Ingo und Ingraban - historischer Roman - Gustav Freytag - E-Book
Beschreibung

»So sagen auch unsere Männer, die im Westen waren. Ich habe bisher nur waffenlose Händler des schwarzhaarigen Volkes gesehen«, fügte er entschuldigend hinzu. »Mögen die Schicksalsfrauen den Römerfuß von eurem Grunde fernhalten«, antwortete der Fremde. »Du sprichst wie unsere Alten; wir Jungen aber denken, kommen sie nicht zu uns, so kommen wir wohl zu ihnen, denn wundervoll soll ihr Land sein, alle Häuser von buntem Stein, das ganze Jahr mildes Sonnenlicht und im Winter grüne Erde; der süße Wein gemeiner als Dünnbier, von Silber die Sessel und Bänke, die Mädchen tanzen im Goldschmuck und seidenem Gewand und der Krieger ist ein Herr der ganzen Pracht.« Vergebens erwartete der Wächter die Antwort des Fremden ...

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Gustav Freytag

Ingo und Ingraban

idb

ISBN 9783962241551

Ingo

1. Im Jahr 357

Auf der Berghöhe stand an dem Verhau, das die Wälder der Thüringer von den Katten schied, der junge Wächter und hütete den steilen Pfad, welcher aus den Gründen der Katten nach der Höhe führte. Ober ihm ragte der Wipfel einer mächtigen Buche, nach beiden Seiten lief der Grenzzaun den Kamm der Neige entlang, in dem dichten Gestrüpp blühten die Brombeeren und die wilde Rose. Der Jüngling trug den Wurfspeer in der Hand, auf dem Rücken am Riemen ein langes Horn, nachlässig lehnte er an dem Baum und horchte auf die Stimme des Waldes, den pickenden Specht oder das leise Rasseln in den Zweigen, wenn sich ein Waldtier durch das Dickicht wand. Zuweilen sah er ungeduldig nach der Sonne und wandte den Blick zurück, wo hinter ihm in seiner Tallichtung Blockhäuser und Gehege für Heidenvieh lagen.

Plötzlich bog er sich vor und lauschte; auf dem Pfad vor ihm klang leiser Fußtritt, durch das Baumlaub wurde die Gestalt eines Mannes sichtbar, der mit schnellem Schritt zu ihm heraufstieg. Der Wächter drehte den Riemen des Hornes und faßte den Speer zum Wurfe; als der Mann aus dem Gehölz auf den freien Grenzrand trat, rief er ihn an, die Spitze des Wurfspeers entgegenhaltend: »Steh, Waldgänger, und singe den Spruch, der dich von meinem Eisen löst!« Der Fremde schwang sich hinter den letzten Baum seiner Seite, streckte die geöffnete Rechte vor sich und sprach hinüber: »Ich grüße dich friedlich, ein Landfremder bin ich, unkundig der Losung.«

Mißtrauisch rief der Wächter ihm entgegen: »Du kommst nicht wie ein Häuptling mit Roß und Gesinde, du trägst nicht den Heerschild eines Kriegers, auch scheinst du nicht ein wandernder Krämer mit Pack und Karren.« Und der Fremde rief zurück: »Weit komme ich her über Berg und Tal, mein Roß verlor ich im Wirbel des Stromes, ich suche das Gastrecht in deinen Höfen.« »Bist du ein wildfremder Mann, so mußt du harren, bis meine Genossen dir das Land öffnen. Unterdes gib mir Frieden und nimm ihn von mir.«

Die Männer hatten einander mit scharfen Augen beobachtet, jetzt lehnten sie ihre Speere an die Grenzbäume, traten in den freien Raum und boten die Hände. Beim Handschlag prüfte einer des andern Antlitz und Gebärde. Der Wächter blickte mit ehrlicher Bewunderung auf den mächtigen Arm des Fremden, der wenige Jahre älter war als er selbst, auf die feste Haltung und die stolze Miene.

»Nicht mühelos wäre der Schwertkampf mit dir auf grünem Rasen,« sagte er treuherzig, »ich bin fast der längste Mann unserer Metbank und doch muß ich zu dir hinaufsehen. Sei gegrüßt unter meinem Baum und ruhe, indes ich deine Ankunft verkünde.«

Während der Fremde sorglos der Einladung folgte, hob der Wächter sein Horn an den Mund und blies einen lauten Ruf in die Täler seines Volkes. Die wilden Klänge tönten im Widerhall von den Bergen. Der Wächter schaute nach den Hütten der fernen Lichtung und nickte zufrieden mit dem Kopf, denn um die Häuser wurde eine Bewegung sichtbar; nach kurzer Zeit eilte ein Reiter der Höhe zu. »Nichts über einen starken Hall aus Auerhorn«, sprach er lächelnd und glitt neben dem Fremden in das Heidekraut, während sein schneller Blick den Aushau des Waldes entlang und in das fremde Tal vor ihm flog. »Sprich, Wandrer, ist vielleicht ein Verfolger auf deiner Fährte, oder hast du sonst Krieger im Walde gesehen?«

»Nichts schallt im Walde, als was hineingehört,« versetzte der Fremde, »kein Spürer der Katten achtete auf meinen Pfad seit sechs Nächten und Tagen.«

»Die Söhne der Katten kommen blind zur Welt, wie junge Hunde«, rief der Wächter verächtlich. »Dennoch meine ich, daß du dich gut auf Waldversteck verstehst, wenn du ihre Wachen vermieden hast.«

»Vor mir war Licht, hinter mir Finsternis«, antwortete stolz der Fremde. Der Wächter sah mit Anteil auf den Mann, in dem gebräunten Antlitz war jetzt deutlich die Erschöpfung zu sehen, der Leib lag schwer gegen den Baumstamm. Eine Weile überlegte der Wächter: »Hattest du die Rache der Katten zu fürchten, so hast du wohl auch tagelang Feuer und Rauch entbehrt und üble Reisekost gefunden, denn der Wald bietet jetzt nicht einmal Beeren und wilde Frucht. Sieh, ich gehöre zur Bank des Häuptlings, nicht weiß ich, ob er dir sein Brot und Salz reichen wird; aber hungernden Mann im Walde mag ich nicht schauen. Nimm und iß aus meinem Ranzen.« Der Wächter griff hinter den Baum, holte eine Tasche von Dachsfell hervor und bot darin Schwarzbrot und Fleisch. Der Fremde sah ihn dankbar an, aber er schwieg. Da hielt ihm der Wächter ein kleines Horn entgegen, öffnete den Holzdeckel und mahnte freundlich: »Nimm auch das Salz, unter dem Baum ist mein Heimwesen, hier bin ich der Wirt.« Der Fremde faßte danach: »Gesegnet sei dir die Gottesgabe, wir sind Freunde.« Er aß kräftig, der Jüngling sah ihm zufrieden zu.

»Wenn die milde Sonne ihre Strahlen durch das Baumlaub sendet, dann ist dein Wächteramt froher Dienst,« begann der Fremde endlich das Gespräch, »wenn aber der Wald tobt in der Sturmnacht, dann bedarf der Waldhüter Mut.«

»Der Grenzrain hier ist den guten Göttern des Volkes geweihet,« versetzte der Wächter, »von beiden Seiten rinnen die heiligen Quellen hinab in die Täler, wir Waldleute aber sind vertraut mit dem Nachtgesang der Bäume.«

»Du bist jung an Jahren,« fuhr der Fremde fort, »dein Herr schenkt dir großes Vertrauen, daß er dem Einsamen die Sorge um die Landesmark überläßt.«

»Es stehen der Männer mehr an dem Grenzzaun«, erklärte der Wächter. »Wir besorgen wenig von einem Einbruch der feindlichen Haufen durch den Bergwald, denn schwer wird es dem Fuß des Fremden, über Fels und Waldbach in die Gehege zu dringen. Aber das Gerücht kündet, daß vor kurzer Zeit ein heißer Krieg an der Römergrenze entbrannt ist zwischen den Alemannen und dem Cäsar, den sie Julianus nennen, und vor zehn Tagen fuhr bei uns zur Nachtzeit das wilde Heer des Gottes durch die Luft – er sah scheu in die Höhe – seitdem wahren wir die Landesmark.«

Der Fremde wandte das Haupt und blickte jetzt zum erstenmal hinüber nach dem Heimatland seines Gefährten. In vielen Reihen zogen sich die langgeschwungenen Berghöhen hintereinander, querdurch führte ein tiefes Tal, da wo es sich zu der Lichtung erweiterte, glänzte im Sonnenlicht der Schaum des Waldbachs.

»Und jetzt laß mich wissen, Gutgesell, wessen Zeichen du trägst, und wohin deine Weisung mich führt.«

»In allen Tälern, welche dein Auge sieht, und weiter bis in die Ebene hinab, waltet als Häuptling Herr Answald, der Sohn Irmfrieds, welchem auch ich diene.« »In der Fremde vernahm ich, daß ein großer König über das Volk der Thüringe herrscht, sie nannten ihn König Bisino«, versetzte der Wanderer.

»Du hast das Richtige gehört«, bestätigte der Jüngling. »Aber dies Waldland hier ist frei unter seinem eigenen Herrengeschlecht seit alter Zeit, und der große König des Landes ist zufrieden, daß wir ihm die Grenze hüten und jedes Jahr Rosse an seinen Hof senden. Wenig sorgen wir Waldleute um den König, und unser Herr Answald geht nur selten zu Hofe nach der Königsburg.«

»Und zählt König Bisino eure Rinderherden nicht, die ich dort bei den Hütten sehe?« fragte der Fremde wieder.

»Hm, es war einmal Waffenlärm in den Dörfern, weil der König seine Eber unter unsern Eichen mästen wollte, auch kam dem König das Gelüst, den wilden Ochs in unsern Wäldern zu jagen, aber man hat nichts mehr davon gehört.«

Der Fremde sah ernsthaft in das Tal hinab: »Und wo ist der Hof deines Herrn?«

Der Wächter wies die Tallücke entlang. »Er liegt am Ausgang der Berge, für einen schnellen Wandrer drei Stunden talab, uns aber trägt ein Roß, von der Weide in kürzerer Zeit dorthin. Hörst du den Hufschlag? Das Horn hat meinen Gesellen verkündet, daß ein Fremder zu geleiten ist; der mich ablöst, kommt.«

Den Bergweg trabte ein Reiter herauf, ein stattlicher Jüngling, dem Wächter ähnlich an Antlitz und Gebärde, er schwang sich vom Pferde und sprach leise mit seinem Gefährten. Der Wächter übergab ihm das Horn, warf die Ledertasche über die Schulter und bot das Pferd dem Fremden. »Ich folge deinem Schritt«, sagte dieser ablehnend; er grüßte mit Hand und Haupt den neuen Wächter, der ihn neugierig betrachtete, und wandte sich mit seinem Führer dem Tale zu.

Steilab führte der schmale Pfad zu dem gewundenen Lauf des Gießbaches, zwischen Baumriesen, deren lange Moosbärte grausilbern im Sonnenlicht glänzten, über Wurzeln, die wie riesige Schlangen auf dem Weg lagen und sich in hohem Bogen wanden, wo das Geröll, welches ehedem unter ihnen lag, vom Wasser fortgespült war. Am Rand des Baches hemmte Treibholz und gehäufte Menge trockener Binsen, dort hatte im Frühjahr die Wucht des Wassers geworfene Stämme an die Seite gefegt, daß sie wild durcheinanderlagen mit entlaubten Ästen; aber das Messer der Waldleute hatte einen schmalen Weg durch das Gewirr der Reiser gehauen. Mit beflügeltem Schritt eilten die Männer talab, sie sprangen in weitem Schwunge von Stein zu Stein, von Baum zu Baum, vorauf der junge Wächter; oft schwang er sich hoch durch die Luft, wie ein Federball im Wurfe talab gesendet lustig hüpft; und wo ein breites Rinnsal den Gang hinderte, wiederholte er den Sprung nach rückwärts, um seinem Gefährten Mut zu machen.

Dem Roß hatte er den Zügel über den Hals geworfen, folgsam wie ein Hund sprang es dem Manne nach; auch dem Hengst war der unebene Weg zum Spiele. Zufrieden maß der Wächter mit den Augen einen starken Schwung, den der Fremde über den Gießbach getan hatte, und betrachtete darauf die Fußtritte auf dem weichen Grund. »Du schreitest mächtig für einen müden Mann,« sagte er, »mich dünkt, du hast wohl schon früher weite Sprünge auf blutiger Heide gewagt. An deiner Spur sehe ich, daß du von unserem Volke bist, denn die Spitze des Fußes strebt auswärts und stark drückt der Ballen. Vordem hielt ich dich nach deiner Rede für einen fremdländischen Mann. Hast du einmal Römertritte geschaut?«

»Sie schreiten mit kleinem Fuß und kurzem Schritt auf ganzer Sohle wie müde Leute.«

»So sagen auch unsere Männer, die im Westen waren. Ich habe bisher nur waffenlose Händler des schwarzhaarigen Volkes gesehen«, fügte er entschuldigend hinzu.

»Mögen die Schicksalsfrauen den Römerfuß von eurem Grunde fernhalten«, antwortete der Fremde.

»Du sprichst wie unsere Alten; wir Jungen aber denken, kommen sie nicht zu uns, so kommen wir wohl zu ihnen, denn wundervoll soll ihr Land sein, alle Häuser von buntem Stein, das ganze Jahr mildes Sonnenlicht und im Winter grüne Erde; der süße Wein gemeiner als Dünnbier, von Silber die Sessel und Bänke, die Mädchen tanzen im Goldschmuck und seidenem Gewand und der Krieger ist ein Herr der ganzen Pracht.«

Vergebens erwartete der Wächter die Antwort des Fremden, sie schritten eine Weile stumm nebeneinander, endlich faßte der Jüngling das Roß beim Zügel: »Hier wird die Talfahrt wegsamer, steig auf, daß wir vor abends ans Ziel kommen.« Der Fremde legte die Hand auf den Widerrist des Pferdes und sprang wuchtig in den Sitz, der Führer nickte zufrieden und pfiff leise, das Roß trug den Reiter in großen Sätzen talab, der Jüngling lief zu Fuß nebenher, seinen Speer schwingend und bisweilen dem Roß zujauchzend, welches dann den Kopf zu ihm wandte und zur Antwort wieherte.

»Wer sind die Weiber dort in hellen Gewändern?« fragte der Fremde, als sie nahe der Lichtung auf einer Höhe anhielten und in das Gehege sahen. »Hui!« rief der Wächter, »die Mägde vom Herrenhose sind gekommen, dort ist Fridas braune Kuh, hörst du die schöne Schelle, die ihr am Halse hängt, und dort ist das Mädchen selbst.« Sein gerötetes Gesicht verriet, daß ihm die Begegnung erfreulich war.

»Sieh die alten Hütten, in ihnen wohnt der Rinderhirt, im Sommer ziehen die Rinder des Dorfes auf Waldweide, und unsere Mädchen kommen und holen die Arbeit des Kellers nach dem Herrenhofe. Dort drüben aber im Buchenwalde haust der Schweinhirt mit seinem Volk, es gibt nicht schönere Mast im Lande, soweit die Sonne scheint.« Sie betraten die Lichtung, der Wächter entfernte die Stangen, welche den Eingang zum Rinderpferch verlegten, und der Fremde ritt in den umhegten Raum, wo die Kühe brüllend umherliefen, während die Frau des Hirten mit ihren Mägden das Milchgerät zum kühlen Keller trug, der aus Stein und Moos gefügt abwärts von der Sonne lange Reihen der Milchschüsseln bewahrte. »Gutes Glück, Fremdling,« rief der Wächter, »unser Herrenkind, Irmgard, ist selbst hier, um nach der Herde zu sehen: wird sie dir hold, so kannst du guter Pflege gewärtig sein.«

»Welche ist es, die du mit Namen nennst?« fragte der Fremde.

»Dort befiehlt sie den Mägden, du kennst sie leicht heraus.« Die Jungfrau stand bei dem Karren, der mit zwei Stieren bespannt den Gewinn der Milchkammer zum Herrenhof fahren sollte: festgeschlagene Butter in Fässern vom Holz des wilden Pflaumenbaums und kümmelgewürzten Käse in grüne Blätter gepackt.

»Geh zu ihr, Gesell, und künde, daß ein Fremder bittend naht. Ich scheue mich, das Kind deines Herrn anzureden, solange mir der Vater nicht den Herdsitz gestattet hat. Und da du freundlich gesinnt bist, sprich gut von mir, soweit du vermagst.« Der Fremde sprang vom Pferde und neigte sich der Jungfrau aus der Ferne.

Frei ringelten die gelben Locken um ihre hohe Gestalt, sie umsäumten die kräftigen Formen des jugendlichen Antlitzes und wallten lang herab bis an die Hüften. Ein silberbeschlagener Gürtel hielt das weiße Linnengewand zusammen, darüber trug sie ein kurzes Oberkleid von feiner Wolle, zierlich mit der Nadel gestickt, über dem Handgelenk der nackten Arme goldene Ringe. Aus großen Augen sah sie nach dem Fremden hinüber und erwiderte mit leisem Kopfnicken den ehrerbietigen Gruß.

Der Wächter trat zu dem Herrenkind: »Der Fremde sucht eine Ecke an unserer Bank und eine Herdstelle für sein wegemüdes Haupt; ich geleite ihn zum Hofe, daß der Herr über sein Schicksal entscheide.«

»Wir geben dem Wanderer Rast, den die Götter uns senden. Wer er auch sei, ob gut oder arg, der bittend unserem Herde naht, drei Tage hat er Gemach, dann fragt der Vater, ob er ein gerechter Mann ist und unseres Daches nicht unwert. Denn du weißt es ja selbst, Wolf, viel wildes Volk zieht elend durch das Land und trägt den Fluch, der an seinen Schritten haftet, in das Haus des ehrlichen Mannes.«

»Er sieht aus, wie einer, der sich ehrlich hält gegen Freund und Feind«, sprach der Wächter.

Die Jungfrau warf einen flüchtigen Blick auf den Fremden: »Wenn er sich so bewährt, wie du sagst, so mögen wir uns seiner Ankunft freuen. Reich ihm den Krug mit Milch, Frida!«

Der Fremde trank, und als er den Krug dankend an Frida zurückgab, sagte er: »Segen über deine milde Hand. Der erste Gruß im Lande war willig von warmherzigem Manne geboten, der zweite hier sei mir eine Verkündigung, daß ich auch im Herrenhause den Frieden finde, nach dem ich mich leidvoll sehne.«

Unterdes hatte der Wächter für sich eins von den Rossen eingefangen, welche in besonderem Gehege sprangen. Während er sich anschickte aufzusitzen, trat die rotwangige Frida zu ihm: »Glück hattest du, Wolf, im Schlafe,« spottete sie. »an dem Grenzdorn ist, da du ruhtest, ein fremder Vogel hängen geblieben. Wie war dein Schlummer, Wächter, auf dornigem Lager?«

»Die Eule ließ mich nicht schlafen, sie stöhnte über Frida, die bei Nacht am Zaune steht und rüttelt, um zu erfahren, von wannen ihr ein Hausherr kommen wird.«

»Ich aber sah einen Stieglitz auf dürrem Strauch, der sammelte alte Distelwolle zu einem Ehebett für den reichen Wolf.«

»Und ich weiß eine Stolze,« versetzte Wolf zornig, »welche Veilchen zertrat, die sie suchen sollte, und dabei in die Nesseln fiel.« »In die Nesseln deines Ackers nicht, du dummer Wolf!« versetzte Frida zornig.

»Ich kenne eine, der ich den Ball nicht zuwerfe beim nächsten Reigen«, antwortete Wolf.

»Wenn der Wolf tanzt, fliegen die Gänse auf den Baum und lachen«, spottete Frida.

»Winde dir ein Kränzlein aus Haferstroh, Jungfer Gans«, rief Wolf vom Pferde zurück und trabte abwärts mit dem Fremden, der sich zartfühlend auf die Länge eines Speerwurfes von diesem Wechselgespräch entfernt hatte.

»Er ist ein unartiger Knabe«, klagte Frida der Herrin.

»Aus dem Walde schallte zurück, was du hineingerufen«, antwortete diese lachend. Und dem fremden Reiter nachsehend fuhr sie fort: »Er sieht aus wie ein Herr über viel Volk.«

»Und doch war sein Bundschuh zerrissen und die Jacke so reisemüde«, sagte Frida.

»Meinst du, daß der Fels nur die Füße des armseligen Wanderers schneidet? Wer weither kommt, von dem glauben wir, daß er viel gesehen hat und viel gewagt; es tut uns leid, wenn er ein arger Mann geworden ist aus Begehrlichkeit und Not, und wir wollten ihm gern Frieden geben, wenn wir es vermöchten.«

Die Sonne ging zur Rüste und die Bäume warfen lange Schatten auf den Weg, als die Reiter das Ende des Talgrundes erreichten. An beiden Seiten wichen die Berge zurück, längs dem Bache breiteten sich helles Gras und bunte Wiesenblumen, ein rothaariger Fuchs fuhr vor ihnen über den Pfad. »Der Rotkopf weiß, daß die Menschenwohnungen nahe sind,« sagte der Wächter, »er schleicht am liebsten, wo er den Hofgesang der Hähne hören kann.«

Vor ihnen lag im Abendlicht das Dorf, von Graben und baumbesetztem Wall umschlossen, durch die Lücken der Bäume sah man hier und da die weißen Giebel unter braunem Strohdach, und kleine Rauchwölkchen, die aus den Dächern aufstiegen. Seitwärts vom Dorfe erhob sich auf kleiner Anhöhe der Herrenhof, mit besonderem Pfahlwerk und Graben umgeben, über die zahlreichen Häuser und Ställe des Hofes ragte hoch das Dach des Saals, der First mit schön geschnitzten Hörnern.

Auf dem Wiesengrund vor ihnen übte sich eine Schar Knaben im Kampfspiel, sie hatten ein hohes Gerüst gestellt und schwangen sich der Reihe nach hinauf und jauchzend wieder herab. Als die Reiter nahten, rannte der Haufe an den Weg und starrte trotzig auf den fremden Mann. Der Wächter rief einen Knaben und sprach leise zu ihm; der Knabe flog wie ein junger Hirsch in großen Sprüngen dem Herrenhofe zu, während die Reiter mit Mühe den Schritt ihrer unruhigen Pferde bändigten. Auf der Dorfstraße tanzten im Staube die kleinen Kinder den Ringelreigen, die Knaben nackt bis auf die Wolljacke, die kleinen Mädchen im weißen Hemde, sie stapften barbeinig im Staube und sangen. Der Ring löste sich, als die Reiter herankamen, an den Luken der Dorfhäuser wurden Frauenköpfe sichtbar, aus jeder Tür sprang eine Schar blauäugiger Kinder; auch Männer traten an die Tür und musterten mit Falkenblick das Aussehen des Fremden, und der Wächter verfehlte nicht, seinen Begleiter zu ermahnen, daß er hierhin und dorthin schaue und die Hausbewohner vom Pferde grüße, »denn,« sagte er, »freundlicher Gruß öffnet die Herzen und du magst die Gunst der Nachbarn bald gebrauchen.«

Unterdes war der Knabe in den Herrenhof gelaufen. Fürst Answald saß in der Holzlaube, dem schattigen Vorbau des Herrenhauses; er selbst war ein hoher Mann, breitschultrig, mit offenem Antlitz unter seinem grauen Haar, er trug die wollene Hausjacke über dem Hemde mit Biberfell besetzt, seine Lederstrümpfe mit bunten Riemen geschnürt, und nur die würdige Haltung und die Ehrfurcht, mit welcher die anderen zu ihm sprachen, ließen erkennen, daß er der Wirt war. So saß er umgeben von seinen Bankgenossen und schaute zufrieden auf zwei wohlgenährte Stiere, welche von den Knechten vorbeigetrieben wurden, weil sie zu Opfertieren ausgewählt waren für ein bevorstehendes Festmahl der Landgenossen. Der Knabe drängte sich behend an einen alten Mann mit klugem Gesichte, der zur Linken des Häuptlings stand und den Worten des Herrn höflich Antwort zu geben wußte, und kündete leise seine Botschaft. »Der junge Wolf führt einen Fremden her,« berichtete der Alte auf den fragenden Blick des Herrn, »der Mann kam ohne Geleit der Katten, ohne Roß und Kriegskleid, ein einzelner Mann aus dem Elend, er sucht das Gastrecht.«

»Bereitet ihm den Gruß in der Halle«, befahl Herr Answald gleichmütig und gab seinen Mannen ein Zeichen, daß sie sich entfernten. Und zu seinem Vertrauten sprach er: »Mit Sorgen seh' ich die fremden Strolche. Seit am Rhein der Römerkrieg aufgebrannt ist, fliegen heiße Funken durch das Land, und mancher Gesell, der Gewalttat gelitten, schweift durch die Länder und übt Frevel in bitterem Hasse.« »Kommt er als Flüchtling aus dem Süden, so mag er Kunde wissen von dem Römerkrieg.«

»Er mag auch römische Untreue in das Land tragen. Die welsche Sitte schleicht wie eine Pest durch unsere Täler, sie hat die Burgen der Könige mit Übermut gefüllt. Auch unsere Herren möchten im Purpurkleide prangen und schurkische Leibwächter füttern, die ihr Messer dem freien Mann in den Rücken stoßen, wenn sein Antlitz ihrem Herrn verleidet ist. Doch komm, wer auch der Fremde sei: was einem darbenden Mann gebührt, soll ihm werden. Du aber sorge, durch kluge Rede sein Geheimnis zu ergründen.«

Der Häuptling trat in das Haus und setzte sich auf den Herrensitz, der geschnitzt aus Eichenholz der Tür gegenüberstand, belegt mit dem schwarzen Fell eines jungen Bären. Die Füße des Herrn ruhten auf einem Schemel, in der Hand hielt er den weißen Herrenstab.

Draußen am Hoftor stiegen die Reiter ab, der Fremde lehnte seinen Speer an den Pfosten und setzte sich schweigend auf den Sitz außerhalb des Tores. Der Sprecher trat heraus und lud ihn mit feierlichem Gruß vor den Herrensitz. Der Fremde trat hoch aufgerichtet auf die Schwelle des Hauses, er und der Häuptling blickten einander einen Augenblick forschend an und beiden gefiel, was sie sahen.

»Heil dir, Fürst Answald, Irmfrieds Sohn!«

»Heil sei auch dir!« klang es vom Herrensitz zurück.

»Spende wegemüdem Mann den Trunk aus deinem Born, die Frucht von deiner Flur, den Schirm deines Daches. Ich komme freundlos, heimatlos und schutzlos zu deinem Herde; verleihe mir, was dem Wanderer das Gastrecht deines Volkes gewährt.«

Hildebrand trat vor und sprach: »Der Fürst verleiht dir nach des Volkes Brauch drei Tage Rast, drei Tage Kost, dann fragt der Fürst das Volk nach seinem Willen. – Tragt ihm den Sitz zum Herd, ihr Knaben, und bietet ihm die Gaben der Götter.«

Drei Jünglinge trugen das Gerät, der eine den Schemel, auf dem der Fremde niedersaß, der andere in zwei Schalen Brot und Salz, der dritte einen Holzkrug, mit dunklem Bier gefüllt. Dieser bot den Trunk zuerst dem Fürsten, der den Krug mit den Lippen berührte, dann dem Fremden. Darauf gab der Sprecher dem Gefolge einen Wink und alle verließen den Raum.

»Und jetzt, Wanderer,« begann Hildebrand zu den Füßen des Fürsten niedersitzend mit vertraulichen Worten, »da du Sicherheit gewonnen hast für Leib und Glieder, so gib auch uns Bericht, soweit du vermagst, wenn du etwas hinter unseren Bergen geschaut und gehört hast, was uns zum Nutzen sein kann und dir nicht zum Schaden. Denn es ist sorgenvolle Zeit, und der vorsichtige Wirt müht sich, Kunde zu holen von bewanderten Männern. Willst du erzählen, wenn die Götter dir verliehen haben, daß sich deine Worte willig auf der Zunge zueinander fügen; oder soll ich fragen, was zu erfahren uns not tut?«

Der Fremde erhob sich: »Ich trage Kunde, die das Herz der Männer bewegt, nicht weiß ich, ob sie euch Freude bereitet oder Trauer. Eine Schlacht ist geschlagen, die größte seit Menschengedenken. Die Wölfe heulen auf der Walstatt, und die Raben fliegen über das Gebein der Alemannen, denen unser Gott den Sieg versagt hat. Die Franken haben dem Römer die Schlacht gewonnen, die Könige der Alemannen Hnodomar und Athanarich sind gefangen, mit ihnen viele Königskinder; die Heerscharen des Cäsars brennen in den Tälern des Schwarzwaldes bis an den Main und treiben die Gefangenen zu Hauf. Der Cäsar ist mächtig geworden über das Grenzland, man sagt, daß die Katten Gesandte in sein Lager geschickt haben, um ein Bündnis zu bieten.«

Ein tiefes Schweigen folgte diesen aufregenden Worten. Fürst Answald sah finster vor sich nieder, auch Hildebrand hatte Mühe, seine Bewegung zu verbergen.

»Wir haben Frieden mit Römern und Alemannen«, sagte er endlich vorsichtig; »und der Thüring fürchtet nicht die Macht des Cäsars. Du selbst aber warst, wie ich erkenne, in der Nähe, als die Schlacht geschlagen wurde, und du hast seitdem die Dörfer der Katten gemieden, die doch, wie du sagst, den Römern wohlgeneigt sind. Ich frage dich nicht, wem du den Sieg gewünscht hast.«

»Ich gebe Bescheid ohne Frage,« rief der Fremde stolz, »ich habe nicht Römersold genommen.«

Ein Strahl von Wohlwollen brach aus den Augen des Häuptlings. »Du bist kein Alemanne,« sagte er. »du bist nach deiner Sprache von den Kindern unseres Gottes, die fern im Osten wohnen.«

»Ein Vandale von der Oder«, versetzte der Fremde rasch.

»Es ist ein weiter Weg von deinem Heimatland bis zu der Walstatt am Rhein, Wanderer. Hat auch dein Volk seine Krieger in den Streit gesendet?« »Ich kam an den Rhein ohne meine Landgenossen, ein schweres Geschick trieb mich aus meiner Heimat Flur.«

»Ein schweres Geschick bereitet ein Gott oder des Mannes trotziger Mut. Wöge dein Herz nicht bedrücken, was dich aus der Heimat gescheucht hat.«

Der Fremde neigte dankend das Haupt. »Des Gastes Sorge ist, daß er seinem Wirt gefalle; verzeih, wenn ich suche, was dir den Fremden vertraulich macht. Ich habe in meiner Heimat ein Lied des Sängers gehört, daß zu der Väter Zeit ein Held aus Thüringeland unter den Kriegern meines Volks gegen die Römer kämpfte, weit südwärts an der Donau, Irmfried war sein Name.«

Der Fürst richtete sich im Sessel hoch auf und sprach: »Seine Hand lag segnend auf meinem Haupt, er war mein Vater.«

»Blutbruder wurde er einem Krieger meines Volkes. Als der Fürst aus meiner Heimat schied, zerbrach er mit starker Hand ein römisches Goldstück und ließ die Hälfte zurück, daß sie ein Zeichen der Gastfreundschaft für spätere Geschlechter sei. Ist die eine Hälfte des Goldstücks dein, so ist die andere mein.«

Er hielt das helle Goldblech dem Fürsten hin. Herr Answald fuhr heftig vom Stuhle und prüfte das Stück am Licht. »Still,« rief er gebietend, »keiner spreche ein Wort. Geh, Hildebrand, und trage deiner Herrin das Wahrzeichen, daß sie es an die andere Hälfte halte; und sage ihr, daß sie allein sei, wenn ich einen Fremden zu ihr führe.« Hildebrand eilte hinaus, der Wirt trat nahe an den Gast und betrachtete ihn erstaunt vom Kopf bis zum Fuß: »Wer bist du, Mann, der mir so hohen Gruß in das Haus trägt?« und freudig fuhr er fort: »Nicht tut es not, das Zeichen zu suchen, seit du die Schwelle betratest, hast du mir das Herz erregt. Komm, Held, daß du mir da deinen Namen kündest, wo die beiden Hälften des geheimen Zeichens sich zusammenfügen.« Er schritt eilig voran, der Fremde folgte.

In ihrem Gemach stand Frau Gundrun, die Fürstin, und hielt die beiden Hälften des Goldstücks aneinander. »Hier sind zwei Ähren von einem Halme,« rief sie dem Gemahl entgegen, »was du mir sandtest, ist König Ingberts Zeichen.«

»Und der sich dem Knie der Herrin naht,« sprach der Fremde, »ist Ingo, König Ingberts Sohn.«

Langes Schweigen folgte dem Ausruf, die Hausfrau sah scheu auf den stolzen Krieger, auf das edle Antlitz, die königliche Gestalt, und sie neigte sich tief zum Gruß; der Fürst aber rief bekümmert: »Oft habe ich gewünscht, das Antlitz der Gastfreunde zu sehen, der erlauchten Helden aus Göttergeschlecht; von reichem Hofhalt hat mir der Vater erzählt, von mächtigem Gefolge in glänzendem Stahlhemd. Aber anders fügten die hohen Gewalten das Wiedersehen. Im Wanderkleide, als werbenden Fremdling schau' ich den großen Volkskönig und Schrecken fühle ich im Herzen. Gutes bedeute die Stunde, wo ich dein Antlitz schaue. Dennoch gedenke ich, daß ich dir ehrbar meine Treue erweise.«

»Ich aber komme nicht als Glücklicher zu dir und der Herrin,« sprach Ingo ernsthaft, »ein Flüchtling bin ich und nicht will ich, mein Schicksal hehlend, deinen Schutz erschleichen. Aus der Heimat bin ich getrieben von dem eigenen Ohm, der nach des Vaters Tode dem Knaben die Krone nahm, mühsam haben getreue Männer mich geborgen, bis ich zum Manne wuchs; Gefahr ist mein Los, des Königs Boten sind mir gefolgt von Volk zu Volk, sie boten Geschenke und forderten meinen Leib. Mit dem kleinen Haufen der Getreuen fuhr ich zum Kampf der Alemannen, ihre großen Könige waren mir hold, am Schlachttag führte ich einen Haufen ihres Volks. Jetzt sucht der Cäsar siegesstolz nach denen, die sich ihm nicht barfuß unterwerfen. Weit reicht seine Nacht in den Königsburgen, ich sah die Boten deiner Nachbarn, der Katten, mit dem Friedenszeichen zum Rhein reiten, und ich bin darum sechs Tage und Nächte heimlich auf Wolfespfad durch ihre Gaue gezogen, fast ein Wunder war's, daß ich ihnen entrann. Das sollst du wissen, bevor du sprichst: Sei Ingo mir willkommen.«

Der Wirt stand unsicher und suchte das Auge seiner Hausfrau, welche in dem Sessel saß und vor sich niederblickte: »Was ehrlich ist und was die Eide gebieten, das tu ich«, sagte Herr Answald endlich, und die Wolke wich von seinem Antlitz: »Sei mir willkommen, Ingo, Königssohn.«

»Edlen Sinn verrätst du, Held,« begann die Fürstin, »daß du dich scheust, Gefahr in den Hof deines Gastfreundes zu leiten. Uns aber ziemt zu erwägen, wie wir zugleich dir Treue erweisen und unsere Höfe vor der Gefahr beschützen. Weit schallt der Name eines Königs durch die Lande, und viele Feinde umlauern den Helden, der unter Krone geht, du selbst hast es leidvoll erfahren. Drum meine ich, nur Vorsicht hilft dir und uns zum Heile. Und darf ich meinem Hausherrn treue Meinung sagen, so dünkt mir gut, daß dein Gast unbekannt in deinem Hause weile und keiner von seiner Herkunft wisse, als du und ich allein.«

»Soll ich im eigenen Hause den werten Gast verstecken?« rief der Wirt unwillig, »ich bin kein Diener, nicht des Cäsars, nicht der Katten.«

»Auch der König der Thüringe speist seine Mahlzeit gern aus den goldenen Schüsseln, welche Römerkunst gefertigt hat,« fuhr die Hausfrau fort, »hüte dich, des Königs Argwohn zu wecken.«

Der Gast stand unbeweglich, und vergebens suchte die Fürstin seine Meinung zu erkennen.

»Schwer ist es, edles Blut im Dienerkleid zu bergen«, wandte Herr Answald ein.

»Auch Held Siegfried, von dem der Sänger meldet, stand im Knechtsgewand am Amboß.«

»Und schlug zuletzt den Amboß in den Grund und den Schmied dazu«, rief der Wirt. »Sprich Ingo selbst, wie willst du, daß wir dich halten?«

»Ich bin der Flehende«, antwortete der Gast mit Selbstüberwindung, »und darf nicht hadern, ob du hoch, ob du niedrig mich reihen willst unter den Genossen deiner Bank. Meines Namens berühme ich mich nicht, aber ich berge ihn nicht, und zu ruhmloser Arbeit wirst du mich nicht stellen.«

»Er meint wie ich«, rief der Fürst.

»Stets fürchten die Helden Minderung ihrer Ehre«, sprach lächelnd die Fürstin. »Was ich bitte, ist leicht gewährt, nur kurze Zeit laß dir das Gewand gefallen, welches wir dem Fremdling im Hofe spenden; unterdes wirbt dir mein Herr im Volk gute Meinung. – Nicht ewig währt der Kriegsruf an der Grenze, dem Cäsar wird's an neuem Streit nicht fehlen, in wenig Monden ist das Geräusch verhallt, indes gelingt's wohl auch, den König zu gewinnen.«

»Ich will's bedenken bis zur Nacht,« sprach der Wirt, »denn klug rät meine Hausfrau, und oft habe ich ihren Rat erprobt. Bis dahin hülle dich, o Held, in demutvolles Wesen, denn vertraue mir, mit bedrängtem Herzen ersehne ich den Tag, wo ich in offener Halle künden kann, was deine und meine Ehre fordert.«

So verließen die Männer der Herrin Kammer. Als aber am Abend der Hauswirt auf seinem Lager niedersaß, rief er unwillig: »Mir frißt's am Herzen, daß ich ihn sehen soll zu unterst an der Bank.« Aber die Fürstin antwortete leise: »Erst prüfe doch, ob er auch wert ist deines Schutzes. Denn ungewöhnlich ist des Fremden Art und freudenlos sein Schicksal. Sein Geheimnis bergen wir vor jedem, und auch vor Irmgard, unserem Kind.«

2. Das Festmahl

Im Hofe des Fürsten wurde den Landgenossen das Fest gerüstet. Die Hausfrau schritt mit den Mägden durch die Räume, wo die Vorräte der Küche bewahrt wurden, in langer Reihe hingen dort die Schinken, runde Würste und in Rauch gedörrte Zungen der Rinder; sie freute sich des guten Vorrats, ließ abheben für die Küche und befahl den Mägden, in die besten Stücke ein Zeichen zu ritzen, damit der Vorschneider diese den Tischen der Ältesten aufsetze. Dann ging sie in den kühlen Keller, der, von Stein gewölbt, in einer Ecke lag, wo das Sonnenlicht wenig hinkam, hochbedeckt mit Erde und Rasen, dort wählte sie die Fässer mit starkem Biere und die Krüge mit Met und sah zweifelhaft auf einige große fremdartige Tongefäße, die halb im Boden vergraben in einer Ecke standen. »Ich meine nicht, daß mein Herr des Weines begehren wird, doch wenn er danach ruft, so sagt dem Schenken, daß sie das kleine nehmen, denn die anderen stehen und harren auf einen größeren Festtag. Und sehet selbst zu, daß die ungeschickten Gesellen mir den teuern Ton nicht zerschlagen, denn was mühsam im Stroh durch Rosse und Männer hergeführt wurde aus dem welschen Land, dem könnte die lange Reise durch das Ungeschick der metgefüllten Knaben wohl verdorben werden.« Ernsthaft blickte sie noch einmal durch den großen Raum: »Es ist Vorrat genug für eines Häuptlings Haus und manches liebe Jahr mag der Met das Herz der Männer erfreuen, mögen die Götter uns schaffen, daß unsere Helden alles fröhlich und in Ehren leeren. Und höre, Frida, man weiß ja wohl, was die Männer zumal gebrauchen, aber beim Trunk trügt der Anschlag, auch wenn er reichlich war. Laß noch drei Krüge von altem Met in Vorrat herausheben, und sage dem Schenken, wenn die Männer friedlich sind und in ehrlichem Gespräch, so wird ihnen am Ende noch dies geboten, wenn sie aber widereinander eifern und zwieträchtig hadern, so soll er vorsichtig sein mit dem Gießen, daß uns kein großes Unheil entstehe.«

Die Herrin schritt zu dem Küchenhause, darin brannten mächtige Feuer auf steinernen Platten. Die Jünglinge waren vor dem Hause beschäftigt, die Opfertiere zu zerlegen, große Hirsche und drei Eber des Waldes, und das Fleisch an lange Spieße zu stecken. Die Mägde aber saßen in langer Reihe vieles Geflügel rupfend, oder sie rundeten mit den Händen gewürzten Weizenteig zu ansehnlichen Bällen. Und Knaben des Dorfes warteten mit lachendem Antlitz auf die Zeit, wo sie die Spieße drehen würden, damit auch ihnen vom Fest der Helden ein wohlschmeckender Anteil werde.

Unterdes schafften die Mannen des Häuptlings um die große Halle. In der Mitte des Hofes stand der mächtige Bau, aus dicken Fichtenballen gefügt, eine Treppe führte zu dem geöffneten Tor, im Innern trugen zwei Reihen hoher Holzsäulen die Balken des Daches, von den Säulen bis zu den Wänden liefen auf drei Seiten erhöhte Bühnen; in der Mitte, gegenüber der Tür stand darauf der Ehrensitz des Wirtes und der vornehmsten Gäste, daneben ein schön geschmückter Raum, einer Laube gleich, für die Frauen des Hauses, damit sie dem Festmahl der Männer zuschauen konnten, so lange sie begehrten. Und die jüngsten der Mannen schmückten die Holzlaube mit blühenden Zweigen, die sie in der Flur abgehauen. Draußen aber fuhr Wolf einen großen Wagen mit Binsen und Kalmus heran, den er am Ufer des nahen Teiches geschnitten, um den Fußboden zu bestreuen.

»Hier ist gut sein, Gast,« begann Wolf grüßend zu Ingo, »auch dir war die Herrin gnädig, du wandelst in neuem Gewande, das unsere Weiber gewebt; wie trägt sich das Tuch der Mädchen aus Thüringeland?«

»Was gern geboten wird, sitzt dem Empfänger bequem,« antwortete der Fremde lächelnd, »ich freue mich, deine Stimme wieder zu hören, denn tagelang warst du auswärts.«

»Wir Herdgesellen holten mit den Hunden die Festbraten aus dem Wald«, versetzte der Mann. »Hilf, Theodulf,« rief er einem Gefährten zu, »soll ich allein den Wagen räumen?«

Theodulf, ein stolzer Mann aus dem Gefolge, griff steifarmig in die Binsen und sprach über die Schulter zu dem Fremden: »Wer gewöhnt ist, fremdes Gewand zu bitten, der soll nicht müßig stehen, wenn bessere Männer die Hände rühren.«

Ingo sah finster auf den Sprecher, eine hohe Kriegergestalt, breitbrustig, mit einer langen Narbe auf der Wange; dem Fremden begegnete mit gleichem Trotz der Mann des Fürsten, an den Augen des einen entzündete sich der Zorn des anderen, bis die Blicke beider Gegner wie Flammen gegeneinander sprühten. Aber mit Selbstbeherrschung bändigte Ingo seinen Grimm und versetzte, den Rücken kehrend: »Hättest du gutherzig gemahnt, folgte ich williger deiner Weisung.«

Der Wächter aber raunte ihm zu: »Hüte dich, den zu reizen, er ist ein unwirscher Gesell, der gern Eisen beißt, er stammt aus der Freundschaft der Herrin, und er dient nicht wie wir, denn er ist aus edlem Geschlecht, hat sich nur auf Zeit gelobt, und wird einst im reichen Erbe seiner Väter stehen. Kein Wunder, daß ihn die Binsen stechen, wenn er sie tragen soll.«

»Wer dient, muß tragen«, versetzte Ingo finster.

Aber auch die Mädchen sorgten um das Festkleid des Fremden. »Sieh, Herrin, wie stolz der Fremde in dem Wams schreitet, das ihm die Fürstin gespendet hat«, sagte Frida zu Irmgard. »Wackerer Sinn adelt geringes Kleid«, versetzte Irmgard.

»Gering?« rief Frida, »die Jacke ist vom allerbesten Tuch aus unseren Truhen, ich muß sie doch kennen, denn ich selbst habe sie einst genäht. Seltsam ist es, daß die Herrin so feines Gewand an einen fahrenden Mann wendet.«

»Auch der Mann ist ja wohl kein Alltagssohn«, antwortete Irmgard.

»Das meine ich auch.« bestätigte Frida neugierig, »denn ich sah, wie die Fürstin ihn vorher im Hofe anredete, da er ihr in den Weg trat; von beiden Seiten war's ein Herrengruß, sie lachte ihm zu und strich mit der Hand an seine Kleider, als ob er ein vertrauter Mann aus der Freundschaft wäre.«

»Als der Fremde gestern abend an den Herd trat, wo die Männer versammelt saßen,« versetzte Irmgard, »da hatte vorher der Vater sorglos gescherzt mit dem Gesinde, doch als er den Fremden sah, wandelte sich ihm die Gebärde, er hob sich, um dem Fremden entgegenzugehen, tat es aber nicht; doch feierlich war fortan sein Wesen und das Mahl so still, als ob ein Bote vom Königshofe am Herrentisch säße.«

»Auch der Fremde schritt,« fuhr Frida eifrig fort, »da er eintrat, kräftig auf den Herrn zu, als wollte er sich bei dem Herrensitz lagern, und einer von den Knaben mußte ihn an der Jacke zurückziehen auf seinen Platz, daß er die Ehrfurcht nicht vergaß.«

»Ich sah's,« nickte Irmgard, »er lachte dazu«, und bei der Erinnerung lachte sie selbst.

Und doch sitzt er ganz unten an der Bank,« rief Frida, »und jetzt, wo der witzige Wolf wieder seine große Zunge rührt, hat er des Knaben Weisheit anzuhören.«

»Ist's ein Geheimnis,« sagte Irmgard leise, »so wird es uns Mädchen wohl zuletzt verkündet.«

»Du selbst aber, Herrin,« mahnte Frida, »hast ihm seither wenig Huld erwiesen. Die ersten waren wir doch, die er ehrbar grüßte, und drei Tage lang hast du ihm jede Rede geweigert. Unfreundlich wird der Mann dich schelten und hartmutig, nicht wagt er, dich anzureden, da er aus dem Elend kommt; darum biete du ihm endlich den Gruß.«

»So laß uns tun, was sich gebührt«, antwortete Irmgard. Sie trat mit Überwindung zu dem Haufen der stolzen Knaben, welche dem Fürsten folgten, wenn dieser durch die Dörfer ritt oder in den Vorkampf der Schlacht trat. Aber als sie dem Fremden nahe kam, scheute sie sich vor den anderen zu ihm zu reden, sie hielt bei Theodulf an und sprach: »Spät ertönte gestern dein Hifthorn am Tore, wie war die Jagdbeute, Vetter?«

Theodulf errötete vor Freude, weil das Herrenkind ihn eher als die anderen begrüßte, er erzählte ihr von seinem Jagdglück und fühlte sie zu einem Holzverschlag, wo ein zweijähriger Bär unzufrieden saß. »Die Hunde zausten ihm das Fell, ich band ihn mit Riemen und trug ihn lebend zum Hofe, er wird wohl ein Spielgesell für die Kinder im Dorfe.«

Als Irmgard den Braunen betrachtet hatte und sich mit Frida entfernte, rief diese unwillig: »Fürwahr, mit artigen Worten hast du dem Fremdling zugesprochen.«

»Nahe genug war ich bei ihm,« antwortete Irmgard, »und er schwieg doch.«

»Er weiß besser, was dem Herrenkinde geziemt«, versetzte Frida.

Aber Irmgard achtete seitdem auf den Fremden und als sie ihn abseit von den anderen am Zaun des Hofes lehnen sah, ging sie allein bei ihm vorüber, hielt wie zufällig an und sprach: »Auf dem Holunderbaum über deinem Haupt wohnt ein kleiner Grauvogel, der Nachtsänger. Die Mädchen beschwören jeden Abend das Wiesel und den Kauz, damit sie ihm nicht das Nest zerstoßen. Singt er dir, so höre ihm gütig zu, daß er sich deines wohlmeinenden Sinnes freue. Sie sagen, er mahnt im Sange jeden an das, was ihm lieb ist.«

Ingo antwortete treuherzig: »Alles Geflügel, der Habicht in der Luft und der Sänger im Busch, singen dem fremden Mann dasselbe Lied in das Ohr, sie mahnen ihn an die Heimat. Dort streute einst die liebe Mutter den Vögeln Winterkost, damit sie ihrem Sohne in seinem Leben gute Vorbedeutung sängen. Die Treue haben sie seitdem bewährt. Manches Mal haben die wilden Boten im Federkleid den unsteten Mann auf der Heide und im Holz vor Gefahr gewarnt. Sie sind die Genossen seines Schicksals geblieben; wie er wandern sie heimatlos über die Menschenerde und wie er nähren sie sich vom Raub, den sie greifen, oder von der Gabe, die ihnen ein Gastfreund spendet.«

»Und doch finden sie überall Flocken, aus denen sie ihr Nest bauen«, versetzte Irmgard.

»Wo aber darf der Heimatlose sein Haus zimmern?« fragte ernsthaft der Gast. »Wer bei der Schwelle seines Hauses steht und die Rosse auf dem Erbe der Väter zählt, der weiß nicht, wie die Bedürftigkeit am Herzen des stolzen Mannes nagt, wenn er Gabe nehmen muß, der selbst anderen spenden möchte.«

»Du klagst über die Gastspenden im Hause, das dich an seinem Herd aufgenommen hat?« antwortete Irmgard vorwurfsvoll.

»Selig preise ich den Wirt und die Herrin, die im ansehnlichen Hause dem Landfremden huldreich sind«, versetzte der Gast. »Aber unsicher schweifen die Gedanken des Mannes, dem sie eine Ecke an ihrer Bank vergönnen. Denn immer späht der Fremdling sorgenvoll nach der Miene des Wirtes, ob dieser ihm auch die Gunst bewahre. Jeder im Hofe steht sicher auf seinem Recht, nur dem wildfremden Wanderer ist der Grund, auf dem er schreitet, wie dünne Eisdecke, die vielleicht morgen unter ihm bricht, und so oft sich ein Mund gegen ihn öffnet, weiß er nicht, ob die Worte ihm Ehre bedeuten oder Schmach. Zürne mir nicht um diese Klagen«, bat er. »Deine Augen und deine Worte haben geheime Sorgen meiner Brust herausgelockt und zu dreist wagte ich vertrauliche Rede. Mir wäre leidvoll, dir zu mißfallen.«

»An deine Worte gedenke ich in Zukunft,« antwortete Irmgard leise, »so oft ich einsame Wanderer in unserem Hofe sehe. Du aber vertraue, daß du manchem hier willkommen bist. Die Thüringe lieben freudigen Mut und gesellige Rede, erweise dich heut so unter den Nachbarn, und wenn ich dir Gutes raten darf, so weiche nicht abseit von den jungen Männern, wenn sie die Kampfspiele üben. Denn ich meine, daß es dir auch im Kampfe wohl gelingen mag. Gewinnst du Lob unter den Landsleuten, so freut sich unser Hof, denn dem Wirt ist es Ehre, wenn der Gast Ruhm erwirbt. Und ich merke, auch der Vater will dir wohl.« Sie neigte errötend das Haupt und entwich aus der Nähe des Fremden; er aber sah ihr freudig nach.

Der Fürst stand vor dem Herrenhause und empfing dort die Edlen und die freien Bauern, welche auf allen Wegen zu Fuß und Roß heranzogen und am geöffneten Tor von Hildebrand, dem Sprecher, begrüßt wurden. Wer zu Roß nahte, der stieg dort ab, und die Jungen führten sein Pferd in ein weites Gehege und banden es fest, damit die Knechte ihm den Schaum mit Stroh abrieben und alten Hafer in die Krippe schütteten. Würdig war Gruß und Anrede, in weitem Ringe standen die Gäste auf dem Hofe, eine stolze Genossenschaft, ansehnliche Männer aus zwanzig Dörfern der Gegend, alle in ihrem Kriegsschmuck, den Eschenspeer in der Hand, Schwert und Dolch an der Seite, in schöner Lederkappe, die mit Zähnen und Ohren des wilden Ebers geschmückt war; mancher ragte unter dem Eisenhut, in einem Lederkoller oder Kettenpanzer über dem weißen Hemd und in hohen Lederstrümpfen, die bis zum Leibe reichten, mancher auch, der reich war und die Ware der rheinischen Krämer beachtete, trug einen Überwurf von fremdem Zeug, das feine Haare von bunter Farbe hatte und wie das zarte Fell eines Raubtiers glänzte. Schweigend standen die Männer und freuten sich der Versammlung, nur einige, die zueinander traten, tauschten leise Worte über die Gerüchte, welche durch das Land flogen von der großen Schlacht im Westen und von bedrohlicher Zeit. Aber wer die Meinung der Menschen kannte, wie Hildebrand, der Sprecher, der merkte wohl, daß ihr Sinn kraus war und ihre Gedanken ungleich. Lange währte die Begrüßung, denn immer noch kamen einzelne, die sich verspätet hatten, bis der Sprecher an den Häuptling trat und auf den Stand der Sonne wies.

Da führte der Wirt seine Gäste vor die Halle, feierlich betraten sie im Zuge die Stufen; am Eingang empfing sie die Hausfrau, neben ihr stand die Tochter mit den Mägden. Ehrerbietig huldigten die Männer den Frauen; die Fürstin reichte allen die Hand und fragte gebührlich nach ihren Frauen und dem Hausstand, den Männern von der Freundschaft bot sie die Wange zum Kuß. Die Häupter des Volks nahmen gewichtig Platz auf den Sesseln der Bühne und begannen ernstes Männergespräch, während der Schenk und die Diener in langer Reihe einzogen; diese trugen in Holzkannen den Frühtrunk und behagliche Zukost, weiße gewürzte Brotkuchen und Fleisch aus dem Rauchfang.

Unterdessen rüsteten die Jungen ungeduldig auf dem Rasengrund vor dem Hofe die Bahn zu kriegerischem Spiel. Die Knaben des Dorfes begannen den Kampf, damit auch sie das Lob der Krieger erwarben, sie rannten nach dem Ziel, sprangen über ein Roß und schossen mit dem Rohrpfeil nach der Stange. Bald aber ergriff der Eifer die Jünglinge, sie warfen die Speere, sie schleuderten den schweren Felsstein und sprangen ihm nach, und als Theodulf in mächtigem Schwunge den schwersten Stein geworfen und den weitesten Sprung getan, klafterweit über die anderen hinaus, da erscholl lautes Jauchzen bis zur Halle. Und die Alten und Weisen des Volkes behielt es nicht länger auf ihren Sitzen, auch sie eilten zur Schau auf den Rasen. Groß wurde der Ring der Zuschauer, die Weiber des Dorfes standen in ihrem Festschmuck, gesondert die Männer, und im Umkreis klang immer lauter der Zuruf und das Lob der Sieger.

Unter den Schauenden stand Ingo und achtete schweigend auf die behende Kraft. Da trat zu ihm Isanbart, ein alter Häuptling des Gaues, betrachtete ihn prüfend und begann feierlich, so daß die Rede der anderen verstummte: »Auch in deinem Volke, Fremdling, woher du auch stammst, übt sich wohl der junge Krieger in Sprung und Waffen. An deinem Auge und Arm sehe ich, daß du des Spiels nicht ganz unkundig bist; vielleicht gefällt dir's, unseren jungen Männern zu zeigen, was in deiner Heimat Brauch ist, wenn du auch nicht die Kunst eines Häuptlings verstehst. Bist du aus dem Ostlande, wie ich vernehme, so vermagst du wenigstens die Holzkeule zu schwingen, auch dieser Wurf erweist die Kraft des Mannes, obgleich meine Landgenossen ihn wenig üben. In der Halle sah ich über dem Sitz des Wirtes ein solches Holz.«

Ingo antwortete dem ehrbaren Greise: »Wenn mir's der Fürst gestattet und die Häupter des Volkes, so will ich versuchen, was ich ehedem gelernt.«

Der Fürst winkte, einer aus dem Gefolge sprang nach dem Hofe und trug eine Waffe aus Eichenholz herzu, vom Griffe nach rückwärts gekrümmt, vorn mit scharfer Schneide. Die Keule ging von Hand zu Hand, lachend wogen die Männer das leichte Werkzeug. »Eine Waffe dieser ähnlich trägt unser Sauhirt, um Wölfe zu schlagen«, rief Theodulf verächtlich, aber Isanbart der Greis entgegnete strafend: »Du sprichst töricht, ich sah von solchem Holz, nicht so schwer als dies, einen Schädel brechen wie einen Tonkrug.« Und er legte die Keule dem Wirt in die Hand.

»Wer jemals in den Ostmarken über eine Walstatt geritten ist,« sprach der Fürst, »der kennt die Wunden, welche dieser Knorren schlägt. Doch von alten Kriegern habe ich gehört, daß ein Geheimnis in dem Holze liegt und daß man schwer des Wurfes mächtig wird, denn tückisch soll es dem Unvorsichtigen das eigene Haupt treffen. Nicht unwert ist dieses Holz der Hand eines Edlen, denn es war vorzeiten eines Königs Waffe, und mein Vater brachte sie aus der Fremde heim.«

»Dann soll sie ihre Kunst dem Sohn erweisen«, rief Ingo freudig und faßte danach. Mit kurzem Armschwung warf er die Keule, sie flog in krausem Bogen durch die Luft, doch als alle meinten, daß sie zu Boden schlagen würde, fuhr sie wie durch eine Schnur gezogen wieder nach dem Manne zurück; er packte sie in der Luft am Griff und warf sie wieder hierhin und dahin, immer schneller, und immer kehrte sie gehorsam vom Schwunge in seine Hand. So mühelos und lustig schien das Spiel mit dem Eichenkloben, daß die Zuschauer näher traten und lautes Gelächter durch den Kreis ging.

»Das ist ein Gaukelspiel des fahrenden Mannes«, rief Theodulf verachtend.

»Es ist eines Mannes Handwehr,« versetzte der Fremde entgegen, »schwerlich ist dein Schädel fester als diese Eisenkappe.« Er sprach zu Wolf, und dieser legte in Weite eines Speerwurfs einen alten Eisenhelm auf einen Pfahl. Der Fremde maß das Ziel, wog die Waffe in schwingender Hand, warf sie im Bogen nach dem Helm und sprang in gewaltigem Satze nach. Laut krachte das berstende Metall, und doch fuhr die Keule wieder zurück, und wieder packte sie Ingo mit starker Hand und hielt sie hoch. Ein Ruf des Erstaunens scholl in dem Ringe, ein Haufe sammelte sich neugierig um den zerschlagenen Helm.

»Wohlan,« begann Theodulf herablassend, »hast du uns deine Gewohnheit gezeigt, so versuch' es auch mit unserem Brauch. Führt den Springern die Rosse heran.«

Zuerst wurden zwei Rosse nebeneinander gestellt, Kopf an Kopf und Schweif an Schweif. Die Springer traten zurück und schwangen sich mit kurzem Anlauf hinüber; fast allen glückte der Sprung, aber bei drei Rossen gelang es nur einer kleinen Zahl, und über vier sprang Theodulf allein, und als er hinter den Rossen zum Haufen der anderen zurücktrat, sah er herausfordernd den Fremden an und winkte mit der Hand zur Folge. Der Fremde neigte das Haupt ein wenig und tat denselben Sprung so sicher, daß das Feld vom Beifall widerhallte. Da rief Theodulf das fünfte Roß heran zum schweren Sprung, nur selten vollbrachte ihn einer der Behendsten. Aber der Thüring war gereizt und entschlossen, das Äußerste zu tun. Er selbst ordnete die Pferde anders, daß der Schimmel als fünfter stand, dann sah er um sich, empfing den Zuruf seiner Freunde und wagte den mächtigen Sprung. Und er kam hinüber, nur daß er beim Niedertauchen mit seinem Rücken den Schimmel streifte. Aber während er vortrat und sich über das Jauchzen des Volkes freute, tönte noch lauterer Zuruf hinter ihm und umgewandt sah er den Fremden, der diesmal schnell und mühelos in seinem Rücken den Sprung vollbrachte. Der Thüring erblich vor Zorn, er ging schweigend an seinen Platz und mühte sich vergebens, den Neid herabzudrücken, der ihm aus den Augen brach. Die Alten aber traten zu dem Fremden und rühmten seine Kunst, und der alte Häuptling begann: »Ich erkenne, Fremder, wenn mich nicht deine Gebärde täuscht, du bist nicht unkundig des Schwunges auch über sechs Rosse, den sie Königssprung nennen, und der nicht in jedem Menschenalter einem Helden gelingt. Ich sah ihn einmal, da ich jung war, mein Volk niemals.« Und er rief laut: »Führt das sechste Roß heran!« Da erhob sich im Kreise Gemurmel und die Entfernten drängten näher herzu, während die Jünglinge eilten, das Roß zu stellen. Neben Ingo aber trat die Fürstin, sie war bekümmert um die Niederlage ihres Verwandten und sprach leise zu dem Gaste: »Erwäge, Held, leicht trifft der Pfeil des Jägers den Auerhahn, wenn er die Flügel breitend seine Stimme erhebt.« Aber Ingo sah auf Irmgard, welche in froher Erwartung hinter der Mutter stand und ihn freundlich anlachte, und er antwortete mit heißen Wangen: »Zürne mir nicht, Herrin, ich bin gefordert, nicht habe ich mich in den Kampf gedrängt; ungern entsagt der Mann der angebotenen Ehre.« Er trat rückwärts zum Sprunge, hob sich gewaltig in die Luft und vollbrachte den Schwung, daß alles Volk jauchzte, und da er zurückkehrte, achtete er nicht auf die unwillige Miene der Fürstin, er freute sich, daß ihm die Kunst gelungen war und daß Irmgards Angesicht rosig erglänzte. Lange wogten die Zuschauer durcheinander, sprachen über die Kühnheit des Fremdlings und rühmten ihn, bis dem Wettkampf der Männer andere Ziele gesetzt wurden. Ingo stand fortan still neben den Häuptlingen und niemand forderte ihn zu neuem Streit.

Schon neigte sich die Sonne von ihrer Höhe, da nahte der Sprecher dem Fürsten und lud die Gesellschaft zum Mahle. In fröhlicher Erwartung folgten die Männer dem Rufe, sie wandten sich im Zuge nach dem Hofe zurück und schritten die Stufen der Halle hinauf. Der Sprecher und der Truchseß traten ihnen vor und ordneten an den Tafeln der Halle jeden nach Rang und Gebühr. Dies war eine sorgliche Arbeit, denn jeder begehrte den Platz, der ihm geziemte: entweder am Tisch des Häuptlings, oder nahe bei ihm, lieber auf der rechten Seite als auf der linken. Es war eine lange Reihe von Tischen, die Sitze daran für die Vornehmsten mit einer Armstütze und für die Ansehnlichen immer noch mit hoher Lehne, für die Jüngeren ein schöner Schemel. Schwer war's, allen mit dem Ehrensitz Genüge zu tun, aber der Sprecher verstand sein Amt und wußte manchem seinen Platz zu loben wegen der Nachbarn und der Nähe der Frauen und wegen gutem Überblick über den Saal. Zunächst der Tür lagerten die Bankgenossen des Hausherrn in langer Reihe, dort hatte den Ehrenplatz Theodulf und ihm gegenüber saß ganz unten der Fremde. Da alle erwartend saßen, trat der Schenk mit den Dienern ein und trug in schönen Holzbechern den Begrüßungstrank; der Wirt erhob sich, trank den Gästen gutes Heil zu, und alle standen auf und leerten die Becher. Darauf kam der Truchseß mit seinem Stabe und hinter ihm eine lange Reihe Diener, welche die erste Tracht auf die Tische setzten; da ergriff jeder sein Messer, das er an der Seite trug und begann rüstig das Mahl. Im Anfang war es schweigsam um die Bänke, denn allen störte die Rede der eigene Hunger und sie rühmten nur mit leisem Dank die reichliche Fürsorge der Herrin. Doch die Ältesten in der Nähe des Fürsten tauschten ernsthafte Worte, sie dachten an vergangene Taten der Helden und lobten die Tugenden ihrer Rosse. Die anderen aber horchten essend gern auf ihr Gespräch.

Und ein Edler an der Seite des Fürsten begann laut: »Das liebste fürwahr im Sommer ist mir ein solches Hochfest, wo die Landgenossen einander auf grüner Wiese im Heergewand grüßen, die grauen Häupter erinnern sich alter Kriegsreisen, die schlachtenfrohe Jugend erweist im Spiele, daß ihre Kraft dereinst die Ehren der Väter mehren wird. Die Sonne scheint warm und das Antlitz des Wirtes lacht den Gästen entgegen; auch das Herdenvieh springt umher und die Ähren der Gerste bräunen sich im Südwind; fröhlich wird des Mannes Herz in solcher Zeit und ungern gedenkt er der Sorgen. Dennoch ziemt dem Manne, auch beim Mahle das Schwert nicht weiter von sich zu legen, als der Arm reicht, denn wechselvoll ist alles Leben in den Tälern der Menschen, bald wohl verdeckt schwarzgrauer Wolkenschild den Himmel, ein weißes Schneetuch den Grund; kein Glück der Menschenerde dauert und der nächste Tag mag neues Schicksal bringen. So geht auch jetzt durch das Volk eine Kunde aus dem Römerland, manche sorgen darum und ihre Gedanken fragen unsern Wirt, ob er Botschaft erhielt, die uns zu wissen frommt.«

Diese Rede sprach die Meinung aller aus und von allen Tafeln klang Beistimmung, dann wurde es sehr still; der Fürst aber antwortete mit Vorsicht: »Von großem Schlachtendrang vernahmen wir alle und erwägen, ob er uns zum Heile sein werde. Dennoch rate ich nicht, daß wir Waldmänner heut von dem Trinkhorn abwärts spähen mit sorgenvollem Blick. Noch wissen wir nur, was die Wanderer zutrugen aus der Fremde, vielleicht was sie selbst geschaut, vielleicht undeutliches Gerücht. Darum ritten unsere Boten über den Wald südwärts nach neuer Kunde. Wir harren ihrer Heimkehr, dann prüfen die Weisen, ob die Botschaft wert ist, daß das Volk darum sorge.«

Da diese Worte kundgaben, daß der Wirt nichts über den Römerkrieg berichten wollte, so entstand undeutliches Gemurr und Herr Answald merkte, daß die Gäste gern mehr vernommen hätten und daß sie seines Schweigens nicht froh waren. Darum trat jetzt auf ein stilles Zeichen des Herrn der Sprecher vor und rief mit lauter Stimme: »Die Schwerttänzer nahen und erbitten sich Gunst.« Da schwieg jeder und rückte den Sessel zum Schauen zurecht, die Frauen erhoben sich von den Sitzen.

Ein Pfeifer und ein Sackbläser schritten voran, hinter ihnen zwölf Tänzer, junge Krieger aus dem Volk und von des Häuptlings Bank im weißen Unterkleid mit buntem Gürtel, das blitzende Schwert in der Hand; vor ihnen als dreizehnter Wolf, der Schwertkönig, in rotem Gewande. Sie hielten am Eingang und grüßten die Waffen senkend, darauf begannen sie den Sang des Reigens und schwebten in langsamem Schritt nach dem freien Raum vor der Herrenbank. In der Mitte hielt der Schwertkönig, die zwölf Genossen umkreisten ihn feierlich mit gehobenem Schwert. Er gab ein Zeichen, die Pfeifer bliesen, schneller wurden die Bewegungen, nach rechts schwang sich die Hälfte im inneren Ringe, die andere von außen entgegengesetzt und jeder tauschte mit allen, denen er begegnete, Schwertschlag nach Ordnung der Hiebe. Dann tauchte zwischen den blinkenden Schwertern der König hindurch, bald nach außen, bald nach innen im Kreise schwebend, mit seiner Waffe fing und erwiderte er die Schläge der anderen. Kunstvoller wurden die Verschlingungen, heftiger die Bewegungen, einer nach dem anderen wand sich wie im Kampf durch die kreisende Reihe der übrigen. Dann teilten sie sich in Haufen im Takte gegeneinander eilend und mit den Waffen streitend, bis sie zugleich je drei und je vier in der Kämpferstellung sich verflochten. Plötzlich senkten alle im großen Kreise die Schwerter zur Erde und verschränkten sie im Nu am Boden zu einem künstlichen Geflecht, das aussah wie ein Schild. Der Schwertkönig trat darauf und die zwölf Genossen verstanden ihn auf dem Schilde aus Schwertern geformt vom Boden heraufzuheben bis über ihre Schultern, wo er stand und mit seinem Schwert den Fürsten, die Gäste und die Frauen grüßte. In gleicher Weise ließen sie ihn langsam zu Boden, lösten Eisen von Eisen und begannen aufs neue im Kreise gegeneinander zu springen, jetzt Sprünge und Schwertschläge schnell wie der Blitz, kaum vermochte das Auge den einzelnen Streichen zu folgen, im Wirbel flirrte der blanke Stahl und schwangen sich die Leiber der Männer unter den scharfen Waffen, die Pfeife gellte, das Sackrohr summte in wilden Klängen, die Funken sprühten von den Schwertern. So lief das Spiel der Helden in des Fürsten Halle, bis die Tänzer anhielten, wie durch Zauber gebannt, in der Stellung von Kämpfern je zwei gegenüber. Darauf begann wieder der Reigensang der Tänzer und langsamen Schrittes feierlich grüßend schwebten sie beieinander vorüber und schritten im Zuge zum Saale hinaus. Am die Sitze dröhnte der Beifallssturm, die Gäste sprangen begeistert auf und riefen den Tänzern fröhlichen Dank.

In der Nähe des Fürsten erhob sich Rothari, ein Edler, und begann:

»Ich rede, wie ich denke, kunstvolleres Schwertspiel sahen meine Augen niemals bei anderen Leuten und wir Thüringe sind auf der Männererde gerühmt wegen solcher Kunst. Dort unten aber an der Bank des Fürsten sitzt ein Fremdling, kriegerischer Werke wohl mächtig. Und wenn ich ihn nach der Tüchtigkeit schätze, die er heute erprobt hat, so würde ich ihm seinen Stuhl hoch herauf unter die Starken setzen. Doch ungleich verteilen die Götter ihre Gaben, auch ein Fremder, der seine Ahnen nicht kennt, mag ein achtbarer Kriegsmann werden. Die Leute sagen, daß zuerst aus dem Hof des Fürsten die Kunde von der Römerschlacht in unser Land geflogen sei, und da ich den Fremden sah, hielt ich ihn für den Boten; doch der Keulenwurf erwies, daß er aus dem Ostland stammt. Ich bringe dem Gaste in der Halle den Heilgruß.«

Ingo erhob sich und dankte. Da rief Theodulf laut: »Manchen sah ich springen und schwingen auf weichem Rasen, der hoher Sprünge in der Feldschlacht vergißt.«

»Recht mahnst du,« versetzte Ingo kalt, »doch manchem nagt auch Neid in der Seele, weil er selbst nicht als Höchster auf dem Rasen sich schwang.«

»Für ehrenwerter als ein Springer gilt bei uns der Mann, der seine Narben vorn am Leibe trägt«, versetzte Theodulf.

»Ich aber lernte von Alten und Weisen, daß nicht unrühmlicher sei, tiefe Wunden zu geben als zu erleiden.«

»Sicher gebührt dir die Würde eines Häuptlings, dem sein Gefolge die Schilde vorhält gegen feindliche Speere, damit sein Antlitz mairötlich daure zur Freude des Volks«, höhnte wieder der Mann des Fürsten.