Im Auftrag der Admiralität - Mirco Graetz - E-Book

Im Auftrag der Admiralität E-Book

Mirco Graetz

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Beschreibung

Nach einer schweren Verwundung kehrt Sir Henry du Valle zurück in den Dienst. Zu seiner Enttäuschung erhält er jedoch kein neues Kommando, sondern wird auf eine Geheimmission nach Kopenhagen gesandt, wo britische Diplomaten versuchen, einen drohenden Krieg doch noch abzuwenden. Als die diplomatischen Bemühungen scheitern, findet sich Sir Henry du Valle an der Seite Lord Nelsons in einer blutigen Schlacht gegen die dänische Marine wieder.

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nach einer schweren Verwundung kehrt Sir Henry du Valle zurück in den Dienst. Zu seiner Enttäuschung erhält er jedoch kein neues Kommando, sondern wird auf eine Geheimmission nach Kopenhagen gesandt, wo britische Diplomaten versuchen, einen drohenden Krieg doch noch abzuwenden. Als die diplomatischen Bemühungen scheitern, findet sich Sir Henry du Valle an der Seite Lord Nelsons in einer blutigen Schlacht gegen die dänische Marine wieder.

Die Henry du Valle Romane:

Band 1

Korsaren und Spione

Band 2

Korsaren in der Ostsee

Band 3

Verrat vor der Korsarenküste

Band 4

Die Festung des Paschas

Band5

Freibeuter und Verräter

Band 6

Gefährliche Untiefen

Band 7

Im Auftrag der Admiralität

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Nachwort

Prolog

Dichter Nebel waberte über dem Wasser des Ärmelkanals. Trotzdem setzte Sir Henry du Valle immer wieder sein Fernrohr an und versuchte, hinter der grauen und kalten Wand irgendetwas zu erkennen. Nachdem der Konvoi zunächst nur mühevoll kreuzend aus Portsmouth herausgekommen war, hatte der Wind unvermittelt gedreht und brachte nun eine eisige Kälte aus dem Osten, die das vom Golfstrom erwärmte Wasser zum Dampfen brachte.

„An Deck, Segel in Sicht achteraus“, meldete der Ausguck. Sean Rae, ein Orkney-Mann, saß auf der Fockbramsaling und hatte mit seinen bemerkenswerten Adleraugen etwas entdeckt. Henry blickte unwillkürlich hinauf, konnte aber nur sehen, dass die drei Masten der Orange ungefähr auf der Höhe der Marssalings im Nebel verschwanden. Er beschloss, zu Sean Rae hinaufzusteigen, um sich dort selbst ein Bild davon zu machen, was der Ausguck gesehen haben mochte.

Die Webleinen waren feucht und rutschig. Fast hätte es noch gefehlt, dass sich an ihnen Eis bildete, aber dafür war das Frühjahr 1800 dann doch schon zu weit fortgeschritten. Immerhin ging es bereits auf die Pfingstfeiertage zu. Vorsichtig machte sich Henry auf den Weg nach oben. Jetzt nur nicht abrutschen und ins Meer stürzen. Bei dieser schlechten Sicht hätte man keine Chance auf Rettung.

„Warten Sie, Sir Henry, ich helfe Ihnen“, sagte Sean Rae und zog Henry auf die Saling. Sir Henry! Eigentlich legte Henry keinen großen Wert auf diesen Titel. Als die Seigneurs von Valle herrschte seine Familie schon seit Jahrhunderten über ein großes Gebiet auf der Kanalinsel Guernsey, ohne dass es einen Adelstitel gebraucht hätte. Seine Mannschaft war jedoch stolz darauf, einen echten Sir ihren Kommandanten nennen zu können. Deshalb wurde dieser Titel auch bei jeder Gelegenheit betont und man blickte mit einer gewissen Überheblichkeit auf die Schiffe, die von einem einfachen Captain kommandiert wurden.

Erstaunt stellte Henry fest, dass man hier oben direkt einen Anflug von Sonne erkennen konnte. Vor sich erkannte er die Masten des Konvois, der trotz der schlechten Witterung erstaunlich eng beisammengeblieben war. Aber eigentlich war das kein Wunder, denn es handelte sich um einen Konvoi von zwanzig Ostindienfahrern, deren Kommandanten als gute Seeleute bekannt waren.

Als sich Henry umdrehte, sah er die Masten eines einzelnen Schiffs. Diesem Schiff hatte die Meldung Sean Raes gegolten. Es handelte sich um ein französisches Linienschiff1 mit achtzig Kanonen, das irgendwie durch die Blockade von Cherbourg geschlüpft war und den Konvoi nun bereits seit zwei Tagen verfolgte. Dieses verdammte Linienschiff ließ sich einfach nicht abhängen, ganz egal, welchen Kurswechsel Lord Henry Paulet befahl. Der französische Kommandant schien jeden einzelnen Schritt zu ahnen und lag damit bisher immer richtig.

Lord Henry Paulet, der Zweitgeborene des Marquess of Winchester, der als ranghöchster Kommandant den Konvoi befehligte, hatte mit seinem Vierundsiebziger Defence die Führungsposition eingenommen und Henry mit der Orange an das Ende beordert. Außerdem gehörten noch zwei Sloops2 zur Eskorte des Konvois, die gegen ein feindliches Linienschiff aber keine Rolle spielen konnten. Sie deckten den Konvoi seitlich gegen kleinere Freibeuter, von denen die See in dieser Gegend am Eingang in den Ärmelkanal förmlich verseucht zu sein schien.

Kanonenschüsse ertönten. Henry blieb ganz ruhig, denn er wusste, dass es sich lediglich um ein Signal für den nächsten Kurswechsel handelte. Die Defence hatte den ersten Schuss abgefeuert, der dann von den Schiffen des Konvois wiederholt wurde. An Deck würde jetzt Mr. Benson, der Master3 der Orange, auf die Uhr schauen, um dann anhand der Tabelle, die Lord Paulet entworfen hatte, den neuen Kurs zu befehlen.

Die Orange drehte nach Steuerbord4. Wenn Henry die Karte des Ärmelkanals richtig im Kopf hatte, würde ihr Bug jetzt ungefähr in die Richtung von Falmouth weisen. Falmouth! Der Gedanke an den kleinen Hafen an der Küste Cornwalls ließ Henry noch immer erschauern. Wie in einem Alptraum hatte er sich damals gefühlt, als ihn Admiral Edgar unter Arrest stellen ließ. Seitdem war kein Jahr vergangen, doch wie viel war seitdem geschehen.5

„Sir Henry, der Franzose ist im Nebel verschwunden“, sagte Sean Rae. Henry schreckte auf und blickte sich um. Tatsächlich, die Masten des Linienschiffs waren nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte sein Kommandant den Kurswechsel nicht bemerkt und so die Fühlung zur Orange verloren, oder er kannte den Generalkurs des Konvois und ließ sich durch solche Manöver nicht beirren.

Henry enterte ab und begab sich in seine Tageskajüte, wo bereits ein opulentes Frühstück auf ihn wartete. Für Henry war es die wichtigste Mahlzeit des Tages und sein Steward legte sich dafür entsprechend ins Zeug. So kurz nach dem Auslaufen waren die Lebensmittel auch noch frisch und vor allem reichlich vorhanden.

Es polterte auf dem Niedergang, dann wurde die Tür nach einem kurzen Klopfen aufgerissen. „Sir, Sir Henry, Empfehlungen von Mr. Benson, der Nebel reißt auf“, meldete Mr. Pauls, der jüngste Kadett an Bord, atemlos. „Danke, Mr. Pauls, ich komme sofort“, antwortete Henry, trank aber seinen Kaffee noch in Ruhe aus. Solange kein feindliches Schiff gemeldet wurde, bestand kein Grund zur Eile.

Als Henry an Deck kam, wurde es bereits von der Sonne beschienen. Vor der Orange war der langgestreckte Konvoi zu sehen, der dem Führungsschiff in zwei Kolonnen folgte. Achteraus lag, wie abgeschnitten, die düstere Nebelwand. Das Führungsschiff signalisierte und der Konvoi drehte nach Backbord6. Somit verlief der Kurs nun parallel zu der Nebelwand. Henry hatte kein gutes Gefühl. Lag es an der Nebelwand, die den Konvoi mit einem Auffrischen des Windes jederzeit wieder verschlucken konnte? Er rief Leutnant Nutton zu sich, der an Bord als Dritter Leutnant diente und zugleich ein alter Bordkamerad von der Mermaid war.

„Sir Henry?“, sah ihn der Leutnant fragend an. „Hatte die Besatzung ihr Frühstück?“ „Aye Sir, vor einer halben Stunde“, antwortete John Nutton. „Gut, John, dann lassen Sie Klarschiff zum Gefecht machen“, sagte Henry. Leutnant Nutton wirkte zwar überrascht, gab aber sofort die nötigen Befehle.

Während Henry auf der Luvseite7 des Achterdecks scheinbar unbehelligt vom nun ausbrechenden Tohuwabohu auf und ab wanderte, handelte jeder Mann an Bord nach einem genau festgelegten Plan. Mr. Benson übernahm wieder die Schiffsführung, denn bei Alarm war Mr. Nuttons Station die untere Geschützbatterie. Der Erste Leutnant, dessen Platz nun bei Henry war, kam an Deck.

„Sir Henry, Sie haben Klarschiff zum Gefecht befohlen?“, fragte Mr. Bowen. „Ja, Mr. Bowen, Übung kann niemals schaden. Außerdem habe ich vor dieser Nebelwand kein wirklich gutes Gefühl. Immerhin muss der Franzose dort noch irgendwo stecken“, antwortete Henry. Leutnant Bowen zuckte nur mit den Schultern und begleitete Henry schweigend auf seinem Weg über das Achterdeck. John Bowen war zwar ein ausgezeichneter Seemann, doch ihm fehlten Phantasie und Initiative, dachte Henry bei sich.

Schließlich meldeten alle Stationen Gefechtsbereitschaft und Leutnant Bowen meldete formell: „Sir Henry, das Schiff ist klar zum Gefecht.“ „Danke, Mr. Bowen.“

„An Deck, Segel an Backbord“, meldete der Ausguck, bei dem es sich nun um Giorgio handelte. Giorgio hatte im vergangenen Jahr in Messina auf der Mermaid angeheuert und gehörte nun wie Sean Rae zu Henrys festem Gefolge8. Sofort ließ sich Henry ein Fernrohr bringen. Tatsächlich, dort brach der französische Achtziger durch die Nebelwand!

„Mr. Bowen, lassen Sie mehr Segel setzen, Mr. Benson legen Sie die Orange vor den Konvoi, Mr. Sykes, signalisieren Sie Feind in Sicht“, befahl Henry nun. Was für ein glücklicher Zufall, dass die Orange schon gefechtsbereit war.

Seiner Majestät Schiff Orange war ein Zweidecker mit vierundsechzig Kanonen. Im unteren Batteriedeck standen sechsundzwanzig Vierundzwanzigpfünder und im oberen Batteriedeck sechsundzwanzig Achtzehnpfünder. Hinzu kamen zwei Neunpfünder auf der Back und zehn Neunpfünder sowie vier Zweiunddreißiger-Karronaden9 auf dem Achterdeck. Das ergab zwar achtundsechzig Geschütze, doch für die Bürokraten in Whitehall10 zählten die Karronaden nicht mit.

Inzwischen waren neben den Marssegeln auch die Bramsegel gesetzt und die Orange machte deutlich mehr Fahrt. So gelang es ihr, sich zwischen den Konvoi und den Angreifer zu schieben. Die Defence signalisierte derweil „Konvoi nach Steuerbord abdrehen“. Henry konnte sehen, dass sie selbst jedoch nach Backbord drehte und offenbar in Richtung des Angreifers aufkreuzen wollte. Bis die Defence auf Schussweite heran war, musste die Orange standhalten.

„Bramsegel reffen, Marssegel backstellen“, befahl Henry nun. Wenn die Orange zu schnell war, würde der Franzose ihr Heck passieren. Das hätte tödliche Konsequenzen für alle an Bord. Das französische Linienschiff stürmte unter vollen Segeln heran. Gespannt warteten die Männer auf der Orange, dass sich ihr Gegner auf Schussweite näherte. Viel würde von der ersten Breitseite abhängen.

„Backbordbatterien Feuer!“, rief Henry. Die Kanonen entluden sich in einer einzigen Explosion und hüllten die Orange in Pulverdampf. Deshalb konnte Henry auch nicht das Ergebnis dieser ersten Breitseite sehen. Als sich der Rauch verzogen hatte, sah er, dass sein Gegner während der ersten Breitseite nach Backbord abgedreht war und sich nun auf einem Parallelkurs zur Orange befand.

Rauch stieg über dem Franzosen auf. „Volle Deckung!“, schrie Henry und warf sich hin. Dann war das Dröhnen der Breitseite zu hören und die Kugeln schlugen in Rumpf und Masten der Orange ein. Der Fockmast war gleich von zwei Kettenkugeln getroffen worden. Seine Reste hingen über die Steuerbordseite und drehten das Heck der Orange in Richtung ihres Gegners. Sofort stürzte Mr. Brown mit seiner Bootsmannscrew hinzu, um alle Verbindungen zwischen Mast und Schiff zu kappen. Das gelang gerade noch rechtzeitig. Der Franzose, Henry konnte jetzt den Namen Formidable erkennen, hatte einen kleinen Vorsprung gewonnen, der nun der Orange zugutekam. Sie feuerte ihre zweite Breitseite ab. Leider landeten in der Hektik einige Kugeln im Meer, aber mindestens zwei Kugeln schlugen von schräg hinten in das Heck der Formidable ein.

Für einen Moment hoffte Henry, dass dabei auch die Ruderanlage getroffen wurde, doch kurz darauf leitete die Formidable eine Halse11 ein, um auf Gegenkurs zur Orange zu gehen. Inzwischen arbeitete der Bootsmann mit seinen Männern daran, am Stummel des Fockmastes ein Segel zu riggen, damit die Orange manövrierfähiger wurde.

Henry sah, wie die Formidable ihnen entgegenstürmte. Gleich würde sie ihre zweite Breitseite abfeuern, aber Leutnant Harris signalisierte bereits, dass die Orange bereit für eine dritte Breitseite war. Wo blieb die Defence? Ein Blick nach Steuerbord zeigte Henry, dass sie wohl noch eine Weile benötigen würde, bis sie ins Gefecht eingreifen konnte.

Die beiden Kontrahenten passierten sich in hoher Geschwindigkeit und feuerten fast gleichzeitig. Die Breitseite der Formidable riss drei Kanonen der Backbordbatterie um. Holzsplitter flogen als tödliche Waffen durch die Luft. Laute Schmerzensschreie ertönten. Leutnant Harris hatte ein armgroßer Splitter den Bauch aufgeschlitzt. Fassungslos starrte er auf seine herausquellenden Därme, ehe er stumm zu Boden fiel. Ein Schiffsjunge wurde von der Kugel eines Vierundzwanzigpfünders getroffen und förmlich zerrissen. Henry konnte kaum fassen, dass er selbst in dieser Hölle unverletzt blieb.

Er bekam einen Kadetten zu fassen der ihn völlig verstört anstarrte. „Mr. James, sagen Sie Leutnant Nutton, dass er die Oberdecksbatterie übernehmen soll“, befahl er ihm. Er musste den Befehl wiederholen, dann nickte der Junge begreifend und lief unter Deck.

Diesmal wendete die Formidable. Wenn die Orange nicht in der Lage war, zu reagieren, würde sie hinter ihrem Heck beidrehen und Henrys Schiff der Länge nach bestreichen. Mr. Brown kam. „Sir, wir haben eine Art Klüver geriggt“, meldete er. Henry hätte den Bootsmann umarmen können. Stattdessen beließ er es bei einem einfachen „Danke“.

„Mr. Benson, Mr. Brown, fertig machen zur Halse“, befahl Henry nun. Keinen Augenblick zu früh, denn die Formidable nahm bereits wieder Kurs auf die Orange. Der Bootsmann signalisierte Bereitschaft. „Los!“, rief Henry und der Quartermaster12 ließ das Steuerrad herumwirbeln. Langsam, aber sicher drehte die Orange nach Steuerbord und ging mit ihrem Heck durch den Wind. Jetzt würde die Orange ihre intakte Steuerbordbreitseite einsetzen können.

Die Schiffe passierten sich wieder in hoher Geschwindigkeit. Wieder feuerten sie, wobei die Formidable einen winzigen Augenblick zu spät dran war. Sie hatte Kettenkugeln geladen, die nun zum Teil irgendwo im Meer verschwanden. Aber eine Kettenkugel rasierte die Besanbramstenge ab, die krachend von oben kam. Einige Blöcke, die ihren Halt verloren hatten, schwangen ziellos herum. Einer erwischte Henry an der Schulter. Er ging zu Boden, als eine Rah, die von den Sicherungsketten losgerissen wurde, von oben kam. Dann wurde es dunkel um ihn.

Leutnant Bowen übernahm sofort das Kommando. Er befahl eine erneute Halse, denn eine Wende erschien bei diesem zerstörten Rigg viel zu riskant. Die Orange würde sich vermutlich festsegeln und das wäre definitiv das Ende. In diesem Augenblick ertönte eine donnernde Breitseite. Die Defence hatte auf viel zu große Entfernung das Feuer eröffnet. Die Formidable sah sich einem neuen, fast gleichstarken Gegner gegenüber und drehte ab. Beinahe geisterhaft verschwand sie im Nebel.

Henry lag bewusstlos auf seinem Achterdeck und bekam nichts davon mit. Charlie Starr, sein Bootssteurer stürzte zu ihm hin, um Hilfe zu leisten. Andere Männer kamen hinzu. Sie hoben Henry auf und trugen ihn unter Deck.

1 Schiffe mit mehr als 74 Kanonen, die stark genug waren, um in der Schlachtlinie zu kämpfen

2 Zwei- oder dreimastige Schiffe mit bis zu 18 Kanonen unter dem Befehl eines Commanders

3 Für die Navigation zuständiger Decksoffizier

4 In Fahrtrichtung rechts

5 Siehe Band 6: Gefährliche Untiefen

6 In Fahrtrichtung links

7 Die dem Wind zugewandte Seite

8 Siehe Band 4: Die Festung des Paschas

9 Kurzläufige leichte Geschütze, die große Kaliber verschießen konnten

10 Hier Synonym für die Admiralität

11 Bei einer Halse geht das Schiff mit dem Heck durch den Wind, bei einer Wende mit dem Bug.

12 Unteroffiziersgrad der die Rudergänger beaufsichtigt

1

Henry öffnete die Augen. Um ihn herum war es dunkel. Für einen Moment musste er überlegen, wo er sich befand. Seit rund einem dreiviertel Jahr lebte er nun schon auf Knights Manor, doch noch immer erwartete sein Unterbewusstsein, dass er eigentlich auf See sein müsste. Vorsichtig bewegte er seine Zehen, dann seine Beine und schließlich seine Arme. Diese verdammte Schulter schmerzte noch immer. Dann richtete er sich im Bett auf. Bis auf die immer stärker werdenden Schmerzen in der Schulter klappte das ganz gut. Henry tastete nach seinen Krücken. Eigentlich brauchte er sie nach der Meinung der Ärzte längst nicht mehr und Henry übte heimlich, ohne sie auszukommen, doch sie gaben ihm Sicherheit.

Langsam ging er an Krücken zum Fenster und zog den schweren Vorhang auf. Draußen war es noch dunkel, aber auf See würden die Seeleute jetzt aus ihren Hängematten aufstehen und mit der morgendlichen Decksreinigung beginnen. Henry hatte fast sein ganzes Leben auf See verbracht und diese Abläufe einfach verinnerlicht.

Henry zog sich an und ging dann vorsichtig die Treppe hinab. Im Haus war es noch ruhig, alle außer Henry schliefen. Leise öffnete er die Tür. Draußen war es frostig. Henry schloss die Tür wieder und suchte nach seinem Mantel. Als er ihn übergezogen hatte, kehrte er zur Tür zurück. Am Fuß der Treppe legte er die Krücken ab. Dann lief er leicht humpelnd los. Sein Weg führte ihn um das Haus herum in den Garten. Er folgte dem Kiesweg bis zum Pavillon. Hier setzte er sich auf eine Bank, um neue Kraft zu schöpfen. In den letzten Wochen war er von hier aus immer zum Haus zurückgekehrt, aber heute fühlte er sich gut genug, einen viel weiteren Weg zu gehen.

Hinter dem Pavillon führte der Weg geradeaus auf einen Hügel, der von einem Gebäude gekrönt wurde, das an einen griechischen Tempel erinnerte. Es handelte sich um ein Grabmal für Henrys verstorbene Frau, Annika du Valle. Sie war schon über ein Jahr tot, doch für Henry war die Trauerzeit noch immer nicht vorbei.13

Als er das Grabmal betrat, war Henry schon ziemlich erschöpft. Lange Monate hatte er liegen müssen, damit das zertrümmerte Bein, das nur durch die ärztliche Kunst Dr. Reids von der Orange gerettet werden konnte, wieder heilte. Dann musste wieder er laufen lernen, erst an Krücken und allmählich entwickelten sich auch die lange Zeit vernachlässigten Muskeln wieder. Heute war Henry den weiten Weg vom Herrenhaus bis zum Grabmal ohne Krücken gelaufen. Es grenzte an ein Wunder.

Im Grabmal brannte eine Öllampe. Ächzend ließ sich Henry auf der kleinen Bank nieder, die er hier hatte aufstellen lassen, um bei Annika sitzen zu können. Im flackernden Licht betrachtete er die Statue seiner Frau, die auf dem Sarkophag liegend dargestellt wurde. Warum hatte sie so früh gehen müssen?

Henry dachte an Juliette, seine kleine Tochter. Sie hatte Annikas Augen und ihre leuchtend roten Haare. Jetzt war sie schon über ein Jahr alt. Ohne sie wäre Henry wahrscheinlich in tiefste Depressionen gefallen. Noch war Henry ein Captain ohne Schiff, aber sobald die Admiralität wieder eine Verwendung für ihn hätte, würde ihm der Abschied von seinem kleinen Sonnenschein unendlich schwerfallen.

Henry überlegte. Der Februar ging seinem Ende entgegen. Heute hatte er sich selbst bewiesen, dass er bald wieder richtig gehen konnte. Nach dem Osterfest wäre wohl der rechte Zeitpunkt, bei der Admiralität vorstellig zu werden. Vielleicht könnte ja sein Freund Thomas etwas für ihn tun. Immerhin war er inzwischen einer der Lords der Admiralität.

Henry erhob sich und ging langsam zurück zum Haus. Der Weg den Hügel hinab war noch recht belastend für sein Bein, das dabei immer wieder gestaucht wurde. Er spürte, wie ein leiser Schmerz aufkam. Unwillkürlich verstärkte sich sein Hinken. Im Gartenpavillon legte Henry wieder eine kurze Pause ein, bis der pochende Schmerz im Bein fast verschwunden war. Dann setzte er seinen Weg fort.

Vor der Eingangstür erwarteten ihn Frank Rooney, der Butler von Knights Manor und Jeeves, Henrys Steward, der sich auf See um ihn kümmerte. Beide machten äußerst missbilligende Gesichter. Ursprünglich hatte es zwischen den Beiden eine gewisse Konkurrenz darum gegeben, wer sich wie um Henry zu kümmern hatte. Schließlich hatten sie aber ihre Aufgabengebiete untereinander aufgeteilt. Seitdem bevormundeten sie Henry mit vereinten Kräften.

„Dr. Phelps hat doch ausdrücklich gesagt, dass Sie Ihr Bein schonen sollen, Sir Henry“, sagte Frank Rooney und Jeeves fügte hinzu: „Sonst kann er für nichts die Verantwortung übernehmen.“ Henry nickte, scheinbar einsichtig und ließ sich die Krücken geben. Dr. Phelps war der örtliche Landarzt, der sich jetzt um Henry kümmerte.

Aus der Küche war Gelächter zu hören. Charlie Starr, sein Bootssteurer, sowie Sean Rae, O’Brian und Giorgio, alles ausgezeichnete Seeleute, bildeten Henrys Gefolge. Sie begleiteten ihn von Schiff zu Schiff. In den letzten Monaten hatten sie im Haushalt ausgeholfen. Auch jetzt gingen sie Mildred Rooney, der Köchin und Ruby, dem Küchenmädchen zur Hand.

Henry betrat die Küche. Die Männer hatten Wasser und Feuerholz geholt. Jetzt saßen sie am warmen Herd und tranken ihren morgendlichen Kaffee. Charlie Starr erhob sich, um seinem Captain Meldung zu machen, doch Henry winkte ab. Er ließ sich seinen Kaffeepott geben und setzte sich zu seinen Leuten.

„Wie ist es heute gelaufen, Sir?“, fragte Charlie Starr. Natürlich wussten sie bereits von Henrys Ausflug. Immerhin steckte auch in ihnen die Bordroutine und sie waren ungefähr zur selben Zeit wie Henry aufgestanden. „Danke, es lief sehr gut. Ich habe es bis hinauf zum Grab geschafft“, antwortete Henry. Die Männer nickten zufrieden. Bald würde ihr Captain endlich wieder der alte sein.

„Sir Henry, das Frühstück wird gleich im Speisezimmer serviert“, meldete Frank Rooney. Henry erhob sich und nahm die Krücken. Charlie Starr trug ihm seinen Kaffeepott hinterher. „Na, Charly, was hast Du heute noch vor?“, wollte Henry wissen. „Ach, wissen Sie, Sir, ich dachte, ich helfe Mrs. Heller ein wenig“, sagte der Bootssteurer. Henry lächelte verstehend. Mrs. Heller war die Pächterin einer Farm auf der anderen Seite des Flüsschens. Ihr Mann war vor zwei Jahren bei einem Unfall mit der Kutsche ums Leben gekommen. „Lasse sie Dir nicht entgehen, Charlie“, sagte er lächelnd.

Im Speisezimmer wurde Henry von Mutter Hanssen, seiner Schwiegermutter, erwartet. Natürlich hatte auch sie seinen morgendlichen Spaziergang bemerkt. „Du machst Fortschritte“, sagte sie zur Begrüßung. „Ja, es fühlte sich schon recht gut an“, antwortete Henry. „Übernimm Dich aber nicht“, mahnte Mutter Hanssen.

Frank Rooney betrat den Raum. „Sir, soeben fährt eine große Kutsche mit Wappen und Militäreskorte vor“, meldete er. Henry erhob sich. „Ich empfange den Besucher selbst“, sagte er. Eigentlich war er verärgert, bei seinem geheiligten Frühstück gestört zu werden, doch das wollte er lieber an dem unerwarteten Besucher als an seinen Leuten auslassen. Dann ging er zur Eingangstür und stieg die kleine Treppe hinab, um seinem Besucher den Kutschenverschlag zu öffnen. Der Diener, der neben dem Kutscher gesessen hatte, war jedoch schneller. So kam es, das Henry auch nicht das Wappen an der Tür zu Gesicht bekam. Er sah jedoch das typische Blau einer Marineuniform leuchten. Der Mann, der in der Kutsche saß, erhob sich, um auszusteigen. Es war Lord Nelson.

13 Siehe Band 6: Gefährliche Untiefen

2

Lord Nelson of the Nile und seit letztem Jahr auch Herzog von Bronté, ein Titel, den ihm der König von Sizilien verliehen hatte, trug die Uniform eines Vizeadmirals, die mit dem Stern des Bathordens, dem osmanischen Orden vom Halbmond und den Goldmedaillen für die Seeschlachten bei Kap St. Vincent und Aboukir geschmückt war. An seinem Hut trug er außerdem den, vom türkischen Sultan verliehenen, Chelengk mit dreizehn diamantbesetzten Strahlen, als Symbol für die dreizehn französischen Kriegsschiffe, die in der Schlacht bei Aboukir von Lord Nelsons Geschwader vernichtet oder erobert worden waren.

„Mylord, Sie hier“, stammelte Henry vollkommen überrascht. „Ja, mein lieber Henry, oder besser gesagt, Sir Henry, ich bin es wirklich“, erwiderte Lord Nelson mit einem freundlichen Lächeln. „Für Sie immer nur Henry, Mylord“, sagte Henry, „Aber ich vergesse meine Höflichkeit, bitte kommen Sie doch hinein.“ Henry geleitete seinen Gast in das Speisezimmer, wo er ihn Mutter Hanssen vorstellte. Zuvor befahl er noch Jeeves, sich Lord Nelsons Begleitern anzunehmen.

Rasch legte Frank Rooney ein weiteres Gedeck auf und man frühstückte in bester Laune, wobei Lord Nelson und Henry Anekdoten über gemeinsame Bekannte austauschten. Nach dem Frühstück zog sich Mutter Hanssen zurück.„Was führt Sie zu mir, Mylord?“, wollte Henry nun wissen. „Ich habe Erschreckendes über Ihre Verwundungen gehört und befahl den Umweg über Canterbury, um Ihnen meine Genesungswünsche persönlich zu überbringen“, antwortete Nelson. „Die Flottenärzte in Portsmouth waren einhellig der Meinung, dass ihr Bein nicht zu retten sei und längst hätte abgenommen werden müssen“, fuhr er fort. Henry nickte und sagte: „Ich selbst hatte mich bereits mit diesem Gedanken abgefunden, aber Doktor Reid, mein Schiffsarzt war überzeugt, es retten zu können.“ „Ein guter Mann, dieser Doktor Reid, denn wie ich sehe, scheint es mit dem Gehen ja wieder sehr gut zu klappen“, sagte Lord Nelson. „Ja, in den letzten Tagen geht es immer besser“, bestätigte Henry.

„Das ist eine ganz hervorragende Nachricht“, sagte Lord Nelson, „Immerhin werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Deshalb wollte ich auch Ihren Rat erbitten, mein lieber Henry, denn im Gegensatz zu mir kennen Sie sich in der Ostsee aus.“ „Es geht also tatsächlich gegen diese Liga der Bewaffneten Neutralität?“, fragte Henry. Lord Nelson nickte bestätigend und sagte: „Ja, und diese Liga ist alles andere als neutral. Der russische Zar hat alle britischen Schiffe, die sich in russischen Häfen befinden, festsetzen lassen. Er wollte Dänemark und Schweden zum selben Schritt drängen, doch dort ist man eher zurückhaltend, zumal die Schweden ganz genau wissen, dass ihnen der Zar gar zu gerne Finnland entreißen würde. Außerdem scheinen sich die Gerüchte um Preußen immer mehr zu bestätigen. Inzwischen ist man sich fast sicher, dass auch die Preußen dieser Allianz beigetreten sind.“ „Aber Preußen hat doch keine Flotte, die es in die Waagschale werfen könnte“, warf Henry ein. „Richtig, doch preußische Truppen könnten alle wichtigen Flussmündungen besetzen und für unseren Handel sperren. Henry, ich brauche Ihnen ja nicht zu sagen, wie wichtig Lieferungen aus dem Ostseeraum für unsere Royal Navy sind“, antwortete Lord Nelson. „Ja, Mylord, das ist mir bekannt“, bestätigte Henry.

„Aber Sie wollten meinen Rat in Bezug auf die Ostsee“, fuhr Henry fort. „Korrekt, denn ich mache mir Gedanken darüber, welche Verhältnisse uns in der Ostsee erwarten“, antwortete Nelson. „Wann wollen Sie denn in die Ostsee aufbrechen, Mylord?“, wollte Henry wissen. „Je eher, desto besser. Ich dachte an Anfang März.“ „Nun, Mylord, zu dieser Zeit sind die russischen Häfen und überhaupt die östliche Ostsee meist noch zugefroren“, sagte Henry. „Und wie schaut es in Dänemark und Schweden aus?“, wollte Lord Nelson wissen. „Karlskrona sollte eisfrei sein, aber Stockholm ist sicher noch zugefroren. Die dänische Küste müsste bis auf ein paar enge Fjorde eisfrei sein“, antwortete Henry. „Welchen Weg in die Ostsee würden Sie vorschlagen, durch den Großen Belt oder den Sund14?“, fragte Lord Nelson. Henry machte ein bedenkliches Gesicht und sagte: „Mit einer großen Flotte würde ich den Belt meiden. Es gibt hier viel zu viele Untiefen und man kann bereits ohne eventuelle Küstenbatterien viele Schiffe verlieren. Da würde ich den Weg durch den Sund bevorzugen, zumal man auf dem Weg in die Ostsee hier meist mit günstigem Wind rechnen kann.“ „Aber im Sund drohen auf beiden Ufern starke Küstenbatterien“, warf Lord Nelson ein. „Das stimmt nicht ganz, Mylord, denn wirklich gefährlich ist nur Kronborg mit seinen schweren Kanonen. Auf der schwedischen Seite finden sich nur wenige leichte Batterien, denn die Schweden partizipieren nicht am Sundzoll und haben deshalb auch kein Interesse, irgendwem die Passage zu verwehren“, erwiderte Henry.

„Also durch den Sund. Ich bin schon gespannt, wie Sir Hyde Parker auf diese Nachricht reagieren wird“, meinte Lord Nelson halb zu sich. „Das ist nicht nur sicherer, man gewinnt gegenüber dem Weg durch den Belt auch sehr viel Zeit“, bekräftigte Henry, „Mylord, wenn Sie den Sund passiert haben, wie soll es dann weitergehen?“ „Da prallen unterschiedliche Meinungen aufeinander. Ich persönlich würde alles vermeiden, was zu einem Krieg gegen Schweden oder Dänemark führt. Russland ist in meinen Augen der einzige Feind, denn der Zar verhält sich uns gegenüber bereits feindlich. Außerdem wirft es die stärkste Flotte in die Waagschale. Allerdings schielen einige Leute in der Regierung recht begehrlich auf die dänischen Besitzungen in der Karibik“, erklärte Lord Nelson. „Es birgt allerdings auch ein gewisses Risiko in sich, die russische Flotte anzugreifen mit Dänemark und Schweden im Rücken“, gab Henry zu bedenken. „Ich bin davon überzeugt, dass Dänemark und Schweden wieder Vernunft annehmen werden, sobald wir die russische Flotte aus dem Spiel genommen haben“, erwiderte Lord Nelson, „Ein rascher und harter Schlag gegen die noch nicht seeklare russische Flotte, sobald der Weg nach Reval15 passierbar ist, und die ganze Sache wäre mit einem Minimum an eigenen Verlusten erledigt.“ „Mylord, wenn ich eine Bitte äußern dürfte, ich würde gern an dem Unternehmen teilnehmen und bräuchte dafür ein Schiff“, unterbrach Henry Lord Nelsons Gedanken. „Ich fürchte, die Orange ist noch nicht wieder einsatzbereit. Vielleicht kann Sir Thomas ja helfen“, antwortete Nelson, „Ansonsten begleiten Sie mich einfach auf meinem Flaggschiff. Eine Kabine wird sich immer finden. Außerdem wäre es sehr beruhigend für mich, einen Mann an Bord zu haben, der die Ostsee kennt.“

Lord Nelson und Henry tranken noch ein Glas Portwein, dann war es Zeit für Lord Nelson, seine Fahrt in Richtung London fortzusetzen. „Ich bin eigentlich ziemlich in Eile, denn in London wird mir nicht viel Zeit bleiben. Dabei bin ich doch im Januar Vater geworden. Lady Emma16 hat mir eine Tochter geschenkt, die ich heute Abend zum ersten Mal sehen werde“, sagte Nelson mit einem Lächeln. „Sie sind Vater geworden, Mylord? Da gratuliere ich von ganzem Herzen“, rief Henry erfreut aus, „Ich bin ja selbst Vater einer Tochter und finde es einfach wunderbar.“

Wie der Zufall es wollte, kam die Amme mit Juliette die Treppe hinunter, als Lord Nelson das Haus verlassen wollte. So konnte Henry als stolzer Vater seine Tochter vorstellen. Lord Nelson fand sie ganz entzückend und Henry merkte, dass es dem Admiral mit seinen Worten ernst war. Deshalb sah er sich zu einer kleinen Warnung bemüßigt: „Bitte bedenken Sie, Mylord, dass Juliette schon älter als ein Jahr ist. Ihre Tochter ist viel kleiner und viel unselbständiger. Haben Sie also Geduld mit ihr.“ Lord Nelson musste lachen. Dann sagte er: „Keine Sorge, mein lieber Henry, selbst wenn meine Horatia die ganze Zeit schlafen sollte, liebe ich sie doch über alles.“ Henry schmunzelte ein wenig und dachte: „Armer Freund, Du wirst froh sein, wenn sie endlich schläft.“

Die Kutsche wartete bereits wieder vor der Treppe. Lord Nelson reichte Henry seine linke Hand, die rechte hatte er vor Jahren auf Teneriffa verloren, und sagte zum Abschied: „Melden Sie sich in der Admiralität, aber warten Sie nicht zu lange. Ich möchte so viele wie möglich aus meinem Bruderbund dabeihaben.“ Dann bestieg er die Kutsche, die sofort losrollte. Nelson winkte ein letztes Mal, dann bog die Kutsche auf die Straße nach Canterbury ein.

14 Gemeint ist der Öresund

15 Das heutige Tallin

16 Lady Emma Hamilton, Lord Nelsons Geliebte

3

Fast hatte es den Anschein, als wäre Lord Nelsons Besuch der entscheidende Impuls gewesen. In den folgenden Tagen machte Henry gewaltige Fortschritte. Er konnte fast schmerzfrei gehen. Lediglich ein leichtes Hinken blieb zurück und würde wohl auch bleiben, wie Doktor Phelps meinte. Schließlich hielt es Henry nicht mehr in Knights Manor. Er ließ seine Seekiste packen und machte sich auf den Weg nach London. Jeeves, Charlie Starr und die drei Matrosen sollten vorerst zurückbleiben und auf Henrys Nachricht warten. Dann würden sie mit dem großen Gepäck, das auch reichlich Vorräte für die Wochen auf See beinhaltete, folgen.

Die Monate nach der Verwundung hatten Henry ein wenig menschenscheu werden lassen. Er wollte ganz einfach seine Ruhe haben und mietete sich deshalb eine Privatkutsche, die ihn nach London brachte. Wie bei seinem letzten Besuch in London stieg er wieder im Grapes ab, einem kleinen Gasthaus im Savoy Bezirk. Hier herrschte eine fast ländliche Atmosphäre, obwohl es bis zur Admiralität nicht weit war.

Die Wirtin und ihre Tochter freuten sich, Henry wieder als ihren Gast begrüßen zu können. Sie machten sich sofort an die Zubereitung eines opulenten Dinners, während Henry sich in sein Quartier zurückzog, um ein kleines Nickerchen zu machen. Er war zwar gesundheitlich wieder vollkommen hergestellt, doch die Kondition ließ noch zu wünschen übrig.

Am nächsten Morgen ließ Henry sich eine Droschke rufen, die ihn zur Admiralität brachte. Da er eine Einladung des First Naval Lords17 vorweisen konnte, wurde Henry unter Umgehung des berüchtigten Warteraums direkt vorgelassen.

Sir Thomas Troubridge residierte in einem großen Büro, das Henry bereits kannte, denn vor einem Jahr hatte hier noch Admiral Gambier gesessen18. Als Henry das Büro betrat, erhob sich Sir Thomas von seinem riesigen Schreibtisch und eilte ihm entgegen. „Guten Morgen, Mylord, ich gratuliere zur Berufung auf diesen wichtigen Posten“, sagte Henry. Sir Thomas wehrte lachend ab: „Unter uns bin ich immer noch einfach Thomas für Dich.“ Die Männer umarmten sich lachend. Beide waren froh, sich endlich einmal wieder zu sehen, denn ihre letzte Begegnung lag über ein Jahr zurück. Seit der Schlacht bei Aboukir verband beide Männer eine tiefe Freundschaft. Damals hatte Henry geholfen, Thomas Troubridges auf eine Untiefe aufgelaufene Culloden wieder flottzumachen19.

„Lass Dich anschauen, Henry, die Kurpfuscher haben Dich offenbar wieder ganz ordentlich zusammengeflickt“, stellte Sir Thomas fest. „Ja, ich bin bereit, endlich wieder meinen Dienst zu tun“, antwortete Henry, „Aber sag, wie geht es Dir als First Naval Lord?“ „Ich sollte stolz sein, von Old Jarvie berufen worden zu sein, doch in Wahrheit stellt sich die ganze Navy aus meiner neuen Perspektive als ein einziger Sumpf aus Vetternwirtschaft und Korruption dar, dass ich sonst etwas dafür gäbe, wieder ein eigenes Kommando zu bekommen, und sei es eine Kranhulk in Portsmouth.“ „Aber Du hast doch jetzt die Macht, die Zustände grundlegend zu ändern, zumal sich auch Old Jarvie genau das vorgenommen hat“, erwiderte Henry. Sir Thomas antwortete mit einem bitteren Lachen: „Das ist viel schwieriger, als Du Dir vorstellen kannst, zumal es schon schwierig ist, als einfacher Captain irgendwelchen Admiralen Befehle zu erteilen.“