In den Fängen der Schuld - Julia Neumann - E-Book

In den Fängen der Schuld E-Book

Julia Neumann

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Beschreibung

Ein spannender politischer Kriminalroman rund um Kommissar Marius Morelli, der mitten in Köln zwischen die Fronten des Nahostkonflikts gerät  Kriminalkommissar Marius Morelli wird zu einem brutalen Überfall gerufen: Hooligans haben einen knapp achtzigjährigen Israeli krankenhausreif geschlagen. Ein Fall mit antisemitischem Hintergrund ist das letzte, was Morelli sich wünscht. Er wohnt erst seit kurzem in Köln und genießt das Großstadtleben in vollen Zügen. Aber als er den Enkel des Opfers verständigen will, begreift er sofort, dass es mit dem Feiern erst einmal vorbei ist - der junge Mann liegt erschlagen auf der Schwelle seines Hauses. Die Presse stürzt sich auf den Fall, erst recht, als herauskommt, dass der ermordete Israeli Kontakt zu einer jungen palästinensischen Austauschstudentin hatte. Während sich die Journalisten jeden Tag mit neuen Mutmaßungen über das Mordmotiv überbieten, stößt Morelli nur auf Schweigen, bei dem Versuch mehr über diese beiden Menschen herauszufinden, die den Konflikten ihrer Heimat scheinbar nicht entkommen konnten… "Bis zuletzt packend entwirren sich […] die Fänge der Schuld"  Ulrike Weinert, 10.03.2020, Kölnische Rundschau.   "[Julia Neumann] hat den Nahostkonflikt auf eine persönliche und sehr berührende Ebene gebracht, verpackt in  einen politisch hochaktuellen Kriminalroman."   Erla Bartmann, 19.12.2019, Bayrischer Rundfunk  "Auf mehreren Zeitebenen schreibt [Julia Neumann] einen sehr spannenden, mitunter zutiefst tragischen und erschütternden Roman mit differenziert gezeichneten Charakteren."  Ulla Lessmann, 12. 2019, Verdi "Der Nahost-Konflikt entfaltet sich in all seiner Komplexität […] mitten in Köln. [Dabei] mahnen die Figuren stets, dass nichts so einfach ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag."  Rebecca Lessmann, 21.01.2020, Kölner Stadtanzeiger

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Inhalt

Cover & Impressum

1.

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1.

1946

Seine früheste Kindheitserinnerung waren die Hände eines fremden Mannes, der ihn fest in seinem Arm hielt, während das wackelige Beiboot durch die stürmische See auf Haifa zusteuerte. Ganz ruhig war es auf dem Boot, obwohl sich die vielen Menschen dicht auf den Holzplanken zusammendrängten. Wie aus dem Nichts brach eine hohe Welle im Dunkel der Nacht über sie herein. Eliah schluckte Wasser und hätte am liebsten geweint, so sehr überraschte ihn der salzige Geschmack. Er wollte zu seiner Mutter, aber sie war nicht mehr da. Er war allein. Der fremde Mann zog ihn fester an sich. Und zeigte auf ein Licht am Ufer. Einen Stern. Einen Davidstern aus Feuer. Er drückte Eliah einen Kuss auf die Stirn.

»Wir sind da.«

2.

März 2019 – Freitag

Das Letzte, was der alte Mann sah, bevor die Faust auf seiner Nase landete, war das Hakenkreuz auf dem Unterarm seines Angreifers. Dann prallte er auf die schmutzigen Fliesen der Herrentoilette neben einer abgerissenen Kondomwerbung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Er rang nach Luft und sog die stechende Mischung aus Urin und WC-Steinen in seine Lungen. Im nächsten Moment traten auch schon schwarze Springerstiefel gegen seinen Brustkasten. Er hörte das Knacken seiner Rippen, gleich darauf spürte er den stechenden Schmerz.

Von draußen klang das Grölen Dutzender rauer Kehlen in den kleinen Raum: »Immer vorwärts, Energie, wir wollen euch siegen sehen! Immer vorwärts, Energie, du wirst niemals untergehen.«

Dann wurde alles schwarz.

3.

Morelli saß an seinem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch in seinem PVC-grauen Büro und schloss die Akte »Sieglinde Reißner«, eine friedlich im Schlaf verstorbene Rentnerin. Die letzten Monate hatte er ausschließlich mit natürlichen Todesursachen zu tun gehabt. Als er vor ungefähr zehn Jahren seine Ausbildung bei der Polizei begonnen hatte, hatte er sich das noch ganz anders vorgestellt. Aber mittlerweile konnte er bestens mit dem langweiligen Alltag eines Kommissars im Morddezernat leben. Bei einem seiner letzten Fälle in Düsseldorf hatte ihm ein russischer Schläger die Nase gebrochen, und er wäre fast erschossen worden, wenn seine Kollegin ihn nicht gerettet hätte. So etwas brauchte er nicht jeden Tag. Nein, im Gegenteil: Seitdem er in Köln wohnte, zog er fast jeden Abend um die Häuser und war deswegen dankbar, tagsüber nur Akten hin und her schieben zu müssen. Noch fünf Minuten bis zum Feierabend. Er räumte die Akte weg. Noch vier Minuten. Sein Blick schweifte von der großen Uhr über der Tür zum Fenster hinaus auf den Himmel, der nach einem strahlend blauen Tag langsam dunkel wurde. Aus seinem Büro in der siebten Etage des neuen Polizeihochhauses in Köln-Kalk hatte er einen fantastisch weiten Blick. Nur leider nicht auf den Dom, sondern auf die andere Seite, das Industriegebiet, die Autobahn und die Bahngleise. Aber die Sicht würde vermutlich mit steigendem Dienstgrad besser werden.

»Ich hoffe, du hast keine anderen Pläne, du verbringst den Abend nämlich mit mir.«

Morelli fuhr herum. Er hatte seine Kollegin Ina Seidler gar nicht hereinkommen hören.

»Nein, das passt bestens!«, antwortete er, auch wenn das eigentlich nicht stimmte. Er hatte heute Abend Karten für die Live Music Hall, aber seine beiden Kumpels konnten bei Weitem nicht mit seiner attraktiven Kollegin mithalten.

»Wo wollen wir denn hin?«, fragte Morelli, bemüht, seine Überraschung zu verbergen. Ina war zwei Jahre älter als er und die sympathischste Kollegin, die er je gehabt hatte. Die schönste sowieso. Sie war definitiv der größte Pluspunkt an seiner neuen Stelle. Neben den Frikadellen in der Cafeteria vielleicht. Er hatte sich schon häufig vorgenommen, sie einmal zum Abendessen einzuladen, bis jetzt aber nicht den Mut dazu gefasst. Einen Korb zu riskieren, wenn man eventuell die nächsten dreißig Jahre zusammenarbeiten musste, wollte wohl überlegt sein. Deswegen wunderte es Morelli jetzt auch umso mehr, dass Ina so tat, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, den Feierabend miteinander zu verbringen.

»In die Altstadt«, antwortete Ina.

»In die Altstadt?« Den einzigen Vorteil, den die Kölner Altstadt in Morellis Augen besaß, war, dass sie Touristen und Umländer aus dem Rest der Stadt fernhielt. Es wunderte ihn, dass Ina mit ihm ausgerechnet dorthin wollte.

»Wollen wir nicht lieber ins belgische Viertel? Da hat ein neuer Inder aufgemacht«, fragte er betont cool. Er kannte den Laden zwar nur aus Erzählungen, aber er konnte Ina wohl kaum zu dem Thai-Imbiss oder in die Dönerbude mitnehmen, in denen er normalerweise zu Abend aß.

»Nur hat sich unser Opfer leider in der Altstadt zusammenschlagen lassen. Willst du fahren?« Sie warf ihm den Autoschlüssel zu und verließ das Zimmer, aber Morelli konnte auch von hinten ihr breites Grinsen erahnen.

 

Zehn Minuten später fuhren sie im Schritttempo mit Blaulicht in die Fußgängerzone der Kölner Altstadt. Mehr als zwanzig Stundenkilometer ließen die engen Gassen zwischen den kleinen bunten Häusern nicht zu. Eine Gruppe Cottbusfans drängte sich vor dem Kölsch! und begaffte Morelli und seine blonde Kollegin, als sie aus ihrem Wagen stiegen. Der ausklingende Winter meldete sich nach einem Tag erster Frühlingswärme mit voller Wucht zurück, und Morelli bereute es, dass er heute Morgen so voreilig zu seinem ungefütterten Parka gegriffen hatte, statt noch einmal die warme Winterjacke anzuziehen. Er guckte zu den Fußballfans, von denen auffällig viele einen kahlrasierten Schädel hatten. Super, Nazis – seine Lieblingsarschlöcher.

»Wusstest du das?«, fragte er Ina. Seit der HoGeSa[1]-Demonstration im Herbst 2014, bei der es zu Straßenschlachten zwischen Hooligans und der Polizei gekommen war, und den Ausschreitungen in der Silvesternacht 2015 versetzte alles, was mit Flüchtlingen oder Rechtsradikalen zu tun hatte, jeden Polizisten der Stadt in Alarmbereitschaft.

Ina schüttelte den Kopf. »Haben die Kollegen vergessen zu erwähnen«, erklärte sie angespannt und griff nach ihrem Handy. »Seidler hier. Schicken Sie mir noch drei Wagen Unterstützung.« Sie hörte einen Moment geduldig zu, dann unterbrach sie ihren Gesprächspartner. »Ja, mir ist durchaus bewusst, dass heute ein erhöhter Bedarf wegen des Drittligaspiels herrscht. Trotzdem. Wir brauchen sie dringender!«

Sie drängten sich durch die Fußballfans zum Eingang. »Verdacht auf Schädelfraktur, gebrochene Nase und mehrere gebrochene Rippen«, erklärte der Streifenpolizist, der sie zu Hilfe gerufen hatte, als sie endlich in der nach Bier und Männerschweiß stinkenden Kneipe standen.

Morelli schaute ihn überrascht an. »Kann mir mal einer erklären, warum wir überhaupt hier sind? Ich dachte, der Typ ist tot. Seit wann werden wir zu Fußballschlägereien gerufen?«, wollte er wissen.

Ina gab dem uniformierten Beamten ein Zeichen zu antworten.

»Hier«, er hielt Morelli seine Aufzeichnungen zu den Personalien des Opfers hin. »Eliah Silbermann. Geboren 01.10.1942. Wohnhaft in Jerusalem.«

Morelli begriff. »Sie meinen, er ist ein Jude?«

Der Kollege nickte.

»Davon müssen wir erst einmal ausgehen«, pflichtete Ina ihm bei.

Ein jüdisches Opfer und ein Täter aus der Hooliganszene.

»Das ist nicht gut …«, sagte Morelli.

[1]Hooligans gegen Salafisten

4.

Sie hatten die Kneipe abgesperrt, und jeder, der raus wollte, musste seine Personalien abgeben. Vor der Herrentoilette hatten die Kollegen Flatterband angebracht; die verbliebenen Cottbusser waren deshalb gezwungen, die Damentoilette zu benutzen, was ihre Stimmung nicht gerade verbesserte. Sie waren nach Köln gekommen, um ins Stadion zu gehen, und nicht um den Anpfiff des Spiels auf der Großleinwand einer dreckigen Kaschemme zu sehen. Aber es war klar, dass die meisten von ihnen es noch nicht einmal zur zweiten Halbzeit ins Stadion schaffen würden. Das eins zu null für Fortuna Köln kurz nach Anpfiff wurde mit einem lauten Murren und unflätigen Schimpfwörtern kommentiert. Morelli hoffte, dass Köln nicht gerade heute Abend ein Tor nach dem anderen schoss – sie waren viel zu wenige Polizisten. Wenn die Hooligans wirklich wollten, hatten seine Kollegen und er keine Chance, sie in der Kneipe zu halten. Sie würden von ihnen überrannt werden.

Er hatte von einem der Kellner den Tipp bekommen, dass sich zwei der besonders massigen Glatzköpfe den ganzen Nachmittag neben den Toiletten an einem Stehtisch aufgehalten hatten. Er winkte die Männer aus der Schlange, die sich vor dem Ausgang gebildet hatte. Sie protestierten, weil sie ihren Platz nicht aufgeben wollten, und blieben einfach stehen. Morelli wünschte sich, er hätte heute wenigstens einen Wollpulli statt des Kapuzenshirts angezogen. Er war nicht sonderlich groß und wurde meistens für einen Studenten gehalten. Legere Kleidung und die Tatsache, dass sein letzter Friseurbesuch schon einige Monate zurücklag, machten das nicht besser. Er versuchte, möglichst souverän zu den beiden Fußballfans hochzuschauen.

»Wenn Sie meine Fragen beantworten, sorge ich dafür, dass Sie danach direkt raus dürfen.«

Das zog. Bereitwillig traten die beiden aus der Schlange. Morelli nahm ihre Personalien auf und zückte dann sein Notizbuch. »Haben Sie gesehen, wer nach dem alten Herrn in die Toilette gegangen ist?«

Die beiden schauten sich an, und es schien, als würden sie einen unausgesprochenen Pakt schließen.

»Was soll der Scheiß? Wir wollen ins Stadion, Mann!«, erklärte der Kleinere, der Morelli immer noch um einen Kopf überragte.

»Dann beantworten Sie einfach meine Fragen.«

Aber daran schienen sie kein Interesse zu haben. »Hier stinkt es irgendwie nach Knoblauch.«

Ina, die in der Zwischenzeit die Personalien von drei Männern am Nebentisch aufnahm, schaute zu ihnen herüber. Die Lasagne seiner Mutter, deren Rest er heute in der Mittagspause gegessen hatte, erschien vor Morellis innerem Auge. Er widerstand dem Drang, seinen Atem zu kontrollieren. Aber als er das fleischige Grinsen des größeren Prolls sah, begriff er, dass er sich das sparen konnte.

»Der Kanake kapiert es nicht. Zieh ab.«

Morelli sah Inas fragenden Blick und spürte, wie das Adrenalin in ihm hochstieg. Und ein Gefühl der Wehrlosigkeit. Da half es auch nichts, dass er bei der Polizei war.

»Wir können unser Gespräch auch auf dem Revier fortsetzen, dann könnt ihr eure Eintrittskarten aber auch direkt in euer Poesiealbum kleben«, versuchte er so lässig wie möglich zu kontern.

Die beiden Glatzköpfe schauten auf ihn herunter.

»Da musst du aber erst mal deinen großen Bruder holen.«

»Und jetzt geh woanders spielen.«

Die beiden drängelten sich zurück in die Schlange. »Und für so was zahlen wir Steuergelder.«

Morelli schaute den zwei Glatzen nach. Abgetragene Jeans und Springerstiefel. Fehlende Zähne, schmutzige Kapuzenpullis. Unwahrscheinlich, dass ihre Steuergelder sein Gehalt finanzierten.

Ina trat zu ihm. »Brauchst du Hilfe?«

Zu Morellis Leidwesen hatten die zwei Hooligans anscheinend verdammt gute Ohren. Grinsend drehten sie sich zu ihm um. »Jetzt will sich der Itaker auch noch von Blondie helfen lassen«, grölte der Kleinere. Die umstehenden Cottbusser kriegten sich vor Lachen gar nicht mehr ein.

Morelli schaute zu Ina, schüttelte den Kopf und steckte seinen Notizblock weg. Die Skinheads lachten immer noch dreckig, als er an ihnen vorbei auf die Straße ging. Das Lachen verstummte allerdings schlagartig, als Morelli mit den beiden größten der uniformierten Kollegen zurückkam.

»Meine großen Brüder«, erklärte er. Dann gab er den Beamten ein Zeichen, die beiden Fußballfans mitzunehmen. »Ihr wolltet doch unbedingt raus.« Zufrieden lauschte er ihrem immer leiser werdenden Protest, als sie draußen in den Polizeibulli geschoben wurden. Er liebte seinen Job.

Ina lächelte ihn an. »Groß hat angerufen. Eliah Silbermann ist jetzt vernehmungsfähig. Ich kann das machen, wenn du mit deinen neuen Freunden aufs Revier willst.«

Morelli schüttelte zufrieden den Kopf. »Die haben Zeit.«

5.

Morelli lief über den Gang der Uniklinik, sein Handy fest gegen sein Ohr gedrückt. Offene Türen gaben den Blick auf graue Gesichter in gelbweißer Bettwäsche frei. Der Geruch von Desinfektionsmitteln und Krankheit beherrschte die abgestandene Luft.

»Das dauert hier heute etwas länger. Leg mir die Karte an der Abendkasse zurück. Wenn ich halbwegs durchkomme, dann bin ich kurz nach neun in der Life Music Hall«, erklärte er seinem Kumpel Kai. Mit schnellen Schritten ging er auf Zimmer 305 zu, in dem Eliah Silbermann lag. Er klopfte an, und ein schwaches »Ja« drang aus dem Raum. Vorsichtig öffnete er die Tür und blickte zum Bett.

Ein dicker Verband spannte sich quer über die Nase des alten Mannes, dunkle Blutergüsse hatten sich unter seinen Augen gebildet. Sein Körper zeichnete sich kaum unter der Decke ab, so schmächtig war er. Morelli konnte von der Tür aus hören, dass es ihm Schwierigkeiten bereitete zu atmen.

»Guten Abend, ich bin Kriminalkommissar Marius Morelli. Ich arbeite für die Kölner Kriminalpolizei. Fühlen Sie sich dazu in der Lage, mir ein paar Fragen zu dem Überfall zu beantworten?«

Der Mann schaute ihn müde an und nickte.

Morelli zog sich einen Besucherstuhl heran und setzte sich in das Blickfeld des Liegenden. »Können Sie sich daran erinnern, was passiert ist?«

Wieder nickte der Mann. Er hatte noch kein Wort gesagt. Vielleicht bereitete ihm das Sprechen Schmerzen, überlegte Morelli. Bei der Vorstellung, dass einer der feigen Schläger im Fußballtrikot den schmächtigen Alten so zugerichtet hatte, stieg heiße Wut in ihm auf.

»War es ein Angreifer oder mehrere?«, fragte er sanft. Er wusste, dass Opferbefragungen häufig sehr schmerzhaft für die Betroffenen waren, und wollte sein Gegenüber nicht mehr als nötig belasten.

»Einer«, hauchte der Alte rau.

Morelli machte sich eine Notiz. »Wie hat er ausgesehen?«

Der Mann atmete ein paarmal vorsichtig ein und aus, dann erklärte er unter großer Anstrengung: »Glatze.«

»Einer der Fußballhooligans?«

Silbermann nickte erneut. Seine Lider schienen schwer zu werden, aber Morelli konnte ihn noch nicht schlafen lassen.

»Ist Ihnen sonst irgendetwas aufgefallen? Größe, Augenfarbe, besondere Kennzeichen?«

Silbermann schüttelte den Kopf. Plötzlich stockte er. »Ein Hakenkreuz. Auf seinem Unterarm«, flüsterte er langsam.

Jetzt erst fiel Morelli ein kaum hörbarer Akzent in dem Deutsch des Mannes auf. Nein, es war kein Akzent, seine Sprachmelodie klang einfach nur ein wenig anders. Herber. Er seufzte. Es hatte keinen Sinn, drum herumzureden. »Glauben Sie, dass die Tat einen antisemitischen Hintergrund hat?«

Silbermann schaute ihn verwundert an. »Weil ich Jude bin?«, wieder kam die Antwort seltsam verzögert, als müsse er sich erst einmal überwinden zu reden.

Morelli nickte.

»Woher soll er das gewusst haben?«

Das war eine gute Frage. Morelli zuckte mit den Schultern. »Hat er irgendetwas zu Ihnen gesagt?«

Silbermann schüttelte den Kopf.

»Er hat einfach nur zugeschlagen?«

Silbermann nickte, legte eine Hand auf seine schmerzenden Rippen und schloss die Augen.

Morelli sah, dass er dringend Ruhe brauchte. »Das reicht vermutlich fürs Erste. Ich komme morgen wieder.« Er stand auf und steckte sein Notizbuch in seine Jackentasche. Dann zögerte er. »Kann ich noch etwas für Sie tun?« Vielleicht war es der gemeinsame Feind, aber Morelli fühlte sich dem Mann irgendwie verbunden.

Der Alte schüttelte seinen Kopf, ehe ihm doch noch etwas einfiel. Seine Augen öffneten sich wieder und richteten sich auf den Schrank. »Mein Tallit.«

Morelli folgte seinem Blick und öffnete die schmale Spindtür, hinter der die Kleider des alten Herrn lagen. Fragend schaute er zum Bett.

»Weißes Hemd, Gebetsfäden.«

Morelli zog ein ärmelloses Kleidungsstück hervor, das aus einem länglichen Stück beigefarbenen Baumwollstoffs bestand; es wies eine Öffnung für den Kopf und geknotete Fäden an den vier Ecken auf. Scheinbar hatte Silbermann es wie ein Unterhemd unter seinem Anzug getragen.

 

»Sind Sie sicher?«, fragte Morelli und zeigte ihm die Blutflecke, die die Vorderseite des Kleidungsstücks rotbraun gefärbt hatten.

Aber die schienen ihn nicht abzuschrecken. »Würden Sie mir helfen?«

Vorsichtig zog Morelli den Tallit über Silbermanns Krankenhauskittel, bemüht, nicht gegen seine Rippen zu stoßen. Sein Geruch erinnerte ihn an seinen Großvater, irgendwie holzig, und es war ihm unangenehm, in die Privatsphäre des alten Mannes einzudringen. Es war unprofessionell, einem Opfer so nahe zu kommen, das wusste er. Aber der Mann brauchte Hilfe, und er war nun einmal hier. Erleichtert trat er einen Schritt zurück, als er seine Aufgabe erledigt hatte.

»Danke.« Silbermann sank kraftlos in sein Kissen.

Wieder schoss Morelli das Bild eines Hooligans durch den Kopf, der auf sein wehrloses Opfer eintrat. Was ging bloß in diesen Männern vor? Woher kam all der Hass, der sie dazu brachte, einen so viel Schwächeren krankenhausreif oder sogar totzuschlagen?

»Was haben Sie überhaupt in der Kneipe gemacht?«, fiel es ihm ein. Nach allem, was er gesehen hatte, war der Alte schließlich völlig fehl am Platz im Kölsch! gewesen. Silbermanns Blick wirkte desorientiert. Er dachte lange über die Frage nach. »Toilette«, antwortete er schließlich. Dann schloss er die Augen.

»Jetzt erholen Sie sich erst mal. Hier sind Sie sicher«, erklärte Morelli. Er wusste nicht, ob der Mann ihn überhaupt noch gehört hatte. Reglos und bleich lag er in seinem Bett. Es fiel ihm schwer, ihn allein zu lassen, aber seine Arbeit hier war getan. Vorsichtig legte er dem Verletzten den Notrufknopf mit dem Krankenschwesternsymbol darauf neben die Hand, bevor er das Zimmer verließ und leise die Tür hinter sich schloss.

 

Morelli ging in Gedanken zu seinem Dienstwagen, den er in einer der hübschen Seitenstraßen der Uniklinik abgestellt hatte. Lindenthal war eins der wenigen Viertel Kölns, dessen Altbauten den Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen unbeschadet überstanden hatten. Die Pflanzen in den Vorgärten machten einen gepflegten Eindruck, ebenso wie die massigen SUVs, die in den Einfahrten standen. Hinter den Fenstern brannten warm die Lichter, Familien saßen beim Abendessen. Der Anblick brachte Morelli auf eine Idee.

Er griff zu seinem Handy. »Könnt ihr nachprüfen, ob der Mann irgendwelche Angehörigen hat? … Ich weiß, dass das nicht zu meinen Aufgaben gehört, aber ich kann ihn nicht einfach in diesem Zustand alleine da liegen lassen.« Er ärgerte sich, dass er Silbermann nicht gleich selbst gefragt hatte, ob er jemanden verständigen sollte.

Er stieg in den silbernen VW Passat der Kripo Köln. Da surrte sein Handy. »Ina«, verkündete das Display.

»Wir sind durch. Ich hab auch deine Freunde befragt. Waren keine große Hilfe. Aber stocksauer, dass sie das Spiel verpasst haben.«

»Hatte einer von ihnen zufällig ein Hakenkreuz auf dem Unterarm?«

»Nein.«

Schade, das wäre auch zu schön gewesen. Aber vermutlich hatte der Täter die Kneipe schon längst verlassen, bevor die Polizei eingetroffen war.

»Danke Ina, du hast was gut bei mir.« Sie war definitiv seine Lieblingskollegin. Halb neun. Er drückte aufs Gas und nahm einige Ampeln bei Dunkelgelb. Die Straßen waren leer, der Feierabendverkehr vorbei, in Rekordzeit hatte er es zurück nach Köln-Kalk geschafft. Er bog gerade auf den Parkplatz des Präsidiums ein, als der Rückruf aus der Zentrale kam. Eliah Silbermann hatte einen Enkel, Oz Silbermann, Mitte zwanzig, der unter derselben Adresse wie sein Großvater in Köln-Lindenthal gemeldet war. Keine fünfhundert Meter von der Uniklinik entfernt. Verdammt, da kam er gerade her. Morelli ließ sich die Telefonnummern geben. Doch der Enkel ging weder auf dem Festnetz noch auf seinem Handy dran. Er schaute auf seine Uhr. Lindenthal lag nicht direkt auf seinem Weg, war aber auch kein großer Umweg. Er würde es noch rechtzeitig zur Hauptband schaffen, wenn er Oz Silbermann kurz Bescheid sagte. Sollte in seinem Haus Licht brennen, würde er klingeln, entschied er, als er sein Schloss loskettete und auf sein Fahrrad stieg.

6.

Das Licht brannte tatsächlich. Fünf Minuten, dachte sich Morelli. Ein Lied weniger. Das war ihm die Vorstellung, dass Eliah Silbermann heute Nacht nicht allein in seinem Krankenzimmer liegen musste, sondern jemand Vertrautes seine Hand hielt, definitiv wert. Er stellte sein Rad vor dem schmiedeeisernen Zaun des Vorgartens ab und betrachtete die hübsche stuckverzierte Stadtvilla aus der Gründerzeit. Hier hatte sich in den letzten hundert Jahren wenig verändert. Knorrige Bäume auf den Bürgersteigen überragten die kleine Einbahnstraße, deren Pflastersteine noch nicht durch Asphalt ersetzt worden waren. Eine natürliche Verkehrsberuhigung, die dafür sorgte, dass hier niemand entlangfuhr, der das nicht unbedingt musste. Morelli konnte die blätterlosen Bäume des Stadtwalds am Ende der Straße im Schein einer Laterne erkennen. Lindenthal war eine der besten Wohnlagen Kölns.

Eine Messingtafel neben dem Gartentor verkündete schlicht: Silbermann-Stiftung. Morelli ging durch den akkurat bepflanzten Vorgarten und stieg die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. Ein Klingelschild verriet, dass die Stiftung das gesamte Erdgeschoss des Gebäudes einnahm. Rein routinemäßig registrierte er die aufwendige Alarmanlage, die Türen und Fenster des Hauses sicherte. Er klingelte. Aber er hörte weder Schritte, noch konnte er eine Bewegung hinter den erleuchteten Erkerfenstern wahrnehmen. Er klingelte erneut. Nichts. Morelli seufzte. Einen Versuch war es wert gewesen. Er schrieb »Bitte rufen Sie mich an« auf eine Visitenkarte und wollte sie durch den Briefkastenschlitz in der Tür werfen. Da bemerkte er, dass die Tür gar nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war. Seltsam. Wer bestückte sein Haus mit solch einer teuren Alarmanlage und ließ dann die Haustür offen stehen? Vorsichtig drückte er sie auf.

»Hallo?«, rief er in das dunkle Treppenhaus. Eine geschwungene Holztreppe führte hinauf in die erste Etage. Unter der Treppe befand sich der Eingang des Stiftungsbüros. Die Bürotür war geöffnet, ein schwacher Lichtstrahl fiel durch den Rahmen. Da war etwas. Auf der Türschwelle. Morelli brauchte einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. War das eine Hand? Er machte ein paar Schritte in den Eingangsbereich hinein und tatsächlich, da lag ein regloser Körper. Ein junger Mann, ungefähr in seinem Alter. Das musste Oz Silbermann sein. Er hatte durch eine klaffende Kopfwunde viel Blut verloren. Sein dunkles Haar glänzte feucht im schwachen Licht. Morelli eilte zu ihm und ging in die Hocke, um seinen Puls zu ertasten. Er spürte sofort, dass er zu spät gekommen war. Die Haut fühlte sich bereits kalt an. Morellis eigener Puls dagegen raste. An Tote war er gewöhnt, aber so unerwartet über das Opfer eines Mordes zu stolpern war etwas anderes, als zu einem Tatort gerufen zu werden, an dem es bereits vor Streifenpolizisten wimmelte. Im nächsten Moment hörte ein Geräusch hinter sich und schoss hoch. Der Umriss einer dunklen Gestalt zeichnete sich in der Haustür ab.

»Kriminalkommissar Morelli, Kripo Köln. Meine Kollegen sind unterwegs«, log er mit fester Stimme.

Die Gestalt im Eingang hob die Hand. War sein Gegenüber bewaffnet? Wenn er mit einem Hechtsprung über die Leiche in das Büro der Stiftung sprang, wäre er außerhalb der Schusslinie. Das würde ihm wertvolle Sekunden verschaffen, überlegte er. Zu spät. Die Gestalt hob die Hand noch ein Stück höher – und drückte den Lichtschalter. Die Deckenbeleuchtung flammte auf, und Morelli erkannte, dass es sich bei seinem Gegenüber um einen alten Mann mit dichten grauen Haaren und breiten, ebenfalls grauen Augenbrauen handelte, der ihn fragend anblickte. Erleichtert atmete er auf.

»Ich bin ein Nachbar. Vor ein paar Wochen haben Vandalen das Haus hier beschmiert. Seitdem passen wir ein wenig auf …« Er verstummte. Sein Blick war auf den Boden zu Morellis Füßen geglitten. Erschrocken hielt er sich die Hand vor den Mund. Erst jetzt, im hellen Licht des Treppenhauses, erkannte Morelli, dass er mitten in einer Blutlache stand, die sich um die Leiche herum ausgebreitet hatte.

7.

Morelli stand vor dem Krankenzimmer und atmete tief durch.

Es war das erste Mal, dass er jemandem die Nachricht über den gewaltsamen Tod eines nahen Verwandten überbringen musste. Er fühlte sich elendig. Vorsichtig klopfte er an.

»Sie?«, fragte Eliah Silbermann überrascht, als Morelli in sein Zimmer kam.

Er trat an sein Bett. »Es geht um Ihren Enkel, Oz Silbermann.«

»Was ist mit ihm?«, fragte Silbermann, seine Stimme ein ängstliches Flüstern. Es war kurz vor zwölf, lange nach der Zeit für Anstandsbesuche der Polizei.

Morelli schluckte, suchte nach den richtigen Worten und wünschte, jemand anderes würde diese Aufgabe für ihn übernehmen. Er holte noch einmal tief Luft. »Herr Silbermann. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Enkel, Oz Silbermann, heute Abend verstorben ist.«

Silbermann stieß einen unkontrollierten Laut aus und stöhnte sofort qualvoll auf. Seine freie Hand glitt zu seinen gebrochenen Rippen, offensichtlich verursachte sein Schluchzen einen heftigen Schmerz in seinem Brustkorb. Vergeblich versuchte er, das Weinen zu unterdrücken. Morelli konnte das Leid des Mannes fast körperlich spüren. Er griff nach der Hand des Alten. Sie war knochig und braun gefleckt. »Ruhig. Ganz ruhig«, flüsterte er. Es war unerträglich für ihn, den Mann in seinem Kummer zu sehen und nichts dagegen tun zu können. Er schloss die Augen und zwang sich, tief und ruhig zu atmen. Gerade überlegte er, ob er eine Krankenschwester rufen und nach einem Beruhigungsmittel fragen sollte, als die Schluchzer langsam abebbten.

»Was ist passiert?«, fragte Silbermann mit brüchiger Stimme, den Blick auf die Zimmerdecke gerichtet.

»Er wurde erschlagen … in seinem Büro.« Morelli schaute zu Boden. »Er hat nicht gelitten. Vielleicht hat er gar nichts mitbekommen«, erklärte er und ignorierte dabei die Tatsache, dass sie eine zehn Meter lange Blutspur vom Schreibtisch des Enkels über den gesamten Flur bis hin zur Eingangstür der Stiftung gefunden hatten.

Silbermann schloss die Augen. Tränen quollen unter seinen Lidern hervor. Eine Weile saßen beide stumm da. Hand in Hand. Silbermann schlug die Augen auf und drehte sich zu dem Kommissar. »Er war meine ganze Familie.«

Morelli hielt dem Blick der geröteten Augen stand. Er spürte, wie ihm sein Mitgefühl die Kehle zuschnürte. Er hätte dem Mann so gerne geholfen, aber er fühlte sich vollkommen machtlos angesichts des Schmerzes, den dieser fühlen musste. »Es tut mir so schrecklich leid, Herr Silbermann.«

 

Noch in derselben Nacht wurde die Mordkommission »Silbermann« gegründet. Es war weit nach Mitternacht, als sich die Kommissare nach der ersten Tatortbegehung im Präsidium einfanden. Die meisten Etagen des modernen Polizeihochhauses lagen im Dunkeln, nur der Flur des ersten Kommissariats und der Konferenzraum in der neunten Etage waren beleuchtet. Außer Morelli und Ina gehörten noch Torben Stein, Morellis einziger offen schwuler Kollege, und Christine Krüger zum Team. Christine Krüger war das genaue Gegenteil von Torben Stein. Während er sich stets modisch und körperbetont kleidete, wirkte sie klein und farblos und trug einen ständig herauswachsenden Kurzhaarschnitt, selbst wenn sie gerade vom Friseur kam. Mit Automatenkaffee bewaffnet, hatten die Mitglieder der Mordkommission an dem großen Konferenztisch Platz genommen; die breite Fensterfront gab eine grandiose Sicht auf die Lichter des nächtlichen Kölns frei. Aber niemand hatte jetzt einen Blick für den Dom übrig. Mit einer Mischung aus Adrenalin und Müdigkeit kämpften sie sich durch die wenigen Fakten, die sie bis jetzt hatten. Kriminalhauptkommissar Groß hatte sich als Einziger gar nicht erst hingesetzt, sondern lief neben dem Besprechungstisch auf und ab.

»Das ist dünn, das ist verdammt dünn«, urteilte er, nachdem seine Mitarbeiter ihre Erkenntnisse vorgetragen hatten. »Stein, du verständigst noch heute Nacht den Verfassungsschutz; ich will, dass sie immer über alles informiert sind, was wir herausfinden. Wenn der Täter aus der rechtsextremen Szene kommt, können die uns vielleicht weiterhelfen.«

Dann sah er seine vier Kommissare einen nach dem anderen eindringlich an. »Wir müssen Stillschweigen über die Ermittlungen bewahren. Zu niemandem ein Wort. Auch nicht zu euren Haustieren. Ein jüdisches Opfer und ein potenzieller Täter aus dem Neonazimilieu – damit sitzen wir hier auf einem Pulverfass. Das braucht nicht viel, um in die Luft zu gehen.«

Aber den Hinweis hätte er sich sparen können. Das war ihnen auch so schon klar gewesen.

»Sagt euren Partnern, sofern ihr noch welche habt, dass sie das Wochenende ohne euch auskommen müssen. Das hier hat absolute Priorität.« Mit diesen Worten entließ er seine Mitarbeiter.

Müde schaute Morelli auf sein Handy. 01.40 Uhr. Er sah, dass er drei Anrufe von seinen Freunden verpasst hatte. Das Konzert, das hatte er völlig vergessen.

8.

Samstag

Nach vier Stunden Schlaf hatte sich Morelli aus dem Bett gequält. Er stand vor der Villa der Stiftung und wartete auf Jael Breuer, die Sekretärin von Oz Silbermann. Im Halbschlaf hatte er am Morgen wieder zu seinem Parka gegriffen; er fror erbärmlich. Er wusste nicht, ob es an seinem Schlafmangel lag oder ob die Temperatur an diesem Morgen wirklich so niedrig war. Aber irgendwie schien die Sonne trotz des strahlend blauen Himmels heute überhaupt keine Wärme zu produzieren. Als er eine zerbrechliche, grau gelockte Dame aus einem Taxi steigen sah, die ihren dicken Wollmantel gegen die Kälte eng um sich schlang, wusste Morelli sofort, dass es sich um Frau Breuer handeln musste. Sie zitterte am ganzen Körper, aber auch bei ihr schien die Kälte nicht von außen zu kommen.

»Ich kann das nicht glauben. Das kann einfach nicht wahr sein«, wiederholte sie immer wieder. Ihre Augen glänzten abwesend, und Morelli vermutete, dass sie etwas zur Beruhigung genommen hatte. »Frau Breuer, Sie würden uns sehr helfen, wenn Sie uns durch die Räumlichkeiten der Stiftung führen und nachsehen könnten, ob etwas fehlt.«