelt. "Warum ruft mich dieses verfluchte Kloster immer wieder zurück?"
Zwanzig Jahre lang hat sie versucht, diesen Ort zu vergessen, die massiven Steinmauern, die hallenden Gänge, die Geheimnisse, die sich in den Schatten verbergen. Der Geruch von Weihrauch und altem Stein steigt in ihrer Nase auf, so lebendig als wäre es gestern gewesen. Ihre Hand zittert leicht, als sie das Gespräch annimmt.
"Kronauer", meldet sie sich, die Stimme bewusst neutral gehalten. Am anderen Ende der Leitung erklingt das aufgelöste Flüstern einer älteren Frau. Eine Stimme, die sie sofort erkennt, auch wenn sie sie seit ihrer Jugend nicht mehr gehört hat. Die Stimme, die sie damals durch die dunkelsten Stunden begleitet hatte.
"Schwester Magdalena hier." Eine Pause, schweres Atmen. "Kommissarin Kronauer... Gott sei Dank erreiche ich Sie. Marie ist verschwunden. Seit gestern Abend."
Hannah schliesst kurz die Augen, ihr Puls beschleunigt sich. Marie. Eine Novizin.
Verschwunden. Das Wort hallt in ihrem Kopf wider, weckt Erinnerungen, die sie tief vergraben hatte. Ein anderes Verschwinden, vor langer Zeit. Eine andere Nacht. Der alte Albtraum kehrt zurück: Kerzenflackern in dunklen Gängen, gregorianische Gesänge, die sich zu etwas Fremdartigem verzerren, und am Ende... Nein. Nicht jetzt.
"Erzählen Sie mir alles", sagt sie knapp, während nach ihrer Einsatzkleidung greift. Die alte Narbe an ihrer Handfläche beginnt zu pochen, ein physisches Echo vergangener Ereignisse. Ihre Bewegungen sind präzise, automatisch, jahrelang trainiert.
"Marie war bei der nächtlichen Chorprobe. Danach wollte sie allein weiterüben - wissen Sie, sie ist sehr gewissenhaft. Bis gegen zehn Uhr. Aber heute Morgen..." Magdalenas Stimme bricht. "Ihr Bett ist unberührt.
Hannah zieht sich an, klemmt das Handy zwischen Ohr und Schulter. Draussen heult der Wind um das Münchner Hochhaus. Ein Vorbote dessen, was sie in den Bergen erwarten wird. Hannah spürt es in den Knochen - dieser Fall wird anders sein. Thermounterwäsche zuerst – sie kennt die Kälte in den Klostermauern. Darüber die schwarze Einsatzhose, das langärmlige Shirt. "Wer hat sie zuletzt gesehen?"
"Schwester Clara, unsere neue Chorleiterin." Eine kurze Pause, in der Hannah das Rascheln von Papier hört. "Hannah... es ist wie damals. Die gleichen Zeichen, die gleichen..."
"Nicht am Telefon", unterbricht Hannah scharf. Sie kennt die Protokolle, weiss, dass manche Dinge nicht ausgesprochen werden dürfen. Nicht über unsichere Leitungen. "Wurde der Chorraum seit dem Verschwinden betreten?"
"Nein. Ich habe ihn versiegelt, sobald..." Magdalenas Stimme bricht ab, und Hannah hört die unterdrückte Panik darin. "Dr. Thaler wollte hinein, aber ich habe darauf bestanden zu warten. Auf Sie zu warten."
Dr. Thaler. Ein neuer Name, eine neue Variable in einem alten Spiel. Hannah macht sich mentale Notizen, während sie ihre Dienstwaffe anlegt und ihre Einsatztasche packt. "Wer ist er?"
"Ein Wissenschaftler. Er... forscht hier. Die Äbtissin hat ihm Zugang zu den alten Archiven gewährt." Etwas in Magdalenas Stimme lässt Hannah aufhorchen. Furcht? Oder etwas anderes? Der Name Thaler weckt eine vage Erinnerung, aber sie kann sie nicht greifen.
"Ich komme. Drei Stunden bis ich da bin. Niemand betritt bis dahin den Chorraum. Niemand. Verstanden?"
"Verstanden." Magdalena zögert, und als sie weiterspricht, klingt ihre Stimme älter, müder. "Hannah... seien Sie vorsichtig. Die Dinge hier... sie sind anders geworden. Das Kloster ist nicht mehr der Ort, den Sie kannten."
"Das war es nie", murmelt Hannah und beendet das Gespräch. Sie steht einen Moment regungslos in der Dunkelheit ihrer Wohnung, lauscht dem Heulen des auffrischenden Winds. In ihrem Kopf formt sich bereits der Einsatzplan. Erste Spuren sichern, Befragungen durchführen, Bewegungsprofile erstellen. Routine. Professionalität. Keine persönlichen Gefühle.
Aber als sie ihre Winterjacke überstreift und den Autoschlüssel nimmt, spürt sie es bereits: Das Kloster ruft sie zurück. Und diesmal wird sie sich ihren Dämonen stellen müssen.
Ankunft im Kloster
Die Serpentinen hinauf zum Kloster sind gefährlich glatt. Der Schneefall hat sich zu einem regelrechten Sturm entwickelt, verwandelt die Landschaft in ein gespenstisches Weiss. Die Scheinwerfer ihres Dienstwagens kämpfen gegen die Dunkelheit an, während Hannah den schweren BMW vorsichtig um die Kurven manövriert. Mit jedem Meter, den sie sich dem Kloster nähert, werden die Erinnerungen stärker, drängen sich aus den Winkeln ihres Bewusstseins.
Mit dreizehn war sie hierhergekommen. Ein verstörtes Kind auf der Flucht vor dem, was sie gesehen hatte. Bis sie die Stimmen zu hören begann.
Hannah schüttelt die Gedanken ab, konzentriert sich auf die Strasse. "Zwanzig Jahre, und es fühlt sich an wie gestern", dachte sie bitter. "Manche Wunden heilen nie wirklich."
Der Bordcomputer zeigt minus sieben Grad, Tendenz fallend. Der Wetterbericht hatte einen Jahrhundert-Wintereinbruch vorhergesagt. Perfektes Timing. Sie schaltet das Radio ein, sucht nach den lokalen Nachrichten. Statisches Rauschen empfängt sie. Je höher sie kommt, desto schlechter wird der Empfang, bis nur noch weisses Rauschen bleibt. Auch das Handy zeigt keinen Empfang mehr. Der Bildschirm zeigte nur 'Kein Netz'. Sie hätte es wissen müssen. An diesem abgelegenen Ort, war an eine stabile Verbindung nicht zu denken.
Nach der letzten Serpentine taucht das massive Gebäude wie eine düstere Festung vor ihr auf, seine Umrisse verschwimmen im wirbelnden Schnee. Grauer Stein gegen weissen Schnee, die Fenster meist dunkel, nur in der Kapelle brennt noch Licht. Der Vorplatz ist menschenleer, als Hannah parkt. Über dem Portal thront die steinerne Maria, ihr verwittertes Gesicht von Jahrhunderten gezeichnet. Der Schnee dämpft jeden Laut, hüllt alles in eine unheimliche Stille.
Die Stille. Sie hatte sie fast vergessen, diese besondere Qualität der Stille hier oben. Nicht friedlich, nicht beruhigend, sondern... lauernd. Als würde das alte Gemäuer selbst den Atem anhalten. Ein unterschwelliges Vibrieren liegt in der Luft, kaum wahrnehmbar, aber präsent. Wie ein ferner Basston, der direkt in den Knochen resoniert.
Schwester Magdalena erwartet sie bereits an der schweren Holztür. Die Bibliothekarin hat sich kaum verändert in all den Jahren – das gleiche hagere Gesicht, die gleichen durchdringenden Augen hinter der altmodischen Brille. Nur die Sorgenfalten sind tiefer geworden, und ihr Haar unter dem Schleier ist nun vollständig grau.
"Gott sei Dank sind Sie hier", sagt sie leise und führt Hannah hinein in die gewölbten Gänge ihrer Vergangenheit. Der vertraute Geruch nach Wachs, altem Holz und Weihrauch löst eine weitere Flut von Erinnerungen aus, wie eine dunkle Welle. Die steinernen Korridore erstrecken sich scheinbar endlos. Schatten tanzen. Im Licht der elektrischen Wandleuchten, die längst die alten Kerzenhalter ersetzt haben, wirkt alles fremdartig vertraut.
"Nichts hat sich verändert", murmelt Hannah, während sie Magdalena folgt.
"Vieles hat sich verändert." Magdalena korrigierte sie sanft. "Dr. Thaler hat … Modernisierungen vorgenommen." Hannah folgte Magdalenas Blick zur Decke. "Dr. Thalers Modernisierungen", erklärte sie leise. "Er hat darauf bestanden, das gesamte Areal aufzurüsten", sagte Magdalena mit gedämpfter Stimme. "Überwachungskameras, Bewegungssensoren, alles, was die moderne Technik hergibt."
Hannah runzelte die Stirn. "Und das alles hier oben, mitten in den Bergen?"
"Ja", fuhr Magdalena fort. "Die Daten fliessen über eine eigene Glasfaserleitung ins Tal. Dr. Thaler hat sie durch den alten Versorgungsschacht verlegen lassen. So bleibt er unabhängig vom launischen Mobilfunknetz."
Sie verstummte für einen Augenblick, als lausche sie auf etwas. Dann neigte sie sich zu Hannah. "Die Äbtissin unterstützt seine Forschungen. Aber die alten Geheimnisse… sie sind noch hier. Tiefer vergraben vielleicht, aber nicht verschwunden."
Sie erreichen den Kreuzgang. Der Schnee fällt durch die offenen Arkaden, bildet kleine Verwehungen auf dem Steinboden. Hannah bleibt stehen, ihr Blick fällt auf eine bestimmte Stelle unter dem alten Kruzifix. Die Erinnerung trifft sie wie ein physischer Schlag. "Dort", sagt sie leise, mehr zu sich selbst. Ihre Hand wandert unbewusst zu der Narbe in ihrer Handfläche. "Das war die Nacht, als ich..."
"Als Sie die Wahrheit entdeckten", vollendet Magdalena den Satz. Die alte Nonne legt ihre faltige Hand auf Hannahs Arm. "Die Wunde hat Sie hierher geführt. Zu den Archiven. Zu dem Wissen."
Hannah schüttelt die Erinnerung ab, zwingt sich zur Professionalität zurück. "Bringen Sie mich zum Chorraum. Ich muss die Spuren sehen, bevor sie kalt werden."
Aber während sie durch die dämmrigen Gänge gehen, spürt sie, wie die Vergangenheit sie einholt. Das Kloster hat sie zurückgerufen, und diesmal wird sie sich allen Geheimnissen stellen müssen. Die Narbe in ihrer Hand pocht im Rhythmus eines unhörbaren Pulses, der durch die alten Mauern zu schwingen scheint.
Erste Spuren
Der Chorraum liegt im ältesten Teil des Klosters, seine massiven Steinwände scheinen die Jahrhunderte in sich aufgesogen zu haben. Die Luft hier riecht nach Kerzenwachs und altem Holz, aber da ist noch etwas anderes – ein kaum wahrnehmbarer Unterton, den Hannah nicht einordnen kann. Ein schwaches Vibrieren scheint durch die Mauern zu dringen, mehr spürbar als hörbar, wie ein ferner Herzschlag.
Hannah lässt den Strahl ihrer Taschenlampe über die Chorgestühle wandern. Die kunstvollen Schnitzereien werfen groteske Schatten an die Wände, Heiligenfiguren und Dämonen scheinen im flackernden Licht zu tanzen. Der Raum ist kalt, viel kälter als der Rest des Klosters, ihr Atem kondensiert in kleinen Wolken vor ihrem Gesicht.
"Marie sass dort." Magdalena deutet auf einen Platz in der zweiten Reihe. Ihre Hand zittert leicht, und Hannah bemerkt die unterdrückte Anspannung in ihrer Stimme. "Sie war wie immer eine der Letzten, die übten. Ihr Gesangsbuch liegt noch genau so, wie sie es zurückgelassen hat."
Hannah tritt näher, lässt den Lichtkegel ihrer Taschenlampe über das aufgeschlagene Buch wandern. Gregorianische Gesänge in der traditionellen Notation, die Seiten voller handschriftlicher Notizen in einer ordentlichen, mädchenhaften Handschrift. Aber zwischen den normalen Anmerkungen zur Musik sieht sie andere Zeichen – geometrische Formen, mathematische Formeln, seltsame Symbole am Rand. Sie erinnern sie an etwas, aber sie kann nicht genau sagen, woran.
Ihr Blick schweifte weiter über den Platz, den Marie eingenommen hatte. Halb unter dem Notenheft, als hätte man es beim schnellen Aufräumen übersehen, lag ein kleines, in Leder gebundenes Büchlein. Es wirkte auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Gebetbuch, doch als Hannah es aufhob, spürte sie das leicht nachgiebige Gewicht echter Tagebuchseiten. Kein offizielles Gebetbuch des Ordens. Auf dem Einband waren keine Prägungen, kein Titel. Nur das abgewetzte Leder, das von häufigem Gebrauch zeugte.
Hannah öffnete es vorsichtig. Die erste Seite war leer, doch auf der zweiten stand in einer sauberen, leicht geschwungenen Handschrift: "Mein Weg im Licht – und Schatten. M.G." "Ein Tagebuch", erkannte sie sofort. "Persönlich. Intim. Hier stehen die wahren Antworten." Ein weiterer unerwarteter Fund an diesem Ort, der vielleicht die Tür zu den Geheimnissen dieses Klosters aufstossen konnte. Sie schob es unauffällig unter die Aktenmappe, die sie bei sich trug. Auch dieser Fund musste vorerst ihr Geheimnis bleiben.
"War sie in letzter Zeit anders als sonst? Bedrückt? Hatte sie Konflikte?" Hannah spricht leise, aber ihre Stimme hallt dennoch von den hohen Gewölben wider. Ein Echo wie aus einer anderen Zeit.
Schwester Magdalena zögert, eine Sekunde zu lang für Hannahs Geschmack. "Sie... sie war sehr interessiert an den alten Gesängen. Verbrachte viel Zeit in der Bibliothek. Studierte die ursprünglichen Aufzeichnungen."
"Zusammen mit Dr. Thaler?"
Ein schneller, nervöser Blick der alten Nonne. "Er... beriet sie. Fachlich. Er ist ein Experte für gregorianische Musik, verstehen Sie? Die harmonischen Strukturen, die mathematischen Muster dahinter..."
Hannah nickt langsam, während ihr Blick auf etwas am Boden fällt. Fast unsichtbar auf den dunklen Steinfliesen: Kratzspuren, als hätte jemand etwas Schweres über den Boden gezogen. Sie führen zu einer unscheinbaren Seitentür.
"Wo geht es da hin?"
"Zum alten Kellergewölbe", antwortet Magdalena. "Aber das wird seit Jahren nicht mehr benutzt." Ihre Stimme klingt neutral. Zu neutral.
Hannah richtet sich auf, mustert die alte Nonne scharf. Zwanzig Jahre, und noch immer erkennt sie die Zeichen - den leicht erhöhten Puls an Magdalenas Hals, die kaum merkliche Spannung in ihrer Haltung.
"Dann wird es Zeit, dass wir es wieder öffnen." Sie greift nach ihrer Taschenlampe. "Holen Sie die Schlüssel, Schwester. Alle Schlüssel."
In der Stille des Chorraums scheint etwas zu lauern, eine Spannung, die nichts mit der nächtlichen Stunde zu tun hat.
Die mysteriösen Frequenzen scheinen an Intensität zu gewinnen, oder täuscht sie sich? Hannah spürt es deutlich: Dies markiert erst den Beginn. Was auch immer hier geschehen ist - es wird sich nicht auf einen simplen Vermisstenfall beschränken.
Während sie auf Magdalenas Rückkehr wartet, vertieft sie sich in die rätselhaften Notizen in Maries Gesangbuch. Zwischen den Notenzeilen entdeckt sie wiederkehrende Symbole, verknüpft durch komplexe mathematische Formeln. Am Rand eine hastig gekritzelte Frage: "Warum gerade diese Klangfolge? Das kann unmöglich Zufall sein..."
Hannah klappt das Buch zu, als Magdalenas Schritte näher kommen. Erstmals seit Jahren empfindet sie eine persönliche Verbindung zu einem Opfer. Maries Aufzeichnungen könnten von ihr selbst stammen - dieselbe Empfindsamkeit, dieselbe verhängnisvolle Neugier.
Der schwere Schlüsselbund in den Händen der alten Nonne klirrt leise, ein metallisches Echo in der gespenstischen Stille. Durch die hohen Fenster fällt fahles Mondlicht, zeichnet seltsame Muster auf den Steinboden. Für einen Moment meint Hannah, in diesen Mustern die gleichen geometrischen Formen zu erkennen wie in Maries Notizen.
Später, in der kargen Zelle, die man ihr als vorläufiges Quartier zugewiesen hatte, zog Hannah das kleine, Tagebuch wieder hervor. Die Stille des Klosters war hier oben fast vollkommen, nur unterbrochen vom Heulen des Windes draussen und dem leisen, unterschwelligen Brummen in den Mauern, das sie seit ihrer Ankunft nicht mehr losliess. Der Fund im Chorraum fühlte sich Stunden entfernt an, doch das Gewicht des Buches in ihren Händen war real.
Sie schlug es auf, blätterte vorsichtig über die ersten Seiten, bis sie auf einen Eintrag stiess, der nur wenige Tage alt zu sein schien. Maries Handschrift war hier hastiger, weniger kontrolliert als auf der Titelseite.
"18. November
Heute war ich wieder im alten Proberaum im Westflügel. Es ist der einzige Ort hier, an dem ich mich wirklich... frei fühle. Mit der alten Geige von Dachboden. Sie ist ramponiert und klingt manchmal wie eine verärgerte Katze, aber sie ist meine.
Habe versucht, das Adagio von Albinoni zu spielen. Zuerst nur die üblichen zögerlichen, kratzenden Töne, aber nach ein paar tiefen Atemzügen... da war sie wieder, diese Melodie. So klar und wehmütig. Natürlich ist es kein Meisterstück, ich verhasple mich oft, muss neu ansetzen, aber diese Leidenschaft, die dann hochkommt... Es ist, als würde die Musik etwas in mir ausdrücken, für das ich keine Worte habe. Eine Sehnsucht, eine leise Hoffnung.
Als ich geendet hatte, habe ich eine Weile nur dagestanden und das Holz der Geige gestreichelt. Schwester Agnes würde sagen, es sei Zeitverschwendung für jemanden wie mich. 'Konzentriere dich auf deine Pflichten, Kind.' Pflichten. Manchmal fühlt sich dieses ganze Kloster wie eine einzige, erdrückende Pflicht an.
Ich würde so gerne richtig Musik studieren. Am Konservatorium, vielleicht in Salzburg oder Wien. Eine absurde Vorstellung, ich weiss. Hier lernt man andere Dinge. Wichtigere Dinge, wie sie sagen. Aber manchmal, wenn ich die Augen schliesse, stelle ich mir vor, wie es wäre, auf einer richtigen Bühne zu stehen. Das Licht, die Stille, bevor der erste Ton erklingt. Nicht nur hier im alten Proberaum, wo jeder schiefe Ton von den Wänden verschluckt wird und niemand ihn hört. Aber ein bisschen träumen ist ja erlaubt, oder? Es ist das Einzige, was sie mir nicht nehmen können."
Hannah hielt einen Moment inne, berührt von der Offenheit und Sehnsucht, die aus diesen Zeilen sprach. Ein tiefes Mitgefühl für das junge Mädchen stieg in ihr auf. Doch als sie weiterblätterte, schlug der Ton des Eintrags vom 18. November abrupt um. Die fast unbeschwerte Melancholie der vorherigen Seite wich einer spürbaren, wachsenden Beklemmung, die Hannah beim Lesen einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
"Die Frequenzen werden stärker. Ich höre sie jetzt nicht mehr nur während der Chorproben oder bei Dr. Thalers Experimenten im Archiv. Sie sind... überall. Ein konstanter Unterton unter der Stille. Manchmal kann ich sie fast sehen, wie schimmernde Schwingungsmuster, die hinter der Realität flimmern. Die Symbole, die ich im alten Chorbuch fand – sie sind Teil davon. Dr. T. nennt es Resonanz, sagt, ich sei besonders empfänglich. Aber es fühlt sich anders an. Nicht wie Musik. Es fühlt sich... gierig an. Schwester Magdalena warnt mich, aber sie versteht nicht, wie tief es schon geht. Ich habe Angst. Nicht vor dem Klang selbst, sondern davor, was er mit mir macht. Was er aus mir machen will."
Hannah schloss das Buch langsam. Das Wort hallte bedrohlich in der Stille ihrer Zelle wider. Die Beschreibung der Muster hinter der Realität, die Warnung Magdalenas – es erinnerte sie schmerzlich an ihre eigene Jugend hier, an die gefährliche Faszination des Tonums. Marie war tiefer in den Strudel geraten, als Hannah geahnt hatte. Und Dr. Thalers Rolle schien weitaus beunruhigender als die eines blossen Musikwissenschaftlers. Die Verbindung zwischen den alten Gesängen, den Frequenzen und Maries Verschwinden wurde immer deutlicher – und bedrohlicher. Sie musste mehr herausfinden, bevor das Kloster auch sie wieder verschlang.
Zeit, den Abstieg zu beginnen. In die Dunkelheit. In die Vergangenheit. In die Geheimnisse, die der heilige Berg seit Jahrhunderten hütet. Das Summen in den Wänden wird stärker, als hätte das alte Gemäuer nur auf diesen Moment gewartet.
