Im Schatten der Angst - Susanne Svanberg - E-Book

Im Schatten der Angst E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Aus großen blauen Augen sah Angelika ihre Freundin an. »Achtundzwanzig?« wiederholte sie erstaunt. »So alt ist Toni?« Schwester Regine, die das Gespräch der beiden Mädchen unbeabsichtigt belauschte, schmunzelte. Die Ansicht über ›alt‹ und ›jung‹ änderte sich mit den Lebensjahren. Wenn man noch ein halbes Kind war wie Angelika, war die Reaktion verständlich. Irmela, um einige Jahre älter und vernünftiger, dachte bereits anders. »Saschas Freund hat ja auch seine Ausbildung fast beendet. Nach den Ferien macht er das Staatsexamen. Dann ist er Zahnarzt. Ich finde das ganz toll. Er ist überhaupt super.« Irmela ließ ihr Strickzeug sinken. In diesen Wochen setzten die Mädchen von Sophienlust all ihren Ehrgeiz dafür ein, sich fürs kommende Frühjahr leichte Pullis zu stricken. Selbst Schwester Regine war von dem allgemeinen Arbeitseifer angesteckt. Sie saß bei ihren Schützlingen im Wintergarten, ließ ebenfalls die Nadeln klappern und war den Mädchen behilflich, wenn etwas nicht ganz stimmte. »Er ist groß, fast größer als Sascha, hat lockiges blondes Haar und die schönsten blauen Augen, die du dir vorstellen kannst.« Irmela schaute verträumt auf die prächtig gedeihenden Pflanzen des Wintergartens und lächelte. »Mann, du hast dich ja verknallt«

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sophienlust – 351 –Im Schatten der Angst

Der kleine Markus muss einen schweren Schock überwinden

Susanne Svanberg

Aus großen blauen Augen sah Angelika ihre Freundin an. »Achtundzwanzig?« wiederholte sie erstaunt. »So alt ist Toni?«

Schwester Regine, die das Gespräch der beiden Mädchen unbeabsichtigt belauschte, schmunzelte. Die Ansicht über ›alt‹ und ›jung‹ änderte sich mit den Lebensjahren. Wenn man noch ein halbes Kind war wie Angelika, war die Reaktion verständlich. Irmela, um einige Jahre älter und vernünftiger, dachte bereits anders.

»Saschas Freund hat ja auch seine Ausbildung fast beendet. Nach den Ferien macht er das Staatsexamen. Dann ist er Zahnarzt. Ich finde das ganz toll. Er ist überhaupt super.« Irmela ließ ihr Strickzeug sinken.

In diesen Wochen setzten die Mädchen von Sophienlust all ihren Ehrgeiz dafür ein, sich fürs kommende Frühjahr leichte Pullis zu stricken. Selbst Schwester Regine war von dem allgemeinen Arbeitseifer angesteckt. Sie saß bei ihren Schützlingen im Wintergarten, ließ ebenfalls die Nadeln klappern und war den Mädchen behilflich, wenn etwas nicht ganz stimmte.

»Er ist groß, fast größer als Sascha, hat lockiges blondes Haar und die schönsten blauen Augen, die du dir vorstellen kannst.« Irmela schaute verträumt auf die prächtig gedeihenden Pflanzen des Wintergartens und lächelte.

»Mann, du hast dich ja verknallt«, mischte sich Pünktchen, ein hübsches blondes Mädchen, ein. Eigentlich hieß sie Angelina. Doch die vielen Sommersprossen auf ihrem Stupsnäschen hatten ihr den Spitznamen Pünktchen eingebracht. Schon seit vielen Jahren war das ehemalige Zirkuskind, das seine Eltern bei einem Brand verloren hatte, in Sophienlust. Pünktchen betrachtete das Kinderheim als ihre Heimat und fühlte sich wie so viele Buben und Mäd­chen hier wohl.

»Mir gefällt Saschas Freund. Aber deshalb muß ich doch noch lange nicht verliebt in ihn sein«, wehrte sich Irmela, wurde dabei aber zu ihrem Ärger über und über rot. Hastig beugte sie sich über ihr Strickzeug. »Du hast Toni ja noch nicht gesehen, sonst würdest du mich sicher besser verstehen. Du kannst ihn dir etwa wie einen Tennis-Profi vorstellen. Schlank, aber muskulös, stark, sportlich, sonnenbraune Haut. Ein verdammt hübsches Gesicht und überhaupt topfit.«

»Jetzt hört euch das an«, ächzte Nick und stöhnte, als habe er Schmerzen. »Da hilft kein Leugnen. Du hast dich ganz schön in den flotten Studenten, den mein Bruder mitgebracht hat, verguckt, Irmela. Ich finde das ausgesprochen albern. Dieser Anton Mühlen ist doch eine Generation älter als wir.«

Nick, dem seine Urgroßmama vor vielen Jahren das ehemalige Gut Sophienlust vererbt hatte, ärgerte sich ohnehin über die Handarbeitswut der Mädchen. Seit sie diese albernen Pullis strickten, war nichts mehr mit ihnen anzufangen. »Für dich vielleicht. Für mich nicht«, antwortete das große Mädchen selbstbewußt. Irmela war eine fleißige Schülerin und wollte später einmal Medizin studieren. Schon deshalb imponierte ihr Anton Mühlen, der das Studium bereits geschafft hatte.

»Sascha und Toni bleiben ja doch nur einige Tage«, triumphierte Nick, der sich ein bißchen aus der Rolle des Überlegenen gedrängt fühlte. Als Schüler der Oberstufe war er für die jüngeren Kinder so etwas wie ein sehr vernünftiger, liebenswerter Junge, wenn auch hin und wieder der Lausbub in ihm zum Vorschein kam. »Sie wollen zum Wintersport in die Schweiz. Vati hat Sascha diesen Urlaub als Belohnung für seine guten Semester-Abschlußarbeiten geschenkt.«

»Wintersport kann man doch auch hier betreiben«, antwortete Irmela.

»Pah«, meinte Fabian, der das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte. Der schmächtige Junge mit dem mittelblonden Haar und den graugrünen Augen gehörte auch zu den Kindern, die in Sophienlust Zuflucht und Geborgenheit gefunden hatten. »Bei uns schmilzt doch der Schnee schon. Es ist immerhin Ende März.«

Fabian stand neben der Stange, auf der der Papagei Habakuk saß und sich zutraulich kraulen ließ. Der große bunte Vogel gab gurrende Laute der Zufriedenheit von sich.

»Aber der Waldsee ist noch zugefroren. Man kann dort fabelhaft Schlittschuh laufen. Nur müßte man ihn von Tannennadeln und Ästen reinigen.« Irmela hatte jetzt Schwierigkeiten mit ihrer Handarbeit.

Nick sah endlich eine Möglichkeit, die Mädchen für etwas anderes zu begeistern als für die in seinen Augen langweilige Strickerei. Deshalb griff er Irmelas Vorschlag sofort auf.

»Das könnten wir machen. Wir nehmen einen Schneeschieber und einige große Besen mit. Wenn die Eisbahn wieder in Ordnung ist, bleiben Sascha und sein Freund vielleicht hier.«

Auch Nick legte sehr viel Wert auf die Gesellschaft der beiden jungen Leute, die in Heidelberg studierten und in den Semesterferien drüben auf Gut Schoeneich, seinem Elternhaus, wohnten.

»Die Idee ist spitze. Wenn alles fertig ist, nehmen wir einen Kassettenrekorder mit hinaus und lassen ein paar gute Bänder laufen. Mit Musik ist das dann wie auf einer richtigen Eisbahn.« Irmelas Augen strahlten. Sie sah sich schon in Tonis Armen über die spiegelblanke Fläche gleiten.

»Klasse!« schrie Fabian. Er ließ den Papagei im Stich, der empört krächzte. »Wenn wir noch einige Eimer Wasser auf dem Eis verteilen und wenn das Wasser in der Nacht festfriert, haben wir morgen eine Superbahn.«

Auch den übrigen Mädchen erschien die Aussicht, die Freuden des Winters noch etwas zu verlängern, verlockend. »Ich möchte auch mitmachen«, meldete sich Vicky, Angelikas jüngere Schwester, jetzt zu Wort. Sie war zu ungeschickt, um einen Pullover zu stricken. Deshalb begnügte sie sich damit, aus knallroter Baumwolle Topflappen zu häkeln. Das Produkt ihrer Arbeit wollte sie Tante Isi, der beliebten Gründerin von Sophienlust, schenken.

Denise von Schoenecker, die von ihren Schützlingen Tante Isi genannt wurde, lebte mit ihrem zweiten Mann sowie Nick und dem Nesthäkchen Henrik auf Gut Schoeneich. Sie kam jedoch täglich nach Sophienlust, um die Arbeit der Heimleiterin, Frau Rennert, zu unterstützen. Jetzt, da Sascha, ein Sohn aus der ersten Ehe ihres Mannes, zu Hause war, mußte sie ihre Tätigkeit in Sophienlust etwas einschränken.

»Schwester Regine, dürfen wir?« Auch Pünktchen hatte die Handarbeit weggelegt.

Regine Nielsen sah durch die wandhohen Fensterscheiben, vor denen tropische Pflanzen gediehen. Manche von ihnen reichten vom Boden bis zur Decke. Draußen war es kalt, aber sonnig. Die frische Luft würde den Kindern guttun.

»Ich komme mit. Denn ich möchte mich davon überzeugen, daß das Eis noch trägt.« Die gewissenhafte Kinderschwester sah ihre Schützlinge freundlich an. Viele hielten es für schwierig, Jungen und Mädchen dieses Alters zu betreuen. Für Regine Nielsen gab es keine Probleme. Sie brachte den Jugendlichen Vertrauen und Achtung entgegen und wurde mit Zuneigung und Gehorsam belohnt. In Sophienlust gab es keinen, der heimlich rauchte, der Alkohol trank oder gar Drogen probierte. Hier wurde über Probleme offen geredet und an die Vernunft appelliert. Die Buben und Mädchen von Sophienlust wußten sich geliebt und akzeptiert und kamen deshalb vertrauensvoll mit allen Sorgen zu ihren Betreuern.

»Hilfst du uns?« erkundigte sich Vicky erfreut.

»Ich will auch mitkommen.« Heidi, das jüngste Dauerkind von Sophienlust, hatte mit zwei kleinen Buben in einer Ecke des Wintergartens mit Lego-Steinen gespielt. Jetzt kam sie angerannt und schmiegte sich schutzsuchend an Schwester Regine.

Die jugendliche Frau legte mütterlich den Arm um das schmächtige Körperchen. »Alle dürfen mitgehen«, bestimmte sie in fröhlichem Ton.

So gut es Schwester Regine mit den größeren Kindern verstand, sie fühlte sich trotzdem mehr zu den jüngeren hingezogen. Ihr eigenes Töchterchen war zwei Jahre alt gewesen, als sie es durch ein tragisches Schicksal verloren hatte. Gleichzeitig hatte sie auch von ihrem Mann für immer Abschied nehmen müssen. Sophienlust bot ihr seitdem Ersatz für die Familie.

Niemand hatte etwas gegen Schwester Regines Vorschlag einzuwenden, obgleich man genau wußte, daß die Kleinen die Arbeiten nur behindern würden. Doch in Sophienlust war man eine große Gemeinschaft. Aufeinander Rücksicht zu nehmen, war oberstes Gesetz.

»Auch mitkommen!« äffte der Papagei Habakuk den Tonfall der kleinen Heidi nach und schlug mit den prächtig schillernden Flügeln.

»Habakuk, für dich ist es viel zu kalt. Du mußt schon warten, bis es Frühling wird. Dann stellen wir dich im Park unter die Linde.« Fabian streichelte den gefiederten Freund.

Die Mädchen steckten die Stricknadeln durch die Wollknäuel, packten alle Handarbeiten in einen flachen Korb und verließen den Wintergarten.

*

Am nächsten Morgen war Irmela schon munter, bevor es richtig hell wurde. Sie schlich auf Zehenspitzen ans Fenster und erschrak. Draußen regnete es in Strömen. Es war über Nacht wärmer geworden.

Die Eisbahn! war Irmelas erster Gedanke. Die Arbeit des gestrigen Tages war umsonst gewesen. Denn bei diesem Wetter war das Eis sicher brüchig geworden. Aus war der Traum vom fröhlichen Schlittschuhlauf mit Anton Mühlen.

Irmela hätte weinen mögen vor Enttäuschung. Denn sie hatte sich alles so schön ausgemalt, hatte sich auf den Nachmittag unbändig gefreut.

Traurig schlich sie in Pünktchens Zimmer. »Wach auf, es regnet.«

Das blonde Mädchen mit den reizvollen Sommersprossen drehte sich schläfrig auf die andere Seite. »Wie spät ist es?«

»Kurz nach sechs.«

»Und da weckst du mich? Mach bloß, daß du wegkommst. Ich will noch schlafen.« Pünktchen zog sich die Decke über die Ohren.

»Sollst du aber nicht. Wir müssen überlegen, was wir jetzt tun.«

»Nichts. Wenn es wirklich regnet, kannst du das Eis vergessen. Es hat schon gestern geknistert. Ein Glück, daß Schwester Regine es nicht gehört hat«, murmelte Pünktchen mit geschlossenen Augen. Sie erwartete, daß Irmela sich in ihr Zimmer zurückziehe, doch das ältere Mädchen dachte nicht daran.

»Ich will nicht, daß Sascha und Toni wegfahren. Wir könnten doch etwas anderes unternehmen.«

»Laß mich endlich in Ruhe und schlag dir den Zahnarzt aus dem Kopf.«

»Du, ich höre ja auch zu, wenn du von Nick schwärmst«, revanchierte sich die sonst so sanfte Irmela.

»Iiich? Von Nick schwärmen? Ist dir nicht gut?« Pünktchen war schlagartig hellwach. Sie fuhr hoch und blitzte Irmela empört an.

»Du meinst vielleicht, es merkt niemand, daß du ihn ansiehst wie die Henne das Ei, aber…«

»Du bist gemein, Irmela«, schnupfte Pünktchen und fuhr sich durch das vom Schlaf zerzauste blonde Haar. »Ich finde Nick nett, sonst nichts«, verteidigte sie sich. Niemand sollte wissen, daß sie manchmal davon träumte, später einmal Nicks Frau zu werden.

»Eben. Dir gefällt Nick und mir Toni. Da gibt es doch nichts zu streiten. Ich möchte nur, daß wir gemeinsam überlegen, wie wir den Nachmittag am interessantesten gestalten können. Was hältst du von einer Kartenrunde im Wintergarten? Vielleicht spendiert uns Magda ein paar Gläser Cola.«

»Karten, das ist doch langweilig. Ich bin mehr für ›Mensch ärgere dich nicht‹.« Pünktchen zog die Beine an und schlang die Arme darum.

»Das ist doch ein Kinderspiel«, rügte Irmela die Kameradin. »Aber Roulette wäre vielleicht etwas. Ich spendiere der Kasse mein gesamtes Taschengeld.«

»Ich nicht. Denn ich möchte mir noch Wolle für einen zweiten Pulli kaufen. Überhaupt finde ich die Idee nicht besonders gut. Warte doch ab! Vielleicht hat Nick einen besseren Vorschlag.«

Nick saß um diese frühe Stunde mit seinen Eltern bereits am Frühstückstisch. Auf dem Gutshof begann der Arbeitstag um sieben Uhr, und Alexander von Schoenecker ging seinen Mitarbeitern mit gutem Beispiel voran.

»Das Wetter ist Sch…«, maulte der Halbwüchsige mit einem zornigen Blick zum Fenster.

»Aber Nick«, rügte Denise in ihrer heiteren, gelassenen Art.

»Ist doch wahr. Da haben wir gestern die Eisenbahn auf Hochglanz gebracht, und nun taut die ganze Herrlichkeit ab.«

»Hoffentlich haben wir in der Schweiz mehr Glück«, meinte Sascha, der älteste Sohn des Gutsbesitzers. Der junge Mann war seinem Vater äußerlich und auch im Wesen sehr ähnlich. Er hatte den ausgeglichenen, gemütvollen Charakter Alexanders, dessen beachtliche Größe und den dichten braunen Haarschopf.

Denise von Schoenecker hatte sich mit dem bei ihrer Heirat schon fast erwachsen gewesenen Stiefsohn und der Stieftochter Andrea, die inzwischen mit einem Tierarzt verheiratet war, auf Anhieb verstanden. Die gegenseitige Sympathie hatte sich in all den Jahren noch vertieft.

»Das wünsche ich euch auch.« Alexander war stolz auf seine Kinder, und auf Sascha ganz besonders. Denn der junge Mann hatte ihnen noch nie Schwierigkeiten gemacht. Er war ein guter Schüler, ein fleißiger Student und ein anhänglicher, dankbarer Sohn, der bei jeder Gelegenheit gerne nach Hause zurückkam.

»Wir haben gestern beschlossen, schon heute zu fahren. Natürlich nur, wenn es euch nichts ausmacht.« Sascha schaute abwechselnd auf Denise und Alexander.

»Es ist zu befürchten, daß auch in den Alpen Tauwetter einsetzt. Deshalb möchten wir zuvor noch so viel wie möglich auf die Pisten gehen«, ergänzte Anton Mühlen, der von seinen Freunden nur Toni genannt wurde.

»Selbstverständlich. Wir hätten euch natürlich gern noch länger hier gehabt, doch vielleicht läßt sich das im Anschluß an den Skiurlaub realisieren«, meinte Alexander voll Herzlichkeit. Er fühlte sich richtig wohl, wenn die große Familie um den ovalen Tisch im Eßzimmer des Gutshauses versammelt war.

»Die Kinder von Sophienlust werden enttäuscht sein. Denn sie haben fest damit gerechnet, daß ihr ihnen heute Gesellschaft leistet.« Denise lächelte die beiden Studenten gewinnend an.

»Das wird nachgeholt«, versprach Sascha lebhaft.

Nick schob sein Gedeck weg. »Och, ich möchte auch zum Skifahren in die Schweiz. Warum müßt ihr eigentlich gerade dann hinfahren, wenn ich in die blöde Schule muß?«

»Du willst nur bedauert sein. Dabei muß ich auch verzichten«, jammerte Henrik, das jüngste der Schoenecker-Kinder. Auf Sascha war der Kleine etwas eifersüchtig. Denn der Student verdrängte ihn bei seinen Besuchen aus der Rolle des meistbeachteten Familienmitglieds.

»Wenn ihr beide einmal studiert, habt ihr auch im März Semesterferien«, tröstete Sascha die beiden Jüngeren. »Aber dann werdet ihr euch vermutlich wieder nach der ruhigen Schulzeit zurücksehnen.«

»Auf keinen Fall. Die blöde Penne stinkt mir. Besonders wenn ich höre, daß andere in Urlaub fahren.« Nick spielte den Beleidigten. Doch jeder, selbst Toni, wußte, daß er es nicht so meinte.

*

Mit eleganten Schwüngen fuhr Sasche den Steilhang hinab. Leicht und spielerisch sah er aus. Er war nicht übermäßig schnell, sondern genoß die Abfahrt. Neben der sportlichen Bewegung erfreute er sich an der schneebedeckten Berglandschaft, an den sonnenüberfluteten Südhängen, an den Gletscherspalten und den Nordhängen, über die der kalte Wind pfiff. Hier oben fühlte er sich dem Himmel näher, spürte er die Größe der Schöpfung, sah auf lauter verschneite Berggipfel. Hier, oberhalb der Baumgrenze, war die Welt weit und still. Kein Laut störte die Vollkommenheit der Natur.

Toni Mühlen, im Skilauf nicht ganz so geübt wie Sascha, hielt sich hinter dem Freund. Auch er nahm das schöne Bild der Landschaft mit wachen Sinnen in sich auf.

An einem flacheren Stück der kilometerlangen Abfahrt hielt Sascha an. Er stützte sich auf seine Skistöcker und sah sich mit blanken Augen um.

»Ist das nicht herrlich?«

»Phantastisch! So schön hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ich werde dieses Panorama niemals vergessen.« Toni, der neben Sascha stehengeblieben war, wies mit dem ausgestreckten Arm in die Runde. »Du, das würde deinem Bruder auch gefallen.«

»Nick? Natürlich. Übrigens ist er nicht einmal mit mir verwandt. Er stammt aus der ersten Ehe meiner Stiefmama. Sein Vater kam ums Leben, als er noch ganz klein war. Nur Henrik ist mein Halbbruder. Nick ist mein Stiefbruder. Ja, wir sind schon eine merkwürdige Familie.« Sascha sagte es mit unüberhörbarem Stolz.

»Ihr seid eine großartige Familie«, bestätigte Toni, den dieses Thema seit der Abreise von Gut Schoeneich beschäftigte. »Bei euch spürt man die gegenseitige Zuneigung, den Zusammenhalt und die Kameradschaft. Das alles gibt es bei uns zu Hause nicht. Mein Vater ist ein vielbeschäftigter Manager, und meine Mutter hat alle Hände voll zu tun, das Geld unter die Leute zu bringen. Obwohl sie nicht arbeitet und genügend Hausangestellte hat, kannst du mit ihr nie reden, weil sie nie Zeit hat. Sie telefoniert den halben Tag, empfängt die Masseuse, den Friseur oder die Schneiderin – und abends muß sie auf Empfänge, zu Partys oder ins Theater. Sie ist so in Anspruch genommen, daß ich sie kaum zu Gesicht bekomme, wenn ich zu Hause bin. Deshalb ziehe ich es seit Jahren vor, nur noch mit ihr zu telefonieren. Sonderbarerweise kann ich sie so eher erreichen als persönlich.«

»Das kann ich mir gar nicht vorstellen«, murmelte Sascha und dachte daran, daß seine Stiefmama auch in Sophienlust stets für jedes Kind Zeit hatte. Allerdings hatte er auf Gut Schoeneich noch nie eine Masseuse, einen Friseur oder eine Schneiderin gesehen. Trotzdem war Denise immer sehr gut und sehr geschmackvoll gekleidet, sah jung und bemerkenswert hübsch aus.

»Weißt du, schon als kleiner Junge habe ich von einer Familie geträumt, in der man sich wohl fühlt, in der man geborgen ist, auf die man sich verlassen kann. Daß es so etwas wirklich gibt, habe ich erst auf Gut Schoeneich erfahren. Ich beneide dich, Sascha.«

»Ausgerechnet du, der einzige Sohn schwerreicher Eltern? Du bekommst doch alles, was du willst. Ein eigenes Auto, eine Weltreise und demnächst eine modern ausgestattete Praxis.«

»Alles«, wiederholte Toni traurig, »nur keine Liebe. Das hört sich undankbar an, aber die Liebe ist nun einmal ein Bestandteil unseres Lebens. Ich habe sie immer vermißt. Wenn ich einmal eine Familie gründe, werde ich alles anders machen. Ich werde meine Kinder nicht fremden Leuten anvertrauen, wie man es einst mit mir gemacht hat. Ich will ihnen Zeit schenken, soviel und sooft ich nur kann.«

»Ja, das ist sehr wichtig«, meinte Sascha nachdenklich. Er erinnerte sich in diesen Minuten an manche vertrauliche Aussprache mit seinen Eltern. Und noch heute redete er gern über seine Probleme mit ihnen. Oft waren ihre und seine Ansichten verschieden. Doch auch das war eine wertvolle Erfahrung.

»Es hört sich sentimental an, aber ich muß es dir trotzdem sagen: Wenn man bei euch zu Gast ist, spürt man sofort, daß sich deine Eltern lieben. Man bemerkt es aus ihren Blicken, ihren Gesten und ihren Worten. Und das nach so vielen Ehejahren. Ich finde das einfach klasse. Bei uns zu Hause habe ich so etwas nie empfunden. Da geht jeder seiner Wege. Mein Vater ist häufig unterwegs, meine Mutter hat eine Menge Freunde. Ob sie einander betrügen, weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, daß es schon seit vielen Jahren nichts Gemeinschaftliches mehr zwischen ihnen gibt. Wenn ich einmal heirate…«

»… dann hältst du dich an das Rezept meiner Eltern, nicht wahr?« unterbrach Sascha ihn lachend.

»Ja, du Grünschnabel. Für dich sind diese Gedanken noch nicht aktuell. Aber ich bin schließlich einige Jahre älter als du.«

»Dafür bist du auch schon fast fertiger Zahnmediziner, und ich armes Würstchen muß mich noch einige Semester abquälen.«

»Willst du bedauert werden? Da ich das für Zeitverschwendung halte, fahren wir lieber weiter.« Toni stieß sich ab. Seine Skier glitten rasch und immer rascher durch den knirschenden Schnee. Die Abfahrt wurde wieder steiler, der junge Mann schwang gekonnt nach rechts.

In diesem Moment überholte Sascha ihn. Der Sohn des Gutsbesitzers war wendiger und schneller. »Auf geht’s«, rief er.