In zwei Leben – Science-Fiction - Lion Obra - E-Book

In zwei Leben – Science-Fiction E-Book

Lion Obra

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Beschreibung

Der Euro und die EU sind abgeschafft. Die einzige weltweit gültige Währung lautet auf Mundo. Deutschland ist in drei Territorien aufgeteilt, die von Konzernen regiert werden. Eine Handvoll unerschrockener Exterritorialer begehrt auf gegen die Unterdrückung durch eine übermächtige Clique.
Die Ereignisse überschlagen sich, als ein Cyborg im Ruhestand und der deutsche Urvater utopischer Literatur zwischen die Mühlen der Macht geraten. In dieser literarischen Melange aus Phantastik, Zeitkritik und Groteske begegnen nicht nur schlesischer Humor, die neue Wissenschaft der Kairologie und viele Memories of Green, sondern auch der Breslauer Schriftsteller Kurd Laßwitz in persona, der 1897 mit seinem Roman Auf zwei Planeten den Reigen deutschsprachiger Science-Fiction eröffnet hat.
Der akribisch recherchierte Roman verbindet historische Fakten und die authentische Beschreibung der alten Hauptstadt Schlesiens mit einer fesselnden Handlung, die sowohl in die phantastische Welt eines zukünftigen und eines vergangenen Breslaus entführt, als auch den verzweifelten Versuch schildert, die letzten lebenden Bäume der Stadt zu retten. So entsteht ein schillerndes Gemälde der Vergangenheit und der Zukunft, gleichzeitig aber auch ein dramatisches Bild der Gefährdung des Menschen in einer bedrohten Gegenwart.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Lion Obra

 

 

In zwei Leben

 

 

 

 

Science-Fiction

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Copyright © by Author/Bärenklau Exklusiv

Cover: © by Vladimir Maneyukhin mit Steve Mayer, 2024

Korrektorat: Claudia Müller

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

www.baerenklauexklusiv.de / info.baerenklauexklusiv.de

 

Die Handlungen dieser Geschichte ist frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten und Firmen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Das Copyright auf den Text oder andere Medien und Illustrationen und Bilder erlaubt es KIs/AIs und allen damit in Verbindung stehenden Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren oder damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung erstellen, zeitlich und räumlich unbegrenzt nicht, diesen Text oder auch nur Teile davon als Vorlage zu nutzen, und damit auch nicht allen Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs nutzen, diesen Text oder Teile daraus für ihre Texte zu verwenden, um daraus neue, eigene Texte im Stil des ursprünglichen Autors oder ähnlich zu generieren. Es haften alle Firmen und menschlichen Personen, die mit dieser menschlichen Roman-Vorlage einen neuen Text über eine KI/AI in der Art des ursprünglichen Autors erzeugen, sowie alle Firmen, menschlichen Personen , welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren um damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung zu erstellen; das Copyright für diesen Impressumstext sowie artverwandte Abwandlungen davon liegt zeitlich und räumlich unbegrenzt bei Bärenklau Exklusiv. Hiermit untersagen wir ausdrücklich die Nutzung unserer Texte nach §44b Urheberrechtsgesetz Absatz 2 Satz 1 und behalten uns dieses Recht selbst vor. 13.07.2023 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

In zwei Leben 

Prolog 

In der Blume Europas 

Blume mit Stacheln 

Frühlingserwachen 

Im Zwielicht 

Die neue Identität 

Carl Theodor Victor Kurd Laßwitz 

Das böse Spiel 

Interface 

Replikantenzökum 

Hauptversammlung 

Das alte Breslau 

Epilog 

Folgende Titel von Lion Obra sind ebenfalls erhältlich oder befinden sich in Vorbereitung 

 

Das Buch

 

 

 

Der Euro und die EU sind abgeschafft. Die einzige weltweit gültige Währung lautet auf Mundo. Deutschland ist in drei Territorien aufgeteilt, die von Konzernen regiert werden. Eine Handvoll unerschrockener Exterritorialer begehrt auf gegen die Unterdrückung durch eine übermächtige Clique.

Die Ereignisse überschlagen sich, als ein Cyborg im Ruhestand und der deutsche Urvater utopischer Literatur zwischen die Mühlen der Macht geraten. In dieser literarischen Melange aus Phantastik, Zeitkritik und Groteske begegnen nicht nur schlesischer Humor, die neue Wissenschaft der Kairologie und viele Memories of Green, sondern auch der Breslauer Schriftsteller Kurd Laßwitz in persona, der 1897 mit seinem Roman Auf zwei Planeten den Reigen deutschsprachiger Science-Fiction eröffnet hat.

Der akribisch recherchierte Roman verbindet historische Fakten und die authentische Beschreibung der alten Hauptstadt Schlesiens mit einer fesselnden Handlung, die sowohl in die phantastische Welt eines zukünftigen und eines vergangenen Breslaus entführt, als auch den verzweifelten Versuch schildert, die letzten lebenden Bäume der Stadt zu retten. So entsteht ein schillerndes Gemälde der Vergangenheit und der Zukunft, gleichzeitig aber auch ein dramatisches Bild der Gefährdung des Menschen in einer bedrohten Gegenwart.

 

 

***

In zwei Leben

 

 

Für Ursel,

der unvergleichlichen Vratislavierin,

die ihre Heimatstadt Breslau nie vergessen hat und

die durch ihre himmlische Gastfreundschaft

Vorfreude schenkt auf unsere ewige Heimat! 

 

 

 

Prolog

 

Ja, ich war einer von den Damons. So nannten wir uns – nach Matt Damon, der in der Verfilmung von ›The Bourne Identity‹ die Hauptrolle gespielt hatte. Doch während Jason Bourne seine Haut immer wieder retten konnte, hatten wir nicht so viel Glück. Nach den CIA-Operationen Medusa und Treadstone stand Jason Bourne als Gewinner da. Aber wir zehn Damons … – uns hatte das europäische Gegenstück zur CIA die Lichter ausgeblasen, ein für alle Mal.

Im Grunde war unsere Truppe ja schon längst aufgelöst und aus dem Dienst entlassen. Jeder von uns Damons war ins Zivilleben zurückgekehrt: manche an ganz unspektakuläre Orte, zum Beispiel ich selbst.

Ich war gerade Ende Zwanzig und hatte an der NHB, der Nordeuropa Hochschule Bremen, eine Stelle als Assistent inne. Das war leider nicht so toll, wie es klang. In Bremen befand sich nur ein kleiner Ableger der Nordeuropa Hochschule, die ihren Zentralsitz in Trondheim an der Nidelva hatte. Der Chronist Adam von Bremen hatte Trondheim einst zu Ansehen verholfen und mochte bei der Gründung der internationalen Hochschule neben der nationalen Technischen Universität als Pate hergehalten haben. Aber das war eine andere Geschichte.

Ich saß jedenfalls in Bremen, während die übrigen Damons in alle Winde verstreut waren. Wüste, Tiere, Engel: In dieser Reihenfolge waren wir durch unsere aktiven Dienstjahre gehetzt. Doch statt am Ende des Weges in der Einheit der Schöpfung zu landen, also auf Abrahams Schoß, führte uns diese Kette des Seins nicht zum großen Reigen der Engel, sondern an den Rand eines jähen Absturzes. Bis heute hatte ich nicht in Erfahrung bringen können, nach welchen Kriterien man uns eigentlich ausgewählt hatte. Blutgruppe, Charakter oder irgendetwas in unseren Genen? Wie viele hatten sie aufgeschnitten, um sie in Cyborgs zu verwandeln? Ich hatte nur diejenigen kennengelernt, die die massiven Eingriffe in die Nervenbahnen und Gelenkfunktionen überlebt hatten und schließlich am Projekt teilnehmen durften. Also die erfolgreich operierten Kandidaten. Was das Alter betraf, waren wir fast gleich: alle Anfang zwanzig, ungebunden und durchaus unterschiedlicher sozialer Herkunft. Nach dem Ende des Projekts konnte jeder von uns Damons tun, was er oder sie wollte. In diesem Punkt war das Verteidigungsministerium in Brüssel entgegenkommend. Auch was die Ruhestandsgelder betraf. Schließlich mussten wir mit diesen technischen Implantaten herumlaufen, die derart tiefgreifend mit unseren Körperfunktionen verbunden waren, dass man sie nicht mehr entfernen konnte. Im Grunde waren wir zehn Cyborgs. Aber dieses Wort hörte ich gar nicht gerne.

Ich war also eine Kampfmaschine im Ruhestand. Noch dazu eine, die nie gekämpft hatte. Jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, falls es doch so gewesen sein sollte. Ich genoss mein Leben an der NHB und tat, was ich immer schon gerne getan hatte, ich beschäftigte mich mit Science-Fiction. Jetzt gerade war ein Seminar angelaufen mit dem Titel ›Von Laßwitz bis Munsonius‹. Es waren schon einige Referate gehalten worden, zuerst über Marten Munsonius und Herbert W. Franke sowie über Dieter Hasselblatt und Hans Dominik. Weitere über Edmund Kiss und Friedrich Freksa sollten folgen, bis ich selbst dann meinen Abschlussvortrag über Kurd Laßwitz halten wollte. Aber dazu kam es nicht.

Ob das EU-Militär oder ein amerikanischer Geheimdienst dahintersteckte, ist wohl nie bekannt worden. Jedenfalls machten sie irgendwann Jagd auf uns Damons. Warum? Das ist schwer zu sagen. Ich vermute, dass sie uns nicht in Kliniken sehen wollten. Nun ja, wir wurden älter. Und einen von uns hatte man in den Ferien in Florida wegen einer Gallenkolik ins Krankenhaus eingewiesen. Die Ärzte staunten nicht schlecht über die aufregende Nerven-Organ-Verkabelung, die sich ihnen im Ultraschallbild zeigte. Und dann wurde die einzige Frau unter uns Damons auch noch schwanger. Ich nahm an, damit unterzeichnete sie unser Todesurteil, denn Geheimhaltung ging vor. So dachte ich damals. In Wirklichkeit musste sie sterben, weil manche mächtigen Leute es nicht ertragen konnten, dass unsereins sich fortpflanzen konnte.

Mich erwischte es, als ich die Abkürzung hinter der Mensa nahm, um Unterlagen über Kurd Laßwitz aus dem Zentralarchiv der Universitätsbibliothek zu holen. Ich hätte gewarnt sein müssen, denn gerade in jenen Tagen lebte ich wie auf Wolken. Ich meinte fast, Schlaraffia würde sich vor mir ausbreiten, und der Genuss der Welt wollte sich mir in jeder Begegnung, jedem Lächeln einer schönen Frau, in all seiner verführerischen Fülle darbieten. Ich war topfit, hatte Geld und pflegte einen wunderbaren Zeitvertreib in kultivierter Umgebung. Da erschossen sie mich aus einem Gebüsch heraus. Ich hege deswegen keinen Groll. Die Leute taten nur, was sie tun mussten. Warum ich das kann? Ohne Hass, ohne Leiden? Ich habe das bei Abbas Poimen gelernt, der gesagt hat: Der Sieg über jede Plage, die über dich kommt, ist das Schweigen.

Mein Glück war, dass die Studenten, die mich fanden, die Johanniter alarmierten. Denn die Notfallretter unter dem Malteserkreuz überstellten alle Tatopfer grundsätzlich an das Hauptkrankenhaus. Und dort gab es, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, keine Möglichkeit der Kremierung. Und das war entscheidend. Aber dazu später.

 

 

In der Blume Europas

 

Die Frau warf dem muskulösen Mann, der flach ausgestreckt auf seidig schimmernden Laken ruhte, ein Kissen zu, das ihn knapp verfehlte und auf der anderen Seite des Bettes zu Boden fiel. Er blickte auf. »Willst du mit mir unter die Dusche, Nysa?«

Sie lachte und schüttelte den Kopf, dass ihre roten Locken wie leuchtende Girlanden umherflogen. »Heute nicht. Weißt du, Theo, ich bin gleich weg. Zur Nachtschicht muss ich pünktlich sein. Du weißt schon, es geht um die Sicherheit.«

Die Frau erinnerte mich an jemanden. Aber mir wollte nicht einfallen, wer das war.

Der Mann, den sie Theo genannt hatte, räusperte sich. »Habt ihr euren ungebetenen Gast schon identifiziert?«

Sie sah ihn überrascht an. »Davon hast du erfahren?«

»Natürlich. Tor gibt die wichtigen Sachen immer gleich an mich weiter.«

Die Frau nickte.

Tor Zaisser leitete das Büro für Sicherheit, die Hauptabteilung XX. Er galt als Seismograph feinster Störungen im feinen Gewebe der Sicherheit der großen Stadt. Warum ich das wusste? Mir standen alle Informationen zur Verfügung, die dem Zentralrechner zur Verfügung standen. Freilich, der Grund dafür war mir zum jetzigen Zeitpunkt noch unbekannt. Und das gefiel mir gar nicht. Ich war nämlich gerne Herr der Situation. Das hatte uns unser Ausbilder so antrainiert.

»Unseren Gast haben wir noch nicht identifiziert. Weder persönlich noch zeitlich.«

Also, ich muss sagen, mir gefiel gar nicht, was ich da hören musste. Ein ungebetener Gast. Damit meinten sie ja wohl mich. Und außerdem, Poimen hätte diese Szene auch nicht gebilligt. Ein derartiges Stelldichein von Mann und Frau … – das konnte den Menschen wahrlich ins Verderben führen.

»Habt ihr es mit der Wahrheitsdroge probiert?«

Die Frau, die der Mann Nysa genannt hatte, unterbrach das Entwirren ihrer Strümpfe. »Oh nein, Theo. Das ist zu riskant. Außerdem ist er gefroren wie ein Klotz Trockeneis. Wir haben ihn jetzt aus der Kryonik teilerweckt, damit wir ihn einem Gehirnscan unterziehen können.«

»Ein Gehirnscan?« Theo richtete sich auf.

»Ja. Er bleibt tiefgefroren, atmet nicht und sagt nichts. Nur einige seiner Synapsen im Köpfchen feuern etwas hin und her. Das genügt schon.«

»Wofür?«

Sie seufzte. Dann begann sie, ihre Kleidungsstücke zusammenzusuchen. »Aber das musst du doch wissen. Auf diese Weise erhalten wir Zugang zu seinem Bewusstseinsraum, lassen seine Gedanken in unserem internen Datennetz schwadronieren und beobachten genau. So kann man viel erfahren über Identität, Absichten, mundofeindliches Potential und so weiter.« Nysa ging zur Vitrine und griff sich ein vorgewärmtes Handtuch.

Der Mann auf den Laken wälzte sich träge herum. »Kannst du mir erklären, wie das überhaupt passieren konnte?«

»Was meinst du?«

»Na das mit diesem Jungen.«

»Wahrscheinlich hat ihn eine Epistize erwischt, während wir gerade nicht hingesehen haben.«

»Bitte lass die Witze.«

»Das ist kein Witz. Ich kann dir jetzt gerne einen Vortrag über die Grundlagen der Kairologie halten.«

»Bitte, Nysa, verschone mich. Versuche einfach, mir das Ganze auf Deutsch zu erklären.«

Sie stöhnte. »Du willst immer alles ganz genau wissen, dich aber nicht anstrengen. Weißt du, das nervt. Überhaupt würdest du es gar nicht verstehen. Ich glaube, ich verstehe es selbst nicht so ganz.« Sie griff nach ihrer Bluse, die achtlos auf dem Flauschteppich lag, dort, wo diese Begegnung ihren Anfang genommen hatte.

»Versuche es einfach. Ich bin ganz Ohr.«

Etwas in seinem Blick brachte sie dazu, sich zu fügen. »Nun gut. Du weißt, dass wir mit dem DNA-Material aus Gräbern ganz brauchbare Erfolge erzielen konnten.«

»Und zahllose Misserfolge.«

»Die werden bald der Vergangenheit angehören. Alles deutet darauf hin, dass unsere Fledderer den Dreh jetzt raushaben. Bei Familiengräbern wird immer abwechselnd links und rechts beerdigt. Darauf musste man erst einmal kommen.«

Der Mann richtete sich auf. »Wie bitte?« Fast hätte er darüber gelächelt, wie sie das Wort Fledderer verwendete. Er wusste, dass so die Archäologen genannt wurden, die DNA-Proben bestimmter Verstorbener in Gräbern und Grüften aufspürten.

»Verstehst du nicht? In ein breites Grab passen zwei Särge nebeneinander. Man stapelte sie im alten Mitteleuropa so, dass sie abwechselnd links und rechts zum Liegen kamen. Und zwar in der Regel in einer Tiefe von etwa zwei Metern beginnend immer übereinander bis das Grab voll ist. Hat man auch nur eine einzige Bestattung innerhalb eines Grabes genau lokalisiert, ergeben sich die übrigen von selbst. Freilich nur, wenn die Sterbedaten bekannt sind. Aber ohne diese wäre die Suche sowieso unsinnig.«

»Aha.«

»Ja. Du brauchst gar nicht so zweifelnd zu schauen. Bei den letzten zwei Dutzend Sippen, die wir untersuchten, brachten die Fledderer schon bei der ersten Grabung die richtige DNA-Probe. Wenn man die dreidimensionale Anordnung der Bestattungen im Grab kennt, kann man durch ein winziges Bohrloch die richtige Probe ohne großen Aufwand ganz leicht besorgen. Man muss die Bohrtiefe lediglich genau berechnen. Mit etwas Übung ist das kein Problem. Die routinierten Fledderer schaffen das oft schon beim ersten oder zweiten Versuch. Den Rest erledigt der Zeitapparat.« Sie überlegte. »Also, ich meine den neuen Zeitapparat, den von Buorgwart-Nimksdorff.«

»Ist schon klar. Ich bin der Bürgermeister. Die Anschaffung ging über meinen Schreibtisch, bevor ich sie an den Lenkungsausschuss weitergeleitet habe.«

Nysa winkte ab. »Natürlich.« Sie überlegte. »Bei ganz bestimmten DNA-Proben nutzt der Buorgwart-Nimksdorff-Apparat die kinetischen Epistizen, greift in die Vergangenheit und transportiert längst verstorbene Personen quicklebendig in unsere Zeit. Der Apparat sollte eigentlich nur die Personen herausfischen, deren DNA vorliegt. Und bald«, sie streifte die Strümpfe über ihre langen Beine, »bekommen wir tatsächlich nur noch die Leute, die wir auch wirklich haben wollen.«

Theo kicherte schadenfroh. »Außer wenn sie sich feuerbestatten ließen. Dann gibt es nichts mehr zu wollen.«

Nysa zuckte mit den Achseln und begann ihre Bluse zuzuknöpfen. »Unser Problem mit dem Jungen ist diesmal nicht, dass wir den Falschen bekommen hätten. Unser Problem ist, dass wir überhaupt niemanden erwartet haben. Plötzlich lag er in der Stellitwanne. Und keiner konnte erklären, wie er dorthin gekommen war.«

Ich dachte es mir schon. Ein seltsames Material, dieses Stellit. Es war mir gleich irgendwie seltsam erschienen. Kurd Laßwitz hatte darüber geschrieben. Offenbar gab es das Zeug wirklich.

»Aber …«, setzte Theo an.

Sie legte ihm den Finger auf die Lippen. Dann küsste sie ihn. Bevor seine Leidenschaft entflammen konnte, entwand sie sich seinem Griff mit einer koketten Drehung.

Sie zog ihren weißen Kittel über. Er war gar nicht so zerknittert, wie sie befürchtet hatte. Schließlich strich sie ihr Haar glatt und verknotete es mit einem transparenten Gummiband.

Theo Mommsen stand auf, drückte sie an sich und küsste sie noch einmal. Lange und ausgiebig.

Er genoss diesen letzten Kuss. Denn es konnte passieren, dass sie sich mehrere Tage nicht mehr treffen konnten. Das Problem mit ihnen beiden war, dass ihre Beziehung bislang in keiner Weise offiziell gemacht worden war. Nysa sperrte sich gegen jeden seiner Versuche, ihre Beziehung legalisieren zu lassen. Immer führte sie als Begründung seine Stellung als Bürgermeister dieser großen Stadt an.

»Bleib mir treu, Theo Mommsen«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Dann entwand sie sich ein weiteres Mal seinem Griff. Mit kessem Hüftschwung ging sie zu seinem privaten Aufzug im Ankleideraum. Er sah ihr nach, bis sich die Lifttüren schlossen. Er war allein.

Theo Mommsen streckte sich, gähnte ausgiebig und zog sich schließlich einen leichten Morgenmantel aus purer Seide über. Auf dem Weg ins Bad fing er einen Hauch von Nysas Parfüm ein. Gierig sog er ihren Duft auf, der sich erst verflüchtigte, als das warme Wasser im Becken rauschte.

Seine Beziehung zu Nysa bedeutete ihm mehr als nur einen angenehmen Zeitvertreib. Mehr als die Art von Unterhaltung, die die Mächtigen aller Jahrhunderte von ihren Mätressen erwarteten. Viel mehr als kurzfristigen Kitzel, sinnliches Vergnügen und erotische Abwechslung. Was war es, das ihn für Nysa brennen ließ? Er hätte es nicht zu sagen vermocht. Es war ein Geheimnis.

Sein Erfolg, sein Amt, seine Ziele bedeuteten ihm nichts im Vergleich zu einem Leben mit ihr, das er sich sehnlich erhoffte. Wenn er ihr doch nur irgendwie begreiflich machen könnte, dass er es ernst meinte. Er würde Geduld haben. Ganz gewiss.

Mommsen blickte auf die Uhr. Es bestand kein Grund zur Eile. Über die weichen Teppiche schlenderte er barfuß zu seiner Arbeitsecke neben dem Musikzimmer. Dort hielt er seine Dateien und Notizen bereit. Manche handschriftlich. Hierher zog er sich zurück, wenn er allein sein wollte. Es machte ihm Freude, sich intellektuell mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen, seiner Stadt.

Mommsen zog sich einen Stuhl heran und ließ sich inmitten der Bibliografien, Quellen und uralten Filme nieder. Die Ausstattung in diesem Raum kam einem technischen Paradiesgarten gleich. Schon die Klimatisierung war ein Wunderwerk für sich. Die Luft blieb frisch und angenehm temperiert trotz zahlreicher elektrischer Apparaturen, Abspielgeräte und Monitore.

Mommsens Morgenmantel klaffte auseinander, als er sich setzte. Dass er darunter nackt war, störte ihn nicht. Sobald er sich in sein Studium vertieft hatte, vergaß er alles um ihn her. Manchmal passierte es, dass ihn seine Referenten auf der privaten Leitung rufen mussten, weil er einen Termin völlig vergessen hatte.

Er ließ sich auf einem der Monitore die Datei anzeigen, an der er zuletzt gearbeitet hatte. Eine lange Liste mit Namen.

Es waren die Namen der Stadt, der Blume Europas. Seiner Stadt, wie er sich in Erinnerung rief. Seit ihrer Gründung hatte sie mindestens fünfzig Mal ihren Namen gewechselt. Manche Namen klangen sehr ähnlich. Bei anderen war nur schwer zu glauben, dass sie den gleichen Ort bezeichneten. Vratislavia und Presslaw bildeten ein solch gegensätzliches Paar. Andere waren Wrotizla und Breslau. Welcher wohl der ursprüngliche Name seiner Stadt gewesen sein mochte, blieb ungewiss. Die Bezeichnung Breslau kam nicht vor 1770 durchgehend in Gebrauch. Wroclaw erst nach 1945.

Mommsen lehnte sich zurück. Sein Blick ging in die Ferne. Gerade noch hatte er die Blume Europas in seinen Armen gehalten. Unwillkürlich musste er an den kleinen Leberfleck an ihrem Hals denken, den er so gern liebkoste. Nysa besaß noch viele andere entzückende Details.

Er ließ sich treiben. Seinen Gedanken wuchsen Flügel. Nysa war ein polnischer Name. So wurde einst ein historischer Fluss bezeichnet. Ein Fluss, den es heute nicht mehr gab: die Neiße. Und Nysa war die Flussnymphe. Sehr passend. Mommsen schmunzelte. Kein anderer Name hätte zu diesem feuerroten Wirbelwind besser gepasst. Und keine andere Frau würde jemals zu Theo Mommsen passen.

Was empfand Nysa wirklich für ihn? Diente er ihr nur als Sprungbrett nach oben in das Zentrum der Macht? Diese Frau war schwer einzuschätzen. Geld interessierte sie nicht, Luxus kümmerte sie nicht, das Spiel um die Million war ihr schlicht und einfach egal. Sie wollte Macht. Dessen war er sicher. Als IM, als inoffizielle Mitarbeiterin im Büro für Sicherheit, war sie zwar nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Aber sie war gut. Mit ihrem Ehrgeiz und ihren Talenten würde sie früher oder später jeden anderen Ehrgeizling aus dem Feld schlagen. Sollte er versuchen, beim Chef des BfS ein Wort für sie einzulegen? Tor Zaisser, der Kopf und unangefochtene Herrscher des Büros für Sicherheit, war ein brandgefährlicher Mann. Gleichermaßen mächtig wie skrupellos. Er würde sich nicht gerade vor Eilfertigkeit überschlagen, um sich ihm, Theo Mommsen, anzudienen. Vor allem, wenn sie beide bald zur Tat schreiten mussten … – Jedenfalls waren bisher von Nysas Seite keine Wünsche in dieser Richtung zu hören gewesen.

Gegenwärtig observierte sie einen ihrer vorgesetzten Wissenschaftler aus der Truppe um den Buorgwart-Nimksdorff-Zeitapparat. Ihre Berichte über Chefingenieur Mateusz Kacper gingen erst an einen Strohmann, dann an Tor Zaisser. Auf diese Weise leistete sie wie viele andere ihren Beitrag zur Sicherheit der Stadt. Die Befehlsstruktur, die Mitarbeiter und erst recht die Informationswege waren streng geheim. Jeder, der inoffiziell Informationen sammelte und weitergab, kannte immer nur die nächst höhere Stelle. Die einzige wirklich öffentliche und allgemein bekannte Person im BfS, im Büro für Sicherheit, war Tor Zaisser.

Jeder Mann und jede Frau in Breslau wussten, dass er über ein Heer inoffizieller Mitarbeiter gebot, die Berichte an ihn lieferten. Doch wer diese Berichte im Einzelnen verfasste, wie sie weitergegeben wurden und welche Folgen daraus resultierten, das wusste niemand.

Ob Nysa Berichte über ihre intimen Treffen verfasste? Theos Gewohnheiten, Neigungen, Vorlieben genau notierte, um sie direkt an das BfS weiterzureichen? Abrupt schob er jeden Gedanken daran beiseite. Mommsen mochte die Vorstellung nicht, Zaisser ergötzte sich möglicherweise an einem Bericht über das gerade stattgefundene Stelldichein. Mit einem Seufzer schnitt er diesen Gedanken ab und widmete seine Aufmerksamkeit wieder den Aufzeichnungen über die reiche Geschichte der Stadt, seiner Stadt.

Oben auf lag eine biographische Notiz aus dem Jahr 1572 über den so genannten ›Breslauer Hans Sachs‹. Er war ein Meistersinger, seiner Profession nach ein Schuhmacher aus Augsburg. Er konnte zwar gut singen und dichten, aber er hieß natürlich nicht wirklich Hans Sachs. Sein Name war Wolfgang Herolt. Nach seiner Übersiedlung nach Breslau soll er das älteste Breslauer Meisterlied verfasst haben.

Unwillkürlich kam Mommsen die Idee, das Grab von Wolfgang Herolt suchen zu lassen. Es wäre doch eine immense Überraschung und sicherlich ein gelungener Gag, wenn Herolt bei der Hauptversammlung vor dem Lenkungsausschuss auftreten würde, um einige Breslauer Meisterlieder zum Besten zu geben. Durch diese Überraschung wären die Teilnehmer der Hauptversammlung ein wenig eingelullt. Herolts Auftritt gäbe einen herrlichen Kontrast zu der bitterbösen Überraschung, die dann folgen sollte. Mommsen rieb sich voller Vorfreude die Hände.

Bestimmt war ich tot.

Ich konnte nichts sehen, nichts hören, nichts riechen. Oder bildete ich mir das nur ein? Waren meine Sinne durch irgendeine Gemeinheit betäubt?

Wenn ja, worauf konnte ich mich überhaupt verlassen? Was war sicher, was nicht? Für einen schockierenden Moment verstummten meine Gedanken. Dann rasten sie wieder aufs Neue.

Ich denke, also bin ich.

War das ein Spruch von Poimen? Nein, das stammte von keinem der Altväter. Abbas Poimen hätte gesagt, dass er jeden Tag einen Anfang machte. Ganz gewiss. Aber er hätte sicher keinen festen Grund für sein Denken suchen müssen. Für ihn lag die tägliche Pflicht klar und deutlich vor Augen, nämlich die Wachsamkeit seiner Sinne zu schulen. Vielleicht hatte man Abbas Poimen deshalb zum Vorbild der Damons erkoren.

Damals in der Ausbildung war mir das alles so einfach erschienen. Aber jetzt? Meine Sinne schienen gleichzeitig wach und taub. Derartiges konnte es für einen Cyborg eigentlich gar nicht geben. Was sollte ich nur tun? Wenn ich schon nicht sicher sein konnte, ob ich meinen Sinnen trauen konnte, ob ich in einem Lügengespinst gefangen war, über eines konnte ich doch immerhin sicher sein: nämlich, dass ich Gedanken fassen, dass ich überlegen und denken konnte.

Und da fiel ich wieder zurück ins Vergessen.

Später: Ich hatte das unbestimmte Gefühl, ich würde liegen. Warum? Das konnte ich nicht sagen. Wenn die Sinne nicht arbeiteten, war es im Grunde unmöglich festzustellen, ob man lag oder saß oder stand. Noch nie in meinem Leben war ich mir im Unklaren gewesen über diese banalen Dinge. War ich nun endgültig verrückt?

Dann fiel ich wieder zurück ins Vergessen.

Später: Vielleicht war ich wirklich tot. Aber wie sollte ich das feststellen? Wenn ich tot war, dann müsste eigentlich ein Engel auftauchen. Oder ein Teufel. Aber es kam weder der eine noch der andere.

Plötzlich schaute einer auf mich herab. So eine Überraschung.

»Hallo, Abbas Poimen«, dachte ich laut.

Er nickte mir freundlich zu.

Hallo, wiederholte ich. Bin ich in Valhala?

Wiederum nickte er. Konnte er nicht sprechen? Der Altvater erschien mir stumm wie ein Fisch.

War das wirklich Poimen? Weshalb redete er nicht?

Ich nahm mir vor, ihn zu testen. Ich würde ihn etwas fragen, was niemand außer ihm wissen konnte. »Wie stellt man Gold her?«

Sofort antwortete er: »Indem du Gutes sagst, denkst und tust.«

Das klang nach Altvater Poimen. Plötzlich war ich wieder allein. Poimen war weg. Irgendwie musste ich lächeln. Etwas amüsierte mich. Bestimmt war das nicht der Altvater gewesen.

Das hätte ich mir gleich denken können. Ich wusste zwar nicht mehr genau, was er mir geantwortet hatte, aber die Tatsache, dass er mir verraten hatte, wie man Gold herstellte, konnte nur bedeuten, dass hier etwas faul sein musste.

Dann fiel ich wieder ins Vergessen.

Wie lange?

Später: Als ich merkte, dass ich mich bewegen konnte, ohne meine Beine zu gebrauchen, war ich zugegebenermaßen überrascht. Noch mehr überrascht war ich über die Stellit-Oberfläche, auf der ich lag. Aber das erzählte ich ja schon.

Ich konnte mich zwar bewegen, nur leider sah ich nicht, wohin ich mich bewegte, nicht einmal, ob in der Horizontalen oder Vertikalen. Um mich herum waren nur Schemen und diese sausten an mir vorüber, manche ganz fürchterlich schnell. Der Wunsch, die Augen zu schließen, half nichts.

---ENDE DER LESEPROBE---