INPRAXI - Kristina Marie Edwards - E-Book

INPRAXI E-Book

Kristina Marie Edwards

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Beschreibung

Wirklichkeit… Wo verschwimmen die Grenzen - wo spielt uns unsere Phantasie einen Streich? Kai-Konrad Horn ist ein rational denkender Mensch. Als solcher fliegt er ganz real mit seinem Kleinflugzeug über die Forest-Region zu einem Termin. Nicht mehr lange und der Journalist wird am Ziel sein. In Gedanken versunken, erfasst ihn urplötzlich eine Böe - ein Sturm zieht auf - er verliert die Kontrolle und das Bewusstsein. Als er erwacht, befindet er sich mitten im Wald. Vom Flugzeug weit und breit keine Spur - nur Bäume und Wildnis um ihn her. Die Kleidung zerrissen - der Fuß verletzt - kein Kontakt zur Außenwelt. Erst nach Tagen gelingt es ihm mühsam aufzustehen und er entdeckt einen kleinen See - nicht weit entfernt, aber für ihn schier unmöglich dorthin zu gehen. Dabei wird der See der Anfang einer abenteuerlichen Reise für ihn sein… Was es bei dieser abenteuerlichen Reise mit einem kleinen Hund, dem grünen Stein einer Kette sowie einem Verbrechen aus alten Zeiten auf sich hat, muss man selbst erkunden. Es ist nicht immer alles, wie es scheint - und am Ende ist man schlauer als zuvor. Oder etwa nicht ?

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kristina Marie Edwards

INPRAXI

Wirklichkeit ?

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

Das gleichmäßige Surren der Motoren verdichtete sich in meinem Kopf zu einer unendlichen Melodie. Sie klang wie ein altes Kinderlied. Leise summte ich mit. Ruhig schwebte die kleine Maschine dahin. Nur der herbstliche Himmel über mir. Kein Wölkchen trübte die Sicht. Unter mir die gewaltigen Wälder der Forest-Region mit ihren hohen Tannen. An manchen Stellen hatten sich farbige Tupfer zwischen die dunklen Schatten verirrt. Noch eine halbe Stunde, dann hätte ich mein Ziel erreicht. Dieser Termin würde der letzte vor meinem Urlaub sein und der Gedanke an Tage ohne Telefon und die ständige Hetze von Termin zu Termin versetzte mich in heitere Gelassenheit. Das kleine Flugzeug meines Chefs ersparte mir eine lange Fahrt. Eine lange Fahrt einsame Landstraßen entlang durch noch ödere Landschaften und dem Dschungel düsterer Wildnis mit nichts als Bäumen und eventuell ein paar Tieren darin. Zudem war die Aussicht von hier oben spektakulär. Der Flug über die riesigen Wälder sparte nicht nur Zeit, sondern ließ Welten entdecken, die selbst einem zur sachlichen Analyse erzogenen Menschen wie mir einen Hauch von märchenhaften Abenteuern vorgaukeln ließ. Ich musste an meine Großmutter denken, wie sie von Kobolden und Trollen erzählt. Kobolden, die ihr Unwesen trieben bis tief in die dunklen Wäldern hinein. Die die Häuser der Menschen heimsuchten - besonders in der Weihnachtszeit. Noch allerdings war es Herbst.

Ich schaute zur Uhr. Noch eine halbe Stunde – eine halbe Stunde bis zur Landebahn, falls der kleine, rumpelige Weg aus Asphalt als solche zu bezeichnen war. Doch noch schweifte mein Blick über unendlichen Wald, nichts als Baumwipfel unter und der wolkenlos blaue Himmel über mir. Keine Turbulenzen weit und breit, als schwebe man durch einen Traum. Beinahe war ich versucht, meine Augen zu schließen. Das Gefühl des Schwebens löste mich von allem Sein. Tatsächlich musste ich für einen Augenblick eingedöst sein, denn plötzlich erfasste eine Windböe den Bug, von der ich nicht wusste, woher sie kam, so dass die Maschine gefährlich zu schlingern begann. Ruckartig schreckte ich auf. Adrenalin schoss in meinen Körper hinein, die gesamte Sauerstoffzufuhr schien sich in meinen Gehirnzellen zu zentralisieren, so dass ich am ganzen Leib zu zittern begann. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf, den Steuerknüppel fest in der Hand.

Wie konnte mir nur dieser Strömungswechsel entgangen sein?

Der Himmel um mich herum zeigte keine Veränderung, aber hinten am Horizont zogen mit einem Mal neblige Schwaden empor. Wenn ich Glück hatte, kam ich dem Nebel zuvor und saß schon bald bei einer Tasse Kaffee in Jaricks kleiner Forschungsstation, um mit Professor Kray über das Für und Wider von solargestützten Tannenzapfenaufzuchtstationen bei gleichzeitiger Berechnung der Baumfällquote für den heimischen Kieferbaumbestand, bei linearer Angleichung von Mischwaldgewächsen in eben jenen Gebieten, zu diskutieren. In solchen Augenblicken wünschte ich, ich hätte statt Journalismus Kisuaheli studiert und säße irgendwo gemütlich in einem Beduinenzelt.

Wieder erfasste eine Böe die Maschine, diesmal noch heftiger als zuvor, so dass ich mit der Schulter hart gegen den Türrahmen stieß. Wo kam dieser plötzliche Wechsel des Wetters nur her? Hastig griff ich das Funkgerät während ich mit der anderen Hand krampfhaft den Steuerknüppel hielt. Nur ein Krächzen drang an mein Ohr - dann war es still. So still wie es sein kann, wenn draußen der Sturm zu toben beginnt. Die Sonne schien noch immer seitlich zum Fenster herein, aber vor mir türmten sich undurchdringliche neblige Schwaden auf, als flöge ich in einen Eishöllenschlund hinein. Konzentrier dich auf den Instrumentenflug, ermahnte ich mich während ich innerlich zu beten begann. Näher konnte man dem Himmel nicht sein. Widersinnigerweise würde mein Weg dorthin wohl eher über den Abgrund führen, als den direkten Weg hinauf.

Konzentrier dich auf den Höhenmesser!

Sieh zu, dass du die Richtung hältst!

Zeigendie Instrumente verlässlich an?

Ich hatte Mühe, die Maschine zu steuern. Den Kurs zu halten? Eine Aufgabe jenseits aller Möglichkeit. Der Funkverkehr schien völlig zusammengebrochen zu sein. Erneut peitschte eine Böe so heftig gegen den Rumpf, dass es mich samt Sitz in die Höhe hob. Ich spürte, wie der Gurt mir für einen Moment die Luft abzuschneiden begann. Noch konnte ich einzelne Wipfel zwischen den nebligen Schwaden sehen, aber die Stille zog sich mehr und mehr zu. Selbst der Wind schien ihnen zu Willen zu sein. Er drang nur noch wie ein leiser Hauch an mein Ohr. Trotzdem schüttelte er die Maschine hin und her, als spiele er mit sich selber Ball. Ich fühlte, wie sich in meinem Kopf alles zu drehen begann.

Konzentrier dich auf den Instrumentenflug!

Der Höhenmesser zeigte immer noch die selben Werte an. Der Anzeige zufolge bewegten wir uns horizontal schwebend geradewegs auf unseren Zielpunkt zu. Langsam zweifelte ich, ob dies der Wahrheit entsprach. Um mich herum schien ein einziges Oben und Unten zu sein. Vielleicht hing ich schon kopfüber in meinem Sitz und hatte es nicht einmal bemerkt. Allerdings würde das meinen Schwindel und den langsam einsetzenden Kopfschmerz erklären. Wütend schlug ich mit den Fäusten auf das Armaturenbrett ein. Natürlich änderte das nichts an der Situation, außer dass der Schmerz nun bis in meine Fingerspitzen drang.

Draußen undurchdringlicher Nebel, drinnen das gleichmäßige Summen der Motoren, unterbrochen von den Attacken des Windes, unter denen das Flugzeug regelrecht zu hüpfen begann. Aber zumindest liefen die Motoren noch. Oder hatte ich mich getäuscht? Angestrengt horchte ich hinaus. Selbstverständlich war das Quatsch. In meinem schmerzenden Kopf bildete ich mir nur zu gerne ein, dass mit den Motoren alles in Ordnung war. Natürlich liefen sie wie frisch montiert und auch die Instrumente funktionierten so genau, dass das Flugzeug sich fast von selber flog. Wozu also strengte ich mich an? Wahrscheinlich würde sich der Nebel genauso schnell legen, wie er unerwartet gekommen war. Ich brauchte nur meine Hände am Steuer zu lassen und zu entspannen. Zu entspannen - die Augen zu schließen. Hatte ich nicht längst den Autopiloten aktiviert? Ich denke doch, dass es hier an Bord so etwas gab. Ach - irgendwie war alles egal! Nur den schmerzenden Kopf ein wenig zurückgelehnt! Nur einen winzigen Moment die Augen geschlossen. Gleich bin ich wieder ein anderer Mensch und werde so sicher zur Erde schweben, als begleiteten Engel mich selber dorthin. Sicher … ganz sicher…ich spüre es schon!

2. Kapitel

Als ich die Augen wieder öffnete, war der Nebel verschwunden. Der Steuerknüppel vor mir allerdings auch, wie das ganze vermaledeite Flugzeug selbst. Kein Sitz, keine Scheibe, nicht das winzigste Schräubchen vom Heck bis zum Bug. Stattdessen nichts als Bäume um mich herum. Bäume und ein kleiner See. Erneut schloss ich die Augen und atmete durch so tief es ging. Würzige Waldluft durchströmte die Lungen. Fast konnte ich das Harz auf der Zunge spüren. Ich schien definitiv nicht mehr in den Lüften zu schweben. Wie konnte das sein? Wäre ich abgestürzt, hätte es mich in tausend Einzelteile zerfleischt. Vermutlich läge dort hinten bei der schrumpeligen Tanne mein rechter Arm und ein Teil meines Fußes irgendwo im Unterholz. Der restliche Körper hübsch verstreut, mundgerecht in kleine Häppchen verteilt - für die Tiere des Waldes zum Mahl bereit. Wie aber war es dann möglich, dass ich hier an einen Baumstamm gelehnt saß?

Dies ist nicht die Wirklichkeit! Dies alles bildest du dir ein!

Schließ die Augen und atme tief durch!

Wenn du dann aus deinem Traum erwachst, wird es sein, als wäre nichts geschehn!

Spür den gleichmäßigen Atem auf deiner Haut!

So ist es gut!

Atme ein und atme aus!

Ruhig - ganz ruhig!

Spür, wie dein Herzschlag ruhiger wird!

Ich merkte, wie ich zu entspannen begann. Das Rauschen in meinen Ohren sank zu einem Flüstern ab, aber meine Lider schienen wie verklebt. Unmöglich, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Stattdessen tastete ich vorsichtig mit den Händen an meinem Körper entlang, immer in der Erwartung, dass dort gar kein Körper mehr war. Aber es war noch alles dran. Zwei Arme, zwei Beine, die Striemen, die der Gurt verursacht hatte, als ich fast aus meinem Sitz geschleudert worden war, und auch mein Kopf mit beiden Ohren, Augen und der Nase mitten im Gesicht. Sie schien sogar noch ganz zu sein, nur einige Kratzer zeugten davon, dass sie in irgendetwas hineingeraten war.

Sei nicht so feige und schau dich an!

Dennoch fiel es mir unerhört schwer, als sträubten meine Lider sich. Dabei hielt ich meine Hände so dicht vors Gesicht, dass außer ihnen nichts zu erkennen war. Einige Kratzer hier und dort, aber nichts, was auf eine größere Verletzung schließen ließ. Bedächtig bewegte ich Glied für Glied. Die Finger waren ein wenig steif, aber zum Glück schien nichts gebrochen zu sein. Dafür schoss jäh ein scharfer Schmerz vom Knöchel her, die Lende hinauf direkt bis in mein Hirn hinein. Krampfartig setzte ich mich auf. Eine ganze Weile saß ich so starr wie möglich gegen den Baumstamm gelehnt und wirklich ebbte der Schmerz bald ab, konzentrierte sich nur noch auf das rechte Bein. Erst jetzt bemerkte ich, wie zerfetzt meine Kleidung war. Meine lederne Jacke schien gänzlich abhanden gekommen zu sein und mein Hemd hing nur noch in Fetzen herab. Meine Hose war von robusterer Natur. Nur einige Löcher zeugten von einem Sturz. Mein Blick wanderte weiter hinab. Die Schuhe schienen ebenso ganz, von Schrammen und Schmutz mal abgesehen, aber mein rechter Fuß saß derart fest, als wäre der Schuh drei Nummern zu klein. Was, wenn der Fuß gebrochen war? Vorsichtig versuchte ich, ihn zu bewegen, was nahezu unmöglich war. Dafür zog der Schmerz so heftig empor, dass ich fast ohnmächtig zusammenbrach. Nur nichts denken, nicht bewegen, nur sitzen, sitzen und ruhig atmen zwischendurch. Während ich döste und eventuell auch ein wenig schlief, brach die Dämmerung herein. Es wurde kalt. Irgendwo raschelte es im Unterholz. Ich versuchte, meine Jacke fester um mich zu ziehen, bis mir einfiel, dass sie sicher irgendwo im Dickicht lag. Eventuell schnüffelte gerade ein Wildschwein an ihr herum.

Leder zu Leder - so ist das, mein Freund!

Einige lose Blätter vom vorigen Jahr lagen noch auf dem Boden herum. So gut es ging, versuchte ich, einen kleinen Haufen aus Laub über meine Beine zu schaufeln, was mir nicht wirklich gut gelang, aber ich hatte das Gefühl, dass ein wenig Wärme durch meinen Körper zog. Vielleicht waren es auch nur Fieberschübe, mit denen die Natur sich zu wehren begann. Ewig so sitzenbleiben konnte ich nicht - nur mit dem Aufstehen gab es ein Problem.

Ach - morgen früh würde ich weitersehen!

Wie spät mochte es unterdessen sein? Mein Zeitgefühl schien mit dem Nebel entschwunden zu sein. Vorsichtig hob ich den Arm. Das Zifferblatt meiner Uhr war groß genug, um auch bei Dämmerlicht gut sichtbar zu sein. Aber es war kein Zifferblatt da. Es war genauso verschwunden, wie die ganze Uhr.

Erneut drehte sich alles in meinem Kopf. Etwas war wirklich sehr seltsam an meiner Situation. Wie konnte es sein, dass ich fast unverletzt aus einem Flugzeug gefallen war, hier an einem Baumstamm lehnte mitten im Wald ohne die geringste Spur von dem, was offensichtlich geschehen war. Keine Einflugschneise, keine geknickten Bäume, keine Trümmerteile - weder vom Flugzeug noch von den Sachen, die ich am Körper trug. Ich erinnerte mich vage, gleich nach meinem Erwachen im Wald einen kleinen See wahrgenommen zu haben, obwohl es, laut Karte, in diesem Teil der Forest-Region überhaupt keine Gewässer gab. Da er aber wohl tatsächlich vorhanden zu sein schien, hieß das im Umkehrschluss für mich, dass kaum jemals ein menschliches Wesen seinen Fuß in diese Region setzen würde, es sei denn, das Ortungssystem meines Flugzeuges funktionierte noch. Vermutlich lag es irgendwo dort unten im See, fein säuberlich verteilt, als Anschauungsmaterial für die Fische - falls es dort welche gab. Wie gerne würde ich jetzt mit Professor Kray über Tannenzapfenaufzuchtstationen und Mischwälder diskutieren. Vermutlich war er sauer, dass ich nicht zu dem verabredeten Gespräch erschienen war. Hoffentlich nicht zu sauer, um eine Suchmannschaft zu mobilisieren! Aber vorerst würde mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als bei der ersten Dämmerung zu versuchen, mich zu orientieren und irgendwie auf mich aufmerksam zu machen, egal wie sehr mein Fuß schmerzte oder das Fieber stieg.

Erstaunlicherweise konnte ich schlafen in dieser Nacht, obwohl mein Fuß pochte, sobald ich mich nur zu bewegen begann und die Kälte in jede Pore kroch. Vielleicht würde ich morgen erfroren sein - aber dann wenigstens gut konserviert!

Etwas raschelte durch’s trockene Laub und starrte mich mit neugierig großen Augen an. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, bevor ich wegzunicken begann in einen tiefen traumlosen Schlaf. Jedenfalls waren meine Fingerkuppen noch ganz und mein Körper insekten- und nagerfrei, als ich in der Morgendämmerung unvermittelt zur Seite zu kippen begann. Der jähe Schmerz in meinem Bein brachte mich zurück in die Wirklichkeit, von der ich mir wünschte, sie wäre nicht existent. Einfach aufzustehen und mich umzusehen, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem fiel mir das Schlucken schwer. Meine Zunge fühlte sich an wie Sandpapier. Mein Magen war nur ein schlaffer Sack und doch war es, als läge ein Stein darin. Am Schlimmsten aber war der Durst. Wie lange kam man ohne flüssige Nahrung aus? Dabei konnte der See nicht weit von hier sein. Deutlich hörte ich das leise Rauschen der Wellen im Wind. Sicher wurde er von einer Quelle gespeist. Ach - kühles, klares Nass! Nur würde es unerreichbar für mich sein. Zumindest mit meinem kaputten Bein. Es war geradezu bizarr. Feuchtigkeit überall um mich herum und doch war ich dem Verdursten nah. Sogar meine gesamte Kleidung war feucht. Sie hatte es definitiv besser als ich. Am Liebsten hätte ich sie ausgelutscht. Keine zwei Meter von mir glänzte ein riesiger Farn im Morgentau. Für mich waren das zwei Meter zu viel und mir war, als grinse er mich höhnisch an. Wahrscheinlich verlor ich schon den Verstand! Reiß Dich am Riemen, beschwor ich mich, während ich mit den Fingern über den Waldboden strich. Er fühlte sich feucht und modrig an. Mir kamen Moorleichen in den Sinn. Mit großen Augen starrten sie herüber zu mir und fletschten ihre lederartigen Zähne dabei. Unwillkürlich strich ich mit der Zunge den halbverdorrten Gaumen entlang. Wenn ich nicht bald etwas zu Trinken bekam, würde ich einer Moorleiche sehr ähnlich sein - nur mit sehr viel weniger Fleisch daran. Der Farn glänzte immer noch im Morgenlicht. Ich beneidete ihn um jeden Tropfen Tau. Erneut strich ich den Waldboden entlang, spürte die Erde auf meiner Haut. Wie ein Schutz hatte sie sich um meine Finger gelegt - warm und weich und feucht zugleich. Vorsichtig tastete ich mich mit der Zungenspitze an sie heran. Bilder meiner Mutter erschienen mir, wie sie mir die Spielschaufel aus den Händen nahm und mich zwang, den Sand auszuspucken, der in meiner Fantasie ein köstlich feiner Kuchen war. Ich erinnere mich nicht einmal mehr an seinen Geschmack. Sicher war er nicht angenehm! Viel anders würde es bei diesem Waldboden auch nicht sein, obwohl er auf seine Art aromatisch roch. Zitternd tippte meine Zungenspitze die Erde an. Sie schmeckte merkwürdig bitter und feucht und obwohl es nur ein winziges Krümelchen war, kam es mir vor, als wimmelten Abermillionen von Kleinstlebewesen darin. Fast konnte ich sie durch meinen Mundraum krabbeln spüren, den langen Weg die Speiseröhre hinab bis in meine Gedärme hinein. Aber hatte ich eine andere Wahl? Entweder verdurstete ich elendig oder irgendwelche Würmer fraßen mich inwendig auf. Auf beide Arten des Abgangs hatte ich keine Lust. Noch einmal tastete ich mit der Zunge an meine Hand. Die Erde schmeckte widerlich. Eine Alternative wäre das auf dem Boden liegende Laub, auch wenn seine schrumpelige, halb verweste Beschaffenheit mir noch mehr Ekel bereitete, als die Erdkrumen in meinem Mund. Allerdings entdeckte ich noch Spuren von Morgentau, den es, wie mit gierigen Klauen, in Furchen und Rinnen zusammenhielt. Bald würde auch diese Feuchtigkeit verdunstet sein. Also griff ich nach einem Blatt, das meinen Fingern am nächsten lag, und führte es vorsichtig an meinen Mund. Ich stellte mir vor, es wäre köstliches Eis. Entschlossen glitt meine Zunge die Strukturen entlang, erst zögernd, dann mit wilder Entschlossenheit. Ich steckte ein Blatt nach dem anderen in meinen Schlund, erst einzeln, dann drei oder vier davon und zuletzt ganze Hände voll. Ich schmeckte das zerfallene Laub und die Erde, die daran hing, spuckte und würgte und doch kam wieder Leben in mich hinein. Meine Zunge sog die Feuchtigkeit auf, tanzte im ganzen Mundraum herum, mein gesamter Körper schrie voller Lebenslust euphorisch bis in mein Hirn hinein. Über dem Wald ging indessen langsam die Sonne auf. Sie strahlte hell - so leuchtend hell. Ihre Helligkeit und Wärme durchfluteten mich. Ich fühlte mich wohl - so unendlich wohl! Das Leben war einfach wundervoll! Ich schwebte in einer Welt aus Licht, die niemals enden zu wollen schien.

Es mussten Stunden vergangen sein, als ich wieder die Augen aufschlug. Der Himmel hatte sich bereits rötlich verfärbt. Tiefe Schatten lagen über mir. Noch immer spürte ich den nun bitteren Geschmack von Laub und Erde in meinem Mund. Und doch griff meine Hand fast wie von selbst nach den Blättern um mich her. Natürlich lagen sie leblos da. Ich hatte alles Leben aus ihnen herausgesaugt. Der Wellenschlag des Sees klang leise zu mir.

„Komm her - komm her!“ flüsterte er mir ins Ohr.