Verlag: Loewe Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Im Herzen der Zorn E-Book

Elizabeth Miles  

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E-Book-Beschreibung Im Herzen der Zorn - Elizabeth Miles

Der Frühling naht in Ascension, der Kleinstadt in Maine, in der Fehler tödlich sind. Und während der Schnee schmilzt und das dicke Eis allmählich zurückweicht, offenbaren sich die sorgsam verborgenen Lügen und langgehüteten Geheimnisse ihrer Bewohner. Mit ohnmächtigem Zorn kämpft Emily gegen die Macht der Furien, die ihre Heimatstadt heimsuchen. Doch die Rachegöttinnen sind unerbittlich und ihr Durst nach Vergeltung ist groß. Seit ihrem verhängnisvollen Pakt mit den Furien scheint Emilys große Liebe für immer verloren. Verzweifelt schwört sie sich, den Bann der Rachegöttinnen zu brechen - und muss entdecken, dass die Furien viel tiefer in die Ereignisse von Ascension verstrickt sind, als sie jemals befürchtet hat. Skylar McVoy ist fest entschlossen, ihre Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Mithilfe der geheimnisvollen Meg will auch sie endlich zu den Beliebtesten der Beliebten gehören. Tatsächlich scheint der Neuanfang ganz nach Plan zu laufen. Doch Sky ahnt nicht, dass Meg eine der Furien ist. Und diese werden dafür sorgen, dass Skylar ihren eigenen Geheimnissen niemals entfliehen kann ... "Im Herzen der Zorn" ist der zweite Band der Jugendbuch-Trilogie von Elisabeth Miles über Rache, Furien und Liebe. Ein spannender Mystery-Thriller, der Mythologie mit Mord verbindet. Der Titel des ersten Bandes lautet "Im Herzen die Rache".

Meinungen über das E-Book Im Herzen der Zorn - Elizabeth Miles

E-Book-Leseprobe Im Herzen der Zorn - Elizabeth Miles

Prolog

Henry Landon blies sich auf die Finger, um sie zu wärmen. Es wurde langsam spät und er musste am nächsten Tag früh unterrichten. Als er sich erhob, um seine Eisfischausrüstung – einen Eimer, eine Eissäge, seine Köder, Haken und Angelschnur – zusammenzupacken, glaubte er, hinter sich ein Rascheln zu hören. Er wirbelte auf dem dicken Eis herum, sah jedoch nichts bis auf das schlammige Ufer, die kahle Rundung des Hügels und die blätterlosen Bäume dahinter. Die Eissäge funkelte im Mondlicht.

»Hallo?«, rief er. Seine Stimme hallte über den zugefrorenen Teich. Er zuckte mit den Schultern, beugte sich vor, um den Eimer zu nehmen, und dachte an sein leeres Haus und daran, wie ruhig es dort sein würde, wenn er heimkam.

In diesem Moment sah er es – ein Gesicht im Eis. Da, direkt unter seinen Stiefeln.

Sein Herz begann unter der dicken Weste, die er anhatte, zu pochen. Das war doch nicht möglich. Er schüttelte den Kopf, blinzelte. Er war unfähig zu schlucken.

Wie aus einer gläsernen Vitrine starrte ihn das Gesicht eines wunderschönen Mädchens an, die vollen Lippen blutrot. Ihr blondes Haar fächerte sich unter der Oberfläche auf wie das einer Meerjungfrau, fast so, als legte es sich in der Strömung immer wieder in neue Wellen. Das Mädchen schien sich von unten ans Eis zu klammern. Auf ihrer Handfläche lag eine tiefrote Blüte.

Er kannte ihr Gesicht.

Landon hustete, rang nach Atem, musste sich beinahe übergeben. Als er die Augen schloss, stieg eine Erinnerung in ihm hoch: Kalifornien, ein paar Jahre zuvor. Am Strand. Ein blondes Mädchen im weißen Bikini war schwimmen gegangen. Die Wellen waren zu heftig gewesen. Sie hatte mit den Armen gerudert und um Hilfe gerufen, dann war ihr Körper untergegangen. Er hatte das alles mit angesehen – hatte zugelassen, dass es passierte. Nicht etwa, weil er nicht schwimmen konnte. Auch nicht, weil irgendwer sonst hinausgeschwommen war, um sie zu retten. Sondern weil sie seine Schülerin war. Eine intelligente, Harvard-geeignete sechzehnjährige Schülerin. Kaylie. Sie waren am Strand gewesen. Zusammen.

Sie hatte damit angefangen, nicht er. Ihm gesagt, er sähe aus wie George Clooney. Nach dem Unterricht auf ihn gewartet. Im Vorbeigehen mit den schlanken Fingern seine Seidenkrawatte geschnippt. Sie hatte ihn angehimmelt und er hatte nicht anders gekonnt.

Wäre die Polizei an jenem Tag gekommen, hätte das das Ende seines bisherigen Lebens bedeutet. Er hatte nicht zulassen können, dass sie alles zerstörte. Also entschied er sich in diesem Moment dafür, sein eigenes Leben zu retten, nicht ihres. Entschied sich und lief davon.

Ließ sie sterben.

Und jetzt war sie hier.

Er öffnete die Augen. Gespenstisch schön glitt das Mädchen unter dem Eis in sein Blickfeld, als würde es leuchten. Plötzlich schnappten ihre Augen auf, wässrig und weiß. Ihre Lippen öffneten sich zu einem breiten Grinsen.

Er war unfähig, sich zu rühren.

Zuerst war das Knacken nur ganz leise. Hörte sich beinah so an wie ein kleiner Riss in einem Stück Stoff. Doch dann wurde es immer lauter, wie eine Serie von Explosionen, und bevor Henry Landon noch vom Eis heruntertreten konnte, öffnete es sich unter seinen Füßen und er stürzte hinab. Das eisige Wasser umschloss ihn, schoss durch seine Kleider, verschluckte Rumpf und Beine, während er verzweifelt mit den Armen ruderte und nach etwas suchte, woran er sich festhalten konnte. Da war nichts. Sein Eimer mitsamt dem kümmerlichen Fang von drei Fischen fiel um, die Tiere klatschten zappelnd und mit glasigen Augen auf das Eis.

Er ging unter. Die Kälte betäubte seine Glieder.

Der Tag am Strand holte ihn wieder ein. Die Sonne. Die Wellen. Kaylies helle Haut, ihr vertrauensvolles Lächeln. Kaylies Körper, wie er in den Wellen verschwand.

Seine Hände trafen über dem Kopf auf massives Eis. Er schnappte nach Luft, verschluckte sich an dem frostigen Wasser, seine Lunge brannte wie Feuer. Landon überkam die glasklare Erkenntnis, dass er keinen weiteren Atemzug mehr machen würde. Sein Körper begann zu zucken und sich zu krümmen, während er von den ersten Krämpfen eines qualvollen Todes geschüttelt wurde. Er hörte den entfernten Klang von Mädchengelächter.

Dann: nur noch Leere.

Erster Akt

Unschuld oder Vanilleeis

Kapitel 1

»You say you wanna play around with other boys. You tell me that it’s over, but all I hear is WHITE NOISE!« Crow ergriff das Mikrofon, beugte sich nach vorn und einen kurzen Moment lang war Em sich sicher, dass er sie ansah.

Sie lehnte sich in dem verschlissenen Sessel zurück und zog ihre dicke Daunenjacke fester um sich, während sie Crow dabei beobachtete, wie er seinen neuesten Song übte: White Noise. Der Klang von schlechten, alten Instrumenten und Jungs, die es liebten, darauf zu spielen, schallte durch die Garage. Em hatte in den vergangenen Wochen ziemlich viel Zeit mit Drea Feiffer und ihren Freunden verbracht, mit dem Resultat, dass sie sich langsam an das Brummen der Verstärker, den dröhnenden Rhythmus des Schlagzeugs und die kreischenden Gitarrensolos gewöhnte. Außer auf Kaffee und B-Movies stand Dreas alternative Clique total auf Musik, besonders auf die Sorte, die sie selbst produzierte.

Heute Abend waren sie in Colin Robertsons »Proberaum« in Portland – falls man einen Vorleger auf Betonboden, ein paar abgewetzte alte Sofas und ein gebrauchtes Schlagzeug überhaupt Proberaum nennen konnte. Aus Colins Namen war schon vor Ewigkeiten die Kurzform C-Ro geworden und dieser Spitzname hatte sich dann bald in Crow verwandelt. Em hatte noch nie gehört, dass irgendjemand ihn anders nannte. Na ja, bis auf die Zeit jedenfalls, als Gabby, sie und ein paar andere ihn als »Ghostface« bezeichnet hatten, kurz bevor er die Ascension Highschool verließ. Nicht nach dem Abschluss etwa … er war nur einfach nicht mehr gekommen. Er war der einzige Schulabbrecher, den Em kannte.

Inzwischen wusste sie, dass er abgegangen war, um Musik zu machen.

Crow schlug die Saiten seiner Gitarre an, leckte sich konzentriert die Lippen und öffnete dann den Mund, um einen Liedvers anzustimmen. Seine langen schwarzen Haare (früher waren sie blond gefärbt gewesen; das hier war deutlich besser) fielen ihm ständig in die gelbgrünen Augen, die immer ein wenig zu blinzeln schienen, so als wäre er noch dabei aufzuwachen oder gerade high.

Im Prinzip bestand Crows Band Crash aus vier Jungs: Crow, der Leadsänger war und die Rhythmusgitarre spielte, Jake, dem Schlagzeuger, Patrick, dem Bassisten, und Mike, der die Leadgitarre spielte. Neue Instrumente konnten sie sich zwar nicht leisten, ihre Fähigkeiten standen jedoch außer Frage. In der geräumigen Lagerhalle, die Crow und die Band billig gemietet hatten, verbrachten noch andere ortsansässige Musiker ihre Zeit. Einer von ihnen spielte Xylofon und ein anderer war berühmt für seine Instrumente »Marke Eigenbau«, zum Beispiel Pinsel auf Backblech oder Schraubenschlüssel an Vogelkäfig.

Em konnte noch immer kaum glauben, dass diese ganze Parallelwelt wirklich existierte. Und erst recht nicht, wie cool das alles war.

»Hey, Em, willst du was abhaben?« Drea hockte auf einer durchgesessenen Couch und hielt einen Becher mit Fertig-Nudelsuppe in die Höhe. In Ascension, Maine, wo Em und Drea wohnten, ernährten alternative Typen sich offenbar hauptsächlich von Instantnudeln in versalzener Fleischbrühe – eine der weniger bekannten Tatsachen, die Em in letzter Zeit erfahren hatte.

Sie verzog das Gesicht und winkte ab. »Nein, danke. Keinen Hunger.«

Der Raum begann sich langsam zu erwärmen – er war eiskalt gewesen, als Em und Drea angekommen waren – und Em fing an, sich aus ihren Klamotten zu schälen. Sie wickelte sich den dicken weinroten Schal vom Hals und schüttelte ihr lockiges Haar aus. Dann stand sie auf, um ihre Jacke abzustreifen, und zog an den Gürtelschlaufen ihrer Jeans, die in letzter Zeit ständig weiter wurde.

Ihre Einstellung zu Crows Gitarrensolos war nicht das Einzige, was sich in den letzten Wochen geändert hatte. Tatsächlich lernte Em dank Drea eine ganz neue Seite von Ascension und seiner Umgebung kennen – und zwar nicht nur den grünen Tee im Powerflower, einem Hippie-Café im Stadtzentrum, das die viel bessere Alternative zum langweiligen Kackuccino in der Nähe des alten Einkaufszentrums darstellte. Sie lernte Ascensions »Nur-gefärbte-Haare-sind-schöne-Haare-Freaks« kennen. So hatten sie und Gabby sie jedenfalls immer genannt. Über diese Seite an sich wollte sie lieber gar nicht nachdenken. Besonders nicht, seit Drea ihr kürzlich die Haare mahagonirot gefärbt hatte.

Zurzeit kam es ihr so vor, als machte sie einen Spagat zwischen zwei Welten, wobei sie sich bei Dreas Freunden und ihrer lauten Musik häufig wohler fühlte als auf den Partys der Ascension.

Crows raue Stimme fiel in einen Refrain ein: »And my voice«, grölte er zum Takt, »it’s white noise.«

Em holte ihr Tagebuch hervor und notierte sich etwas von Crows Songtexten. Sie waren wirklich gut. Em hatte in letzter Zeit angefangen, ihr Tagebuch überall mit hinzunehmen. Sie hatte schon früher sporadisch eines geführt, aber momentan hatte sie das Gefühl, den Stift fast überhaupt nicht mehr aus der Hand legen zu können. Nachdem sich nun alles verändert hatte – nachdem sie sich verändert hatte –, war das Schreiben die einzige Möglichkeit, den Kontakt zur Realität nicht ganz zu verlieren … oder zu dem, was davon noch übrig war. Es war jetzt Anfang März, der Entscheidungskampf mit den Furien hatte vor über einem Monat stattgefunden. Erst vor Kurzem war sie dem praktisch komatösen Zustand entronnen, in dem sie sich wochenlang befunden hatte.

Ihr blaues Tagebuch war voll mit Gedichten über Liebe und Reue. Über den Schnee. Die Kälte. Ihre beste Freundin Gabby. Und natürlich über die Furien, die danach trachteten, Übeltäter für ihre Vergehen zu bestrafen. Em war ein Opfer ihres unbändigen Zorns; die drei schönen und gleichzeitig abscheulichen Mädchen hatten dafür Rache an ihr geübt, dass Em auf Liebe und Vertrauen gepfiffen hatte, indem sie etwas mit Gabbys Freund anfing. Jetzt bekam sie die bitteren Konsequenzen zu spüren. Das Schlimmste daran war, dass der Typ, Zach, es nicht einmal wert gewesen war. Nicht annähernd.

Oder, nein. Das Allerschlimmste war das, was mit JD passiert war, ihrem spleenigen Nachbarn, ihrem Freund aus Kindertagen, dem Jungen, den sie liebte. Die Furien hatten versucht, ihn umzubringen, um ihr eine Lektion in Sachen verlorene Liebe zu erteilen. Sie hatte getan, was nötig war, um ihn zu retten. Aber dazu gehörte auch das Versprechen, weder ihm noch sonst irgendjemandem die Wahrheit darüber zu erzählen, was an jenem Abend im Shopping-Monster, dem neuen Einkaufszentrum, passiert war. Und das alles für sich zu behalten, baute eine unüberwindbare Mauer zwischen ihnen auf. Wie sollte sie JD um Verzeihung bitten, ohne zu erklären, was wirklich passiert war – und ohne ihn dann von Neuem wieder zu verlieren?

Jede Nacht machte sie kurze Einträge in ihr Tagebuch, schrieb sich die unbändige Traurigkeit und Wut von der Seele, die sie manchmal aufzufressen schienen. Das Schreiben half ein wenig, die Schlaflosigkeit zu ertragen, beseitigen konnte es sie jedoch nicht. Sie verwünschte ihre helle Haut, auf der die dunklen Ringe unter ihren Augen umso mehr zum Ausdruck kamen.

Em blinzelte ein paarmal, um sich wieder ins aktuelle Geschehen einzuklinken. Sie überlegte, ob Drea nicht vielleicht bald nach Hause wollte, schließlich war es Sonntagabend und Em musste bis zum nächsten Tag noch eine Chemiehausaufgabe fertig machen.

»Halten wir euch etwa vom Schlafen ab?« Crow kam herübergeschlendert, baute sich vor dem Sofa auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Hübsche Damen wie ihr brauchen doch sicher ihren Schönheitsschlaf.«

»Sorry, dass ich hier so müde rumhänge«, entschuldigte sich Em und setzte sich aufrechter hin. Crow, der sie anfangs ignorierte, hatte in letzter Zeit angefangen, Notiz von ihr zu nehmen – vor allem, indem er sie aufzog.

»Ah. Die Prinzessin kommt zu sich!« Seine Augen fingen an zu leuchten.

»Ich bin keine Prinzessin«, platzte es aus Em heraus. Sie hatte sich in letzter Zeit zurückhaltend gegeben, war immer darauf bedacht gewesen, dass die Leute nicht glaubten, sie hielte sich für etwas Besseres. So wie JD es tat. Seit der Nacht im Shopping-Monster, als sie ihm das Leben gerettet hatte, waren sie erst ein Mal in Kontakt getreten. Eine einzige E-Mail, von ihm an sie: Ich habe keine Lust mehr, länger deinen Chauffeur zu spielen, Em. Ich bin keine Selbstverständlichkeit, nie wieder.

Seitdem nichts mehr. Kein Blickkontakt in den Gängen, kein Zuwinken von der Einfahrt aus, wo JD offensichtlich am Mustang seines Dads herumschraubte. Wenn Em nach Hause kam, sah sie ihn meistens halb unter dem Wagen liegen, einen offenen Werkzeugkasten neben sich auf dem kalten Gehweg. Nie streckte er den Kopf heraus, um Hallo zu rufen. Er brachte es deutlich zum Ausdruck, ohne ein einziges Wort zu sagen: JD wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Ihm ihre Liebe zu gestehen, wäre zwecklos, wenn sie nicht auch etwas zu jener Nacht erklärte. Trotzdem musste sie ununterbrochen an ihn denken. Seine Abwesenheit ließ sie umso mehr spüren, wie eng ihre Beziehung gewesen war und wie recht er hatte – sie hatte ihn für selbstverständlich genommen. Eins stand jedenfalls fest: Ihre Gefühle für ihn waren etwas ganz anderes als das, was sie für Zach empfunden hatte oder gemeint hatte zu empfinden. Bei JD hatte niemals etwas den Beigeschmack von Verrat und Betrug gehabt. Was sie miteinander teilten, fühlte sich warm an, und richtig. Könnte es zumindest. Hatte es.

»Wie ich sehe, begibst du dich zum niederen Volk«, stellte Crow nüchtern fest und zog eine Augenbraue nach oben. Er reizte sie weiter und sie sprang voll darauf an.

»Mir war gar nicht klar, dass ich deine Genehmigung brauche, um mich hier aufzuhalten«, erwiderte sie. »Wir können natürlich auch gehen.« Sie versuchte, locker zu klingen, ein bisschen zu scherzen sogar, spürte aber überraschenderweise Tränen in den Augenwinkeln brennen. Sie stand auf, um nach Drea zu sehen.

»Jetzt warte doch mal, kein Grund, gleich abzuhauen.« Crow warf in gespielter Kapitulation die Arme in die Höhe. »Schon gut. Mein Fehler. Du gehörst genauso zum Pöbel wie wir alle.«

Zum Glück beschloss Mike genau in diesem Moment, herüberzukommen und ein paar Akkordfolgen mit Crow zu besprechen. Em hoffte, Crow würde ihr Gesicht nicht sehen, das feuerrot angelaufen war.

Sie beugte sich zu der Couch herunter, auf der Drea mit Cassie saß, einer Zehntklässlerin, mit der Em bis vor vier Wochen noch nie gesprochen hatte. »Drea, bist du bald so weit? Ich muss noch Chemie machen.« Sie verschränkte die Arme und hoffte, ihre Ohren würden nicht auch noch rot werden.

»Klar, lass mich das nur rasch fertig machen«, antwortete Drea und zeigte auf ein Tattoo, das sie gerade für Cassie auf die Rückseite eines Briefumschlags zeichnete. Em nickte, hockte sich hin und gab vor, nach etwas in ihrer Tasche zu kramen.

»Hey, Em«, sagte Crow, während er sich von Mike abwendete.

Sie weigerte sich, ihn anzuschauen, und heftete den Blick stattdessen auf die Spitzen seiner ausgetretenen Turnschuhe. »Ja?«

»Hör zu, ich hab das nicht so gemeint. Ich dachte bloß, Dornröschen und so, weißt du.« Er tippte ihr mit der Fußspitze ans Knie und sie blickte schließlich zu ihm auf. »Du gehörst doch nicht etwa zu der Sorte schöner Frauen, die keine Komplimente vertragen?«

»Oh, bitte.« Jetzt wurde Em erst richtig rot.

»Ich mein’s ernst. Ich wollte dich nicht anmachen, weil du hier bist. In Wirklichkeit hasse ich diesen ganzen Scheiß – unterschiedliche Gruppen und Typen und so.« Er klang etwas unsicher und Em musste daran denken, wie oft sie ihn Ghostface genannt oder ihn angestarrt und getuschelt hatte, wenn er den Flur entlanglief.

»Ist absolut okay«, erwiderte sie verlegen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Drea ihre Tasche nahm. Sie suchte krampfhaft nach etwas, das sie Crow außerdem noch sagen konnte, um ihn zu überzeugen, dass zwischen ihnen alles in Ordnung war.

»Cool. Also, deine Chemieaufgabe, hat die was mit Blutspucken zu tun?« Er grinste sie an.

Em erstarrte. »Wovon sprichst du?«

»Erinnerst du dich noch an diesen geilen Vulkan, den du in der sechsten Klasse gemacht hast? Da musste ich kürzlich dran denken. Wo die Lava nur so raussprudelte und du sagtest, es sähe aus wie Blut? Voll krass.« Er lachte. »Emily Winters, die Herrin des Blutes. Das kannst du glatt in deinen Lebenslauf für die Wahl zur Ballkönigin schreiben.« Er machte ein pseudo-ängstliches Gesicht. »Ist bloß Spaß. Nix Prinzessin. Nix Königin.«

Em verdrehte die Augen. »Ja, ich hab schon dran gedacht, mit jeder meiner Collegebewerbungen einen Vulkan abzuliefern«, antwortete sie.

Er prustete und schüttelte den Kopf. »Guter Plan.« Und dann rief Jake nach ihm, die Pause war vorbei. »Man sieht sich.« Er berührte sanft mit den Fingern ihre Schulter und sie antwortete mit einem schüchternen Lächeln. Vielleicht passte sie ja besser zu Dreas Freunden, als sie dachte.

Oder doch nicht. Als Drea und sie zusammen Richtung Tür liefen, hörte sie Crow plötzlich ihren Namen rufen. Sie drehte sich um.

»Hoffe, du beehrstuns bald wieder mit deiner erlauchten Anwesenheit«, warf er über die Schulter und verbeugte sich dabei leicht. Sie starrte wütend auf seinen Rücken.

»Wir müssen am Powerflower anhalten, wenn wir wieder nach Ascension kommen«, sagte Drea, als sie sich auf den Highway einfädelten. »Ich brauche so was von dringend ein bisschen Koffein.«

Em hatte immer gedacht, sie und Gabby wären Koffein-Junkies, aber Dreas Kaffeeabhängigkeit war absolut grenzenlos. Es schien, als bräuchte sie schon einen Energydrink, um überhaupt eine Unterhaltung führen zu können. »Ich dachte, du wolltest etwas reduzieren«, antwortete Em freundschaftlich.

»Mit Reduzieren fang ich morgen an. Sieht aus, als könntest du auch was brauchen«, stellte Drea trocken fest.

Diese verdammten Augenringe. Em schüttelte den Kopf. »Ich hab schon genug Probleme mit dem Schlafen. Ich brauche garantiert nicht noch ein Aufputschmittel.«

»Es wird wohl nicht besser, hm?« Drea sah zu ihr hinüber. Jedes Mal, wenn ein entgegenkommendes Fahrzeug vorbeifuhr, wurden ihre Gesichter hell erleuchtet, was ihrer Unterhaltung einen sprunghaften Rhythmus verlieh.

»Nicht wirklich«, erwiderte Em niedergeschlagen. Es war unnötig, Drea zu erzählen, dass die Sache mit ihrem Schlafmangel sogar noch schlimmer geworden war. Sie blickte aus dem Fenster. Bisher hatten sie einen strengen Winter gehabt, doch Gabbys Mom, die Wetteransagerin Marty Dove, prophezeite ein milderes Ende der Jahreszeit. Em würde es als Wohltat empfinden, wenn die frostigen Temperaturen und das harte Knacksen der vereisten Zweige vor ihrem Fenster endlich nachließen.

»Also, du solltest es mal so sehen«, sagte Drea und pulte sich an den Fingernägeln, wie sie es immer tat, wenn sie scharf nachdachte. »Sämtliche Geistesgrößen wurden von irgendwas gequält. Ich wette, Hemingway hat, na ja, bestimmt nie die Erfahrung von REM-Schlaf gemacht.«

Em sah hinunter auf das Tagebuch in ihrer Tasche, dessen Inhalt mit Sicherheit nichts vom Niveau einer Geistesgröße besaß. Ebenso wenig wie ihre Schulnoten, jedenfalls nicht mehr, seit die Furien in ihr Leben getreten waren. »Kann sein, dass ich nicht viel schlafe, aber eine Geistesgröße bin ich bestimmt nicht.«

Sie bogen gerade auf den Parkplatz vor dem Powerflower ein, als Em JDs Auto entdeckte. Ihr Magen machte einen Salto. Und da war er. Sie sah ihn durch die Tür des Cafés kommen und mit großen Schritten auf sein Auto zulaufen. Er besaß diesen ganz besonderen Gang – als hätte er kleine Sprungfedern unter den Füßen.

Sie hatte wochenlang geschwiegen, aber heute Abend schreckte sie vor nichts zurück – was sie wahrscheinlich ihrem Wortwechsel mit Crow zu verdanken hatte. Kaum hatte Drea den Wagen geparkt, sprang Em schon hinaus.

»Wo willst du …«, hörte sie Drea noch rufen, während sie sich beeilte, JD rechtzeitig aufzuhalten, bevor er seine Fahrertür erreichte.

»JD!«, schallte ihre Stimme durch die Abendluft. Er sah auf und zuckte zusammen. »Warte einen Moment, ja?« Sie hielt es für besser, ihn direkt an Ort und Stelle abzufangen, wo es wenig Ablenkung gab.

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit stand sie ihm wieder direkt gegenüber. Sie befand sich zwischen ihm und dem Volvo; er würde sie zur Seite schieben müssen, um wegzufahren. In gewöhnlichen Jeans und schwarzer Jacke wirkte er irgendwie farblos – nur seine verstrubbelten Haare und die Brille mit der dicken Fassung verrieten noch seinen typischen exzentrischen Stil.

Während sie sich anblickten und überlegten, wer wohl zuerst etwas sagen würde, ging Drea mit gesenktem Kopf vorbei.

»Hey, Fount«, grüßte sie JD. »Wir sehen uns dann drin, Em.«

»Hey, Drea«, antwortete JD, ohne den Blick von Em abzuwenden.

Dann brach er das Schweigen und fragte kalt: »Was willst du, Em?«

»Hübsche Brille«, erwiderte sie. Nichts. Bleierne Stille. Sie seufzte und fuhr fort. »Bitte«, sagte sie und zog an den Enden ihres Schals, damit er fester saß. »Ich muss wissen, warum du mir aus dem Weg gehst. Schon seit Wochen.« Sie glaubte, sich auf sicherem Boden zu bewegen – schließlich hatten die Furien ihr nicht verboten, Fragen zu stellen, als sie den Pakt mit ihr schlossen, oder?

»Meine Strategie hat ja offenbar nicht besonders gut funktioniert«, stellte JD eintönig fest. »Ich hab angefangen, hierherzukommen, weil ich dachte, du würdest das Kackuccino bevorzugen.«

»Es ist wegen Drea«, erklärte Em matt. »Ihr gefällt es hier.« Sie schluckte die Enge in ihrer Kehle herunter. »JD, bitte. Bitte rede mit mir.«

JD blickte sie kühl an. »Ich kann nicht«, sagte er. »Könntest du mir verzeihen, wenn ich getan hätte, was du getan hast?«

Em starrte ihn an. Was meinte er?

»Und willst du wissen, was das Schlimmste ist?«, sprach er hastig weiter. »Dass du es offensichtlich nicht mal für eine große Sache hältst. Was in der Nacht damals passiert ist … Ich dachte, das zwischen uns würde irgendwohin führen. Aber das Krankenhaus war scheinbar alles, wohin es geführt hat.«

Er hob die Hand, um die Stelle an seinem Kopf zu berühren, an der das Rohr ihn getroffen hatte. Das Rohr, das ihn auf den Boden des Kellerfundaments des neuen Einkaufszentrums befördert hatte und in die Gefahr, lebendig von Zement begraben zu werden. Und das wäre auch passiert, wenn sie ihn nicht herausgezogen hätte. Eine rötliche Narbe verlief vom Haaransatz aus diagonal über seine Stirn. Sie wollte so schrecklich gern wissen, was er dachte, was in jener Nacht im Shopping-Monster passiert wäre – in der Nacht, in der ihr klar geworden war, dass sie ihn liebte.

Die Furien hatten versucht, JD zu töten, um sie zu bestrafen, um ihr eine Lektion über Verrat und verlorene Liebe zu erteilen, und sie hatte getan, was sie konnte, um sie aufzuhalten. Und das hieß auch, dass sie fünf schimmernd rote Samenkörner schlucken und versprechen musste, ihren Mund zu halten. Mit keiner Menschenseele darüber zu sprechen, genau gesagt.

»JD …«

Er schnitt ihr das Wort ab. »Wolltest du nicht Chauffeur sagen?« Sie zuckte zusammen. »Ja, Gabby hat mir von eurem kleinen Spitznamen für mich erzählt. Es ist ihr auf der Schulversammlung versehentlich rausgerutscht. Ich weiß, dass ich nicht mehr für dich bin, Emily.«

»JD, das war doch bloß ein alberner Spitzname. So empfinde ich nicht. Die Dinge haben sich geändert. Das musst du mir glauben. Du bedeutest mir so viel mehr.« Sie legte ihm ihre Hand auf den Arm. Er schüttelte sie ab.

»Die Dinge haben sich kein bisschen geändert. Du hast mich auf der Schulversammlung stehen lassen, weil du was Besseres vorhattest.« In seiner Stimme lag Verachtung. »Du hast diese Story erfunden, dass Gabby in Schwierigkeiten sei, und dann hast du mich abserviert, um auf der Baustelle mit einem anderen Typen rumzumachen. Das ist echt schwach, Em. Vor allem für dich.«

Em bebte förmlich. »Ich … ich verstehe nicht.«

»Nein, natürlich nicht«, zischte er sie an und bohrte seine Stiefel in den matschigen Untergrund. »Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, Em. Kapierst du das nicht? Deshalb bin ich dir gefolgt. Und dann hab ich gesehen, dass du nur zu einem Date gefahren bist …« Er stockte. »Und verdammt, du hast mich ausgelacht.«

Sie hatte ihn ausgelacht? Nein, hatte sie nicht. Doch als er es sagte, ertönte wieder der silbrige Klang des Gelächters der Furien in ihrem Kopf, wie ein Windspiel, das nicht aufhören wollte zu klimpern.

»Nein … nein. Gabby war gar nicht da. Das war ein Trick. Sie haben versucht, dir etwas anzutun. Ich hab dich gerettet«, erwiderte sie, ohne darüber nachzudenken. JDs Erinnerungen an diese Nacht … das stimmte alles nicht. Und jetzt wusste sie nicht, was mit ihr passierte. Die Worte rutschten ihr einfach so heraus.

JD verdrehte die Augen. »Du und mich gerettet? Oh, vielen Dank, du furchtlose Kriegerin«, erwiderte er mit einem übertriebenen Händefalten. »Meinen unendlichen Dank dafür, dass du mich gerettet und ins Krankenhaus gebracht hast, nachdem dein toller neuer Freund oder weiß der Geier, wer sonst, mir vorher eins mit einem Rohr übergezogen hat. Du hast wirklich ein echtes Händchen dafür, dir immer die Loser auszusuchen, stimmt’s, Em?«

Sie trat einen Schritt zurück. Diese Beleidigung sollte sie an Zach erinnern. Daran, wie sehr sie sich in ihm geirrt hatte. Sie hätte sich gern verteidigt, wusste aber, dass sie schweigen musste. Sie war kurz davor, ihren Pakt mit den Furien zu brechen.

»Also nein«, fuhr JD fort, »ich werde dir weder glauben noch dir jemals wieder vertrauen.«

»JD, bitte, du musst mir zuhören.« Doch dann verstummte sie und rief sich ins Gedächtnis, dass JD derjenige sein würde, der darunter leiden müsste, wenn sie es jetzt vermasselte. Die Furien waren nicht fair. Und sie wollte lieber kein Risiko eingehen. Ihr war klar, dass sie schon zu viel gesagt hatte.

»Da fällt dir nichts mehr ein, hm?« JD machte einen Schritt vorwärts. »Dann geh mir bitte aus dem Weg.«

Ohne ein weiteres Wort entfernte sie sich von seinem Wagen. Es gab nichts, was sie hätte tun können. Ihr Hals war so zugeschnürt, dass sie das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen.

JD hielt inne und drehte sich noch einmal um. »Du hast mich ausgelacht«, wiederholte er. »Warum musstest du auch noch lachen?«

Dann riss er die Fahrertür auf, stieg ein und fuhr davon.

Während sie zusah, wie er vom Parkplatz rollte, schluckte sie einen Schluchzer hinunter und schlang die Arme um den Körper. Die Kälte schien jetzt bis in ihr Innerstes zu reichen. Sie wollte nach Hause.

Em gelang es, durchs Fenster Dreas Aufmerksamkeit zu erregen. Dringend, gab sie ihr Handzeichen. Und dann fuhren sie heim, ohne dass Drea irgendwelche Fragen stellte.

Sie sagte erst etwas, als sie sich Ems Haus näherten. »Sollen wir uns morgen was zum Mittagessen holen?«, erkundigte sie sich. »Delikatessenladen? Ich hab so unheimlich Heißhunger auf ein ausgefallenes Sandwich.«

»Ähm, ich weiß nicht.« Em war in diesem Moment nicht einmal in der Lage, sich vorzustellen, am nächsten Tag in die Schule zu gehen. Ihr Magen schmerzte, genau wie ihr Herz, wenn sie daran dachte, wie wütend JD war. Dass sie nichts tun konnte, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen. »Ich meine, irgendwann später diese Woche vielleicht oder …« Sie verstummte, als sie einen Schimmer von Weiß zwischen den mondbeschienenen Bäumen am Ende der Straße aufblitzen sah. Sie spähte angestrengt aus dem Fenster und versuchte, mehr zu erkennen. »Fahr mal langsam«, sagte sie.

Tatsächlich, da hing etwas Weißes in der Eiche neben dem kleinen Park. Es war ein Stück Segeltuch, genau so eines, wie JD und sie als Signalflagge benutzt hatten, als sie noch klein gewesen waren. Er hatte es immer an sein Baumhaus gehängt, zum Zeichen, dass sie ihn dort treffen sollte. Sie hatte schon seit Jahren nicht mehr an die Flagge gedacht, doch als sie sie jetzt sah, begann ihr Herz, schneller zu schlagen.

»Kannst du mich hier rauslassen?« Em war klar, dass das ein seltsames Anliegen an diesem dunklen, kalten Abend war, aber sie wusste auch, dass Drea kein Problem damit haben würde.

»Ein bisschen frisch für einen Abendspaziergang, findest du nicht?« Drea hielt das Auto an und stellte keine weiteren Fragen.

»Bis morgen, D«, sagte Em. Die Worte kamen langsam, als wäre sie in Trance – sie war unfähig, den Blick von der provisorischen Flagge abzuwenden. Eine Nachricht von JD war es bestimmt nicht. Aber der Zufall war einfach zu groß. Sie musste der Sache nachgehen.

Während Drea davonfuhr, knirschten Ems Füße über das gefrorene Gras zu dem Segeltuch hinüber. Auf Zehenspitzen reckte sie sich, um die Flagge, die der Wind mehrfach um den Zweig der Eiche gewickelt hatte, zu lösen. Während sie sich mit frierenden Fingern mit dem Stoff abmühte, dachte sie an die Tage zurück, die sie damit verbracht hatte, JD rund um die kleine Einzäunung zu jagen, die den Park umgab. An den Nachmittag, als sie beschlossen hatten, ihre Eltern »auszutricksen«, indem sie ihnen Plastikameisen auf ihre Käseplatte legten. An den Abend, an dem sie gemeinsam auf JDs kleine Schwester Melissa aufgepasst hatten und sie hierherbrachten, um Fangen mit ihr zu spielen. Vielleicht hatte Melissa ja mit der Flagge gespielt und sie war auf diese Weise hierhergekommen? Aber nein, selbst Melissa war inzwischen zu alt für so etwas.

Ein Windstoß schüttelte die Flagge schließlich los. Sie klappte auf und schlug Em mit den Rändern ins Gesicht.

»Autsch«, sagte Em ins Leere und fasste sich an die Wange. Sie ließ die Flagge los und schnappte nach Luft, als das Stück Stoff plötzlich vollständig sichtbar wurde. In der Mitte klaffte ein hässliches großes Loch, als hätte die Klaue eines wilden Tieres es hineingerissen. Jahrelanges Spielen hatte das Material kein bisschen verschleißen lassen, doch nun war es praktisch zerfetzt.

Und dann, aus dem Nirgendwo, der leise Klang weiblichen Lachens. Em fuhr herum, befreite sich aus der Flagge, als die sich um ihr Handgelenk wickelte.

»Melissa?«, rief sie auf den dunklen Spielplatz hinaus. »JD?«

Keine Antwort.

Em musste schlucken. Vor gar nicht langer Zeit, im Dezember, hatte sie hier auf der Schaukel gesessen und einen Zettel in ihrer Tasche gefunden. Reue ist manchmal nicht genug. Eine Nachricht von den Furien. Der Gedanke daran ließ ihre Hände vor Angst verkrampfen.

Da war es wieder. Dieses schauerlich-schöne Lachen.

Sie erkannte den Klang. Sie würde ihn überall erkennen.

Die Furien. Sie waren hier.

Warum waren sie zurückgekehrt? Sie war doch schon bestraft worden. Warum tauchten sie hier auf und warum jetzt? Würden sie immer wieder in ihr Leben treten, wenn ihnen gerade danach war? Sie dachte an die Bruchstücke der Geschichte, die sie JD auf dem Parkplatz verraten hatte. Wussten die Furien davon? Waren sie deshalb zurückgekehrt? Hatte sie sie zurückgeholt?

Sie drehte den Kopf in alle Richtungen, doch das Lachen kam scheinbar von nirgendwo und überall zugleich. Sie wich zurück, bewegte sich zuerst langsam rückwärts, dann immer schneller und schneller. Sie drehte sich um, ließ die Flagge liegen. Atmete keuchend in die Abendluft. Sie lief auf das Tor des Parks zu und wagte nicht, hinter sich zu blicken.

Plötzlich, kurz bevor sie den Maschendrahtzaun, der an den Park grenzte, erreichte, fiel lautlos ein spitzer Eiszapfen vom Himmel. Em schrie auf, als er, scharf wie eine Messerspitze, ihren Arm anritzte. Und plötzlich regnete es Eiszapfen auf sie herab, spitz und tödlich. Ohne den geringsten Laut, bis auf ein leises Tschschsch.

Sie rannte die Straße entlang, stolperte jedoch über einen Ast, landete auf allen vieren und schlitterte über das Eis. Sie hörte ihre Jeans reißen und spürte, wie sich kleine Schmutz- und Salzpartikel in ihr Knie bohrten. Ihre Tasche rutschte ihr von der Schulter. Und die ganze Zeit war da dieses Lachen, flirrend und hüpfend, wie Licht auf einem See. Sie konnte sie nicht sehen, aber sie waren da. Sie konnte sie spüren.

»Wagt es nicht, hierher zurückzukommen!«, rief sie, während sie sich zitternd wieder aufrappelte. »Ich habe nichts gesagt! Ich habe mein Versprechen gehalten!« Sie schnappte sich ihre Tasche und sammelte hektisch die Sachen zusammen, die bei ihrem Sturz herausgefallen waren. Sie wusste, wie panisch sie aussehen musste, während sie da auf der dunklen Straße nach ihrem Handy, ihrer Puderdose und ihren Schlüsseln tastete. Das machte sie noch wütender. »Ich habe genug bezahlt!«, schrie sie in die Nachtluft.

Sie stolperte die letzten Meter bis zu ihrer Einfahrt und dann keuchend durch die Haustür, die sie fest hinter sich zuschlug. Erst im Haus, in sicherer Entfernung von Mond und Schnee und den Zweigen der Bäume, die nach ihr zu greifen schienen, ließ das schallende Gelächter nach.

Em schleppte sich nach oben. Dieses Mal habe ich nichts Unrechtes getan, sagte sie sich selbst. Mir kann nichts passieren. Doch irgendwie fühlte sie sich nicht beruhigt. Das war eine Warnung. Sie legte sich die kalten Hände aufs Gesicht und versuchte, das Brennen ihrer Wangen zu lindern. Entweder die Flagge oder der Wind hatten ihre Haut ganz wund gepeitscht.

Kapitel 2

In dem verstaubten Türmchen des alten viktorianischen Hauses ihrer Tante Nora war Skylar McVoy gerade dabei, ihre letzten Sachen aus einer lila Reisetasche zu packen. Sie steckte das Ladegerät ihres iPods in die Steckdose, arrangierte eine kleine Sammlung Nagellack auf der wackeligen Kommode in der Ecke und drapierte anschließend ein paar Schals über den Spiegelrahmen. Sie musterte das Zimmer – die hölzernen Dielen, das Erkerfenster mit Blick auf die Straße, das große Bett mit dem geschwungenen Metallrahmen. Ihr neues Zuhause. Es würde eine Weile dauern, sich daran zu gewöhnen. Es war so … typisch Neuengland, hölzern, derb und kalt. Kein Vergleich mit ihrer alten Wohnung in Alabama, wo der Teppichboden und die billigen Kunststoffmöbel scheinbar vor Wärme gestrahlt hatten. Sie zitterte, klemmte sich ihr schulterlanges blondes Haar hinter die Ohren und zog sich die Kapuze ihres Sweatshirts über den Kopf. Vielleicht würde sie Nora um einen kleinen Heizofen bitten.

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