Im Feuernebel - Lion Obra - E-Book

Im Feuernebel E-Book

Lion Obra

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Beschreibung

Die Erzählsammlung »Im Feuernebel« bietet einen Querschnitt durch Lion Obras Schaffen auf dem Gebiet der Phantastik in den letzten drei Jahrzehnten. Das Spektrum reicht von audiovisuellen Produktionen und bizarren Grotesken bis hin zu den Erzählmustern mythischen Denkens.
In der Titelgeschichte zeigt sich Obra als Warner vor bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Wie der Bogen beginnt, so endet er auch: Mit einem skeptischen Blick auf die technokratische Intelligenz, die, dem Säugetier-Imperativ verfallen, die Konfrontation der Kooperation vorzieht, und deshalb immerfort hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben muss. Das geht so weit, dass sie selbst das grandiose Ereignis der Metamorphose von toter Materie zu lebenden Organismen, dem sie sich selber verdankt, weder erkennt noch zu würdigen versteht.
Auch in den übrigen Texten bewegt sich Obra nahe an Mythen, Neomythen und Retromythen, wenn er Erzählformen aktiviert, die Gefahr laufen, als Fantasy missverstanden zu werden in einer Zeit, in der selbst Wissenschaftler ersten Ranges der Esoterik näherstehen als der Vernunft, den Menschen neu züchten oder ganz abschaffen wollen, oder auf eine Überwindung ihrer Endlichkeit durch Technik hoffen. Dabei wird gerade in Obras Erzählungen eine bleibende Begrenztheit des Menschen behauptet. Unter anderem deshalb will er die Schönheit von jahrtausendealten Narrationen der Welterklärung einem breiten Publikum erschließen, indem er ihre bis heute aktuellen Erzählmuster in seinen Geschichten subtil aufgreift und wieder lebendig werden lässt.
Lion Obra hat sich der Phantastik zugewandt, der in seinen Augen originellsten Literaturform, weil sie sich der Simulation von technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zukunftsmöglichkeiten annehmen kann und sich auf diese Weise nützlich macht mit ihren utopischen, dystopischen und heterotopischen Gedankenspielen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ähnliche


 

 

 

Lion Obra 

 

 

Im Feuernebel

 

 

 

 

Phantastische Erzählungen 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Neueaugabe

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv

Cover: © by Steve Mayer mit Bärenklau Exklusiv, 2024

Korrektorat: Bärenklau Exklusiv

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau (OT), Gemeinde Oberkrämer. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

 

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Das Copyright auf den Text oder andere Medien und Illustrationen und Bilder erlaubt es KIs/AIs und allen damit in Verbindung stehenden Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren oder damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung erstellen, zeitlich und räumlich unbegrenzt nicht, diesen Text oder auch nur Teile davon als Vorlage zu nutzen, und damit auch nicht allen Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs nutzen, diesen Text oder Teile daraus für ihre Texte zu verwenden, um daraus neue, eigene Texte im Stil des ursprünglichen Autors oder ähnlich zu generieren. Es haften alle Firmen und menschlichen Personen, die mit dieser menschlichen Roman-Vorlage einen neuen Text über eine KI/AI in der Art des ursprünglichen Autors erzeugen, sowie alle Firmen, menschlichen Personen , welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren um damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung zu erstellen; das Copyright für diesen Impressumstext sowie artverwandte Abwandlungen davon liegt zeitlich und räumlich unbegrenzt bei Bärenklau Exklusiv.

 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Im Feuernebel 

Vorwort 

Jahr 2021 n. Chr. – Intergalactic Radio Station 

Jahr 11988 Galaktische Zeitrechnung – Auf den Schwingen des Lichts 

Jahr 20001 Galaktische Zeitrechnung – A New Odyssey 

Jahr 4 v. Chr. – Ein Zelt von geschliffenem Opal 

In einem Land ohne Kalender – Weihnachten zur Spätsommerzeit 

Jahr 2004 n. Chr. – Ein Weltreich in einem Cognac-Schwenker 

Jahr 1789 bis 2021 n. Chr. – Graf sucht Gräfin 

Jahr 2021 n. Chr. – Feuernebel 

Folgende Titel von Lion Obra sind ebenfalls erhältlich oder befinden sich in Vorbereitung 

 

Das Buch

 

 

Die Erzählsammlung »Im Feuernebel« bietet einen Querschnitt durch Lion Obras Schaffen auf dem Gebiet der Phantastik in den letzten drei Jahrzehnten. Das Spektrum reicht von audiovisuellen Produktionen und bizarren Grotesken bis hin zu den Erzählmustern mythischen Denkens.

In der Titelgeschichte zeigt sich Obra als Warner vor bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Wie der Bogen beginnt, so endet er auch: Mit einem skeptischen Blick auf die technokratische Intelligenz, die, dem Säugetier-Imperativ verfallen, die Konfrontation der Kooperation vorzieht, und deshalb immerfort hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben muss. Das geht so weit, dass sie selbst das grandiose Ereignis der Metamorphose von toter Materie zu lebenden Organismen, dem sie sich selber verdankt, weder erkennt noch zu würdigen versteht.

Auch in den übrigen Texten bewegt sich Obra nahe an Mythen, Neomythen und Retromythen, wenn er Erzählformen aktiviert, die Gefahr laufen, als Fantasy missverstanden zu werden in einer Zeit, in der selbst Wissenschaftler ersten Ranges der Esoterik näherstehen als der Vernunft, den Menschen neu züchten oder ganz abschaffen wollen, oder auf eine Überwindung ihrer Endlichkeit durch Technik hoffen. Dabei wird gerade in Obras Erzählungen eine bleibende Begrenztheit des Menschen behauptet. Unter anderem deshalb will er die Schönheit von jahrtausendealten Narrationen der Welterklärung einem breiten Publikum erschließen, indem er ihre bis heute aktuellen Erzählmuster in seinen Geschichten subtil aufgreift und wieder lebendig werden lässt.

Lion Obra hat sich der Phantastik zugewandt, der in seinen Augen originellsten Literaturform, weil sie sich der Simulation von technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zukunftsmöglichkeiten annehmen kann und sich auf diese Weise nützlich macht mit ihren utopischen, dystopischen und heterotopischen Gedankenspielen.

 

 

***

Für

Urban Dreher,

den ich dafür bewundere,

wie er die vier metaphysischen Orientierungsaufgaben

der Moderne angeht und bewältigt.

Im Feuernebel

 

Phantastische Kurzgeschichten von Lion Obra 

 

Vorwort

 

Auf Totenbeschwörer und Zeichendeuter hören, Zauberei und Wahrsagerei treiben oder die eigenen Söhne und Töchter für den Moloch durchs Feuer gehen lassen – das alles galt den Israeliten des Alten Testaments als verdammenswerte Untaten. Sie stellten sich, gleichwohl nicht immer erfolgreich und entschieden, solch magischen Praktiken kritisch entgegen, die Macht verheißen, den Menschen aber von der göttlichen Quelle abschneiden: Und die somit geeignet sind, nicht weniger als die Zukunft des ganzen Stammes aufs Spiel zu setzen.

Berücksichtigt man einen kulturgeschichtlichen Wandel durch die Jahrtausende, dann bleibt festzustellen, dass sich diese Kategorien nur graduell verschoben haben. Die Menschen stehen vor neuen Herausforderungen. Vor uns liegen epochale Orientierungsaufgaben: die kopernikanische, darwinische, freudianische und die androidische Orientierungsaufgabe – ganz zu schweigen von den ökologischen und pandemischen Herausforderungen, die uns gewahr werden lassen, dass wir äußerlich und innerlich in komplexe Zusammenhänge verstrickt sind, die unser Fassungsvermögen übersteigen und uns unsere Begrenztheit vor Augen führen. Keine leichte Sache, angesichts höchst seltsamer weltanschaulicher Amalgame, die uns gegenwärtig umwabern, und zwar ausnahmslos uns alle: angefangen beim Lohnarbeiter bis hinauf zum Nobelpreisträger. Wie Nebelkerzen werden dem Gegenwartsmenschen (All-)Machts- und (Er-)Lösungsperspektiven in sich wissenschaftlich kleidenden Gedankenspielen und Praktiken entgegengestreckt – mannigfach etwa in post- und transhumanistischen sowie neomythischen Weltanschauungen.

Diese merkwürdige, mit Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit verführerisch garnierte Soße umschreibt der kulturwissenschaftlich arbeitende Theologe Prof. Dr. Linus Hauser folgendermaßen: Neomythen sind ein kulturelles und individuelles Sich-Beziehen auf Endlichkeit unter Absehen von ihrer Radikalität und in der Erwartung der realen Aufhebung derselben durch das Handeln des Menschen oder anderer innerweltlicher Mächte. Ihre Zielvision ist die Schaffung von Göttermenschen, also die Abschaffung der Endlichkeit. – So fasste Professor Hauser in seinem dreibändigen Lebenswerk »Kritik der neomythischen Vernunft« dieses große Problem unserer Zeit zusammen, das in seinen Auswirkungen die ganze Menschheit zu erfassen im Begriff steht und das uns in den Darstellungen von Nineteen Eighty-Four, Terminator oder Matrix literarisch und filmisch für den Mainstream ausgestaltet entgegenkommt. Freilich dort vergleichsweise eher harmlos. Warum? Weil es eben nicht immer einen Ausweg gibt, nicht immer eine Rettergestalt daherkommt und es nur im Märchen um das Ende von Krieg und Krankheit geht. Tatsächlich geht es heute um nicht weniger als die Ausbeutung der Welt und des Menschen durch den Menschen. Nimmt man allein die exponentielle Zunahme von neomythischem Denken im Feld der Science und in den Köpfen mächtiger und finanzstarker Leute als Indikator, dann verabsolutieren sich Allmachtsphantasien, enden, wie zu befürchten ist, in faschistischen Phantasien, die die Lebenswelten der Menschen allumfassend beherrschen und jede Chance auf eine humane Zukunft terminieren wollen.

Um angesichts dieser weltanschaulichen Gemengelage den dringend notwendigen, klaren Kopf zu bewahren, kann sich der kundige Mensch fachwissenschaftlicher Aufklärung bedienen. Eine weitere Quelle könnte er im aufklärerischen Mythenschatz der Religionen finden. Dieser umfasst zahlreiche mythische Narrative und Narrationen, in denen sich Menschen religiösen Allmachtsphantasien kritisch entgegenstellen. Insofern die Weltaneignung über Narrative auf einer anderen Ebene zu verorten ist als die wissenschaftliche Weltaneignung, besitzt diese Quelle das Potential, unsere Weltanschauung breitenwirksam aufklärerisch zu prägen. Gleichwohl liegt diese Quelle heute nahezu brach: Zum einen aufgrund eines fortschreitenden (mitunter selbstverschuldetem) Bedeutungsverlusts von Religionen, die kaum mehr als Erfahrungsgrund für gegenwärtige Sinndeutung herangezogen werden und zum anderen aufgrund eines den Religionen in Form des Fundamentalismus entgegentretenden und zum Teil innewohnenden religiösen Allmachtsanspruchs.

An Retromythen will ich den Anspruch postulieren, dass sie sich neomythischen und religiösen Allmachtsphantasien widersetzen und dass sie unter den Bedingungen und Herausforderungen der Gegenwart die Geschichten von göttlicher Grenzenlosigkeit und menschlicher Begrenzung lebendig fortschreiben. Die Geschichten dieses Bandes bergen in diesem Sinne enormes retromythisches Potential, insofern sie sich kritisch mit Gesichtern des neomythischen Zeitgeistes auseinandersetzen und dabei von einer bleibenden Bedeutung und Relevanz religiöser Bildwelt ausgehen, die sie zu revitalisieren suchen. Diese Geschichten leisten somit auf ihre Weise einen Beitrag zu einem aufklärerischen Weltanschauungsprojekt, in dem nicht zuletzt die Arbeit von Prof. Dr. Linus Hauser als Pionierleistung anzusehen ist. Ein Pionier, der mit hessischem Witz über Themen der Trivialkultur ebenso wie über bedenkliche Technikentwicklungen oder die Gefährdungen unserer Zeit mit ihrer aufgeblähten Wirtschaftselite und ihrer unseligen Verklärung von Marken zu Ikonen und Kultobjekten referiert – nicht unbeachtet von der Medienlandschaft und den Kennern und Könnern auf dem Gebiet von Science-Fiction und Phantastik. Ich war nicht wenig überrascht, ihn in dieser Anthologie wiederzutreffen, in der Geschichte »Ein Weltreich in einem Cognac-Schwenker«. Bei der dort angesprochenen Reise in den Norden des Irak zur heiligen Stadt Lalisch, nach Dohuk und zu den heiligen Orten der Eziden, war ich – akademischer Hasenfuß – leider nicht dabei, gerade weil sie tatsächlich unter strengem militärischem Schutz stattgefunden hat. Professor Hauser war damals als Chairman der Gesellschaft für Christlich-Ezidische Zusammenarbeit dort, um das weltliche bzw. religiöse Oberhaupt der Eziden zu treffen. Ob er auf dieser Reise wirklich geheime Manuskripte erhalten hat, weiß ich natürlich nicht. Was er jedoch in der Geschichte »Die Welt in einem Cognac-Schwenker« von einer Himmelsreise berichtet, in einem Ledersessel sitzend und eine Brasil rauchend … – aber lesen Sie selbst!

 

- Dr. Michael Novian, Februar 2021

 

 

 

Jahr 2021 n. Chr. – Intergalactic Radio Station

 

»Good morning! What a morning! It’s a great morning …« – Der Jingle mit der Erkennungsfanfare schmetterte mehrfach verstärkt den ungezählten Radiogeräten entgegen.

Ein wenig nervös trommelte Erik mit den Fingern an den Rand des Pultes. Trotz einiger Routine beschleunigte sich stets sein Puls, wenn er auf Sendung ging. Er schnupperte in die Luft bis er endlich den Geruch des durch die warmgelaufenen Geräte erhitzten Staubes in der Nase hatte. Obwohl die Absauganlage ohne Unterbrechung arbeitete, war in schwerelosem Zustand das Vordringen des Staubes in die altertümlichen Bandgeräte kaum zu verhindern. Erik hatte sich daran gewöhnt, und würde annehmen, etwas sei nicht in Ordnung, wenn der Geruch eines Tages ausbliebe. Zusammen mit dem Knistern der Antennenanlage schuf das die richtige Studioatmosphäre.

Der Jingle beruhigte sich allmählich, und einschmeichelnde, sphärische Harfenklänge erklangen. Das war das Signal für Erik. Er reduzierte die Lautstärke der Musik, und begann: »Jetzt ist gleich der Wetterfrosch an der Reihe und möchte euch gerne verraten, was euch heute erwartet.«

Erik hob den Kopf und blickte aus der Sichtluke vor ihm. »Über den Kanarischen Inseln sehe ich schwere Regenwolken. Ich wage aber die Prognose, dass sie die Sahara auch heute nicht erreichen werden. Im Mittelmeerraum wird es einen wolkenlosen Tag geben. Genauso in Mitteleuropa, wo gewaltige Gewitterwolken in der vergangenen Nacht in einem spektakulären Schauspiel tobten und sich abgeregnet haben. Leute, das hättet ihr sehen sollen! Ich habe kein Auge zugetan. Die hohen Wolkentürme, die bei jedem Blitzschlag von innen heraus leuchteten – Bombastisch! So ein Gewitter habe ich nicht einmal von hier oben je gesehen … Wo war ich? Ach, ja. Skandinavien und die Inseln hatten wir noch nicht. Da gibt es einen trüben, verhangenen Tag. Möglich, dass nachmittags ein wenig die Sonne zu sehen ist. Das war The Weather. Jetzt gibt es erst mal eine Runde Musik.«

Erik schaltete auf Band um, und stieß sich am Kontrollpult ab, worauf er quer durch den Funkraum zum großen Aussichtsfenster schwebte. Behände fing er sich mit einer Hand ab und schob sich in eine günstige Position. Er blickte zur Horizontlinie. Dorthin, wo sich Erde und All trafen. Getrennt waren sie nur von einem schmalen Streifen königsblau leuchtender Atmosphäre. Und wie dünn war diese lebenserhaltende Schicht! Direkt unter ihm sah er die Küstenlinien der Kontinente, die Gebirge mit ihren Gletschern, Tälern und Flüssen. Aber auch vom Menschen geschaffene Strukturen wie Kanäle, Stauseen und die unregelmäßig geometrischen Muster der Städte. Mit einem besorgten Stirnrunzeln nahm er die industriellen Ballungszentren wahr, über denen die Luft von Rauch und Abgasen weiß getrübt war.

Da er sich auf einer geostationären Bahn befand, bot sich ihm stets der gleiche Anblick: Ein großes Dreieck, das begrenzt war von den Städten Murmansk, Dakar und Abu Dhabi. Auf der Station befanden sich ständig drei bis fünf Wissenschaftler, die vorwiegend mit dem Ozonloch über den Alpen befasst waren. Erik hatte die Aufgabe der Nachrichtenübertragung. Er fand es angenehm, chronisch unterbeschäftigt zu sein, denn nur selten waren neben den routinemäßigen Übertragungen der Beobachtungsdaten persönliche Mitteilungen der Besatzung oder Datenlisten durchzugeben, die die Verpflegung und den technischen Support betrafen. Gab es einmal einen Grund zur Hoffnung in Sachen Ozonloch, verfasste er einen optimistisch gefärbten Bericht und funkte diesen unverschlüsselt zur Erde. Diese Freiheit nahm er sich einfach heraus, auch wenn ein solches Vorgehen weit außerhalb der Vorschriften lag. Nebenbei blieb noch genügend Zeit, seinen Radiosender zu betreiben. Zu festen Zeiten am frühen Morgen und späten Abend sendete er für Europa, Nordafrika und den vorderen Orient ein Programm, das er aus seinen persönlichen Vorlieben heraus gestaltete. Offenbar traf er damit den Geschmack der Leute, denn das einzige in der Erdumlaufbahn produzierte Radioprogramm erfreute sich nicht nur in Europa, sondern inzwischen auch in der arabischen Welt wachsender Beliebtheit. Die Europäische Klimakonföderation, die die Raumstation unterhielt, ließ ihn ohne Lizenz gewähren, das heißt, man tat so, als wüsste man nichts davon. Dieses Stillschweigen deutete Erik so, dass man mit seiner speziellen Art, Bericht zu erstatten, zufrieden war.

Erik schreckte aus seinen Überlegungen hoch, als plötzlich vor der samtenen Schwärze des Alls ein heller Lichtpunkt auftauchte. Er kam schnell näher, und ließ schließlich die Form eines Versorgungs-Shuttles erkennen. Sofort schwebte er zur Bordsprechanlage und rief in alle Räume: »Jungs, wir bekommen Besuch.«

Dann nahm er mit dem Shuttle Kontakt auf: »Esperance an Alma Mater, bitte melden! Ihr seid ein bisschen früh dran, oder?«

Niemand gab Antwort.

»Hej, Larissa! Sprichst du nicht mehr mit mir? Ich bin’s, Erik! Jetzt melde dich doch!«

In diesem Moment drang es ein dumpfes Dröhnen durch die Station, als das Shuttle andockte. Erik legte verwundert das Band mit dem vorbereiteten Sendeprogramm ein, und beeilte sich, zum Dock zu kommen. Während er auf das Schließen des Schleusenschotts wartete, malte er sich aus, wie er heute noch mit Larissa das Nachtprogramm der Intergalactic Radio Station vorbereiten würde. Die junge Astronautin aus Zypern hatte vieles mit einem Wirbelwind gemeinsam und konnte die Station ganz schön auf den Kopf stellen.

Als das Schott endlich eingerastet war, schob sich die Querwand vor Erik unverzüglich zur Seite, da in der ganzen Station gleicher Druck herrschte. Er stieß sich mit den Beinen ab, und schnellte mit kräftigem Schwung den Korridor entlang. Vor der nächsten Kreuzung bremste er sich am Geländer scharf ab und schwenkte in den Verbindungstunnel ein, der ihn zum Dock brachte. Da ihm unterwegs niemand begegnet war, nahm er an, dass die anderen schon dort sein mussten. Die seltenen Besuche auf der Station ließ sich keiner entgehen.

Erik öffnete den Einstieg zum Dock, und ließ sich hineingleiten. Plötzlich sah er sich an den Armen gepackt. Brutal schlug ihm jemand ins Gesicht und schrie etwas. Seine Arme wurden nach hinten gedreht. Im Augenblick konnte er nichts sehen. Er hörte nur eine Stimme: »Sind sie der Nachrichtenoffizier?«

Erik murmelte: »Wieso Offizier?« Wieder ein Schlag ins Gesicht. »Sind sie es? Ja oder nein.«

Erik stöhnte: »Ja.«

»Lasst ihn! Aber haltet ihn fest«, befahl eine andere Stimme.

Die Schleier vor Eriks Augen lichteten sich. Vor ihm schwebte ein schlanker, fast zierlicher Mann in grüner Uniform, der sich an einer Verstrebung festklammerte, und offensichtlich Schwierigkeiten mit der Schwerelosigkeit hatte. Argwöhnisch beäugte er Erik aus dunklen, zusammengekniffenen Augen.

Der Mann war Afrikaner. Erik tat sich schwer damit, zu sagen, welcher Nation er angehören mochte. Er hatte die Augen der Ostafrikaner, aber seine Physiognomie ließ eher an ein nordafrikanisches Herkunftsland denken. Die zwei schwer atmenden Männer, die Erik hielten, waren groß und massig gebaut, mit derben Gesichtern. Beide waren Weiße. Sie lösten sich von ihm, um seine Arme und Beine mit einem Klebeband zu fesseln. Da sah er die übrigen Besatzungsmitglieder der Station. Sie trieben im hinteren Teil des Docks tot oder ohne Besinnung. Erik war schockiert. Was sollte diese Aggression auf einer friedlichen Forschungsstation?

»Raus hier!«, befahl der Anführer.

Sie bugsierten Erik aus dem Dock. Einer der Weißen verriegelte den Einstieg.

»Luft absaugen!«

»Aber das bringt sie um«, schrie Erik.

Der Anführer hob die Hand, und sah Erik offen in die Augen: »Sie können mir glauben, es macht mir keinen Spaß. Aber zu viel steht auf dem Spiel.«

»Ich kann helfen. Ich kenne mich hier aus«, bettelte Erik. »Lassen sie sie leben, bitte.«

Der Anführer nickte. »Zum Funkraum. Los!«

Erik kämpfte seinen Zorn nieder, um einen klaren Kopf zu behalten. Kleine Schweißtropfen lösten sich von seiner Haut und tanzten im Luftzug davon. Er deutete mit dem Kopf die Richtung an, in der der Funkraum lag. Einer der Männer, die ihn gefesselt hatten, ergriff seine Fersen und schob ihn vor sich her. Als sie in der Schleuse warteten, fragte Erik: »Wer seid ihr?«

Der Mann grinste und brummte: »Ta gueule!«

Der Anführer bemerkte: »Halten sie sich mit denen nicht auf. Durch die Schleuse jetzt mit ihnen. Dann erklären sie die Antennensteuerung.«

Nachdem die Eindringlinge genug erfahren hatten, schoben sie Erik in die Ecke beim Aussichtsfenster. Von dort aus konnte er beobachten, wie der Anführer, der von den beiden Weißen Duka genannt wurde, eine Art Rucksack von seinem Rücken löste.

Darin befanden sich verschiedene Geräte, die er geschickt mit der Antennenanlage verband. Mit geübten Fingern nahm er mehrere Schaltungen vor.

Plötzlich zuckte unweit der Plattform ein greller Blitz auf. Erik schloss geblendet die Augen. »Was habt ihr getan?«

Keine Antwort. Nur ein zufriedenes Nicken Dukas.

»Das war auf der geostationären Bahn. Ein Satellit?«

Duka sah Erik an und nickte wiederum.

»Was habt ihr vor?«

»Löst ihm die Handfesseln und bringt ihn her.«

Duka gab ihm ein Band: »Spielen sie das ab! Auf dem offiziellen Kanal und über die Notfrequenz. Und auch über dieses, dieses Radio!«

»Ich will das vorher hören. Nichts läuft auf Intergalactic Radio Station, was ich nicht vorher gehört habe.«

Duka blickte fast entschuldigend. Dann sagte er: »Soll ich einen meiner Männer zum Dock schicken?«

Erik hob beschwichtigend die Hände. »Ich mache das. Kein Problem.« Er zog sich zum Kontrollpult, unterbrach die laufende Sendung kommentarlos, koppelte den Funk und startete das Band. Nachdem er den Lautsprecher eingeschaltet hatte, wurde er wieder gefesselt. Ungläubig lauschte er der Stimme auf der Aufzeichnung: »Die Vernichtung des TV-Satelliten war lediglich der Beginn der stufenweisen Zerstörung sämtlicher europäischer Satelliten auf der geostationären Bahn. Wir fordern die sofortige Errichtung einer Luftbrücke in die Dürrezonen Nordafrikas und in den Vorderen Orient. Andernfalls wird jede Stunde ein weiterer Satellit zerstört. Pro hunderttausend Menschen, urbanisierte Bevölkerung mitgerechnet, verlangen wir hundert Tonnen Compact Food in Armee-Qualität als Soforthilfe und ausreichend unbelastetes Trinkwasser.«

Mit einem Knacken endete die Übermittlung.

Duka nahm das Band wieder an sich, und öffnete den Empfangskanal am Funkbord. »Geht jetzt raus und installiert unsere Detektoren, ich möchte wissen, was vorgeht.«

Als die beiden Weißen draußen waren, wandte sich Duka an Erik, sichtlich um Höflichkeit bemüht: »Wenn sie wollen, können wir jetzt reden.«

»Ach ja, sie haben noch etwas Zeit, bis sie den nächsten Satelliten hochgehen lassen«, höhnte Erik.

»Hören sie auf, wir sind keine Barbaren. Das war nur ein TV-Satellit. Aber wenn sich nichts tut, werden die Verbindungen nach Tokyo und New York gekappt. Was das für die Volkswirtschaften in Europa bedeutet, können sie sich denken. Außerdem sind neue Satelliten teuer. Unsere Forderungen sind im Vergleich dazu lächerliche, wie sagt man bei ihnen, Kinkerlitzchen.«

»Haben sie die Satelliten vermint? Nein, das wäre ihnen nicht gelungen. Sind es Mikrowellen? Extrem hohe Frequenz? Das ist es, nicht wahr? Das machen sie von hier aus, aus allernächster Nähe. Dabei entzündet sich der Hydrazin-Vorrat der Steuerdüsen. Mindestens aber erreichen sie einen Kurzschluss.«

Duka nickte stumm. »Was interessiert sie sonst noch, sie Intelligenzbestie?«

»Reden sie nur mit Männern, die gefesselt sind?«

»Tut mir leid, das lässt sich nicht ändern. Im Augenblick jedenfalls nicht.«

»Zu welchem Terrornetzwerk gehören sie?«

Duka zuckte mit den Schultern.

»Und ihre beiden Freunde?«

Duka verzog das Gesicht: »Söldner.«

»Warum das Ultimatum? Glauben sie wirklich, damit etwas zu erreichen?«

»Mein Volk hungert. Seit Jahren kein Regen, keine Ernte.«

»Sie machen mir Spaß. Sind wir etwa dafür verantwortlich, dass ihr euch gegenseitig das Wasser abgrabt?

---ENDE DER LESEPROBE---