Im Schlaf komm ich zu dir - Jennifer R. Johansson - E-Book

Im Schlaf komm ich zu dir E-Book

Jennifer R. Johansson

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Beschreibung

Der siebzehnjährige Parker ist total am Ende: Seit vier Jahren hat er nicht mehr geschlafen. Stattdessen ist er dazu verdammt, Nacht für Nacht die Träume desjenigen mitzuerleben, dem er vor dem Schlafengehen zuletzt in die Augen geschaut hat. Er durchleidet fremde Ängste, erfährt dunkelste Geheimnisse – und darf niemals selbst träumen oder schlafen. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird er sterben. Da trifft er Mia, und in ihren entspannenden Traumbildern findet er endlich Ruhe. Er beginnt sie zu verfolgen, um sicherzustellen, dass er in ihren nächtlichen Visionen landet. Doch damit erweckt er ihr Misstrauen. Denn sie wird schon längere Zeit von einem gefährlichen Stalker verfolgt. Plötzlich sind sie beide in höchster Gefahr.

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JENNIFER R. JOHANSSON

IM

SCHLAF

KOMM ICH

ZU DIR

Thriller

Aus dem Amerikanischen

von Beate Brammertz

DAS BUCH

Parker ist total am Ende: Seit vier Jahren hat er nicht mehr geschlafen. Stattdessen muss er Nacht für Nacht die Träume desjenigen miterleben, dem er vor dem Schlafengehen zuletzt in die Augen geschaut hat. Er durchleidet fremde Ängste, erfährt dunkelste Geheimnisse – und darf niemals selbst träumen oder schlafen. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird er sterben.

Da trifft er Mia, und in ihren entspannenden Traumbildern kommt er endlich zur Ruhe. Er beginnt sie zu verfolgen, um sicherzustellen, dass er in ihren nächtlichen Visionen landet. Doch damit erweckt er ihr Misstrauen. Denn Mia fühlt sich schon längere Zeit von einem gefährlichen Stalker beobachtet. Was läge da näher, als Parker zu verdächtigen? Schließlich hält er sich auffällig oft in ihrer Nähe auf …

DIE AUTORIN

J. R. Johansson hat Public Relations und Psychopathologie studiert. Gerade Letzteres hilft ihr sehr bei der Ausgestaltung ihrer Figuren. J. R. Johansson schreibt hauptberuflich und lebt mit ihrer Familie mitten in der Natur.

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel

Insomnia – The Nightwalkers 1

bei Flux, Woodbury / Minnesota

Copyright © 2013 by J. R. Johansson

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München,

unter Verwendung eines Motivs von

© Lyn Randle/Trevillion Images, Shutterstock

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-16529-1

www.heyne-fliegt.de

Für Ande, Cameron und Parker – vielen Dank, dass ihr meine schönsten Träume wahr gemacht habt.

1

Es ist über vier Jahre her, seit ich das letzte Mal geschlafen habe, und ich vermute, es bringt mich langsam aber sicher um.

An diesem Abend schien es mir nicht die Mühe wert zu sein, Blickkontakt zu einem anderen Menschen zu suchen, nachdem ich Mr. Flint in die Augen gesehen hatte. Immerhin war er ein alter Mann, der Haumeister der Bibliothek in Oakville. Träume wie seine hatte ich schon dutzendfach gesehen. Der aufregendste Teil war normalerweise der neue Rasenmäher, den sie gekauft hatten.

Doch als sein Traum einsetzte, wusste ich mit einem Schlag, dass ich mich gewaltig geirrt hatte. Dieser Mann war nicht wie die anderen.

Eine Frau lag ausgestreckt auf einem Bett. Ihr dünner Arm bedeckte schützend ihre Augen, und ihre Jeans war am Saum zerrissen, wahrscheinlich, weil sie über den Boden gezerrt worden war. Das weiße Tanktop war auf einer Seite hochgeschoben und entblößte ihren Bauch. Sie wirkte ziemlich attraktiv, doch dann bemerkte ich die Falten um ihren Mund, den Ring an ihrem Finger und ihren auffallend grauen Haaransatz. Ich stieß einen leisen Seufzer aus. Ich stehe nicht besonders auf Sexy-Mom-Träume.

Die Szene erstarrte, und ich blickte mich um: Die Wände waren hellgrün, winzige rosafarbene und blaue Blumen sprenkelten die Bettdecke. Ich hörte den Donner, bevor mir der Geruch von feuchtem Holz und Parfüm in die Nase stieg. Meine fünf Sinne rollten wie eine Welle heran und brachen über mir zusammen.

Regen fiel durch das offene Fenster und sammelte sich in einer Lache auf der Zedernholzkommode darunter. Die schweren grünen Vorhänge, die die Dunkelheit draußen umrahmten, raschelten.

Ich wusste, ich würde Mr. Flint bald zu Gesicht bekommen. Der Träumer zeigte sich immer zuletzt, so als müsste das Gehirn die Szene erst langsam aufbauen, bevor es den Träumer hineinstieß. Es hatte lange gedauert, bis ich auch nur in etwa begriffen hatte, wie Träume funktionieren. Wahrscheinlich würde ich sie niemals ganz verstehen.

Nach vielen Monaten und unzähligen Versuchen hatte ich erkannt, dass mich kein Träumer sehen konnte. Selbst wenn ich mich direkt vor sie stellte und mir die Lunge aus dem Leib schrie – sie bemerkten mich nicht.

Irgendwie lag jede Menge Ironie darin, dass ich so viel über die Träume anderer Menschen wusste, ohne selbst jemals zu schlafen. Nun ja, mein Körper schlief, aber mein Gehirn … nein, das schlief nicht wirklich. Die Welt meiner Träume gehörte längst nicht mehr mir. Sie war verboten und in unüberwindliche Entfernung gerückt. Ich war nur noch der Junge, der zuschaute, ein passiver Beobachter im Bewusstsein anderer, der sah, was sie sahen, fühlte, was sie fühlten. Ich kannte ihre Träume, als wären sie mein zweites Ich.

Eines der ersten Dinge, die ich herausgefunden hatte, war, dass alle Träume aus verschiedenen Schichten bestanden. Als wäre es dem Gehirn zu langweilig, jeweils nur einen Traum zu fabrizieren. Unter der Oberfläche war immer noch etwas anderes im Gange. Mein Gehirn neigte wohl dazu, mich in der Schicht zu lassen, die der Realität am nächsten war. Das zumindest war meine Vermutung. Ich wusste es nicht mit Sicherheit, aber es war die einzige Erklärung, die mir dafür eingefallen war, dass ich häufig Fantasien und Erinnerungen sah. Natürlich habe ich auch bizarres Zeug gesehen, allerdings viel seltener. Dem Fehlen von Kobolden und sprechenden Möbelstücken nach zu urteilen, stellte dieser Traum keine Ausnahme dar. Ich bekam nicht den Subtext, nicht die Metaphern, sondern die raue Wirklichkeit.

Der Donner grollte wieder. Ich seufzte und wartete darauf, dass Mr. Flint auftauchen würde. Ich wusste bereits, dass sein Traum eine Erinnerung war, und wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Ich mochte Erinnerungen nicht. Irgendwie kam ich mir dann noch aufdringlicher vor, als bei Fantasien zuzusehen. In einer Erinnerung ist alles kristallklar, mit sehr wenigen Unschärfen und Dunstschleiern, die anderen Träumen zu eigen sind. Nach Jahren des Zuschauens kannte ich dieses Level der Bildschärfe, der greifbaren Genauigkeit, was nur eines bedeuten konnte: Dies hier war kein Produkt seiner Vorstellungskraft, es war ein Teil von Mr. Flints Leben. Der verzerrte Blick seines Gehirns auf seine Vergangenheit ließ die Luft um mich herum dickflüssiger werden, so als würden mir gleichzeitig eine Million Beobachtungen übermittelt.

Und dann sah ich ihn im Türrahmen stehen, wie er sie eindringlich musterte. Als seine Gefühle mich trafen, rissen sie mir den Boden unter den Füßen weg und verschlugen mir den Atem. Verzweifelt und aufgewühlt fegte ein Chaos aus Traurigkeit, Wut und Enttäuschung über mich hinweg, und jeder neue Impuls war stärker als die letzten, bis der Schmerz sie alle überschattete, unerträglich und unveränderlich. Das Leben war nur noch Schmerz, jede Hoffnung wie weggewischt. Der Schmerz erstickte jeden Funken und alles, was den Hauch glücklicherer Tagen in sich trug.

Ich krümmte mich und schlang keuchend die Arme um den Körper. Ich wusste es besser.

Das Zimmer war mit einer unerklärlichen Energie aufgeladen, während der körperliche Schmerz von unheilvolleren Gefühlen überdeckt wurde: Hass gemischt mit aufpeitschendem Adrenalin, das sich in die rohste Form von Zorn verwandelte, die mir jemals untergekommen war.

Ich krallte mich in den Boden, während Mr. Flints siedende Wut durch mich hindurchpeitschte. Sein Drang, etwas zu zerstören, jemandem den Schmerz zuzufügen, den er empfand, überwältigte mich.

Als sich der Hausmeister dem Bett näherte, blitzte etwas in seiner Hand auf. Ich kniff die Augen zusammen, um es besser erkennen zu können. Er umklammerte einen schimmernden silbernen Brieföffner mit marineblauem Griff. Zusammen mit der grimmigen Entschlossenheit in seinem Gesicht war dies die tödlichste Waffe, die ich je gesehen hatte.

Ich kämpfte gegen seine Gefühle an und versuchte verzweifelt, mich zu bewegen, mich vor dem zu verstecken, was nun unweigerlich folgen würde. Doch es war zwecklos. Ich konnte nicht entkommen.

Ich wollte die Augen schließen, doch die Gefühle des Träumers waren das Schlimmste. Vor ihnen konnte ich mich nicht verstecken. Wenn ich nicht beobachtete, was vor sich ging, füllte mein Gehirn die Lücken. Und viel zu häufig waren die verstörenden Bilder, die ich mir ausdachte, noch viel schlimmer als der Albtraum, in dem ich gefangen war.

Mr. Flint drückte ihr ein Kissen aufs Gesicht, während er den Brieföffner dreimal in ihr Tanktop rammte. Ihre gurgelnden Schreie durchdrangen die Luft. Zusammen mit seinem Grunzen erzeugte ihr Tod eine entsetzliche Melodie, bis sich alle Geräusche zu einem Flüstern dämpften. Die plötzliche Stille verschlang mich regelrecht. Während ich versuchte, meinen Atem zu kontrollieren, schoss ihr Blut aus dem Dreieck an Wunden und ergoss sich auf ihr Oberteil und die blumenbesetzte Decke. Mein Kopf schmerzte, das Herz pochte laut in meiner Brust.

Sein Zorn verrauchte so abrupt, wie er gekommen war, und ließ nichts als Verzweiflung zurück. Ich spürte, wie sehr er sie hasste, wie sehr er sich selbst hasste. Die Gewissheit, dass sein Leben nicht mehr lebenswert war, prallte mit voller Wucht auf meine Schultern, und ich schüttelte mich unter dieser Last.

Mr. Flint hielt ihre Hände in seinen und schluchzte. Langsam zog er ihr den goldenen Ehering vom Finger und hielt ihn sich an die Lippen. Ein qualvolles Wimmern schwappte wie in einem Schwall aus seinem Körper und begrub uns beide in einer Woge aus Elend, die kaum Platz für Luft ließ.

Ich war entsetzt über mich selbst, weil ich Mitleid mit ihm empfand, doch es war ein Ding der Unmöglichkeit, es nicht zu haben. Jede seiner Empfindungen spürte ich am eigenen Leib. Der Traum war wahrscheinlich eine Erinnerung, aber Mr. Flint schlief und schwebte an dem Ort, wo die Grenzen zwischen richtig und falsch verschwammen – ich hingegen nicht. Mitgefühl für einen Mörder zu empfinden widerte mich an, aber ich konnte nichts dagegen tun. Sein Selbstmitleid überschwemmte mich, besiegte meine Abscheu. Mein Blick huschte zwischen ihm und der Frau hin und her, seiner Ehefrau. Das war nicht derselbe Mann wie anfangs im Traum. In ihm hatte sich etwas verändert, etwas so Grundlegendes, dass ich es sofort spürte. Er war jetzt ein Mörder und konnte nie mehr derselbe Mensch sein. Von dieser Tat gab es kein Zurück.

Er war ein Abbild meiner Fähigkeit – meines Fluchs. Und nachdem ich es gesehen hatte, würde auch ich nicht mehr derselbe Mensch sein.

Ich erwachte hustend und keuchend. Mein Körper war in Schweiß gebadet. Wie zu einer Kugel zusammengerollt, schlang ich einen Arm um meine Knie und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Warum musste ich mir ausgerechnet ihn aussuchen? Warum einen Mörder?

Traumseher zu sein nervte gewaltig, insbesondere da alle um mich herum Träumer waren. Ich wusste nicht, ob es noch andere wie mich gab – jedenfalls konnte ich dem Glückspilz von einem Träumer, der mir jeden Tag als Letzter in die Augen blickte, nicht entfliehen. Egal, wie sehr ich ihn abschütteln wollte, ich war für eine Nacht unausweichlich an ihn gekettet.

Ein dumpfes Pochen ließ meine Tür klappern, und ich rollte aus dem Bett.

»Es ist Wochenende, Mom.« Meine Stimme klang heiser und erschöpft. Ich taumelte in Richtung Bad, nahm einen tiefen Atemzug und zwang mich, nicht länger über Mr. Flints Traum nachzudenken.

Ein und aus.

Ein und aus.

»Es ist fast Mittag, Eure Majestät«, rief mir Mom aus der Küche zu.

Ich blieb mitten im Flur stehen und rieb mir die Augen. »Es ist fast elf. Lass diese Übertreibungen, oder ich muss mich nach neuem Personal umsehen.«

»Ja, ja«, murmelte Mom.

Ich kämpfte den Drang nieder, ihr oder sonst irgendjemandem zu erzählen, was ich gesehen hatte. So gern ich auch zur Polizei gehen wollte, um ihnen zu sagen, dass Mr. Flint seine Frau in einem Traum ermordet hatte, wusste ich doch, dass mir niemand Glauben schenken würde. Und die psychiatrische Abteilung einer Klinik entsprach nicht gerade meiner Vorstellung eines entspannten Wochenendes.

Ich schnappte mir die Zeitung von der Konsole im Flur und nahm sie mit aufs Klo. Die Kälte der Fliesen ließ ein Kribbeln durch meine Füße schießen, während ich in der Zeitung blätterte. Da war es:

Donna Marie Flint, geboren am 9. Mai1971, verstarb letzte Woche nach einem – wie es aussieht – fehlgeschlagenen Einbruchsversuch. Freunde und Familie werden gebeten, ihr am Dienstag in der Aussegnungshalle des Oakville Friedhofs die letzte Ehre zu erweisen.

Morgen.

Mrs. Flint war noch nicht lange tot, aber es war dennoch zu spät, sie zu retten. Ich konnte nichts tun. Die Polizei war mit dem Einbruch auf der falschen Fährte, doch sie würden auch ohne meine Hilfe herausfinden, was vorgefallen war. Daran musste ich einfach glauben.

Einen morbiden Moment lang fragte ich mich: Wenn ich recht behielt mit dem, was ich für meine unausweichliche Zukunft hielt, und dieser Fluch mich tatsächlich langsam umbrachte, was würde dann in meinem Nachruf stehen?

Parker Daniel Chipp, sechzehnjähriger Schüler an der Oakville Highschool, verstarb an Schlafentzug.

Oder würden sie etwas Langweiliges wie einesnatürlichen Todes schreiben? Beides klang irgendwie erbärmlich.

Ich schlurfte in die Dusche und stellte den Hebel so ein, dass das Wasser eiskalt war und meine Haut wie tausend Glassplitter stach. Das Wasser lief in Rinnsalen an mir hinab und wusch die Bilder aus meinem Traum in den Abfluss. Warme Duschen waren ein Ding der Vergangenheit. Nachdem ich meinen Körper wund geschrubbt hatte, drehte ich das Wasser ab.

Ich schlang mir ein Handtuch um die Hüfte und versuchte, meine Gedanken auf einen der glücklicheren Träume zu richten, die ich im Laufe der Zeit gesehen hatte. Die Träume anderer Menschen beanspruchten einen so großen Teil meines Lebens – und Gehirns –, dass es mir nicht schwerfiel, in den Haufen zu greifen und einen anderen herauszufischen. Sie waren alle einzigartig und aufreibend.

Die verschiedenen Schichten des Traums waren oft der schwierigste Teil. Es kam vor, dass mein Kopf noch stundenlang pochte, nachdem ich längst aufgewacht war. Dann war es, als hätte das Unterbewusstsein des Träumers seine imaginären Muskeln angespannt und wollte so viel wie möglich hineinpacken, einfach nur, um mich zu quälen. Manchmal wurden die Schichten im Hintergrund von einem Dunstschleier überzogen und schoben sich über den Haupttraum wie ein durchschimmernder Vorhang. In seltenen Fällen bestanden die Träume aus etwas, das sich wie materielle, stoffliche Schichten anfühlte – einige stärker realitätsbezogen, andere bizarrer als die Lieblingshalluzination eines LSD-Abhängigen. Dann stapelten sie sich übereinander, und der Träumer hüpfte wie ein Tischtennisball zwischen ihnen hin und her, als könnte sich sein Gehirn nicht entscheiden, welchen Traum es nehmen wollte.

Daneben gab es auch einen Nebel aus Gedanken, der sich durch die lebhaften Erinnerungsträume kräuselte. Wenn man in den Ranken dieser silbernen Dunstschwaden stand, konnte man das Gehirn des Träumers buchstäblich denken hören – wie er Dinge nacherlebte und Entscheidungen traf. Die Worte und Gedanken waren so durcheinander und ineinander verschlungen, dass einem schon nach wenigen Sekunden der Kopf schwirrte. Nachdem ich zum ersten Mal auf diesen Nebel getroffen war, versuchte ich ihm mit aller Gewalt auszuweichen.

Am schlimmsten war es, wenn die anderen Schichten so diffus waren, dass sie einem rauschenden Hintergrundgeräusch glichen. Dann klang es, als würden eine Million Bienen in meinem Kopf summen. Nach einem solchen Traum hatte ich immer schreckliche Kopfschmerzen – die Art von Kopfschmerz, gegen die kein Medikament half.

Ich holte tief Atem. Während ich mir das Gesicht abtrocknete, konnte ich die tiefen Ringe unter meinen Augen regelrecht spüren – als wären sie schon so lange dort, dass sie mich ausgehöhlt hatten. Ich schauderte, schob mir das zerzauste schwarze Haar aus der Stirn und versuchte herauszufinden, ob ich schlimmer aussah als am Tag zuvor. Meine eisblauen Augen starrten mir aus dem Spiegel entgegen. Ja, ich sah richtig scheiße aus. Aber konnte ich etwas dagegen tun? Nein.

Ich zog eine Jeans und ein Sweatshirt an und machte mich auf den Weg in die Küche. Es roch nach Zitronen und Beeren. Frische Früchte, das Lieblingsfrühstück meiner Mom. Sie blickte mit einem Grinsen zu mir hoch, doch es verging ihr sofort, als ihre Augen meine trafen. Ich wusste, was sie dachte. Ihre ständige Besorgnis war der Grund, weshalb ich mir ihre Träume nur ansah, wenn mir wirklich keine andere Wahl blieb.

»Hast du gut geschlafen?«

»Sicher.« Ich nickte und blickte von ihren Sorgen weg.

Mom trat vor mich und legte mir den Handrücken auf die Stirn. Seufzend ließ sie die Hand wieder sinken und verzog die Lippen. »Nun ja, zumindest scheinst du keine Temperatur zu haben …«

Ich packte sie an den Schultern, lächelte und sah ihr fest in die Augen. So früh am Tag spielte es keine Rolle, mit wem ich Augenkontakt hatte. Noch war es sicher.

»Das liegt daran, dass mit mir alles okay ist.«

Sie bohrte sich die Faust unters Kinn und bewegte sie vor und zurück, während sie mich beobachtete, wie ich die Küche nach etwas Essbarem durchsuchte. Ich kannte diese Geste. So hatte sie Dad immer angesehen, bevor er abgehauen war, und genau deshalb konnte ich es nicht vergessen.

Während des ersten Jahrs nach seinem Verschwinden war Mom so wütend gewesen, dass sie sich voll und ganz in die Arbeit gestürzt hatte. Ich hatte immer genug zu essen gehabt und war gut versorgt gewesen, aber meine ständige Müdigkeit war ihr entgangen. Das war jetzt über drei Jahre her. Diese Tage vermisste ich. Wenn sie nicht hier war, musste ich nicht so tun, als wäre ich normal.

Mit dem größten Messer, das ich finden konnte, schnitt ich einen Apfel in Stücke und kämpfte gegen die Mischung aus Frustration und Verbitterung an, die jedes Mal in mir aufstieg, wenn ich an Dad dachte. Ich hatte genügend eigene Probleme, ohne auch noch den Ballast zu schultern, den er zurückgelassen hatte.

Ich blickte auf und bereitete mich darauf vor, Mom so wie immer zu beschwichtigen – mit Ablenkung.

»Nun, irgendwelche Termine heute?«

Mom schnappte sich ihr Handy von der Arbeitsplatte und blätterte durch ihren Kalender. »Ich habe heute Nachmittag zwei Besichtigungen und noch ein paar am Abend. Es könnte also etwas später werden. Kommst du allein klar?«

»Ja. Ich mache sowieso wahrscheinlich was mit Finn.«

»Wirklich? Mit sonst niemandem? Nur Finn?« Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Sie glaubte mir schon wieder nicht.

Ich steckte mir ein Stück Apfel in den Mund und ging zum Fenster. »Ja, nur Finn«, sagte ich kauend.

Sie nickte und drehte sich zu ihrem Telefon zurück.

Ich schlurfte in mein Zimmer und zog meine Sneaker an. Wüsste ich es nicht besser, ich würde glauben, sie wären aus Blei. Die Schwerkraft war in letzter Zeit mein Feind. Jeden Morgen fühlten sich meine Arme und Beine und selbst meine Lider schwerer an. Es wunderte mich, dass die Waage dasselbe Gewicht anzeigte und in letzter Zeit sogar ein leicht niedrigeres als in der Woche zuvor. Jedes Mal, wenn ich auf sie stieg, war ich überzeugt, dass allein mein Kopf ein paar Pfund zugelegt haben musste. Es wurde von Tag zu Tag schwieriger, ihn oben zu halten.

Als ich letzten Monat sechzehn geworden war, hatte sich auch meine letzte Idee als Enttäuschung entpuppt. Zwei Wochen lang hatte ich jeden Abend auf dem Weg nach Hause an der Tankstelle gehalten und dem Typen von der Nachtschicht in die Augen gesehen, in der Hoffnung, ich könnte schlafen, wenn mein Träumer die ganze Nacht wach war. Aber als ich einschlief, war es kein richtiger Schlaf. Träume anzusehen war dasselbe, als würde man die ganze Nacht ganz intensive Filme anschauen, und zu schlafen, wenn mein Träumer wach war, war, als würde man aufbleiben und das Störungsbild auf einem stumm geschalteten Fernseher anstarren. Es war ganz friedlich, aber mein Gehirn schlief trotzdem nicht. Es war vielmehr meine eigene, ganz persönliche Leere.

Nächte wie diese halfen mir allerdings ein wenig, mich tagsüber besser zu konzentrieren, wenn auch nicht viel. Als Mom ausgeflippt war, weil ich immer so spät nach Hause gekommen bin, habe ich es sein lassen. Dieses Nichts wurde Nacht für Nacht sowieso immer langweiliger, so als würde ich in meiner eigenen Gummizelle sitzen. Die Ironie dieses Vergleichs entlockte mir ein Lächeln. Denn das war genau das, was ich mit allen Mitteln vermeiden wollte.

Ich hatte alles probiert, was mir in den Sinn kam. Ich hatte sogar versucht, den ganzen Tag über niemanden mehr anzusehen – was nicht so einfach ist, wie es klingt. Aber selbst dann sah ich nur die Träume der letzten Person des Vortags.

Als ich meinen Rucksack mit dem Fuß in Richtung Wand schob, bemerkte ich, dass das Hauptfach halb offen stand und die Ecke eines Buchs herauslugte. Ich hob den Rucksack auf und zog den Reißverschluss zu, dann ließ ich den Blick kurz durchs Zimmer schweifen. Es sah … anders aus. Ein paar Kleinigkeiten waren an einem anderen Platz, auch wenn es nichts Offensichtliches war. Ich seufzte. Mom war also schon wieder in meinem Zimmer gewesen. Wahrscheinlich während ich unter der Dusche gewesen war. Entschlossenheit war eine Eigenschaft, an der es in meiner Familie nicht gerade mangelte.

Ich holte tief Luft und marschierte zurück in die Küche. »Diesmal irgendwelche Drogen gefunden?«

Mom blickte nicht von ihrem Handy auf, aber ich sah, wie sie die Augen fest zusammenkniff. Ihre Stimme sollte anscheinend ruhig und gefasst klingen, doch stattdessen überschlug sie sich. »Nein.«

»Das wird dich wohl nicht davon abhalten, bald wieder in meinem Zimmer herumzuschnüffeln, oder?« Ich setzte mich an den Tisch und funkelte sie böse an. Im Moment hatte ich genügend andere Probleme. Warum wollte sie mir unbedingt noch mehr aufladen?

Sie drehte sich zu mir um und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was soll ich denn deiner Meinung nach denken? Du redest nicht mit mir. Du verlierst Gewicht … du … du siehst einfach nicht gut aus, Liebling.«

»Du hast den Dreh raus, einem das Selbstbewusstsein so richtig zu stärken, Mom.« Ich rieb mir die Augen und starrte aus dem Fenster.

»Hast du eine bessere Erklärung?« Sie legte eine kurze Pause ein, bevor sie fortfuhr. »Denn du kannst mir glauben, ich will keine Drogen finden … aber ich weiß nicht, was es sonst sein könnte.«

»Das habe ich dir doch schon gesagt.« Ich schüttelte den Kopf und sah sie wieder an. »Ich schlafe nicht gut.«

Sie senkte das Kinn und hob eine Augenbraue. »Parker, du schläfst die ganze Zeit!«

Eine heiße Welle der Wut überflutete mich. Warum musste sie das andauernd zur Sprache bringen? Sie würde mir ja sowieso nicht glauben. Ich stand vom Tisch auf und drehte mich zum Korridor. »Nun, dann müssen es wohl Drogen sein.«

»Warte, bitte.« Sie packte mich am Ellbogen, sagte aber kein Wort, bis ich mich zu ihr zurückdrehte. »Wenn es am Schlaf liegt, gehen wir zum Arzt. Heute. Dr. Brown hat am Wochenende Notfallsprechstunde. Wir fahren sofort hin.«

»Heute?« Ich runzelte die Stirn. »Aber du hast Termine.«

»Die verschiebe ich. Das geht schon in Ordnung. Deine Gesundheit ist wichtiger.«

Ein Schaudern packte mich. Arztbesuche hatte ich immer vermieden, aus Sorge, sie könnten meinen Verdacht bestätigen oder, noch schlimmer: mich für verrückt erklären und in eine Anstalt einliefern. Aber ich musste ehrlich zu mir sein. Bei meinen Internetrecherchen hatte ich alle Informationen gefunden … und mir gefielen die Antworten nicht. Es war höchste Zeit. Ich musste es nur clever anstellen. Ich würde ihm nicht die ganze Wahrheit sagen, doch ich hatte mir einen Weg überlegt, wie ich ihn dazu bringen konnte, mir zu sagen, was ich wollte.

»Okay, Mom, wenn du meinst, dass es hilft.«

2

Dr. Brown ist unser Hausarzt, solange ich denken kann. Nachdem wir ein paar Minuten im Wartezimmer gesessen hatten, führte uns seine Sprechstundenhilfe in einen senfgelben Untersuchungsraum mit Bildern von Fischen an den Wänden. Nun, da wir hier waren, konnte ich einfach nicht mehr stillhalten. Ich setzte mich hin, trommelte mit den Fingern auf meine Oberschenkel, sprang auf, betrachtete die Bilder und setzte mich dann wieder.

Die Tür öffnete sich, und Dr. Brown kam herein. Er war schon immer extrem dünn und ernst gewesen und gab einem in der Sekunde, in der er ins Zimmer trat, das Gefühl, als würde er sich um alles kümmern. Er lächelte meiner Mom zu und schüttelte mir die Hand, bevor er auf seinem Rollhocker Platz nahm.

»Nun, Parker, wir haben uns eine Weile nicht mehr gesehen.« Er beugte sich über mein Krankenblatt, und alles, was ich sehen konnte, waren die kurzen braunen Stoppeln auf seinem Kopf. »Bei Jungs im Teenageralter ist das für gewöhnlich ein gutes Zeichen. Was bringt dich heute hierher?«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich schlafe schlecht.«

»Das ist nicht alles«, sagte Mom. Schon wieder wünschte ich, sie hätte zugestimmt, im Wartezimmer zu bleiben. »Er hat an Gewicht verloren.«

Dr. Brown blickte zu mir und dann zurück zum Krankenblatt. »Bei Teenagern schwankt das Gewicht häufig. Spielst du immer noch Fußball?«

Ich nickte.

»Ich kann dir Schlaftabletten verschreiben, damit dein Körper zu einem normalen Rhythmus zurückfindet, aber du darfst sie nicht zu lange einnehmen. Und du musst dafür sorgen, dass du genug isst, um weiterhin trainieren zu können.« Er warf einen Blick auf seine Uhr und zurück auf mein Krankenblatt.

»Okay«, sagte ich, bemüht, nicht so frustriert zu klingen, wie ich mich fühlte. Natürlich hatte ich Schlafmittel längst ausprobiert. Keine rezeptpflichtigen Medikamente, aber immerhin. Allerdings hatten sie die Erschöpfung nur verschlimmert. Am nächsten Tag konnte ich kaum geradeaus laufen, so erschöpft war ich. Das hier würde uns nirgendwo hinführen, doch mit Mom im Zimmer konnte ich ihn schlecht befragen. Welche Zeitverschwendung!

Dr. Brown sah mich für einen Moment mit zusammengekniffenen Augen an, bevor er sich an Mom wandte. »Es gibt ein neues Versicherungsformular, das Sie ausfüllen könnten, während ich mich ein wenig mit Parker unterhalte. Nur um mich zu vergewissern, dass nicht mehr dahintersteckt, wenn das für Sie beide in Ordnung ist?«

Mom blickte zu mir, und ich nickte. »Ja, ist schon okay, Mom. Geh ruhig.«

Sie stand auf und folgte dem Arzt auf den Gang. Ich versuchte, mich zu sammeln. Ich hatte nur ein paar Minuten allein mit ihm. Bestimmt hatte er seine eigenen Gründe, Mom loszuwerden, aber ich musste das Gespräch unbedingt an mich reißen.

Als Dr. Brown zurückkam, reichte er mir eine Broschüre: Drogen und die Auswirkungen auf das jugendliche Gehirn. Ich stöhnte auf und schüttelte den Kopf.

»Ich unterstelle dir gar nichts, aber wenn man schon so lange Arzt ist wie ich, hat man gelernt, die Zeichen zu lesen.« Dr. Brown hatte freundliche Augen. Sie waren mitfühlend und verständnisvoll … was jedoch nichts an dem Umstand änderte, dass er ebenso falschlag wie alle anderen. »Du weißt, dass jede Droge, die du deinem Körper zuführst, deinen Schlafrhythmus durcheinanderbringen kann.«

Ich sah ihm fest in die Augen. »Nehmen wir einmal rein hypothetisch an, ich wäre tatsächlich auf Drogen, die mich vom Schlafen abhalten …«

Seine buschigen Augenbrauen schossen hoch. Offensichtlich nicht die Antwort, die er erwartet hatte. »Und was nimmst du?«

»Ich habe nichts zugegeben, und das spielt auch keine Rolle.« Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt. »Mich würde Folgendes interessieren: Was passiert mit dem Gehirn eines Menschen, wenn er nicht schläft?«

Dr. Brown schüttelte den Kopf. »Überhaupt nicht schläft?«

»Ja.«

»Nun, anfangs wäre er müde, gereizt, leicht erregbar.« Dr. Brown zuckte mit den Achseln, aber er beobachtete mich genau. »Und dann käme der Tremor, das Zittern, weil es dem Gehirn nicht mehr gelingen würde, den Körper zu kontrollieren. Schließlich würde man vor Erschöpfung zusammenbrechen, und das Problem wäre fürs Erste gelöst.«

Egal, wie müde ich war, ich war nie zusammengebrochen, und mein Gehirn hatte nie geschlafen. Ich war einfach nicht normal. Ich schüttelte den Kopf. »Lassen Sie uns mal annehmen, man würde nicht zusammenbrechen. Aus welchem Grund auch immer, der Körper würde einfach weitermachen. Was würde als Nächstes geschehen?«

Er runzelte die Stirn. »Das ist ohne äußeren Einfluss unmöglich – und ohne extreme Stimulation.«

»Okay, dann mithilfe dieser Dinge.« Ich wusste nicht mehr, wann ich aufgestanden war, aber seine Augen wurden groß, als er zu mir hochblickte. »Was würde als Nächstes passieren?«

»Das verstehe ich nicht. Was soll das?« Er rollte seinen Hocker ein Stück zurück.

Ich machte einen Schritt auf ihn zu, ließ meine Stimme jedoch ruhig klingen. Ich musste das wissen. »Was würde als Nächstes passieren, Doktor?«

Er legte die Stirn in Falten und erhob sich, doch ich schob mich noch ein paar Zentimeter näher an ihn heran. »Die Person würde psychotisch werden, eine Vielzahl an gefährlichen psychologischen Symptomen aufweisen und dann … nun ja, dann würde sie sterben.«

Es war, als hätte er mir einen Schlag in den Magen verpasst. Das Zimmer drehte sich, und ich sackte auf meinen Stuhl zurück. Meine Augen hefteten sich auf den Teppich vor mir. Die Recherche, die ich betrieben hatte … es stimmte. Ich hatte also wirklich recht. Nur dass ich nicht recht haben wollte.

Dr. Brown setzte sich wieder auf seinen Hocker und rutschte ihn näher zu mir. »Warum diese Fragen, Parker? Du willst mir sagen, dass …«

»Nein«, unterbrach ich ihn rasch und sah mit einem gezwungenen Lächeln zu ihm hoch. »Es geht um ein Wissenschaftsprojekt für die Schule, an dem ich arbeite.«

»Oh.«

Er starrte mich schweigend an, und ich wusste, dass ich jetzt seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, die ich aber gar nicht mehr wollte. Ich war wegen einer einzigen Antwort gekommen, und er hatte sie mir gegeben. Nun musste ich nur noch von hier verschwinden, bevor Dr. Brown mich dazu brachte, dass ich ihm alles verriet.

Ein Klopfen an der Tür erscholl, und Mom steckte den Kopf herein. »Seid ihr hier fertig?«

Ich nickte und sprang auf. Da bemerkte ich, dass ich die Drogenbroschüre immer noch in der Hand hielt, und stopfte sie in meine Tasche. Doch es war zu spät, Mom hatte sie längst bemerkt. Perfekt! »Ich denke, die Schlaftabletten werden helfen«, sagte ich.

Mom ließ die Schultern sinken und sah mit stechendem Blick zu Dr. Brown. »Sind Sie derselben Meinung?«

»Ich denke, es ist ein guter Anfang.« Mit einem Stirnrunzeln fuhr er fort: »Aber ich würde ihn gern noch einmal durchchecken … nur um auf Nummer sicher zu gehen.«

Nach zehn Minuten, in denen ich ständig »Ah« sagen musste, meine Reflexe und Pupillen überprüft und meine Atmung sowie mein Herzschlag abgehorcht wurden, gab mir Dr. Brown ein Rezept für ein Schlafmittel und eine Überweisung zu einem Seelenklempner. Seine Augenbrauen waren gefurcht, und er sah aus, als wollte er noch etwas hinzufügen, aber stattdessen schüttelte er mir nur die Hand.

»Pass auf dich auf, Parker. Ich bin hier, wenn du mich brauchst.«

Mom und ich wechselten auf der Fahrt nach Hause kaum ein Wort. Sie grummelte die ganze Zeit in sich hinein und hätte fast die anderen Fahrer angefaucht. Ganz offensichtlich glaubte sie weder mir noch Dr. Brown.

Ich steckte mir die Kopfhörer ins Ohr und drehte die Musik auf meinem iPod auf. Es war nicht so, als wäre ich mit dem Ergebnis des Arztbesuchs zufrieden, aber glücklicherweise hatte keiner von uns beiden das Bedürfnis, darüber zu reden.

Sobald wir zu Hause waren, ging ich in mein Zimmer, schloss die Tür hinter mir und rief Finn an.

Er ging nach dem ersten Klingeln ran. »Hey Mann, was gibt’s?«

»Nichts. Ich muss von hier weg.«

»Okay. Reden wir hier von weg im Sinne eines Kinobesuchs oder einer Flucht über die Grenze?« Ich hörte, wie er im Hintergrund kaute.

»Kino klingt gut.«

»Cool. Ich komm gleich rüber.« Nachdem er aufgelegt hatte, schob ich mein Handy in die Tasche und ließ mich aufs Bett plumpsen. Ich tat so, als würde ich nicht hören, wie Mom im Wohnzimmer mit Dr. Brown am Telefon flüsterte.

»Ja, aber denken Sie, er nimmt etwas?« Dann eine Pause. »Nein, ich weiß, das können Sie nicht mit Bestimmtheit sagen. In seinem Zimmer habe ich nie etwas gefunden.« Eine längere Pause. »Okay, ich lasse es Sie wissen, wenn es schlimmer wird. Vielen Dank, Doktor.«

Dr. Browns Stimme, während er vorhin die Phasen extremen Schlafentzugs aufgelistet hatte, hüpfte in meinem Kopf hin und her wie ein Gummiball, der keine Möglichkeit hatte auszubrechen. Ich zitterte bereits stark, und es wurde jeden Tag schlimmer. Das war wohl der Tremor, und als Nächstes würde ich …

Psychotisch werden und dann sterben … psychotisch werden und dann sterben … psychotisch werden und dann sterben …

Angst krallte sich in mir fest. Ich war mir nicht mehr sicher, ob es tatsächlich besser war, die Wahrheit zu kennen. Ich setzte mich auf und ging zu meinem Schreibtisch. Das Einzige, was ich tun konnte, war, vorbereitet zu sein. Es war an der Zeit für weitere Recherchen.

Ich öffnete eine Suchmaschine und tippte das Wort »Psychose« ein. Im nächsten Moment spuckte sie mir eine Definition aus: »Eine Psychose stellt einen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs dar, der gewöhnlich mit falschen Überzeugungen darüber einhergeht, was gerade geschieht oder wer man ist (Wahnvorstellungen), sowie dem Sehen von physikalisch nicht nachweisbaren Objekten und dem Hören von Stimmen (Halluzinationen).«

Mein Magen krampfte sich zusammen. Im Gegensatz zu einer Psychose schien der Tod im Grunde die angenehmere Alternative zu sein. Ich fürchtete die Halluzinationen und Wahnvorstellungen mehr als das, was darauf folgen würde. Am meisten Angst hatte ich davor, eines der Monster zu werden, die ich so häufig in den Träumen anderer gesehen hatte, und nicht in der Lage zu sein, nach meinem eigenen Kodex, meinen eigenen Moralvorstellungen handeln zu können. Oder noch schlimmer: nicht fähig zu sein, die Realität von dem unterscheiden zu können, was mein Gehirn mir vorgaukelte … das wäre der echte Albtraum.

Ich rieb die Hände aneinander, um sie zu wärmen. Meine Zukunft kam mir kalt und einsam vor. Meine Schlaflosigkeit würde von allen anderen einfach als Wahnsinn abgestempelt werden.

Es klingelte, und ich bohrte den Finger in den Aus-Schalter meines Computers. Dann schnappte ich mir meine Jacke. Ich musste auf andere Gedanken kommen. Ich konnte sowieso nichts an meiner Lage ändern, zumindest nicht im Moment. Finn war der perfekte Mensch, um mich zu entspannen. Alles an ihm schrie geradezu: Relax!

»Ich geh mit Finn ins Kino«, rief ich den Korridor hinab. »Bis später!«

»Okay. Sei bitte vorsichtig … und vernünftig.« Selbst durch ihre Schlafzimmertür haftete Moms Stimme ein Hauch Enttäuschung an.

Ich stürzte aus dem Haus. Sobald ich Finns Gesicht sah, schoss mir der erste Traum, den ich je von ihm gesehen hatte, durch den Kopf. Unvergesslich, definitiv – ich meine, er war zwölf Jahre alt, steckte in einem Spiderman-Kostüm und kämpfte gegen einen riesigen Brokkoli. Finns Träume waren immer … unglaublich.

Selbst seine realistischsten Träume waren nie das, was man als »normal« bezeichnen würde. Das war der Hauptgrund, warum ich seine lieber sah als die irgendeines anderen Menschen. Vermutlich kamen Finns Träume dem Look, den meine eigenen wohl hätten, am nächsten.

Als wir dreizehn waren, hatte ich ihm erzählt, dass ich die Träume anderer sehen konnte. Natürlich nahm er an, ich würde ihn auf den Arm nehmen, und statt ihn mit aller Macht zu überzeugen, habe ich die Sache einfach im Sand verlaufen lassen. Wahrscheinlich wäre er ansonsten völlig ausgeflippt.

Finn lehnte am schmiedeeisernen Geländer unserer Verandatreppe. Als ich auf ihn zuging, stieg mir der Hauch seines Deodorants in die Nase. Er roch nach altem Mann. Auf seinem T-Shirt stand: Ich würde trainieren, aber ich mag dieses T-Shirt mit einem auffallend muskulösen Stichmännchen darunter. Das war Finn. Sein gesamter Kleiderschrank bestand aus solchen T-Shirts.

»Schön, dass du mir mein Auto zurückbringst.« Ich setzte ein breites Lächeln auf und angelte mir die Schlüssel.

»Ist es etwa meine Schuld, dass mir meine Eltern einen Schrotthaufen gekauft haben, der seit letztem Frühling nur eine Woche außerhalb der Werkstatt verbracht hat?« Finn verzog das Gesicht zu einem Grinsen, und die unzähligen Sommersprossen auf seiner Nase hoben sich im verblassenden Licht wie blinkende Tupfer ab.

»Nun, auf jeden Fall nicht meine.«

Finn griff sich auf Höhe seines Herzens an sein T-Shirt. »Loyalität, mein Freund. Loyalität!«

Die Sonne lugte durch die dunklen Wolken, die den Himmel bedeckten, und auf dem Weg zum Auto streckte ich die Hände aus und sog die nachlassende Wärme in mich ein. Die Blätter waren unentschlossen – die eine Hälfte lag schon am Boden, die andere hing noch an den Bäumen. Ich schüttelte das Gefühl ab, dass sie mich ein wenig zu sehr an mich selbst erinnerten, und stapfte durch ein paar vertrocknete Blätter auf dem Rasen vor unserem Haus. Ich liebte das knirschende Geräusch unter meinen Füßen.

»Erst mal ins Kino, oder?«

Finn hüpfte die letzten paar Stufen herunter und beeilte sich, mich einzuholen. »Erst mal? Kommt dann etwa noch was?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich brauche neue Fußballschuhe. Will sie einlaufen, bevor die Saison anfängt.«

»Solange wir diesen traumhaft schlechten Kung-Fu-Film anschauen, ist es mir egal, was wir sonst noch tun. Und wer weiß, vielleicht wird deine Beinarbeit mit neuen Schuhen ja besser. Ich habe es satt, all die Torschüsse abzuwehren, wenn die anderen Mannschaften dir den Ball unter der Nase wegschnappen.« Er zuckte mit den Achseln und stieg auf der Beifahrerseite ein.

»Wenn du mehr Torschüsse abwehren würdest, müsste ich uns nicht immer wieder aus dem Schlamassel rausholen.«

Finn drehte das Radio laut und tat so, als hätte er mich nicht gehört.

3

Das Sporting good roch wie ein riesiger Gummiball, der in einen Reiniger mit Kiefernholzaroma getunkt war. Das Sportgeschäft war so gut wie leer, und ich bemerkte Jeff Sparks sofort, der in einer Sports Illustrated bei den Kassen auf der anderen Seite blätterte. Er war unser Schülersprecher. Alle verstanden sich prima mit ihm, und er kam ebenfalls so gut wie mit jedem aus. Er war definitiv ein Alphatier und schon seit der Junior High Kapitän des Fußballteams. Irgendwann in diesem Jahr hatte mich das Team zum zweiten Mannschaftskapitän gewählt, und mich hatte das Gefühl beschlichen, Jeff wäre nicht sonderlich begeistert, sich das Rampenlicht mit mir zu teilen. Insgesamt hatte er sich aber immer cool verhalten.

»Alles klar?«, fragte ich.

Jeff blickte auf und lächelte mich an. »Hey, Mann. Nee, mein Team ist dieses Jahr grottenschlecht.«

»Die Broncos sind jedes Jahr grottenschlecht.«

Er lachte, steckte die Zeitschrift zurück in den Ständer und legte ein neues Paar Schienbeinschoner an die Kasse. »Und die Packers sollen besser sein?«

Ich zuckte mit den Schultern und ging zu Jeffs Kasse. Meine Schlange bewegte sich sowieso nicht vorwärts, und ich mochte es nicht, über das Mädchen hinwegzubrüllen, das ihn abkassierte. »Immer.«

»Hab dich nie für einen Lügner gehalten.«

»Dann hast du wohl nie sonderlich gut aufgepasst.«

Jeff bezahlte und nahm seine Schienbeinschoner. Er marschierte rückwärts zur Tür und zeigte mit einem Finger auf mich. »Treffen der Fußballmannschaft morgen nach der Schülerversammlung. Nicht vergessen.«

»Bin dabei«, rief ich, als er den Laden verließ.

Jeff und ich hatten früher die ganze Zeit zusammen abgehangen, aber er war ein Jahr älter, und als er auf die Highschool kam und ich nicht, hatte sich alles verändert. Manchmal vermisste ich die alten Zeiten, aber ich war zu abgelenkt und zu müde, um mir in den letzten paar Jahren die Mühe zu machen, unsere Freundschaft wiederaufleben zu lassen, und jetzt war ich mir nicht mehr sicher, wie ich es anstellen sollte. Seit mindestens zwei Jahren habe ich mir seine Träume nicht mehr angesehen, aber er hat häufig davon geträumt, Zeit mit seiner Mom zu verbringen. Das schien ihn irgendwie glücklich zu machen. Es ist schwer, unseren besten Stürmer, nicht zu vergessen meinen Ko-Kapitän, nicht mit anderen Augen zu sehen, wenn man weiß, dass er ein waschechtes Muttersöhnchen ist.

Nachdem ich meine Stollenschuhe gekauft hatte, warf ich einen Blick auf die Uhr über der Tür und ging hinaus in die klamme Abendluft. Es war erst kurz nach sechs. Ich wollte Jeffs Träume nicht zwingend meiden, war aber froh, dass Finn draußen auf mich wartete. In seinen Träumen fühlte ich mich wohl. Außerdem waren selbst seine Albträume zu abgefahren, um sie als Angst einflößend zu bezeichnen.

Er saß auf einer Bank und telefonierte. Die Luft um uns war dunstig und feucht, aber es hatte noch nicht zu regnen begonnen.

»Ja, wir mussten nach dem Film ins Einkaufszentrum«, sagte er. Ich erkannte die gedämpfte Stimme seiner Mom, die aus dem Hörer drang. Er zuckte mit den Schultern und sagte: »Na schön, ich frag ihn.« Er hielt sich das Handy vom Ohr weg. »Können wir Addie auf dem Weg nach Hause vom Schwimmbad abholen?«

Ich ignorierte sein Kopfschütteln und lachte. »Sicher, kein Problem.«

Er funkelte mich böse an und verabschiedete sich. Ich war nicht derjenige, der Mrs. Patrick einen Wunsch ausschlagen würde. Außerdem war Finns fünfzehnjährige Schwester Addie das coolste Mädchen, das ich kannte – auch wenn ich das in Finns Beisein niemals zugegeben hätte.

Seit dem Ende der Junior High hatte ich einen großen Bogen um die meisten Träumerinnen gemacht, da Mädchen damals anfingen, komisch zu werden. Addie war das einzige Mädchen, dessen Träume meine Neugier weckten, aber ich hatte mir noch nie einen angesehen. Aus irgendeinem Grund kam es mir bei ihr wie die Verletzung ihrer Privatsphäre vor, und es war auch nicht sonderlich hilfreich, dass sie während des letzten Sommers quasi über Nacht ziemlich heiß geworden war. Und jetzt, als Zehntklässlerin, ging sie sogar auf unsere Schule. Zu schade, dass Schwestern von Freunden tabu waren. Doch im Grunde spielte das sowieso keine Rolle – Mädchen waren zu viel Arbeit. Es lohnte sich nicht, die wenige Zeit, die mir noch blieb, auf sie zu verschwenden.

»Na gut, dann holen wir Addie eben ab.« Finn seufzte übertrieben laut und sprang auf. Als wäre das nicht schon längst beschlossene Sache. »Aber ich will auf dem Weg nach Hause an einer Tanke halten, um mir was zu trinken zu kaufen.«

»Okay.« Ich zuckte mit den Achseln und entschied, das Thema zu wechseln. »Wusstest du von dem Fußballtreffen morgen nach der Schülerversammlung?«

Finn nickte und steckte das Handy zurück in die Tasche. »Ja. Ist es dieses Jahr nicht etwas früh für ein Training? Der Frühling ist noch weit weg.«

»Ja, wir sind früh dran. Ich denke, wir sollten noch ein paar Wochen warten, zumindest bis nach Halloween, aber es hat keinen Sinn, sich deshalb mit Jeff zu streiten.«

»Ich verstehe nicht die Hälfte von dem Zeug, das Jeff tut, aber es scheint gut zu funktionieren.«

»Hmhm.« Ich ging zu meiner Seite des Wagens und fluchte leise, als meine Hände so heftig zitterten, dass ich die Schlüssel zweimal fallen ließ, bevor ich die Fahrertür öffnen konnte. Der Himmel grollte, während der Regen einsetzte. Tollpatschig, im Sterben liegend und klatschnass. Na toll!

»Nur mit der Ruhe«, murmelte Finn, zog sich seine Jacke fester um den Körper und spähte zum Himmel.

»Ich wäre untröstlich, wenn du nass wirst, Prinzessin«, witzelte ich, während ich eine bebende Hand über die Mittelkonsole hob, um Finn die Beifahrertür zu öffnen. Das Zittern wurde am Ende des Tages schlimmer. Die Art, wie meine koordinativen Fähigkeiten nachließen, trieb mich in den Wahnsinn. In Biologie hatten sie uns vom Muskelgedächtnis erzählt – dem Unterschied zwischen Bewegungen, die unsere Muskeln instinktiv ausführten, und den Bewegungen, über die man nachdenken musste. Ich fragte mich, ob das dazugehörte. Mein Gehirn versagte schneller als mein Körper.

»Gut, dass du Fußball statt Football gewählt hast«, lachte er. »Mit den Füßen bist du viel schneller als mit deinen Händen.«

Es goss in Strömen, bevor ich überhaupt einen Gang einlegen konnte.

Typisch Oakville. Innerhalb weniger Sekunden gingen gewaltige Regenmassen nieder und ließen mein Auto sonderbar quietschen. Als wären die Wolken mit irgendeiner Schaltuhr verbunden, und jedes Mal, wenn sie klingelte, explodierte der Himmel.