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"In Natahkis Zelt" von James Willard Schultz ist nicht nur ein Buch über die Blackfeet-Indianer des amerikanischen Westens, sondern auch ein faszinierendes Zeugnis von Schultz' eigenen Erfahrungen. Als Trapper, Händler und Freund der Blackfeet verbrachte Schultz viele Jahre in ihrer Gesellschaft, was sein Werk mit einer bemerkenswerten Authentizität durchdringt. Das Buch bietet nicht nur einen Einblick in die reiche Kultur und Traditionen der Blackfeet, sondern auch in Schultz' persönliche Beziehung zu diesem Volk. Durch seine Erzählungen tauchen Leser in die raue Schönheit der Prärie ein und erleben die Abenteuer und Herausforderungen des Lebens in einer sich wandelnden Welt. Schultz' tiefe Wertschätzung für die Blackfeet und seine Fähigkeit, ihre Geschichten zum Leben zu erwecken, machen "In Natahkis Zelt" zu einem einzigartigen und fesselnden Leseerlebnis, das nicht nur historisch interessant ist, sondern auch einen Einblick in die menschliche Erfahrung bietet.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
J. W. Schultz ist uns kein Fremder mehr. Die Schilderungen seines Lebens unter den Schwarzfußindianern bilden eine glückliche Ergänzung zu den Schriften von Dr. Charles A. Eastman, Ohijesa und Winona, die sich bei uns Heimatrecht erworben haben. Der vorliegende Band ist die Fortsetzung des im vergangenen Jahre im gleichen Verlag erschienenen: Nat-ah'-ki und ich.
Der Buchschmuck stammt auch dies Mal wieder von dem amerikanischen Maler und Ethnographen Fr. Weygold und beruht zumeist auf Naturstudien, die dieser im Lande der Schwarzfuß-Piegan, in Montana, gemacht hat. Die Zierleisten und Ornamente sind altindianischen Stickereien nachgebildet.
Elisabeth Friederichs.Bielefeld, im Frühjahr 1925.
Ein junger, unternehmungslustiger Amerikaner, J. W. Schultz, zieht anfangs der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinaus aus der Enge der ostamerikanischen Kleinstadt in den wilden Westen, um ganz unter den Indianern zu leben, ihre Sitten, Bräuche und ihr Leben kennen zu lernen. Er schließt Freundschaft mit einem Händler namens Berry, dessen Frau und Mutter Indianerinnen sind, beteiligt sich an seinen Unternehmungen und zieht mit ihm und seiner Familie, den Indianern auf ihren Jagdzügen folgend, umher in den Prärien des heutigen Montana und Kanada. Unter diesen einfachen Naturmenschen fühlt er sich wohl, und so sehr er sich auch zuerst dagegen sträubt – das glückliche Eheleben seiner jungen, indianischen Freunde veranlaßt auch ihn, sich ein Mädchen zu wählen: Nat-ah'-ki. In Ermangelung eines Geistlichen ehelicht er das Mädchen zunächst nach Indianerbrauch, um dann später seine Ehe von einem durchreisenden Missionar einsegnen zu lassen.
Scheu und schüchtern naht sie sich ihm, aber allmählich löst sich die Spannung, und die beiden leben in schönster Kameradschaft, reitend, jagend und Leid und Freud' ihres Stammes teilend, zusammen. Die Jahre fließen dahin. Längst sind sie auch nach Christensitte Mann und Frau. Ihr Zelt ist der Sammelpunkt der indianischen Freunde. Um den behaglichen Feuerplatz sitzen sie am Abend und erzählen von vergangenen Zeiten, von Heldentaten und Abenteuern ihrer Vorfahren, von den Festen und fröhlichen Jagd- und Wanderzügen über die weiten, braunen Ebenen. Eine alte indianische Hausgenossin, die Krähenfrau, und des Händlers Mutter sind allzeit bereit, dem wißbegierigen Jüngling, der nur zu gern träumend und rauchend auf seinem Ruhebett liegt, alte indianische Märchen und Sagen zu erzählen. Mit großer Teilnahme lauscht er ihren Plaudereien und einfachen Liedern, die sie nie müde werden zu singen. Was er davon gesammelt und aufgeschrieben hat, erzählt das vorliegende Buch – die Fortsetzung des im vergangenen Jahre erschienenen »Nat-ah'-ki und ich« –, in dem er sein Leben mit der geliebten Frau schildert, die ihm der unerbittliche Tod nur allzu früh entrissen hat.
Schultz lebt jetzt in einer großen Stadt Kaliforniens als bekannter Schriftsteller. In den amtlichen Veröffentlichungen der Regierung der Vereinigten Staaten wird er als einer der maßgebenden Autoritäten auf dem Gebiete der indianischen Völkerkunde anerkannt, besonders auch deshalb, weil er einer der sehr wenigen weißen Männer ist, die die schwierige Schwarzfußsprache beherrschen.
Man hat ihm zu Ehren einen großen Berg im Felsengebirge in der Nähe der heutigen Reservation der Schwarzfuß mit seinem indianischen Namen »Apekuni« benannt.
Auf hoher Bergkuppe saß ich eines Tages mit meinem jungen Freunde Li-sis-tsi, d. h. Vielfraß, und schaute in die Ebene hinab. Stunden und Stunden konnten wir so miteinander sitzen und das Wild, das in großen Rudeln um uns herum graste, beobachten, Hinaufschauen zu den hohen Bergen und über die weite, schweigende Ebene. Li-sis-tsi wurde dessen nie müde; er saß dann mit so eigentümlich verträumten, verschleierten Augen neben mir und sagte immer wieder: i-tam-ah-pi, was etwa so viel bedeutet als »ich bin vollkommen glücklich«. Aber mein Freund war durchaus nicht vollkommen glücklich. Es gab Tage, an denen er mit bedrückter Miene umherschlich und nur antwortete, wenn man ihn etwas fragte. Eines Tages, als er einmal wieder in solcher Stimmung war, forschte ich nach der Ursache seines Kummers.
»Mir fehlt nichts,« erwiderte er. Dann fuhr er nach langem Schweigen fort: »Ich log, ich bin in großer Not. Ich liebe Piks'-ah-ki und sie liebt mich, aber ihr Vater will sie mir nicht geben.«
Wieder langes Schweigen. »Ja, nun?« fing ich das Gespräch wieder an, denn entweder hatte er vergessen, weiter zu reden, oder er wollte nicht mehr sagen.
»Ja, ihr Vater ist ein Arapaho und ihre Mutter ist eine Piegan. Vor langen Jahren schützte unser Volk die Arapahos, kämpfte für sie und half ihnen, ihr Land gegen alle ihre Feinde verteidigen. Dann aber entzweiten sich die beiden Stämme und führten jahrelang Krieg gegeneinander. Letzten Winter schlossen sie wieder Frieden. Damals sah ich Piks-ah'-ki zum ersten Male. Sie ist sehr schön und groß, hat langes Haar und Augen wie eine Antilope und kleine Hände und Füße. Ich besuchte ihres Vaters Zelt so oft als möglich, und wenn die anderen es nicht bemerkten, schauten wir uns an: Eines Abends stand ich an der Zelttür, als sie heraustrat, Holz zu holen. Ich hielt sie an und küßte sie, und sie erwiderte meine Liebkosung. Daher weiß ich, daß sie mich liebt. »Glaubst du,« fragte er ängstlich, »sie hätte das getan, wenn sie mich nicht liebte?«
»Nein, das glaube ich nicht,« antwortete ich.
Sein Gesicht hellte sich wieder auf, und er fuhr fort. »Damals besaß ich nur 12 Pferde, aber ich sandte sie ihrem Vater mit der Botschaft, daß ich seine Tochter freien wollte. Er schickte mir die Pferde zurück mit den Worten: »meine Tochter soll keinen armen Mann heiraten.«
Ich machte dann einen Kriegszug gegen die Krähen mit und brachte 8 ihrer besten Pferde heim. Dazu erhandelte ich noch welche, bis ich 32 hatte. Mit denen schickte ich einen Freund in das Lager der Arapaho, damit er um das Mädchen, das ich liebte, werbe. Er kam bald mit den Pferden zurück und brachte mir die Antwort des Vaters: »Meine Tochter kann Li-sis-tsi niemals heiraten, denn die Piegans haben meinen Sohn und Bruder erschlagen.«
Darauf konnte ich nichts erwidern. Er schaute mich eine Weile an und sagte endlich: »Die Arapaho haben ihr Lager am Missouri, an der Mündung des Judith. Ich will das Mädchen stehlen. Kommst du mit?«
»Ja,« erwiderte ich rasch. »Aber warum wählst du mich? Warum fragst du nicht einen von den »Rabenträgern«, deren Gesellschaft du angehörst?«
»Weil,« erwiderte er verlegen lachend, »weil ich vergeblich gehen könnte. Vielleicht kommt sie nicht mit, und dann würden es meine Freunde herum erzählen, und ich würde dauernd von ihnen damit geneckt werden. Von dir weiß ich, daß du, wenn ich vergeblich um das Mädchen werbe, nie darüber reden wirst.«
Ich lebte erst wenige Monate unter den Indianern, hatte mich meinem Freunde Rotfuchs, dem Schwager des guten Li-sis-tsi, angeschlossen, um mit ihm die Freuden und Leiden des Jagd- und Lagerlebens der Piegans zu teilen. Auf Mädchenraub ausziehen? welch' ein Unternehmen für ein junges, unerfahrenes Blut, wie ich es war, das konnte mir gerade passen.
Eines Abends, in der Dämmerung, verließen wir unauffällig das Lager. Niemand außer Rotfuchs, nicht einmal seine Frau, wußten um unser Vorhaben. Natürlich würde sie sich über ihres Bruders Abwesenheit aufregen, aber ihr Mann wollte ihr sagen, daß wir auf ein paar Tage nach Feste Benton geritten seien. Wie lachte der gute Rotfuchs, als ich ihm erzählte, wohin und weshalb wir loszögen.
»Ha, ha, ha! das ist ja nett! so ein Neuling, kaum drei Monate im Lande, will einem Indianer helfen, ein Mädchen stehlen!«
»Wann hört man auf, ein Neuling zu sein?« entgegnete ich.
»Wenn man alles gelernt hat, was zu lernen ist, und aufhört, törichte Fragen zu stellen. Bei dir wird das etwa in 5 Jahren der Fall sein, bei den meisten dauert es 15 Jahre, bis sie sich eingelebt haben. Aber, Spaß beiseite, junger Freund. Du hast dich da auf eine fragwürdige Sache eingelassen. Gib acht und bleib mit deinem Pferde zusammen und denke immer dran, daß es besser ist, davon zu jagen, als zu kämpfen. Man lebt dann länger.«
Weil es für einzelne Männer nicht ratsam war, bei Tage über die weite Ebene zu reiten, verließen wir das Lager im Dunkeln. Es waren zu viel Kriegsbanden der verschiedenen Stämme unterwegs, die, gierig nach Skalpen und Ruhm, friedliche Reisende überfallen wollten. Wir ritten das Judithtal hinab und in östlicher Richtung auf die Ebene zu. Als wir weit genug waren, um die tiefen, ausgetrockneten Bäche, die sie durchschnitten, zu vermeiden, wandten wir uns und ritten in gleicher Richtung mit dem Strom. Li-sis-tsi ritt ein lebhaftes, aber zahmes, scheckiges Pony, das wir mit etwas Bettzeug und einer prachtvollen Büffeldecke beladen hatten. Diese Dinge hatte er schon am Abend vorher aus dem Lager geschafft und im Walde verborgen. Der Vollmond schien in voller Klarheit, und wir konnten ein gutes Tempo reiten. Als wir noch nicht allzu weit vom Lager entfernt waren, hörten wir die Büffel brüllen. Es war ihre Brunstzeit, und man hörte das tiefe und eintönige Gebrüll der Bullen, während sie kämpften und von einer Herde zur anderen wechselten. Wir ritten einige Male während der Nacht nahe an eine Herde heran und schreckten sie auf, daß sie davon rasten, und der harte Erdboden unter ihren stampfenden Hufen erdröhnte. Es schien, als seien in dieser Nacht sämtliche grauen Wölfe der Gegend auf den Beinen, denn aus allen Richtungen schallte ihr klagendes Geheul. Wie traurig feierlich klang dies Heulen, so ganz anders als das koboldartige Gekläff des Präriewolfs.
Vorwärts, immer vorwärts jagte Li-sis-tsi und schaute sich nicht um. Ich hielt mich dicht hinter ihm, obwohl ich dies Tempo auf einer Ebene, die von Dachsen und Präriehunden durchwühlt war und Loch an Loch aufwies, recht unvernünftig fand. Bei Tagesanbruch befanden wir uns zwischen hohen, tannenbewachsenen Bergen, etwa 4 Kilometer vom Judithtal entfernte. Mein Freund hielt und spähte in die noch in grauem Dämmerschein liegende Gegend.
»Soweit ich sehen kann,« bemerkte er, »ist hier alles in Ordnung. Büffel und Antilopen grasen ruhig. Das ist aber kein ganz sicheres Zeichen, daß kein Feind in der Nähe ist, es könnten gerade jetzt welche dort oben in den Tannen sitzen und auf uns herab schauen. Eilen wir, daß wir an den Fluß kommen. Wir brauchen Wasser. Dann verbergen wir uns im Walde.
Wir sattelten in einem Walde unter Pappeln und Weiden ab und tränkten dann unsere Pferde. Auf einer feuchten Sandbank fanden wir ganz frische, menschliche Spuren. Das jagte uns natürlich einen kleinen Schrecken ein, und wir hielten unsere Gewehre bereit. Am anderen Ufer war kein Wald, so konnten die Eigentümer der Fußspuren nicht in unserer nächsten Nähe sein.
Crees oder Männer von der anderen Seite des Felsengebirges, sagte Li-sis-tsi, und prüfte die Spuren nochmals genau. »Das tut nichts zur Sache, Feinde sind sie für uns alle. Wir müssen jedenfalls vorsichtig sein und gut aufpassen, denn sie könnten in nächster Nähe sein.«
Wir tranken uns satt, gingen in die Schlucht zurück und banden unsere Pferde so an, daß sie etwas grasen konnten.
»Woran hast du erkannt, daß die Spuren nicht von Krähen, Sioux oder irgend welchen anderen Banden herrühren?« fragte ich.
»Du hast gesehen, daß die Fußabdrücke breit und rundlich waren, daß man selbst die Zehenspuren noch erkennen konnte. Das kommt daher, daß sie weiche Moccassins tragen, deren Sohlen und Oberteil von gegerbtem Wild- oder Büffelleder gemacht ist. Nur die Crees tragen solche Moccassins. Alle anderen Präriebewohner haben harte, rohlederne Sohlen,« belehrte mich mein Freund.
Ich hatte großen Hunger verspürt, nun aber war ich nur darauf aus, einen Feind zu erspähen, und hatte darüber alles andere vergessen. Ach! wäre ich doch im Lager geblieben und hätte den Indianer sein Mädel allein stehlen lassen! »Ich will im Wald herumgehen und Ausschau halten,« sagte Li-sis-tsi, »und dann wollen wir essen.«
Das erschien mir wunderlich, denn wir durften doch weder jagen noch Feuer anmachen, selbst wenn wir Wild gehabt hätten. Aber ich schwieg und sattelte mein Pferd, wie mein Freund befohlen hatte. Er kam schnell zurück.
»Die Bande ging durch den Wald,« berichtete er, »und das Tal hinab. In etwa zwei Nächten werden sie den Arapaho die Pferde stehlen. So, nun wollen wir essen.«
Er rollte die Büffeldecke auseinander und breitete die verschiedensten Dinge vor uns aus; schweren blauen und roten Stoff, genug für zwei Kleider, englische Ware, die die Händler für 10 M das Meter verkauften. Perlenschnüre, messingne Ringe, seidene Taschentücher, chinesisch Rot, Nadeln, Garn, Ohrringe, alles was ein indianisches Weib gern hat, kam zum Vorschein. »Für sie,« sagte er und legte alles sorgsam beiseite. Dann wickelte er altes Brot, Zucker, Dörrfleisch, und eine Schnur getrockneter Aepfel aus.
»Das stahl ich meiner Schwester, denn ich dachte mir schon, daß wir kein Wild schießen und Feuer anmachen könnten.«
Es wurde ein langer Tag. Abwechselnd schliefen wir ein wenig, d. h. Li-sis-tsi schlief. Ich konnte nur etwas dösen, denn ich erwartete jeden Augenblick einen Ueberfall. Wir waren beide noch recht unerfahren in dieser Art Abenteuer. Nachdem wir Wasser getrunken hatten, hätten wir auf einen Berggipfel reiten und dort den Tag über bleiben sollen. Von einer Höhe aus hätten wir herankommende Feinde weithin sehen können und wären ihnen auf unseren schnellen Pferden mühelos entwischt. Wie leicht hätte uns in diesem Tal der Feind entdecken, und ein Entkommen unmöglich machen können!
Mein Freund war sich noch nicht darüber klar, wie er das Mädchen entführen wollte. Schlich er sich des nachts ins Lager zu ihrem Zelt, so konnte er leicht als Pferdedieb gefangen werden und wehe, wenn er nicht das richtige Weib weckte, was würde das für Lärm geben! Ging er kühn, nur als Gast ins Lager, so würde Büffelkopf, des Mädchens Vater, Verdacht schöpfen, und seine Tochter nur umso strenger bewachen. Nun brachte ihn die Entdeckung, daß eine feindliche Kriegsbande im Anmarsch auf das Lager der Arapaho war, auf einen trefflichen Gedanken.
»Ich wußte, daß mein Amulett nicht versagen würde,« sagte er plötzlich nachmittags zu mir und lachte vergnügt dabei. »Nun weiß ich, was ich will. Wir reiten kühn ins Lager zum Zelt des großen Häuptlings Drei Bären. Ich melde ihm, daß mich unser Häuptling sendet, um ihn vor einer im Anzug befindlichen Kriegsbande zu warnen und sage ihm, daß wir schon ihre Fußspuren auf den Sandbänken am Fluß gesehen haben. Dann werden die Arapahos ihre Pferde bewachen und sich in den Hinterhalt legen. Es gibt Kampf und Aufregung, alles stürmt in die Schlacht, und dann ist meine Zeit gekommen. Dann rufe ich Piks-ah-ki, wir schwingen uns auf mein Pferd und fliehen.«
Wieder ritten wir die ganze Nacht scharf durch und erblickten bei Tagesanbruch den tiefen Einschnitt in der weiten Ebene, der den Lauf des Missouri kennzeichnet. Am Abend vorher hatten wir den Judith überschritten. Nun waren wir auf der von Travois und Zeltstangen tief gefurchten Straße, auf der die Piegans und Arapahos auf ihren Wanderungen vom großen Fluß und den Bergen gen Süden zogen. Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als wir den tannenbestandenen Rand des Tals erreichten und nun hinabschauten auf die Judithmündung. Dort standen, hell sich gegen das dunkle Laub eines Pappelwaldes abhebend, etwa 300 Zelte der Arapahos. Hunderte und Aberhunderte von Pferden grasten auf der mit Salbei bewachsenen Ebene. Reiter galoppierten hin und her, trieben ihre Tiere zum Wasser oder fingen sich frische Pferde zu ihrer täglichen Jagd ein. Trotz der weiten Entfernung vernahmen wir bereits den üblichen Lagerlärm: Schießen, Schreien, Kinderlachen, Singen und Trommeln.
»Ah,« rief Li-sis-tsi aus, »da ist das Lager, nun vorwärts geflogen!« und dann fügte er ernster und betend hinzu: – »Hilf mir, daß ich erreiche, was ich ersehne!« O ja, der Jüngling war verliebt. Amor ergreift Besitz von roten so gut wie von weißen Menschen, und darf man's sagen, – die Liebe ist bei den Roten meist treuer und ausdauernder als bei der »höheren« Rasse.
Wir ritten unter den erstaunten Blicken seiner Bewohner in das Lager ein. Man wies uns des Häuptlings Zelt. Vor dem Eingang stiegen wir ab, übergaben einem Jungen unsere Pferde und traten dann ein. Drei oder vier Gäste waren, vergnüglich rauchend, anwesend. Der Häuptling führte uns zum Ehrensitz auf seinem eigenen Ruhebett, im Hintergrunde des Zeltes. Er war ein großer, dicker Mann, ein typischer Arapaho, dieser Drei Bären.
Die Pfeife ging herum, und wir rauchten ein paar Züge. Einer der Gäste erzählte eine Geschichte, und als er geendet hatte, fragte uns der Häuptling, in geläufigem Schwarzfuß, woher wir kämen. Beinahe alle älteren Arapaho sprachen in jener Zeit die Schwarzfußsprache fließend, während die Schwarzfuß niemals Arapaho sprechen lernten. Die Sprache war zu schwer für jemand, der nicht damit geboren und aufgewachsen war.
»Wir kommen,« erwiderte Li-sis-tsi, »vom oberen Judith, von der Mündung der warmen Quellen.«
»Mein Häuptling Großer See sendet Dir dieses,« und damit überreichte er ihm eine große Rolle Tabak, »und bittet Dich, mit ihm freundschaftlich zu rauchen.«
»Ah,« sagte Drei Bären lächelnd und legte den Tabak beiseite, »Großer See ist mein guter Freund, wir wollen mit ihm rauchen.«
»Mein Häuptling sendet Dir auch durch mich Botschaft, daß Du gut Acht haben mögest, auf Deine Pferde, denn einige unserer Jäger haben Spuren von Kriegsbanden auf diesem Weg gefunden. Wir selbst, dieser weiße Mann, der mein Freund ist, und ich, haben sie gestern morgen am Fluß gesehen. Vielleicht heute nacht, sicher morgen, werden sie über eure Herden herfallen.«
Daraufhin richtete der alte Häuptling eine Reihe Fragen an meinen Freund; zu welchem Stamm die Kriegsbande gehöre, wo wir die Spuren gesehen hätten u. a., die Li-sis-tsi so gut als möglich beantwortete. Dann wurde uns etwas gekochtes Fleisch, getrockneter Büffelrückenspeck und Pemmikan vorgesetzt. Während wir aßen, ratschlagte Drei Bären mit seinen anderen Gästen, die bald darauf fortgingen. Vermutlich wollten sie die Neuigkeit herumerzählen und Vorbereitungen zum Empfang der unwillkommenen Gäste treffen. Drei Bären sagte uns, daß sein Zelt das unsrige sei. Für unsere Pferde wurde gesorgt, unsere Sättel und Zäume brachte man herein und legte sie am Eingang nieder. Sein kostbares Bündel hatte mein Freund gleich bei Tagesanbruch sorglich im Walde versteckt.
Nach dem Frühstück mußten wir wieder rauchen, und Li-sis-tsi beantwortete dem Häuptling alle möglichen Fragen über die Piegans. Dann wanderten wir durchs Lager hinab zum Fluß. Unterwegs wies er mir das Zelt seines voraussichtlichen Schwiegervaters. Der alte Büffelkopf war ein Medizinmann, und die Außenseite seiner Behausung war mit den Symbolen seiner besonderen, ihm im Traum verliehenen Macht, zwei großen, schwarzen Grizzlybären und roten Monden bemalt.
Wir saßen eine Weile am Ufer und schauten einigen Jünglingen und Knaben zu, die sich im Wasser tummelten. Ich bemerkte, daß mein Gefährte immer nach den Weibern, die zum Wasserholen kamen, ausschaute. Die, die er suchte, kam aber nicht, und so kehrten wir nach einer Weile in des Häuptlings Zelt zurück. Als wir eintreten wollten, sahen wir, wie einige Weiber einen fetten, jungen Hund erwürgten.
»Warum töten sie den Hund?« fragte ich.
»Ach,« erwiderte er, »sie wollen uns einen Festbraten auftischen.«
»Einen Festbraten für uns?« wiederholte ich erstaunt. »Meinst du denn, daß sie den Hund kochen wollen und ihn uns vorsetzen werden?«
»Ja. Diese Arapaho essen Hunde. Sie halten das Fleisch für besser, als Büffel- oder anderes Wildpret. Es wird gekocht und uns in großen Mengen vorgesetzt und wir müssen es essen, sonst verstimmen wir sie.«
»Ich rühre nichts davon an,« rief ich, »nein, sowas esse ich nicht!«
»Aber du mußt! Du wirst es essen! Sonst machst du dir unsere Freunde zu Feinden – und – verzweifelt fuhr er fort – verdirbst vielleicht mein ganzes Glück.«
