Im Kopf des Mörders - Tiefe Narbe - Arno Strobel - E-Book + Hörbuch

Im Kopf des Mörders - Tiefe Narbe Hörbuch

Arno Strobel

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Beschreibung

Extrem packend, extrem verstörend, extrem intensiv:
Bestseller-Autor Arno Strobel jetzt in Serie

»Im Kopf des Mörders – Tiefe Narbe« ist der Auftakt einer spannenden Thriller-Trilogie um Oberkommissar Max Bischoff in Düsseldorf

Max Bischoff, Oberkommissar, Anfang dreißig, ist der Neue bei der Düsseldorfer Mordkommission. Er ist hoch motiviert und schwört auf moderne Ermittlungsmethoden, was nicht immer auf Gegenliebe bei den Kollegen stößt. Sein erster Fall beim KK11 hat es in sich. Auf dem Polizeipräsidium taucht eines Morgens ein Mann auf, der völlig verstört und von oben bis unten mit Blut besudelt ist. Er weiß weder, was in der Nacht zuvor geschehen ist, noch hat er eine Erklärung für das Blut auf seiner Kleidung. Wie sich bald herausstellt, stammt es nicht von ihm selbst, sondern von einer Frau. Einer Frau, die vor über zwei Jahren spurlos verschwand. Die für tot gehalten wird. War sie all die Zeit über noch am Leben und ist erst vor kurzem getötet worden? Und was hat der Mann mit der Sache zu tun? Ist er Täter oder Opfer?

Als kurz darauf eine Leiche am Rheinufer gefunden wird, verstricken Max Bischoff und sein Partner Horst Böhmer sich immer tiefer im Dickicht der Ermittlungen, um einen Fall zu lösen, in dem lange nichts zusammenzupassen scheint …


Ein echter »Strobel« mit einer gewohnt starken psychologischen Komponente und dem toughen jungen Ermittler Max Bischoff, der sich in einem Fall beweisen muss, der ihn vor die größte Herausforderung seiner bisherigen Karriere stellt.

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Zeit:7 Std. 7 min

Sprecher:Götz Otto

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ARNOSTROBEL

Im Kopf des Mörders – TIEFE NARBE

Thriller

FISCHER E-Books

Inhalt

MottoProlog1234567891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950EpilogLeseprobe »Im Kopf des Mörders 2 - Kalte Angst«

Es ist oft nur der Anschein, der blendet.

Erhard Horst Bellermann

Prolog

Ich genieße den Augenblick der Stille nach dem Sturm. Kraftlos, aber glücklich. Du liegst in meinen Armen, so dicht an mir, dass unsere Haut sich überall berührt. Ich halte dich, drücke dich immer wieder an mich und wünschte, wir könnten bis in alle Ewigkeit so liegen bleiben.

Noch immer jagen die Wellen durch meinen Körper wie kleine Nachbeben, lassen ihn erzittern in wohligen Schauern.

Ich streichle über dein Haar, fahre mit meiner Hand die Konturen deines Kopfes nach. Küsse deinen Nacken und nehme dabei noch einmal den Duft deiner Haut in mir auf.

Mit geschlossenen Augen lasse ich die letzten Stunden Revue passieren. Bedingungslose Liebe, gipfelnd in einer Leidenschaft nie geahnter Intensität. Ich bin dir so unendlich dankbar, denn du hast mir den Weg dahin gezeigt.

Ich verstehe, was ihm an dir gefallen hat. Und doch hatte er dich nicht verdient, denn er wusste dich nicht so zu schätzen, wie ich es tue. Völlig unbegreiflich sind mir auch deine Gefühle für ihn. Er ist so … gewöhnlich.

Langsam und vorsichtig schiebe ich dich Stück für Stück von mir weg. Die Stellen, an denen sich deine Haut von meiner löst, fühlen sich plötzlich kalt an. Als vermissten sie die Berührung mit dir schon in dem Moment, in dem sie nicht mehr zu spüren ist.

Ich rücke ein Stück von dir ab, damit ich dich betrachten kann. Deine Augen sind geschlossen, eine Haarsträhne hängt dir ins Gesicht. Ganz behutsam streiche ich sie zur Seite.

Wie schön du bist. Es kostet mich Willenskraft, dich nicht sofort wieder an mich zu ziehen, dich zu streicheln, zu küssen … zu spüren.

Ich widerstehe, schaue dich stattdessen an, während meine Gedanken auf die Reise gehen. Zwei, drei Stunden in die Vergangenheit. Diese kurze, gerade erst verstrichene Zeitspanne, die sich so sehr in mein Gedächtnis eingebrannt hat, dass ich sie in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen werde. Ich durchlebe sie noch einmal, Minute für Minute.

 

Mir wird bewusst, dass ich irgendwann die Augen geschlossen habe. Ich öffne sie, weiß nicht, wie lange ich so dagelegen habe, neben dir. Ich berühre deinen nackten Arm. Es muss schon eine ganze Weile gewesen sein. Vielleicht eine Stunde?

Du hast dich verändert, bist nun bleich und kalt. Und doch umgibt dich noch immer diese einzigartige Aura. Noch. Ich weiß, sie wird verblassen, so wie deine Haut schrecklich schnell fahl geworden ist. Deine Anmut, deine Schönheit … sie sind vergänglich. Ich muss dich bedecken und dafür sorgen, dass ich dich so in Erinnerung behalten kann, wie du in diesem kurzen Moment des vollkommenen Glücks ausgesehen hast. Nur so kann ich zukünftig in Gedanken reproduzieren, was ich mit dir erleben durfte.

Ich streiche über deine Wange, lasse meine Hand an deinem schlanken Hals entlangwandern, berühre dich dabei nur mit den Fingerspitzen. Die speziellen Stellen lasse ich aus, umkreise sie, ohne die Berührung dabei zu unterbrechen. Ich betrachte deine Brüste. Sie sind jetzt kleiner. Fast wirken sie knabenhaft.

Schließlich reiße ich meinen Blick von dir los. Es wird Zeit. Ich muss dir dein neues Zuhause schaffen.

1

Dienstag

Als der Mann die Eingangshalle des Polizeipräsidiums Düsseldorf betrat, richteten sich sofort die Blicke der Anwesenden auf ihn. Gespräche verstummten, irgendwo wurde ein unterdrückter Schrei ausgestoßen. Männer und Frauen erstarrten, als hätten sie das Haupt der Medusa erblickt.

Auch Oberkommissar Max Bischoff, der gerade ein paar Worte mit dem Portier gewechselt hatte, starrte die große, schlanke Gestalt an, die bis zur Mitte der Halle schlurfte und dort stehen blieb. Reglos, stumm. Den Kopf gesenkt, den Blick auf einen Punkt vor seinen nackten Füßen gerichtet. Die Arme hingen schlaff neben seinem Körper herab wie Fremdkörper, die man ihm provisorisch angeheftet hatte. Das Hemd steckte nur noch halb in der Hose.

Doch das wirklich Bizarre war nicht die Art, wie der Mann das Präsidium betreten hatte. Auch nicht die Tatsache, dass er barfuß war. Was Max ebenso wie die anderen Menschen im Eingangsbereich erstarren ließ, war das Blut, mit dem seine Kleidung durchtränkt und seine dunklen Haare verklebt waren. Auch Gesicht und Hände waren überzogen mit Schlieren und Spritzern.

Max brauchte einen Moment, bis er auf diese grausige Situation reagieren konnte. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem Mann, der keinerlei Notiz von ihm nahm. Als er bis auf zwei Meter an ihn herangekommen war, blieb er stehen.

Der süßliche Geruch getrockneten Blutes legte sich schwer auf seine Atemwege. Max versuchte, ihn zu ignorieren und sich auf die Situation zu konzentrieren.

Er konnte keine sichtbaren Wunden an dem Mann entdecken. Seine Haltung und sein ganzer Zustand ließen nicht auf einen allzu großen Blutverlust schließen, doch darauf durfte Max sich nicht verlassen. Ebenso wenig wie darauf, dass sein Gegenüber unbewaffnet war.

»Kann ich Ihnen helfen?«, sprach er den Mann mit ruhiger Stimme an. »Sind Sie verletzt?«

Langsam hob der Mann den Kopf, wandte ihm das blutverschmierte Gesicht zu. Als ihre Blicke sich trafen, hatte Max das deutliche Gefühl, dieses verkrustete Gesicht irgendwoher zu kennen.

»Ich weiß nicht, was geschehen ist.« Die Stimme klang fest, aber auf eine seltsame Weise emotionslos.

»Haben Sie Schmerzen, sind Sie verletzt?«, versuchte Max es erneut.

Der Blick des anderen Mannes richtete sich an Max vorbei auf einen Punkt hinter ihm.

»Nein, ich glaube nicht.«

»Woher kommt dann das viele Blut?«

Der Mann sah Max wieder an, und obwohl ein stumpfer Schleier über ihnen zu liegen schien, stachen seine wasserblauen Augen aus dem dunkel verschmierten Gesicht ungewöhnlich hell heraus.

»Ich weiß es nicht.«

»Ich werde Hilfe holen. Einen Arzt, in Ordnung?«

Max wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich zu dem Portier um, der mittlerweile seinen Raum verlassen hatte und vor der Sicherheitsschleuse stand. »Rufen Sie einen Notarzt. Und geben Sie oben Bescheid. Hauptkommissar Böhmer.«

Durch die Glaswand, die einen Teil der Abtrennung zum Eingangsbereich bildete, sah Max zwei junge Kollegen in Uniform. Sie standen mit versteinerten Gesichtern da und starrten zu ihm herüber. Mit einem knappen Kopfnicken deutete er ihnen an, den inneren Bereich zu verlassen und zu ihm zu kommen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu, dessen Blick erneut auf den Boden gerichtet war.

»Bitte, denken Sie nach. Woher stammt das Blut auf Ihrer Kleidung? Und in Ihrem Gesicht und an den Händen? Hatten Sie vielleicht einen Unfall?«

»Ich weiß es nicht. Nein … ich glaube nicht.«

»Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«

»Harry Passeck.«

Als er den Namen hörte, wusste Max, warum ihm das Gesicht bekannt vorgekommen war. Passeck war ein recht bekannter Journalist. Sein Foto tauchte immer mal wieder in der Presse auf, wenn er einen politischen oder wirtschaftlichen Skandal aufgedeckt hatte.

Die beiden Kollegen hatten sich zwischenzeitlich links von Max postiert. Nachdem er einen kurzen Blick mit ihnen gewechselt hatte, machte er einen weiteren Schritt auf den Mann zu. Er legte ihm die Hand auf den Oberarm, an eine Stelle, die halbwegs frei von Blut war. Passeck zuckte weder zusammen noch zeigte er überhaupt irgendeine Reaktion.

»Tragen Sie eine Waffe bei sich?«

»Nein.«

»Meine Kollegen werden sich trotzdem davon überzeugen müssen.«

»Ja«, stimmte Passeck zu und rührte sich nicht, während die beiden jungen Polizisten ihre Hände mit sichtbarem Abscheu über seine blutige Kleidung wandern ließen.

Als sie damit fertig waren, schüttelten sie den Kopf. »Keine Waffen.«

»Kommen Sie, setzen wir uns.« Max deutete auf die dunklen Sessel, die wenige Meter von ihnen entfernt in zwei Gruppen vor der Wand standen. »Gleich da vorn. Der Arzt wird sofort hier sein und Sie untersuchen.«

Mit einigen Sekunden Verzögerung setzte Passeck sich in Bewegung und ging auf die Sitzgruppe zu. Noch immer waren keine Anzeichen für eine Verletzung zu erkennen. Vor einem der Sessel blieb der Mann stehen und sah Max an, als erwarte er eine Anweisung, was er zu tun habe.

»Bitte, setzen Sie sich.«

Max wartete, bis Passeck seiner Aufforderung gefolgt war, zog dann einen der anderen Sessel näher heran und ließ sich nieder. »Von wo sind Sie gerade gekommen? Wissen Sie das?«

Die Stirn des Mannes legte sich in Falten. Er schien angestrengt nachzudenken. »Aus einer Wohnung.«

Wie von selbst spannten sich Max’ Muskeln an. »Aus welcher Wohnung? Wo ist diese Wohnung?« Wenn Passeck ihm die Adresse nennen konnte, würden sie schnell erfahren, was passiert war.

»Ich …« Passeck starrte vor sich hin, als koste es ihn große Mühe, sich zu erinnern.

»Denken Sie nach. Es ist wichtig. Waren Sie allein in dieser Wohnung? Ist sie Ihnen bekannt vorgekommen?«

»Nein, ich war da noch nie. Aber … die Adresse. Ich habe die Adresse.«

»Was ist denn hier los?«

Böhmer blieb neben ihm stehen und musterte Passeck. Max stand auf und zog seinen Partner ein Stück zur Seite.

Die beiden waren ein ungleiches Paar. Im Gegensatz zu Max, der über eins achtzig groß war und sich durch regelmäßigen Sport fit hielt, war Böhmer leicht untersetzt und einen halben Kopf kleiner. Auch in der Art, wie sie sich kleideten, unterschieden sie sich. Während Max Jeans, Shirt und dazu sportliche Sakkos mochte, bevorzugte Horst Böhmer die klassische Variante mit Anzug und Hemd. Auf eine Krawatte verzichtete allerdings auch er meist. Der unterschiedliche Geschmack in Kleidungsfragen mochte dem Altersunterschied zwischen ihnen geschuldet sein. Mit Anfang dreißig war Max rund zwanzig Jahre jünger als sein Seniorpartner. »Das versuchen wir gerade herauszufinden. Der Mann heißt Passeck. Du kennst ihn vielleicht, er ist Enthüllungsjournalist und hat mit seinen Reportagen schon für einige Skandale gesorgt.«

Böhmer strich über seinen kurzgestutzten Vollbart, eine für ihn typische Reaktion.

»Er kam eben hier rein, so, wie er jetzt da sitzt. Er kann sich nicht erinnern, woher das viele Blut an ihm stammt. Verletzungen konnte ich auf den ersten Blick keine entdecken. Er sagt, er war in einer Wohnung in der Nähe. Und er kann uns die Adresse nennen.«

Böhmer musterte den sitzenden Mann ausgiebig, bevor er sich wieder an Max wandte. »Habt ihr einen Arzt gerufen?«

»Ja, der müsste jeden Moment hier sein.«

»Und was wollte er in der Wohnung?«

»Keine Ahnung. Bevor er antworten konnte, bist du aufgetaucht.«

»Gut, ich übernehme ihn, bis der Arzt hier ist. Sorg du in der Zwischenzeit dafür, dass die Leute verschwinden, sofern sie nicht zu uns gehören.«

Max wollte entgegnen, dass sich darum doch wohl die beiden Kollegen kümmern konnten und dass er Passecks Befragung selbst weiterführen wollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie mussten schnellstmöglich zu dieser Wohnung und nachsehen, was dort geschehen war. Für Diskussionen über Böhmers Chefgehabe war keine Zeit.

Trotzdem informierte er die beiden Kollegen, bat sie, sich um die Leute zu kümmern, und kehrte dann zu seinem Partner zurück, der nun auf dem Platz saß, auf dem Max selbst gerade noch gesessen hatte.

»Böhmer ist mein Name. Ich bin Kriminalhauptkommissar. Mein Kollege sagte, Sie kommen gerade aus einer Wohnung. Können Sie mir die Adresse geben?«

»Konkordiastraße.«

Böhmers Brauen hoben sich. »Und die Hausnummer?«

Mit ausdruckslosem Gesicht nannte Passeck die Nummer und fügte hinzu: »Erster Stock.«

Max notierte die Angaben auf seinem Block und ließ ihn wieder in der Innentasche seiner Jacke verschwinden.

»Was haben Sie dort gemacht?«

Passeck sah Böhmer an, als erzähle dieser ihm gerade eine Geschichte und mache lediglich eine kleine Pause.

»Herr Passeck?« Böhmer legte den Kopf schief. »Haben Sie verstanden, was ich Sie gefragt habe?«

»Ja«, kam es nach einigem Zögern.

»Und?«

»Da war dieser Anruf. Der Mann sagte, er habe wichtige Informationen zu … zu einer Sache, an der ich gerade arbeite.«

»Was ist das für eine Sache?«

»Das … kann ich nicht sagen.«

Böhmer tauschte einen schnellen Blick mit Max, bevor er Passeck wieder ansah. »Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?«

Passecks Blick wurde glasig, als sei er in Gedanken ganz woanders. »Da war dieses Zimmer. Und Blut. Überall war Blut. Ich bin rausgelaufen. Dann war ich hier.«

»Herr Passeck.« Böhmer rutschte ein Stück nach vorn, auf den Mann zu. »Denken Sie mal scharf nach. War außer Ihnen noch jemand in der Wohnung?«

»Nein … doch. Als ich in die Wohnung kam … Ich glaube, ich bin niedergeschlagen worden.«

»Sind Sie verheiratet?«, wollte Max wissen.

»Ja … das bin ich.«

»Weiß Ihre Frau, wo Sie sind? Haben Sie sie angerufen, bevor Sie zu uns kamen?«

»Nein, ich …« Passecks Hände glitten fahrig über sein Hemd, dann zu den Hosentaschen. »Mein Telefon. Es ist weg. Vielleicht liegt es noch in der Wohnung.«

Geräusche hinter ihnen ließen Max und Böhmer herumfahren. Ein Notarzt kam in Begleitung von zwei Pflegern auf sie zu.

Während Böhmer sich erhob und dem Arzt die Situation erklärte, notierte Max sich die Handynummern von Passeck und seiner Frau und ihre Adresse im Villenviertel von Meerbusch, etwa zwanzig Minuten vor der Stadt.

Entweder verdiente man als erfolgreicher Journalist weitaus mehr, als Max es für möglich gehalten hätte, oder Passecks Frau war sehr vermögend. Wer ein Haus in dieser Gegend besaß, hatte im Allgemeinen keine Geldsorgen.

Recht schnell war klar, dass der Mann außer einer Beule am Hinterkopf tatsächlich keine Verletzungen hatte. Zumindest keine sichtbaren.

»Wissen Sie, woher die Schwellung an Ihrem Kopf stammt?«, wollte der Arzt wissen, während er Passecks Hemdsärmel hochschob und ihm die Manschette eines Blutdruckmessgerätes überstreifte.

»Ja. Ich wurde niedergeschlagen.«

Böhmer erhob sich und wandte sich an die beiden Kollegen in Uniform. »Kümmern Sie sich um den Mann, wenn der Arzt mit ihm fertig ist. Falls er ins Krankenhaus muss, begleiten Sie ihn und bleiben dort, bis ich mich melde.« Und an Max gewandt: »Los, wir fahren zu dieser Wohnung.«

Max hatte sich gerade abgewandt, als Passeck mit brüchiger Stimme sagte: »Dieses Blut … überall. An mir, auf dem Bett. Und in dem Zimmer … Vielleicht habe ich einen Menschen getötet.«

2

Während sie zum Wagen gingen, telefonierte Max mit den Kollegen der Spurensicherung und bestellte sie zu der Adresse, die Passeck ihnen genannt hatte. Die Konkordiastraße lag keinen Kilometer vom Präsidium entfernt, ein Weg, den sie auch zu Fuß hätten gehen können. Mit dem Auto erreichten sie das Haus nach drei Minuten.

Es gab zwei Türen im ersten Stock. Die auf der linken Seite des Treppenhauses war nur angelehnt. Max wechselte einen Blick mit Böhmer und drückte sie auf dessen Nicken hin langsam auf. »Hallo? Jemand da?«

Als sich drinnen nichts tat und auch kein Geräusch zu hören war, betraten sie die Wohnung vorsichtig und mit gezogenen Waffen.

Ein geräumiges, hell und modern eingerichtetes Wohnzimmer mit einer integrierten Küche im hinteren Bereich schloss sich gleich an die offene Diele an. Es sah aufgeräumt und sauber aus, Blutspuren waren ebenso wenig zu sehen wie die Auswirkungen eines Kampfes. Links gingen zwei Türen ab, eine weitere auf der anderen Seite in Höhe der Küche.

Max öffnete die erste Tür und warf einen Blick in das dahinter liegende Badezimmer. Die Utensilien auf Ablagen und Regalen, kleine Figuren, Parfümflakons und Gläser mit bunten Badesalzen … Das alles deutete darauf hin, dass hier eine Frau wohnte. Der Bereich rund um das ovale Waschbecken war allerdings leer. Typische Alltagsgegenstände wie Zahnbürste oder Cremetuben fehlten.

»Max?« Die Art, wie Böhmer seinen Namen rief, ließ Max vermuten, dass er etwas entdeckt hatte.

Mit wenigen schnellen Schritten hatte er die offen stehende Tür Nummer zwei erreicht und blieb schräg hinter Böhmers stämmiger Gestalt stehen. »O mein Gott …«

Gemessen an der Menge Blut, die sich auf dem französischen Bett, dem weißen Schleiflacknachttisch und sogar am Kleiderschrank und der Wand verteilte, musste in diesem Raum ein wahres Massaker stattgefunden haben. Große Teile der Bettwäsche waren durchtränkt, oberhalb des Kopfendes zogen sich vier parallele, dunkle Streifen diagonal über die Wand – die gespreizten, blutigen Finger einer Hand, die dort vielleicht verzweifelt Halt gesucht hatte. Auf dem Teppichoden waren dunkle Spuren von nackten Füßen zu sehen. Kräftig und deutlich unmittelbar neben dem Bett, zur Tür hin schwächer werdend.

»Verdammte Schweinerei«, stieß Böhmer aus. »Von wem auch immer dieses Blut stammt …« Er ließ den Satz unvollendet, aber Max verstand ihn auch so. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand nach diesem Blutverlust noch lebte, war äußerst gering. Zumal die Verletzung, die dazu geführt hatte, entsprechend schwer sein musste.

»Die spannende Frage ist: Wo ist diese Person jetzt? Und da sie den Raum wahrscheinlich nicht auf eigenen Beinen verlassen hat – wie hat man sie hier rausgeschafft?«

Böhmer betrachtete den Teppich, auf dem weder Schleifspuren noch sonstige Hinweise zu sehen waren, und strich dabei über seinen Bart. »Keine Ahnung.«

»Ich höre mich mal um, ob jemand was gesehen hat.« Max wandte sich ab und verließ die Wohnung. Im Vorbeigehen warf er einen Blick auf das Namensschild neben der Tür und klingelte dann an der Wohnung gegenüber, deren Schild nur einen weißen Papierstreifen enthielt. Es dauerte eine Weile, bis eine wohl weit über siebzigjährige Frau öffnete.

»Guten Morgen, mein Name ist Bischoff, Kripo Düsseldorf«, stellte Max sich vor und zeigte ihr seinen Dienstausweis, woraufhin die Frau die Augen aufriss. »Kriminalpolizei? Ist ein Verbrechen geschehen?«

»Das wissen wir noch nicht.« Er deutete zu dem unbeschrifteten Namensschild. »Dürfte ich Ihren Namen erfahren?«

»Scheuer. Marie-Luise Scheuer.«

»Gut. Frau Scheuer, können Sie mir sagen, wer dort gegenüber wohnt? Wer ist D. Martiny?«

»O mein Gott, ist ihr etwas zugestoßen?«

»Wie ich schon sagte, wir wissen es noch nicht. Können Sie mir jetzt bitte sagen, wer sie ist?«

Mit einer theatralischen Geste schüttelte die Alte den Kopf. »Ich habe immer gewusst, dass das kein gutes Ende mit ihr nimmt. Sie ist Schauspielerin, müssen Sie wissen. Am Theater. Und sie hat auch schon in kleinen Filmchen mitgespielt. Nichts Großes, aber gelebt hat sie wie ein Hollywoodstar. Partys gefeiert mit lauter Musik. Und Herrenbesuche hat sie gehabt, immer andere. Die kamen und gingen wie im Taubenschlag. Ja, ich habe es kommen sehen. Aber die lassen sich ja nichts sagen, diese jungen …«

»Frau Scheuer, bitte, wie ist der Name der Frau?«

»Ach so, ja, sie heißt Dagmar Martiny. Oder soll ich sagen, sie hieß Dagmar Martiny?«

»Ist Ihnen heute Morgen oder in der letzten Nacht etwas aufgefallen? Geräusche aus der Wohnung vielleicht? Oder sonst etwas?«

Die Falten auf der Stirn der Frau gruben sich noch etwas tiefer in die Haut, während sie auf die angelehnte Tür gegenüber starrte, als könne das ihrer Erinnerung auf die Sprünge helfen.

»Geräusche«, murmelte sie. »Nein, keine Geräusche. Wie auch? Sie ist doch bereits seit Wochen weg. Und kommt auch erst in zwei Monaten wieder. Oder ist sie etwa schon früher zurückgekommen?«

»Sie ist weg? Wissen Sie auch, wohin?«

»Hamburg. Sie hat da eine Rolle am Theater für drei Monate. Das hat sie mir erzählt, kurz, bevor sie gefahren ist. Aber glauben Sie nicht, das hat sie getan, weil sie sich mit mir unterhalten wollte. Das macht sie sonst auch nie.« Max musste sich zusammenreißen, um den Redeschwall der Frau nicht zu unterbrechen. »So, wie die meisten. Mit alten Menschen wollen die jungen Leute sich nämlich nicht unterhalten. Dazu ist diese Generation doch viel zu oberflächlich. Die wollen nur Partys feiern.«

»Aber Frau Martiny hat Ihnen trotzdem erzählt, dass sie nach Hamburg geht.«

»Ja, weil sie jemanden gebraucht hat, der ab und an da drüben nach dem Rechten sieht und ihre Pflanzen gießt.«

»Das heißt, Sie haben einen Schlüssel zu der Wohnung?«

»Ja, wie schon gesagt, hat sie sich nur mit mir unterhalten, weil sie jemanden …«

»Und Sie haben ihn auch noch? Darf ich ihn mal sehen?«

»Wen?«

»Den Schlüssel.«

»Ach so, ja, warten Sie.« Sie machte ein paar wackelige Schritte bis zu einer Kommode im Flur, öffnete die oberste Schublade und zog ein breites, orangefarbenes Band heraus. An dessen Ende hing ein Schlüssel, den sie, den Arm ausgestreckt, vor sich baumeln ließ, während sie zurückkam.

»Danke. Nachher wird ein Kollege von mir Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Es wäre gut, wenn Sie zu Hause blieben.«

»Wo soll ich denn hin, junger Mann? Ich gehe zweimal in der Woche zum Einkaufen, das ist mühselig genug. Aber einer alten Frau wie mir hilft ja niemand. Die jungen Leute …«

»Ja, also dann, vielen Dank für Ihre Hilfe«, fiel Max ihr ins Wort und wandte sich schnell ab.

Vor der Wohnung gegenüber blieb er stehen und versicherte sich, dass die Alte ihre Tür geschlossen hatte, bevor er sich bückte und das Schloss begutachtete. Keine Kratzspuren, keine sichtbaren Beschädigungen.

Während er die Wohnung wieder betrat, zog er sein Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer des Präsidiums. Er erfuhr, dass der Arzt Passeck ins Universitätsklinikum hatte bringen lassen, und bat darum, einige Kollegen zu schicken, die die Nachbarn befragen und die Umgebung des Hauses nach einer Leiche absuchen sollten.

Zurück in der Wohnung, berichtete er Böhmer gerade von den Gesprächen, als die Kollegen der Spurensicherung eintrafen.

Sie waren zu viert, steckten in weißen Overalls und trugen dünne blaue Überschuhe.

»Ich brauche die Fotos schnellstmöglich«, sagte Böhmer zu einem von ihnen. Patschett, erinnerte sich Max. Der Mann hieß Jens Patschett. In den wenigen Wochen seit seinem Wechsel vom KK22, organisierte Kriminalität, zum KK11 hatte er zwar sehr viele neue Gesichter gesehen und Namen gehört, aber sein Personengedächtnis funktionierte Gott sei Dank hervorragend.

»Ja klar, wie immer«, entgegnete Patschett mürrisch. »Du bekommst die Fotos, noch bevor ich sie gemacht habe. Ihr seid hoffentlich nicht schon überall rumgetrampelt.«

»Und ich brauche schnellstmöglich eine DNA-Analyse des Blutes zum Abgleich.« Böhmer ignorierte Patschetts Bemerkung. »Mit der DNA der Mieterin und der Datenbank. Und natürlich Fingerabdrücke, wenn es welche gibt.« Damit nickte er Max zu und wandte sich ab. »Gehen wir.«

Im Hinausgehen blieb Max noch einmal stehen. »Und bitte, schaut euch das Schloss genau an. Ich möchte wissen, ob jemand gewaltsam eingedrungen ist.« Dann eilte er Böhmer hinterher.

»Das ist alles sehr merkwürdig.« Böhmer wartete auf eine Lücke in dem fließenden Verkehr und fuhr dann so zügig los, dass die Reifen kurz quietschten.

Max nickte. »Ja, vor allem Passecks Rolle bei der Sache. Entweder möchte ihm jemand etwas anhängen …«

»Oder der Kerl verarscht uns nach Strich und Faden«, fiel Böhmer ihm ins Wort.

Max wiegte den Kopf hin und her. »Warum sollte er das tun? Auf diese Art?«

»Zum Beispiel, weil er jemanden umgebracht hat und seinen Auftritt für einen cleveren Schachzug hält.«

»Immer vorausgesetzt, es gibt überhaupt eine Leiche: Wenn Passeck in dieser Wohnung wirklich jemanden getötet hätte, dann hätte er die Leiche verschwinden lassen müssen. Das stelle ich mir extrem schwierig vor. Er hätte die Wohnung mit ihr verlassen und sie irgendwo entsorgen müssen. Blutüberströmt, wie er war. Und danach soll er dann zu uns aufs Präsidium gekommen sein? Das widerspräche jeder Logik und allen psychologisch fundierten Verhaltensmustern bei Gewaltverbrechen.«

Böhmer verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Vielleicht passt das nicht zu dem, was in irgendwelchen schlauen Büchern steht oder was du von schlauen Dozenten gehört hast. Aber es widerspricht nicht meiner Erfahrung von über dreißig Jahren als Polizist. Die hat mich nämlich gelehrt, dass die Phantasie dieser Scheißkerle grenzenlos ist, wenn es darum geht, uns an der Nase herumzuführen.«

Max verspürte wenig Lust, sich schon wieder auf eine Diskussion über sein theoretisches Wissen oder seine Vorliebe für das Profiling einzulassen, und verkniff sich deshalb eine Antwort. In den wenigen Wochen ihrer Zusammenarbeit war es nicht das erste Mal, dass Böhmer und er unterschiedliche Ansichten hatten. Mit seiner Versetzung zum KK11 hatte Max sein erstes großes Ziel erreicht. Jetzt brannte er geradezu darauf, sein Wissen über Fallanalysen und die Psychologie von Gewaltverbrechern in der Praxis anwenden zu können, und war überzeugt, dass er Böhmer trotz dessen langjähriger Erfahrung zumindest in diesem Bereich einiges voraus hatte. Böhmer war ein Polizist vom alten Schlag, was von Vorteil sein konnte, wenn er bereit war, seine Praxiserfahrung mit Max’ Wissen über moderne Ermittlungsmethoden zu kombinieren.

Sie schwiegen sich eine Weile an, bis die ersten Takte des Songs Mandy in der Version von Westlife ertönten. Das Klingelzeichen, das Max für Kirsten eingestellt hatte, weil es ihr Lieblingslied war.

»Hallo, Lieblingsschwester«, meldete er sich, und nicht zum ersten Mal hörte er selbst, wie der Klang seiner Stimme sich veränderte, wenn er mit Kirsten telefonierte. Sie wurde weicher.

»Das ist nicht schwierig, ich bin ja auch die einzige«, antwortete sie.

Max lachte. »Du wärst auch meine Nummer eins, wenn ich noch zehn andere Schwestern hätte.«

»Schmeichler. Wo bist du gerade?«

»Im Auto. Wir sind dienstlich unterwegs.«

»Ist dein grummeliger Partner bei dir?«

»Ja, warum?«

»Dann störe ich dich nicht länger. Ich mache gerade Pause und wollte nur fragen, ob du heute Abend vorbeikommst. Ich könnte uns eine Kleinigkeit kochen.«

»Gerne. Aber bitte nicht so früh. Ist acht Uhr okay?«

»Natürlich. Ich freu mich. Bis dann.«

»Meine Schwester«, sagte Max, während er das Telefon wieder einsteckte.

»Ja, das habe ich gehört. Geht es ihr gut?«

»Ja, alles gut.«

In Wahrheit wusste er, dass nicht alles gut war. Kirsten litt sehr unter der Trennung von Jan, mit dem sie über zwei Jahre zusammen gewesen war. Ebenso wie ihre Eltern hatte auch Max gehofft, dass Jans Liebe zu Kirsten stark genug sein würde, die Belastung auszuhalten, die die Beziehung zu einem querschnittsgelähmten Menschen mit sich bringt. Es hatte auch lange danach ausgesehen. So lange, dass selbst Kirsten angefangen hatte, daran zu glauben. Dann, es war ein knappes halbes Jahr her, hatte Jan sich in eine Frau verliebt, mit der er Hand in Hand spazieren gehen konnte.

Der Gedanke daran, wie sehr seine jüngere Schwester noch immer unter der Trennung litt, zerriss Max fast das Herz. Er fühlte sich für sie verantwortlich, denn sie war nicht erst seit ihrem schlimmen Unfall der wichtigste Mensch in seinem Leben.

»Wenn wir keine Leiche finden, werden wir Passeck nicht mehr allzu lange festhalten können«, sagte Böhmer und riss Max unvermittelt aus seinen Gedanken.

»Ja, ich weiß. Wir können ja noch nicht einmal sicher sagen, ob diese Schweinerei tatsächlich mit menschlichem Blut veranstaltet worden ist.«

»Das werden wir bald erfahren«, murmelte Böhmer.

3

Meine Gedanken sind schon wieder bei dir. Wie sooft.

Es war so unglaublich schön mit dir.

Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass es etwas Derartiges gibt. Ein Gefühl, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Glück in einer Vollkommenheit, wie es wohl nur ganz wenige Menschen erleben, da bin ich mir sicher. Und du hast es mir geschenkt, als du dich mir bedingungslos hingegeben und damit alle Frauen vor dir zu Statisten degradiert hast in ihren lächerlichen Versuchen, mir Befriedigung zu verschaffen.

Wie poetisch meine Gedanken werden, wenn sie bei dir sind. Es ist schon sonderbar, was die Liebe mit einem anstellt, findest du nicht auch?

Wie du mich in diesem einen, viel zu kurzen Moment angesehen hast. Nackte, reine Lust, die ihre Vollendung im süßen Schmerz fand.

Der Blick deiner Augen auf dem Gipfel der Lust … ich habe mir gewünscht, dieser Augenblick würde niemals enden.

Vollkommene Befriedigung. Jetzt erst weiß ich, welche Bedeutung dieses Wort hat. Und gleichzeitig empfinde ich Mitleid mit all denen, die eben diese wahre Befriedigung nie erfahren werden. Weil sie nie einer Frau wie dir begegnen.

Ja, du hast mir den Weg zur Vollendung gezeigt. Er war lang, und wir wissen beide, er war auch anstrengend. Für dich ebenso wie für mich. Aber selbst, wenn er zehnmal länger gewesen wäre, und selbst, wenn er mich noch näher an den Abgrund gebracht hätte – ich würde es nicht bereuen, ihn mit dir gegangen zu sein.

Jetzt bist du für immer bei mir, aber ich weiß, ich werde diesen Moment mit dir nicht mehr haben können. Einmaligkeit in ihrer reinsten Form.

Aber ich möchte ihn wieder erleben. Ich muss ihn wieder erleben. Jetzt, wo ich weiß, was möglich ist.

Die Frage ist also, ob angesichts des Wissens um diese Lust nun eine andere Frau dazu in der Lage sein wird, mir einen ähnlichen Moment zu schenken.

Es wäre kein Verrat an dir. Du weißt, du wirst in meinem Herzen immer die Erste sein.

4

Nach zwanzig Minuten erreichten sie das Universitätsklinikum, weitere zehn Minuten benötigten sie, um Passeck zu finden. Er saß in Begleitung der beiden uniformierten Beamten in einem separaten Raum neben der Notaufnahme an einem weißen Tisch, ein halbvolles Wasserglas vor sich, die Unterarme auf der Tischplatte, die Finger ineinander verschränkt. Gesicht, Arme und Hände waren oberflächlich gereinigt worden.

Als Böhmer und Max den Raum betraten, richtete er sich auf. »Und?«

Nun, wo er Passeck zum ersten Mal ohne blutverschmiertes Gesicht vor sich sah, fielen Max die leicht gebräunte Haut und das kantige, männlich wirkende Kinn des Mannes auf. Im Zusammenspiel mit seinen wasserhellen Augen würde der Anblick bei vielen Frauen für romantische Gedanken sorgen.

Böhmer wandte sich an die Polizisten. »Was ist mit ihm?«

»Verdacht auf Gehirnerschütterung. Wir warten auf die Auswertung der Röntgenbilder.«

»Bitte, sagen Sie mir doch, ob Sie irgendetwas gefunden haben«, versuchte Passeck es erneut, woraufhin Böhmer ihm einen ungnädigen Blick zuwarf.

»Ja, Blut. Wissen Sie, wem die Wohnung gehört?«

»Nein, wie ich Ihnen schon sagte …«

»Wer ist dieser Mann, der Sie angerufen hat?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

Max machte einen Schritt auf Passeck zu. »Herr Passeck, wenn Ihre Geschichte wahr ist, dann haben Sie eine fremde Wohnung betreten, weil Sie dort einen Informanten treffen wollten. Der hat Sie niedergeschlagen, als Sie ankamen, und so, wie es aussieht, hat er anschließend ein fürchterliches Blutbad angerichtet, das er Ihnen in die Schuhe schieben möchte. Denken Sie nicht, das wäre Grund genug, uns den Namen dieses Mannes zu nennen? Schon, um sich selbst zu entlasten?«

Passeck schüttelte den Kopf. »Sie verstehen mich nicht. Ich kann Ihnen den Namen nicht nennen, weil ich ihn nicht kenne.«

»Sie kennen Ihren eigenen Informanten nicht?«, brauste Böhmer auf. »Das wird ja immer verrückter. Ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass Sie uns hier ein ziemlich abgedrehtes Märchen auftischen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass das für Sie nach hinten losgeht.«

Die Tür wurde geöffnet, und ihre Aufmerksamkeit wurde von Passeck abgelenkt.

»Dass was nach hinten losgeht?« Der Ankömmling blieb im Eingang des Raums stehen und sah ihnen ernst entgegen. Max schätzte ihn auf Anfang vierzig. Sein dunkelgrauer Anzug wirkte durch das schwarze Hemd, dessen oberster Knopf offen stand, sportlich und trotzdem elegant. Auf eine Krawatte hatte der Mann verzichtet. Untypisch für einen Anwalt, und doch war Max sicher, dass er genau das war.

»Mir scheint, ich komme gerade zum richtigen Zeitpunkt.« Während er weitersprach, machte er einen Schritt in den Raum und schloss die Tür hinter sich. »Als Erstes wüsste ich gerne, warum mein Mandant solch plumpen Bedrohungen seitens eines Polizeibeamten ausgesetzt ist, nachdem er das Opfer einer Gewalttat wurde und infolgedessen verletzt ist.«

Böhmer verzog das Gesicht. »Nun übertreiben Sie mal nicht, Dr. Farscheidt, das war keine Drohung. Und ob Herr Passeck ein Opfer ist, wird sich noch herausstellen.«

Die beiden kannten sich also. Und wie es schien, waren sie keine Freunde. Als der Blick des Anwalts sich nun auf Max richtete, nickt der ihm zu. »Bischoff, Kripo Düsseldorf.«

»Sie haben einen neuen Partner?« Die Frage war an Böhmer gerichtet. »Die Zusammenarbeit mit Ihnen war Hauptkommissar Theurer auf Dauer wohl zu harmonisch. Und jetzt hat man Ihnen also einen Kollegen zur Seite gestellt, an den Sie Ihre geballte Kompetenz weitergeben können.«

Die subtile Anspielung auf sein Alter entging Max ebenso wenig wie die Tatsache, dass Farscheidt über ihn sprach, als sei er nicht im Raum.

»Soweit ich weiß, hat sich mein Vorgänger aus familiären Gründen versetzen lassen«, sagte er, bevor Böhmer reagieren konnte. »Aber das können Sie – ebenso wie die Kompetenzfrage – getrost uns überlassen. Und jetzt würden wir gerne mit der Befragung Ihres Mandanten fortfahren, wenn Sie gestatten.«

Farscheidt hob eine Braue, wodurch sich kleine Falten auf seiner gebräunten Stirn zeigten. »Was genau werfen Sie ihm denn vor?«

»Wie Sie ja sicher wissen, ist Ihr Mandant blutüberströmt auf dem Präsidium aufgetaucht.« Böhmer übernahm wieder. »Auch in der Wohnung, aus der er kam, haben wir eine ganze Menge Blut gefunden. Vieles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin. Und der Einzige, der uns im Moment etwas dazu sagen kann, ist er. Reicht das, um ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen?«

»Schon gut.« Passeck wandte sich an seinen Anwalt. »Ich weiß zwar nicht, was in dieser Wohnung geschehen ist, möchte aber helfen, so gut ich kann.« Der Klang seiner Stimme hatte sich verändert, wirkte selbstsicherer.

»Herr Passeck, ich rate Ihnen …«, setzte Farscheidt an, wurde aber unterbrochen.

»Nein, lassen Sie mich. Es reicht, wenn Sie dabei sind.«

Als Farscheidt schließlich nickte, wandte Passeck sich ab und starrte an die Wand. Es schien, als überlege er, wie er beginnen sollte.

Sie ließen ihm Zeit, bis er schließlich nickte.

»Also gut. Ich sage Ihnen alles, was ich weiß: Ich recherchiere in einer Sache im Bankenbereich. Hier in Düsseldorf. Es geht um Beihilfe zur Steuerhinterziehung im großen Stil. Holdings in sogenannten Steueroasen, in die Schwarzgelder in dreistelliger Millionenhöhe geflossen sind. Unter den Kunden sind etliche bekannte Namen. Größen aus Industrie und Politik. Dieser Mann, der mich gestern angerufen hat, behauptete, ein Angestellter dieser Bank zu sein und vertrauliche Unterlagen in seinem Besitz zu haben. Papiere, die beweisen, dass die Bank nicht nur in solche Transaktionen verwickelt ist, sondern potenten Kunden diese Geschäfte auch aktiv angeboten hat. Solche Leute stellen sich nicht mit ihren Namen am Telefon vor.«

»Welche Bank ist das?«, hakte Böhmer sofort nach.

Passeck schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. »Hören Sie, ich habe noch keine stichfesten Beweise. Ich komme in Teufels Küche, wenn ich unbewiesene Verdächtigungen dieser Art über eine Bank äußere. Die werden mich dermaßen mit Klagen überziehen, dass ich mein Leben lang …«

»Wenn Sie uns nicht helfen, kann es sein, dass Sie im Knast landen. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Sie stecken knietief im Schlamassel. Also?«

»Ich fordere Sie nochmals auf, jede Art von Drohungen zu unterlassen«, mischte Farscheidt sich ein. »Zumal es nicht den geringsten Beweis dafür gibt, dass Herr Passeck sich eines Verbrechens schuldig gemacht hat.«

Böhmer ignorierte den Anwalt und hielt seinen Blick auf Passeck gerichtet. Der zögerte noch einen Moment, doch schließlich nannte er ihnen den Namen der Bank und die Namen von drei leitenden Angestellten, die – gemäß seinen Informationen – aktiv an den Machenschaften beteiligt waren.

»Was, wenn mein Informant unvorsichtig war, und jemand hat von dem geplanten Treffen mit mir gewusst? Jemand, der auf alle Fälle verhindern wollte, dass ich diese Informationen bekomme? Derjenige könnte einen Profi beauftragt haben, den Informanten in der Wohnung zu beseitigen, mich niederzuschlagen und es so zu arrangieren, wie es war. Dann hätte derjenige zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich habe nicht nur die Unterlagen nicht bekommen, sondern werde vielleicht sogar verdächtigt, ein Verbrechen begangen zu haben.« Er hielt kurz inne und fügte dann hinzu: »Werde ich denn verdächtigt?«

»Lassen Sie uns mal die Spekulationen hintanstellen«, sagte Max. »Befassen wir uns mit Ihrer Verletzung. Sie sagen, Sie sind niedergeschlagen worden, als Sie die Wohnung betraten. Wann war das?«

»Um zehn«, antwortete Passeck, ohne zu zögern.

»Gestern Abend um zehn also. Heute Morgen sind Sie um halb neun hier aufgetaucht. Das bedeutet, Sie müssen etwa zehn Stunden bewusstlos gewesen sein. Und jetzt sitzen Sie hier – bitte nicht falsch verstehen –, lediglich mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Ich bin kein Mediziner, aber das passt für mich nicht so recht zusammen.«

Farscheidt schüttelte den Kopf. »Herr Passeck, ich rate Ihnen, darauf nicht zu antworten.«

»Ich weiß nicht, was man mit mir gemacht hat. Ich glaube, ich bin ein-, zweimal aufgewacht. Alles um mich herum war unangenehm feucht. Mir war schwindlig und furchtbar übel, und ich hatte das Gefühl, vollkommen verschwitzt zu sein. Alles war sehr seltsam. Wie in einem Albtraum. Vielleicht war es ja auch ein Traum. Ich weiß es einfach nicht.«

»Und dann?« Erneut übernahm Böhmer. »Erzählen Sie uns, was geschah, als Sie heute Morgen aufwachten.«

»Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und wusste nicht, wo ich bin. Als ich mich aufsetzte, habe ich das viele Blut gesehen.« Passeck stockte, zuckte zum wiederholten Mal mit den Schultern.

»Weiter«, drängte Böhmer.

»Ich kann mich nicht erinnern, was ich dann gemacht habe. Herrgott … Können Sie sich nicht vorstellen, dass ich vollkommen neben mir stand? Ich bin offensichtlich aus der Wohnung gelaufen.«

»Ich nehme an, Sie sind gestern Abend nicht barfuß zu diesem Treffen gegangen«, bemerkte Max.

»Nein, natürlich nicht. Wie kommen Sie …«

Max deutete auf Passecks Füße, die mittlerweile in hellen Frotteepantoffeln steckten, wie man sie aus guten Hotels kannte. »Da stellt sich die Frage, wo Ihre Schuhe und Ihre Strümpfe geblieben sind.«

Statt einer Antwort zuckte Passeck nur resigniert mit den Schultern.

Das Klingeln von Böhmers Handy kam Max unnatürlich laut vor. Im Verlauf des kurzen Gesprächs nickte sein Partner mehrmals. »Aha … ja, gut … okay … ja.«

Nachdem er aufgelegt hatte, sah er zu Max hinüber. »Die Kollegen haben alle Krankenhäuser im Umkreis überprüft. Nirgendwo ist in der letzten Nacht jemand mit großem Blutverlust eingeliefert worden. Auch hier nicht.«

»Was wird jetzt mit mir?«, erkundigte sich Passeck.

Bevor Böhmer antworten konnte, fragte Farscheidt: »Wird mein Mandant verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben?«

Böhmer zögerte, bevor er schließlich den Kopf schüttelte. »Nein. Im Moment nicht.«

»Dann hängt das nur von den Ärzten ab. Wenn die keine Einwände haben, können Sie nach Hause gehen. Habe ich recht, Herr Hauptkommissar?«

Max sah, dass Böhmer sich zusammenreißen musste, als er sich an Passeck wandte: »Das stimmt. Ich bitte Sie aber, sich zu unserer Verfügung zu halten.«

Damit nickte er dem Anwalt wortlos zu und ging zur Tür.

Max folgte ihm. »Du kennst diesen Farscheidt?«, fragte er, als sie nebeneinander über den glänzenden Linoleumboden auf den Ausgang zugingen.

Böhmer erwiderte grimmig: »Ich hatte hier und da schon mal das Vergnügen mit ihm. Er macht vielleicht nicht den Eindruck, aber der Kerl ist ein ganz fieser Hund. Beim geringsten Anlass hat der Staatsanwalt eine Beschwerde über uns auf dem Tisch liegen. Und wenn der nicht sofort reagiert, geht’s eine Etage höher.«

»Ja, so in etwa habe ich ihn auch eingeschätzt.«

Nachdem sie das Gebäude verlassen hatten, rief Max im Präsidium an. Torsten Bauer nahm das Gespräch an, ein ruhiger Kollege Anfang fünfzig, mit dem Max bisher noch nicht viel zu tun hatte und der zu den wenigen zählte, mit denen er noch nicht per du war.

»Bischoff hier«, meldete er sich. »Ich habe eine Mobilfunknummer, zu der ich alle Verbindungen der letzten Tage brauche.« Er las Passecks Nummer von seinem Notizblock ab, wiederholte sie anschließend noch mal. »Gibt es schon etwas von den Kollegen, die die Anwohner des Hauses in der Konkordiastraße befragen und die Umgebung absuchen?«

»Nein. Nichts, das uns weiterbringen würde. Aber ein Kollege von der SpuSi hat angerufen. Ich soll euch ausrichten, das Türschloss sei völlig intakt. Die Tür muss mit einem Schlüssel geöffnet worden sein.«

»Okay, danke. Ach, und ich brauche die Nummer, unter der ich die Wohnungsinhaberin erreichen kann. Dagmar Martiny. Schicken Sie sie mir doch bitte per SMS.« Nachdem Bauer zugesagt hatte, sich gleich um alles zu kümmern, bedankte Max sich und legte auf.

»Findest du es nicht auch seltsam, dass Passecks Frau bisher nicht aufgetaucht ist?«, fragte Max, während er das Telefon wegsteckte. »Passeck hat seinen Anwalt angerufen. Da wird er sie doch sicher auch darüber informiert haben, was in der letzten Nacht passiert ist.«

Böhmer nickte grimmig. »Allerdings. Deshalb werden wir ihr jetzt auch einen Besuch abstatten.«

5

»Was hältst du von Passeck?«, fragte Max, als Böhmer vom Klinikgelände in die Himmelgeister Straße einbog.

»Ich denke, er sagt die Wahrheit. Du hast es vorhin selbst schon gesagt. Warum sollte er sich so eine abgedrehte Geschichte ausdenken, statt einfach zu verschwinden?«

Max überlegte eine Weile. »Ja, das habe ich auch gedacht. Aber irgendwie … ich weiß nicht. Als er heute Morgen ins Präsidium kam, wirkte er vollkommen apathisch, was in der Situation eine normale Reaktion war. Und gerade eben … Ich finde, er hat sich verdammt schnell gefangen, angesichts dessen, was er angeblich erlebt hat. Meiner Erfahrung nach steckt man so was nicht so schnell weg.«

Böhmer musste an einer roten Ampel halten und sah zu Max hinüber. »Deiner Erfahrung nach? Welche Erfahrung meinst du? Die aus Büchern? Da spricht wieder einmal die blanke Theorie aus dir, mit der man dir den Kopf an der Uni so vollgestopft hat, dass kein Platz mehr für Instinkt darin frei ist.«

Max nervten diese immer gleichen Kommentare, aber diesmal schaffte er es einfach nicht, Böhmers Bemerkungen unwidersprochen zu lassen.

»Du täuschst dich. Mein Instinkt funktioniert ganz hervorragend, und ich lasse mich auch oft von ihm leiten. Obwohl in den von dir so gerne zitierten Büchern steht, dass wir uns an Fakten halten sollen.« Und aus reiner Freude an der Provokation fügte er hinzu: »Neuerdings arbeitet man sogar schon nach Methoden, denen wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde liegen. Zum Beispiel aus dem Bereich der Psychologie.«

»Spar dir das Gelehrtengequatsche, Herr Oberkommissar, und denk lieber mal nach. Dieser Mann ist investigativer Journalist. Er war bei seinen Recherchen mit Sicherheit schon öfter in brenzligen Situationen. Der ist nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.«

Max wiegte den Kopf hin und her. »Das mag stimmen. Und trotzdem … mein Instinkt sagt mir, dass etwas an Passeck seltsam ist. Nur was es ist, weiß ich noch nicht.«

In diesem Moment sprang die Ampel auf Grün um, und Böhmer konzentrierte sich schweigend auf den Verkehr.

Als sie wenig später die Friedrich-von-der-Leyen-Straße in Meerbusch entlangfuhren und anschließend in die Florastraße abbogen, warf Böhmer immer wieder Blicke in die weitläufigen Vorgärten. Meist lagen sie hinter hohen Mauern, in die große, schmiedeeiserne Tore eingelassen waren, die die Zufahrt zu den edlen Villen versperrten.

»Schau dir das an. Hier könnte unsereins sich nicht mal ’ne Hundehütte leisten.«

»Die Frage ist, ob man das überhaupt wollte«, entgegnete Max und riss seinen Blick von der Zufahrt der Villa los, an der sie gerade vorbeifuhren. Ein parkartiger Garten, Rosenbeete, griechisch wirkende Säulen. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, den Weg im Schachbrettmuster zu pflastern, hell- und dunkelgrau.

Max grinste. Die einzigen Farbtupfer, die es im Eingangsbereich zu seinem Elternhaus gegeben hatte, waren Hundehaufen gewesen. Hinterlassenschaften des Boxers ihrer versoffenen Nachbarn, die er allabendlich durch die papierdünnen Wände hatte streiten hören.

Eine völlig andere Welt, die er glücklicherweise hinter sich gelassen hatte. Seine Wohnung war hell und freundlich, die Lage gut. Trotzdem glaubte er nicht, dass er das Lebensmodell von Menschen, die mehrere Millionen für ein Haus in dieser Gegend zahlen konnten, jemals begreifen würde.

Die Villa der Passecks lag etwa in der Mitte der Florastraße. Sie war nicht von einer Mauer umgeben, wirkte dadurch aber keineswegs weniger luxuriös als die umliegenden Anwesen. Von einem fünf bis sechs Meter breiten Durchgang im dichten Bewuchs aus Sträuchern und Bäumen führte ein großzügiger, mit sandfarbenen Natursteinen gepflasterter Weg auf das Haus zu. Auf den letzten zwanzig Metern ging er in eine Kreisfläche über, in deren Mittelpunkt ein von Rosenstöcken umgebener steinerner Brunnen thronte.

Vier runde, über zwei Stockwerke reichende Säulen trugen einen mächtigen Vorbau über dem Eingangsbereich und erinnerten Max an die Herrenhäuser der amerikanischen Südstaaten.

Böhmer parkte den Wagen direkt vor dem Eingang und warf Max einen vielsagenden Blick zu, bevor er ausstieg.

»Ich würde mich nicht wundern, wenn uns gleich ein Dienstmädchen mit weißer Spitzenschürze die Tür öffnet.«

Doch es war keine Angestellte, die ihnen kurz danach gegenüberstand, sondern eine schlanke, fast schon hagere Frau. Ihr beigefarbener Hosenanzug war so raffiniert geschnitten, dass er trotz aller Schlichtheit elegant wirkte. Ihre hellblonden Haare waren streng zurückgekämmt und am Hinterkopf zu einem Dutt zusammengefasst. Max tat sich schwer damit, das Alter der Frau zu schätzen. Sie war sehr gepflegt, schien aber etwas älter als Passeck zu sein.

»Guten Tag«, begrüßte sie sie und machte einen Schritt zur Seite. »Ich schätze, Sie sind von der Polizei. Ich weiß, was geschehen ist, mein Mann hat mich angerufen. Bitte, kommen Sie herein.« In ihrer Stimme war dabei ebenso wenig eine Regung erkennbar wie in ihrem Gesicht.

Verwundert betrat Max hinter Böhmer das Haus. Als er an der Frau vorbeiging, nahm er ihr dezentes Parfüm wahr.

Sie standen in einem großzügigen Raum, in dessen Mitte eine gut vier Meter breite Treppe aus dunklem Holz in die obere Etage führte. Vom hinteren Bereich gingen mehrere Türen ab, die meisten von ihnen waren geschlossen. Gleich auf der rechten Seite führte ein breiter, offener Durchgang in einen Raum, eine Art Wohnzimmer, soweit Max das von seinem Standort aus erkennen konnte.

»Bitte, kommen Sie«, sagte die Frau und ging voraus.

Das Zimmer war mindestens hundert Quadratmeter groß und unterteilt in einen Wohn- und einen Essbereich. Die Einrichtung war eine gelungene Mischung aus alt und neu. Schwere, antike Möbel waren mit hellen, modernen Elementen so kombiniert, dass sie einen angenehmen Kontrast bildeten. Der rotbraune Parkettboden war hier und da mit wahrscheinlich sündhaft teuren Teppichen bedeckt. Zentraler Blickfang des Wohnbereiches war ein riesiger, gemauerter Kamin, vor dem eine wuchtige Couchgarnitur aus braunem Leder stand.

»Bitte, nehmen Sie Platz.« Die Frau deutete auf die Sessel und ließ sich selbst auf der Couch nieder.

»Sie wissen also, was mit Ihrem Mann geschehen ist«, begann Böhmer.

»Ja.«

»Wann hat er Sie angerufen?«

»Vor etwa zwei Stunden.«

»Und? Was denken Sie über diese Sache?«

»Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll. Ich habe gehofft, Sie würden mir etwas dazu sagen können.«

»Frau Passeck, wir …«

»Von Braunshausen.«

»Was?«

»Mein Nachname ist von Braunshausen. Ich habe ihn bei unserer Hochzeit behalten. Meinem Vater zuliebe.«

Aus irgendeinem Grund schien Böhmer den Faden verloren zu haben. Er sah die Frau an und suchte offenbar nach Worten, also übernahm Max. »Wir kommen aus der Uniklinik, wo Ihr Mann gerade untersucht wird. Wie es aussieht, ist er mit einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen.« Er machte eine Pause, in der er auf eine Reaktion der Frau wartete. Sie blieb aus.

»Der Anwalt Ihres Mannes ist auch dort. Wir haben uns gefragt, ob es einen bestimmten Grund dafür gibt, dass Sie nicht nach Ihrem Mann sehen wollten. Immerhin ist er niedergeschlagen worden und in einem Zimmer voller Blut aufgewacht.«

»Hat er etwas mit diesem Blut zu tun?« Noch immer war der Ton in ihrer Stimme unverändert monoton. Gleichgültig. Sie zeigte weder Anzeichen von Aufgeregtheit noch von Besorgnis.

»Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Mann?«, erkundigte sich Böhmer, woraufhin sie ihre Augen auf ihn richtete.

»Wir sind gut organisiert.«

Böhmer schürzte die Lippen. »Gut organisiert? Ich muss gestehen, mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet. Wir sind glücklich. Unsere Ehe ist langweilig. Wir streiten oft … so was eben. Aber gut organisiert? Was meinen Sie damit?«

»Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, wenn ich Details zu meiner Ehe nicht mit zwei mir völlig fremden Polizeibeamten besprechen möchte. Würden Sie mir jetzt bitte meine Frage beantworten, ob Harry etwas mit dem Blut zu tun hat?«