In Zeiten der Sanduhr - Klaus Germer - E-Book

In Zeiten der Sanduhr E-Book

Klaus Germer

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Beschreibung

Miriam ist weg, verschwunden nach einer feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier, an den Hamburger Landungsbrücken. Die Polizei geht von einem Unfall aus und hat wenig Lust, den Fall von allen Ecken zu beleuchten. Miriam ist aber nicht irgendwer, weswegen sich der Hauptverantwortliche der Suche an einen alten Freund wendet, der ihm helfen soll, die Hintergründe des Falles zu beleuchten. Und der legt los - und kreuzt die Wege der neuen Chefin der Blauen Libelle.

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Eine Hamburger Geschichte über Liebe und Freundschaft und Gewinn und Verlust

Inhaltverzeichnis

1. Barbara aus Stuttgart

2. Landungsbrücken

3. Die Blaue Libelle GmbH

4. Gesellschafter

5. Sie ist weg

6. Eddie und Joe

7. Besprechung in der Blauen Libelle

8. Ehemann

9. Hinnerk der Zweite und Dritte

10. Picknick

11. Koch

12. Plötzlich Sommer

13. Kollegin

14. Chef

15. Schwester

16. Freundin

17. Kinder

18. Interlude

19. Lea-Marie

20. Ehemann

21. Libanon

22. Nachbarn

23. Kunden

24. Eltern

25. Follow The Money

26. Elodie

27. Gegner

28. Nochmals Ehemann

29. Psychologin

30. Viel Feind, viel Ehr‘

31. Fazit

32. Weihnachtsfeier

33. Gitanes

34. Südlich des Äquators

1. Barbara aus Stuttgart

Ihre blonden Haare hatte sie derart straff und streng nach hinten gezogen, dass es aussah, als fliehe ihr Gesicht vor sich selbst. Das alles mündete in einen akkurat gedrechselten Zopf, der ihr den Rücken herabhing wie das Seil einer Kirchenglocke in der Ruhe vor dem Sturm.

Dass sie schwäbelte wie nichts Gutes, sprach eigentlich gegen jegliches Interesse, aber Joe ging gern in die Blaue Libelle, und da blieb es nicht aus, mit der erfrischend freundlichen Wirtin irgendwann ins Gespräch zu kommen und grobe gemeinsame Eck- und Knotenpunkte auf den verschiedenen Lebenswegen zu markieren.

Es kam schnell heraus, dass sie eine Hassliebe zu ihrem jeweiligen Fußballverein verband: Joe zum HSV, wozu es weiter nichts zu sagen gab, als dass er der ältesten Tochter der Vereinslegende einst romantisch zugetan war, mit elf. Das saß tief.

Sie zum VfB Stuttgart, und das war schon extremer: Sie war langjährige Freundin eines Platinmitglieds, dem es gelungen war, seinem Dackel Guido eine Mitgliedsnummer dieses Vereins zu verschaffen, und das alles fand sogar seinen Weg in die Stuttgarter Zeitung (oder waren es die Stuttgarter Nachrichten?).

Joe hatte einmal in der Nähe Stuttgarts gewohnt und regelmäßig das Corso-Kino frequentiert, in dem wegen der Nähe einer US-Basis ausschließlich Filme im Original gezeigt wurden. Ohne Untertitel. Barbara, das war ihr Name, war ganz in der Nähe auf die amerikanische High School gegangen, was den Vorteil hatte, dass ihr amerikanisches Englisch, im Gegensatz zu ihrem Deutsch, vollkommen akzentfrei war.

Barbara, und sie hatte nichts gegen Babsie, Babs, Barb, Barbie oder Barbarella. Er blieb beim Joe, immer schon, nie Achim oder gar Hans-Joachim. Und sag niemals Hajo zu ihm.

2. Landungsbrücken

Wer an den Landungsbrücken steht, am östlichen Ende des sandfarbenen Gemäuers, und nach links guckt, der sieht sie, die Elbphilharmonie. Majestätisch thront sie da auf der Kante, wie ein Leuchtturm. Die Ecke davor ist die „Kehrwiederspitze“, weil da früher die Mädchen und Mütter ihren seefahrenden Liebsten nachwinkten und hofften, dass sie auch wiederkamen.

Joe stand an den Landungsbrücken, es war arschkalt und das Wasser schwarz. Schwappte über die Pontons, auf denen sich die Buden für Fischbrötchen befanden. Die, seiner Meinung nach, allesamt überbewertet wurden: Es kam nicht auf die Bude an, sondern auf den Fisch. Und der wurde oft überschätzt, genau wie Astra und Franzbrötchen.

Joe war Hamburger durch und durch, gute einsneunzig groß und, tja, was war er? Schlank? Hager? Einer von denen, die in der Jugend dünn sind und später im Alter trotzdem nichts raufpacken. Seine Schultern waren nicht allzu breit, aber auch nicht eingefallen oder schief. Sein einst schwarzes Haar trug Einsprengsel von grau und sein Gesicht zeigte bei genauem Hinsehen durchaus wahrnehmbare Spuren jahrelangen Nikotin- und Alkoholmissbrauchs, aber alles hatte auch sein Gutes: Es waren noch fast alle Haare da, und sowohl Alkohol- als auch Zigarettengenuss hatte er seit einigen Jahren gebändigt, beides genoss er nur zu sehr seltenen Gelegenheiten, und nichts hatte ihn so sehr im Griff, als dass ihm irgendetwas entgleiten könnte. Seine Augen waren klar und seine Stimme fest.

Er drehte sich um und ging Richtung Bahnhof, kurz vorher rechtsrum, gleich wieder links, und er war in der Dietmar-Koel-Straße, im Portugiesenviertel. Am Ende wieder rechts, und man stand vor dem VERLAG. Dahinter der Michel, der Großneumarkt, früher ein beliebtes Ausgehviertel für Jung und Alt, heute ging da nur noch Alt hin, wenn überhaupt.

Joe wusste zu diesem Zeitpunkt, im frühen Januar, noch nicht, dass es mehrere Verschiebungen in seinem Leben geben würde, dass ein für viele andere sehr wichtiger Meilenstein für ihn selbst keine große Rolle spielen würde, dass alte Geschichten ihn einholen würden, dass es die Chance gäbe, Neues aufzubauen.

Ohne es zu wissen, befand er sich in einem magischen Dreieck.

Er ging am VERLAG vorbei auf die Speicherstadt zu, am Vorsetzen links, über die Niederbaumbrücke, an der schmucken Polizeiwache vorbei, noch zwei Schlenker, schließlich stand man davor. Schlangen an den berühmten Rolltreppen, Fernsehteams, Schaulustige.

Ihm war es egal, er sah das Ding und wusste, dass er sich jedes Mal, wenn er dieses imposante Bauwerk sehen würde, sei es in echt oder auf Bildern, zuhause fühlen würde.

Und er würde es niemals „Elphi“ nennen, und das war doch schon was.

3. Die Blaue Libelle GmbH

Sie war Kneipenwirtin und mit ihrem VfB-Urgestein jedes Jahr zu den Spielen gegen St. Pauli und/oder den HSV nach Hamburg gekommen und hatte die Stadt lieben gelernt. Als die Liebe zum Urgestein und seinem Dackel irgendwann zu flackern begann und schließlich nur noch schwach glomm, dachte sie über einen Tapetenwechsel nach. Als ihr Blick auf einer Anzeige in der Gastro-News liegen blieb, „Wir wollen eine Hamburger Institution werden und suchen jemanden, der den Laden schmeißt“, unterzeichnet mit „Die Gründer der Blauen Libelle“, da bewarb sie sich, wurde zum Vorstellungsgespräch in eine vornehme Rechtsanwaltskanzlei eingeladen (ungewöhnlich) und man bezahlte ihr sogar den Flug (noch ungewöhnlicher).

Kurz darauf landete sie in Hamburg, fuhr per Taxi an die Binnenalster und ließ sich am Jungfernstieg absetzen. Der Taxifahrer war aufgeregt:

„Hier ham sie mal ein erschossen, am helllichten Tag, genau hier. Angeblich n Russen. Hielt auf der falschen Seite vom Vier Jahreszeiten“, er wies kurz auf das berühmte feine Hotel, „und zack, der Russe tot und zack, sein Leibwächter auch.“ Er schüttelte den Kopf.

Barbara machte, was man macht, wenn einem ein Lokalmatador etwas lokalrelevantes erzählt: Sie guckte aus dem Fenster, sah weder Blut noch Reste der polizeilichen Untersuchung und stieg aus.

Die Kanzlei war im vierten Stock eines roten Backsteinhauses an der Ecke zu den Großen Bleichen. Feine Gegend.

Der Anwalt war mittelalt, mittelgroß und die Karikatur des gediegenen Hanseaten: Weinrote Budapester Schuhe. Blauer Blazer, dunkelgrüne Krawatte mit irgendeinem Wappen zum blau-weiß gestreiften Hemd, Siegel- und Ehering, goldene Manschettenknöpfe. Er sprach wie Helmut Schmidt und ging gleich ins Eingemachte.

Als er damit fertig war, stand er auf: „Dann lassen Sie uns doch mal gucken.“

Der nette Anwalt ging mit ihr die Großen Bleichen und die Wexstraße entlang. Richtung Hamburger Großneumarkt, von dem sie noch nie etwas gehört hatte. An der Ecke Brüderstraße blieb er stehen und zeigte auf einen Friseursalon: „Hier kommt die Blaue Libelle hin. Ende des Monats geht der Meister raus, wir bauen büschen um, in drei Monaten sind wir startklar. Uns wäre lieb, wenn Sie den Umbau begleiten könnten und schon alles andere regeln könnten.“

„Alles andere“ hatten sie während des ersten Teils des Gesprächs schon beredet: Grundausstattung welchen Typs, Tresenart, Mobiliar und was dazu gehörte.

„Kost und Logis zahlen wir Ihnen in der Probezeit auf’s Gehalt pauschal drauf, damit sie auch Zeit haben, sich in Ruhe etwas zu suchen, da helfen wir gern.“

Und das war es auch schon fast.

Sie fragte noch, wer der Investor sei, aber der Anwalt blockte das ganz ruhig ab, das sei ein stiller Gönner mit Interesse an der Gastronomie, der würde sich schon noch zu erkennen geben, aber er bäte momentan noch um Verschwiegenheit bla-de-bla.

Nun war Barbara aus Schwaben, aber sie war nicht naiv und ihr Hirn begann, alle denkbaren Szenarien durchzurattern, viel gab es da zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu eruieren. Wenn, dann ging es um’s Verschieben gewisser Summen, aber der Advokat machte einen gediegenen Eindruck, alle Auslagen hatte man vorab bezahlt und immerhin war das Einrichten eines Ladens und die Möglichkeit, dem ganzen einen eigenen Stempel aufzudrücken, immer noch wesentlich attraktiver als jeden Morgen in VfB-Stuttgart-Bettwäsche neben einem immer fetter werdenden Dackelhalter aufzuwachen.

Aber so viel wollte sie dann doch wissen: „Wenn das irgendeine Geldwäschegeschichte ist, wird‘s fein schwierig.“

„Barbara, ich bin Rechtsanwalt, kein Gauner. Ich hatte es Ihnen schon erzählt, wir sind spezialisiert in der Gastronomie, wir kennen Wege, handelnde Personen auf beiden Seiten des Hafens“, er meinte Ordnungsamt und Wirte, „im vorliegenden Falle wurde eine GmbH gegründet, mit einem ordentlichen Gesellschaftervertrag und einer mehr als gesunden Ausstattung, die Einzelheiten nenne ich Ihnen nach Unterzeichnung Ihres Arbeitsvertrages.“

Was gab es da zu überlegen? Der Mann war geradeheraus, warum sollte sie sich zieren?

„Ich mach‘s, oder haben Sie noch andere Bewerber?“

„Geben Sie uns bis Ende der Woche.“

Es war Donnerstag, am Freitagmorgen kam der Anruf, hier lief alles per Telefon, keine Mails, keine Kurznachrichten.

Vier Wochen später war sie wieder in Hamburg und zunächst im Motel One am Michel untergebracht, während sie die Umbauarbeiten begleitete. Der Anwalt hatte ihr noch mitgeteilt, dass die Geldgeber schon diverse Mitarbeiter gesichtet und auf Probebasis eingestellt hatten, sie könne da natürlich ein Wörtchen mitreden, aber man würde sich freuen, wenn die Auswahl zusagte. Ach ja, man sei in diverse Resozialisierungsprojekte involviert und habe daher einige entlassene Strafgefangenen, Gestrauchelte, Geflüchtete, vom Wege der Tugend abgekommene berücksichtigt. Man würde ihr von allen Mitarbeitern selbstverständlich die korrekten Namen und Daten nennen, die könne sie aber bitte gleich wieder vergessen und erst wieder erinnern, wenn es aus offiziellen Gründen nötig sei.

Barbara hatte diversen Kneipen im rauen Stuttgarter Norden zuerst als Bedienung, später als Chefin geführt, sie wusste, wie der Hase lief. Zumal der Jurist sie wiederholt gebeten hatte, sich an ihn zu wenden, wenn es Probleme geben sollte.

Gab es nicht.

Die Eröffnung wurde nicht groß gefeiert, diverse Brauereien hatten ihre jeweiligen Außendienstmitarbeiter geschickt, die Nachbarn kamen und per Zufall auch ein etwas verwitterter, aber trotzdem oder gerade deswegen interessanter Typ namens Joe. Der hatte schnell raus, dass Barbara aus Schwaben kam und erzählte, was es früher in dieser Ecke alles gab. Und dass er auch mal in Stuttgart gelebt habe.

Alles freundlich und unaufdringlich, allerdings geriet er aus dem Häuschen, als Barbara ihm erzählte, dass sie noch dabei sei, eine Ecke für einen anständigen Barbetrieb einzurichten, mit zeitweisem Profi-Bartender und klassischen Cocktails.

Manhattans. Negronis. Martinis.

„Eiskalt, klar und crisp?“

Sie nickte.

Genau ihr Ding.

Sie war gerade drei Monate in Hamburg, und fühlte sich sauwohl, und plötzlich mit kleinen Schmetterlingen im Bauch.

Frisch geschlüpft, die sausten da noch ganz vorsichtig herum.

4. Gesellschafter

Joe kam öfter in den Laden, aber er war nie aufdringlich. Manchmal war er eine Woche nicht da, dann wieder drei Abende hintereinander. Er trank wenig aber liebte den Barbetrieb und freundete sich mit allen Barkeepern an. Fachsimpelte über Gin- und Wermut-Verhältnisse, dass man auch eine schwache und zwei starke Spirituosen in einer Weise mischen könne, dass man die schwache noch schmeckte, dass er mal einen Bartender gesehen habe, der ein langes Messer am Gürtel trug und allerhand Räuberpistolen mehr.

Barbara wusste nicht, wie sie ihn nehmen sollte, ob es Zeichen gab, die sie nicht verstand, war das hier im Norden anders? Er musste sie irgendwie mögen, warum kam er sonst, ging immer zu ihr und begrüßte sie freundlich, aber irgendwie… unpersönlich? Schüchtern war er nicht. Auch nicht zu alt für sie. Sie grübelte, hatte allerdings auch keinen, den sie fragen konnte. In Stuttgart war sie seit Arbeitsbeginn nicht gewesen, ihr graute vor dem endgültigen Abschied, aber der war unausweichlich und würde kommen, sobald ihre sechsmonatige Probezeit beendet war. Und die würde sie bestehen, es lief bestens, der Laden war jeden Abend gut gefüllt, an den Wochenenden krachend voll, es gab bisher keine Tendenzen zu einer Themenlastigkeit, wie sie es nannte: Weder reklamierten St. Pauli-, noch HSV-Anhänger das Lokal für sich, weder Rocker noch Boomer, ganz im Gegenteil: Das Publikum war im wahrsten Sinne des Wortes schillernd und die Blaue Libelle wurde ein Schmelztiegel, ein Tummelplatz der verschiedensten Richtungen der Menschheit und das war das.

Ein einziges Mal hatte es, abgesehen von den szeneüblichen Abstürzen, Anraunzereien und Beinah-Prügeleien, eine unangenehme Situation gegeben: Ein rattiger Mann, den auch vernünftige Kleidung und eine goldene Armbanduhr nicht vom Ruch des billigen, fiesen befreien konnte, trank ein Glas des besten Whiskys aus der Bar, ließ sich die Flasche zeigen, entwand sie dem Tresenpersonal und verließ flascheschwenkend und mit der Drohung „Ihr hört noch von uns“, die Blaue Libelle. Nicht ohne vorher vor Barbara, als sie ihn zur Rede stellen wollte, ekelhaft auf den Boden zu spucken. Den schachbrettartig schwarz-weiß gefliesten.

Sie griff sofort zum Telefon, aber Nabil, der Bartender, der mit seinen jüngeren Brüdern Karim, Nadim und Kamil das Rückgrat der Personaldecke bildete, die libanesische Viererkette, hielt sanft ihr Handgelenk fest.

„Ich hab schon erledigt.“

Am nächsten Abend erschien der gestern noch freche Mann wieder, äußerlich unverändert, aber man merkte, dass er große Mühe beim Gehen hatte. Er brachte eine neue Flasche Whisky plus eine Magnum des besten Wodkas für die Bar und einen großen Blumenstrauß für Barbara. Er entschuldigte sich in aller Form durch gepresste Lippen und wischte symbolisch mit einem blütenweißen Taschentuch über die Stelle, auf die er am Abend vorher gespuckt hatte. Nabil stand mit verschränkten Armen hinterm Tresen und zeigte mit dem Kopf an die Decke. Auf die Kamera. Der Mann, die Ratte, deutete in Richtung Kamera eine Verbeugung an und verließ langsam den Laden. Er wurde nie mehr gesehen. Andere Glücksritter hielten sich fern.

Eines Abends wurde Barbara freundlich, aber bestimmt an einen Vierertisch gebeten. Dort saßen zwei gutaussehende mittelalte Türken? Zyprioten? Sie wusste es nicht. Bei ihnen zwei blonde, altersmäßig passende attraktive Frauen, die eine trug einen Arztkittel mit einem aufgestickten Flügeltüren-Mercedes auf Brusttasche und Rücken.

„Und die waren im Adenauer da“, später, zu Joe.

„Woher weißt du, was ein Adenauer ist? Dafür bist du doch viel zu jung.“

War das eines seiner Komplimente, die sie nicht lesen konnte? Egal.

„Hanoi, mein Vater hat beim Daimler geschafft und bevor ich auch nur Barbie sagen konnte, musste ich alle Mercedes-Typen lernen, alt wie neu.“

Alle stellten sich höflich vor, und da wusste Barbara, das waren die Gesellschafter: Jeder von denen hatte eine Viertelmillion investiert, und bisher hatten sie sich noch nie eingemischt, weder direkt noch indirekt. Man war gleich per Du, alle ließen sich erstaunlich harte individuell zusammengestellte Drinks servieren, bis auf die Frau im Arztkittel, die musste fahren, und der eine, der anscheinend ein kleines bisschen wichtiger war als die anderen, ihm fehlte ein Finger, der fragte, ob alles im Lot sei, ob sie etwas brauche, ob das Personal ok sei, sie sollte nur bloß immer sagen, könne auch zum Anwalt gehen, der hatte das alles in Gang gesetzt, sie alle, er wischte um den Tisch herum, seien mit dem Tagesgeschäft nicht betraut, aber gerade er habe seine Erfahrungen mit der Gastronomie, da wolle man ungestört seinem Job nachgehen, der sei anstrengend genug, da sollte es keine Störungen geben.

Sie verstand.

Er sah, dass sie verstand.

Und damit war es gut.

Sie stand auf und prostete der netten Runde nochmals mit dem Glas Crémant zu, dass man ihr spendiert hatte und alle waren happy, und alle waren gute Freunde, und beim Weggehen drehte sie sich nochmal um: „Eins noch.“

„Nur zu.“

„Warum heißt der Laden hier ‚Die Blaue Libelle‘“?

Die vier guckten sich an und grinsten und der Anführer sagte: „Oh, das ist eine lange Geschichte“, machte aber keine Anstalten, sie zu erzählen.

5. Sie ist weg

Joe und Eddie kannten sich seit Jahrzehnten.

Länger.

Sie gingen zusammen zur Schule, fuhren früher zusammen in den Urlaub, Joe machte eine kaufmännische Ausbildung und ging schnell aus Hamburg weg, Eddie studierte Jura und blieb. Eddie war zum dritten Mal verheiratet und hatte keine Kinder, Joe einmal und war Vater.

Eddie hatte von zuhause Geld und kapitalistische Gene und Beziehungen, und jeder, auch Joe, war erstaunt, als er nach seinem Studium und sämtlichen Referendariaten zur Polizei ging und sich nicht als sauteurer Anwalt irgendwo niederließ. Andererseits war er vom sechzehnjährigen CDU-Mitglied zum Grünen durch und durch geworden, was ihn aber nicht daran hinderte, im alten Porsche übers platte Land zu schrubben oder lange weite Reisen zu machen. Seine ersten beiden Ehen gingen, vorhersehbar, in die Hose, weil er ebendiese nicht oft genug anbehalten konnte, er wurde aber mit Ende vierzig weise und jagte nicht nach jungem Wild, sondern verliebte sich in die oberste schleswig-holsteinische Landesrichterin und landete in ihrer Wohnung mit Kieler Fördeblick, die sich wiederum durch ihren Vater ergab, der irgendein nordischer Potentat war.

Was Eddie alles nicht scherte, er blieb, wie er war und behielt auch seinen Polizeijob in Hamburg, den er allerdings dahingehend aufweichte, dass er ihn weitestgehend mobil absolvierte. Sporadisch auf die Autobahn nach Hamburg reichte dafür aus.

Er ließ Joe herein, wartete die üblichen Minuten, damit er sich von dem grandiosen Ausblick erholte und ging voraus an einen gedeckten Kaffeetisch. So war es schon immer – Eddie brachte schon zu Schülerzeiten Kaffee immer in feinstem Porzellan und immer mit Zuckerdose, auch wenn weder er noch Joe Zucker nahmen.

„Noch was?“

Joe schüttelte den Kopf.

Eddie reichte Kuchen vom besten Kieler Konditor und da er wusste, dass Joe es hasste, wenn man mit vollem Mund sprach, aßen beide schweigend ihre Torte und Joe, der von Eddie zu diesem Treffen gebeten wurde, sah sich im Vorteil und aß weiter, als Eddie schon geendet hatte und zum Punkt kommen wollte.

Es wirkte.

„Mensch, kannst du bitte aufhören, oder iss nachher weiter.“

„Ja ja, ich will dich nur ärgern, komm, leg los, was gibt’s, wozu fahre ich den weiten Weg in die Provinz?“

Eddie grinste das weg, jedem Hamburger brannte es auf den Nägeln, den Nordmann zu verspotten, nun war es wenigstens aus dem Weg.

„Pass auf, langer Rede kurzer Sinn, du hast gehört von dieser Instagram-Pinterest-VERLAGs-Frau, die verschollen ist?“

„Die nach einer Weihnachtsfeier besoffen in die Elbe gefallen ist? Klar.“

„Aah ah-ah-ah, da sagt man so oder so, es gibt mehrere Denkschulen.“

„Bullshit; ist klar, dass die Angehörigen, Arbeitgeber, Follower oder was weiß ich das nicht wahrhaben wollen, aber der gesunde Menschenverstand…“

Die Frau war auf einer Weihnachtsfeier im Portugiesenviertel gewesen. Alkohol war geflossen, alle waren sich einig, dass sie zumindest leicht angeschickert war, vielleicht sogar mehr, es gab eine kleine Szene an einem der Tische, sie war involviert, eines kam zum anderen, sie stob wutentbrannt davon, sie lehnte das bereits gerufene Taxi bockig ab, sie schwankte zum Bahnhof, dabei wurde sie anfangs gesehen, ihr fiel etwas ein, eine Kollegin meinte, sie in Richtung Landungsbrücken gehen gesehen zu haben, aber da kam nichts mehr. An der Ecke des Gebäudes, neben der Gangway zur Brücke, lag ihre Jacke mit Schlüsseln, einhundertachtzig Euro in bar, sonst nichts. Kein Handy, keine Kreditkarten, kein Ausweis. Übrigens die gleiche Ecke, nein, exakt dieselbe Ecke, von der aus Joe damals seinen Elbphilharmonie-Antrittsbesuch gestartet hatte.

„Guter Punkt, der gesunde Menschenverstand: Wir wollen es sehen wie du, aber es hilft nichts. Sie ist verschollen, insofern kein case closed. Wir müssen weiterhin aktiv sein, aber das ist wie dem Gras beim Wachsen zuzugucken, man kann es nicht erzwingen.“

„Alles klar, wie kann ich helfen?“

„Gut, dass du fragst: Wir haben weder Zeit noch Geld noch die Leute, um hier Arbeit vorzugaukeln. Andererseits will die Familie nicht sehen, dass wir warten, bis unsere Freundin, die schließlich auch Tochter, Schwester, Frau und Mutter ist, irgendwo als hässliche Wasserleiche wieder auftaucht. Auftauchen darf sie schon, möglichst durch unser Zutun. Wir müssen Aktivität zeigen, und da kommst du ins Spiel. Du kannst mit Menschen, du kennst unseren Job.“

„Ich soll mich als Polizist ausgeben, nur damit die denken, ihr arbeitet daran?“

„Nein nein nein – so leicht machen wir es dir nicht, genau andersrum: Du wirst freier Mitarbeiter der Behörde für Inneres und hörst dich um und arbeitest dir den Arsch ab, bis die, in welchem Aggregatzustand auch immer, auftaucht.“

„Und wenn weder das eine noch das andere passiert?“

„Dann ziehen wir dich nach ein paar Monaten wieder ab und sagen, dass es keine realistische Möglichkeit gibt, dass sie noch lebt.“

„Entführung?“

„Klar, das könnte sein, ist aber unwahrscheinlich, aber wenn, klar. Ja. Es würde sich jemand melden und auch bei sonstigen Verbrechen, die nichts mit Elbe und Alkohol zu tun haben, entweder wir kommen dem auf die Spur oder eben nicht. Meistens aber doch.“

„Na, gut, natürlich, alles, um mich abzulenken tu ich gern.“

Eddie sah Joe prüfend an: „Ist alles klar bei dir?“

„Das übliche.“

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Eddie, du hilfst mir mehr, als du es selbst für möglich hältst. Wirklich. Ich beiß mich da rein und habe ein paar Wochen, Monate zu tun, und wir sehen weiter. Ok?“

Er stand auf und wollte zur Tür gehen.

„Warte warte warte. Zum einen, melde dich bitte bei Thorsten Puvogel, der weiß schon Bescheid, der kann dir alles wichtige geben und dient als dein Kontakt. Nummer ist hier. Noch was, ich meinte das ernst: Kann ich irgendwas machen, tun? Hast du wieder Ärger mit Tina, zu viel getrunken, fällt dir die Decke auf den Kopf?“

„Nein, Eddie, tatsächlich habe ich jemanden kennengelernt, ganz frisch noch, bin aber etwas eingerostet, das zieht sich etwas dahin. Lass mich in deine Wasserleiche in spe eintauchen, das tut mir gut.“

Und weg war er. Vorher drehte er sich nochmals um: „Heißt der echt Puvogel?“

„Ja, wie Klein-Erna.“

6. Eddie und Joe

Eddie hatte zwei äußere, sehr extreme Eigenschaften, die sich glücklicherweise aufhoben: Zum einen sah er immer aus wie aus dem Ei gepellt, selbst in zerrissenen Hosen und nach furchtbar durchzechter Nacht. Immer. Unrasiert, mit dreckigen Fingern, in Flip-Flops oder wenn sich der Friseur verschnitten hatte, man kriegte den Mann nicht aus der Reserve, er sah immer aus wie Schwiegermutters Liebling.

Es gab aber einen Haken: Mit Beginn der Zwanziger hatte sich eine Schwammigkeit an ihn gehängt, als hätte sich jedes Bier, jedes Sahnestück, jeder Löffel seines geliebten Grünkohls mikrometerweise teigig auf seinen Rippen verewigt. Ihn umgab eine sehr dünne mikroskopische Fettschicht. Er hatte keine klare Kante, keine Ecke, er war immer kurz vor der Grenze zur Verfettung. In den USA sah man das öfter, das waren Männer, deren zeltgroße beige Hosen über dem Bauchnabel mit mächtigen Gürteln zusammengeschnürt waren. Sie hatten enorme Oberarmmuskeln, breite Schultern, toll. Aber eben auch immer einen fetten Arsch und den breitbeinigen Gang derjenigen, deren Oberschenkel aneinander scheuern. Ganz so weit war es bei Eddie nicht, aber man dachte immer, es passierte jede Minute, und er litt auch darunter, zumal der gnadenlose Joe ihn schon durch Blicke auf die Palme bringen konnte. Diese langsamen Joe-Blicke, die auf allen empfindlichen Stellen ruhten. Furchtbar.

Sonst aber war er gut drauf, er war mit sich im Reinen.

Bei Joe sah es etwas anders aus. Beruflich hatte er lange Erfolg gehabt, auch ohne Studium. Er verließ Hamburg mit Ende Zwanzig, um im Süden der Republik seiner Karriere freien Lauf zu lassen, er fand da auch schnell eine Frau, Tina, und wurde nach bis dahin rapide wechselnden Beziehungen treu und häuslich mit zwei wohlgeratenen Kindern und hatte ein schönes Leben in wechselnden Positionen und Branchen, aber urplötzlich brach der Erfolg ab. Die Leichtigkeit war weg. Er verlor seinen letzten Job im Schwäbischen und hatte auch keine Angebote mehr, die ihn auffingen und meistens wie durch ein Wunder wieder eine Stufe nach oben spülten. Er leierte seinem Arbeitgeber eine anständige Abfindung aus dem Kreuz, aber auch die war irgendwann verdorrt. Er suchte und suchte, aber er fand nicht.

Das alles demotivierte ihn und trug nicht zur Stimmungsverbesserung zuhause bei. Tina machte ihm Vorwürfe, stand nicht hinter ihm, fand er, und irgendwann gab es plötzlich nur noch Arbeitslosengeld, das aber reichte gerade eben zum Überleben. Das Sparbuch war schmal, aber was sollte man tun: Ran an die Substanz.

All das wurde begleitet von immer gefühlskälter und beißender geführten Streitereien, Joes vormals durch ein unerschütterliches Selbstbewusstsein befeuerte messerscharf geschliffene Eloquenz stumpfte ab, es wurde unangenehm, es wurde hässlich.

Bevor alle Dämme brachen, raffte er sich zusammen, fraß Kreide und schlug seiner Frau eine, zunächst örtliche, Trennung vor.

„Wo willst du denn hin?“

„Hamburg.“

Sie fühlte sich in Stuttgart wohl, hatte einen Job in einem Maschinenbaubüro gefunden und trug somit nicht unwesentlich zum Aufrechterhalten des Haushalts bei.

„Und wohin?“

„Ich kann beim Dritten und Marion wohnen. Erstmal.“

„Und wir?“ Sie und der Sohn, der noch zur Schule ging. Letztes Jahr vorm Abi. Die Tochter studierte in Salzburg und lag ihnen aufgrund eines Stipendiums nicht merkbar auf der Tasche.

„Ich geb euch jeden Monat tausend Euro, dann bleiben noch achthundert für mich übrig, das hält für ein paar Monate, da findet sich schon was.“

„Du mit deinem Optimismus…“, sie holte Luft, aber Joe hielt es nicht mehr aus:

„Ok, lass, erspar‘s dir, ich düse ab.“

„Was, jetzt?“

„Ja, jetzt.“

Packte seine Tasche und ging.

Ungefähr die Hälfte ihrer Freundschaft hatte sich Eddie bei Joe ausgeweint, buchstäblich. Das war aber in den Zeiten ersten ernsten Liebeskummers, diverser angeblicher Schwangerschaften, Drogen-Unverträglichkeiten und Zukunftsängsten. Letztere, weil Joe mit noch nicht einmal dreißig Jahren als Niederlassungsleiter eines großen Hamburger Unternehmens nach München ging, Eddie aber weiterhin seinem ersten Staatsexamen entgegen bibberte.

Sie waren viele Jahre auf Augenhöhe, aber das Blatt hatte sich gewendet und Joe heulte sich seit einigen Jahren regelmäßig bei Eddie aus.

„Mensch, was ist bloß los mit dir? Du warst nie down. Na gut, doch, bei Simone damals, da wolltest du dich umbringen, hast aber stattdessen dramatisch über dem Mülleimer deiner Eltern dein bestes Hemd zerrissen.“

Da waren sie siebzehn.

Joe lächelte schwach.

„Ich weiß, Mann, aber irgendwas verklebt mir den Kopf. Weißt du noch, wie man sich früher immer freute? Immer auf irgendwas. Weihnachten, Geburtstag, Sommerferien, Italien-Urlaub, man hatte immer was. Wenn das eine vorbei war, kam was Neues. Kennst du das noch, das Gefühl?“

Eddie nickte. Kannte er. Ging ihm immer noch so. Segeln, Gin Tonics, Sonnenuntergänge mit seiner coolen Frau im Arm.

„Auch als Erwachsener noch, irgendein Streif war immer am Horizont. Das baute mich immer auf, ich war immer nach vorne. Aber jetzt?“

„Mensch, Mann, du hast Kinder, Du hast Freunde, fährst irgendwo hin, da muss doch was sein?“

„Weißt Du, was der Scheiß ist, Eddie? Willst du das echt wissen? Da ist nichts. Ich freue mich momentan auf nichts.“

Er war seit ein paar Wochen in Hamburg, wohnte beim Dritten und Marion, man ging sich gegenseitig höflich auf den Geist, und hatte sich halbherzig aufs Geratewohl beworben. Meist kamen nicht einmal Antworten.

Und dann saß er bei Eddie, der ihm irgendeine Möglichkeit am Telefon schmackhaft gemacht hatte, das sei was, das ginge.