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"Ein Meisterwerk des Thrillers und der Spannung." —Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (über Once Gone) ⭐⭐⭐⭐⭐ Während ein Mörder seine Opfer wie Rinder brandmarkt, könnte Sheriff Jenna Graves' übernatürliche Verbindung zu den Toten der einzige Weg sein, den Fall zu lösen. Jenna muss ihre verstörenden Träume entschlüsseln, bevor die gesamte Viehzüchter-Gemeinde zur Freiwild für das Schlachten wird. Dies ist der vierte Band einer lang erwarteten neuen Serie von Blake Pierce, dem #1-Bestseller- und USA-Today-Bestsellerautor, dessen Bestseller über 7.000 Fünf-Sterne-Bewertungen und Rezensionen erhalten haben. Die Serie bietet ein atemberaubendes Erlebnis für alle Liebhaber von Spannung und Mystery. Begleiten Sie die komplexe Reise einer brillanten, aber innerlich zerrissenen Protagonistin, die sich durch intensive Ermittlungen mit unerwarteten Wendungen, schockierenden Enthüllungen und unaufhörlicher Spannung kämpft. Die rasante Erzählweise und packenden Actionszenen werden Sie bis zur letzten Seite fesseln. Fans von Kendra Elliot, Rachel Caine und Teresa Driscoll werden diese Serie lieben. Zukünftige Bände der Serie sind jetzt erhältlich! "Ein Thriller, der einen an den Rand des Sitzes fesselt – eine neue Serie, bei der man die Seiten nicht mehr umblättern kann! ...So viele Wendungen, Überraschungen und falsche Fährten… Ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, wie es weitergeht." —Leserrezension (Her Last Wish) ⭐⭐⭐⭐⭐ "Eine starke, komplexe Geschichte über zwei FBI-Agenten, die versuchen, einen Serienmörder zu stoppen. Wenn Sie einen Autor suchen, der Ihre Aufmerksamkeit fesselt und Sie zum Miträtseln bringt, während Sie versuchen, die Puzzleteile zusammenzusetzen, dann ist Pierce Ihr Autor!" —Leserrezension (Her Last Wish) ⭐⭐⭐⭐⭐ "Ein typischer Blake Pierce – ein spannender, wendungsreicher Thriller wie eine Achterbahnfahrt. Sie werden die Seiten bis zum letzten Satz des letzten Kapitels umblättern!!!" —Leserrezension (City of Prey) ⭐⭐⭐⭐⭐ "Schon zu Beginn begegnen wir einer ungewöhnlichen Protagonistin, wie ich sie in diesem Genre noch nie gesehen habe. Die Action ist nonstop… Ein sehr atmosphärischer Roman, der Sie bis in die frühen Morgenstunden weiterlesen lässt." —Leserrezension (City of Prey) ⭐⭐⭐⭐⭐ "Alles, was ich mir von einem Buch wünsche… eine großartige Handlung, interessante Charaktere und es fesselt einen sofort. Das Buch nimmt von Anfang an Fahrt auf und bleibt bis zum Ende rasant. Jetzt geht es für mich direkt zu Band zwei!" —Leserrezension (Girl, Alone) ⭐⭐⭐⭐⭐ "Spannend, atemberaubend, ein Buch, das einen an den Rand des Sitzes bringt… ein absolutes Muss für alle Fans von Mystery und Spannung!" —Leserrezension (Girl, Alone) ⭐⭐⭐⭐⭐
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2025
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IN IHREM SCHATTEN (EIN JENNA-GRAVES-THRILLER – BAND 4)
EIN JENNA-GRAVES-THRILLER
BLAKE PIERCE
Prolog
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Kapitel Siebzehn
Kapitel Achtzehn
Kapitel Neunzehn
Kapitel Zwanzig
Kapitel Einundzwanzig
Kapitel Zweiundzwanzig
Kapitel Dreiundzwanzig
Kapitel Vierundzwanzig
Kapitel Fünfundzwanzig
Clyde Simmons blinzelte in die Dunkelheit. Seine Lider waren schwer, als müssten sie gegen die Schwerkraft ankämpfen, um offen zu bleiben. Dumpfer Schmerz pochte in seinen Schläfen. Die Erde unter ihm war kühl und auf seltsame Weise tröstlich.
Mit Mühe drehte er den Kopf und verzog das Gesicht, als ein stechender Schmerz durch seinen Schädel schoss. Warum lag er hier auf einer Viehweide? Panik flackerte in Clydes Brust auf. Seine Zunge fuhr über die Lippen, schmeckte den Rest Whiskey, der sich hartnäckig an seinen Gaumen klammerte, der Geschmack von Angst durchzogen. Er konnte sich nicht erinnern, wie viele Drinks er im Centaur’s Den gehabt hatte oder wie diese ihn an diesen stillen Ort unter einem mondlosen Himmel geführt hatten. Doch der Schmerz am Hinterkopf ließ auf einen heftigen Schlag schließen, der ihn bewusstlos gemacht hatte.
Aber wer hatte diesen Schlag geführt, wie und wann genau?
Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte Clyde, sich aufzurichten, doch seine Hand rutschte auf dem taufeuchten Gras ab. Seine Glieder protestierten, schwach und unzuverlässig, als gehörten sie jemand anderem. Es gelang ihm, sich auf die Ellbogen zu stützen und in die Dunkelheit zu blinzeln. Nichts kam ihm bekannt vor – weder die gezackten Umrisse der fernen Bäume noch die sanften Hügel, die sich vor ihm ausbreiteten.
„Wo bin ich?“, flüsterte er.
Das schwache Licht bot kaum Trost. Clydes Atem ging stoßweise, ungleichmäßig und zittrig, während er sich zwang, aufzustehen. Seine Beine zitterten unter ihm. Er schwankte, die Arme ruderten nach Halt.
Allein. Schutzlos. Die Realität seiner Lage legte sich wie ein schwerer Mantel über ihn. „Hilfe“, krächzte er, doch das Wort verlor sich in der Weite um ihn herum. In der Ferne trugen das friedliche Muhen der Kühe wenig dazu bei, den festen Knoten der Panik in seinem Bauch zu lösen.
Clyde wusste, er musste sich bewegen, um den Weg zurück in die Zivilisation zu finden. Doch als er einen wackeligen Schritt nach vorn machte, wirbelten seine Gedanken in Verwirrung und Angst. War er zur Beute geworden? Welche unsichtbare Gefahr lauerte jenseits seines verschwommenen Blickfelds?
Die Stille wurde plötzlich zerrissen, als das dumpfe Grollen eines Motors, der im Leerlauf schnurrte, die Luft durchschnitt. Clydes Kopf fuhr herum, die Augen suchten angestrengt in der undurchdringlichen Schwärze. Das Geräusch schien von überall und nirgends zugleich zu kommen.
Er konnte nicht denken. Er konnte nur reagieren. Mit einem Adrenalinstoß traf Clyde seine Entscheidung. Er musste fliehen, weg von der Quelle dieses unheilvollen Grollens.
Seine ersten Schritte waren unbeholfen, seine Glieder gehorchten ihm kaum. Panik schnürte ihm die Kehle zu, als er vorwärts taumelte. Die Weide unter seinen Füßen war ein Minenfeld aus Senken und Erhebungen, verborgen im Dämmerlicht der mondlosen Julinacht. Clydes Fuß blieb an einem Grasbüschel hängen, er stolperte, ruderte mit den Armen und fand nur mühsam das Gleichgewicht.
„Komm schon, Clyde“, murmelte er sich selbst zu, ein verzweifeltes Flüstern in der Dunkelheit. Das Gesicht seiner Schwester blitzte vor seinem inneren Auge auf – ihr tadelnder Blick, der Stärke und Selbstbeherrschung forderte. Er durfte sie nicht enttäuschen; er durfte hier kein Opfer werden, irgendwo auf den Feldern am Rand von Trentville, wo er unzählige Tage als Fleischkontrolleur das Gesetz vertreten hatte.
Das Dröhnen des Motors hielt an, das Schnurren eines Raubtiers, das jede seiner Bewegungen verfolgte. Clyde trieb seinen geschwächten Körper weiter an, keuchend, die Beine schwer wie Blei.
„Verdammt noch mal“, zischte er durch zusammengebissene Zähne, die Worte kaum hörbar über das eigene angestrengte Atmen und das unaufhörliche Grollen des Motors hinweg. Aus Angst wurde Wut, die seine Muskeln antrieb, während er sich zwang, weiterzulaufen, fort von der Gefahr, die knapp außerhalb seines Blickfelds lauerte.
Blitze aus weißem Licht schnitten durch die Schwärze, Halogenklingen, die die Nacht in grausamen, weiten Bögen zum Tag machten. Clydes Herz setzte aus, als die Scheinwerfer ihn fanden, ein Reh im erbarmungslosen Lichtkegel. Der Truck brüllte auf – eine klare, unmissverständliche Herausforderung – und schoss vorwärts, der Motor knurrte vor Jagdlust.
„Gott, nein“, japste Clyde, seine Stimme kaum hörbar über das Aufheulen des Motors. Sein Instinkt schrie ihn an zu rennen, dem mechanischen Ungeheuer zu entkommen, das auf ihn zuraste.
Mit einem Adrenalinstoß schoss er nach links, dann nach rechts, seine Bewegungen so unberechenbar wie ein Hase auf der Flucht. Die Weide war ihm fremd geworden, jede Senke, jede Erhebung ein möglicher Stolperstein. Clydes Beine fühlten sich an, als müssten sie sich durch zähen Sirup kämpfen.
Die Scheinwerfer verfolgten ihn, schwenkten abrupt, als der Truck seinen Kurs anpasste. Er spürte die Vibrationen der Verfolgung bis in die Sohlen seiner Stiefel, ein unheilvolles Trommeln, das im Takt mit seinem rasenden Herzen schlug. Er rang nach Luft, seine Lungen brannten vor Anstrengung.
„Weiter, weiter“, redete Clyde sich ein. Er schlug Haken über das Feld, sein Gang ungleichmäßig und verzweifelt. Jeder Richtungswechsel jagte stechende Schmerzen von seinem pochenden Kopf durch den Körper, doch er durfte nicht langsamer werden. Nicht jetzt, wo jedes Aufheulen des Motors sein Ende ankündigte, immer lauter, immer näher.
Der Truck folgte jeder seiner Bewegungen mit unheimlicher Präzision, ein Raubtier, das nur einen Wimpernschlag hinter den Scheinwerfern lauerte. Clyde kannte die Felder von Genesius County wie seine Westentasche, doch in diesem verdrehten Spiel schien all sein Wissen machtlos gegen die rohe Gewalt, die auf ihn zustürmte.
Plötzlich tauchte ein Zaun vor ihm auf, ein Hindernis, das sich aus den Schatten der Weide erhob. Clydes erschöpfter Körper prallte gegen den Maschendraht, der Aufprall presste ihm die letzte Luft aus den Lungen. Er krallte sich an das Metall, ein gefangenes Tier, das verzweifelt nach einem Schlupfloch suchte – doch da war nichts.
„Verdammt! Nein, nein, nein!“ Die Worte stolperten atemlos über seine Lippen. Mit flackerndem Blick tastete er den Zaun entlang, suchte nach einer Möglichkeit, nach einem vergessenen Tor, einer übersehenen Lücke – irgendetwas. Aber da war nur das unerbittliche Geflecht aus Draht und Holz, das ihn einschloss.
Der Truck, sein Motor grollte wie ein wildes Tier, rollte langsam aus, das Geräusch hallte durch die stille Nacht. Clyde presste den Rücken gegen den kalten Zaun, jeder Muskel gespannt, als könnte er sich mit bloßem Willen ins Metall schmiegen und in der Dunkelheit verschwinden.
Scheinwerferlicht überflutete ihn, warf seinen Schatten grotesk auf den Boden, als das Fahrzeug zum Stehen kam. Die Fahrertür quietschte, ein unheilvoller Ton in der Sinfonie aus Angst, die in Clydes Kopf tobte. Eine Gestalt stieg aus, breitschultrig und verschwommen.
„Wer... wer bist du?“ Clydes Stimme brach, der Geschmack von Whiskey und Angst lag schwer auf seiner Zunge. Er blinzelte, versuchte, Gesichtszüge, Kleidung, irgendetwas zu erkennen, das die Identität dieser bedrohlichen Gestalt verraten könnte.
„Pssst, Clyde.“ Die Stimme des Mannes war ein Flüstern, ein höhnischer Laut, der ihm eiskalte Schauer über den Rücken jagte. Sie war ihm vertraut – ein Echo vergangener Gespräche – doch jetzt klang sie verdreht, unheimlich in ihrer Ruhe.
„Erkennst du mich schon?“ Der Angreifer trat näher, und Clyde sah das Aufblitzen von Metall in seiner Hand.
„Bitte“, stammelte Clyde, sein Verstand raste. Die Stimme zerrte an Erinnerungen, die im Nebel des Alkohols und dem Schlag auf den Kopf verschwammen. Er durchforstete sein Gedächtnis, suchte nach Namen und Gesichtern aus der Gemeinde von Genesius County.
„Na los, Clyde“, lockte der Angreifer, beinahe spielerisch. „Denk nach.“
Doch das Denken verließ Clyde, als sein Überlebensinstinkt ihn anschrie, zu handeln, irgendetwas zu tun – alles, um diese Nacht, die von einem belanglosen Rausch in einen Albtraum gekippt war, noch zu wenden.
Ein Seil entrollte sich aus der Hand des Angreifers wie eine dunkle Schlange, glitt durch das Gras auf Clyde zu. Er sah, wie sich die dicken Windungen mit geübter Leichtigkeit abrollten – ein Zeichen, dass der Mann mit solchen Fesseln vertraut war.
„Bleib weg“, krächzte Clyde, kaum lauter als ein Flüstern. Er versuchte, sich wegzudrücken, doch sein Rücken war schon gegen die harten Drähte des Zauns gepresst. Dann, mit einem letzten Schub an adrenalingetriebener Entschlossenheit, stürmte er nach vorn, schlug unbeholfen nach der dunklen Gestalt. Es war ein schwacher Versuch, geboren aus Verzweiflung, nicht aus Hoffnung auf Verteidigung.
Der Angreifer wich mit einer Leichtigkeit aus, die zeigte, dass er diesen Angriff erwartet hatte. Jetzt war kein Spott mehr in seinem Blick, nur noch konzentrierte Stille, als er Clydes Handgelenk in der Luft packte und es mit solcher Kraft auf den Rücken drehte, dass Clyde nach Luft schnappte.
„Ganz ruhig“, murmelte der Angreifer, beinahe beschwichtigend, als würde er ein aufgescheuchtes Tier beruhigen und nicht einen Menschen überwältigen.
Das Seil begann sein Werk, schlang sich mit methodischer Präzision um Clydes Handgelenke. Jeder Knoten wurde fest zugezogen, jede Schlinge fachmännisch gesichert. Es war offensichtlich, dass diese Hände nicht zum ersten Mal ein Lebewesen fesselten; die Bewegungen waren zu exakt, zu sicher.
Clydes Versuche, sich zu wehren, wurden mit jeder Sekunde schwächer, während ihm die bittere Wahrheit dämmerte – er würde sich nicht befreien können. Seine Beine waren als Nächstes dran, das Seil umschlang seine Knöchel und band sie mit derselben Unerbittlichkeit zusammen. Eine eisige Angst legte sich in seinen Magen, seine Muskeln spannten sich unwillkürlich an, als er zur Bewegungslosigkeit verdammt wurde.
„Lass mich los“, flehte er, die Worte gepresst und heiser. Doch selbst während er sprach, wusste Clyde, dass sie auf taube Ohren stießen.
Hände und Füße gefesselt, lag Clyde auf der Weide. Er war der Gnade eines gesichtslosen Feindes ausgeliefert, eines Mannes, der mit einer Zielstrebigkeit vorging, die keinen Raum für Flucht ließ.
Die Stiefel des Angreifers knirschten über das trockene Gras, als er zum wartenden Lastwagen zurückging. Ein Schauder lief Clyde über den Rücken, als das metallische Glitzern eines Propanbrenners und eines Brandzeichens im schwachen Licht der Fahrerkabine aufblitzte. Sein Atem stockte, das Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, als ihm klar wurde, was gleich geschehen würde.
„Bitte“, krächzte er, die Worte kaum mehr als ein Flüstern, „du musst das nicht tun.“ Der Angreifer schwieg, die Werkzeuge in seiner Hand warfen bedrohliche Schatten auf den Boden, als er zurückkam.
Das Klicken des Brenners zerriss die Stille der Nacht, gefolgt von einem leisen Zischen, als die Flamme aufflackerte. Sie tanzte unruhig und warf ein Kaleidoskop aus Licht über die Weide. Clydes Bitten wurden verzweifelt, seine Stimme zitterte unkontrollierbar vor Angst. „Ich flehe dich an“, würgte er hervor, „hab Erbarmen.“ Doch das kalte Schweigen, das seine Schreie beantwortete, war furchteinflößender als jede Reaktion.
Der Propanbrenner zischte wie eine Schlange, während der Angreifer das Brandzeichen in die blaue Flamme hielt. Das Metall begann langsam, einen unheilvollen Glanz anzunehmen, wechselte von Schwarz zu einem dumpfen Kirschrot, das mit jeder Sekunde dunkler wurde. Clydes Augen, weit aufgerissen vor Angst, fixierten das wachsende Glühen, das seinen nahenden Schmerz ankündigte.
Mit jedem keuchenden Atemzug kämpfte Clyde gegen die Fesseln, die ihn hielten, die rauen Fasern schnitten in seine Haut. Seine Handgelenke brannten vom Scheuern, doch er gab nicht auf, getrieben vom uralten Überlebensinstinkt. Aber die Knoten hielten stand, meisterhaft gebunden von jemandem, der genau wusste, wie man die verzweifelte Kraft eines Mannes bändigt.
Das Brandzeichen glühte nun in einem grellen Rot-Orange, seine Farbe ein Versprechen für den brennenden Schmerz, der bevorstand. Der Angreifer drehte sich um, das Eisen in der Hand, und trat mit bedächtigen Schritten auf Clyde zu. Jeder Schritt hallte in Clydes Ohren wider, pochte im Takt seines rasenden Herzens. Die Luft selbst schien aufgeladen, schwer von der Angst, die ihn niederdrückte, erstickend und unerbittlich.
„Warte! Bitte!“ Clydes Stimme brach, als er flehte, die Worte zerfielen zu einem rauen Schluchzen. Seine Kämpfe wurden immer verzweifelter, die Muskeln bis zur Erschöpfung angespannt, doch die Flucht blieb eine grausame Illusion. Clyde Simmons, Fleischkontrolleur und Bruder des Bürgermeisters von Trentville, war hilflos. Die Fesseln waren so unerbittlich wie die dunkle Gestalt, die sich ihm näherte.
Als der Angreifer herantrat, beleuchtete das Glühen des Brandzeichens sein Gesicht in flüchtigen Momenten, doch nie lange genug, dass Clyde ein bekanntes Merkmal hätte erkennen können. Die Anonymität seines Peinigers verstärkte die Angst, die ihn packte – das Unbekannte ist immer schrecklicher als das Bekannte.
„Gott, nein!“, schrie er, wand sich am Boden, der Körper klatschnass vor kaltem Schweiß. Doch als das heiße Eisen nur noch Zentimeter von seiner Haut entfernt schwebte, konnte Clyde nur noch hilflos auf die Waffe starren, die ihn für immer zeichnen würde, im Wissen, dass seine Bemühungen, sich zu befreien, ebenso vergeblich waren wie seine Bitten um Gnade.
„Verdammt, Piper“, murmelte Sheriff Jenna Graves, ein Flüstern, das nur für den Wald bestimmt war, in dem sie stand, und für die Erinnerung an ihre seit Langem vermisste Zwillingsschwester. „Was mache ich eigentlich hier?“
Sie hatte die frühen Morgenstunden nicht nur gewählt, um der steigenden Hitze zuvorzukommen, sondern auch, um den neugierigen Blicken der Frühaufsteher zu entgehen, die sich fragen könnten, warum die Sheriff von Genesius County den Shelby National Forest durchstreifte, anstatt den freien Sonntagmorgen zu genießen. Während sie ging, rutschte ihr Rucksack bei jedem Schritt hin und her, sein Inhalt – eine Wasserflasche, eine Tüte Studentenfutter als Proviant und Pipers Vogelbeobachtungsführer – war sowohl praktisch als auch zutiefst persönlich. Das hier war zu einem wöchentlichen Ritual geworden, ein ständiges Wiederholen von Hoffnung und Beharrlichkeit. Mit jeder Wanderung hoffte Jenna, vielleicht die Spuren zu finden, die Piper einst gegangen war, suchte nach Hinweisen in jedem Vogelruf, in jedem Flügelschlag, der durchs Unterholz huschte.
Sie hielt inne, lehnte sich an einen Baumstamm und holte tief Luft. Der Traum, der sie hierher geführt hatte, war ihr so lebendig vor Augen wie der Wald um sie herum. Es war ein Zeichen gewesen, davon war Jenna überzeugt – eine geisterhafte Botschaft aus einer Welt, die an den Rändern ihrer Wirklichkeit zerrte. Jenna schloss für einen Moment die Augen und ließ das Flüstern des Waldes in ihre Ohren dringen. Die Vision aus ihrem Klartraum entfaltete sich in ihrem Inneren: eine Frau, deren Gesicht im Schatten lag, wiegend einen Sandregenpfeifer im Arm, so zärtlich, als hielte sie ein Kind.
Dieser Traum hatte eine Bedeutung, auch wenn sie nicht wusste, welche. Dann hatte Jenna genau dieses Bild noch einmal gesehen, als sie beinahe im Sablewood-Stausee ertrunken wäre, während des letzten Falls, den sie gemeinsam mit ihrer Stellvertreterin Jake Hawkins gelöst hatte. Es war, als hätten die trüben Wasser das Bild aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins heraufbeschworen, während sie um Luft und ums Überleben kämpfte. Das Bild war zu einem Hinweis geworden, dem sie folgen musste.
Jede freie Minute verbrachte sie in der örtlichen Bibliothek, ihre Augen glitten über topografische Karten, verfolgten Wasserläufe und Feuchtgebiete, in denen Sandregenpfeifer zu finden sein könnten. Sie hatte lange Gespräche mit Vogelliebhabern geführt, diesen unscheinbaren Hütern gefiederter Geheimnisse. Sogar die Fachleute vom Missouri Department of Conservation hatte sie um Rat gebeten, in der Hoffnung, deren wissenschaftliche Daten könnten Licht in ihre persönliche Odyssee bringen. Sie hatte herausgefunden, dass Sandregenpfeifer in vielen Teilen Missouris lebten, an Teichen, Bächen und in Sümpfen. War es möglich, dass das Bild aus ihrem Traum sie an einen Ort in der Nähe ihres Zuhauses führen wollte? Jeder potenzielle Lebensraum in Reichweite von Trentville war nicht bloß ein Punkt auf der Karte; er war ein möglicher Wegweiser auf der Suche nach dem, was Piper zugestoßen war.
Der Vogelbeobachtungsführer, der in ihrem Rucksack steckte, war mehr als eine Sammlung ornithologischer Fakten; er war eine Landkarte voller Hoffnung, jeder Eintrag ein möglicher Orientierungspunkt im unbekannten Terrain von Pipers Verschwinden.
Mit entschlossenem Kinn griff Jenna nach der Sonnenbrille, die auf ihrem Kopf saß, und schob sie wieder auf die Nase, die Gläser dämpften das grelle Licht des Morgens. Unter dem schützenden Dach uralter Eichen und Hickories hatte sie einen vorübergehenden Zufluchtsort vor der gnadenlosen Julisonne gefunden. Doch der Schatten des Blätterdachs konnte wenig gegen die feuchte Schwüle ausrichten, die sich wie ein unsichtbarer Schleier an ihre Haut schmiegte – ein ständiger Begleiter auf ihrem Weg ins Herz des Waldes. Eine Schweißperle zog eine Spur an ihrer Schläfe entlang, als sie ihren Marsch fortsetzte. Ihre grünen Augen spiegelten die Müdigkeit ihrer Suche wider. Dennoch ging sie weiter, getrieben von einem inneren Antrieb, der schon an Besessenheit grenzte.
Jennas Hingabe an den Fall ihrer Schwester war längst mehr als die Suche nach einer Vermissten geworden; es war der Versuch, die Leere zu füllen, die Piper hinterlassen hatte. Es war die Weigerung, sich dem Schweigen zu beugen, das Pipers Verschwinden vor zwanzig Jahren umhüllt hatte.
Die Gewissheit, dass Piper irgendwo jenseits von Jennas Reichweite noch lebte, war so sehr ein Teil von ihr wie ihre Dienstmarke oder ihre Waffe. Sie trieb Jenna voran, wenn der Verstand zur Ruhe riet, wenn die Chancen aussichtslos schienen. Und obwohl der Weg voller Enttäuschungen und Sackgassen war, wusste Jenna, dass Aufgeben für sie keine Option war. Nicht solange das Rätsel um Pipers Verschwinden ungelöst blieb, nicht solange ihr Herz noch Hoffnung barg.
Das Blätterdach öffnete sich, und der Pfad führte sie zu dem verborgenen Zufluchtsort, nach dem sie gesucht hatte – ein kleiner Teich, eingebettet im Shelby-Nationalwald. Geflecktes Sonnenlicht tanzte auf dem Wasser und verwandelte die Oberfläche in ein Mosaik aus flüssigem Gold und Azurblau. Jennas Puls pochte in ihren Ohren, als sie mehrere Strandläufer entdeckte, deren schlanke Beine mit anmutiger Präzision durch den Morast am Ufer staksten. Sie waren greifbare Echos ihrer Vision, ihre Anwesenheit entfachte eine Welle der Erwartung, die wie ein Strom durch Jenna fuhr.
Sie näherte sich dem Ufer, alle Sinne geschärft. Und da waren sie – mehrere mittelgroße braun-weiße Vögel mit gefleckter Brust. Die Strandläufer ließen sich von ihrer Anwesenheit nicht stören und suchten weiter nach Nahrung, ihre langen Beine hielten sie über dem Wasser, während ihre orangefarbenen Schnäbel nach Futter tauchten.
Jenna durchforschte die Umgebung mit der Sorgfalt einer Archivarin, die uralte Manuskripte durchblättert. Umgestürzte Stämme lagen verstreut, ihre Rinde gezeichnet von Zeit und Wetter. Hatte Piper einst dort gestanden, wo Jenna jetzt stand? War dies der Ort, an dem die Frau aus ihrem Traum einen Strandläufer gehalten hatte?
Jennas Atem stockte, ein stummer Widerhall zum unaufhörlichen Ticken der Uhr in ihrem Kopf. Auch der Wald um sie herum schien den Atem anzuhalten, als würde die Natur selbst auf eine Offenbarung warten, die Jennas Intuition versprach, die Wirklichkeit aber verweigerte. Doch da war nichts – kein Zeichen, keine Botschaft, keine Spur der geheimnisvollen Frau.
Mit einem müden Ausatmen erkannte Jenna die Vergeblichkeit ihrer morgendlichen Suche an. Sie gestattete sich das kleine Eingeständnis, auf einem umgestürzten Stamm Platz zu nehmen, dessen raue Rinde sich durch den Stoff ihrer Uniform drückte. Ihr Rucksack lag neben ihr, und sie zog Pipers Vogelbuch hervor. Der Einband war weich vom vielen Sonnenlicht und Berührungen. Ehrfürchtig schlug Jenna es auf, der Buchrücken bog sich zu einer oft aufgeschlagenen Seite mit der Illustration eines Strandläufers.
Für einen Moment verengte sich Jennas Welt auf das Bild vor ihr, die feinen Linien fingen das Wesen des Vogels mit beinahe lebensechter Präzision ein. Mit der Fingerspitze fuhr sie die Konturen der Zeichnung nach, als könnte diese Geste den Geist ihrer Schwester heraufbeschwören.
Mit Pipers Vogelbuch aufgeschlagen, ließ Jenna den Blick vom Bild zur stillen Wasseroberfläche des Teichs gleiten. Sonnenstrahlen tanzten über das Wasser, und die Strandläufer huschten am Rand entlang, ohne die Schwere des Augenblicks zu ahnen. In ihrer Schlichtheit trugen die Vögel das Echo von Pipers ansteckender Begeisterung – nicht nur für die Vogelbeobachtung, sondern für das Leben selbst. Jenna meinte fast, das Lachen ihrer Schwester zu hören, sah sie eifrig Notizen machen, ihre Augen leuchtend, jedes Mal, wenn sie eine neue Art im Buch abhakte.
Die Erinnerungen stiegen in Jenna auf wie eine Flut – wie Piper den Kopf neigte, um dem Gesang eines Vogels zu lauschen, oder das Aufblitzen von Aufregung in ihren Augen, wenn sie geflügelte Silhouetten am Himmel entdeckte. Eine neue Welle der Trauer überrollte sie, und sie presste die Handballen gegen die Augen, um die Tränen zurückzuhalten, die drohten, zu fließen.
Langsam ausatmend, ließ Jenna die Hände sinken, und der Wald um sie herum trat wieder in den Fokus. Sie spürte, wie sich der Zweifel wie Blei auf ihre Schultern legte – eine Last, die ihr nur allzu vertraut war. Das Fehlen ihrer Zwillingsschwester hatte eine klaffende Lücke in ihrer Welt hinterlassen, eine Leere, die sie an den Rand des Verstandes getrieben hatte, genau an diesen Ort, getrieben von einem Traum, der vielleicht ins Nichts führte. Das Bild der Frau mit dem Sandregenpfeifer war so lebendig gewesen, so eindringlich, doch hier, umgeben von der Gleichgültigkeit der Natur, konnte Jenna nicht anders, als an seiner Bedeutung zu zweifeln. Die kühle Berührung der abgegriffenen Seiten des Vogelführers gab ihr keine Antwort, und Jenna drückte ihn fest an sich, als könnte er sie vor der Unsicherheit schützen, die an ihrem Entschluss nagte.
„Besessenheit kann ein gefährlicher Weg sein“, murmelte Jenna leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Die Stille des Waldes nahm ihre Worte auf, ohne Urteil, ohne Trost.
Doch während sie dort saß und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, blieb die ersehnte Ruhe unerreichbar. Stattdessen flackerten Bilder von Piper hinter ihren geschlossenen Lidern auf, Momente, eingefroren in der Zeit. Jennas Griff um den Vogelführer wurde unwillkürlich fester, seine Anwesenheit war zugleich Trost und Qual.
Und wieder musste sie sich fragen – wonach suchte sie eigentlich? Welche Art von Beweis, welches Zeichen erwartete sie zu finden?
Jenna hatte ihr Leben dem Lösen von Rätseln gewidmet, dem Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Doch Pipers Verschwinden blieb ein Rätsel, ein ungelöster Fall, der Jennas Identität geprägt, ihr Engagement für das Gesetz gestärkt und ihr einen unheimlichen Einblick in das Reich der Vermissten und Toten verschafft hatte.
„Wo bist du?“, fragte Jenna in die leeren Bäume, ihre Stimme müde und schwer. Es war nicht nur Piper, die sie suchte – es war die andere Hälfte von ihr selbst, der Teil, der an jenem schicksalhaften Tag vor so langer Zeit verschwunden war. Mit geschlossenen Augen versuchte Jenna, ihren Geist zu klären, sich zu sammeln.
Ihr Atem stockte in einem Moment der Selbstreflexion, jener Art, die sie immer überfiel, wenn sie allein war mit den Geistern ihrer Vergangenheit. Ihre Mutter, Margaret, kämpfte mit ihren eigenen Dämonen und der Flasche, doch sie hatte gerade erst begonnen, ihre zerrüttete Beziehung zu kitten. Wenigstens war Mama nüchtern gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, und sie gab sich große Mühe, es auch zu bleiben.
Auch in Jake Hawkins’ Gesicht konnte sie jedes Mal die Sorge lesen, wenn er sie ansah. Die beschützende Art ihres Deputys zeigte sich oft in gerunzelten Stirnen und verschlossenen Blicken – das sagte mehr als tausend Worte.
Trotzdem war der Gedanke, die Suche nach Piper aufzugeben, für Jenna undenkbar. Ihr Leben hatte sich unwiderruflich verändert an dem Tag, als ihre Schwester verschwand. Dieses eine Ereignis hatte ihren Lebensweg neu bestimmt, sie zur Suchenden nach Gerechtigkeit gemacht. Sie war nicht nur der Ordnung oder der Gemeinschaft wegen Sheriff geworden, sondern für Piper. Diese Reise hatte sie von anderen entfremdet, von denen, die die Tiefe ihres Verlangens nach Antworten nicht begreifen konnten. Sie hatte den Preis in Einsamkeit bezahlt.
Ihre Gedanken wirbelten wie die Blätter im Wind über ihr, bis ein plötzliches Vibrieren sie aus ihrer Versunkenheit riss. Das Handy brummte unnachgiebig auf dem morschen Holz des umgestürzten Baumstamms neben ihr, das Display leuchtete mit Jake Hawkins’ Namen auf. Mit einer von Sorge und Neugier gezeichneten Miene griff sie danach und hielt es ans Ohr.
„Jenna, ich weiß, du hast heute frei, aber wir haben ein Problem“, Jakes Stimme durchbrach die Stille des Waldes, ganz geschäftsmäßig, mit einer Dringlichkeit, die keinen Zweifel ließ.
Jakes Worte trafen Jenna wie ein Schlag und rissen sie schlagartig in die Gegenwart. „Eine Leiche“, hatte er gesagt, gefunden auf einer Familienranch. Natürlich bedeutete sein Anruf, dass es kein natürlicher Tod war.
„Weißt du schon, wer es ist, Jake?“
„Ich hab noch nicht viele Infos“, kam die Antwort. „Melissa Stark ist schon unterwegs, ich fahre auch gleich hin. Ich schick dir den Standort aufs Handy.“
„Verstanden.“ Jenna legte das Telefon beiseite und setzte sich sofort in Bewegung. Sowohl ihr Stellvertreter als auch die Gerichtsmedizinerin würden vor ihr am Tatort eintreffen, also musste sie sich beeilen. Sie erhob sich vom Baumstamm und verstaute Pipers Vogelbuch. Mit einem letzten Blick auf den stillen Teich und die Strandläufer, die am gegenüberliegenden Ufer noch nach Nahrung suchten, wandte sie sich ab und eilte zurück durch die Bäume.
Als sie ihren Streifenwagen erreichte, legte Jenna den Rucksack auf den Beifahrersitz, der Buchrücken des Vogelführers ragte zwischen den anderen Sachen hervor. Einen Moment zögerte sie – ein stummes Versprechen an Piper, dass ihre Suche nicht aufgegeben, sondern nur unterbrochen war. Ihr Leben hatte eine Zweiseitigkeit, die nur wenige begreifen konnten: das Eintauchen in die Rätsel der Vergangenheit, während sie sich den Herausforderungen der Gegenwart stellte.
Mit einem tiefen Atemzug verscheuchte Jenna die Nebel der Grübelei und verankerte sich im Hier und Jetzt. Als sie auf die Hauptstraße einbog, verschwand das dichte Grün des Shelby-Nationalwaldes langsam im Rückspiegel. Während der Wagen die Kilometer zurück nach Trentville fraß, löste sich Jennas Geist vom rätselhaften Pfad des Strandläufers und wandte sich dem düsteren Gefühl zu, das an der bevorstehenden Entdeckung haftete. Ein neues Kapitel begann – eines, das all ihre Intuition, ihren Verstand und ihre Entschlossenheit fordern würde.
Die Straße zog sich vor ihr wie ein Band durch die wilde Schönheit Missouris. Es war vertrautes Terrain, jede Kurve, jedes Wegzeichen erinnerte sie an die unzähligen Male, die sie diesen Weg im Dienst für den Genesius County zurückgelegt hatte. Mit jedem Kilometer kehrte sie zurück in die Welt, in der sie am meisten gebraucht wurde, wo ihre Fähigkeiten als Sheriff wirklich etwas bewirken konnten.
Hinter Jennas Streifenwagen wirbelte Staub auf, als sie auf die Ranch der Familie Hartley einbog. Als das Farmhaus schließlich in Sicht kam, stand die Julisonne schon hoch und gnadenlos am Himmel von Missouri und verwandelte die Luft über dem Tatort in einen glühenden Backofen voller Hitze und schwelender Anspannung. Sie blinzelte gegen das grelle Licht, das Abzeichen auf ihrer Brust warf einen scharfen Lichtstrahl zurück, als wolle es ihre Pflicht noch einmal betonen.
Beim Aussteigen legte sich die Staubwolke nur langsam, widerwillig, auf das ausgedörrte Gras und überzog alles mit einer feinen Schicht, die an jeder Oberfläche haften blieb. Jenna stieg aus, die plötzliche Hitzewelle legte sich wie eine unerwünschte Decke um sie. Sie setzte ihren Stetson auf und machte sich auf den Weg über die Weide, die von geschäftigem Treiben erfüllt war – Polizisten und Sanitäter überall. Das entfernte Muhen der Rinder klang wie eine traurige Klage.
Die ländliche Idylle war durch das Durcheinander aus Polizeiwagen und Trucks zerstört. Ein Krankenwagen stand mit offenen Türen da, als wüsste er nicht so recht, was er in diesem düsteren Bild zu suchen hatte. Andere Fahrzeuge – Pick-ups und Limousinen von Rancharbeitern und neugierigen Einheimischen – bildeten eine unordentliche Flotte um das Zentrum des Geschehens.
Als Jenna auf das Epizentrum des Trubels zuging, mischte sich der Geruch der ausgedörrten Erde mit etwas Unnatürlichem – dem chemischen Hauch von Treibstoff, dem Gummi heißer Reifen, dem schwachen, aber unverkennbaren Anflug von Tod, den der Wind herantrug.
Eine Stimme rief ihren Namen. Es war Jake, der ihr entgegenkam, seine sonst so entspannte Miene angespannt vor Dringlichkeit. Seine Anwesenheit war ihr willkommen, das sandfarbene Haar und die breiten Schultern ein vertrauter Halt inmitten der Unsicherheit.
„Es ist schlimm, Jenna“, sagte Jake leise, während um sie herum leise Gespräche und das entfernte Brummen von Maschinen zu hören waren. Sein Blick hielt den ihren, fest und unerschütterlich. „Richtig schlimm. Das Opfer... es ist Clyde Simmons. Der Bruder vom Bürgermeister.“
Jenna spürte, wie sich der Boden unter ihren Füßen verschob, ein tektonisches Beben im politischen und persönlichen Gefüge ihrer eng verbundenen Gemeinde. Clyde Simmons – ein Name, der untrennbar mit Trentvilles bescheidener Machtstruktur verbunden war, das eigene Fleisch und Blut des Bürgermeisters.
„Zeig mir, wo es ist“, sagte sie. Jake nickte, drehte sich um und ging voraus, Jenna folgte ihm, während ihre Gedanken schon bei dem Anblick waren, der sie erwartete. Sie rückte den Rand ihres Sheriffhuts zurecht, um sich gegen das unerbittliche Licht der Mittagssonne zu schützen. „Erzähl mir alles, Jake“, forderte sie, während sie Seite an Seite durch die Weide schritten.
„Ein Rancharbeiter hat ihn kurz nach Sonnenaufgang gefunden“, erzählte Jake. „Clyde lehnte dort drüben am Zaun.“ Er deutete auf die entfernte Ecke des Feldes, wo der Stacheldraht auf einen Hain knorriger Bäume traf. „Keine offensichtlichen Hinweise darauf, wie er gestorben ist, aber seine Kleidung... sie war zerrissen, und es gab Blut.“
„Hat irgendjemand irgendetwas davon gesehen?“ fragte Jenna.
„Bisher niemand. Und da ist noch etwas“, zögerte Jake, während sich eine tiefe Falte auf seiner Stirn bildete. „Er wurde gebranntmarkt, Jenna. Direkt auf der Brust – ein Zeichen, wie ich es noch nie gesehen habe.“
„Gebranntmarkt?“ Ein Brandmal bedeutete eine Botschaft, eine Warnung, die wie ein Stein, der in einen stillen Teich geworfen wird, Wellen durch die Gemeinde schlagen würde.
Als sie sich der Stelle näherten, an der Dr. Melissa Stark in der Hocke war, traf Jenna der Geruch als Erste – das metallische Aroma vermischte sich mit dem stechenden Gestank verbrannten Fleisches.
In ihrem weißen Schutzanzug hob sich Melissa deutlich von dem geschäftigen Durcheinander der Polizisten und Techniker ab, die sorgfältig um den abgesperrten Bereich herumarbeiteten. Ein weißes Laken verbarg den Anblick von Clyde Simmons’ Leichnam.
„Melissa“, sagte Jenna und nickte der Gerichtsmedizinerin mit Respekt und dem stillen Einverständnis für die düstere Aufgabe zu. Doch kaum wollte Jenna der Gerichtsmedizinerin ein Zeichen geben, das Laken zurückzuschlagen, durchbrach ein gellender Schrei die schwere Stille, die über dem Tatort lag.
„Wurde aber auch Zeit, dass du endlich auftauchst, Sheriff!“ Die Stimme, scharf und voller Gift, schnitt durch die trockene Luft wie ein Messer. Bürgermeisterin Claire Simmons stürmte über die Weide, ihre sonst so makellose Fassade von rohem Schmerz durchbrochen. Ihr Haar, sonst stets perfekt frisiert, hing nun in wirren Strähnen um ein Gesicht, das von Trauer und Wut gezeichnet war.
Die Bürgermeisterin hielt unaufhaltsam auf sie zu, die sorgfältig manikürten Nägel zu Fäusten geballt, als würde sie sich auf einen Kampf vorbereiten. Der Anblick dieser beherrschten Wildheit rief in Jenna ein aufgewühltes Gemisch aus Mitgefühl und Vorsicht hervor. Sie kannte den Schmerz des Verlusts nur zu gut, das nagende Loch, das ein fehlendes Geschwister hinterlässt.
„Wo zum Teufel warst du?“ verlangte Bürgermeisterin Simmons und blieb nur wenige Zentimeter vor Jenna stehen. „Mein Bruder liegt da tot, und du machst einen Spaziergang im Wald an deinem freien Tag?“
Jenna hielt dem Blick der Bürgermeisterin stand und rang um einen ruhigen Ton. „Bürgermeisterin Simmons“, begann sie.
„Das ist dein Job, Sheriff Graves! Die Menschen in diesem Bezirk zu beschützen! Und wo warst du, als mein Bruder diesen Schutz gebraucht hätte?“ Die Stimme der Bürgermeisterin zerschnitt die Luft, jede Silbe ein Vorwurf.
Jenna ließ ihren Blick über die versammelte Menge schweifen, alle Augen auf diese öffentliche Abrechnung gerichtet. Sie konnte ihre Gedanken in den angespannten Körperhaltungen lesen, in dem Wegsehen oder dem plötzlichen Interesse an den Rändern des Tatorts. Es war ein Gefühl, das sie kannte: die Gier nach Drama, vermischt mit dem Unbehagen, Zeuge davon zu sein.
In der drückenden Hitze spürte Jenna das Gewicht ihres Abzeichens, das Symbol ihrer Pflicht und ihrer Last. Sie suchte nach den richtigen Worten, nach einem Trost für den Schmerz der Bürgermeisterin und dem Riss, den er verursachte. „Bürgermeisterin Simmons, ich kann verstehen—“
„Ruhe!“ Das Wort peitschte durch die Luft, und Bürgermeisterin Simmons beugte sich vor, ihr scharfer Fingernagel nur einen Fingerbreit von Jennas Brust entfernt. „Wag es ja nicht, mir zu sagen, was ich fühle!“
Es gab kein Entkommen vor der harten Wahrheit; in den Augen der Bürgermeisterin hatte Jenna schon versagt, bevor sie überhaupt angekommen war.
„Bürgermeisterin Simmons, ich weiß, dass du trauerst“, versuchte sie es erneut. „Der Tod deines Bruders wird nicht ungesühnt bleiben. Wir werden herausfinden, wer dafür verantwortlich ist.“
