Im Lande der Mitternachtssonne - Hans Christian Andersen - E-Book

Im Lande der Mitternachtssonne E-Book

Hans Christian Andersen

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Beschreibung

»Heimat der klaren Ströme, wo wilde Schwäne im Nordlichtschimmer singen!« H. C. Andersen.

Hans Christian Andersen war einer der großen Reisenden seiner Zeit und fuhr allein sechsmal nach Schweden. Sein poetischer Blick enthüllt die unberührte Schönheit der Natur und fängt Blitzlichter aus dem Alltag ein. Andersen führt uns vom Vänersee durch den Götakanal, die Schärengärten und blühende Wälder, nach Stockholm, Uppsala, in die Bergwerkstadt Falun und an die weiten Ufer des Dalälven. Er trifft Bettlerjungen, Bauern und Pfarrer, staunt über die schwedische Geschichte, Wissenschaft und neueste Technik. Und überall begegnet ihm das Märchen: Die verwitterten Felsen hüten Sagen von starken Wikingern, Feen verwandeln sich in Schwäne, um in den stillen Seen des Nordens zu baden, und die Porträts der Menschen werden zu Reflexionen über Leben und Tod.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

»Heimat der klaren Ströme, wo wilde Schwäne im Nordlichtschimmer singen!« H. C. Andersen 

Hans Christian Andersen war einer der großen Reisenden seiner Zeit und fuhr allein sechsmal nach Schweden. Sein poetischer Blick enthüllt die unberührte Schönheit der Natur und fängt Blitzlichter aus dem Alltag ein. Andersen führt uns vom Vänersee durch den Götakanal, die Schärengärten und blühende Wälder, nach Stockholm, Uppsala, in die Bergwerkstadt Falun und an die weiten Ufer des Dalälven. Er trifft Bettlerjungen, Bauern und Pfarrer, staunt über die schwedische Geschichte, Wissenschaft und neueste Technik. Und überall begegnet ihm das Märchen: Die verwitterten Felsen hüten Sagen von starken Wikingern, Feen verwandeln sich in Schwäne, um in den stillen Seen des Nordens zu baden, und die Porträts der Menschen werden zu Reflexionen über Leben und Tod.

Über Hans Christian Andersen

Hans Christian Andersen, geboren am 2. April 1805 in Odense auf der dänischen Insel Fünen, wuchs in bescheidensten Verhältnissen auf. Nach dem Besuch der Armenschule ging der Vierzehnjährige nach Kopenhagen, wo ihn das Theater lockte. Gefördert durch staatliche und private Zuwendungen, absolvierte er die Lateinschule in Slagelse. Seine Romane, Reisebeschreibungen und Märchen brachten ihm ein jährliches Stipendium auf Lebenszeit ein, das seine Existenz als freier Schriftsteller sicherte. Reisefreudig wie kein anderer Autor seiner Zeit, war er besonders in den Adelskreisen von Paris, Rom, Berlin, Weimar, Oldenburg und München ein gerngesehener Gast. In seinem Heimatland verbrachte er viele Wochen auf den Landsitzen seiner Freunde und Gönner. Oft war das Vorlesen seiner Märchen der Dank an seine großzügigen Gastgeber. Andersen starb am 4. August 1875 auf einem Gut bei Kopenhagen.

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Hans Christian Andersen

Im Lande der Mitternachtssonne

Eine Reise in Schweden

Aus dem Dänischen von Gerda Meichner und Fritz Meichner

Herausgegeben von Fritz Meichner

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Wir reisen

Trollhättan

Vogel Phönix

Kinnekulle

Die Großmutter

Im Gefängnis

Der Bettlerknabe

Vadstena

Der Marionettenspieler

Die Schären

Stockholm

Der Tiergarten

Eine Geschichte

Uppsala

Sala

Das stumme Buch

Das verregnete Sätertal

Mittsommerfest in Leksand

Am Siljansee

Glaube und Wissenschaft

Wunderliche Waldeinsamkeit

Impressionen in Moll und Dur

Falun

Was die Halme sagten

Des Dichters Wappen

Dalälven

Blicke ins Unendliche

Dannemora

Die Schweine

Das Kalifornien der Poesie

Erläuterungen

Wir reisen

Trollhättan

Vogel Phönix

Kinnekulle

Der Bettlerknabe

Vadstena

Der Marionettenspieler

Die Schären

Stockholm

Der Tiergarten

Uppsala

Sala

Am Siljansee

Wunderliche Waldeinsamkeit

Falun

Was die Halme sagten

Des Dichters Wappen

Dalälven

Blicke ins Unendliche

Dannemora

Die Schweine

Das Kalifornien der Poesie

Impressum

Wir reisen

Das ist ein Frühling! Die Vögel singen. Verstehst du ihren Gesang? So höre ihn denn in freier Übertragung:

»Setze dich auf meinen Rücken!«, klappert der Storch, der heilige Vogel unserer grünen Inseln, unserer dänischen Heimat. »Ich trage dich über die Wasser des Sundes. Auch Schweden hat frische, duftende Buchenwälder, grüne Wiesen und kornreiche Felder. In Schonen unter den blühenden Apfelbäumen, im Garten eines Bauern wähnst du dich noch immer in Dänemark!«

»Fliege mit mir!«, zwitscherte die Schwalbe. »Ich fliege über Hallands Gebirge, wo keine Buche mehr wächst, ich schwinge mich noch höher hinauf nach Norden, weiter als der Storch. Ich kann dir zeigen, wo das Ackerland dem Felsengrund weichen muss. Freundliche kleine Städte, alte Kirchen und einsame Gehöfte sollst du sehen, in denen es sich gut und traulich wohnen lässt, wo die Familie im Kreis um den Tisch mit den dampfenden Schüsseln sitzt und das jüngste Kind ein Gebet spricht. Ich habe alles gehört und gesehen, als ich noch klein war und im Nest unter dem Dach des Bauern mit meinen Geschwistern lag.«

»Komm! Komm mit!«, schreit die unruhige Möwe, während sie dich im Kreise umfliegt. »Folge mir bis an die Schären, wo Tausende von Felseninseln, mit Fichten und Tannen bestanden, wie Blumenbeete längs der Küste liegen, wo die Fischer hinter ihren Booten immer volle Netze herziehen.«

»Lass dich zwischen meinen ausgebreiteten Flügeln nieder!«, singt der wilde Schwan. »Ich will dich bis an die großen Seen hinauftragen, an die immer brausenden, pfeilschnellen Bergströme, wo die Eiche nicht mehr gedeiht, wo die Birke verkrüppelt. Lass dich nieder zwischen meinen ausgebreiteten Flügeln. Wir schwingen uns hoch hinauf bis nach Finnmark, das reich ist an sonderbaren Felsgebilden, mit dem Berg Sulitelma, den sie das Auge des Gebirges nennen. Wir fliegen über frühlingsgrüne Täler und hoch oben über die Schneeflächen bis hinauf zum Gipfel des Berges. Dort sieht man über Norwegen hinweg den Atlantischen Ozean.

Nach Jämtland fliegen wir mit seinen hohen blauen Bergen, wo die Wasserfälle brausen, wo die Signalfeuer der Leuchttürme flammen und den Schiffen den Weg weisen. Immer weiter hinauf nach den tiefen, kalten Gewässern, wo im Sommer die Mitternachtssonne nicht untergeht, wo die Abendröte eins ist mit der Morgenröte.«

So singen die Vögel! Wollen wir unser Herz ihrem Gesang öffnen? Wir wollen ihnen folgen – wenigstens eine kurze Strecke. Doch wir sitzen nicht zwischen den ausgebreiteten Flügeln des Schwanes noch auf dem Rücken des Storches. Wir bewegen uns vorwärts mit dem Dampf der Schiffe, wir fahren in Pferdekutschen, ja, mitunter gehen wir auf unseren eigenen Füßen – da haben wir Zeit, um dann und wann aus der uns umgebenden Wirklichkeit über den Zaun ins Reich der Gedanken zu blicken, das stets unser nahes Nachbarland bleibt. Hin und wieder pflücken wir Blumen oder Blätter und legen sie in unser Gedenkbuch, Erinnerungen, die auf dem Flug unserer Reise knospten.

Wir fliegen und wir singen: »Schweden, du herrliches Land, Schweden, wohin heilige Götter in der Urzeit aus den Gebirgen Asiens kamen, du Land, das noch immer von ihrem Glanz bestrahlt wird. Er strömt aus den Blumen, denen Linné ihren Namen gab, er geht aus von dem ritterlichen Volk, dessen Banner einst Karl XII. trug, er leuchtet von dem errichteten Gedenkstein auf dem Schlachtfeld von Lützen.

Schweden! Du Land des starken Gefühls, der innigen Lieder, Heimat der klaren Ströme, wo wilde Schwäne im Nordlichtschimmer singen! Du Land, auf dessen tiefen, stillen Seen die Fee des Nordens ihre Säulengänge baut und über den Eisspiegel ihre kämpfenden Geisterheere führt.

Herrliches Schweden mit der duftenden Linnaea, mit Jennys seelenvollen Liedern! Zu dir wollen wir fliegen mit dem Storch und der Schwalbe, mit der rastlosen Möwe und dem wilden Schwan. Deine Birkenwälder duften so erfrischend und belebend; unter ihren hängenden Zweigen an den weißen Stämmen ihrer Bäume soll die Harfe hängen. Des Nordens Sommerwind fährt säuselnd durch ihre Saiten.«

Trollhättan

Wem begegneten wir bei den Trollhättan-Fällen? Es ist eine merkwürdige Geschichte. Ich will sie erzählen.

Wir stiegen bei der ersten Schleuse an Land und befanden uns gleichsam in einer weiten englischen Gartenanlage. Die breiten Fußwege sind mit Kies bestreut und steigen in niedrigen Terrassen durch grüne, sonnenbeleuchtete Matten empor. Hier ist es freundlich und anmutig. Will man einen gewaltigen Eindruck gewinnen, dann steige man höher bis nach den älteren Schleusen, die tief und eng in den harten Felsen gesprengt sind.

Die Natur ist großartig, die Gewässer brausen tief unten in dem dunklen Bett. Von oben sieht man über Tal und Fluss hinweg. Das jenseitige Ufer hebt sich mit grünen wellenförmigen Anhöhen, mit Gruppen von Laubwald und rot gestrichenen Holzhäusern, die von Felsen und Tannenwald begrenzt werden. Mithilfe der Schleusen steigen Dampf- und Segelschiffe empor, das Wasser ist der dienende Geist, der sie über den Felsen hinauftragen muss. Aus dem Wald summt, braust und lärmt es. Das Gedröhne der Trollhättan-Fälle mischt sich mit dem Tosen der Sägemühlen und der Hammerschmiede. »In drei Stunden sind wir durchgeschleust«, sagte der Kapitän, »während dieser Zeit können Sie die Wasserfälle besuchen. Oben im Wirtshaus treffen wir uns wieder.«

Wir gingen den Pfad entlang durch den Wald und Gebüsch. Eine Schar barhäuptiger Jungen umringte uns, jeder wollte den Fremdenführer machen. Der eine überschrie den andern, aber keiner stimmte mit dem anderen überein. Einer gab den Wasserstand an, der andere widersprach: So hoch sei er keinesfalls, aber er könne wohl einmal so hoch steigen – große Uneinigkeit herrschte unter den Gelehrten.

Bald machten wir halt auf einer großen, mit Heidekraut bewachsenen Felsklippe, einer Terrasse, deren Höhe schwindeln machte. Vor uns in der Tiefe schäumte ein tosendes Gewässer, der Höllenfall, und über ihm wiederum ein Wasserfall, ein mächtig dahinstürzender Fluss, der in den größten Landsee Schwedens mündet.

Welch ein Anblick, welch ein Brausen, oben und unten! Es ist wie das Wogen eines Meeres von schäumendem Champagner, von kochender Milch. Ganz oben umbrausen die Fluten zwei Felseninseln, der Wasserstaub erhebt sich wie Wiesennebel. Unten wird das tosende Wasser mehr zusammengedrängt, stürzt nieder, will weitereilen, wird in einem Strudel zurückgehalten, wälzt sich dann nach dem hohen wogenschweren Fall, dem Höllenfall. Wie das Brausen eines Orkans saust es in der Tiefe. Welcher Anblick! Man verstummt!

Selbst unsere schreienden kleinen Fremdenführer verstummten. Als sie ihre Erklärungen und Erzählungen wieder aufnehmen wollten, kamen sie nicht weit damit. Urplötzlich stand mitten unter uns ein geheimnisvoller alter Herr, den niemand zuvor bemerkt hatte. Er war wie ein Geist aus heiterem Himmel erschienen, war da und war es doch nicht, ein Deus ex Machina, dennoch war er, wie es uns schien, aus Fleisch und Blut. Seine gellende Stimme durchdrang den Lärm. Er erklärte die Örtlichkeit und erzählte von alten, längst dahingegangenen Tagen mit einer Lebendigkeit, als hätten seine Geschichten sich gestern zugetragen.

»Hier auf der Felseninsel«, berichtete er, »schlichteten in alten Zeiten die Kämpen ihre Streitigkeiten. Der Kämpe Stärkodder wohnte in dieser Gegend und liebte die schöne Maid Ogn, aber sie war dem Hergrimer zugetan. Der wurde von Stärkodder hier am Wasserfall zum Kampf gefordert, und Hergrimer fand dabei den Tod. Ogn eilte hinzu, ergriff das blutige Schwert ihres Geliebten und durchbohrte ihr Herz. Stärkodder bekam sie nicht! Hundert und wieder hundert Jahre verstrichen, der Wald war damals hier groß und dicht. Wolf und Bär trieben ihr Unwesen. Böse Räuber machten die Gegend unsicher. Niemand vermochte ihr Versteck ausfindig zu machen. Da drüben am Fall, auf der norwegischen Seite, jener Insel gegenüber, hatten sie ihre Höhle. Jetzt ist sie eingestürzt, der Fels ging darüber hin.«

»Ja, der Schneiderfelsen«, riefen die Jungen, »der stürzte im Jahre siebzehnhundertfünfundfünfzig ein.«

»Stürzte!«, rief grimmig der alte geheimnisvolle Herr, gleichsam verwundert, dass ein anderer außer ihm dies wissen konnte. »Einmal stürzt alles«, sagte er, »und der Schneider stürzte augenblicks. Die Räuber, die ihn gefangen hatten, stellten ihn auf den steilen Felsen und erklärten, wenn er von ihnen loskommen wollte, müsste er als Lösegeld dort oben einen Anzug fertig nähen. Er versuchte es denn auch, aber als er beim ersten Stich den Zwirn herauszog, schwindelte ihn, und er fiel in das brausende Gewässer. Und deshalb nannten sie die Klippe den Schneiderfelsen. Eines Tages fingen die Räuber ein junges Mädchen, es zündete in der Räuberhöhle ein Feuer an, der Rauch wurde gesehen, die Höhle konnte ausfindig gemacht werden. Die Räuber wurden gefangen und hingerichtet. Den Fall dort oben nennt man den Diebesfall, und dort unten, unter dem Wasser, ist noch heute eine Höhle. Der Fluss stürzt sich hinein und schäumt und siedet wieder heraus. Man sieht es von hier oben und hört es auch, aber besser vernimmt man es in der Höhle unter der steinernen Decke des Berggeistes.«

Wir gingen weiter am Wasserfall entlang auf die Topinsel zu, der Pfad war mit Sägespänen belegt bis nach der Polheims-Schleuse, einer Sprengung des Felsens für das zunächst beabsichtigte Schleusenwerk, das aber nicht fertiggestellt war. Durch die Sprengung ist der imposanteste Fall aller Trollhättan-Fälle entstanden, senkrecht in die Tiefe fallen hier die eilenden Gewässer. Der Felsenabhang ist durch eine leichte eiserne Brücke mit der Topinsel verbunden, es sieht so aus, als sei sie einfach über den Abgrund hingeworfen. Auf der schaukelnden Brücke geht man über die dahinbrausenden, zermalmenden Gewässer und steht dann auf der kleinen Felseninsel unter Fichten und Tannen, die aus den Spalten des Gesteins emporschießen. Vor uns wälzten sich die Wogen eines Meeres und zerschellten an dem Felsblock, auf dem wir wie von einem feinen ständigen Regen besprengt wurden. Zu beiden Seiten schoss der Strom dahin, als sei er von einer Riesenkanone ausgespien. Wasserfall bei Wasserfall. Wir blickten über sie hin, von ihrem seit Jahrhunderten ewig gleichen Dröhnen durchbebt. »Nach der Insel dort drüben kann wohl niemand hinüber«, meinte einer aus unserer Gesellschaft und zeigte auf die große Insel über dem obersten Wasserfall.

»Ich kenne einen, der dort gewesen ist«, erwiderte der Alte und nickte mit einem eigentümlichen Lächeln. »Ja, mein Großvater ist da gewesen!«, jubelte der größte der Jungen. »Aber sonst wird wohl kaum einer in den nächsten hundert Jahren dorthin gelangen. Das Kreuz, das dort drüben steht, hat mein Großvater aufgerichtet. Es war in einem harten Winter, der ganze Vänersee war zugefroren. Das Eis dämmte den Fluss ein, und für einige Stunden konnte man hinübergehen. Großvater hat es selbst erzählt. Er und zwei andere gingen hinüber und richteten das Kreuz auf und kamen dann zurück. Bald darauf knallte es so fürchterlich, als seien viele Kanonen abgefeuert. Das Eis brach auf, und das Wasser ergoss sich über Wiese und Wald. So ist es wirklich und wahrhaftig gewesen.«

Einer der Reisenden zitierte Tegnér:

»Der wilde Göta stürzt vom Felsen nieder,

des Trolles wüster Schrei durchs Brausen gellt,

doch Geisteskraft zersprengte das Gestein,

das nun ein Schiff in seinem Schoße hält.«

»Armer Berggeist«, fuhr er fort, »es geht rückwärts mit deiner Macht und Herrlichkeit. Du bist jetzt vom Menschen überflügelt, du kannst bei ihm in die Lehre gehen.«

Der vorher so gesprächige Alte machte eine Grimasse, brummte etwas in seinen Bart – wir aber befanden uns gerade an der Brücke vor dem Wirtshaus, unser Dampfer glitt durch die geöffnete Schleuse. Jeder beeilte sich, an Bord zu kommen, und sogleich schoss unser Schiff durch die Schleuse dahin, als gäbe es keinen Fall hinter uns.

»Und so was ist möglich!«, sagte staunend der Alte. Er wusste nichts von Dampfschiffen, hatte bis heute nie eins gesehen. Deshalb war er bald oben, bald unten im Schiff. Nun stand er bei der Maschine und starrte ihre Konstruktion an, als müsste er jeden Bolzen und jede Schraube zählen. Dann wieder war er oben bei dem Steuerhaus oder lehnte sich halb über die Reling. Der Kanal schien ihm etwas gänzlich Neues zu sein. Die Landkarte, auf der er eingezeichnet war, und einige Reisebücher waren ihm gänzlich unbekannte Gegenstände. Er drehte sie in der Hand und besah sie von allen Seiten. Lesen konnte er offenbar nicht. Aber über die alten Zeiten dieser Gegend wusste er genau Bescheid.

Die ganze Nacht auf dem Vänersee schlief er nicht, er studierte die Dampfschifffahrt, wie mir ein Reisender erzählte. Als wir in der Morgendämmerung von See zu See hinaufgeschleust wurden, immer höher über die Hochebene hin, entwickelte er eine Geschäftigkeit, die er kaum noch steigern konnte. Wir näherten uns Motala. Der schwedische Schriftsteller Törneros erzählt, dass er einmal als kleiner Knabe gefragt habe, was es wohl sei, das in der Uhr immer ticke-ticke sage. Da habe man ihm geantwortet, es sei der Geist »Blutlos«. Ein Rätsel, das die Pulse des Knaben in fieberhafte Wallung und die Haare zum Sträuben gebracht hatte, übte auch in Motala seine Macht auf den Alten vom Trollhättan aus. Wir besichtigten Motalas große Fabrik. Was in der Uhr tickt, dröhnte hier im gewaltigen Hammerschlag. Es ist der Geist »Blutlos«, der Leben aus den Gedanken der Menschen trinkt und dem dann Gliedmaßen aus Metall und Holz wachsen, es ist der Geist »Blutlos«, der durch den Menschengedanken Kräfte erhält, die der Mensch physisch nicht besitzt.

In Motala sitzt er, und durch die großen Hallen und die Räume reckt er seine harten Glieder, deren Teile aus Rad bei Rad, aus Ketten und dicken eisernen Stangen bestehen.

Tritt einmal herein und sieh, wie die glühenden Eisenstücke zu langen Stangen gepresst werden. Geist »Blutlos« spinnt diese glühenden Fäden. Sieh, wie die Schere in die dicken Metallplatten schneidet; sie schneidet so leise und weich, als sei es Papier. Höre, wie es hämmert, die Funken stäuben vom Amboss, sieh, wie dicke Eisenstangen nach einem bestimmten Längenmaß brechen, als bräche eine Stange Siegellack, zu deinen Füßen klirrt das Eisen; Eisenplatten werden gehobelt wie Holz, die stählernen Späne fliegen wie unter einem Hobel. Vor deinen Augen treiben große Räder, und über deinem Kopf laufen schwere bewegliche Eisendrähte dahin. Es hämmert, es summt, es tobt und zischt! Und wolltest du dich etwa ins Freie, in den Hofraum retten: Zwischen ungeheuren Kupferkesseln für Dampfschiffe und Lokomotiven streckt Geist »Blutlos« seinen ellenlangen Finger hin und holt aus. Alles ist lebendig – nur der Mensch steht fast unbeweglich, betrachtet, gibt acht, möchte Halt gebieten.

Das Wasser quillt einem aus den Fingerspitzen, wenn man darauf hinsieht, man dreht und wendet sich, bleibt stehen, verbeugt sich in lauter Ehrfurcht vor dem Menschengedanken, der hier Gliedmaßen von Eisen hat. Unterdessen bewegt sich der große Hammer mit schweren Schlägen. Es ist, als riefe er: »Tausend Taler banko! Tausend Taler barer Verdienst! Banko! Banko!«

Höre es so, wie ich es hörte, deute es so, wie ich es tat. Der geheimnisvolle alte Herr von Trollhättan war nur Schauen, drehte und wandte sich, kroch auf den Knien und steckte den Kopf in jeden Winkel und zwischen die vielen Maschinen. Er wollte alles gar zu genau wissen. Er wollte die Schraube der Propell-Dampfschiffe sehen und ihren Mechanismus und ihre Tätigkeit unter dem Wasser begreifen, wobei ihm das Wasser von der Stirn triefte. Er ging, ohne es zu merken, rücklings in meine Arme, sonst wäre er in die Maschinerie gefallen und zermalmt worden. Er sah mich an und drückte mir die Hand.

»Dies scheint alles ganz natürlich zuzugehen«, sagte er, »einfach und verständlich! Die Schiffe treiben gegen den Wind und Strom und segeln über Wald und Berg dahin, das Wasser muss heben, der Dampf muss treiben.«

»Ja«, sagte ich.

»Ja«, antwortete er immer wieder mit einem Seufzer. Ich verstand ihn damals nicht – aber Monate später verstand ich ihn.

Mit einem Sprung wollen wir über dieses Erlebnis hinwegeilen. Wir waren wieder in Trollhättan. Ich kam im Herbst auf meiner Rückreise hier an und verweilte einige Tage in dieser mächtigen Natur, in die die emsige Geschäftigkeit des Menschen immer mehr und mehr eindringt und allmählich die Schönheit der Natur in das fabrikmäßig Nützliche umgestaltet wird. Trollhättan muss dem Nützlichen dienen, muss Balken und Bretter schneiden, Mühlen treiben, hämmern, brechen und biegen. Ein Haus entsteht neben dem anderen, in fünfzig Jahren ist hier eine Stadt.

Aber das gehört nicht hierher. Ich kehrte, wie gesagt, im Herbst hierher zurück. Dasselbe Brausen und Gedröhne, dasselbe Steigen und Fallen der Schiffe an den Schleusen, dieselben geschwätzigen Knaben, die jetzt neue Reisende zum Höllenfall und zur Eisenbrücke und weiter zum Wirtshaus führten. Ich saß dort und blätterte in den Büchern, die sich hier im Laufe der Jahre angehäuft hatten und in die Reisende ihre Namen, Gefühle und Gedanken beim Anblick der Trollhättan-Fälle niedergeschrieben hatten. Immer wieder wird das gleiche Erstaunen in verschiedenen Sprachen ausgedrückt, des Öfteren sogar im Lateinischen: »Veni, vidi, obstupui.« Einer hatte geschrieben: »Ich habe das Meisterwerk der Natur durch Technik gewandelt gesehen.« Ein anderer meinte, er könne nicht ausdrücken, was er erlebt habe. Ein Fabrikbesitzer sah nur das Nützliche und schrieb: »Mit dem größten Vergnügen habe ich das uns Värmländern so nützliche Unternehmen Trollhättan gesehen.« Eine Pröpstin aus Schonen – so unterschrieb sie sich – hatte sich nicht aus den Familienbanden entwinden können und schrieb: »Gott gebe meinem Schwager Glück, Verstand hat er.« Andere hatten den gefühlvollen Bemerkungen fade Witze angehängt. Als eine Perle unter diesen Schreibereien glänzte ein Gedicht von Tegnér, von ihm selbst am 28. Juni 1804 niedergeschrieben:

»Vom Felsen sprang der Göta im tanzenden Spiel,

seine Flut teilte ruhig des Schiffes Kiel,

als jäh aus der Steinburg Felsengemach

Trollhättan wild in sein Flussbett brach.

Wie schäumte es auf in der Wasserflut,

der Fischer floh bebend des Trolles Wut.

Doch des Menschen Geschick zwang die felsigen Höh’n,

die gehorsam zerbarsten mit Donnergetön.

So einte der Mensch im unlösbaren Band

das Meer und das felsige Land.«

Ich blickte von dem Buch auf: Wer stand vor mir, stand da, um gleich wieder zu gehen? Der geheimnisvolle alte Herr vom Trollhättan. Während ich umhergereist war, hinauf bis an das Ufer des Siljansees, hatte er immer wieder den Kanal befahren, Schleusen und Fabriken besichtigt, den Dampf in allen seinen Dienstleistungen studiert. Er sprach von den projektierten Eisenbahnen Schwedens, von einer Bahn zwischen dem Hjälmaren- und Vänersee. Eisenbahnen hatte er indes noch nie gesehen, ich beschrieb ihm daher jene weit gedehnten Straßen, die sich bald wie Wälle und turmhohe Brücken, bald wie meilenlange Hallen, durch Bergwände und Felsen gesprengt, erheben. Ich erzählte von Amerika und England.

»Man frühstückt in London und am gleichen Tage trinkt man Tee in Edinburgh!«

»Ja, das kann ich auch!«, erwiderte der geheimnisvolle Alte mit einem Ausdruck, als könne dies nur er und kein anderer.

»Ich kann es auch«, sagte ich, »ich habe es bereits getan.«

»Und wer sind Sie?«, fragte er.

»Ein ganz gewöhnlicher Reisender«, antwortete ich, »ein Reisender, der für seine Beförderung nach der Taxe bezahlt. Und wer sind Sie eigentlich?« Da seufzte der geheimnisvolle Alte.

»Sie kennen mich nicht! Meine Zeit ist vorüber, meine Macht dahin! Geist ›Blutlos‹ ist stärker als ich!«

Mit diesen Worten war er urplötzlich verschwunden.

Da begriff ich, wer er gewesen war! Wie mochte einem armen Berggeist zumute sein, wenn er nur alle hundert Jahre ans Sonnenlicht treten darf, um sich umzusehen, wie es auf der Erde vorwärtsgeht. Er war ein Berggeist! Nichts anderes! Denn heute ist jeder aufgeklärte Mensch bedeutend gescheiter. Ich betrachtete mit einer Art stolzen Gefühls mein Zeitalter mit seinen sausenden Rädern, seinen Hammerschlägen, mit der Schere, die Metallplatten so weich und leise schneidet, mit den dicken Eisenstäben, die wie eine Stange Siegellack gebrochen werden, und der Musik, die nur einen Ton hat:

»Banko, Banko, hunderttausend Banko!«

Es war Abend, ich stand auf der Höhe Trollhättans an den alten Schleusen und sah die Schiffe mit ausgespannten Segeln über eine Wiese dahingleiten, groß und weiß wie Gespenster. Die Schleusentüren öffneten sich mit dumpfem, schwerem Gestöhn.

Der Abend war so still, in der tiefen Ruhe ertönten die Trollhättan-Fälle, als seien sie ein Chor von hundert Wassermühlen, immer ein und derselbe Ton, und in ihm klang ein tiefes, mächtiges Gedröhn, das die Erde zu durchdringen schien. Durch dies alles offenbarte sich die unendliche Stille der Natur.

Plötzlich schwang sich ein großer Vogel mit schweren Flügelschlägen aus den Bäumen auf, hinaus in den Wald nach den Wasserfällen zu.

War es der Berggeist? Wir wollen es glauben.

Vogel Phönix

Im Garten des Paradieses unter dem Baum der Erkenntnis blühte ein Rosenstrauch. In dem Nest dieser ersten Rose wurde ein Vogel geboren. Wie des Lichtes Strahlen war sein Flug, seine Farbe von schillerndem Glanz, bezaubernd sein Gesang. Aber als Eva die Frucht der Erkenntnis brach, als sie und Adam aus dem Paradies verjagt waren, da fiel vom Flammenschwert des strafenden Engels Cherub ein Funke in das Vogelnest und zündete. Der Vogel kam in den Flammen um, aber aus dem glühenden Ei schwang sich ein neuer, der einmalige, der immer einzige Vogel Phönix empor.

Die Sage berichtet, dass er in Arabien nistet, wo er sich selbst alle hundert Jahre in seinem Nest dem Flammentod hingibt, doch fliegt ein neuer Phönix aus dem rot glühenden Ei hervor.

Schnell wie das Licht umflattert der Vogel die Menschen, herrlich an Farbe, bezaubernd im Gesang. Wenn eine Mutter an der Wiege ihres Kindes sitzt, lässt er sich am Kopfende der Wiege nieder und schlägt mit seinen Flügeln einen hellen Glanz um des Kindes Kopf. Er fliegt durch die Kammer der Armut, und es ist Sonnenlicht darin, auf der Kommode aus Tannenholz duften die Veilchen.

Der Vogel Phönix hält sich nicht in Arabien auf, er flattert im Nordlichtschein über Lapplands Eisfelder, er hüpft zwischen den gelben Blumen in Grönlands kurzem Sommer. Unter Faluns Kupferfelsen, in Englands Kohlengruben fliegt er, über ein Gesangbuch in den Händen eines frommen Menschen. Auf einem Lotosblatt sitzend, gleitet er die heiligen Gewässer des Ganges hinab, das Auge eines Hindumädchens leuchtet bei seinem Anblick. Vogel Phönix! Kennst du ihn etwa nicht? Des Paradieses Vogel, den heiligen Schwan des Gesanges. Auf einem Thespiskarren saß er als plaudernder Rabe.

Über Islands tönende Harfe strich sein roter Schnabel, auf Shakespeares Schulter saß er als Odins Rabe und flüsterte ihm ein einziges Wort ins Ohr: »Unsterblichkeit!« Er flog durch den Rittersaal der Wartburg am Sängerfest.

Vogel Phönix! Du kennst ihn doch? Er sang die Marseillaise, eine Feder seines Flügels flog dir ins Haar; er kam im Paradiesesglanz dahergeflogen, du wandtest dich vielleicht ab und sahst einem Sperling zu, der hatte Goldschaum an seinem Flügel.

Der Vogel des Paradieses! Jedes Jahrhundert verjüngt er sich, geboren in Flammen, gestorben in Flammen. Sein Abbild im Wappen des byzantinischen Reiches hing, in Gold gerahmt, im Kaisersaal – er selbst aber flog oft irrend und einsam umher. Es ist eine Sage nur: die Sage vom Vogel Phönix.

Im Paradiesesgarten, wo er unter dem Baum der Erkenntnis auf der ersten Rose geboren wurde, nahm ihn Gott an sein Herz und gab ihm den rechten Namen – Poesie!

Ich begegnete ihm in Schweden!

Kinnekulle

Kinnekulle! Schwedens hängender Garten! Dich wollen wir besuchen. Wir stehen schon an der unteren Terrasse in einer Fülle von Blumen und grünem Laub. Der graue spitze Holzturm der alten Dorfkirche neigt sich, als wolle er umfallen, das macht sich gut in dieser Landschaft. Über den Gebirgswald streicht ein Schwarm von großen Vögeln, auch sie gehören dazu.

Die Landstraße führt uns den Berg hinan, in niedrigen Abstufungen dehnen sich die Ebenen mit dem Hopfen, wilden Rosen, kornreichen Äckern und einem herrlichen stolzen Eichenwald, wie ich ihn nie in Schweden gesehen. Der Efeu schlingt sich um Gestein und alte Bäume, selbst der abgestorbene Baumstamm schmückt sich mit grünem Laub. Wir blicken über die flache, weit gedehnte Waldebene nach dem sonnenbeschienenen Kirchturm von Marienstad, der wie ein weißes Segel auf dem dunkelgrünen See leuchtet; wir blicken über den Vänersee ins Unbegrenzte. Die bewaldeten Felseninseln der Schären liegen wie ein Kranz in dem Gewässer. Und siehe da, ein Dampfschiff kommt. Unten an dem Abhang des Berges, wo die mit roten Ziegeln gedeckten Häuser stehen, wo Buche und Walnuss im Garten wachsen, gehen jetzt die Reisenden an Land. Unter schattigen Bäumen wandeln sie über die schöne hellgrüne Wiese, die von Garten und Wald umschlossen ist. Kein englischer Park hat ein schöneres Grün aufzuweisen als diese Wiesen bei Hellekis. Sie steigen bis an die Grotten, wie die höher hervorspringenden roten Steinmassen genannt werden, die mit Versteinerungen durchsetzt sind, aus dem Erdwall hervortreten und an die verwitterten Riesengräber der römischen Campagna erinnern. Einige der Grotten sind durch anhaltende Regenböen ganz glatt und fast rund geworden, andere tragen seit Jahrzehnten Moos, Gras und Blumen, ja selbst Bäume.

Die Touristen betreten einen Waldpfad, um den Gipfel Kinnekulles zu erreichen; dort ist ein großer Stein als Ziel der Wanderung aufgerichtet. Sie studieren eifrig in ihren Reisebüchern und stellen fest, dass in Kinnekulle verschiedene Gesteinsschichten übereinanderlagern: zuerst Sandstein, dann Alaunstein, Kalkstein und Rotstein, noch höher Schiefer und zuletzt Trapp.